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Rezensionen verfasst von
Tomasu_Sensei "_" (Venedig des Nordens)

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Schwimmen mit Elefanten: Roman
Schwimmen mit Elefanten: Roman
von Yoko Ogawa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Immer noch magisch, 29. August 2013
Nachdem der Verlag zuletzt ein bereits älteres Buch von Yoko Ogawa rausbrachte, hat es mich gefreut, dass nun ein Buch von ihr auf Deutsch veröffentlicht wurde, das in Japan im Jahr 2009 erschien und so nun den deutschsprachigen Fans der Autorin einen Einblick in das jüngere, fast schon aktuelle Schaffen der Autorin gewährt.

Wie in "Das Geheimnis der Eulerschen Formel" greift Ogawa ein Thema von mehr oder weniger speziellem Interesse auf und vermag, auch ohne besondere Fachkenntnisse bei den Lesern vorauszusetzen, einen bleibenden Eindruck dieses Spezialgebiets zu vermitteln, der die ganze Magie dieses vermeintlich abseitigen Themas spürbar werden lässt. So auch hier. Es geht um die Welt der Schach-Freaks und Schach-Nerds. Und wer von Ogawas so fesselnden wie überzeugenden Psychogrammen ihrer Figuren immer auch einen Anteil des Magisch-Fantastisch-Surrealen erwartet, wird auch diesmal nicht enttäuscht.

Ich muß an dieser Stelle das Buch vor seinem Klappentext ein wenig in Schutz nehmen: Der Roman ist diesmal geradliniger und bodenständiger erzählt als viele seiner Vorgänger. Über weite Strecken verzichtet der Text nicht auf Plausibilität, Stringenz und Chronologie der Handlung - was im Klappentext so abgefahren anmutet, ist eher der virtuosen Verstrickung zahlreicher Leitmotive geschuldet, die mir in diesem Buch jedoch hin und wieder trotzdem etwas konstruiert und bemüht erschien. Dafür gibt es diesmal ein superromantisch-tragisches Ende, das geradezu nach einer Verfilmung schreit, bei der (selbst) man(n) schwer schlucken muß, um die Tränen zu unterdrücken. Wird hier aber nicht verraten!

Worum geht es im Roman?

Ein kleiner Junge wird mit einer Deformation geboren und seine zusammengewachsenen Lippen müssen durch plastische Chirurgie geformt werden. Dabei erhält er Lippen aus der Haut seiner Waden, weshalb er später irgendwann gegen die hartnäckige Behaarung auf seinen Lippen kapituliert. In seiner Klasse daher ein Freak, meidet er seine ihn mobbenden Mitschüler und schleicht sich bereits vor Unterrichtsbeginn in die Schule. Dabei entdeckt er eines Tages durch Zufall die Leiche eines Busfahrers, der die Schwimmanlage der Schule unerlaubt benutzte - ebenfalls ein Freak, aber ein Schwimm-Freak. Die Sache läßt dem Jungen keine Ruhe und bei seinen Nachforschungen über den obskuren Toten lernt er einen ehemaligen Kollegen des toten Busfahrers kennen, ebenfalls ein schräger Typ (den ich gerne mal auf der Leinwand erleben möchte!), der ihn für die Welt des Schach begeistert und sein Meister im urjapanischen Sinne des Wortes wird.

Aus dem jungen Freak mit den behaarten Lippen wird ein Schach-Nerd und Wunderkind. Wie alle Freaks hat er aber gleich mehrere Macken: Am besten spielt er Schach, wenn er unter dem Schachtisch sitzt und das Spiel komplett vor seinem geistigen Auge visualisiert (was die story sogar recht plausibel herleitet!).

Durch Vermittlung seines Meisters trifft er auf einen Klub Schach-Verrückter-Ogawa-Style (DAS muß man selbst gelesen haben, sonst kann man es sich nicht vorstellen) und wird durch das Zusammentreffen mit diesem Klub zum "kleinen Aljechin" - ein Schachwunderkind, versteckt in einem Schach-Automaten, der an von Kempelens "Schachtürken" erinnert, aber den "Großmeister Aljechin" auf mechanische Weise als humanoiden Automaten in der Tradition der Androiden Vaucansons wiederauferstehen lässt. In seinem Schachspiel geht es ihm mehr um Ästhetik und die Gefühle, die sich bei ihm und seinen Gegnern beim Spielen einstellen als um das Gewinnen, dazu kommt der spektakuläre Reiz des vermeintlich künstlichen Lebens eines Androiden.

Der Titel des Romans leitet sich von seiner Leitmotivik ab und dem, was das Schach in seinen abstrakten spirituell-kosmischen Dimensionen seelisch in dem Protagonisten bewirkt. Hier schafft es der Roman tatsächlich dieses Gefühl des Erhabenen, Transzendenten, Kosmischen (und was an derlei romantischen Topoi mehr passen könnte) zu vermitteln, das sich auch im Schach finden lässt, wenn man intensiv genug in das Sujet eindringt. Schließlich verquickt der Roman dies alles noch mit einer surrealen, romantischen und tragischen Liebesgeschichte, die Ogawa-Style ist, aber auch gekonnt an Parallelen aus Weltliteratur und Weltkino erinnert.

Wie der Protagonist am Ende unter Auslöschung seiner Person und seines Selbst ganz Teil des Schach-Universums wird, ist sehr japanisch gedacht und ein perfekt passendes Ende. Mehr soll aber nicht verraten werden...

Hier hat eine Autorin zu ihrem souveränen Stil gefunden und es wäre nicht fair von jedem ihrer Romane ein "das-haut-mich-jetzt-total-um" zu erwarten. Wer Ogawas Bücher mag, wird hier mehr auf seine/ihre Kosten kommen als beim Vorgängerbuch. Die Ogawa-Magie hat sie bis in die Gegenwart hinein noch drauf, die Fans können diesbezüglich also beruhigt sein. Mich besonders beeindruckt hat im Unterschied zu früheren, stärker psychologisierenden Texten die Fähigkeit der Autorin, in ein neues Sachgebiet einzutauchen und nicht nur sehr geschickt zu recherchieren, sondern aus den Ergebnissen der Recherche etwas höchst Eigenständiges, Faszinierendes zu entwickeln. Hier schafft es die Autorin auch, auf diskrete, aber sehr treffende Art auf Kollegen der Weltliteratur anzuspielen. In gewisser Weise setzt sich so die "Automaten-Literatur" des 18. und 19. Jahrhunderts in die Gegenwart fort - aber eben Ogawa-Style. Das verdient ein "Wow!" und macht hoffentlich vielen Lesern Lust auf die diversen literarischen Vorgänger von E.T.A. Hoffmann über Jean Paul bis zu Lawrence Durell und Philip K. Dick. Zu den Schach-Anspielungen kann ich leider keine kompetenten Anmerkungen machen, was die Autorin jedoch über Baron von Kempelens "Schachtürken" in ihr Werk hat einfließen lassen, ist meines Erachtens sehr gelungen und kann anhand des Buches "Menschmaschinengötter" jederzeit überprüft werden (übrigens auch bei Amazon erhältlich).


Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Das Geheimnis der Eulerschen Formel
von Yoko Ogawa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

53 von 54 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Literarische Liebeserklärung an die Mathematik als Kunst-Religion, 28. Februar 2012
Wer Ogawas Art zu erzählen mag, der wird auch hier voll auf seine Kosten kommen, das Buch ist vor allem in stilistischer Hinsicht ein für Ogawa sehr typischer Roman, zeigt inhaltlich aber völlig neue Qualitäten, die man von Ogawa in dieser Form so auf Deutsch gar nicht kennt. Das fängt bereits mit dem Thema an. Mathematik? Naturwissenschaft? Ist das denn interessant? - Nun, für Japaner offenbar schon, denn zweieinhalb Millionen Mal(!) verkaufte sich dort der Roman, bevor er in 16 Sprachen übersetzt wurde.

Das deutsche Publikum tut sich erfahrungsgemäß schwer mit dem crossover von Wissenschaft und Kunst - der grandiose historische Roman über das unfassbar abenteuerliche Leben des (Berliner) Erfinders des Computers, Konrad Zuse, dessen Erlebnisse im Bombenhagel des 2. Weltkriegs den Adrenalinspiegel der Leser unfreiwillig in die Höhe treiben, schaffte es in Deutschland nicht in die Bestseller-Listen, obwohl mancher fiktive Geheimagent im Vergleich zu dieser realen Lebensgeschichte wie ein blasser Langweiler dasteht.

Also Mathematik. Worum geht es? Ein brillanter Mathematikprofessor, ein stilles Genie, das immer wieder die internationale Fachwelt zu überraschen vermag, überlebt einen schweren Verkehrsunfall, hat allerdings Zeit seines restlichen Lebens mit einem höchst ungewöhnlichen Folgeschaden zu leben: Sein Kurzzeitgedächtnis umfasst nur noch achtzig Minuten, danach erinnert er sich an nichts mehr und alles beginnt für ihn von vorn, ähnlich wie die Endlosschleife einer alten Videokassette, die immer wieder neu bespielt wird.

Um in seinem Alltag wenigstens grob zurecht zu kommen, heftet er sich kleine Notiz-Zettel an alle möglichen Stellen seiner Kleidung, die ihn alle achtzig Minuten an die 'basics' seines Lebens erinnern sollen. Diese und ein Arsenal weiterer skurriler Verhaltensweisen lassen die Figur den Lesern äußerst plastisch und lebendig vor Augen treten - und sicherlich in ihr Herz schließen. Der Professor lebt in der Obhut seiner Schwägerin und verschleisst wegen seiner schwer zu ertragenden Eigenheiten eine Haushälterin nach der anderen. Erst mit Haushälterin Nummer 9 und ihrem liebenswerten Sohn wird alles anders. Ob die beiden wollen oder nicht, sie sind aufgrund der unfreiwilligen Eigenarten des Professor gezwungen, in dessen Welt einzutauchen. Puuh... ein Mathe-Genie... wie soll man das bloss aushalten? Was dann passiert, ist aber vollkommen überraschend.

Mathe ist bei Ogawa nämlich ganz anders, als wir das aus der Schule kennen. Der Professor ist ein 'echtes' Genie, das nicht nur gut rechnen kann, sondern der mit seiner Art der Mathematik stets auf der Suche nach der 'Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit' ist. Ein romantischer Topos? Bei Ogawa ein wenig, durchaus. Denn die Mathematik entpuppt sich bei Ogawas Professor als ein Mittel, im scheinbar schnöden, unspektakulären Lebensalltag neue Bedeutungen zu entdecken, unerkannte Beziehungen zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und den Dingen, aber auch zwischen den Menschen, den Dingen und der Natur zu erkennen, oft sogar einen winzig kleinen Einblick in die ewigen Gesetze des Universums und die einer höhren Macht zu erhaschen. Gemeinsam mit Haushälterin Nummer 9 gehen die Leser so auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, bei der auch die ästhetische Seite der Mathematik immer wieder kräftig aufscheint. Die Haushälterin kommt so aus dem Staunen nicht mehr heraus, fängt, im Rahmen ihrer laienhaften Möglichkeiten, sogar selber an, sich für die Wunder der Mathematik zu begeistern.

Wie schafft der Roman das? - Gibt es in dem Roman etwa Zahlen, Formeln, mathematische Grafiken? Haltet euch fest: Ja, die gibt es. Tatsächlich. In einem Roman. Und der Roman 'funktioniert' - man wäre hier geneigt zu schreiben 'dennoch' -, aber genau das stimmt in diesem Fall nicht. Und das macht den Roman angesichts des schwierigen Themas so bemerkenswert. Der Roman funktioniert nicht trotz, sondern gerade mit(!) der Mathematik. Ein bemerkenswerter Aha-Effekt.

Auch wenn mir persönlich als jemanden, für den die Schul-Mathematik ein nicht enden wollendes Horrorspektakel darstellte, in manchen Passagen die Darstellung etwas zu ausführlich erschien, schafft es der Roman dennoch mit viel Liebe und Hingabe an die Sache, selbst solch hoffnungslosen Fällen wie mir die 'Wunder der Mathematik' deutlich zu machen, insbesondere auch, zu welchen oft faszinierenden Erkenntnissen man kommen kann, wenn man versucht, die Welt mit den Augen der Mathematik zu sehen. Die so wahrnehmbare 'Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit' mit ihren ewigen Gesetzen geben den Romanfiguren immer wieder einen starken inneren Halt, insbesondere, wenn ihre Psyche in unerbittlich-grausame Abgründe blicken muss. Hier wird die Mathematik gerade mit Hilfe ihrer ästhetischen und philosophischen Seiten zu einer Art Religion ohne Religiosität, einer Art intellektueller Kunst-Religion, die ihre Anhänger die Welt neu und reicher erfahren lässt. Und wer möchte, kann als Leser davon einfach etwas mit in sein Leben hinein nehmen.

Umgekehrt bringen Haushälterin und Sohn aber auch die bis dahin verschüttete menschliche und emotionale Seite des Professors wieder zurück in seine schwierige, überschaubar kleine Alltagswelt. Eine tragische, vergangene Liebe, seine mehr als vorbildliche väterliche Sorge um den Sohn der Haushälterin, ungewohnte menschliche Nähe, eine bedingungslose Leidenschaft für Baseball und vieles anderes, Herzerwärmendes und Trauriges, allesamt besondere Momente aus der ganzen Bandbreite eines eigenwilligen Lebens.

Der Roman fragt aber auch sehr geschickt nach dem, was bleibt - am Ende eines Lebens, was eine Person in ihrem Kern ausmacht, wie wichtig das Erinnern für die Identität eines Menschen ist, was die innere und äußere Würde eines Menschen ausmacht, worauf es rückblickend in einem Leben ankommt...

Trotz aller Lebendigkeit der Figuren entwickelt dieser Roman Ogawas vielleicht nicht die verblüffende, manchmal metaphysische Sogwirkung, die viele ihrer anderen Arbeiten so besonders macht. Dafür bietet der Roman viel anregenden Stoff zum Nachdenken, wobei sie es schafft, dem ihr zentralen Thema Spiritualität eine für ihr Werk neue und wichtige Facette abzugewinnen, wodurch ihr Werk nun als wesentlich ganzheitlicher ausgerichtet erscheint. Ein Roman, der sicherlich viele Augen öffnet und dessen Kunst-Religion hoffnungsfroh stimmt.

Der Verlag Liebeskind hat sich um die Etablierung der Autorin in Deutschland bislang sehr verdient gemacht, auch findet sich - so weit ich dies beurteilen kann - in der Übersetzung nur selten einmal ein (wenn dann marginaler) Fehler. Was aber heftig zu bedauern bleibt: Die deutsche Leserschaft erreichen die Bücher Ogawas nur mit einer gehörigen Verspätung - im vorliegenden Fall erschien der Roman in Japan fast zehn Jahre früher. Wenn die größte deutsche Buchhandelskette anfängt, in ihren Buchhandlungen nun auch diverse Geschenkartikel und bald wohl mehrheitlich 'non-books' anzubieten, nachdem bereits vielerorts die Gastronomie dort eingezogen war, macht dies überdeutlich, dass den Verlagen in Deutschland ein eiskalter Wind stramm ins Gesicht weht.

Deshalb sollten die verbliebenen Leser sicherlich Verständnis dafür zeigen, dass ein Verlag erst einmal abwartet, ob sich ein Titel international in Gestalt hoher Verkaufszahlen bewährt, bevor er das Risiko eingeht, das Buch auch auf dem demografisch schrumpfenden deutschen Markt zu veröffentlichen. So jedoch sind die deutschen Leser, die nicht über profunde Japanisch-Kenntnisse verfügen, von der aktuellen literarischen Entwicklung in Japan restlos abgeschnitten, haben keine Chance zu erfahren, in welche Richtung sich ihre Lieblingsautorin aktuell entwickelt.

Das ist sehr schade. Denn die Sprache der Kunst wie auch der Mathematik lebt vom internationalen Austausch, vom zeitgenössischen Dialog derjenigen Menschen, die in diesen gedachten Welten leben.


Die Zukunft der Computerspiele
Die Zukunft der Computerspiele
von Michael Matzenberger
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

4.0 von 5 Sternen Wohin wird die Entwicklung gehen?, 8. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Zukunft der Computerspiele (Taschenbuch)
Aufgrund seines Umfangs, des spannenden Themas und seiner sehr guten Lesbarkeit mag man kaum glauben, dass es sich eigentlich "nur" um eine Wiener Magisterarbeit handelt. Viel-Leser werden auch hier die typischen Schwächen einer Magisterarbeit erkennen: Auf der formalen Seite Tippfehler, Formatierungsfehler wie fehlende Trennstriche in den Fußnoten oder gelegentlich Literaturangaben, die sich dann doch nicht im Quellenverzeichnis finden lassen. Auch wäre es überzogen, von einer Magisterarbeit die Recherchetiefe und den Wissenshorizont einer Doktorarbeit oder eines Sachbuchs eines "alten Hasen" im Wissenschaftsgeschäft zu erwarten.

Diese Einschränkungen vorausgeschickt, möchte ich dennoch dieses Buch vor allem Einsteigern zur Lektüre ohne weitere Vorbehalte empfehlen, vermittelt es doch - mal vollkommen gewollt, mal en passant - interessante Einsichten in die bisherige Entwicklung von Computerspielen und wie prominente Experten mit der Frage nach der Zukunft von Computerspielen umgehen.

Zur Kernfrage - wie werden sich Computerspiele zukünftig entwickeln - bietet das Buch nur etwas mehr als zwanzig Seiten. Anstatt die gängige Forschungsliteratur auszuwerten oder bei "Trendbüros" anzuklopfen, befragte der Autor einige namhafte Praktiker und Theoretiker im Rahmen einer "Delphi-Studie". Das mag vom Umfang her wenig erscheinen, ist aber meines Erachtens eine interessante und hier auch gelungene Vorgehensweise. Immerhin hat der Autor die prominenten Experten für seine Studie gewinnen können, was ich mir auch nicht ganz einfach vorstelle und die Ergebnisse sind so aufschlussreich, dass der Umfang für mich letztlich durchaus in Ordnung geht.

Der Hauptteil der Arbeit besteht in Klärungen grundlegender Begriffe, einer Zusammenfassung der wichtigsten Stationen der bisherigen Entwicklung von Computerspielen, der Rolle von Computerspielen in der heutigen Pop-Kultur und einem kurzen Überblick über die heute wichtigsten Forschungsansätze. Das hat zwar alles nichts direkt mit der Zukunft der Computerspiele zu tun, bildet aber genau die Informationen, die für Einsteiger in die Thematik der Computerspiele bzw. Studienanfänger wichtiges Basiswissen darstellen. Und für diesen Zweck stimmt Auswahl und Umfang der Darstellung, auch die Recherchetiefe ist cum grano salis ausreichend und dürfte Einsteigern genau das richtige Maß an Informationen bieten. Im Unterschied zu vielen anderen Darstellungen wird hier aber trotzdem flott und pfiffig berichtet, wobei der Autor lobenswerterweise keinen Hehl macht aus seiner grundsätzlich positiven Einstellung gegenüber Computerspielen. Hier wird das Buch ebenso für alle interessant, die sich aus geschäftlichen Gründen mit Computerspielen beschäftigen, denn im zeitlich gerafften Rückblick stehen die Gründe für Aufstieg und Fall großer Namen in der Branche den Lesern glasklar vor Augen.

Nach wie vor wichtig und ernst zu nehmen bleibt die vom Autor geäußerte Kritik, dass die "Game Studies" bislang keinen nennenswerten Einfluss auf die Herstellung von Computerspielen nehmen konnten. Die akademische Forschung beschäftigt sich meist mit sich selbst, streitet über die richtigen Methoden und leidet unter einer gewissen Beliebigkeit bei der Themenwahl und dem Zugang zum "Forschungsobjekt", wobei manch Forscher gerne seine persönlichen Überzeugungen und Vorlieben in den Vordergrund rückt. Dem Autor ist meines Erachtens beizupflichten, wenn er von der Forschung fordert, sie solle "Hypothesen aufstellen, Methoden entwickeln und sie im Feld - also an den Spielen und Spielern - anwenden, um konkrete Phänomene erklären zu können. Erst dann wird es ihnen möglich sein, ihre Berechtigung zu beweisen und Einfluss auf die Herstellung zu nehmen" (164).

Und was haben die befragten Experten zur Zukunft von Computerspielen zu sagen? Nun, das Buch datiert aus dem Jahre 2008 und allen, die mit der Branche vertraut sind, werden die genannten "Zukunftstrends" bezüglich des gesellschaftlichen Stellenwerts von Computerspielen, wahrscheinlichen Entwicklungen in der Gestaltung von Computerspielen, aber auch langfristigere Trends wie die Konvergenz der Medien, "gaming 2.0" oder social gaming bereits bekannt sein. Es im Jahre 2011 zu lesen, stellt allerdings ein augenöffnendes Lehrstück dar, wie schnell und unvorhergesehen sich die Entwicklung innerhalb der Branche verändern kann und welche wahrlich krassen Probleme selbst Experten im Umgang mit den Unwägbarkeiten dieses Geschäfts haben. Offenbar hatte vor drei Jahren keiner der Experten die sich heute abzeichnenden "cash cows" der Branche auf der Rechnung, auch wenn sonst die Einschätzungen der befragten Fachleute durchweg vernünftig, kompetent und stimmig erscheinen.

Und hier liegt das eigentliche Lehrstück des Buches: Wie gehen wir mit dem Unerwartbaren um? Einerseits entstehen neue Entwicklungen nicht aus dem "Nichts", gibt es in der Tat längerfristige Entwicklungen, andererseits scheint alle paar Jahre völlig unvermittelt und ohne Vorankündigung eine Entwicklung den Computerspiele-Markt weitreichend zu verändern, mit der selbst die Experten nicht im Traum gerechnet hätten.

Hier verweist das Buch - rückblickend betrachtet - auf ein Problem von viel größerer, gesamtgesellschaftlicher Tragweite, denn nicht nur Investoren in der Computerspiele-Branche, Unternehmen und Entwickler müssen "irgendwie" mit diesem Unerwartbaren umgehen, mit diesem Problem werden gleichermaßen Vertreter aller Wirtschaftsbranchen konfrontiert - aber ebenso wir "Normalverbraucher", die sich in einer "Weltrisikogesellschaft" voller "schwarzer Schwäne" wiederfinden und in der hinter der nächsten Ecke womöglich schon die nächste Krise oder Katastrophe lauert. Da mag noch mehr Menschen als bislang die Kontrollierbarkeit von "virtuellen" Katastrophen in rechnergenerierten Welten enorm beruhigend erscheinen... Übrigens: Weitere Rezensionen von interessanten Büchern zum Thema Medien finden Sie unter der Rubrik "Kiek mol in" auf der web site der Mediensucht-Hilfe Hamburg unter [...] und im Blog können Sie feste mitdiskutieren. Also, kiek mol in!


Konrad Zuse: Roman eines Lebens
Konrad Zuse: Roman eines Lebens
von Michael Kuyumcu
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Konrad inside!, 22. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Konrad Zuse: Roman eines Lebens (Taschenbuch)
Als Medien-Informatiker kannte ich bereits die mitunter nicht nur abenteuerlichen, sondern schlicht und ergreifend lebensgefährlichen Umstände, unter denen Zuse den ersten Computer baute. Wahrlich der Stoff für einen Roman oder einen Leinwand-Thriller. Nachdem mich das Buch von F.C. Delius über Zuse maßlos enttäuscht hatte, weil es sehr wenig mit Zuse zu tun hat, war ich allerdings skeptisch. Dieser Roman hingegen nimmt sich zwar einige künstlerische Freiheiten heraus, was das Innenleben des "Helden" angeht, hält sich sonst aber getreu an die Fakten. Zu meinem Erstaunen stimmen sogar die fachlichen Details. Es ist dem Autor zugute zu halten, dass er es schafft, den Leser tatsächlich in die damalige Zeit eintauchen zu lassen und durchgehend zu fesseln. Zuses Werdegang, speziell sein Verhältnis zu den Nazis scheint mir ebenfalls im Großen und Ganzen glaubwürdig dargestellt. Auch wer sich nicht für Computer interessiert, sondern einfach nur einen spannenden Thriller mit zeitgeschichtlichem Hintergrund sucht, wird den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Das Besondere an dem Buch, das es von allen anderen mir bekannten Büchern über Zuse abhebt, ist neben dem Faktor "Spannung" aber, dass das Buch versucht, auch den Menschen Konrad Zuse verständlich zu machen. Wenn auch mit den Mitteln der Fiktion, erhält der Leser meines Erachtens hier wirklich den Eindruck, den Menschen hinter den Erfindungen kennen zu lernen, ein Stück weit in seine Seele hineinschauen zu können - sozusagen "Konrad inside". Das ist wirklich neu und wie ich finde in der Regel überzeugend gelöst. Auch wenn Zuse "in echt" vielleicht doch ein ganz anderer Mensch war, die Schilderung des Romans vor dem Hintergrund der damaligen Zeitumstände ist in sich höchst schlüssig - trotz oder gerade wegen mancher überraschender, dunkler Seiten des "Genies". Zu bemängeln habe ich lediglich, dass der Roman auf dem Einband verspricht oder zumindest suggeriert, das gesamte Leben Zuses darzustellen. Das stimmt jedoch nicht, der Roman endet mit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Der weitere Lebensweg Zuses war wohl nicht spektakulär genug? Schade, da das Buch sehr kurzweilig zu lesen ist, hätte es ruhig noch umfangreicher sein dürfen.


The Buddha in the Robot
The Buddha in the Robot
von Masahiro Mori
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Engagierter Brückenschlag von Religion und Technik, 9. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: The Buddha in the Robot (Taschenbuch)
Der Autor versucht in einer leicht verständlichen Sprache anhand von einfachen Beispielen aus den Bereichen der Naturwissenschaft und Technik verschiedene in Japan sehr weit verbreitete buddhistische Glaubensinhalte und Überzeugungen anschaulich zu machen. Dies gelingt ihm teilweise ausgesprochen gut, teilweise sind seine Schlußfolgerungen aber auch banal oder gewöhnungsbedürftig, etwa wenn die Übereinstimmungen zwischen der Lehre Buddhas und Differentialgleichungen aufgezeigt werden. Für kritische Leser mitunter ärgerlich, ist das gemeinsame Dritte zwischen Religion und Technik mitunter recht weit gefasst, aber dennoch in der Regel aufschlußreich. Der besondere Wert des Buches, der es auch fünfunddreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung noch lesenswert macht, besteht meines Erachtens darin, dass hier ein Fachmann der Robotik und gläubiger Buddhist die beiden Bereiche der Religion und der Technik mit viel Liebe miteinander verbindet, um den Lesern die Augen für die (leider heute immer noch aktuellen) Probleme seiner Gegenwart zu öffnen und zum Nachdenken zu bewegen - das letztlich wohl zu einem Umdenken führen sollte. Für Leser aus einer sehr technikorientierten Kultur wie der europäischen sicherlich auch ein guter Einstieg, um einen ersten Eindruck von einer nicht nur in Japan höchst populären buddhistischen Denkart zu erhalten.


Philosophenkönig: Eine Einführung
Philosophenkönig: Eine Einführung
von Martin A Gallee
  Taschenbuch

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Endlich ein - interaktiver - roter Faden durch die Philosophie, 12. Dezember 2008
Einführungen in die Philosophie gibt es in solchen Mengen, das einem fast schon schlecht wird bei dem Versuch, sich einen Überblick über das Angebot zu verschaffen. Das Problem vieler Einführungen, die ich verglichen habe, ist einerseits, dass viele Einführungen viele bunte Bilder und Grafiken bieten, das eigentliche Wissen sich aber auf erweiterte Stichworte beschränkt, die einem für das Studium nicht viel mehr bringen als eine ausführliche Internet-Recherche - oder aber andererseits nur schwer verständlich geschrieben sind und so viel Wissen bereits voraussetzen, dass sie für Anfänger wenig geeignet erscheinen. Ein ständig sich wiederholendes Problem ist auch, wie umfangreich die jeweiligen Themen oder Philosophen vorgestellt werden. Auch ist meiner Meinung nach Studenten, die einen Überblick gewinnen wollen, wenig geholfen, wenn die Einführung die Philosophie nach Jahrhunderten, speziellen Themen oder Personen aufgliedert. Bald stellt sich der Frust ein, weil sich z.B. aus den vielen Einzeldarstellungen einzelner Philosophen eben kein einheitliches Bild der Philosophie als Ganzes ergibt. Auch zu speziellen Themen wie z.B. der Erkenntnis sind die Positionen so unterschiedlich, dass der Anfänger schnell zu verzweifeln droht. Der Autor dieser Einführung versucht diese Probleme elegant dadurch zu umschiffen, dass er hilfsweise davon ausgeht, dass man die Philosophie als Antwort auf die Frage nach dem Weltbezug des Menschen verstehen kann, die Philosophie sich also immer auf die eine oder andere Art und Weise mit der Begegnung des Menschen mit der Welt auseinandersetzt. So entsteht ein roter Faden durch die Geschichte der Philosophie von Sokrates bis Heidegger und bis in die Gegenwart hinein, an den man sich halten kann und der für den nötigen Überblick sorgt. Auch wenn ich mir das ein oder andere Kapitel vielleicht etwas kürzer gewünscht hätte (das Buch umfasst immerhin 320 Seiten), ist für das Studium doch enorm wichtig, dass diese Einführung in ausreichender Weise in die Tiefe geht, die Argumentationen der einzelnen Philosophen auch so genau nachvollziehbar macht, dass sich das Gelernte in Prüfungen und Seminaren erfolgreich anwenden lässt. Besonders leserfreundlich, wenngleich auch manchmal etwas gewollt, fand ich den Sprachstil des Autors, der sich an der Alltagssprache (manchmal sogar der Umgangssprache) orientiert, "Fach-Chinesisch" bewußt vermeidet und alle Fachbegriffe, insbesondere die Begriffsprägungen der jeweiligen Philosophen, wirklich glasklar erklärt. Also endlich einmal eine Einführung, die tatsächlich verständlich ist und das nicht nur behauptet. Besonders gelungen fand ich in dieser Hinsicht das Heidegger-Kapitel. Heidegger so anschaulich erklärt, das hätte ich mir in der Tat schon einmal ein paar Jahre früher gewünscht! Der "Klopper" ist für mich aber, dass man mit Hilfe des Codes am Ende des Buches auf der web site, die das Buch begleitet, direkt Fragen an den Autor stellen und viele für das Studium hilfreiche Informationen bis hin zum richtigen Bibliographieren abrufen kann. Als einzigen echten Schönheitsfehler des Buches empfinde ich das Fehlen von Kurz-Zusammenfassungen am jeweiligen Kapitel-Ende - diese selbst zu verfassen wird den Lesern vom Autor absichtlich "zugemutet" (o.k., ich bin faul). Die web site, vor allem die spannenden Exkurse zu Heidegger (und dem Nationalsozialismus) oder Nietzsche (und die Frauen), entschädigen dafür aber wieder voll und ganz und machen Lust auf noch mehr Philosophenkönige.


Nichts hält ewig: Kieler Kriminalkomödie
Nichts hält ewig: Kieler Kriminalkomödie
von Andreas Sander
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lustig und spannend, 12. Dezember 2008
Wer Norddeutschland mag und sich gerne rasant wie lustig unterhalten lässt, wird dieses Buch in sein Herz schließen. Die mit viel Liebe zum Detail gezeichneten Figuren sind lustig bis abgefahren, gleichzeitig gewinnt man sie sehr schnell lieb und der Autor versteht es augenzwinkernd so manches berühmte Krimi-Vorbild aus Filmen und Literatur gekonnt zu parodieren. Kiel ist (Landeshauptstadt hin oder her) - zumindest aus Hamburger Sicht - nun wirklich nicht der Ort für krumme Geschäfte mit noch geheimen High-Tech-Waffen, Mordkomplotten und jede Menge Action (was geht im echten Kiel überhaupt ab?)... aber hier fängt schon der oftmals skurile bis schrullige Humor des Buches an, den der Autor bis zur letzten Seite auch durchhält. Ebenso angenehm aufgefallen ist mir das Format des Buches, das sich aufgrund seiner kompakten Größe prima mit in die U-Bahn, den Flieger, den Zug oder auch an den Strand mitnehmen lässt. Ein Buch, das man auf jeden Fall in einem Rutsch durchlesen muss und das leider viel zu schnell endet - aber vielleicht gibt es ja bald noch einen zweiten Teil.


Erstlingsgeschichten: Erlebnisse rund um das literarische Debüt
Erstlingsgeschichten: Erlebnisse rund um das literarische Debüt
von Thomas T Tabbert
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So läuft also der Hase, 12. Dezember 2008
Für Schriftsteller/innen und vor allem solche, die es werden wollen, gibt es bereits eine Menge Handbücher voller nützlicher Adressen und Listen für mögliche Wettbewerbe. Doch wie ist es eigentlich denjenigen ergangen, die es in diesem unübersichtlichen "Litbizz" in jüngerer Zeit tatsächlich "geschafft" haben. Was bedeutet es konkret, es "geschafft" zu haben und wie sah der Weg dorthin aus? Welche Erfahrungen haben die Autoren/innen z.B. mit Verlagen, Lesungen, Agenten und Presse-Kritiken gemacht? Wie sieht der Alltag eines Schriftstellers/in konkret aus? Das Buch von Uta Graßhoff geht das Thema von der persönlichen Seite her an - sie hat direkt nachgefragt bei vielen sehr interessanten jungen Autoren/innen, von denen viele zu meinen Lieblingsautoren/innen gehören, wie z.B. Juli Zeh, Joachim Zelter, Zoe Jenny oder Julia Franck. Sie hat aber auch bei den "Machern" nachgefragt, die für einen literarischen Durchbruch heutzutage unverzichtbar zu sein scheinen, wie berühmte Literaturagenten/innen, die Veranstalter von Literatur-Events, aber auch bei jungen, unabhängigen Verlegern oder bei den Herausgeber/innen von angesagten Fachzeitschriften. Als Leser/in bekommt man so aus vielen verschiedenen Perspektiven einen vielschichtigen Überblick, wie das "Litbizz" heute in Deutschland abläuft und was es im Alltag für alle Schreibenden bedeutet, daran teilzunehmen. Was die einzelnen interviewten Schriftsteller/innen angeht, so war es einfach ausgesprochen spannend und immer wieder sehr aufschlußreich, diese unterschiedlichen Lebensläufe zu lesen, insbesondere an den Erfahrungen dieser außergewöhnlichen Menschen teilzuhaben - ein Buch über die Schriftstellerei, das in dieser Form definitiv noch gefehlt hat.


Aus: Texte über das Jetzt
Aus: Texte über das Jetzt
von Gunther Dietrich
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Heftig und direkt, 9. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Aus: Texte über das Jetzt (Taschenbuch)
Ich bin auf den Titel aufmerksam geworden, weil der gleiche Verlag auch Sekundärliteratur zu Michel Houellebecq anbietet. Und Leser, denen Elementarteilchen von Houellebecq oder 39,90 von Beigbeder vom Gefühl her zugesagt haben, dürften auch an diesem Buch ihre Freude haben. Der Autor schreibt kurze, sehr lesbare Texte in einem schlichten, äußerst direkten Stil, der sich stark an der Alltagssprache orientiert - das Buch ist also nichts für Formfetischisten und Leute mit schlechten Nerven. Denn die Gefühle, die Dietrich auf seine schnörkellose Weise rüberbringt, lassen einen lange nicht mehr nicht los. Die Texte sind mitunter sehr gesellschaftskritisch und trauen sich ohne Scheu auch tabubesetzte Themen anzugehen. In erster Linie rechnen sie ziemlich schonungslos ab mit den Lebenslügen und Perversionen unserer Gegenwart, mit denen vor allem die Generationen der 25 bis 45-Jährigen heutzutage konfrontiert werden. Das geschieht oft auf eine so heftige Weise, daß es einem schon mal unheimlich werden kann. Immer wieder tauchen so die Themen Entfremdung und Einsamkeit auf. Darin liegt auch das für mich einzige Manko des Buches, daß manche Themen wiederholt auftauchen, aber ich vermute, daß sich der Autor hier teilweise auch seine eigene Verzweiflung von der Seele geschrieben hat. Begeistert hat mich das Buch vor allem wegen der eindringlichen Psychogramme, die Dietrich von typischen Zeitgenossen gegeben hat, die wahrscheinlich viele von uns vom Arbeitsplatz oder sonstwie aus dem Alltag kennen werden - und wie gekonnt er die Abgründe hinter der scheinbar heilen Fassade vieler dieser Zeitgenossen darstellt. Letztendlich kann der Leser fühlen, daß er mit seinem Unbehagen nicht allein ist und allein deshalb schon tut die Lektüre dieses Buches gut. Es hat gewissermaßen eine reinigende Wirkung, wirkte auf mich aber teilweise auch wie eine Art Blitzableiter. Und ganz nebenbei liefert Dietrich auch noch ein paar der kribbelndsten Liebeskummer-Flugzeuge-im-Bauch-Abschiedstexte, die ich kenne.


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