Hier klicken Amazon-Fashion Hier klicken Jetzt informieren Bestseller 2016 Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More TDZ Hier klicken Mehr dazu Fire Shop Kindle AmazonMusicUnlimitedFitmitBeat Autorip GC HW16
Profil für Lothar W. Pawliczak > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Lothar W. Pawl...
Top-Rezensenten Rang: 55.480
Hilfreiche Bewertungen: 329

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Lothar W. Pawliczak

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
pixel
Auf Schritt und Tritt mit Commissario Brunetti: Gastronomisch-kriminelle Touren durch die Lagunenstadt Venedig. Mit separatem, detailliertem Stadtplan und Canal-Grande-Tour.
Auf Schritt und Tritt mit Commissario Brunetti: Gastronomisch-kriminelle Touren durch die Lagunenstadt Venedig. Mit separatem, detailliertem Stadtplan und Canal-Grande-Tour.
von Elisabeth Hoffmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit Commissario Brunetti in Venedig entschleunigen, 16. Dezember 2016
Commissario-Brunetti-Fans werden dankbar sein für dieses Buch, wenn sie Örtlichkeiten in Venedig aufsuchen wollen, wo sich Roman- oder Film-Brunetti ereignete. Großes Lob also, daß die Autoren nach ihrem Brunetti-Buch-Buch (Auf den Spuren von Commissario Brunetti, Ein kleines Kompendium für Spurensucher: Mit einem separaten, detaillierten Stadtplan) und ihrem Brunetti-Film-Buch (Hinter den Kulissen von Commissario Brunetti: Die venezianischen Schauplätze aus der beliebten TV-Serie) ihre Ausarbeitungen für mögliche Besichtigungstouren, die bislang nur direkt bei ihnen zu bestellen waren, zu einer eigenständigen Publikation ausgearbeitet haben.
Und noch ein großes Lob, das eigentlich mehr eine Aufforderung an Reiseführer- und Reisebuch-Herausgeber ist, hier Beispielhaftes zu übernehmen. Das Buch enthält S. 6-19 eine geradezu vorbildlich zu nennende "technische" Einführung für den Leser und Venedig-Besucher, u.a. mit Erklärungen zur Auswahl der Restaurants (Bei den meisten Reiseführern kann man da nur rätseln, was die Auswahl geleitet haben könnte.), Erklärungen zu Ortsangaben und zum Wortgebrauch, weiterführende QR-Codes, ÖPNV-Hinweise, Erklärungen zu "delikaten" Bedürfnissen, die jede(r) hat. Und auch sonst ist die Gestaltung vorbildlich zu nennen, u.a. wegen der sehr guten und gut zum Text passenden, (weil) von den Autoren selbst geschossene Photos, Exakte Wegbeschreibungen.
S. 232-233 gibt es ein paar gute Literaturempfehlungen. Nur mit Herrn Geheimrat Goethe hadere ich da etwas. Ich hätte den so empfohlen:
Johann Wolfgang von Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Notizen und Briefe aus Italien mit Skizzen und Zeichnungen des Autors hg. und erläutert v. Christoph Michel. Frankfurt/M 1976. Statt des von Goethe korrigierten und als "Italienische Reise" publizierten Textes seiner Reiseaufzeichnungen ist der erst postum erschienene Originaltext zu empfehlen, der einen unverfälschten Eindruck seines zweieinhalbwöchigen Aufenthaltes in der Serenissima im Jahre 1786 gibt. Seine Betrachtungs- und Ausdrucksweise ist durchaus kurzweilig und interessant, während er mit seiner Publikation, die erst erschien, als Venedig unter österreichischer Herrschaft stand, demonstrierte, die inzwischen erfolgte Entwicklung nicht begriffen zu haben.

Die Autoren führen mit insgesamt 6 Touren (S. 20-203) plus Canal-Grande-Fahrt mit sehr gut bebildertem Plan (S.204f und Stadtplan) zu den Brunetti-Schauplätzen. Auf Schritt und Tritt Brunetti folgend gelangt man naturgemäß fast immer nur zu den Gebäuden außen. Die vielen Restaurants, in denen Buch- oder Film-Brunetti Einkehr hält, können natürlich getestet werden. Eine Restaurant-Auflistung S. 208-221 mit jeweils kurzer Charakterisierung der Innen- und Außensituation, auch mit einer Preiskategorien-Einordnung hilft bei der Auswahl. Besonders gefallen hat mir, daß die Restaurants jeweils an der betreffenden Stelle in den einzelnen Touren erwähnt werden. "Normale" Reiseführer listen sie meist nur hinten auf, was recht unpraktisch ist: Wer schaut schon in solch einer Auflistung nach, um ein Restaurant auszuwählen und es schließlich zu finden? Die Touristen-Wirklichkeit ist ja wohl eher meistens so, daß man am Weg ein Restaurant sieht und dann wissen möchte, was es mit dem auf sich hat. Dem kommen die Autoren mit ihrer Darstellungsweise sehr entgegen.
Die Ausführungen zu den einzelnen Brunetti-Orten müssen angesichts der großen Zahl immer recht knapp ausfallen. Man muß schon ein guter Brunetti-Roman-und-Film-Kenner sein (Ich bin das leider nicht so sehr, wie ich es eigentlich sein sollte.), um am jeweiligen Ort sich genau der Szene zu erinnern und ein vollkommenes Brunetti-Vergnügen zu haben. Die bibliographische Zuordnung S. 222-230 hätte man aber besser auch in den laufenden Text integrieren können. Dort stehen leider nur Piktogramme, die angeben, ob es sich um einen Roman- oder um einen Film-Ort handelt.
Andere Sehenswürdigkeiten, die nichts mit Commissario Brunetti & Co. zu tun haben, werden schon allein aus Platzgründen selten erwähnt; Ausführlicheres muß da ganz entfallen. Man sollte sich also auch als Brunetti-Örtlichkeiten-Besichtiger noch einen guten anderen Reiseführer einstecken, um ggf. nachschlagen zu können. Eine stets parate Internet-Verbindung, mit der Möglichkeit, z.B. bei WIKIPEDIA nachzuschauen, tut es freilich meistens auch.
Am angenehmsten schien mir beim Durchgehen dieses Buches immer wieder das Gefühl, als rieten die Autoren, "entschleunigen Sie sich!" Es ist ja ganzundgar unmöglich, die insgesamt mindestens 12,5 Stunden aneinander anschließenden Rundgänge durchgehend abzulaufen. Das muß ja auch nicht sein. Man kann sowieso nie "alles" gesehen haben. Wer glaubt, alles gesehen haben zu müssen, alles sehen will, dem bleibt am Ende nur kürzlich und oberflächlich Gesehenes. Die guten Stadtplanausschnitte im Buch und der beigefügte große Stadtplan ermöglichen eine präzise Orientierung, ermöglichen auch, gezielt hier und da vom empfohlenen Weg abzuweichen oder abzukürzen. Irgendwie scheint mir, die Autoren haben die Stimmung der Eingangssequenz der Brunetti-Filme aufgenommen: Schön, geruhsam, gutartig.
Zwei Details muß ich noch erwähnen, das eine, weil ich das Haus neben der Kirche am Campo San Giovanni in Bragora o Bandiera e Moro irgendwo als "Lieblingshaus" erwähnt hatte. Es wurde innerhalb der letzten Jahre zweimal verkauft (Leider fehlten mir da grade mal die paar Milliönchen.). S. 80 erfahre ich nun, dort "beschloss der stramme Notario Filipetto seinen Lebensabend". Konnte man dort innen drehen, weil es zum Verkauf angeboten zeitweilig leer stand? Ach nein, S. 224 erfahre ich, das Haus kommt nur im Buch "Die dunkle Stunde der Serenissima" vor. Die Frage leitet aber über zum Palazzo Zenobio (S. 150f), wo viele Innenaufnahmen gemacht werden konnten, weil das große Gebäude nur während der Biennale für Sonderausstellungen genutzt wird und sonst leer steht.
Das wäre doch ein Thema für einen vierten Commissario-Brunetti-Band: Innenansichten und Szenen mit Brunetti. Wie wär's, liebe Autoren? Ich bin da in gespannter Erwartung.


Venezia! Die Kommentierte Chronologie: Band 1, 1866-1500
Venezia! Die Kommentierte Chronologie: Band 1, 1866-1500
von Uwe Gerhard Fabritzek
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Umfängliche Liebeserklärung an Venedig, sachlich, mit einigen Fehlern, 7. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich hatte mir vorgenommen, die umfangreiche Arbeit von Uwe-Gerhad Fabritzek umfassend zu loben. Da mir das nicht gelingt und die Kritik hier überwiegen muß, sei zunächst grundlegend festgestellt: Es ist ein sehr nützliches Werk, daß jeder (Deutsche), der mehr als ein oberflächlich-touristisches Interesse an Venedig hat, zur Kenntnis nehmen muß.

Meine Kritik muß grundlegend am Konzept der Publikation ansetzen: Es ist einfach ärgerlich, daß die Chronologie zeitlich rückwärts aufgebaut ist. Ich vermute, das liegt einfach daran, daß der Autor bei der Fertigstellung des Textes zum Druck in dieser Reihenfolge vorgegangen ist. Jedenfalls deutet die mehrfache Verschiebung der Veröffentlichung des geplanten 2. Bandes und schließlich seine Aufteilung in zwei Bände darauf hin. Es ist einfach lästig, wenn man "normal" von Links nach Rechts, von Vorn nach Hinten liest und immer wieder Ereignisse hat, deren Bezüge/Voraussetzungen erst weiter hinten im Text stehen. Auch Ordnung und Layout des Textes muß ich kritisieren. Freilich, die großzügige Schrift- und Textgestaltung erleichert das Lesen, aber: Mußten die Seitenzahlen so groß sein und einen so breiten Rand erfordern? Es gibt auch sonst viel "weiße Stellen" auf den Seiten wo genauere Informationen angebracht wären. Auch Quellenachweise fehlen (Für den 2. bzw. 3. Band ist ein Literaturverzeichnins angekündigt.). Freilich, man kann nicht zu jedem historischen Ereignis eine Quelle angeben, oft ist aber eine Angabe ohne Quelle unverständlich. Schließlich: Die historische Einführung (Bd. 1 S. 23-56), die Einführungen zu den Jahrhunderten (S. 57-60, 107-110, 323-326, 497-503) sind zu loben, auch die Exkurse zu einzelnen Themen (Im Bd. 1 insgesamt 40 nummerierte und noch weitere drei, die nicht nummeriert sind.); es ergeben sich allerdings mit den chronologischen Auflistungen oft Wiederholungen. Überhaupt: Die chronologischen Auflistungen halte ich hier für durchaus überflüssig, zumal es die ja viel genauer, informativer im "Atlante Storico di Venezia" (Hg. Giovanni Distefano. Venezia 2007) schon gibt. Auf jeden Fall hätte man den darstellenden Text zusammenfassen und die Chronologie als Anhang bringen sollen, vielleicht hätte auch eine Liste der Dogen, Schatzverwalter des Heiligen Markus, Patriarchen und anderen Amtsträger genügt (auch die gibt es z.B. bei Distefano S. 1146-1151). Anscheinend fehlte dem Autor da sachkundig-kritischer Rat. Ja, ja ich weiß: Verlage können sich kaum noch Lektoren leisten.

Nun aber zum Inhaltlichen:
Leider ist schon der zweite Satz in diesem beachtenswerten Werk ungenau, falsch, irreführend: "'Von Venedig ist schon VIEL ERZÄHLT und gedruckt, daß ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will.' Wie recht er doch hatte, unser Goethe, als er bereits im Jahre 1786 diese Zeilen über seine 'Italienische Reise' notierte" (Bd. 1 S. 15, S. 181 wird diese Ungenauigkeit wiederholt.). Nein, so hatte es Goethe 1786 nicht notiert, sondern "von Venedig ist ALLES GESAGT und gedruckt, was man sagen kann" (Johann Wolfgang von Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Notizen und Briefe aus Italien mit Skizzen und Zeichnungen des Autors hg. und erläutert v. Christoph Michel. Frankfurt 1976 S. 100f. Hervorhebungen in beiden Goethe-Zitaten von mir.). Die Aufzeichnungen, die Goethe während seiner ersten Italien-Reise machte, schickte er sukzessive sofort an Frau von Stein, daß die sie durchsehe und für die Publikation vorbreite. Das hat Frau von Stein allerdings nicht getan. So blieben sie zu Goethes Lebzeiten ungedruckt. Einige Passagen seiner Reisenotizen verwandte Goethe ab 1788 in verschiedenen Zusammenhängen, u.a. in anonymen Veröffentlichungen im "Teutschen Merkur". 1816 ließ er die Aufzeichnungen überarbeitet unter seinem Namen als "Aus meinem Leben. Zweite Abtheilung, erster Teil" drucken, die in der "Ausgabe letzter Hand" (1829) unter dem Titel "Italienische Reise" stehen (Uwe-Gerhad Fabritzek weiß das natürlich und erwähnt es Bd. 1 S. 181, aber warum dann der falsche Satz zu diesem Zitat, von dem er selbst schreibt, es werde "bis heute immer wieder gern und falsch zitiert" (Ebd.)?). Goethe fälschte "ALLES GESAGT und gedruckt, was man sagen kann" zu "VIEL ERZÄHLT" ab, so daß der Rechthaber Goethe hier doch recht behielt. Der originale Text von 1786 erschienen erstmals posthum als "Tagebücher und Briefe aus Italien" (Weimar 1886; vgl. Melitta Gerhard: "Die Redaktion der 'Italienischen Reise' im Lichte von Goethes autobiographischem Gesamtwerk". Frankfurt 1930). Uwe-Gerhad Fabritzek merkte S. 181 selbst an: "Man sollte es aber wissen, um seine (Goethes) Darstellung entsprechend bewerten zu können." Dazu gehört auch, zu wissen, daß Goethe die völlig veränderte gesellschaftliche und politiche Situation in Venedig 1816 und 1829 gegenüber 1786 total ignorierte. Man kann wohl kaum davon sprechen, das Goethe hier "einmal mehr der genaue Beobachter" (Bd. 1 S. 33) war. Und zur Goethes Satz, "Auch Du in Akradien", ist wohl zu fragen: Wußte Goethe bis 1816 nicht (1829 fehlt dieses Motto.), daß Arkadien keine italienische, sondern eine griechische Landschaft ist? Aber genug zu Goethe, der zu Venedig eigentlich völlig unwichtig ist - außer für Touristen, die sich damit schmeicheln, daß auch Goethe schon hier gewesen war, wo sie jetzt sind, außer für Venedig-Autoren, die sich daran delektieren, daß auch Goethe etwas zu Venedig gesagt/geschrieben hat.

Gelobt seien die vielen positiven Darstellungen Uwe-Gerhard Farbritzeks zu Venedig, zu Venedigs Gemeinwohlorientierung (S. 25f, 33f), seinem Gesetzes-, Rechts- und Verwaltungssytem (S. 26-29, 39), seiner Toleranz (S. 30, 261-271, 705-707, 801-813), seiner Kunst und Kultur (S. 30-33, 164-176, 245-249, 275-279, 29-284, 311-315, 325, 394-405, 416-418, 457-465, 497-503, 598-603, 610-619, 629-634, 654-658, 697-700, 752-758, 784-801), seiner Wirtschafts- und Militärmacht (S. 39-53, 186-189, 325f, 367-369, 572-586, 716-718, 735-745, 766-769), seiner klugen Politik und Diplomatie (S. 503-507, 556, 567, 676f, 722-728, 776-779). Zu einem Problem schießt Uwe-Gerhard Fabritzek aber über das Ziel hinaus: S. 107 fragt er, "Hätte eine entschlossene Reaktion der venezianischen Regierung, die Bereitschaft, Venezia mit allen militärischen und diplomatischen Mitteln zu verteidigen, die Katastrophe (Kapitulation vor Napoleon, der Venedig und Venetien an die Österreicher verschacherte) verhindert?" und er antwortet gleich: "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: JA!" Er ehrt zwar Uwe-Gerhard Fabritzek, daß er die Widerstandskraft Venedigs Ende des 18. Jahrhunderts so hoch einschätzt, aber Prognosen sind nicht nur schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen, sondern auch, wenn sie sich auf mögliche, nicht stattgefundene historische Ereignisse und Entwicklungen beziehen. Die Dekadenzthese als Erklärung der Selbstaufgabe Venedigs, haben Historiker inzwischen aufgegeben, denn sie erklärt nichts. Sie war eine Erfindung der französischen und österreichischen Propaganda des 19. Jahrhunderts, um die Schurkereien NAPOLÉONS und der Habsburger Kaiser nachträglich zu rechtfertigen. Leider wird das immer noch in minderwertigen Venedig-Büchern reproduziert. Ja, "Frankreich und Österreich (waren) die Schurkenstaaten des 18. und 19. Jahrhunderts!" (S. 110). Hätte Venedig gegen die aggressiven Imperialmächte Frankreich, Österreich und Rußland dauerhaft bestehen können (Die Hegemonialmächte Portugal, Spanien, Niederlande, England - ich wähle hier nicht zufällig die historische und nicht die alphabetische Reihenfolge - spielten da praktisch keine Rolle.)? Die Bestrebungen Frankreichs, Österreichs und auch Rußlands, sich venezianisches Territorium anzueignen - und die waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts keineswegs völlig neu und aus dem Nichts aufgetaucht - sind hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist: Im Januar 1793 kam der Jakobiner Stefan Henin als französischer Gesandter nach Venedig und sprach ganz offen davon, daß Frankreich Italien und Venedig besetzen müsse. 1794 wies Venedig auf Druck Frankreichs französische Emigranten, darunter den späteren König Ludwig XVIII., aus. Der venezianische Gesandte in Paris, Alvise Querini, berichtete Anfang 1796 über die französischen Kriegsvorbereitungen gegen Italien. Am 20. März 1796 übernahm der 27jährige General Napoleon Bonaparte den Oberbefehl und die französischen Truppen rückten gegen die Lombardei vor, schließlich schlugen sich napoleonische und österreichische Truppen auf venezianischem Gebiet. Napoleon, der vom Direktorium in Paris angewiesen wurde, die Neutralität Venedigs zu respektieren, antwortete am 1. November 1796, er bräuchte dort "eine mir ergebene Regierung". Am 15. November wurde General Clarke beauftragt, mit den Österreichern über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Lieblingsidee seines Verhandlungspartners, Baron Thugut, war die Einverleibung der terraferma durch Österreich. Es gibt auch einen Brief Kaiser Franz II. an seinen Bruder, in dem davon die Rede ist, daß er die Republik Venedig als Ausgleich verlangen würde, wenn er Belgien an Frankreich abgeben müsse. Letztlich aber ist die Ökonomie entscheidend: Die große Zeit der Handelsgaleeren war vorbei, die Haupthandelswege hatten sich in Europa nach Westen verlagert, auch die Struktur des Fernhandels hatte sich verändert (Die Bedeutung von Luxusgütern nahm ab, die von Massengütern nahm zu.), schließlich begann das Zeitalter der Massenproduktion und Industrialisierung, wofür Venedig kaum günstige Voraussetzungen bot (Uwe-Gerhard Fabritzek weist S. 138 darauf hin.).

Nun zu einigen kleineren Ungenauigkeiten und Fehlern (Ich führe nicht alles an und habe einiges sicher auch übersehen.):
Wieso wird der "Geschichte Venedigs" von Heinrich Kretschmayr das Etikett eines "kaum zu erschliessenden dreibändigen Werk(s)" (S. 18) aufgeklebt? Es ist immer noch das beste, tiefgründigste Buch zu Venedig in deutscher Sprache (siehe dazu meine Rezension Geschichte Von Venedig: Bd. Bis Zum Tode Enrico Dandolos)! S. 31: Welche "kollektiven Klassifikationssysteme" sind gemeint, die "politische Autorität und gesellschaftliche Legitimation erhalten"? S. 37: Der Legende nach ist der Engel dem heiligen Markus nicht "just an der Stelle der späteren Basilika S. Marko" (S. 38), sondern bei S.Francesco della Vigna erschienen. S. 46: Für die Aussage, daß sich Marino Falier "selbst zum Alleinherrscher" ausrufen wollte, gibt es keinerlei historischen Beleg. S. 130f: Woher weiß man, daß Lodovico Manin in der Nacht zum 12. Mai 1797 schlecht geschlafen hat und wie er sich fühlte? S. 140: Es ist einfach unwahr, daß "die Venezianer nicht ahnen konnten", was Napoleon mit Venedig vorhatte. Was sie allerdings nicht ahnen konnten, war, daß sich dieser französische Militärzwerg zu einem gefährlichen Monster aufblähen wird. S. 142: Auch und gerade "als Bündnispartner Österreichs" gegen Napoleon wäre ebenso die Selbständigkeit der Markusrepublik schnell dahin gewesen. S. 144: Die Aussage, "es erfolgte aber keine Übernahme Venezias mit dem Ziel, dieses umgehend den Österreichern zu überlassen", ist nachweislich falsch: Eine Woche BEVOR Napoleon am 25. April 1797 den venezianischen Abgesandten in Graz mit theatralischer Wut erklärte, er wolle kein Bündnis mehr mit Venedig, keinen Senat usw., er wolle Venedig ein Attila sein (S. 159 steht der Ausspruch auf Italienisch: Hat Napoleon nicht eher - recht und schlecht, denn er war Korse - Französisch gesprochen?) hatte er sich mit dem Geheimvertrag von Loeben verpflichtet, venezianische Territorien an Österreich "abzutreten". S. 189: Kanonen auf schwimmenden Plattformen wurden den historischen Berichten zufolge von Venedig erstmals im Chioggia-Krieg eingesetzt. S. 232: Casanova hatte sein Studium in Padua abgeschlossen und wohl dort auch etwas Medizin gehört, bevor er sich Senator Matteo Giovanni Bragadin andiente. S. 233: Francois Joachim de Pierre Bernis war nícht Inquisitor, sondern französischer Gesandter in Venedig, wurde 1757/58 Außenminister Frankreichs und 1769 Kardinal. Casanova vermutete in seinen Memoiren, Lucia Pisani Memmo hätte Staatsinquisitor Antonio Mocenigo überredet, gegen ihn vorzugehen, weil sie ihre drei Söhne von ihm fernhalten wollte. Dafür gibt aber es keinerlei Beweis und Antonio Mocenigo war nicht Inquisitor zur Zeit der Verhaftung Casanovas und solange er im Gefängnis saß. Das waren bis zum 1. Oktober 1755 Andrea Diedo, Antonio Condulmer und Antonio da Mula, denen Alvise Barbarigo, Lorenzo Grimani und Francesco Sagredo nachfolgten. S. 239: An Stelle des Patriarchats von Aquileia wurden nicht Patriarchate, sondern die Bistümer von Udine und Goriza gegründet, so daß allein das Patriarchat von Venedig, das einst das von Grado gewesen war, übrig blieb. S. 351, 358, 489, 624, 666, 683, 702: Die Zeichungen von Gattieri sind aus dem 19. Jahrhundert und historisch relativ wertlos. S. 566f: Gegen Veronese wurde wegen des Gemäldes, das später "Gastmahl im Hause Levi" (nicht: "Abendmahl im Hause Levi") genannt wurde (Die Abbildung S. 566 zeigt nur die linke Hälfte des Gemäldes.) kein "Inquisitionsprozess" geführt. Veronese wurde am 28. Juli 1573 durch drei Savi in der Cappella di S.Teodoro des Markusdoms befragt. Solch eine Befragung war erforderlich, bevor die kirchliche Inquisition in Venedig nach entsprechender Berichterstattung an den Dogen mit dessen Genehmigung tätig werden konnte. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, daß solch eine Genehmigung je beantragt, geschweige denn erteilt wurde. Man ließ es bei der Befragung bewenden. Allem Anschein nach war auch nicht Veronese selbst Ziel der Untersuchung. Man wollte wohl eher Hinweise von ihm haben, um gegen die Dominikaner des Klosters SS. Giovanni e Paolo vorgehen zu können, die als zu lebenslustig galten und im Geruch standen, den Ketzerlehren des Martin Luther anzuhängen. Jedenfalls kann man das aus dem erhaltenen Befragungsprotokoll schließen, das auch zeigt, daß sich Veronese geschickt aus der Affäre zog (Das Protokoll ist auch ins Deutsche übersetzt publiziert: Giuseppe Delogu: Veronese. Das Gastmahl im Hause Levi. Zürich/Mailand 1950). Irgendwelche negativen Folgen hatte die Angelegenheit für Veronese, der zu den Papalisti (Venezianer, die eher dem Papst als der konservativen venezianischen Tradition zuneigten) gehörte und für sie arbeitete, Zur Schlacht von Lepanto ist wohl auf die sehr gute Darstellung im wegen ganz anderer Gründe umstrittenen Buch von Arne Karsten, Olaf B. Rader: "Grosse Seeschlachten" (München 2013 S. 163-178) zu verweisen. Dort gibt es auch drei sehr gute schematische Karten, die den Schlachtverlauf recht anschaulich darstellen. S. 582: Die Kämpfer im mittleren Bereich der Schlacht konnten nicht wissen, daß Marcantonio Bragadin im nördlichen Flügel zu Tode gekommen war. Uwe-Gerhard Fabritzek schränkt daher auch seine Behauptung, mit dem Aufspießen des Kopfes von Mustafa Pascha hätten sie "Vergeltung für den Tod von Marcantinio Bragadin" geübt, mit "quasi" ein. S. 646: Die Abbildung der Kirche S.Maria della Visitatione (Pietà) zeigt den erst nach dem Tod von Antonio Vivaldi errichteten Neubau mit unvollendeter Fassade, die erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt wurde. Der Vorgängerbau zu Zeiten Vivaldis war ein Stück weiter östlich, dort, wo heute das Hotel Metropol ist. Die Kirche des Ospedale della Pietà ist auch nicht auf dem Zattere, sondern an der Riva degli Schiavoni. S. 492: Das lange Zeit und auch hier falsch als "Le Cortigiane" betitelte Tafelgemälde von Vittore Carpaccio zeigt zwei edle venezianische Damen auf einer Terrasse, vermutlich aus der Familie Torelli. S. 813: Der abgebildete Plan des Ghetto di Venezia muß aus dem 19. Jahrhundert stammen, denn die auf diesem Plan zu sehende dritte Brücke über den Rio S. Girolamo wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.

Das umfangreiche Werk von Uwe-Gerhard Fabritzek ist durchaus zu empfehlen, hat aber leider einige Mängel, so daß es nicht ohne vergleichende Hinzuziehung anderer Venedig-Literatur konsumiert werden sollte. Ich würde dem Verlag raten, die Publikation des 2. und 3. Bandes zu stoppen, zu überarbeiten und mit neuem Konzept herauszubringen. Den bereits erschienenen 1. Band könnte man dann als dritten mit ebenfalls verändertem Konzept - "1500-1866" - später neu auflegen. Und vielleicht sollte dann irgendwann auch ein 4. Band "ab 1866" folgen.

Der 2. Band ist noch nicht über amazon zu beziehen. Ich habe ihn direkt beim Layouter Tom Sickert (surf-inn) bestellt und erhalten. Reingeschaut: Ich bin entsetzt! Wie kann man ein Werk so verhunzen!!! Der Text wurde offensichtlich als Word-(oder so ähnlich)-Dokument einfach übernommen, nicht noch einmal korrigierend durchgesehen, offensichtlich einkopierte Übernahmen aus anderen Dokumenten erscheinen teilweise als völlig unmotivierte Hervorhebungen, Fehlkorrekturen des Text-Korrekturporgramms blieben mitunter falsch stehen. Der breite Rand ist für die großen, schließlich 4-stelligen Seitenzahlen zu schmal, so daß sie teilweise abgeschnitten sind. Anscheinend ist in großer Eile gefertigt worden. Wieso?
Sehr gut: Der 2. Band enthält sehr viel mehr Abbildungen und Karten als der 1. Band. Aber die Wiedergabequalität ist fast immer schlecht, teilweise ist auf Abbildungen nichts zu erkennen, weil die Vorlagen zu schlecht für die Vegrößerung waren (Na gut, wären Abbildungen klein geblieben, hätte ich rumgenörgerlt, daß sie zu klein sind.). Wieso hat man die Vorlagen nicht sorgfältiger ausgewählt? An einigen Abbildungen ist zu erkennen, daß sie von doppelseitigen Abbildungen aus Büchern herauskopiert wurden. Und es gibt kaum Quellenangaben zu den Abbildungen, bei Zeichnungen und Gemälden wird der Künstler und der Standort des Originals selten genannt. Das geht garnicht! Das ist faktisch Plagiierung!


Politik mit der Angst: Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse (Edition Konturen)
Politik mit der Angst: Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse (Edition Konturen)
von Ruth Wodak
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,80

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das Buch leistet wohl weniger als es verspricht, 30. Juni 2016
Gestern hat die Autorin in Berlin einen Vortrag zum gleichen Thema bei der Urania gehalten - faktisch eine Vorstellung ihres Buches. Die Sprachanalyse ist sicher ein Ansatz zum Verständnis der Neo-Konservativen. Da aber kein Vergleich des rechtsnationalen Sprachgebrauchs mit anderen politischen Richtungen vorgenommen wird und auch kein Vergleich mit früheren nationalistischen Wellen - naheliegend ist vor allem der Vergleich mit der europaweiten nationalistischen Besoffenheit, die schließlich zum I. Weltkrieg geführt hat - erfolgt, ist der Ertrag recht begrenzt.
Eine Erklärung WARUM rechtspopulistische Politik europaweit viele Wähler anzieht, wird nicht geliefert. Nahegelegt wird die Deutung, es handele sich um Volksverführer, aber das erklärt eben nichts, zumal die Autorin darauf hinweist, daß ja alle Politiker Populisten sind, weil sie sich an das Volk wenden.
Vielleicht hätte die Klärung der Wortbedeutung - von einer Sprachwissenschaftlerin könnte man das doch wohl erwarten - von "Populist/Populismus" hier weiterhelfen können: Entspricht der Gebrauch von "Populist" durch führende Regierungsparteien nicht exakt dem des Wortes "Demagoge", wie es von den Herrschern, ihren Ideologen und Zensoren im Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse 1819 geprägt wurde?

Ein Beitrag zur Klärung des terminologischen Wirrwarrs im politischen und journalistischen Sprachgebrauch, das der Sprachwissenschaftler Heinz Vater bereits vor Jahren angemahnt hatte (Heinz Vater: Begriff statt Wort. In: A. Katny, C. Schatte (Hg.): Das Deutsche von innen und außen. Posnan 1999; überarbeitete Fassung in: Sprachreport 4/2000), wird von Wodak nicht geliefert.


Die stolze Kröte Venedig: Skurrilitäten Venedigs bis heute
Die stolze Kröte Venedig: Skurrilitäten Venedigs bis heute
von Eberhard Ried
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Redlich zu empfehlen, 2. März 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Autor "möchte in Nischen leuchten, die Venedig so liebenswert machen. Doch die Nischen sind oft dunkel und obskur, der Wahrheitsgehalt ist nicht immer ganz belegbar." (S. 6) Das ist auf jeden Fall interessant und natürlich eine unendliche Frage: schon Pontius Pilatus fragte, "Was ist Wahrheit?" (Johannis 18, 38) - erhielt er wirklich eine Antwort? Was wir sehen und vielleicht verstehen ist die Wirklichkeit der Realität für uns - auch oder vielleicht gerade in Venedig: "Venedig ist nicht das Disneyland des Mittelmeeres, es ist kein Showroom der Geschichte, es ist so anders als die Städte Florenz, Rom, Paris, London, Barcelona und andere beliebte Reiseziel. Entscheidend ist die ureigene Erwartung an Venedig. Diese Stadt lebt nicht nur von seinen überlaufenen Sehenswürdigkeiten. Sie wird belebt durch unser ureigenes Dasein." (S. 10) Ich verstehe diese Feststellung des Autors als Programmerklärung zu seinem Buch, mir scheint allerdings, er hat dieses "Programm" unvollkommen verwirklicht. Vielleicht hat ihm ein wenig Beratung gefehlt. Leider stehen die "Zehn Dinge, die du in Venedig immer vermeiden solltest" und die "Elf Vorschläge, die dein Herz für Venedig weit öffnen können" am Ende des Buches (S. 94-106). Mir deucht, das ist nicht einfach ein Mangel der Form, sondern die Voranstellung dieser Hinweise hätte den Inhalt insgesamt in Hinblick darauf, was ich für das Buchprogramm halte, verändert, verbessert. Redlich arbeitet Eberhard Ried die wichtigsten Sachinformationen zu Venedig ab (insbesondere S. 14-24 und passim), verweist dabei auch auf Quellen: Wir kennen Venedig, bevor wir dort angekommen sind. Den Rat, was in Venedig zu unterlassen und zu tun sei, vorangestellt, hätte den Focus auf unser Vorauswissen wohl verändert: Was fangen wir mit dem sinnvollerweise an? Oder nicht!

Aufrichtig verweist Eberhard Ried auf seine Quellen. Das ist sehr zu loben, denn für Sachbuchautoren ist das nicht selbstverständlich (Insbesondere bei einigen bedeutenden Sachbuchverlagen habe ich den Verdacht, sie hielten nicht viel von den Käufern ihrer Bücher, meinten, die wären an weiterführender Literatur nicht interessiert.). Freilich, wir WIKIPEDIA-Autoren - und nicht nur die - wünschen es uns wohl, immer exakt zitiert zu werden, wozu es bei jedem WIKIPEDIA-Artikel eine Zitierhilfe gibt. Aber diese Erwartung ist irgendwie doch oft übertrieben. Allgemeine Quellenhinweise wie bei Eberhard Ried tun es ja auch. Allerdings sind ihm gelegentlich die Quellen etwas durcheinandergeraten: Zu den Ausführungen S. 39f steht in der Quelle, auf die dort verwiesen wird, nichts. Egal! Das kann ja mal passieren. In einer der insgesamt 19 angegebenen Quellen (S. 109f) steht es sicher. So wichtig ist das auch nicht - zumal ja das, was in den Quellen mitgeteilt wird, oft nicht zu bewahrheiten ist - und ich habe die Quellenangaben daher nicht alle überprüft.
Mißlich scheint mir allerdings ein grundlegendes Mißverständnis, um nicht zu sagen, eine Mißinterpretation der zugrundegelegten Quelle: Gab es in der Markusrepublik ein "sehr pessimistisches Menschenbild von Destruktion und Selbstzerstörung und ein enormes Mißtrauen gegenüber den staatlichen Machthabern", während andererseits "die venezianischen Machthaber in der Vergangenheit durch immer neue Gesetze die Bürger immer stärker kontollieren wollten, eine Spirale der Überwachung und des Mißtrauens" (S. 64, 65)? Die zeitgenössischen Quellen liefern dagegen oft ein anderes Bild, loben die Serenissima für die Ausgewogenheit und Gerechtigkeit ihres Regiemes und dessen Stabilität; auch das Fehlen schwerwiegender innerer Konflikte über Jahrhunderte spricht für sich. So schrieb z.B. Jacques de Villamont in seiner vielgelesenen, immer wieder neu gedruckten Reisebeschreibung (Les Voyages du signeur de Villamont; zuerst: Paris 1595) über Venedig, "daß man nirgendwo in Italien in größerer Freiheit lebt .., weshalb sich auch verschiedene französische Libertins daselbst aufhalten, um der Überwachung und Nachforschung zu entgehen und in völliger Ungebundenheit zu leben."
Vielleicht hat sich Eberhard Ried nur zu sehr von den schönen Venedig-Gruselgeschichten beeindrucken lassen. Davon muß natürlich auch erzält sein (S. 65-69). Und das ist auch gut so! Aber: Sagen die wirklich etwas Spezifisches zum historischen Venedig aus? Zu welchem Land, zu welcher Stadt gibt es solche grausigen Verbrecher-und-Rachejustitz-Stories nicht? Und: Justitzirrtümer sollen ja auch heute noch selbst in entwickelten Demokratien vorkommen. Den Einruck, daß Eberhard Ried hier, wie so manch anderer Autor, der böswilligen antivenizianischen Literatur insbesodere französicher und österreichischer Autoren des 18./19. Jahrhunderts aufgesessen war, habe ich nicht. Also sei ihm der Fehler nachgesehen.
Daß Eberhard Ried schrieb, "ein Verbot wurde vehängt, Masken zu tragen" (S. 28), will ich ihm auch nicht ankreiden, denn das ist umstritten (Jedenfalls gibt es keinen sicheren historischen Beleg für solch ein Verbot.), und auch, daß er die venezianischen Kaufleute, die Mitglied des Großen Rates waren, durchgehend als Adlige bezeichnet, will ich nicht bemängeln, denn die Wissenschaft hat bislang noch nicht geklärt, was eigentlich "Adel" ist (siehe dazu meinen Aufsatz "Kein Begreifen von 'Adel' ohne klar definierten Adelsbegriff!" in Dialektik - Arbeit - Gesellschaft: Festschrift für Peter Ruben S. 115-128 sowie auch meine amazon-Rezensionen zu Der Adel und zu Werner Hechberger: Adel im fränkische-deutschen Mittelalter. München 2004).

Besonders gefällt mir, wie Eberhard Ried über einige aktuelle Probleme, Konflikte und Mißstände Venedigs schrieb (S. 69f, 74-80, 86-92): ohne Besserwisserei oder jene wehleidige Lamoryanz, wie sie sich oft bei nach Venedig Zugezogenen findet, sondern sachlich, kritisch, eben so, daß das Urteil dem Leser überlassen wird. Rundum: Ich kann das Buch, dessen Autor auch gegenüber seinem Leser auf Redlichkeit bedacht ist, nur empfehlen.


Wahrzeichen von Venedig: Band I Der Dogenpalast in Venedig. Band II San Marco in Venedig
Wahrzeichen von Venedig: Band I Der Dogenpalast in Venedig. Band II San Marco in Venedig
von Wolfgang Wolters
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lobenswert und vielleicht Anfang einer Reihe, 9. Februar 2016
Das halte ich für eine sehr gute Idee des Verlages, den Dogenpalast-Führer und den Markusdom-Führer von Wolfgang Wolters 'im Paket' neu aufzulegen. Was mir zu diesen beiden, meiner Meinung nach besten aller Führer zu diesen Sehenswürdigkeiten lobend zu sagen eingefallen ist, ist hier (Der Dogenpalast in Venedig: Ein Rundgang durch Kunst und Geschichte, San Marco in Venedig: Ein Rundgang durch Kunst und Geschichte) nachzulesen und muß nicht wiederholt werden.

Ich will vielmehr hier der Hoffnung Ausdruck geben, diese beiden Bände seien die Eröffnung einer Reihe von Spezialführern 'Wahrzeichen von Venedig'. Das kann natürlich einer allein nicht leisten, aber es gibt viele auf Venedig spezialisierte Architektur- und Kunstexperten wie Historiker, Professoren und Emeriti, die für diese Reihe schreiben könnten und dabei sicher auch gern diese beiden Führer von Wolfgang Wolters als Stadard annähmen. Es könnte auch ein für die Förderung durch das Deutsche Studienzentrum in Venedig geeignetes Projekt sein.

Nicht für jede der vielen Sehenswürdigkeiten müßte man unbedingt einen eigenen Führer verfertigen, man könnte auch verschiedene zusammenfassen. etwa so:
- Die beiden großen Prozessionskirchen: Il Redentore, Santa Maria Salute
- Die Scuole Grandi: Carità (Teil der Accademia), Carmini, Miseriocordia, San Fantin (Girolamo), San Giovanni Evangelista, San Marco, San Rocco, San Tadoro
- Die großen Ordenskirchen: San Francesco della Vigna, San Giorgio maggiore, San Pietro Castello, San Salvatore, San Sebastiano, Santo Stefano, Santa Maria Assunta detta Gesuiti, Santa Maria Gloriosa del Fari, Santi Giovanni e Paolo, San Zaccaria
- Die Ospedali Grandi: Derelitti, Incurabili, Mendicanti, Pietà
- Die Synagogen: Scola Grande Tedesca, Scola Canton, Scola Italiana, Scola Levantina, Scola Spagna
- Die Theater: Fenice, Goldoni (Vendramin), Malibran
- Die Squeri: Roberto Tramontin & Figli, S.Trovaso di Lorenzo della Toffola, Daniele Bonaldo, Creá, Roberto dei Rossi und die Associazione per lo studio e la conservazione delle imbarcazioni veneziane (Arzanà)
Es sind natürlich noch weitere Bände denkbar, etwa zu weiteren besonders bemerkenswerten Kirchen oder wichtigen Scuole piccoli, Palazzi.

Als krönenden Abschluß wünschte ich mir - das wäre hier angemessen - eine deutsche Übersetzung des Klassikers aller Venedig-Reiseführer: Giulio Lorenzetti 'Venezia e il suo estuario' (zuerst: Venezia 1926). Dieses Standardwerk wird immer wieder ergänzt neu aufgelegt in Italienisch, Englisch, Französisch. Nur auf Deutsch ist es noch nie erschienen! Dieser Mangel sollte doch auch endlich behoben werden!


Der Adel
Der Adel
von Jonathan Powis
  Taschenbuch
Preis: EUR 34,90

2.0 von 5 Sternen Die Übersetzung verfälscht den Originaltext, 12. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Adel (Taschenbuch)
Dem Leser der deutschsprachigen Augabe von Jonathan Powis unter dem Titel "Der Adel" (Paderborn, München, Wien, Zürich 1986) fällt vielleicht zunächst nicht auf, daß der englische Originaltitel nicht "The Nobility", sondern "Aristocracy" (Aristocracy (New Perspectives on the Past, Vol 2). Oxford 1984) lautet (Wohlgemerkt auch ohne bestimmten Artikel!), spätestens beim Lesen des Vorwortes wird man sich aber wundern, bei diesem Satz eigentlich noch nicht: 'Verschiedene Formen des Adels traten auf und verschwanden wieder" (Dt. Ausgabe S. 11). Aber im Original steht: "Different aristocracies have indeed come and gone" (Engl. Ausgabe S. 1). Spätestens S. 13 der deutschsprachigen Ausgabe sollte aber das Stirnrunzeln einsetzen: "Die folgenden Kapitel führen von der Betrachtung des Status zu der des Besitzes und der Macht, bzw. handeln von der Bedeutung dieser drei für die Geschichte des Adels. In einem Großteil der westlichen Geschichte wurde der Status der 'Aristokratie' mit Begriffen aus dem Bereich der 'Nobilität' definiert, als Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Die Begriffe sind jedoch strenggenommen nicht synonym. Beim Versuch einer genauen Bestimmung assoziieren wir mit 'Aristokratie' Autorität und Führungsanspruch; nicht jedoch mit dem Begriff 'Nobilität'. (Familien mit einem makellosen adligen Stammbaum waren häufig völlig verarmt und ohne jeglichen Einfluß auf das öffentliche Leben.). [...] Der Adel basierte schließlich auf einer Vielfalt mehr oder weniger formaler adliger Privilegien. Diejenigen Familien und Individuen verfügten vornehmlich über Autorität, deren Anspruch auf Führung auf ihrem adligen Stand beruhte, der sie von den anderen unterschied." Gebraucht der Autor, der sich zunächst für eine begriffliche Unterscheidung von "Aristokratie" und "Nobilität" ausspricht, dann nicht gleich wenige Sätze weiter "Adel" als Synonym für "Aristokratie"? Keineswegs, denn im Original steht: "The chapters which follow move from status to wealth, and then to power, and the part which each played in the history of aristocracy. Throughout much of the Western past, aristocratic status has been defined in term of nobility, of inclusion in a distinct social group. The words are not strictly synonyms. However we define it, 'aristocracy' carries associations of authority and leadership; 'nobility' does not [...] Aristocracy after all had its roots in a world of more or less formal noble privilege." (Engl. Ausgabe S. 3) Der Übersetzer bügelt, wo immer möglich, aristocracy, nobility - gelegentlich auch gentlemen und sogar great man (Ebd. S. 57, dt. Ausgabe S. 69) - zu "Adel" platt, "high birth" (Engl. Ausgabe S. 48) wird zu "adliger Geburt" (Dt. Ausgabe S. 61), "aristicratic power" (Engl. Ausgabe S. 55) zu "adliger Macht" (Dt. Ausgabe S. 67), "well-born" (Engl Ausgabe S. 72) zu "die adlig Geborenen" (Dt. Ausgabe S. 84) und aus dem letzten hier zitierten Original-Satz des Autors macht der Übersetzer eine tautologische Plattitüde: "Der Adel basierte schließlich auf einer Vielfalt mehr oder weniger formaler adliger Privilegien." (Dt. Ausgabe S. 13)
Das ist möglich, weil Powis selbst nicht eindeutig klar macht, daß Adelsherrschaft eine Art von Aristokratie ist und es noch andere, eben nicht-adlige Arten von Aristokratie bzw. Herrschaft sozialer Gruppen oder Familien gibt. Er weist zwar darauf hin, daß es auch andere Formen von "power elite" gibt, führt aber lediglich "rather more about the distinctively aristocratic forms" [Und das meint hier eindeutig "spezifisch adlige Formen". Anm. LWP] aus (Engl. Ausgabe S. 47). Es ist auch zu lesen: "Great men were the natural leaders of their local community" (Ebd. S. 48) Aber ins Deutsche ist übersetzt: "Adlige waren die 'natürlichen' Führungspersönlichkeiten am Orte." (Dt. Ausgabe S. 60) Das ist - nicht nur hier - Verfälschung dessen, was der Autor meint, ja es wird geradezu ins Gegenteil verkehrt!
Man kann mit Textvergleich vielfach feststellen, wie der Übersetzer Aussagen des englischen Autors entsprechend seinen (deutschen) Vorstellungen verändert. So wird z.B. aus einer generellen Feststellung des Autors eine spezielle Aussage des Übersetzers zum Adel:
Engl. Original S. 5:
"The needs of the house - dead ancestors and subsequent generations included - shaped the uses to which wealth was put. And the family was at the heart of aristocratic power. [...] For better or worse, a great man's network of relatives and followers gave him, and them, a public role."
Deutsche Übersetzung S. 15:
"Die Bedürfnisse des adligen Hauses - verstorbene Vorfahren und nachfolgende Generationen eingeschlossen - beeinflußten die Art und Weise, wie mit dem Besitz umgegangen wird. Und die Familie war das Herzstück adliger Macht [...]. In Glück und Unglück vermittelte dieses Geflecht von Beziehungen dem Adligen selbst wie auch seinen Verwandten und Gefolgsleuten eine Rolle im öffentlichen Leben."

Das Buch von Powis ist auch ins Spanische übersetzt worden (La aristocracia (Historia Universal). Madrid 2007). Mangels Spanischkenntnis kann ich nicht überprüfen, ob es dabei auch zu inhaltlichen Veränderungen und Mißverständnissen gekommen ist: Das traditionelle spanische Verständnis von Adel ist grundlegend anders als das englische oder deutsche, denn in Spanien galten z.B. in bestimmten Gebieten sämtliche Einwohner als adlig. In England dagegen sind im eigentliche Sinne nur Peers Adlige, in einem weiteren Sinne kann man zwar auch Gentlemen als Adlige auffassen, aber man mußte und muß nicht adlig sein, um als Gentlemen zu gelten.

Interessierten Laien - das Buch hat durchaus im guten Sinne populärwissenschaftlichen Charakter - und Fachleuten sowieso ist zu raten, in jedem Falle das Original und nicht die Übersetzung zu lesen!


Corsofolio 8: Venedig, Geliebte des Auges: Gastgeberin: Elke Heidenreich
Corsofolio 8: Venedig, Geliebte des Auges: Gastgeberin: Elke Heidenreich
von Elke Heidenreich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nach stiller Musik nun Venedig als Geliebte des Auges, 19. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Elke Heidenreich hat hier prominente Autoren und Venedigkenner versammelt, aber inwieweit sie das getan hat, bleibt unklar: Auf Seite 1 und auch im Titel ihres Beitrages (S. 4) wird sie als "Gastgeberin" bezeichnet, während das Impressum S. 160 Rainer Groothuis als Herausgeber und Redaktionsleitung ausweist.
Wie auch immer: Es ist ein sehr gutes Buch, sehr gute Gestaltung, gute Artikel (jedenfalls die meisten), schöne Photos, u.a mit einer Photoserie von Alexander Mertsch (S. 41-49), einer Auswahl historischer Prominentenphotos (S. 94-101) und einer Photoserie von Bernd Meiners (S. 152-157), auch zwischendurch viele schöne Photos.
Da wohl viele Leser Bücher auch nach Prominenz der Autoren auswählen, hat ein solcher Sammelband vermutlich gute Aussicht, ein Geschäftserfolg zu werden. Das sei ihm bzw. dem Verlag auch gegönnt. Ich habe eher Schwierigkeiten mit Sammelbänden, weil man da meistens in einer Art Kopplungsgeschäft mit Gutem auch weniger Gutes kaufen muß. Aber Vorurteil beiseite und die Beiträge im Einzelnen geprüft!

An der Spitze der guten Beiträge steht der von Elke Heidenreich (S. 6-19). Brillant, gut lesbar variiert sie ihre Venedig-Sicht (Die schöne Stille: Venedig, Stadt der Musik), akzeptiert aber auch andere Sichten: "Venedig ist die Stadt für die Augen. Für mich aber ist es eine Stadt für die Ohren." (S. 7) Wie man auch immer Venedig sieht - es gibt da wohl mannigfaltige Ansichten und jede hat ihre subjektive Berechtigung, Elke Heidenreichs Rat gilt für alle: "Man darf in Venedig nicht mit Ohrstöpseln herumlaufen" (S. 11).
Auch der folgende Beitrag, eine gut erzählte Geschichte von Herbert Rosendorfer (S. 21-28), ist zu loben. Das macht seine verfehlten Venedig Reiseführer (Venedig: Eine Einladung, Kirchenführer Venedig) - ich vermute, er war bei denen einfach nur schlecht beraten - allemal wett. Ja, ähnliche Gedanken sind mir auch schon in dieser ganz und gar unwahrscheinlichen Stadt gekommen. "Womöglich wenden sie nicht nur die Straßenschilder um, sondern verändern auch die Türen." (S. 27)
Dann David Marc Hoffmann zu Friedrich Nietzsche (S. 30-35): nett und lesenswert.

Aber dann: Welch ein Niveauabfall!
Horst Günthers Artikel (S. 37-40), der wohl eigentlich der Forcola gewidmet sein soll, ist irgendwie unkonzentriert. Er wiederholt sich (Die spezielle Dolle war ursprünglich nur ein Brett: 1. Spalte S. 38 und 2. Spalte S. 39; Gondeln wurden ursprünglich von zwei Gondolieri gerudert: 2. Spalte S. 38 und 1. Spalte S. 40), er merkt nicht, daß hier etwas nicht stimmt: "Die Farbe des Bootes und der Kabine ist einheitlich schwarz, seit ein Beschluss der Serenissima im Jahr 1562 [...] Gleichheit der Farben und Verzicht auf Ornamente gebot." (S. 38), nämlich: Er geht auf die Gemälde von Gentile Bellini, das etwa um 1470 Gondeln am Canale di San Lorenzo abbildet, und von Vittore Carpaccio, das solche 1494 vor der Rialtobrücke zeigt, ein (S. 38) und läßt sie abbilden (S. 39), ohne zu bemerken, daß die Bootskörper damals schon schwarz waren: Der Beschluß von 1562 bezog sich auf die Dekoration der Gondeln, denn die Bootskörper waren, weil geteert, ohnehin schwarz. Und wieso läßt er offen, wann die "beträchtliche Asymmetrie" (S.38) der Gondeln entstanden ist, warum erwähnt er mit keinem Wort, daß die gebogene Gondel, wie wir sie heute kennen, 1882-84 von Dominico Tramontin erfunden wurde?
Auch der Text von Peter Kammerer zum Verhältnis Venedigs zum Wasser (S. 52-57) scheint mir irgendwie "unkonzentriert". Kammerer schrieb u.a.: "Seit 1846 ist die Stadt durch ein doppeltes Band von Straße und Eisenbahn mit dem Festland verbunden." (S. 56) Ist es für einen Professor unter seiner Würde, sich z.B. bei WIKIPEDIA sachkundig zu machen? Die Straßenbrücke Ponte della Libertà wurde erst 1931 eröffnet. Und irgendwo (Das steht so ohne Beleg in manchem Venedig-Buch.) schrieb er ab, "das Arsenal von einst 16.000 Handwerkern..." (Ebd.) Mindestens das müßte doch einem qualifizierten Soziologen auffallen, daß das bei historischen Höchstzahlen von ca. 150.000 Einwohnern kaum möglich ist. Ein Taschenrechner genügt: Da man wohl mit durchschnittlich 2 Kindern pro Familie rechnen kann, müßten so fast die Hälfte aller Männer im Arsenale gearbeitet haben. Das ist entweder unmöglich oder als soziologischer Extremfall sehr erklärungsbedürftig!
Die beiden Professoren können es doch sicher besser! Haben sie das nur mal so schnell hingeworfen? Hat Elke Heidenreich, die doch sonst wohltuend klar ihre Meinung sagt (Was ja nicht heißt, daß man die immer teilen muß.) nicht bemerkt, daß das so nicht geht? Aber vielleicht hat sie die Texte vor Drucklegung nicht gelesen, denn sie ist ja nur "Gastgeberin", was das auch immer sein mag.

Absolut lesenswert:
Venedig in der "Zeitform der vollendeten Zukunft [...] Gegenwart und Zukunft zusammengeschrumpft auf einen Punkt" (S. 59) gedacht durch Julia Schoch (S. 59-63).
Ebenso Anna Denglers Beitrag zu Vittore Carpaccio und den "Weg allen Fleisches" (S. 66-71).
So, werte Herrn Professoren, schreibt man als Experte für interessierte Laien!

Dann aber Petra Reski ... (S. 77-85): Entsetzlich! Ein Rezensent lobte hier Reski, weil sie Touristen als Viehherden bezeichnete. Ich bin darob bar entsetzt! Welche Denkungsart läßt dieser Wortgebrauch erkennen?! Ich assoziiere damit Viehwaggons, Rampe, Selektion, ...
Larmoyante Klagen über den Venedig-Tourismus, von dem sie sich belästigt fühlt, hat sie doch schon zur Genüge, bis zum ... nicht mehr hören können ausgebreitet bei Lesungen, im Fernsehen usw. Eben: "Kein Grund zur Klage [...], es gibt schlimmere Schicksale" (S. 77) als in Venedig zu leben. Und wenigstens eine Selbsterkenntnis: "Wenn man in Venedig wohnt, gibt es wenig, womit man sich unbeliebter machen kann als damit, Touristen als Touristen zu schmähen." (S. 79) Na klar, wenn man behauptet, man bekäme Touristen als "gut gekleidete Menschen in Venedig nur alle zwei Jahre im Juni zu Gesicht, wenn sie zur Eröffnung der Biennale anreisen" (S. 79), wenn man betont, "Touristen [führen] johlend und gestikulierend an den Vaporetti vorbei [oder] winken [...] juchsend den unter der Brücke durchfahrenden Gondeln zu" (S. 79f), wenn man meint, daß "sich jeder Venedig-Tourist berufen fühlt, mit seinem iPhone zu dokumentieren, wie es aussieht, wenn die Monsterschiffe am Markusplatz vorbeifahren" (S. 82) usw., usw., muß man sich nicht wundern, Unwillen zu ernten: Schließlich sind wir alle Touristen, fast überall auf der Welt!
Was ist denn dagegen zu sagen, daß ein Kanal vorbereitet wird, damit die Kreuzfahrtschiffe nicht mehr durch den Canale Giudecca fahren, es sei denn, man will grundsätzlich alle Kreuzfahrtschiffe verbieten? Reski hält es lediglich für "Propaganda-Jubel" (S. 83), daß die Maßnahmen, die schrittweise unternommen werden, um die Belastung durch die Kreuzfahrtschiffe in Venedig zu reduzieren, auch von deutschen Medien positiv kommentiert wurden. Klaus Bergdolt hatte unlängst, auf eine Bemerkung von Bürgermeister Cacciari Bezug nehmend, darauf hingewiesen, daß 'viele Einheimische das ambivalente, zwischen Realität und Fiktion pendelnde Venedig-Bild zahlloser Ausländer, die sich als Ratgeber gerieren, aber nur wenig zur Lösung praktischer Probleme beitragen', nervt (In: Auf schwankendem Grund. Dekadenz und Tod im Venedig der Moderne (Morphomata) S. 20). Und als Ausländer sollte man schon gar nicht - auch nicht, wenn man schon lange in der Stadt wohnt - eine "Hass-Skala" (S. 85) für Venedig aufstellen (Im Übrigen: Wie beliebt oder unbeliebt Busfahrer in Berlin sind, dürfte Reski kaum beurteilen können.). Reski wäre wohl besser beraten gewesen, ausführlicher (hier nur knapp eine Spalte S. 80/82) über die 2013 aufgedeckte Korruption im Zusammenhang mit dem Mo.S.E.-Projekt zu schreiben, dazu mehr zu recherchieren: Zu Mafia(ähnlichem) hat sie doch schon Gutes publiziert.
Ich zitiere einfach mal gegen Reski Julia Schoch: "Der Tourist ist kein Übel, der das tägliche Leben stört, es aufhält, bedrängt oder ergänzt. Er ist nicht lästiger Zusatz, der den Bewohnern zuschaut, nein: er ist ihr Bewohner. Seine Existenz sichert ihr die noch einzig mögliche Energiezufuhr. Bliebe er weg, sie wäre ein sinnloses Labyrinth [...] Was soll einer Stadt passieren, die nichts weiter anzubieten hat als romantische Hotels, den Anblick des Wassers und die Ahnung einer Historie, die, seltsam fern, einer Legende gleicht? [...] Venedig ist so vernünftig anzuerkennen: das Wesentliche ist schon passiert." (S. 60)

Einfach grauenhaft ist der folgende Beitrag von Otto Jägersberg (S. 87-90). Jedenfalls wird wohl, wer etwa Thomas Mann als Maßstab anlegt, die verstümmelte Sprache von Jägersberg nur entsetzlich finden. Immerhin: Bei Reski ist wenigstens die Sprache einigermaßen in Ordnung.
Das S. 91 folgende Venedig-Gedicht Georg Trakls entschädigt dann wieder etwas (Falls man überhaupt in der Lage ist, den auch inhaltlich belanglosen Text von Jägersberg zuende zu lesen.): "Reglos nachtet das Meer." Welch großartiges Sprachbild!

Ich erspare es mit hier, auf die weiteren Beiträge einzugehen: Die von Gerhard Zewerenz (S. 92), Harald Martenstein (S. 103f), Eva Demski (S. 105-111), Rachel Armstrong (S. 114-119), Wolfgang Kemp (S. 127-141), Helge Timmerberg (S. 142f), Rainer Groothuis (S. 145-151), Vittorio Pavan (S. 158) scheinen mir ganz ok.

Fazit: Es ist insgesamt ein gutes Buch!


Kein Titel verfügbar

5.0 von 5 Sternen Unbedingt zu empfehlen, wer das üblicherweise von Reiseführern Empfohlene schon kennt, 18. Juli 2015
Anders als gewöhnliche Reiseführer, die brav die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auflisten und anregen, sie vermittels sich wenig unterscheidender Rundgänge abzuarbeiten, dabei auch mitunter Fehler voneinander abschreiben, bietet Paolo Giordani eine intime Einführung mit Rundgängen in 30 Pfarrbezirke, erläutert dabei auch Herkunft der Straßenbezeichnungen, weist hin auf Reliefs, Medaillons und andere Pretiosen, die man oft leicht übersieht. Sehenswürdigkeiten und Kunstwerke in Kirchen, Scuole und Museen werden hier allerdings nicht vorgestellt. Das scheint mir auch in einem Reiseführer weitgehend überflüssig, denn wer sich dafür interessiert, informiert sich besser in einer speziellen Publikation zum jeweiligen Objekt.

Und, um auch das noch zu bekennen: Auch Hinweise zu Hotels und Restaurants halte ich in einem gedruckten Reiseführer heutzutage für überflüssig (Deswegen ist deren Fehlen bei Paolo Giordani kein Mangel.), es sei denn, die zahlen für diese Reklame und der Buchpreis wird dadurch verringert: Hinweise zu Hotels und Restaurants findet man heutzutage besser im Internet und kein gedrucktes Buch kann hinsichtlich der Aktualität damit konkurrieren.


111 Orte in  Venedig,  die man gesehen haben muss: Reiseführer
111 Orte in Venedig, die man gesehen haben muss: Reiseführer
von Wolfgang Sievers
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,95

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Durchaus zu empfehlen, wer es leicht und lau mag, 28. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als ich dieses Buch zuerst in der Hand und durchgeblättert hatte, dachte ich: Nö, das werde ich wohl nicht rezensieren. Das ist keine Wertung - weder gut noch schlecht, sondern ganz schlicht: Ich kann ja nicht jedes neu auf Deutsch erscheinende Venedig-Buch rezensieren, nicht mal jedes lesen, denn irgendwann reicht die Zeit nicht mehr. Und manchmal muß ich ja auch ein italienisches oder englisches ... lesen oder man hat mitunter auch was anderes zu tun. Und: Einfach nur, 'hat mir gefallen' oder 'nicht gefallen', scheint mir nicht mitteilenswert.
Dann aber las ich S. 110, "der dänische Historiker Carl Christian Rafn" erkannte bei den Runen an dem einen Arsenal-Löwen, daß "die auf Befehl von Harald III. (1015-1066) angebracht worden waren und von dessen Taten in Griechenland, Rumänien und Armenien berichten - sozusagen als Beleg, 'da gewesen' zu sein." Von Carl Christan Rafn hatte ich in diesem Zusammenhang noch nie etwas gehört/gelesen. Da ich mich ja auf Was man so alles nicht von Venedig weiß: alte Geschichten - neue Mythen kapriziere, kann ich natürlich nicht an mich halten und mußte dem nachgehen:
Im "Reallexikon der germanischen Altertumskunde" (Bd. 23, Berlin/Oldenburg 2003 S. 198), das es auch online gibt, steht: "Daß in den Löwen eine Runeninschr. eingemeißelt war, wurde erst zw. den J. 1797 und 1799 durch den schwed. Orientalisten J. D. Aakerbland beobachtet und unverzüglich publiziert [...] M. F. Arendt untersuchte die Einritzung im J. 1800 und stellte fest, daß die Runen nord. waren. Sie waren jedoch so abgenutzt, daß man sie nicht lesen konnte. Zu demselben Ergebnis kam F. H. von der Hagen [..] und Wilhelm Grimm". Wie kann da Carl Christian Rafn, der erst 1795 geboren wurde, die Inschrift entziffert haben? Wo hat Siewers, der keinerlei Quellen angibt, seine Mitteilung abgeschrieben? Hätte er nicht zuvor wenigstens im Internet z.B. unter "Enzyklopädie der populären Irrtümer / Geschichte" nachschauen sollen? Ferdinand Gregorius schrieb 1889: "Ein Entzifferer derselben [die "barbarische Zeichenschrift mit dem Meißel eingegraben"] vermaß sich mit großer Kühnheit herauszulesen, daß Harald der Lange diese Runen durch Asmund habe eingraben lassen, nachdem er mit einer Normannenschar den Hafen Piräus erobert und das rebellische Griechenvolk bestraft hatte. Indes ein wirklicher Meister in der Runenkunde hat diese Erklärung als ein Spiel der Phantasie bezeichnet." Wenn Sievers ein wenig gegoogelt hätte, hätte er dieses Zitat finden müssen in Ferdinand Gregorius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter. 1889, Reprint München 1980 S. 127. Auch hätte Sievers wohl bei diesem wie bei anderen Themen Fehler vermeiden können, wenn er auch bei WIKIPEDIA nachgeschaut hätte. WIKIPEDIA ist zwar keine letztgültige Autorität, hilft aber mit den dort angegebenen Quellen immer weiter.

Also war auch Sievers' Buch genau zu lesen, um nicht ungerecht im Urteil zu sein. Das Lesen fiel mir hier zunehmend schwer, weil mir die Darlegungen oft unkonzentriert und zusammenhanglos erschienen. Man merkt auch, Sievers ist weniger ein erfahrener Autor als ein guter Koch: Seine Rezepthinweise und Restaurantempfehlungen (Zahlen die Restaurants eigentlich für solche Werbung?) ließen mich aber noch etwas von meiner anfänglichen Sympathie für sein Buch aufrecht erhalten, auch, daß jedem Artikel ein vom Autor selbst geschossenes Photo zugeordnet ist (Allerdings ist die Schrift der Texte in den Photos so klein, daß sie kaum lesbar sind.), was ja auch den Text auf die Hälfte (105 Seiten) reduziert. So recht kann ich zwar die Auswahl der "Orte in Venedig, die man gesehen haben muss" (Wieso eigentlich MUSS und nicht etwas toleranter/demokratischer: SOLLTE?), nicht nachvollziehen - plausible Begründungen werden nicht gegeben. Aber das ist sicher Geschmackssache.
Dann aber las ich über die Chiesa San Moisè, "dass es keinen einzigen Hinweis auf Moses selbst, den Berg Sinai, die Gesetzestafeln oder die Zehn Gebote gibt" (S. 158). Hat der Autor die gewaltige barocke Altarwand, wo Moses demütig die Gesetzestafeln vom gelassen auf ihn weisenden Gottvater empfängt, nicht gesehen? Sind ihm die beiden herbeigeeilten, dazu kräftig Posaune blasenden Engel nicht in die Augen gesprungen? Wie geht das an? War Sievers gerade in S.Moisè, als die Altarwand kürzlich restauriert wurde, so daß er sie nicht gesehen hat? Hat er sich nicht wenigstens das Leporello mit Abbildungen, das es in der Kirche gibt, angeschaut oder sich z.B. bei WIKIPEDIA vergewissert? Und erinnere ich mich nicht an Gemälde dort, die Szenen aus der Geschichte Mose darstellen? Also schnell hingegangen und nachgeschaut: Im Presbyterium hängt links ein gewaltiges Gemälde "Die Eherne Schlange" und rechts ebensogroß eine Darstellung der "Durchquerung des Roten Meeres". Freilich, beide Gemälde sind, da man nur seitlich auf sie blicken kann, nicht besonders gut, aber aufgrund ihrer Größe gut genug zu erkennen.
Meine Sympathie für dieses Buch (Den Reihentitel finde ich einfach nur schrecklich!) ist dahin. Trotzdem drei Sterne - zwei, weil ich doch manchen Text hier empfehlen kann, einen wegen der Photos.

Nein, ich will nun nicht alle Fehler hier aufzählen, die mir aufgefallen sind, vielleicht habe ich ja auch einige nicht bemerkt und bei Manchem, was mir zweifelhaft erschien, weiß ich es auch nicht genau! Aber Einiges muß ich doch kritisch benennen:
S. 16 stellt der Autor einen Glaskünstler vor, der "Miniaturen mit Hilfe von bunten Glasstangen und Gasflamme" herstellt. Da ich mir doch nicht ganz sicher war, habe ich bei Ferro&Lazzarini noch mal Meister Alessandro gefragt: Nein, das ist nicht die traditionelle typisch venezianische Art, Glaswaren herzustellen, sondern das Blasen mit der Glasmacherpfeife und das freihändige Formen. Über der Lampe (so heißt in der Glasmachersprache die kleine Gasflamme) geformtes Glas ist eher eine Erscheinung der Touristisierung der venezianischen Glasproduktion (Womit ich nichts gegen Touristen gesagt haben will!). S. 28: "Die Form der Gondeln ist ebenfalls symbolträchtig, sie erinnert an den Halbmond, weil sich die Stadt Venedig mit dem Mond verbunden fühlt." Es ist eher viel prosaischer (Das auch Städte etwas fühlen können, ist mir neu. Ich dachte bislang immer, dass nur Lebewesen Gefühle haben.): Der Goldelbauer Dominico Tramontin (Der Squero Tramontin&Figli hat S. 128 einen Beitrag.) erfand zwischen 1882 und 1884 diese gebogene Bauweise, weil sich so eine Gondel leichter von einem hinten links stehenden Gondoliere geradeaus rudern läßt. S. 90: Bartolomeo Colleoni als "den Eroberer der Terraferma" zu bezeichnen, ist arg überzogen. S. 98: Ob der venezianische Karneval des 18. Jahrhunderts als "ein Zeichen für die Dekadenz des damaligen Venedig" zu benennen ist, wird man bezweifeln können: Die Dekadenz-Argumentation ist schon seit längerem von der Forschung aufgegeben - um nicht zu sagen: widerlegt - worden. Diese Aussage S. 114 ist einfach falsch: "der Markusdom [...] diente dem Dogen als Privatkapelle und war der Öffentlichkeit mehr oder minder gar nicht zugänglich." Natürlich war der Markusdom und auch der Dogenpalast in der Markusrepublik weitgehend öffentlich zugänglich. Es gab im Dogenpalast mehrere Privatkapellen für Dogen und die nach 1585 hinter der Sala del Collegio eingerichtete Chiesetta, von der eine kleine Treppe neben dem Altar direkt zur darunter gelegenen Dogenwohnung führt, ist nebst Antichiesetta (hinter der Sala del Senato) noch vorhanden. S. 226: Daniele Manin wurde nicht einfach nach seiner Verhaftung "am 17. März [1848] wieder entlassen", sondern die aufständische Bevölkerung stürmte das Gefängnis, um die Gefangenen zu befreien. Daniele Manin aber weigerte sich: "Ich bin illegal im Gefängnis, ich verlasse das Gefängnis nur legal!" Und so wurde eine Abordnung zum Gouverneur geschickt, der genötigt wurde, eine Entlassungsurkunde auszustellen.

Dem Satz, über Venedig, seine Veränderungen "lamentieren tun [sic, schlechtes Deutsch!] meist nur die Fremden" (S. 142), kann ich nur zustimmen. Und es lamentieren die zugewanderten Ausländer, die offenbar niemandem sonst, besonders keinen Touristen die schöne Stadt gönnen. Allerdings ist dem entschieden zu widersprechen: "Während der unsäglichen Diskussion über die 'navi grandi', also die Kreuzfahrtschiffe - welche genau genommen außer am Hafen, die Redereien, die Stadtpolitik und die Venezianer selbst niemanden so wirklich etwas angeht, - weit über die Stadtgrenzen hinaus für allerlei Besserwisserei sorgt" (S. 168). Aber hallo! Venedig ist Weltkulturerbe und folglich geht die Gefährdung der Fundamente vor allem durch den von den Kreuzfahrtschiffen bei der Durchfahrt erzeugten Wasserdruck und Sog sowie die Beeinträchtigung von Bauwerken und Umwelt durch den von diesen verbrannten Billigtreibstoff die ganze Welt etwas an!

Übrigens: Wieso berichtet Goethe, in seinem Reisetagebuch (8. Oktober 1786) nur von "zwei Löwen von weißem Marmor vor dem Tor des Arsenals"? Waren die anderen beiden als Goethe kam dann grad mal weg? Wer weiß, was ich nicht weiß, ist vielleicht so freundlich und teilt es mit.

Nachtrag; Meine durch Sievers verursachte Irritation zur Piräuslöwen-Inschrift hat mich veranlaßt, dem etwas nachzurecherchieren. Als Ergebnis ist dem, was man so alles nicht von Venedig weiß, ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Das hier also vorab:

DIE GELESENE UNLESBARE LÖWEN-INSCHRIFT

Wer in Vendig das prächtige Arsenal-Tor besichtigt, beachtet sicher auch die vier Löwen dort - man weiß ja von denen meist direkt oder indirekt, weil Goethe sie in seinen Italien-Briefen erwähnte - und bemerkt (vielleicht) die stark verwitterten Inschriften an dem größten der vier, dem sogenannten Piräus-Löwen. Zu lesen sind die Einritzungen nicht und man wird kaum gleich auf die Idee kommen, dazu im "Reallexikon der germanischen Altertumskunde" nachzuschlagen. Man verläßt sich wohl eher darauf, was dazu in dem einen oder anderen Reisebuch steht oder was Stadtführer erklären. Ich weiß natürlich nicht, was die Venezianischen Stadtführer da so alles ausführen, nur, was ich da selbst immer sage: "Man sieht hier, daß es schon vor rund 1.000 Jahren Schmierfinken gab ... 'Ick war hier' oder so ähnlich haben die Winkinger hier eingeritzt."
Im erwähnten Lexikon - man kann es heutzutage sogar dabei haben: per Internetverbindung, denn es gibt auch eine online-Ausgabe (Artikel "Piräus-Löwe") - steht: "Daß in den Löwen eine Runeninschr. eingemeißelt war, wurde erst zw. den J. 1797 und 1799 durch den schwed. Orientalisten J. D. Aakerbland beobachtet und unverzüglich publiziert [...] M. F. Arendt untersuchte die Einritzung im J. 1800 und stellte fest, daß die Runen nord. waren. Sie waren jedoch so abgenutzt, daß man sie nicht lesen konnte. Zu demselben Ergebnis kam F. H. von der Hagen, der die Inschrift 1815 untersuchte, und Wilhelm Grimm". (Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Bd. 23 Berlin/Oldenburg 2003 S. 198)
Der Reisebuch-lesende Tourist ist vielleicht schlauer - oder nicht. In einem Buch, das quasi anweist, 111 Sehenswürdigkeiten in Venedig gesehen haben zu müssen, liest man dazu, "der dänische Historiker Carl Christian Rafn [hätte] in ihnen Runen aus dem 11. Jahrhundert erkannt [...], die auf Befehl von Harald III. (1015-1066) angebracht worden waren und von dessen Taten in Griechenland, Rumänien und Armenien berichten". (Gerd Wolfgang Sievers: 111 Orte in Venedig, die man gesehen haben muss. Köln 2014 S. 110) Was dieser Historiker, der erst 1795 geboren wurde, genau "erkannt" habe, schrieb der Autor nicht und auch nicht, wie der aus Inschriften, die im Jahre 1800 und 1815 als unlesbar bezeichnet wurden, erkannt haben kann, daß sie auf Befehl König Harald III. gefertigt wurden und von Aktivitäten in Griechenland (Das ist zumindest naheliegend, da die Figur aus Griechenland stammt.), Rumänien (Hier wird Rumänien mit dem Romäerreich, also dem östlichen Kaiserreich, verwechselt.) und Armenien berichten. Wo diese vermeintlichen Informationen herstammen, wird nicht mitgeteilt. Andere Autoren wissen angeblich ganz genau, was dort geschrieben steht: "Haakon eroberte zusammen mit Ulf, mit Asmund und mit Orn diesen Hafen. Diese Männer und Harald der Lange forderten hohe Sühnegelder für den Aufstand des griechischen Volkes. Dalk war in fernen Ländern zurückgehalten. Egil führte, zusammen mit Ragnar, in Rumänien [Wieder wird in der Übersetzung Romäa mit Rumänien verwechselt.] und Armenien Krieg." bzw.: "Asmund ritzte diese Runen ein zusammen mit Asgeir, Thorleif, Thord und Ivar, auf Wunsch Harald des Langen, obwohl sich die Griechen nach näherer Erwägung widersetzten." (Dreimal Venedig. Die Menschen, die Stadt, die Lagune. S. 250) Auch hier wird nicht mitgeteilt wo dieser zitierte Text herstammt, und man mag sich vielleicht wundern, wie die realtiv kurzen Einritzungen längere Texte sein können: Es sind Auszüge aus dem "Leseresultat" von Rafn, der sich Zeichnungen und Photos von den Inschriften besorgte. Ich habe nicht recherchiert, ob Rafn je in Venedig gewesen ist und die Inschriften im Original gesehen hat; jedenfalls steht im "Dansk biografisk Lexikon" nichts von einem Italien-Aufenthalt Rafns. Es waren Ähnlichkeiten der Runen und der Form der Schriftbänder mit dem "Stein von Ed", aus denen ein Text "geschlußfolgert" wurde. Solche Analogieschlüsse, die insbesondere bei Kunsthistorikern beliebt sind und die etwa aufgrund von Ähnlichkeiten bei Bauten, Gemälden, Skulpturen gern "die gleiche Hand" vermuten, sind keineswegs zwingend. Biologen muß eine solche Argumentation gleichsam die Haare zu Berge stehen lassen: Morphologische Ähnlichkeiten können (!) auf eine Artverwandtschaft hindeuten, können aber auch völlig unabhängig voneinander entstanden sein. Was die Menschheit angeht, ist dazu allgemein zu sagen: Eine Idee, die ein Mensch irgendwo materialisiert hat, kann selbstverständlich auch ein anderer irgendwo völlig unabhängig davon haben. Was je gedacht wurde, kann immer wieder gedacht werden.

Überwiegend skandinavische Experten haben sich mit diesen Inschriften befaßt; das "Reallexikon der germanischen Altertumskunde" führt dazu eine beachtliche Liste von Publikationen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert an. Da ist aber viel Phantasie dabei und aufgeklärt wurde wenig. Erik Brate lieferte 1922 eine andere Lesart der Inschriften auf dem Piräus-Löwen, nach der auf der linken Seite geschrieben stehe: "Sie erschlugen ihn in Heerscharens Mitte, aber in diesem Hafen meißelten Männer für Horse, einem wackeren Bauern von der Bucht. Schweden brachten dies auf dem Löwen an. Er verfuhr mit Klugheit. Gold gewann er auf seiner Fahrt. Kämpfer ritzten Runen (auf reichverzierten Band) und meißelten." Und auf der rechten Löwenseite stünde: "Sie, Eskil (und andere und) Thorleif ließen gut meißeln, die in Rodrsland (Roslagen, Inseln an der Ostküste Upplands) wohnten. Söhne von ... meißelten diese Runen. Ulf und ... malten (für Horse). (Gold) gewann er auf seiner Fahrt." (Erik Bradtke: Pireus lejonets runinskrift. In Antikvariske Tidskrift för Sverige 20/3)

Die hier zitierten angeblichen Inschrift-Texte sind reine Phantasie. Das erkannte der Altertumsforscher Haakon Shetelig und Erik Brate bekannte kurz vor seinem Tode: "Obgleich einige Zeichen trotzdem vollständig undeutlich blieben, genügten die übrigen doch, um den Zusammenhang klar zu machen. Seine Phantasie habe er nicht mehr benutzt, als dies ein Forscher soll, um aus mangelhaften Wörtern das herauszulesen, was in derartigen Inschriften vorzukommen pflegt, wie es andere Steine zeigen." (Zit. nach Lutz Mohr: Der "Marmorlöwe der Wikinger" in Venedig. Online: [...])
Zuverlässiger sind wohl die Entzifferungsversuche von Shetelig. Da der seine Ergebnisse in einer sehr speziellen schwedischen Fachzeitschrift publizierte, sind sie wohl den üblichen Venedig-Reisebuchautoren unbekannt. Shetelig nummerierte die Zeichen durch, untersuchte jede einzelne Rune und wog ab, was es bedeuten könnte. Ich zitiere daraus übersetzt das Wesentliche, nämlich den Anfang seines Artikels und die Konklusion zum Schluß (Die Runen-Lettern können hier bei amazon nicht präzise wiedergegeben werden.):
"Während meines Aufenthaltes in Venedig, Oktober 1922 habe ich die Gelegenheit genutzt, um eine Überprüfung der Inschriften auf dem Löwen aus Piräus vorzunehmen. [...] Nach letzter Kontrolle der Piräus-Inschriften kann man nur Folgendes entschlüssen: I A 27-35 (i ha)fn pisi (oder pesi) 'In diesem Hafen'. I A 45-52 (... u ru)nar at 'ausgestattete (oder ähnlich) Runen nach'. Nach der Präposition folgt eine Personenbezeichnung, aufgrund neuer Lesung ka-, wahrscheinlich der Name eines Mannes, und danach k ö n n t e folgen: in biki (i ?) 'aber (oder: wer) lebte (i?)'. I B. [...] Sichere Anhaltspunkte für Interpretationen scheinen zu fehlen, die lesbaren Runen können in unterschiedlicher Weise zugeordnet werden. I C. Die älteren Auffassungen sind modifiziert mit Rune 6 (eher r als ar), mit 7-10 (.tiu.) und am Schluß, der als unleserlich bezeichnet wird. Somit: trikir (wahrscheinlicher als trikar).tiu. ru(na)r 'zehn dranger (Gerüstete oder ähnlich) Runen'. [...] II A 1-6 pair×is- 'sie ... (worauf zwei oder mehrere Namen folgen)'. II A 40-49 r(un)ar pisar 'diese Runen'. Hier sind nur Runengruppen aufgeführt, die sich ohne Schwierigkeit auf eine naheliegende Weise erklären lassen, nicht einzelne Runen, deren Ergänzung zu einem Wort unsicher ist." (Haakon Shetelig: Piræus-Löven i Venezia. In Forenvännen 18/1923 S. 201, 221)

Alles klar? Nein? Haben Sie diese Auszüge aus dem Fachtext auch aufmerksam gelesen? Nein? Das macht nichts. Erfreuen Sie sich einfach der schönen alten Skulpturen und auch den Schmierfinken - wer es auch immer war - kann man ja wohl nach rund 1.000 Jahren verzeihen. Den heutigen, die ja gottlob selten in Stein meißeln, sondern sprayen und deren "Inschriften" keine 1.000 Jahre sichtbar sein werden sondern meist von vornherein unlesbar sind, aber niemals!
Schon 1889 schrieb Ferdinand Gregorius: "Die kindische Sitte der Reisenden, ihre Namen und Sinnsprüche auf Monumenten einzuzeichnen, ist so alt wie die menschliche Eitelkeit." (l.c. S. 128)
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 4, 2016 11:47 AM MEST


Mörderisches Venedig: Die dunkle Seite der Serenissima
Mörderisches Venedig: Die dunkle Seite der Serenissima
von Gerhard Tötschinger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen .., wenn es wenigstens gut erzählt ist. Ist es das?, 5. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer ein wenig die Venedig-Literatur kennt, erwartet unter dem Titel "Mörderisches Venedig" vielleicht etwas anderes. Der Autor nimmt im Vorwort selbst darauf Bezug, auf die umfangreiche Venedig-Krimi-und-Grusel-Literatur, "Geschichten [..., die] eher ins Reich der Sagen und Märchen gehören. Dieses Reich der Sagen wurde durch eine unüberschaubare Zahl von fantasievollen Autoren erweitert." (S. 8) Er nimmt zwar das eine oder andere daraus auf, setzt sich aber nicht damit auseinander - was etwa historisch-kritisch, ironisch oder originell-literarisch denkbar wäre. Auch eine Auseinandersetzung mit den vor allem französischen und österreichischen Verleumdungen der Serenissima als mörderischem Regime - Tötschinger war mit seinem, nach meinem Urteil mißlungenen zweiten Venedig-Buch (Venedig für Fortgeschrittene: Bon di, Venezia cara) harrscharf daran vorbeigeschrammt, darauf hereinzufallen - ist dieses Buch nicht. Das bleibt hier außen vor und Tötschinger deutet gelegentlich auf die für seine Zeit durchaus ungewöhnliche Rechtstaatlichkeit im historischen Venedig hin (S. 19, 49f, 58, 63, 95, 133, 148, 187, 205; bei Giordano Bruno vermißte ich allerdings den Hinweis, daß der von der Inquisition in Venedig freigesprochen worden war). Er knüpft eher an seine Venezianische Kurzgeschichten an. Mein Urteil ist aber: Deren gutes Niveau (Die haben durchaus fünf Sterne verdient!) wird hier nicht erreicht! Ob die Wendung, "wenn es auch vielleicht nicht wahr ist, ist es wenigstens gut erzählt" (Tötschinger zitiert den Satz in italienischer Variante S. 13, 32.), hier zutrifft, möge jeder, der mag, selbst entscheiden.

Tötschinger hat sich hier vielleicht nicht klar genug die Frage vorgelegt, was eigentlich das Besondere ist, was an den Mordfällen, die er mitteilt und deren Zusammenhang mit Venedig oft eher beliebig-zufällig ist (Gleich einleitend S. 7 deutet Tötschinger selbst darauf hin und auch deshalb halte ich den Buchtitel für verfehlt.), eigentlich jeweils außerordentlich erzählenswert ist, was je eigentlich seine spezielle Erzählidee ist, was die Fabel ist. Vielleicht hätte auch der Lektor oder Verlag ihm diese Frage stellen sollen. Aber wer wagt es schon, einem angesehenen Theatermann und vielfach gedruckten Autor so eine Frage zu stellen? Es ist wohl so, daß Tötschinger seinem verstorbenen Freund Ruggero Tinacci, der ihm eine Sammlung lokalhistorischer Besonderheiten überlassen hat (Vgl. S. 11, 72, 211), ein literarisches Denkmal setzten wollte. Die Widmung steht auf S. 13. Aber wäre es nicht besser gewesen, dessen Manuskript "Tote in Venedig, eine Sammlung" - vielleicht etwas bearbeitet und ergänzt - drucken zu lassen? Nun, was nicht ist, kann ja noch werden.
Aber was ist: Immer wieder ist mir aufgefallen, daß Tötschinger hier oft einen ziemlichen Anlauf braucht, um zum eigentlichen Kern zu kommen. Besonders bei der Mitteilung ("Erzählung" will ist das nicht nennen.) "Cornaro contra Zen" (S. 144-150) fand ich es ärgerlich, daß der Autor fünf einleitende Seiten braucht, um dann endlich auf eineinhalb Seiten den Mordanschlag von 1627, wie er mehr oder weniger aus Chroniken bekannt ist, zu schildern. Bei "Die Geisterseher" (S. 175-182) ist dem Autor wohl selbst aufgefallen, daß die "weitschweifige, ausführliche Art" (S. 176) vor der Substanz des Mitgeteilten irgendwie unangemessen ist. Ob es stimmt, daß ihm das so merkwürdig (Ich meine eher: wenig des Merkens würdig.) in einem Venezianischen Lokal berichtet wurde und er das tatsächlich während der Bahnfahrt nach Wien zur Manuskriptabgabe aufgeschrieben hat, mag dahingestellt sein. Die Einleitungsvariante zur immer wieder erzählten Geschichte vom Kinder verkochenden Gastwirt Biaso (S. 153f) gefällt mir aber: Die Andeutung, daß der Hintergrund eine üble Konkurrenz von Gastwirten sei, gäbe die Vorlage für eine interessante Krimialstory oder ein schönes Kriminalstück. Auch andere Ansätze, insbesondere die verworrene Betrüger-Hochstapler-Spinner-Story "Liebe, Tod und Reißverschluss" (S. 166-174), gäben so etwas her. Ich hoffe da also auf Weiteres von Herrn Tötschinger.
Auch die Mitteilungen ungeklärter Mordfälle (S. 191-200) sind ausbaufähig. Es bedarf keiner Hellseherei, um zu sagen: Die Polizeiarchive der ganzen Welt bieten dafür ein schier unerschöpfliches Material. Man könnte ja vielleicht damit anfangen, die nach Sendung bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" weiter rätselhaft gebliebenen Fälle neu aufgearbeitet gut zu erzählen. Aber vielleicht hat meine Idee auch schon irgendwer gehabt ...


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10