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Rezensionen verfasst von
kpoac

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Was geschah im 20. Jahrhundert?: Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft
Was geschah im 20. Jahrhundert?: Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Seine sprachlichen Grillen verleihen dem Leben neuen Zauber., 4. September 2016
"Wer Nachrichten lanciert, muß wissen, daß er
durch sie das menschliche Klima mit erschafft."
(Peter Sloterdijk, p205)

Über das 20. Jahrhundert zu reflektieren fällt im 16. Jahr des 21.Jahrhunderts nicht unbedingt leichter. Denn ein Blick auf die Vergangenheit aus dem Zentrum der Gegenwart entbehrt nicht jene Komplexität der unvermuteten Zusammenhänge. Peter Sloterdijk (1947-) gelingt es in diesen kurzen, eloquenten Berichten eine Atmosphäre der Leselust zu erzeugen, weil er ein großer Erzähler dieser Zeit ist. Philosophie im Blick und doch im Fokus den Narrativ der Zeit, belebt er Geschichte und deren Einfluss bzw Neubetrachtung im Heute.

Nicht verwunderlich daher, dass er in dieser Zeit das Anthropozän an den Anfang stellt, um deutlich zu machen, Geschichte ist nicht Geschichte ohne den Menschen, wie es auch ohne ihn nicht in die Zukunft des Erzählens geht. Und ohne ihn gibt es nicht die Zukunft der Innovation, auch wenn darin die Menge des Vernachlässigten in Folge zu einer Neubetrachtung führen muss.

Das Anthropozän ist also im Anfang eine Zeit, in der der Mensch im Fortschritt durch Emissionen die Erdgeschichte zu verändern vermag. Sich in der Folge um die Veränderung des Klimas zu kümmern, liegt somit auch in der Folge der frühen Globalisierung mit Beginn der Seefahrt und den daraus erwachsenden Technologien bis ins Industriezeitalter und des ihm folgenden Zeitalters der digitalen Transformation und der synchronisierten Welt.

Es kann einer Rezension nicht gelingen, die Fülle aus den 12 sehr interessanten Miniaturen im Einzelnen zu beleuchten. Es sind jedoch die grundsätzlichen Elemente, die Verbindung halten zwischen ihnen. Und dort steht der Mensch in der Relation des Raumes und Zeit. Als Teilnehmender eines Universums steht er unter Beobachtung und ist zugleich Beobachter. In diesem Szenario handelt er als Rationaler in seiner Vernunft, wie auch als Träumer in seiner Vision.

In allem scheint das Primat der körperlichen wie geistigen Bewegung und Beweglichkeit, sehr deutlich zu spüren im Odysseus Exzerpt, als Primat der Reise und des Erlebens, was nur wie zufällig auch als eine Nachricht der Moderne als permanente Erzählung uns lesend begegnet. Gerade hier in der Vorstellung, Odysseus sei ein Sophist, erklärt PS die aktuelle Wahrnehmung einer Streitkultur, die sich ausprägend zeigt in Hetze, Denunziation oder Herabsetzung. Heute, und darin liegt die Kritik, sind die Dinge vorentschieden, bevor sich Strittigkeit entfalten kann. Die griechische Polis hingegen war bereits streitkulturell organisiert.

Dieser Sloterdijk ist lesenswert in den mannigfaltigen Betrachtungen und Abwägungen dieses 20. Jahrhunderts und in den Betrachtungen der Hegelschen Vernunft der List, in der die Ideen die Leidenschaften für sich wirken lassen.
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Die 4. Revolution: Wie die Infosphäre unser Leben verändert
Die 4. Revolution: Wie die Infosphäre unser Leben verändert
von Luciano Floridi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Digitale Transformation und zukünftiges Leben, 26. August 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Meinst Du, dass wir eines Tages in der Lage sein werden,
die anderen Dinge am Ende des Telefons zu sehen?
(Virginia Woolf)

Luciano Floridi (1964-), Professor für Philosophie der Information und der Informationsethik an der Universität in Oxford, ist ebenso anerkannter Berater in dem Metier der Informationstechnologie. Zuletzt hat das Philosophische Magazin sich seinen Schwerpunkten gewidmet.

Mit ihm auf die Reise zu gehen, um die digitale Transformation zu beleuchten und in ihrer Vielfältigkeit zu verstehen, ist für den Interessierten ein Muss, für jeden anderen eine hilfreiche Begegnung mit den Herausforderungen der Zukunft. Sich diesen nicht zu stellen, ist eine Möglichkeit, wohl wissend, sie kommen. Und weil diese Herausforderungen kommen, ist dieses Buch wichtig. Wichtig auch deshalb, weil es Floridi gelingt, nah an der menschlichen Entwicklung die Entwicklung von Technologie zu beschreiben. Beginnend in der Zeit des Nichts, in der Zeit der ersten Geschichte angefangen beim Buchdruck, die begleitet von Informationstechnologie zu einer Änderung und Anpassung führte. Heute in der Zeit der Hypergeschichte lösen wir uns von der Anpassung und führen uns mehr und mehr in die Abhängigkeit der Informationstechnologie.

Nun ist Abhängigkeit nicht weiter tragisch, wenn man dessen immanente Auswirkungen bedenkt. Denn sollte es gelingen, den traditionellen Arbeitsalltag mit all den Routinen zu digitalisieren und entsprechend in einen Algorithmus zu gießen, wird menschliche Tätigkeit bisheriger Kenntnis und Ausführung in Teilen obsolet. Die maschinelle Übernahme fördert und fordert den Menschen sich neu zu besinnen auf seine immanenten humanen Eigenschaften. Im Prinzip lässt die Zukunft erwarten, dass der Mensch sich seinem Wesen nähert.

Doch in Fortführung bisher bekannter und diskutierter Kränkungen, angefangen bei Kopernikus, der die Erde aus dem Mittelpunkt des Alls katapultierte, weiter bei Darwin, der dem Menschen den Mythos der göttlichen Schöpfung nahm und schlussendlich endend bei Freud, der dem Ich die Herrschaft im eigenen Haus entzog.

Und in dieser Periode liegt es nahe zu denken und zu befürchten, dass der vom Menschen geschaffene Roboter eine Reife erlangt, die den Menschen zum Haustier seiner Schöpfung degradiert. Diese vierte Revolution läuft Gefahr, den Menschen zu entindividualisieren und in eine Rolle von Inforgs zu pressen. Wie Gogols tote Seelen sind wir nur noch unter dem Primat des als obs bedeutend, wenn wir dem Konsum im Netz noch huldigen.

Es gilt also neu zu definieren, wo der wertvollste Besitz des Menschen liegt, wie er seine Privatsphäre retten kann und seine "Freiheiten von" und seine "Freiheiten zu" geistig und physisch ordnet. Er wird sich wieder zu einer persönlichen Ermächtigung führen, die Foucault in Anlehnung an die griechische Tradition die Selbstsorge nennt. Die Ermächtigung, auch im Rahmen der Bildung gefördert, kann eben Chancengleichheit ermöglichen als Einbeziehung in den Entscheidungsprozess. Das reduziert Ausgrenzung und fördert Eigenverantwortung. Da nun die Digitalisierung nicht zu stoppen ist, werden Real-Life und Virtualität sich annähern. Floridi sieht diesen Aspekt sehr deutlich. Hier redet er nicht der Trennung das Wort, sondern verbindet im Neologismus "Onlife" beide Sphären und hält den wachsamen, selbstsorgenden Menschen für hinreichend klug, in diese Verbindung einzutreten.

Bei aller Neugestaltung der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologie müssen wir uns noch nicht in eine neue Idylle denken und möglichen Illusionen schon heute erliegen. Es gilt, und das macht Floridi lesenwert, einen kritischen Blick zu bewahren, Technologie im Zusammenhang mit Ethik zu betrachten und letztendlich eine Zukunft auch der Digitalisierung gestalten, die Weiterwohnlichkeit in diesem Universum sicherstellt.
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Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute
Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute
von Byung-Chul Han
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Terror des Gleichen, 2. August 2016
"Ich wiederhole mich so lang, bis man mich verstanden hat."
(Voltaire)

Mit Verlaub, das könnte der Wahlspruch der Berliner Professors sein, der nun mehr wie am Fließband seine Bücher schreibt. Man gebe ihm Worte wie : Positiv, Negativ, glatt, Entfremdung, Körper, Gleiches, Authentizität, etc und herauskommt in kurzen und klaren Sätzen, dass dort, wo Reibung fehlt, nur das Positive in den Blick rückt und mangelnde Differenz ein Heer von Gleichen und Gleichheit erzeugt, die unter der Ägide des gewollten "Likes" an Identität verlieren.

Geschieht dieser Identitätsverlust, diese Wucherung des Gleichen, dann wird auch der Andere in seinem Gleichsein unerkannt. Aus der Permanenz des Positiven geschieht die Austreibung der Differenz und damit des Anderen. Ob er nun in der Form des Terrors sich neu entdeckt oder nicht, am Ende steht eben ein Selfie, selbst gemacht oder durch die Presse in die Welt geschickt. Darin ist laut Han nur noch Narzissmus zu erkennen, a priori versteht sich. Und wiederum im Modus der Gleichheit. Seiner Selbst bewusst wird man erst im Tod.
Seine Sätze sind wie Kugelhagel, schnell dahin gesagt, den Kontext sollte der Leser vollenden.

Han liebt es scheinbar oder anscheinend ein Palimpsest zu beschreiben, eine Wiederbeschreibung auf schnellste Art. Denn ob über die Schönheit, über Müdigkeit, über das Digitale oder sonst was, er bleibt stets bei der Ableitung gängiger Begriffe und gibt ihnen neue Kleider. Was sagt er? Nichts Neues. Denn sein Schreiben vom Terror des Gleichen ist praktisch von Buch zu Buch angewandt. Verbunden mit kurzen Abrechnungen zum Beispiel über soziale Medien (p9).

Wenn er über Panoptikum und Bannoptikum schreibt, über Neoliberalismus oder sonst was: wir müssen andere lesen. z.B. Zygmunt Bauman. Han flieht zu anderen Größen wie Kant, Heidegger, Baudrillard ... und gibt sich hell in deren Glanze.
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Müdigkeitsgesellschaft Burnoutgesellschaft Hoch-Zeit (Fröhliche Wissenschaft)
Müdigkeitsgesellschaft Burnoutgesellschaft Hoch-Zeit (Fröhliche Wissenschaft)
von Byung-Chul Han
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jede Art von Kontemplation, von Verweilen, hebt die Zeit in ihrer Quantität (Fülle) in den Modus der Qualität (Erfüllung)., 30. Juli 2016
"Wir beklagen uns, dass wir zu schnell ermüden, statt dankbar zu stauen,
dass wir die Welt nur zu vergessen brauchen, um sie wie neu zu empfinden."
(Albert Camus in: Hochzeit des Lichts, S.17)

Der Aufruf zur Müdigkeit ist nicht mehr als ein Aufruf zum Vergessen von allem, was das Leben ohne eigene Absicht fordert. Der Aufruf ist ein Weckruf zur Selbstbesinnung in dem Maße, wie das eigene Leben es dringend benötigt. Denn in der Wirkung alter Tradition hat die Welt ein Ende gefunden. Die neue Frage in Hinblick auf neuronale Dispositionen schuf zugleich einen neuen Boden, auf sein Leben und Wirken zu achten.

In Anerkennung und Gegenrede anderer wie Heidegger, Arendt und andere geht Han vom Verschwinden alter Feind- und Fremdbilder aus, die vormals zur eigenen Positionierung und Bestimmung gelten konnten. Zugleich galt früher die Foucault'sche Betrachtung der Strafe im Imperativ: Du sollst! Nun ist mit Aufgabe aller Negationen zu erkennen, dass die positiv bewerteten Erlebnisse überhand nehmen. Im Zuge der globalisierten Einheit trifft der Mensch auf immer mehr Gleiches und vor allem auf Menschen gleicher Qualität. Seine Position vom Du sollst! wird nunmehr verkehrt in die Teilnahme am System und der selbst auferlegten Forderung: Ich kann!

Alles Fremdbestimmte und fremd Aufoktorierte wird nun verwandelt zur Geisel seiner Selbst. Auch die Gegenwehr, früher nach Außen gerichtet, kann nun ihren Abfluss nur nach Innen finden. Sich selbst einbetten zu wollen, gar zu müssen in eine Leistungsgesellschaft schafft genau jene Attribute, die eine Flucht aus dem System bedingen durch neuronale Krankheiten. Hans These heißt daher nicht mehr, dass Burn-Out, Depression und Border-Line als Störungen aus dem System der monotonen, gar singulären Systemdominanz notwendigerweise erwachsen. Denn dort wo nur eines gilt, in diesem Fall die Summe aller Positivismen, muss das Individuum sich ein-, wenn nicht gar unterordnen in eine Welt, die bei aller Gleichheit eben den Verzicht auf Individualität durch Überforderung erzwingt. Han erkennt nun, dass gerade diese Notwendigkeit zur Aufgabe des Selbst, zum Verzicht auf die Sorge um sich zu den negativen Auswüchsen führt, die unsere Gesellschaft im wachsenden Maße prägt.

Als kritische Gesellschaftsbeschreibung lässt sich Han bestens lesen. Speed, Leistung und Depression als Trias einer modernen Gesellschaft werden augenfällig und klar positioniert. Das Gegengift ist Müdigkeit, wenn man will auch jene vita contemplativa, welche Sloterdijk dem Stress als Lösung entgegenstellt. Sich den Leitkrankheiten eines jeden Zeitalters bewusst zu werden, ist Anliegen von Han. Durch die Bewusstwerdung die eigene Haltung zu sich zu stärken ebenso. Daher eine durchaus lohnenswerte Schrift in der Jetztzeit.

Und wenn man von der menschlichen Wirkung auf das System an sich schließt, wird man feststellen können, dass vielleicht der Kapitalismus ohne Feindbilder aus gleichem Grunde systemisch sich zu Grunde richten kann. Die Wettspiele auf die Anleihen für Aufstieg und Fall der Staaten ist nicht eine Hilfe an sich, sondern Spiel mit dem Glück bzw Unglück anderer. Die Gleichheit einer Währung nimmt ohne ein ganzheitliches System für alle, dem Einzelnen den Spielraum und kann zum staatlichen Infarkt führen. Müdigkeit im Sinne einer vita contemplativa, die Hannah Arendt gar aus dem vita activa ableitet, in dem sie das Denken in den Vordergrund stellt, scheint, wenn auch bei ihr nicht ganz konsequent hergeleitet, wieder eine gültige Forderung zu werden.
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Das konvivialistische Manifest: Für eine neue Kunst des Zusammenlebens (herausgegeben von Frank Adloff und Claus Leggewie in Zusammenarbeit mit dem ... (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft)
Das konvivialistische Manifest: Für eine neue Kunst des Zusammenlebens (herausgegeben von Frank Adloff und Claus Leggewie in Zusammenarbeit mit dem ... (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft)
von Les Convivialistes
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Es gibt ein richtiges Leben im falschen., 3. Juli 2016
"Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind
mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."
(Hans Jonas)

Sich seiner Verantwortung für eine gemeinsame Welt und eine gemeinsame Zukunft bewusst zu werden, fordert im vorn hinein, seinen eigenen Lebensraum zu erweitern und über Grenzen zu sehen und zu denken. Wenn wir uns an die Grenzen des Wachstums erinnern, wie es der Club of Rome prognostizierte im Jahre 1972 und in einer Neuauflage mit einem Horizont bis 2050, spüren wir diese neue Verantwortung im Nacken und sind spürbar angehalten, Verhalten im Sinne der Welt mit Nachhaltigkeit zu verfestigen. Aus dem subjektiven Verhalten vieler folgt die Veränderung einer Gesellschaft, die sich neu positionieren wird in einem Zustand jenseits des Wachstums und jenseits der ständigen Steigerung. Die Wertmaßstäbe werden wechseln weg vom Mehr, hin zu einem Zustand des Erhaltes.

Die Endlichkeit vieler Rohstoffe ist somit schon heute zu bedenken und die Ergebnisse des Denkens sollten ihre Konsequenzen im Verhalten des Menschen zur Erde finden. Der Wechsel auf erneuerbare Energien ist bereits der erste Fingerzeig. Um aber auch diese Veränderung im Zuge der Globalisierung Erd umspannend zu erreichen, tritt die Notwendigkeit einer vermehrten, verbesserten und zielgerichteten Zusammenarbeit auf die Bühne. Von Kollaboration, von Konvivialismus, von Konvivialität wird nun vermehrt die Rede sein.

Dieses anzuregen und anzutreiben, beschlossen eine Vielzahl von Wissenschaftlern auf Basis der Schriften von Ivan Illich, sich der Sache anzunehmen, Perspektiven aufzuzeigen und in einem Manifest zu verbreiten. Nicht allein diskutiert werden sollten die Differenzen. Einzigartig ist dieser Diskussion, dass die verbindenden Elemente herausgesucht, formuliert und verfasst wurden. So ist genau dieses Manifest die Basis weiterer Diskussionen, in denen dass Nicht-Verbindende in seiner Klarheit herausgearbeitet und in den Versuch einer Nachhaltigkeit der Weltverbesserung zielgerichtet eingearbeitet werden soll und kann. In Summe geht es um die Betrachtungen von Sein und Haben (vgl Fromm) und vor allem um die Wiederherstellung "des Primats des Seins vor dem Haben".

Die Idee von der Wachstumsrücknahme findet ihre Wurzeln in den ökologischen Krisen wie in der Entwicklungspolitik. Zugleich wird darin ein cultural-change von Bedeutung sein, der die vermeintliche Abhängigkeit der Gesellschaft von Wachstum Lügen straft und dieses Vorgehen weniger als Katastrophe, mehr jedoch als notwendige Selbstbegrenzung mit Überlebenspotential proklamiert.

Von der Logik des Nehmens kommt die Gesellschaft dann notwendig zur Logik des Gebens. Corporate Social Resonsibility ist nur ein Zug einer Erneuerung. Zugleich entdeckt man in ihr das Prinzip der Solidarität als eine Form wechselseitiger Anerkennung und die Ambition, das Aussterben des homo oeconomicus zu beschleunigen. Die Werte einer Demokratie wie des konvivialen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens sind mit neuer Priorität zu beleuchten. Veränderung als Aufgabe der Institutionen zu betrachten, ist erklärte Passivität. (vgl: Kollaboration, Terkessides)

Insgesamt ist Konvivialität in moralischen, politischen, ökologischen und ökonomischen Kategorien überdenkenswert. Bzgl der Moral gilt die Hoffnung, dass jeder mit gleicher Würde betrachtet wird. Bzgl der Politik ist weniger Hoffnung auf einen Weltstaat zu setzen, wie die aktuelle (2016) Diskussion in UK zeigt. In diesem Weltstaat jedoch ist die Verteilung notwendiger Ressourcen nach Minimum-Definition zu gewährleisten. (vgl BGE Diskussion 2016) Bzgl der ökologischen Überlegungen muss der Mensch anerkennen, nicht weiter der Herr der Natur zu sein. Verantwortung der Natur gegenüber setzt auf Permanenz menschlichen Lebens. (vgl Hans Jonas) Bzgl der ökonomischen Überlegungen gilt es anzuerkennen, dass Glück und Wohlergehen keine Korrelate von Geld und materiellem Reichtum sind. Notwendig wird es, den Fokus darauf zu legen, wie Wohlstand ohne Wachstum unter gemeinsamer Sozialität möglich ist bzw sein wird.

Ist das möglich? Was also tun? Das Prinzip Konvivialität muss reifen, so wie das Prinzip Kollaboration schon langsam an Deutlichkeit gewinnt. Nun, diese Transformation wird Neues bringen, Altes verändern und über Bord werfen. Es wird eine Zeit geben, wo das Alte nicht mehr ist, das Neue noch im Werden ist. Damit ist Geduld, Gelassenheit eine notwendige Tugend des Wandels.

Lesenwert.
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Kultur der Digitalität (edition suhrkamp)
Kultur der Digitalität (edition suhrkamp)
von Felix Stalder
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwischen Selbstbestimmung und Algorithmus., 7. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die digitale Kommunikation ist eine ortlose Dauergegenwart."

Ein unerwarteter Anfang begegnet dem Leser. Eurovision 2014, die sozialen Medien, die Spannung und dann der/die Gewinner/in: Conchita Wurst. Das Publikum feierte sich selbst, denn die Interpretation, dass nun Toleranz, eine Wirkung gegen Homophobie sich deutlich zeigten und es ein Recht sei, sich zu zeigen, wie man möchte. Gelungen war der Auftritt, weil er deutlich machte in seiner Inszenierung, wie die "Sehnsucht nach Überwindung verbrauchter Konventionen" eine Gemeinschaft mobilisieren kann.

Es liegt nun nahe, zu glauben, dass alles eins sein kann, selbst die Genderdiskussion wurde hier auf das Verschmelzen der Geschlechter geführt. Nun, wie sind sie also, die kulturellen Praktiken der Vergangenheit und vor allem der Zukunft. Felix Stalder (1968-), Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler, gelingt ein lesenswerter Ritt durch die historische Betrachtung von Kultur und Digitalität. Wir finden uns also nun nicht mehr im Jetzt und in der Betrachtung der Digitalisierung, sondern gehen zurück in die kulturellen Praktiken, die die Digitalität berühren.

Von einer Kultur (verstanden als dynamische Auseinandersetzung in permanenten Veränderungen) der Digitalität (verstanden als Abgrenzung zum Analogen und als technologisches Set vielfältiger Relationen und Transformationen) können wir nach Stalder im Singular sprechen, weil es eine über alle Grenzen hinweg einheitliche Betrachtung auf drei Ebenen gibt. Charakteristisch für diese Kultur sind (1) Referentialität, (2) Gemeinschaftlichkeit und (3) Algorithmizität.

Referentialität meint, dass nicht auf Unbekanntes, auf Rohmaterial zurückgegriffen werden kann, sondern das bereits mit Bedeutung versehenes Material, Erfahrungen etc in einen neuen Kontext eingebettet werden. Die Erkennbarkeit der Quelle wie der sichtbare freier Umgang damit sind Aspekte dieses Verfahrens, Bezüge herzustellen. Mögliche Brüche stehen weniger im Vordergrund als vielmehr auf eine synthetische Betrachtung in der Gegenwart Wert zu legen. Die viel genannte Authenzität gilt es nicht zu erhalten, sondern im Verfahren eine neue zu entwickeln. (vgl Poschardt) Referentielle Verfahren sind somit ohne Anfang und ohne Ende. Alles kann genutzt werden, um Neues zu gestalten. Zygmunt Bauman spricht von einer praxeomorphen Weise, die Welt zu interpretieren, gemeint: eine vom eigenen know how geprägte Weltsicht.

Gemeinschaftlichkeit meint, dass eine Orientierung als Einzelner in einer immer komplexer werdenden Welt unmöglich ist. Handlungsfähig bleibt oder wird man erst im Zusammenspiel mit anderen (collaboration). Feststellen muss man, das etablierte Vereine und Gruppen ihre Mitglieder verlieren. Zwänge, die aus diesen entstanden sind, gelten nicht mehr und im Gegenzug erfährt diese Freiheit des Einzelnen eine neue virtuelle Bindung oder gewinnt ihre Stärke aus den schwachen Beziehungen. Dort wo normative Zwänge sich verflüchtigen, nehmen ökonomische zu. Das Ständische und Stehende verdampft, wie Marx schon konstatierte. Und im Heute nimmt das Kollaborative, die Community zu im Sinne eines offenen Austausches oder einer sharing economy. In dieser Praxis gewinnt Kommunikation eine besondere Bedeutung, denn von allem ohne Bericht (Bild), wird nichts erfahren. Wichtige Ressource wird so die Aufmerksamkeit anderer auf Basis einer kommunikativen Selbstkonstitution in ambivalenter Freiwilligkeit. Das "Du musst" wird abgelöst durch Erwartung des "Du kannst" (vgl Byung-Chul Han).

Algorithmizität meint, dass in einer komplexer werdenden Welt der Mensch ohne Unterstützung entscheidungsunfähig wird. Technologie und helfende Algorithmen halten Einzug zur Lösung vordefinierter Probleme. "Dixit algorizmi", seit dem 9. Jahrhundert bekannt, wird nun auch der Maßstab einer Welt voller Technologie. Die Fortführung in dynamische Algorithmen, selbst-lernende Systeme kommt einer 'Züchtung" gleich. Der Mensch ergibt sich den Black Boxes in allen undurchsichtigen Entscheidungsprozessen.

Insgesamt beleuchtet Stalder den historischen Prozess dieser Veränderung der Kultur der Digitalität. Mit welcher Zukunft? Nun, diese ist offen. Denn in einer Welt voller Unsicherheiten lassen sich die Prognosen nicht mehr posaunen. Was bleibt ist der Mensch, aufgefordert zu denken und zu handeln. Und zu entscheiden, postdemokratisch und überwacht oder partizipativ und in Commons zu leben. Das ist die Aufgabe, und diese Aufgabe hinterlässt Stalder ohne Scheu dem Leser.
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Der Sandmann: Berlin 1816
Der Sandmann: Berlin 1816
von Joseph Kiermeier-Debre
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "... die Geheimnisse der anderen Welt aus den Augen ziehen."(Kant), 24. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Sandmann: Berlin 1816 (Taschenbuch)
"Alles, was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden
als Mittler steht, uns den entfernten Gegenstand nähert, ihm aber
zugleich etwas von dem Seinigen mitgiebt, ist romantisch."
(Clemens Brentano)

Brentanos Definition von Romantik greift Hoffman als Motiv auf, um mit dem Sehen, dem Blick, dem Auge eine Nähe zur Romantik zu zeigen, um sie letztendlich zu überwinden. Der Sandmann ist ein kritisches Stück gegenüber der Romantik. Das Auge, vorherrschendes Merkmal, wird durch Sand geschlossen, wird blutig und stierend und doch wieder lebendig. In den Personen werden die Positionen deutlich und sicherlich die abschließende Haltung Hoffmanns. Interpretationen gibt es zuhauf, "Das Unheimliche", so sein Essay steht in der Freudschen Überlegung expressis verbi in Verbindung mit dem Sandmann. Freud vergleicht den Verlust des Augenlichtes mit der Kastrationsangst, die ja in einer Ausprägung den gespaltenen Vater kennt. Der leibliche Vater ist a priori gut, stirbt bei Hoffmann bei einem Alchimistenexperiment, der schlechte Vater tritt in den Personen Sandmann/Coppelius auf. Hier erscheint er als Doppelgänger. Die Erzählung wird so zu einer Krankengeschichte (im Freudschen Sinne) des Studenten Nathanael. Beginnend mit einem Brief an seinen Freud Lothar, in dem er von den wunderlichen Dingen des Sandmanns berichtet, taucht die Erzählung von der realen Welt in ihren Gegenpart, die Phantasie. Fälschlicherweise adressiert er den Brief an Clara, seiner lieben Freundin, die als Clara = Klarheit sehr wohl die Erscheinungen und Phantasmen deutet und zurückweist in den Bereich der inneren Welt und Nathanael zurückführen möchte in die Welt der Vernunft. Sie erkennt, dass er in den Bann einer Sphäre sich hat führen lassen, in der er nun gleich Orpheus Wanderer zwischen zweier Welten ist und zum Spielball höherer Mächte wird. Clara gelingt es jedoch nicht, Nathanael ganz zurückzuführen in die Welt der Realität. Im Gegenteil scheint es so, dass er sich in seinem Wahn immer mehr verstrickt, gleichsam krankhaft wahnsinnig wird, insbesondere dadurch, dass er sich mit der Perspektive der Romantik übertrieben identifiziert. Er bildet seine Welt, selbst die Gestalten und weckt sie als Ovid'sche Metamorphose zum Leben. Olimpia ist seine Angebetete, nicht als Puppe erkannt, doch zum Leben erweckt mit dem Blick, der selbst der Puppe Augen erstrahlen lässt. Dieses Motiv ist für Hoffmann deutliches Zeichen der Gegenromantik, wo bereits im Namen des Vaters (=Erschaffer) Spalanzani (=künstliche Befruchtung) der Weg zum Homunkulus gewählt wurde.

In der Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia zeigt sich eben diese Bedeutung der Augen am klarsten. Es ist deren spezielle Beziehung, die für ihn sichtbar! wird, für alle anderen Beteiligten niemals. Diese Belebung Olimpias strahlt auf ihn zurück und nimmt ihn gefangen, er kann sich ihrer Macht nicht wehren, wie festgezaubert lag er im Fenster, um sie zu beobachten. Erkenntnis oberhalb der Vernunft scheint durch das Auge verdeutlicht, doch nur so, dass es eine Welt spiegelt, die den Tatsachen nicht entspricht. Gesellschaftlich betrachtet, offenbart Hoffmann seine Kritik an Aufklärung und Romantik dadurch, dass letztere erst den Wirklichkeitsverlust ermöglicht; man sieht nur was man sehen möchte, der Blick wird vom Innern gespeist, letztendlich einer Verklärung gleich.

"Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit", so Sigmund Freud in: Der Dichter und das Phantasieren. Und doch erkennt er, dass dichterische Phantasien eine Verlockungsprämie, gleich einer ästhetischen Vorlust dem Leser geben und er im Genuss des Dichtwerkes aus den Spannungen seiner Seele befreit wird. Über "Das Unheimliche" schreibt Freud insbesondere über den Sandmann, hier verweise ich auf die Rez: S. Freud, Der Moses des Michelangelo, Schriften über Kunst und Künstler; 2004; zum 08.11.2007)

Durchblick und Blindheit, Wachen und Träumen sind die Antipoden, die Aristoteles dazu bewog, dem Wachen eine gemeinschaftliche Welt, den Träumern eine eigene Welt zuzuschreiben. "Wenn von verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt hat, so ist zu vermuten, dass sie träumen" formuliert KANT in >Träume eines Geistersehers<. Und er schließt, wieder das Auge als entscheidendes Organ zu nennen: "Es war auch die menschliche Vernunft nicht genugsam dazu beflügelt, dass sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse der anderen Welt aus den Augen ziehen, und den Wißbegierigen, die sich nach derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen, aber sehr natürlichen Bescheid geben: dass es wohl ratsam sei, wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen".

Wie wahr, lässt Hoffmann doch Nathanael im letzten Wahn, in dem er erkennt, dass Coppola, Coppelius und der Sandmann eines ist, den tödlichen Sprung vom Turm springen und Clara in eine Vernunftwelt abtauchen, in der sie nie mehr gesehen wird. Nur aus beiden Welten erzeugt man eben den überlebensfähigen Weltgeist.
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Ein sterbender Mann
Ein sterbender Mann
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

9 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erotische Obessionen gegen den Tod., 16. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Ein sterbender Mann (Gebundene Ausgabe)
"Und dann eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen,
nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber ..." (R.M. Rilke)

Tod und Liebe sind die beiden Antagonisten im Werk von Martin Walser (1927- ), der am 24.März diesen Jahres seinen 89. Geburtstag feiern kann. Es liegt in der Lebensgeschichte des Autors, der mit "Ein liebender Mann" und mit seiner Versuchung über Rechtfertigung in den letzten sieben Jahren bereits eine Vorahnung von dem schrieb, was einem sterbenden Mann zu verbleiben möglich scheint.

Wenn Hajo Steinert seinen Protagonisten einen "Liebesidioten" nennt, dann versteht man Theo Schadt als Martin Walser in der wahren Bedeutung des Wortes ebenso. Die Liebe, eine Inselbegabung, eine autistische Hingabe als Forderung und Förderung. Nichts mehr zu sehen, als genau die Momente, die eine Beziehung hebt oder endgültig versenkt. Walser - ein Erotomane mit unendlichem Blick auf das Weibliche und auf das Schöne. Und es geht nicht um den Vollzug der Liebe, sondern um die empfindliche Begrifflichkeit, denn "mehr als schön ist nichts".

Die Verwaltung des Nichts, schrieb Walser an anderer Stelle, sei eine Wegzehrung jeder Stecke. In den Wörtern sei immer alles enthalten, was dem Leben fehlt. "Ums Leben schreiben" meint daher, zu bleiben und sich dem Tod entfernen zu können.

So ist es auch in diesem Roman, einem Briefroman mit mannigfaltigen Ebenen und überraschenden Kongruenzen. Es geht um Theo Schadt, erfolgreicher Geschäftsmann, Hobbyliterat mit diversen Bestsellern ohne Tiefgang, seinem Freund und Dichter Carlos Krott, dem seine Unverständlichkeit der Sprache zu Ruhm verhilft, der seine Liebschaften überredet, ihn zu beherbergen. Es geht um den Absturz von Theo Schadt durch Verrat und seine Selbstverurteilung, sich verraten lassen zu haben.

Zugleich schwächt eine Krankheit ihn, die Diagnose bereitet auf den Tod vor und sein Wille zu leben, entsteigt mit Eros aus der Asche des Lebens. Sind da Iris, die er verlassen hat und die er auf Abstand noch mehr liebt, ist dort Sina, die mit der blendenden Brillanz ihrer Augen im Inneren von Theo eine Eruption der Gefühle entfacht. Und dann ist dort Aster, die Brieffreundin des Todes aus dem Suizid-Forum, mit der er als Franz von M.(oor) sich austauscht. (M. wie Meßmer)

Im Angesicht des Todes an die Vollendung durch die eigene Hand zu denken, bringt Theo Schadt in dieses Forum und mit Aster verbindet ihn der Versuch, das Leben, solange es währt, als ein gutes in Briefen zu erkennen. "Etwas so schön sagen, wie es nicht ist" ist diese Botschaft aus der Verwaltung des Nichts, die hier nach 12 Jahren eine Walser'sche Renaissance erhält. Sich hinzugeben an die Fragen des Lebens, des Liebens und des Todes erscheint als der Mut eines durch Tumor Todgeweihten. Ihm gelingt es, in Worten und Gefühlen einen Anschluß an das bisherige Leben zu bekommen.

In diesem Strom der Worte erfährt er von Sinas Leidenschaften, dem Tango. Erfährt von ihr, dass die Bewegung und die Drehung anmuten wie eine feste Achse zweier Tänzer - eine Erinnerung an Kleist und die Beziehung von Marionette und deren Führer - und an das bedingungslose Zulassen bewegter Zweisamkeit. Er spürt mit ihr die Exotik ihrer algerischen Herkunft und ihre Erfahrung, über Dritte vom Schicksal des Lebens zu erfahren. (Algerien ist Camus-Land.) Mit Aster spürt er die Reflexion des Lebens als fiktive Grabrede, eine Rede der Beerdigten in die eigene Gruft. Er lernt, das Irreversible mit zu denken im Wettstreit des Wiederholbaren. Mit Iris, der Verlassenen, verbleibt der Genuß des Schweigens für ein Leben, dem keine Worte mehr helfen.

Und dass der Tod die Herrschaft behält, zeigt sich an dem Dichter, dem die Bindungslosigkeit an seine letzte Herberge das Leben kostet, vergiftet durch seine Noch-Geliebte, ohne Kenntnis gereicht durch seine Wunsch-Geliebte. Die zugleich Sina, Theo Schadts Angebetete ist und die zugleich, ohne das Theo Schadt es trotz all der vorhanden Indizien ahnen konnte, Aster ist, von der er im Forum von deren Tod liest. Und auch Iris verbleibt nicht im Leben - ebenso aus eigener Hand.

Sein Leben in die Hand zu nehmen erscheint in einem düsteren Licht. Allein Theo Schadt gelingt es, dem die mögliche Liebe im schön Gesagten Lebensmut gibt, in der Reflexion die Kraft neu einzusetzen. Er wartet auf die Operation, allerdings einsam und verlassen, wissend, dass Leben endlich und die Liebe kein Spiel ist.

Dass Theo Schadt sich brieflich dem Schriftsteller zuwendet und der Schriftsteller auch an Schadt antwortet, erhöht den Reiz, das Selbstverhältnis von Walser zu Walser zu betrachten und das Offensichtliche zu bemerken, dass der sterbende Mann ein Theo ist und das Ableben als Bedauern im Namen trägt.

Martin Walser - ein Alterswerk. Das war doch bereits das vorherige. Wie auch immer es betrachtet werden will, dieser Briefroman ist sehr lesenswert. Er ist zugleich Erzählung, Aphorismen-Sammlung und gar Lyrik. Alles mit einer Prise Ironie, vielleicht Satire. Eine Radikalität der Liebe im Angesicht des Todes. "Wir irren aufwärts in die Welt der Täuschungen".

Sicher gibt es Passagen, die schwächer sind, so ein Tenor einer Zeitung. Doch in der Entgegnung einer Nachfrage, ob man das Buch nun kaufen solle, stand ein klares JA (da ist Gesinnung von Argument unterschieden), es sei doch schließlich ein Walser. Dem schließe ich mich an, wissend, dass die Leserschaft durch Walser geteilt ist.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 18, 2016 5:56 PM CET


So fängt das Schlimme an: Roman
So fängt das Schlimme an: Roman
von Javier Marías
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Schlimmste endet, wenn es als Schlimmes erträglich wird., 28. November 2015
"Wir wandern von Täuschung zu Täuschung, ja täuschen uns darüber nicht,
und dennoch halten wir den letzten Augenblick immer für den wahren."
(Javier Marias)

Es ist eine geraume Zeit her, da ich Marias bravouröses Buch las und dennoch erscheint es, als sei es nur die Länge eines Sparziergangs, mit dem Erzähler denkend an ein Leben zwischen Liebe und Tod, so, als wenn eine Vorahnung schon immer auf eine Zeit danach hinweist und die Zeit des Lebens im mühevollen Wandel an Schwung verliert. Es ist so, als wenn das Vergangene sich meldet, aus dem Kommenden auszusteigen und bereit ist, zum Anachronismus zu werden. Und schon tritt man in die Geschichte ein.

Es ist der in Erinnerung gebliebende Blick des jungen Juan de Vere auf das Ehepaar Eduardo und Beatriz, nicht wissend und doch suchend nach den Ursachen deren unheilvoller Liebe im Alter und den seltsam anmutenden Begegnungen mit ihren Freunden. Marias zeichnet die Figuren, die nie aussterben werden, die immer im Zweifel und auf der Suche nach Gründen des Unheilvollen blieben und sich nie in sich ruhend vorfanden oder nicht vorfinden werden. Für den Leser ist es eine Freude, den Autor, sich selbst Fiktionen erzählend, zu begleiten in der Existenz in dieser Geschichten. Denn diese Geschichten um diese verzweifelten beiden, Eduardo und Beatriz, gibt es zuhauf. Sie mit dem jungen Erzähler zu betrachten, zu begleiten in all den langen, verschachtelten Sätzen und sich wiederholenden psychologischen und philosophischen Betrachtungen zieht in den Bann und doch bleibt man fern, wie der Erzähler selbst, der, wie er sagt, nicht auffallen darf.

Diese Distanz muss in gewisser Weise auch erzähltechnisch überwunden werden. Auch für den Leser, der sich zu bemühen hat, dem Rhythmus der Sprache und der Weitschweifigkeit der Gedanken bereitwillig zu folgen. Manchmal bedarf es eben einer Direktheit der Worte, um zu begreifen, worauf es ankommt. Marias spielt mit den Worten zwischen einer Sanftheit und einer öbszönen Direktheit und so spürt der Leser Zuneigung und Niedertracht in der sozialen Verflechtung aller Protagonisten. Einmal begriffen, kommt Handlung wie Leser in Schwung, es ist kein Halten mehr und nur in der Distanz spürt man, dass es ein Gerücht ist, was treibt, um wissen zu wollen, warum Eduardo nicht mit seiner Frau schläft, warum er sie degradiert und verschmäht, wenn sie allein sind und warum er sie liebevoll in Gesellschaft begleitet. "Im Grunde ist alles, was erzählt wird, bei dem man nicht zugegen war, bloß Gerücht, sosehr es sich in Wahrheitsbeteuerungen hüllen mag."

Und dann will man die Rolle des Erzählers, der sich hinreißen lässt von der Unnahbarkeit in die absolute Nähe zu Beatriz und auf den heimlichen Spuren von ihr neue Dinge entdeckt und deren Zusammenhänge nicht begreift. Suchend nach den Gründen für Tod und Freitod bleibt man auf der Strecke und wieviel man von Marias Geschichte auch immer hier veröffentlichen würde, nichts an Geheimnis ist verraten, wenn man nur sich einläßt auf die Sprachgewalt dieses Spaniers, sich einlullen läßt im positiven Sinne und auf den Schwingen seiner Sprachmusik der Geschichte folgt. Es ist wie die Mühe des Erzählers, das Wahre zu verschweigen. Die Lügen aufrechtzuerhalten erscheint als titanische Aufgabe, wie er schreibt und noch größer als all dieses ist, die Geschichte im Gedächtnis zu bewahren. Aber, "wenn man verzichtet zu wissen, was man nicht wissen kann, dann fängt das Schlimme vielleicht an, doch das Schlimmere bleibt zurück."

Für mich ist Javier Marías ein ganz großer Schriftsteller. Ihn wieder zu lesen, ist nicht das Schlimme.
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Die Errettung des Schönen (Fischer Wissenschaft)
Die Errettung des Schönen (Fischer Wissenschaft)
von Byung-Chul Han
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

17 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für eine poetisierte Welt., 9. August 2015
"Errettung des Schönen ist Errettung des Anderen."

Wenn Gewalt wie Vernunft im Kontext globaler politischer Veränderungen nur unzureichende Prinzipien im sozialen Wandel darstellen, bleibt die Frage: Warum? Einfach deshalb, weil sie die emotionale Seite des Konflikts von Wunsch und Wirklichkeit unberücksichtigt lassen. Und doch gibt es ein Medium im Zuge der sozialen Veränderung, was die emotionale Seite berücksicht: die ästhetische Erfahrung.

Seit Schillers bravourösen "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" ahnen und wissen wir um die Versöhnung von Wunsch und Wirklichkeit. Und immer wieder fällt dabei der Blick auf die Kunst, die im Schönen jene Versöhnung verheißt. Die Kunst galt und gilt in gewisser Weise noch immer als Vehikel zur Verbesserung der Welt. Denn in der Kunst verharrt jene Utopie, die als politischer Impuls zu deuten ist.

Die Romantik wie die 68er wollten die Welt verbessern, die Möglichkeit dazu sahen sie in der Ästhetisierung der Erfahrung oder eben in der Romantisierung. Mit Novalis gesprochen, heißt das auch die Welt "als Kontinuum wahr(zu)nehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt". Die Frage bleibt nun, ob eine ästhetisch potenzierte und intensivierte Wahrnehmung den kollektiv erfahrenen Sinnverlust der Moderne kompensieren kann.

Byung-Chul Han, Berliner Professor, geht nun in seinem neuesten Werk dieser Frage nach, vielmehr erwartet er eine Verbesserung durch die Errettung des Schönen, trotz ihrer inflationären Ausbreitung. Denn die globale massenmediale Verbreitung von Kunst und Kultur hat zu einer Ästhetisierung der Lebenswelt in einem nie gekannten Ausmaß geführt, und doch, so scheint es, werden die Sinnbildungsdefizite nicht kleiner. Eine Rückbesinnung tut Not.

Vierzehn Miniaturen sind es, die Han verwendet für die verschiedenen Perspektiven auf das Schöne. Es sind die Fragen, die jenseits von Differenzen auftreten, jenseits irgendwelcher Unebenheiten, die eigentlich das Glatte, das Transparente, das Pornographische in den Mittelpunkt stellen. Nicht, um die drei Punkte zu begründen, sondern vielmehr darin feststzustellen, dass im rein Positiven nichts mehr erkennbar wird, weil der Unterschied fehlt. "draw a distinction" ist Spencer-Browns Maxime, um eine Vielfalt zu erkennen. Han sieht das Glatte, Ununterscheidbare, als die Signatur der Gegenwart. Hier fallen Schönheit und Erhabenheit auseinander (Schiller) und sein Credo ist, sich wieder dem Ideal der Schönheit zu stellen.

Die Spuren von Kant, Adorno, Schiller etc sind in Han Denken enthalten. Seine Verweise sind mannigfaltig. Seine Sätze kurz, prägnant und von Wiederholungen geprägt. Wer frühere Werke kennt, wird vieles wiedererkennen und anfangs das Neue vermissen. Nichtsdestotrotz findet man aber dieses Neue in dem Zusammenspiel der Interpretation der Modernen mit dem Denken des Schönen aus der Antike bis zum 19. Jahrhundert. Sein Zusammenspiel von Schönheit, Wahrheit, Gerechtigkeit leitet er ab u.a. vom althochdeutschen "fagar", seine Frage der Ästhetik differenziert er gegenüber der Pornographie in der Erotik. Das Erahnen steht über dem des Zur-Schau-stellens und verbindet so in gewisser Weise diese Versöhnung von Wunsch und Wirklichkeit. Seine Botschaft lässt sich lesen als ein Wunsch nach Brüchen, damit das Wahre wieder sichtbar wird. Denn es erscheint mit Schrecken, dass wir vielleicht schon in einer Gesellschaft leben, in der die ästhetische Erfahrung ihr utopisches Potential aufgebraucht hat.

In allem ist eine interessante und lesenswerte Zusammenstellung. Ein HAN Erstleser wird viel Neues, Überraschendes entdecken.
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Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 11, 2015 12:37 AM MEST


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