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H.Schwoch "hschwoch"
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SCHICK SCHOCK [Vinyl LP]
SCHICK SCHOCK [Vinyl LP]
Preis: EUR 19,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf den Bergen liegt kein Schmäh, 1. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: SCHICK SCHOCK [Vinyl LP] (Vinyl)
Österreichische Sänger und Gruppen waren hier in Deutschland schon immer beliebt und erfolgreich, angefangen bei Legenden wie Peter Alexander, Freddy Quinn und Udo Jürgens über Slavko Avsenik & seine Original Oberkrainer, Supermax, Georg Danzer, Falco, die Erste Allgemeine Verunsicherung, Andy Borg, Peter Cornelius, Rainhard Fendrich, Hansi Hinterseer, Schürzenjäger, Anton aus Tirol, Christina Stürmer bis hin zu dem feschen 'Volksrocker' Andreas Gabalier aus Graz.

In der Nähe von Graz liegt das idyllische Kremsmünster, wo sich vor zehn Jahren ein Quartett aus 14- und 15-jährigen Schülern gründete, das sich 'Bilderbuch' nannte und 2009 auf einem Indierock-Label ihr Debütalbum NELKEN & SCHILLINGE veröffentlichte. Sechs Jahre später und nach einigen Umbesetzungen gelten die Mittzwanziger Maurice Ernst (Gesang, Gitarre), Peter Horazdovsky (Bass), Michael Krammer (Gitarre) und Philipp Scheibl (Drums) als das nächste ganz große Ding.

Schuld daran ist neben Singles wie "Plansch", "OM" oder dem göttlichen "Maschin" vor allem ihr aktuelles, drittes Album SCHICK SCHOCK, das der Band nicht nur eine sensationelle Nummer 1 in ihrem Heimatland bescherte, sondern auch hierzulande gleichsam aus dem Nichts bis auf Platz 14 schoss.

Den Sound von Bilderbuch auf SCHICK SCHOCK als eklektisch zu bezeichnen, wäre schon fast untertrieben. Die Jungs bedienen sich dabei vor allem bei dem anämischen Funk-Pop von Prince und dem wilden Stilmischmasch ihres 'großen Bruders' Falco, aber auch Spuren der Neuen Deutschen Welle bis hin zu Rap und Hardrock sind zu finden. Manche Gitarrensoli streifen den Rand des Nervigen ("Plansch (!), "Rosen zum Plafond").

Obwohl sie aus Österreich stammen und inzwischen seit Jahren in der Hauptstadt leben, ist vom typischen Wiener Schmäh bei ihnen allerdings nicht einmal etwas zu erahnen. Und das liegt nicht nur an ihrem blonden Frontmann Maurice Ernst, der in einem vollkommen akzentfreien Hochdeutsch singt, sondern an der gesamten, opulenten Produktion des Albums, die auch genausogut in Hamburg, Frankfurt oder meinetwegen London entstanden sein könnte. Selbst in ihren Texten herrscht fast ausnahmslos ein großes, Neon beschienenes, jedoch keineswegs unsympathisches Nichts vor.

Der erste Eindruck von zwei, drei eingängigen Songs und neun oder zehn belanglosen Anhängseln verflüchtigt sich mit jedem neuen Hördurchgang. Man lernt vor allem erst einmal, die Stücke voneinander zu unterscheiden und begreift dann irgendwann, dass jedes davon seinen ganz eigenen Charakter hat. Was ihnen allerdings durchgängig abgeht, sind Herz und Seele sowie eine gewisse lebenserfahrene Tiefe. Auf diesem Gebiet haben die Boys noch Defizite, aber in fünf Jahren dürfte das wahrscheinlich schon ganz anders sein.

Die beiden LPs der Vinylausgabe (180 g) zeigen einige sichtbare Schlieren, was sich allerdings nur in den Leerrillen ein wenig auswirkt. Ansonsten ist der Klang einwandfrei. Ein Kärtchen mit dem Downloadcode für die mp3-Version liegt bei. Diese klingt satt und ausgewogen; keine Spur von dem berüchtigten 'Loudness-War'. Insbesondere Bassist Horazdovsky glänzt immer wieder mit beeindruckender Coolness, wobei ihm die tiefenbetonte Produktion sehr entgegen kommt. Das Bürscherl hat Talent.

Fazit: Diese Band wird demnächst noch bessere Alben machen und dann richtig groß werden. Und ihr Karrierekickstarter SCHICK SCHOCK ist ein gold glänzendes Pralinenschachterl, dessen Inhalt trotz eines gewissen Zuckerüberhangs und eines Mangels an wirklich nahrhaften Zutaten letztlich durchaus leiwand schmeckt. ;-)
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 6, 2015 1:07 PM MEST


All in a Dream
All in a Dream
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen Zu Herzen gehend, 16. April 2015
Rezension bezieht sich auf: All in a Dream (MP3-Download)
Dieser Schweizer Künstler mit dem seltenen und etwas lustigen Namen Balduin ist immer noch fast gänzlich unbekannt. Mit ALL IN A DREAM, der ersten Veröffentlichung des Plattenlabels Sunstone Records, verbeugt sich die Einmannshow, die wie eine ganze Band klingt, ganz tief vor dem psychedelischen Pop der späten sechziger Jahre.

Um nur die prominentesten Einflüsse zu nennen: The Beatles (Harrison und Lennon, nicht McCartney), The Moody Blues, die frühen Pink Floyd mit Syd Barrett und die Bee Gees der ersten drei Alben BEE GEES 1st, HORIZONTAL und IDEA aus den Jahren 1967/68.

Der Song "Father" ist hingegen der optimistisch-liebevolle Zwilling von John Lennons bitterer Anklage "Mother" von 1970. Yoko Ono sollte davon möglichst keinen Wind kriegen! ;-)

Balduin singt, und er spielt elektrische und akustische Gitarre, Bass, Mellotron, Cembalo, Piano, Orgel, Vibraphon, Lyra, Sitar, Tanpura (?), Harmonium, Wurlitzer, Drums, Tingsha (?), Tabla und Percussion.

Dem äußerst liebevoll gestalteten Vinylalbum (Klappcover, weißes Vinyl mit orangenem Sonnenmotiv) liegt ein Downloadcode für die digitale Version bei, die einen anderen Song enthält ("Hole in the Sky"), während "Which Dreamed It" fehlt. Und die Downloadversion hat interessanterweise eine fast gänzlich andere Songreihenfolge, was den Charakter der Platte tatsächlich ziemlich verändert. Erstaunlich!

Wie auch immer: In beiden 'Versionen' ist ALL IN A DREAM eine zu Herzen gehende Erfahrung. Natürlich waren die 60's ebensowenig unschuldig wie die Jetztzeit. Im Rückblick klingen sie aber so. :-)


The Who By Numbers (Remastered)
The Who By Numbers (Remastered)
Preis: EUR 5,59

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Squeeze Box" und die Folgen, 12. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Leben eines Musikfans ist voller seltsamer Geschichten. Eine davon geht so:

1975 erscheint eine Single von der berühmten Rockband The Who. Bei dieser Single namens "Squeeze Box" handelt es sich um ein simples Liedchen mit Country-Touch, dessen Refrain frei übersetzt lautete: 'Mutti hat 'ne Quetschkommode, Vati kann nachts nie schlafen'. Mein damals 16-jähriges Ich kann diesen Song von Anfang an nicht leiden, und so interessiert mich auch das Album THE WHO BY NUMBERS nicht, aus dem der Song stammt.

Viele Jahre später bekomme ich die Vinyl-Plattensammlung eines Bekannten geschenkt. Unter seinen LPs befindet sich auch THE WHO BY NUMBERS, die ich ungehört ins Regal stelle und vergesse.

Nochmals viele Jahre später sortiere ich eine Unmenge Jahrzehnte lang gesammelter Zeitschriften aus, aber nicht ohne zuvor die besten Artikel und Plattenkritiken auszuschneiden. Dabei finde ich auch so einiges an Material zu, ja, richtig geraten: THE WHO BY NUMBERS, das ich seltsamerweise ziemlich interessant finde. Also fische ich während meiner Tätigkeit die LP aus dem Regal, lege sie auf, höre die Platte buchstäblich zum ersten Mal - und finde sie so gut, dass ich mir einige Tage später sogar die remasterte Version herunter lade.

The Who aus London waren in etwa zeitgleich mit den Beatles, den Stones und den Kinks berühmt geworden. Bis 1969 glänzten sie im Wesentlichen durch zahllose Singlehits, ehe sie mit dem aufwendig gestalteten Konzept-Doppelalbum TOMMY den Durchbruch zur 'seriösen' Rockband mit Anspruch schafften. Ihr Songschreiber und Gitarrist Pete Townshend plante danach ein noch größeres Werk namens LIFEHOUSE, das aber scheiterte und letztlich mit der höchst erfolgreichen Songsammlung WHO'S NEXT (1971) als einfache LP endete. 1973 machte Townshend mit dem erneuten Who-Doppelalbum QUADROPHENIA seinem Ruf als genialischer Geist alle Ehre.

TOMMY war die Geschichte (s)einer gequälten Kindheit, QUADROPHENIA die (s)einer wilden Jugend, THE WHO BY NUMBERS die eines 30-jährigen desillusionierten und drogen- und alkoholabhängigen Rockstars am Rande der Erschöpfung - und damit quasi das letzte Drittel einer beeindruckenden Trilogie.

'Ich schrieb die Songs total stoned in meinem Wohnzimmer und weinte mir dabei die Augen aus dem Kopf, entfremdet von meiner Arbeit und von dem ganzen Projekt The Who. Ich fühlte mich leer', gestand Townshend später. Es gereicht ihm zur Ehre, dass dabei trotzdem ein insgesamt sehr solides Album mit einigen wirklich großartigen Titeln geboren wurde.

"How Many Friends" als Allererstes, ein phantastische Nummer mit einem traurigen Refrain: 'How many friends have I really got? / You can count 'em on one hand / How many friends have I really got? / That love me, that want me, that'll take me as I am?'.

Hier, wie auch in ein, zwei anderen Songs des Albums, machte Townshend seine ambivalente Sexualität zum Thema, ohne dass sich damals irgend jemand darum scherte: 'I'm feelin' so good right now / There's a handsome boy tells me how I changed his past / He buys me a brandy / But could it be he's really just after my ass? / He likes the clothes I wear / He says he likes a man who's dressed in season / But no-one else ever stares, he's being so kind / What's the reason?'.

Der tolle Opener "Slip Kid" (leicht proggy), das Trinkerbekenntnis "However Much I Booze" ('Wieviel ich auch immer saufe'), das munter klingende, gleichwohl zutiefst traurige Lenden-Dramolett "From the Waist Down" mit seinen unvergesslichen 'I'm dreaming'-Bridges, die herrlichen (und wiederum ungeheuer traurigen) Balladen "Imagine a Man" und "They Are All in Love" - ach, so viele wunderbare Songs!

Großartig produziert von Glyn Johns (Steve Miller Band, Rolling Stones, Led Zeppelin, Eagles, Eric Clapton u.v.a.) lieferte das Quartett, verstärkt um den Pianisten und langjährigen Stones-Sidekick Nicky Hopkins, hier eine bemerkenswerte Ensembleleistung ab. Und das war absolut nicht selbstverständlich, denn Pete Townshend kämpfte, wie erwähnt, heftig mit sich selbst; der irre, aber nach wie vor geniale Schlagzeuger Keith Moon wandelte ebenfalls auf dem Weg zur Selbstzerstörung, der proletarische Leadsänger Roger Daltrey ('Wenn ich kein Rocksänger geworden wäre, wäre ich wohl Fabrikarbeiter geworden oder im Knast gelandet') hatte längst eine erfolgreiche Solokarriere begonnen und konnte sich mit den selbstreferenziellen Texten seines intellektuellen Widerparts Townshend wenig bis überhaupt nicht identifizieren, und Bassist John Entwistle schien von seinem Dasein als neureicher Rockstar derart angewidert zu sein, dass er sich in seinem Song "Success Story" über sich selbst lustig machte und dazu ein Video drehen ließ, in dem er einige goldene Schallplatten von den Wänden seines Wohnzimmers in seiner riesigen Luxusvilla nahm und sie draußen im Garten genüsslich mit Axt und Gewehr zerstörte.

Doch auch danach machten sie immer noch weiter. 'Es war vor allem meine Schuld, dass The Who weiterarbeiteten, obwohl die Band längst am Ende war', erklärte Pete Townshend 1994. 'Die Arbeit an WHO ARE YOU (dem letzten Album mit Keith Moon, der 1978 zeitgleich mit der Veröffentlichung starb) war schmerzhaft und grausam'.

1975 jedoch lieferten sie mit THE WHO BY NUMBERS ein letztes großes Album ab, das in England (Platz 7) und den USA (Platz 8) auch höchst erfolgreich war. Hierzulande geriet es allerdings zu einem Megaflop, und das, obwohl die Plattenfirma Polydor sehr viel Werbung dafür machte. So verloste eine deutsche Jugendzeitschrift anlässlich der Veröffentlichung eine zerstörte E-Gitarre von Pete Townhend, signierte Trommelstöcke von Keith Moon, ein signiertes Tambourin von John Entwistle, eine Mundharmonika von Roger Daltrey, zwölf signierte The Who-T-Shirts und zwanzig LPs THE WHO BY NUMBERS. Es nützte alles nichts.

'I see myself on T.V., I'm a faker, a paper clown / It's clear to all my friends that I habitually lie, I just bring them down' (The Who, "However Much I Booze").

Ich liebe diese Platte. Trotz "Squeeze Box", das als Live-Bonustrack der remasterten Ausgabe übrigens um einiges rockiger daherkommt.


Silk Degrees
Silk Degrees
Wird angeboten von Media Hessen
Preis: EUR 15,90

4.0 von 5 Sternen Zeitlose Klasse, 11. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Silk Degrees (Audio CD)
'Lido, whoa oh, oh, oh, oh, oh, oh' - dieser Refrain schallte 1977 auch hier in Deutschland oft aus den Transistorradios, doch ein Hit wurde die Nummer nicht, wie auch das Album, aus dem die eingängige Nummer stammte.

Ganz anders hingegen in den USA, wo SILK DEGREES zu einer der erfolgreichsten LPs des Jahres 1976 wurde (78 (!) Wochen in den Billboard Hot 100) und sich bis auf Platz 2 der Charts hinauf hangelte - von der absoluten Spitzenposition lediglich abgehalten durch Namen wie Eagles, Led Zeppelin, Peter Frampton oder den Wings.

Boz Scaggs, geboren 1944 in Ohio, hatte bereits 1966 sein erstes Album veröffentlicht, wurde Ende der sechziger Jahre zeitweise Mitglied der Steve Miller Band und tauchte 1971 zum ersten Mal als Solokünstler in den US-Singlecharts auf. Bis Mitte der 70er konnte er jedoch keine einzige Albumplatzierung landen. Dann ging er 1975 u.a. mit einigen alten Freunden ins Studio, die ein Jahr später eine Band namens Toto gründen sollten. Darunter war ein gewisser David Paich, mit dem Scaggs einige Songs gemeinsam komponierte.

Das Ergebnis war ein ungeheuer entspanntes, großartig produziertes Popalbum mit Einflüssen aus (Philly-) Soul, Funk, Jazz, Reggae ("Love Me Tomorrow") und Westcoast-Rock. Ausgerechnet das gar nicht so kommerzielle "Lowdown" wurde nach "It's Over" als zweite Single ausgekoppelt, entwickelte sich aber zu einem absoluten Tophit, erhielt 1977 einen Grammy als 'Best R & B Song' und ist heute ein Evergreen. Steely Dan ließen hier deutlich grüßen.

Weitere Singles folgten: Der Album-Opener "What Can I Say" erreichte zwar nur 42 (wurde dafür in England mit Platz 10 zu seinem erfolgreichsten Song), aber dann kam mit "Lido Shuffle" ein großer Hit rund um die Welt - außer in Deutschland. ;-)

Mit "Jump Street" versuchte sich Scaggs als Rocker im Stile von Elton John, doch man spürte, dass das nicht unbedingt seine Welt war. Die samtene 6-Minuten-Ballade "Harbor Lights" dürfte sich damals ein gewisser Lionel Richie ziemlich genau angehört haben. Mit dem Abschlusstitel "We're All Alone" feierte Rita Coolidge im Herbst 1977 einen Riesenhit.

Damals ging die Scheibe vollkommen an mir vorbei (war auch nicht gerade meine Musik!), heute aber lege ich die CD gerne in den Player und genieße die lässige Großkönnerschaft der hier versammelten amerikanischen Musikerelite. Boz Scaggs ist sicherlich nicht der begnadetste Sänger aller Zeiten, und diesen Erfolg konnte er nie wiederholen, doch SILK DEGREES hat einfach zeitlose Klasse und macht beim Hören sofort gute Laune.


Kein Abschied
Kein Abschied
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Das Ringen mit dem Nichts, 29. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kein Abschied (Audio CD)
Zwei stilvoll-elegant gekleidete Herren, Tom Krimi und Erik Lautenschläger, sowie die Schauspielerin Nora Tschirner ('Keinohrhasen'), bilden die Band Prag, die Anfang 2013 ihr Debütalbum PREMIERE veröffentlichte, das, wie ich gestehe, komplett an mir vorbeiging.

Exakt zwei Jahre später im Januar 2015 folgte KEIN ABSCHIED, eine Platte, die mit ihrer schwelgerischen, melancholisch-orchestralen Musik und ihren oftmals existenzialistisch-traurigen Texten eine dunkle Wohltat ist. Wem Element of Crime gelegentlich zu norddeutsch-protestantisch-spröde klingen, der könnte hier seine Erfüllung finden.

'Wenn nur die Seele nicht so schwer wär' / Und in jedem Moment ein bisschen mehr' seufzt da einer gleich im Auftaktsong, während uns die Single "All die Narben" Sätze wie 'Das Geheimnis heißt Vergessen / Dem, was übrig bleibt, gewährt man Amnestie' schenkt. Dazu dieses wunderbare ménage a trois-Video, das man unbedingt gesehen haben sollte.

Andere Songs heißen "Film Noir", "Der dunkle Weg", "Aus Versehen", "Kein Abschied", "Sieh da nicht hin" oder "Das letzte Haus". Schwernis pur.

Leider ist die Produktion ein wenig verhangen, und die Texte sind oftmals nur mit Mühe zu verstehen. Das hätte man besser hinbekommen können. Zudem wirkt manche gesungene/gesprochene Zeile doch arg artifiziell und allzu feingeistig. Art déco. Und was die püppihafte Stimme der Tschirner hier verloren hat, bleibt fast gänzlich rätselhaft. Als Schauspielerin ist sie wesentlich besser.

Und trotzdem: Diese Platte sollte mir wohl jetzt begegnen, in einer Zeit der äußerlichen Furchtbarkeiten in der Welt und der innerlichen Sorge um eine langjährige Freundschaft, die ob der Sprachlosigkeit im Angesicht unaufgearbeiteter Konflikte gerade zu vertrocknen droht wie ein Grashalm in der Sonne.

'Ein Schleier, eine Patina, ein Nebel, irgend so was liegt über den einzelnen Liedern. Prag sind wie die 85-jährige Dame mit den sauber ondulierten Haaren, die an der Feinkosttheke des KaDeWe immer 50 Gramm Aufschnitt kauft, oder wie die Wohnung, die zwar ein wunderbares Stäbchenparkett und fünf Zimmer hat, von denen zwei aber ganz und gar unmöglich geschnitten sind: etwas umständlich, aber durchaus interessant' (Jochen Overbeck, Musikexpress).

Die letzten Worte des letzten Songs auf KEIN ABSCHIED lauten: 'Denn alles, was er von sich noch spürte / ist wie der Wind sich bricht und an ihm zieht und mit ihm kämpft / das Ringen, das Ringen mit dem Nichts'.

Und wer weiß schon, wie es enden wird, dieses Ringen, das jeder nur allzu gut kennt?


Uphill All the Way (Exp.+Remastered)
Uphill All the Way (Exp.+Remastered)
Preis: EUR 18,99

4.0 von 5 Sternen Wie Seide ums Herz, 29. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es war im Jahr der Beatles-Explosion, also 1963, als sich in dem Örtchen Send in unmittelbarer Nähe der Stadt Woking in der Grafschaft Surrey/England drei 13-jährige Schulfreunde zusammenschlossen, um eine Band zu gründen. Später wurden sie zum Quartett, nannten sich The Senders, The Pink Bears (!) und dann The Late. Sie spielten Songs von Chuck Berry, The Beatles, The Searchers und The Hollies nach und waren glücklich damit. Später begleiteten sie Billy J. Kramer, der zwischen 1963 und 1965 ein halbes Dutzend große Hits gehabt hatte, auf seinen Clubtourneen.

Als ihnen schließlich ein Plattenvertrag bei Transatlantic angeboten wurde, waren The Late also schon eine sehr erfahrene und routinierte Band. Man drängte sie, auch auf Eigenkompositionen zu setzen und erneut ihren Namen zu ändern. Also nannten sie sich fortan Unicorn und begannen zu schreiben.

Zehn Songs waren es, die 1971 den Weg auf das äußerst optimistisch betitelte Debütalbum UPHILL ALL THE WAY fanden, darunter aber dann doch nur vier eigene, die alle ihr begabtester Komponist Ken Baker geschrieben hatte. Dazu gesellten sich Titel von Neil Young, Gerry Rafferty, John Stewart, Joe Cocker, James Taylor und Jimmy Webb.

Im Nachinein ist es kaum nachvollziehbar, warum UPHILL ALL THE WAY damals ziemlich unterging, denn diese Scheibe lebte von der hervorragenden Musikalität der Band und ihrem wunderschönen Satzgesang, der sich nicht nur an erfolgreichen britischen Bands wie The Hollies, The Tremeloes, The Marmalade oder, in seltenen, etwas 'progressiveren' Momenten auch an den Strawbs orientierte, sondern auch an Crosby, Stills & Nash aus den USA. Andere meinen, sogar Einflüsse der Byrds heraus zu hören, was ich allerdings nicht wirklich nachvollziehen kann. Vielleicht wäre der Erfolg in Großbritannien größer gewesen, wenn die Platte bereits Ende der Sechziger und nicht im ersten Glam-Rock-Jahr 1971 erschienen wäre?

Zwischen 1974 und 1977 veröffentlichen Unicorn drei weitere erfolglose Studioalben (BLUE PINE TREES, TOO MANY CROOKS und ONE MORE TOMORROW), ehe sich die Band entschied, es gut sein zu lassen.

Die erneute CD-Ausgabe von UPHILL ALL THE WAY enthält vier sehr schöne Bonustracks, darunter die hervorragende Single "Cosmic Kid"/ "All We Really Want to Do". Insgesamt bekommt man hier also vierzehn Titel mit knapp einer Stunde Spielzeit geboten. Und gerade in depressiven Zeiten wie diesen legt sich die Musik von Unicorn wie Seide ums Herz. Man sollte die CD übrigens durchaus bei recht guter Lautstärke auf einer guten Anlage hören, denn das erhöht den Genuss an der transparenten Produktion von Hugh Murphy, und die Nachbarn werden dabei auch nicht allzu sehr verschreckt. Wer weiß, vielleicht klingeln sie sogar an der Tür; aber nur, um neugierig zu fragen, was man da gerade hört, und ob man ihnen vielleicht eine Kopie davon fertigen könnte. :-)


Chasing Yesterday(Limited Edition) [Vinyl LP]
Chasing Yesterday(Limited Edition) [Vinyl LP]
Preis: EUR 19,99

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vom Wahren und Schönen, 22. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Noel Gallaghers musikalische Helden stammen bekanntermaßen aus den sechziger und siebziger Jahren, und so macht er sich immer wieder einen diebischen Spaß daraus, diese Vorliebe mit Zitaten zu verdeutlichen. So lautet gleich der erste Satz im ersten Song: 'There's something in the way she moves me to distraction' (Verweis: "Something" von den Beatles).

In "Lock All the Doors" singt er 'The prettiest girl I had ever seen' ganz genauso wie David Essex in dessen ersten Hit "Rock On" von 1973. In "You Know We Can't Go Back" beginnt der Refrain mit den gedehnten Worten 'But it's aaaaalright', was wiederum ein sehr deutliches Zitat aus "Jumping Jack Flash" von den Rolling Stones ist. Das Gitarrenriff in "The Mexican" hat eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem legendären aus "In-a-Gadda-da-Vida" von Iron Butterfly. In "The Girl With the X-Ray Eyes" kommt gelegentlich ein wenig "Stairway to Heaven"-Atmosphäre auf. Und so weiter.

Aber trotzdem soll hier nicht der Eindruck entstehen, als sei Gallagher ein simpler Kopist, denn das ist er keineswegs. Ganz im Gegenteil: Er hat von früh auf seinen ganz eigenen Stil als Songschreiber entwickelt. Sehr oft komponiert er so, dass zunächst eine Strophe gesungen wird, dann kommt eine Steigerung in Form einer Art von 'Vorrefrain', bevor sich die Spannung schließlich im wirklichen Refrain auflöst. Danach folgt Strophe zwei, Vorrefrain zwei und Refrain zwei. Eine instrumentale Bridge (meist die Sologitarre) leitet dann nochmals den Vorrefrain und den Refrain ein, der bis zum Schluss ein paar Mal wiederholt wird. That's the Gallagher Style!

Der verhasste jüngere Bruder Liam hat mit seiner Band Beady Eye bereits zwei Alben veröffentlicht, und nun zieht Noel also mit ihm gleich. Die ungemeine, psychedelische Faszination seines Debüts NOEL GALLAGHER'S HIGH FLYING BIRDS von 2011 (England Platz 1, Deutschland Platz 11) weist CHASING YESTERDAY (was für ein passender Titel!) zwar nicht auf, aber trotzdem ist dem Mann erneut ein überzeugendes Werk aus der Feder geflossen.

Abwechslung ist dabei Trumpf. Hymnische Songs, Balladen, fast schon Rotzig-Punkiges ("Lock All the Doors"), purer Power-Pop mit albernen 'Na Na Na Na Na'-Gesängen ("In the Heat of the Moment") bis hin zu geradezu Exprimentellem mit Duogesang und lässig-jazzigen Bläsersätzen ("The Right Stuff"), fast so, als ob Bryan Ferry sich wieder mit seinem früheren Bandkumpel Andy Mackay zusammen getan hätte.

Noel Gallagher war und ist ein Prolet und ein intelligenter Proletarier, aber halt inzwischen auch ein Elder Statesman des Wahren und Schönen in der Rockmusik. Ein echter Schatz.

Vor ein paar Tagen lief ein aktuelles Konzert der High Flying Birds im Fernsehen. Es war interessant zu beobachten, dass die Songs des ersten Albums inzwischen schon Klassiker sind, und dass Noel sich immer noch so leicht provozieren lässt wie früher. Frage aus dem Publikum: "Where's the pretty one?" (gemeint war wohl Liam). Noels ebenso gereizte wie ungemein schlagfertige Antwort: "Well, certainly not in your fu .. ing family!". That's Rock'nRoll! :-)

Einfach wunderbar, dass es noch Leute gibt, die dem Wahren und Schönen verpflichtet sind, die mal eben alle zwei Jahre ein Album mit zehn Songs in 44 Minuten abliefern, von denen kein einziger auch nur mittelmäßig, aber mehr als die Hälfte einfach phantastisch ist.


Hand.Cannot.Erase (Limited Edition)
Hand.Cannot.Erase (Limited Edition)
Preis: EUR 24,97

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fifty Shades of Grey, 15. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Steven Wilson, der Prog-Superstar der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts, versammelte nach dem geradezu unglaublichen Erfolg seines letzten 'Solo'-Albums, dem recht schwer verdaulichen Brocken THE RAVEN THAT REFUSED TO SING, erneut einen Haufen von hochbegabten Nerds um sich, gegen die selbst die Genesis von, sagen wir, 1971 geradezu cool aussahen. ;-)

Ausgehend von der Geschichte einer jungen Frau, die einsam in ihrer Wohnung in London starb, und deren Verschwinden aus der Welt fast drei Jahre lang unbemerkt blieb, entwickelte Wilson sein neuestes Werk, dessen höchst artifiziell und enigmatisch anmutender Titel HAND.CANNOT.ERASE Schlimmstes erwarten ließ. Doch gemach, gemach, denn es sollte ganz anders kommen!

Da war zunächst eine Homepage, die den Titel des Albums trägt, und auf der das von Steven Wilson erdachte Fototagebuch der Protagonistin 'veröffentlicht' wurde, mit Einträgen zwischen dem 8. Oktober 2008 und dem 2. März 2015. Zeugnisse einer gewollt (?) einsamen Seele. Zutiefst bewegend. Fifty Shades of Grey, sozusagen.

Schließlich kam dann das lang erwartete Album selbst.

Bevor Wilson hier nach etwa fünf Minuten erstmals seine Stimme erhebt, ist man schon an Pink Floyd, The Who, Rush, Yes und Genesis erinnert worden. Später kommen weitere Namen aus der goldenen Zeit des Progressive Rock hinzu; King Crimson zum Beispiel und Leute, die in den Gefilden des Jazzrock der siebziger Jahre einhergingen. Ein weites Feld.

Das Wesentlichere an dieser Platte sind aber die tiefen Emotionen, die unfassbar betörenden Melodien und die gelegentlich geradezu außerweltlich schönen Gesangsarrangements, gepaart mit gewissen musikalischen Ausbrüchen, die Wilson wohl für notwendig hielt, um seinen Studiokumpanen die Möglichkeit zu bieten, sich auch mal ungehemmt zu verströmen. Das kann mögen, wer will, und derer dürfte es durchaus diverse geben. Zumindest wird hier, im Gegensatz zum RAVEN-Album, auf nervende Bläsersätze verzichtet. Gleichwohl sind zum Beispiel die letzten etwa fünf Minuten des Monsterstückes "Ancestral" dem Fluss der Platte nicht sonderlich dienlich. Aber sie haben den Musikern wahrscheinlich viel Spaß gemacht, und das ist doch ein Wert an sich. ;-)

Der ewige Melancholiker Steven Wilson hat mit HAND.CANNOT.ERASE ein Werk abgeliefert, das viel fokussierter als sein Vorgänger ist, und das anderen, ebenso zeitlosen 'Konzeptalben' wie QUADROPHENIA von The Who oder THE WALL von Pink Floyd, von denen er in dem 'Making of'-Video auf der DVD der Limited Edition mit fast kindlicher Begeisterung schwärmt, durchaus gerecht wird.

Die menschliche Tragik der von ihm erzählten Geschichte spiegelt sich nicht nur, wie fast immer bei Wilson, in den Songtexten, sondern auch in seinem Gesang wieder. Manchmal scheint seine helle Stimme vor Emotion geradezu zu brechen. Die letzten beiden Stücke "Happy Returns" (wohl ein unvollendeter Brief der Protagonistin an ihren Bruder) und "Ascendant Here On ...", ein Instrumentalstück mit einem unaufdringlich arrangierten Knabenchor, sind in ihrer unkitschigen Schönheit so dermaßen wunderbar, dass man es kaum ertragen kann. Erschütternd. Erschütternd schön, wie so vieles auf diesem Album, das zu einem medialen Gesamtkunstwerk für die Ewigkeit werden dürfte; vorbildlich und in seiner Art unwiederholbar.

'Hey brother, I’d love to tell you I’ve been busy, but that would be a lie, cos the truth is: The years just pass like trains / I wave, but they don’t slow down' (Steven Wilson: "Happy Returns").


Down in the Bunker
Down in the Bunker
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen Immer locker vom Hocker, 3. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Down in the Bunker (MP3-Download)
Die erste Band, in der der 1941 in Birmingham geborene Steve Gibbons Mitglied wurde, trug den für die mittleren sechziger Jahre bemerkenswerten Namen Balls. Mit bereits dreißig Jahren veröffentlichte er 1971 sein erstes Soloalbum SHORT STORIES, um einige Zeit später dann die Steve Gibbons Band zu gründen. Diese feierte 1977 mit Chuck Berrys Spätwerk "Tulane" einen überraschenden Hit in England (Platz 12 der Singlecharts), und das Livealbum CAUGHT IN THE ACT landete im selben Jahr auf Platz 22. Für Roger Daltrey von The Who schrieb Gibbons den Song "One of the Boys" für dessen gleichnamiges Soloalbum.

Nun konnte es also endlich richtig losgehen mit der Karriere des mittlerweile stramm auf die Vierzig zusteuernden Sängers und Gitarristen! Die Voraussetzungen dafür waren jedenfalls ziemlich gut, lieferte die Band mit ihrem 1978 erschienenen dritten Studioalbum DOWN IN THE BUNKER, hervorragend produziert von dem selbst damals schon legendären Tony Visconti (T.Rex, David Bowie, Strawbs, Gentle Giant, Carmen, Thin Lizzy usw.), doch elf zum Teil unverschämt eingängige Songs ab.

Der musikalisch eindeutig von Bo Diddley und Buddy Hollys Klassiker "Not Fade Away" inspirierte Opener "No Spitting on the Bus" erzählte nicht nur eine witzige Alltagsgeschichte, sondern bohrte sich dermaßen ins Ohr, dass man ihn buchstäblich tagelang nicht wieder los wurde. Die Frage war nur: Warum veröffentlichte die Plattenfirma diese Nummer nicht als Single??

Statt dessen wurde der an "Tulane" erinnernde Rock'n'Roller "Eddy Vortex" ausgekoppelt, schaffte aber lediglich Platz 56 der englischen Charts. Und als zweite Single entschied man sich erneut für den falschen Song, denn das ein wenig die Dire Straits vorweg nehmende (oder kopierende?) Titelstück "Down in the Bunker" war zwar Klasse, aber eben kein typisches Radiofutter. Und so verschenkte man leichtfertig die große Chance, die Steve Gibbons Band richtig nach vorne zu bringen.

Die Gruppe war der damals auf der Insel grassierenden Pubrock-Bewegung zuzuordnen, aus der etwa zur gleichen Zeit erfolgreiche Acts wie die Dire Straits, Sniff'n'the Tears, Dr. Feelgood oder auch Chris Spedding hervorgingen. Ihre musikalischen Einflüsse stammten aus Rock'n'Roll, Rhythm and Blues, Folkrock, gewürzt mit einer Messerspitze Reggae. Motto: Immer locker vom Hocker.

Ihre Vorbilder waren, neben vielen anderen, vor allem Songwriter Bob Dylan und die lässige Laidback-Legende J.J. Cale. Dylans Handschrift wurde hier vor allem in Songs wie "Big J.C." und dem Ohrwurm "Chelita" deutlich, J.J. Cale lugte den Jungs bei "Any Road Up" und "Mary Ain't Goin' Home" über die Schulter. "Any Road Up" diente Mark Knopfler als Vorlage für so manchen späteren Dire Straits-Song. Und der Abschlusstitel "Grace" brachte mit leichten ostasiatischen Einflüssen ein schönes Album zu einem harmonischen Finale.

Wenn es damals mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte die Steve Gibbons Band mit DOWN IN THE BUNKER mindestens ein Top-Twenty-Album im Köcher gehabt, und "No Spitting on the Bus" wäre, als Single ausgekoppelt, vielleicht rund um die Welt an die Spitze der Charts gegangen. Doch es sollte halt nicht sein. Gleichwohl kann man die Platte auch heute noch wunderbar durchhören.

PS: Die Download-Version enthält gleich acht, teilweise lohnenswerte Bonustracks, darunter den erwähnten Hit "Tulane".


Witchflower
Witchflower

4.0 von 5 Sternen Ein Whirlpool der Erinnerungen, 21. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Witchflower (Audio CD)
Die Jungs mit dem bösen Namen Wicked Minds fanden bereits 1987 in Piacenza / Italien zusammen und spielten zunächst Thrash Metal, um dann irgendwann auf den progressiven Hardrock der frühen siebziger Jahre umzuschwenken. Und genau dies tun sie dermaßen perfekt, dass sie in der Konsequenz an ihre Landsleute von The Watch erinnern, deren Mission es ist, den Sound von Genesis der Gabriel-Ära mit eigenen Kompositionen so authentisch wie irgend möglich in die Jetztzeit zu transponieren.

Die Leidenschaft von Wicked Minds besteht auf dem Album WITCHFLOWER hingegen vor allem darin, Uriah Heep (sehr dominant) und Deep Purple in ihrer großen Zeit zwischen 1970 und etwa 1975 zu 'imitieren', wobei auch dies fast durchgehend mit eigenen, neuen Stücken geschieht. Allerdings erweitern Lucio Calegari (Gitarren), Enrico Garilli (Bass), Andrea Concarotti (Drums), Paolo Apollo Negri (Keyboards) und J.C. Cinel (Vocals, akustische Gitarre) diese Hauptrichtung vereinzelt um weitere musikalische Einflüsse aus der gleichen Ära.

So scheint es, als ob in der herrlichen Ballade "Burning Tree" Ray Thomas von den Moody Blues die Flöte spielte, während in "Black Capricorn Fire" eben dies durch Ian Anderson von Jethro Tull erledigt werden würde. "Here Comes the King" (sic!) spielt neben Heep und Purple auch mit gewissen Rainbow-Einsprengseln.

Piano und Melodieführung am Anfang von "A Child and a Mirror" scheinen von gewissen Kansas-Kenntnissen zu zeugen, und in den letzten dreieinhalb von dreizehneinhalb (!) Minuten des großartigen Monsterstücks "Scorpio Odyssey" erklingt vor einem gewaltigen Chorarrangement auf einmal ein Saxophon, das davon zeugt, dass Wicked Minds durchaus auch mal Platten von angeschrägten Prog-Bands wie Van der Graaf Generator gehört haben dürften.

Das romantische, nur von einer akustischen Gitarre getragene Instrumental "The Court of the Satyr" verweist auf sehr verwandte Stücke von Led Zeppelin, Black Sabbath oder auch Yes (Steve Howe). Und ganz am Ende ertönt mit "Soldier of Fortune" eine geniale Ballade von Deep Purple, die hier aber so klingt, als wäre sie von Uriah Heep gecovert worden. Das Gitarrensolo kommt, aber es kommt nicht an der Stelle, an der man es erwarten würde. ;-)

Die Stimme von Leadsänger J.C. Cinel hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Heep-Legende David Byron, ohne jedoch an dessen Heldentenor kratzen zu können. Gitarrist Lucio Calegari macht gerne den Mick Box, spielt aber nicht ganz so melodisch. Keyboarder Paolo Negri (Hammond, ARP/Moog/Wersi/Waldorf Synthesizers, Piano, Harpsichord, Mellotron, Solina String Ensemble, Rhodes & Hohner Electric Pianos, Vibraphon, Apollotron) ist eindeutig der Versierteste und kann einfach alles 'nachempfinden', was damals so kreuchte und fleuchte - vor allem natürlich Ken Hensley und Jon Lord. Schlagzeuger Andrea Concarotti agiert hingegen für meinen Geschmack ein wenig zu nervös und reißt damit seine Kollegen gelegentlich mit in eine Hektik, die der Musik nicht immer gut tut (man höre z.B. Teile von "Sad Woman").

Wer wie ich mit dem progressiven (Hard-) Rock der frühen Siebziger sozialisiert wurde, dem werden die 79 (!) Minuten von WITCHFLOWER auf jeden Fall ein ziemlicher Parteitag sein. Ich mag das durchaus nicht immer hören, denn dafür ist in den letzten vierzig Jahren zu viel an musikalischer (Weiter)- Entwicklung passiert, aber gelegentlich lasse ich mich nur allzu gern in diesen auralen 'Time Tunnel' hinein fallen, um darin zu schweben wie in einem wunderbar warm sprudelnden Whirlpool der Erinnerungen.


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