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Rezensionen verfasst von
kpoac

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Fröhliche Wissenschaft: Agonie des Eros
Fröhliche Wissenschaft: Agonie des Eros
von Byung-Chul Han
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

22 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gegebenheiten unserer Zeit aus neuer Perspektive., 26. November 2012
"Dass man der Wahrheitssuche nicht überdrüssig wird, obwohl sie fruchtlos ist."
(Bernard de Fontanelle)

"Meinen Lebensgang hat teils Zufall, teils eigener Wille gestaltet."
(Petrarca)

Es ist nach wie vor gültig, dass Literatur und Philosophie Bestehendes irritieren. Byung-Chul Han, zur Zeit mit Professur in Berlin, gehört zu den Störern dieser Zeit. Einer Zeit, in der die Zustimmungsmentalität und der Zustimmungswunsch höchste Priorität hat. Einer Zeit, die vom Positivismus geprägt ist und somit alle Grenzen verkennt und abschafft. Die Idee des Gleichen entsteht in einer Welt der Likes, eine Notwendigkeit der Anpassung und der zufälligen Unterordnung unter eine vorgebliche Maxime mit dem Primat der erhofften Aufmerksamkeit. Dass heute schon kleine Artikel die mangelnde Diskussionsfreudigkeit in Büros anprangern, dass Kolumnen wie: "Gefangen im Zustimmungsnetz" (Jörg Friedrich) durch die Welt twittern, zeigt nicht mehr, dass hier an der These von Byung-Chul Han einiges stimmig ist.

Nach der Müdigkeits- und der Transparenzgesellschaft widmet er sich dem aussterbenden Eros. Denn immer dort, wo Grenzen eliminiert werden, tritt der Andere als eigene Person ab. Den Anderen als eigenes Ego wahrzunehmen, bedingt eine Andersartigkeit und genau diese sucht und hofiert Han in diesem kleinen Essay. Ihm reicht nicht die Transparenz und Direktheit der Pornographie, er möchte wieder mit Phantasie entdecken können, leidenschaftlich sein und erwartend. All diese so schönen Eigenheiten gehen in einer gleichmachenden Gesellschaft verloren. Rückbesinnung und Identität, Eigenart und Zuneigung treffen auf die Agonie des Eros und helfen diesem zu neuem Leben. Daher zur Anregung und Reflektion sei Han erneut empfohlen. Nach Müdigkeitsgesellschaft und Transparenzgesellschaft legt er den dritten Teil einer Trilogie vor, die die Welt von heute aus neuer Perspektive betrachtet.
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Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 15, 2012 11:09 PM CET


Ganz normale Helden
Ganz normale Helden
von Anthony McCarten
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... nichts als die Fahne des Robinson auf dem höchsten Punkt der Insel. (Kafka), 4. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Ganz normale Helden (Gebundene Ausgabe)
"... doch alle drei kommunizieren schon heftig auf jenen geheimen Kanälen,
auf denen sie für alle Zeit, und was auch immer geschieht, verbunden sind."

So wie Jeff als Merchant of Menace ins Internetspiel entführt wird, so wie Jim als AKI sich auf die Suche nach ihm macht und sich beinahe selbst verliert, so spürt der Leser den Sog dieses Buches und die Genialität eines Autors, selbst zu erzeugen, was er als Abhängigkeit erkennt. Als Leser weigern Sie sich nahezu, dass Buch aus der Hand zu legen.

Anthony McCarten (1961-) gelingt es, in einer brillanten Sprache die Diskrepanz zwischen digital natives und digital immigrants aufzuzeigen. Ihm gelingt es, das Netz zu spinnen, an dem alle hängen. Das familiäre Netz, dass ihre ursprüngliche Kommunikation erzeugt hat und welches nun durch einen Todesfall aus den Fugen geraten ist. So führt es in ein neues Netz der Ablenkung, weil den Hinterbliebenen die Anschlusskommunikation nicht mehr möglich war. Alle gehen ihre Wege, Jeff ins Cyberspiel, Renate, die Mutter, in eine online-Beichte, Jim als Vater und moderner Cowboy begibt sich auf die Suche nach seinem Sohn in eine ihm unbekannte Welt und muss sich dort neu kennenlernen. Sie fliehen aus dem Real Life, weil das virtuelle den Schein eines Halts bietet.

Sich selbst begegnen ist diese zweite Headline, die unterschwellig für jeden mitschwingt. Neue Orientierung über andere Wege wird gesucht, ein Fragen ohne Antworten, ein Vermuten zwischen Leben und Tod, ein Agieren zwischen Virtualität und Realität. In der Tat führt das eine ins andere, die Vermischung ist es, die zeigt, dass alles Eins ist und dass nun am Ende das neue Reale überhand gewinnt, wie das Spüren von "Haut an Haut" Einsamkeit überwindet.

Einbruch des ganz Anderen, Ausbruch aus dem Gewohnten - diese beiden Weisen zeigen, dass das Normale nichts beweist, die Ausnahme ist es und diese Ausnahme hier durchbricht mit der Kraft des wirklichen Lebens die Kruste eines Lebens in Wiederholung.

Ein moderner, sehr lesenswerter Roman, der fesselt, begeistert und sehend macht.

Einige Sentenzen:

... wenn ein Mensch sich in ein Spiel vertieft, dass ihm gefällt, gibt es für den Verstand keinen Grund, nicht daran zu glauben. (S.98)
Aber die Wahrheit ist nicht beliebt und wird nie verstanden. Bei einer schmeichelhaften Lüge verhält es sich genau umgekehrt. (S.115)
... vielleicht steckt auch mehr dahinter, etwas in dir selbst, dass du erforschen willst im dunkel der anonymität. (S.143)
Die Herausforderung? Sie besteht darin, dass wir unser Leben buchstäblich wieder selbst in die Hand nehmen müssen. Irgendwie. (S.206)
So reagieren Menschen heute. Sie gehen nur näher ran, um einen besseren Aufnahmewinkel zu bekommen. (S.361)
Liebe ist das Gefühl, dass in uns entsteht, wenn jemand uns bestätigt, dass wir so sind, wie wir uns in unseren hoffnungsvollsten Augenblicken sehen - (S.423)

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Briefe an Poseidon
Briefe an Poseidon
von Cees Nooteboom
  Gebundene Ausgabe
Wird angeboten von book-service
Preis: EUR 3,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Gefühl der phantastischen Freiheit., 18. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Briefe an Poseidon (Gebundene Ausgabe)
Cees Nooteboom gehört grundsätzlich zu meinen Empfehlungen. Subjektiv zu sein, liegt in der Natur der Rezensionen und doch führt das Gedankenspiel dieses exzellenten Literaten einfach weiter. Hier erzählt uns der Niederländer keinen Roman, sondern wir begegnen ihm erzählend von den Dingen dieser Welt, die Anregung sind und erhellend weitere Gedanken ermöglichen. So wie Nooteboom geschrieben, hat der Rezensent diese Briefe begonnen zu lesen. Es war am Viktualien Markt in München. Und seitdem treibt Geschichte für Geschichte mich mit ihm und mit seinen Gedanken. Mal einfach dem Leben zugewandt, mal in der Tiefe der Antike suchend, was die Götter und die Menschen verband, oder alten Mythos neu sehend. Ihm geht es, wie es manchen Rezensenten hier geht. Ein geschlossenes Buch will gelesen werden. Und weil es Cees Nooteboom so geht, schreibt er so, dass, wenn Sie dieses Buch sehen, blau und weiß wie das Meer, den Dreizack mit Poseidon im Blick, dann wollen Sie auch hinein lesen und nicht mehr enden.

Dann werden Sie hineingeworfen in die Natur, in die Fragen des Lebens, in die Antike und ihre Wirkung und in so Vieles, von dem Sie den Wert im Kleinen neu entdecken. Sie werden wollen, dass Sie auch anfangen zu schreiben, schreiben an einen Gott, wissend, dass er nicht antwortet und dann geben Sie sich hin - zu sich und Ihrem Gefühl einer phantastischen Freiheit, die Sie hier bei Nooteboom bereits spüren.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 25, 2013 5:16 PM CET


Die Demütigung
Die Demütigung
von Philip Roth
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens; und wer viel lernt, der muß viel leiden. (Pred 1,18), 14. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Demütigung (Taschenbuch)
Philip Roth kennt seine Themen: Scheitern in jungen Jahren, Angst, Desillusion im Alter, Tod, Sterben und Sex. Die jungen Jahre kennen keine Demütigung, doch das Alter strotzt hier bei Roth so davon. Nicht als Demütigung von außen, sondern eine, die aus dem tiefsten Inneren diesen Simon Axler trifft, weil ihm seine Karriere als Schauspieler im wahrsten Sinne aus dem Gedächtnis fällt. Nicht mehr in der Lage, Texte zu behalten, spürt er seine desolate Lage, die ihm den Beruf nimmt, wie dieser zuvor sein Leben genommen hat. Ein Aufenthalt in der Psychiatrie soll helfen. Zurückgeworfen auf sich selbst, flüchtet er in eine anregende Affäre und erfährt dort - trotz oberflächlicher Freude - seine Ängste in dem kurzen, lieblosen aber leidenschaftlichen Zusammensein, das er sich mit einer überspannten Jüngeren gönnt. Am Ende bleibt das Leid, zerstörte Hoffnung, die Einsamkeit und das nicht gewordene Ich. Der Verfall. Der Tod.
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Empörung
Empörung
von Philip Roth
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Pfahl im Fleisch, 14. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Empörung (Taschenbuch)
Philip Roth schildert in seiner unnachahmlichen und direkten Weise die Genese des Scheiterns eines jungen Mannes, dem das Elternhaus zu eng, dem die Gesellschaft zu fordernd nach Anpassung und dem die Reife der Sexualität zu kontrolliert ist an seinen eigenen Maximen: Unduldsamkeit gegenüber Mitmenschen, Klarheit im Denken und den daraus folgenden Entscheidungen, keine Anpassung an irrationalen Forderungen.

Seine Beziehung zur Mutter stellt in deren Anforderungen die größte Ambivalenz zur Treue zu sich selbst. Alles jedoch ist Erinnerung dieses Marcus Messners, abstammend aus jüdischem Hause, aufgewachsen in einer Kleinstadt unter behüteten und regulierten Verhältnissen und geflohen in die Einöde eines anderen Amerikas und deren College, um fern von den Eltern als bester Absolvent dem laufenden Koreakrieg zu entgehen. Gerade dieses Ziel steht im Widerspruch zu seinen Maximen, er scheitert im College, er scheitert in seiner Beziehung zu Olivia und er scheitert in der Familie. Korea ruft, und vom Todesbett aus unter Morphium lässt Roth den 20jährigen Messner sein Leben reflektieren und das Amerika der 50Jahre aufblitzen.

Eine tiefe, wunderbare Erzählung.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 17, 2012 11:28 PM MEST


Hedda Gabler
Hedda Gabler
Preis: EUR 0,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wenn Herkunft Zukunft bestimmt - ein psycho-soziales Schauspiel., 11. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Hedda Gabler (Kindle Edition)
"Der Mensch wird in der Welt nur das gewahr, was schon in ihm liegt; aber er braucht die
Welt, um gewahr zu werden, was in ihm liegt; dazu sind aber Tätigkeit und Leiden nötig."
(Hugo von Hofmannsthal, Buch der Freunde)

Pascal wusste, dass es wichtig ist, nur die Dinge zu enthüllen, die nützlich sind. Verzichten wollte er auf das, was verletzt. Was nun ist wirkliche Enthüllung, kann man fragen, wenn man zurück geht in das Jahr 1890 und dort gleich zu Beginn des Schauspiels eine Frau vorgestellt bekommt, die trotz Heirat, mit ihrem Mädchennamen ins Bild gesetzt wird. Familie Tesman, Jorgen und Hedda kommen von einer sechsmonatigen Hochzeitsreise zurück, in der Tesman seinen Studien nachging und Hedda sich langweilte. Die folgenden 36 Stunden bestimmen die vier Akte Ibsens Schauspiel. Hedda Gabler ist nun Hedda Tesman und doch wird sie als Tochter des Generals mit altem Namen ins rechte Licht geführt und zwar genau im Vergleich zu ihrem Mann, Jorgen Tesman, Kulturhistoriker und an allem interessiert, was aus der Vergangenheit zu sammeln ist. Für ihn gelten die Goetheworte von der "Belehrung ohne Belebung". Und es gilt, was Nietzsche schrieb: "Ein Blatt löst sich aus der Rolle der Zeit; fällt heraus, flattert fort - und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schooss. Dann sagt der Mensch: Ich erinnere mich"

Henrik Ibsen (1828-1906) bringt nur wenige Personen in sein Drama, aber von Bedeutung sind jene fünf, Hedda, Jorgen, Lövborg, Frau Thea Elvsted und als Schurke Assessor Brack. Hedda und Frau Elvsted kennen sich aus der dem Institut, Jorgen und Frau Elvsted hatten eine frühe Affäre, Lövborg war Lehrer der Kinder von Frau Elvsted und oft dort zu Zeiten, wo ihr Mann, ein oft reisender Schultheis, nicht zu Hause war. Hedda ist Jorgens Frau und Lovborgs Ex-Geliebte, nicht reich. Als Mitgift gab es zwei Duell-Pistolen ihres Vaters. Assessor Brack begehrt Hedda und führt sie am Ende zur letzten Tat.

Hedda langweilt sich in der Ehe sehr schnell, sie habe sich "müde getanzt" und "ihre Zeit als beendet" gesehen. Ihre Erinnerung gilt der Zeit der ersten Lieben, an die verführerischen Worte der Männer gegenüber einer mit wehendem Haar reitenden reizenden Generaltochter. Nachdem der von ihr Verehrte sie verschmähte, konnte das Weib in ihr nicht erlöst werden, um mit einem Nietzsche-Wort zu deuten. So ist sie nun zur reinen Versorgung-Ehe gekommen, in der ihr alter Name gilt, ihr Mann als liebenswerter "Fachmann" schon bevor er eine Frau hatte, entmannt wurde. Ihre Ambitionen liegen nun in der Vermehrung des Glücks durch schöne Dinge, sie ist die Verkörperung der Dekadenz jener Zeit, die ausschließlich in der Ästhetik ihren Reiz findet sowie am Austausch und Wechsel der Dinge unter dem Primat der Beliebigkeit. So beliebig wie die Wünsche zum Materiellen verfügt und befriedigt werden, so beliebig findet sie ihre Macht in der subtilen Führung ihrer Mitmenschen ("Herrschaft haben über Menschenschicksale"), mit Vorliebe ins Verderben. Hedda wird zur Inkarnation aller Möglichkeiten, die letztendlich im Unerreichbaren landen, sie ist Ikone gegen jede Konvention und lebt diametral zum Bewusstsein der Gesellschaft. Von ihrem Vater mit aristokratischer Attitüde erzogen, erhofft sie sich in ihrem Mann Aufstieg und repräsentative gesellschaftliche Zukunft und doch bleibt am Ende das Nichts.

So wie Wissenszuwachs bei Jorgen als "Fachmann" seine Tätigkeiten im Leben erschlafft, im objektiven Sinn nichts anderes als überflüssiger Luxus ist und anerkannter Feind des Notwendigen, so muss sein Kulturhistorismus verstanden werden in der Frage Nietzsches "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben". Wie jedoch Jorgen Tesmans Vorlieben für die Historie nur Luxus waren und keine Hilfe für das Leben, so sind Heddas Vorlieben für das Unnütze dem Luxus der Historie gleichzusetzen. Beiden gelingt es, sich dem Leben zu entziehen, letztendlich ist es für Hedda der endgültige Entzug an der Stelle, wo jemand anderes durch Erpressung Macht über sie hat. Als Gegenpart lässt sich Lövborg begreifen. Zunächst ebenso aus der Vergangenheit inspiriert, trägt er ein Manuscript eines zukünftigen Buches mit und beschießt darin, über Zukunft zu reden. Es ist der Anfang der unhistorischen Tat, es ist die Tat, die Hedda schmeichelt, weil sie keine Vergangenheit hat, es ist der Aufbruch aus dem Angestaubten und doch eine historisch erlebte Intimität zwischen Thea Elvsted und Lövsted. In diese Ambivalenz treibt Ibsen seine Protagonisten minutiös, genial und voller voyeuristischer Angespanntheit.

Hedda Gabler wird zur Tragikomödie im Zeitalter des Ästhetik. Ibsens großes Werk ist wie ein griechisches Schauspiel, es führt zur Selbstzerstörung der Protagonisten. Lövborg vertritt von Anfang an den geläuterten Menschen mit Rückfallpotential, Hedda wird zur Figur permanenter Negation, sie greift ins Leben anderer ein und verspürt nicht, dass sie sich selbst zerstört. Ihre Lust nach Nähe versenkt sie selbst, ihr Wunsch nach Anerkennung in der Gesellschaft ist unübertroffen. Sie selbst spricht es aus im übertragen Sinne: "Das Licht blendet mich", so die Worte ihres ersten Erscheinens. Und so wie das Licht den Mittelpunkt bescheint, so wird am Ende die Schönheit besungen, die nicht mehr ist, als die Schönheit des Sterbens, die aber auch hier nur misslingen darf.

Hedda Gabler ist Ibsens Stück einer scheinbar selbstbewussten Frau, die zwischen Schurkin und Heldin pendelt, das Gute will und doch das Böse schafft. Ihr oberstes Ziel ist es, in keinen Skandal verwickelt zu sein. Am Ende weiß der Leser, dass er vor einer großen Geschichte steht. Hedda kommt dem Leser sehr nah, verwirrt und verwirrend erliest man sie in diesem Drama und in dem Zusammenspiel bleibt das Bild einer Zeit und der sozialen Verhältnisse in ihr, aber auch der Stimmungen der Menschen wie deren Schicksale.

Ein signifikanter Text von Sigmund Freud mit dem Titel "Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit" (in: Der Moses des Michelangelo) verweist auf die rückwärts gerichtete Enthüllungstechnik Ibsens und zeigt wie in der Umkehrung der übliche progressive Zeitverlauf im Ablauf der Ereignisse wiederhergestellt wird. Es ist, als wenn die Wünsche und Verwünschungen gegenüber anderen als indirekte Maßgabe zur eigenen Lebensgestaltung zurückverwandelt werden. Freuds Aspekt wird durch Bernhard Shaw verdeutlicht, wenn er schreibt, dass in Ibsens Stücken die Protagonisten der Tyrannei der Idealisierung entkommen und mit ihnen die Leser und so ein intensiveres Leben zu führen gegeben ist. In diesem Sinne gilt es auch das Schauspiel "Hedda Gabler" zu lesen.
~~
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 4, 2012 11:45 PM CET


Vom weisen und glücklichen Leben
Vom weisen und glücklichen Leben
von Charles L Montesquieu
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Weiser und seine Gedanken., 10. Oktober 2012
"Ich werde hier keinen Widmungsbrief schreiben. Wer sich einen Beruf daraus
macht, die Wahrheit zu sagen, darf auf keine Protektion auf Erden hoffen."

Mit dieser Vorrede des geschätzten Montesquieu wird schnell deutlich, dass hier ein eloquenter, scharfsinniger Franzose unterwegs ist. Er ist ein Denker der Revolution, ein Leser der zeitgenössischen Literatur, ein Begutachter der Rechtsprechung und ein schon Europas Unterschiede sehender Mensch. Im vor-revolutionären Frankreich war er kritischer Wegbegleiter von Rousseau und Voltaire. Seine hier verfassten Gedanken nennt er noch nicht durchdacht, aber wertvoll genug, um auf sie zurückzukommen. Gleichzeitig sagt er gemäß seiner Vorrede, nicht für alles einstehen zu wollen, was geschrieben ist, es sei denn, es sei Zeit genug, sie zu überdenken.

Was nur hier vorliegt ist ein Konvolut seiner Gedanken zu den mannigfaltigen Dingen seiner Welt. Er schreibt über sich, sein Privates, über seine Beziehungen an sich und über seine Ängste. Und doch weiß er sich ohne Angst der Welt zuzuwenden, das im Argen liegende zu verteufeln, das Gute zu rühmen. Er fordert den Menschen, den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu sehen, weniger in seinen Verhältnissen. Glück zu haben und es zu sagen steht dem Individuum zu und ein anderer kann es aus seiner Sicht der Dinge nicht beurteilen. Gefühle betrachtet er ohne System, Freude und Mühe führt er bravourös zusammen und manche seiner Sichtweise entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Den Unterschied der Dichtung seiner Zeit und der vergangenen findet er rasch in der Entwicklung der Urbanität. Hätten alle Dichter die Städte bereits vorgefunden, wäre alle Dichtung von diesen Leiden geprägt. Und als Franzose wirbt er indirekt für seine Sprache indem er sich wundert, dass das barbarische Englisch doch so gute Gedichte ermöglichte.

In allem ein sehr lesenswertes Werk, welches die bisherigen Rezensionen über die französischen Moralisten erweitert.
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Das Gestell.
Das Gestell.
von Norbert Bolz
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,90

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von Mensch zu Mensch wird über Bande kommuniziert., 5. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Gestell. (Taschenbuch)
"Man muss sich fragen, ob der menschliche Geist das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
(Paul Valery)

In Anlehnung an das Kommunistische Manifest von Karl Marx kann der Leser vermuten: Es geht ein Gespenst um in Deutschland. Anders als zu Marx Zeiten sprechen wir hier von einem Wechsel der Herrschaft zwischen Mensch und Technik, Mensch und Maschine. "Welcome to the maschine" sangen Pink Floyd ahnungsvoll, McLuhan erspürte den Menschen als Sexualorgan der Maschine und Heidegger formulierte diese Vision im Terminus "Gestell". Heidegger inspirierte Norbert Bolz sich im neuen Jahrtausend der Technik, der Maschine, dem Gestell erneut zuzuwenden. Der Prozess der Technisierung als eine Erfolgsgeschichte des Verstandes ohne Vernunft wird hier offenbart. Ein Verfahren der Nutzung ohne Verstehen; ein Wissen, das etwas geht; ein Unwissen über die Tiefen des technischen Geistes fordern den Leser. Verführung durch die Oberfläche; Erleichterung durch eine Benutzerfreundlichkeit, die Berührung fordert; Ansporn durch Technik und ihre Nutzung sich zu sozialisieren: dieses sind die Animatoren einer neuen Gesellschaft, in der sich Herr und Knecht die Hand geben, um die Positionen zu wechseln. Unverständnis in der Tiefe schürt den Glauben an die technische Vollendung. Galt bisher ein Gott dem Menschen zum Maßstab, ist es nun der Homunkulus, die Selbstschöpfung aus einer technischen Welt, der er bereitwillig folgt mit fast religiösem Eifer.

Norbert Bolz (1953 - ) verführt und führt eloquent mit seinen literarisch, wissenschaftlichen Gehilfen durch ein Terrain der gesellschaftlichen Veränderung und Neuausrichtung. Die Entzauberung der Welt zwischen Husserl, Luhmann, Weber führt in eine vollendete Technisierung mit dem höchsten Vertrauen in das Unerkennbare. Technik wird bei Bolz zur Metaphysik, sie wirkt schreibend auf den Menschen wie in Kafkas Strafkolonie. Der Mensch unterwirft sich dem Fortschritt, sich abschaffend als Herr unterwirft er sich von ihm Geschaffenem als Funktionär der Technik, als Angestellter des Gestells.

Sein Verkehr mit der Technik ersetzt den Verkehr mit Menschen. Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt. Das Systemvertrauen wächst zugunsten des Gestells als neue Sinnstruktur der Welt. Der Mensch erkennt seinen Mangel, ersetzt ihn durch eine Erweiterung, in der die Technik sein Wesen wird, weil er biologisch ausgereift scheint. Bolz spricht von der Anti-Darwin Welt. In der Technik und deren Fortschritt verfängt sich der Kampf um jenes Survival of the fittest. Der Mensch hat sich dieser Kampfzone erfolgreich entzogen. Seit Nietzsche kämpft er nicht mehr ums Überleben, nun ist es die Macht. Und diese Macht transformiert er auf ein Gestell, auf ein Gehäuse, in dem er freiwillig als Haustier einzieht. Der Mensch fällt hinter seiner Perfektion der Geräte zurück, das Gerät verlangt eine neue Anpassung, das prometheische Gefälle (Günther Anders) beginnt. In der Perfektion der Technik spiegelt das Mängelwesen Mensch sich, in diesem Bild entsteht die prometheische Scham, bloß geboren und nicht gemacht zu sein. Die zunehmenden Schönheitsoperationen sind deutliches Zeichen zur nachholenden Selbstgestaltung wie es die Gentechnik ebenso in Zukunft sein wird.

Wer spürt, in welcher Welt er lebt, wird auch die Lust verspüren, Bolz zu lesen. Er wird merken, wie starke Bindungen in Freundschaft oder Beziehung sich eines virtuellen Informationsaustausches entledigen, weil man das Bekannte zu schätzen weiß. Der Leser wird ebenso bemerken, wie dringend die Hinwendung zu Sozialen Medien gefordert wird, in denen der Mensch am stärksten an der Informationsflut bereit ist teilzunehmen, wenn die Bindungen schwach sind. Verbindlichkeiten, die nicht binden, liegen hier bereit. Das Scoring von FB Freunden suggeriert eine Wichtigkeit, die allerdings in ihrer Schwäche stets vor dem Tode steht. Aus den Basislagern von Freundschaften, Familien und Beziehung mag die Expedition in virtuelle Welten gelingen, wenn der Gedanke an Heimat bleibt. Wer diesen verliert, irrt von Like zu Dis-Like durch die technischen Black Boxen und spürt die leise Berührung an der Benutzeroberfläche als Teilhabe an einer Welt, die ihm die Technik als emotionalen Mehrwert einrichtet, letztendlich als moderne Glaubensweise.

Aber, und hier hat Bolz zudem Recht, diese Welt der Technisierung ist das neue Soziale. Gesellschaft und Gemeinschaft müssen neu geortet werden. Der Mensch dieser Zeit hat die Wahl, er wird nicht in (Wahl-)Verwandtschaften hineingeboren. Es gilt die freie Wahl und eine beliebige Aktivierung. Nach der Entfremdung in der Modernen durch zunehmende Urbanisierung entstehen in elektronischen sozialen Netzwerken neue Nachbarschaften. Neues Linking entsteht, wer kennt wen und wer weiß was sind Fragen, die Zugehörigkeiten neu verorten. Das Netzwerk wird zu Botschaft, die Vernetzung selbst definiert die Links im gesellschaftlichen Wandel. Schenken, teilen, sorgen sind die Eigenschaften derjenigen, die die Effektivität der Gemeinschaft vermehren wollen. Zu dieser Eigenschaft gesellt sich etwas, was schon immer galt, wenn etwas gut von der Hand ging: FREUDE. Generation X, Y, Z sind auf dem Vormarsch und seit Aristoteles' Spruch, mit der Jugend könne man nichts anfangen, hat jede Generation Gleiches gesagt und im Selben ihr Unrecht eingestehen müssen.

Bolz verweist auf die Epiphanie der Noosphäre des Teilhard und erkennt in ihr gespiegelt das Abbild Internet und Cloud. Das Wort wird nicht Fleisch, es wird Technik, es ist der Logos, der die Medien und die Menschen führt vom Marktplatz des Sokrates, von den Kirchen Jesu in die virtuellen Hallen (Blogs, Twitter und Co.) des Internets und wer den Schmerz spürt mit dem Wissen älterer Generationen, dem sei gesagt, es ist der Geburtsschmerz des Neuen. Der öffentliche Raum der Hannah Arendt wird geschlossen durch die Teilhabe an einer Welt, ohne vor Ort sein zu müssen. Öffentlichkeit und Transparenz werden zu Aufforderungen der Selbstentblößung in einer Transparenzgesellschaft. Internet und Cloud erscheinen somit als Utopie, die ja bekanntlich ein Nicht-Ort ist. Und so steht jeder wie Kafkas Robinson auf seiner eignen Insel, hebt die Fahne der Aufmerksamkeit, um im virtuellen Leben entdeckt zu werden.

Wie immer liegt in der Mitte die Wahrheit. Wir sind dabei, wir können es selbst bestimmen.

Neben Bolz empfiehlt sich Teilhard, Capurro, Stiegler, Liessmann und Han als Literatur.
Lesenswert.
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Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 12, 2013 5:18 AM MEST


Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft
von Konrad Paul Liessmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jenseits der Transparenz, 23. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die Vorbedingung für alles wirkliche Wissen ist ein präzises Unterscheidungsvermögen
für die Grenze zwischen dem, was man wirklich weiß, und dem, was man bloß meint."
Konfuzius

"Erst am Ende der Erkenntnis aller Dinge wird der Mensch sich selber
erkannt haben. Denn die Dinge sind nur die Grenzen des Menschen."
Friedrich Nietzsche

Diese Welt lebt in einer Ambivalenz, nämlich in der stetig wachsenden Forderung und Begeisterung nach Transparenz und gleichzeitig in der Sorge, dass ein Zuviel schadet und es somit auch Verhülltes geben muss. Wenn diese Vorstellung eine ist, die die gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt, dann sollte man auf das achten, was die Welt sich zum Spiegel macht: die Mode. Auf den Laufstegen nimmt die Transparenz zu und zugleich die Verhüllung des Blicks durch Netz und Spitze. Angesehen werden sollen, aber nicht sehen dürfen treten hier im scheinbaren Widerspruch auf und doch sind sie die Botschaften aus einer Welt, die sich so selbst-referentiell beschreibt.

Während Han sehr deutlich auf Chancen und Risiken von vollständiger Transparenz hinweist, geht Liessmann (1953-) eloquent und wohl durchdacht einen anderen Weg. Nicht das Phänomen der Transparenz ist sein Anfang, sondern der Anfang selbst. Denn schon im Begriff Anfang steckt, dass es ein Vorher gab und zwischen beiden ist augenscheinlich und logisch eine Grenze. Grenzen sind es, die zu unterscheiden helfen, die ein Ich vom Du trennen und das Einzelne und den Einzelnen prägnant in seinem Sein zeichnen. Dieses Sein ist Leben, wer ist, unterscheidet sich, wer geht, muss wissen, was er verlässt. Wer darauf sieht, kennt die Kunst der Unterscheidung, das Wort Kritik oder das Wort Krise, welches ein Davor von einem Ist trennt. Beider Wortstamm ist krinein, was trennen oder eben unterscheiden bedeutet und damit eine Grenze impliziert. Markierte Grenzen sucht Liessmann, einmal die, die wir selbst treffen im Sinne von Kritik und einmal die, von der wir getroffen werden im Sinne der Krise. Und da der Untertitel in Anlehnung an Kants Kritiken eben auch die Kritik der politischen Unterscheidungskraft fördert, gilt in den Kapiteln der politisch-philosophische Streifzug entlang der Grenzen in und um Gesellschaft und Ich.

Ausgelotet werden die Grenzen als Grenze, die Grenze zwischen den Sein und dem Nichts, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine im Menschenpark, die Grenze der Humanität als Erklärung des Human-Kapitals mit Referenz auf Hobbes und die Grenze zwischen Macht und Ohnmacht. Im politischen aktuellen Alltag wird die Grenze als an den Grenzen Europas betrachtet, eben aus der soziologischen Perspektive in Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft, das Risiko als kalkulierbare Gefahr, von der Rettung zur Kontrolle ist eine Grenzüberschreitung von der Vormodernen zur Moderne, aus dem Begriff der Nachhaltigkeit ist abzuleiten, dass die Erfüllung im Grenzbereich der Zukunft liegt. Und deutlich verweist er mit Hans Jonas Prinzip Verantwortung auf einen Umgang mit den Ressourcen, der diese über das eigene Leben hinaus schont und somit belässt als Grundlage menschlichen Lebens in Permanenz.

Wanderbewegungen von der Natur zur Stadt offenbaren neue Lebensformen in den Stadtgrenzen, doch was sind diese Stadtgrenzen im Zeichen der Urbanität und was eine Stadt erst ausmacht erfahren wir hier bei Liessmann. Die zunehmende Lautstärke wird zum Grenzwert zum Erträglichen und jede Maximierung von Gewinn offenbart die Unterscheidung von Profession und Ehrenamt. Es wäre nicht Liessmann, würde er die letzte Grenze außer Acht lassen. Am Ende liegt die Grenze zwischen Leben und Tod, die nur von einer Seite und endgültig überwunden werden kann. Aber vor dem Tod als Ende liegt das Altern zwischen Akzeptanz und Jungendzwang, zwischen erinnerter und erwarteter Zeit, zwischen Venus und Bacchus, wie Schopenhauer mal schrieb.

Letztendlich stellt man fest, dass der junge Liessmann wieder ein Buch zum Zeitgeist veröffentlicht, welches deutlich anmerkt, nur in der Unterscheidung eine klare Position festmachen zu können. Vor allem verweist er auf die Wichtigkeit, im Denken mit Alternativen zu arbeiten, um auch in der Sache mit Licht zu argumentieren.

Hilfen findet er allerorten, belesen wie er ist, trifft die Menge an Beispielen seine Absicht und untermauert seine Botschaft. Wie immer - und hier sei auf das vorangestellte Hegelwort reflektiert - gilt, dass man erst weiß, wann etwas begonnen hat, wenn es zu Ende ist. Und nicht mehr steckt in allem, da der Anfang trennt von dem Davor und das Ende verweist auf das Davor. So könnte ein Blick auf die Krise aussehen.

Lesenswert und wertvoll.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 17, 2012 10:29 AM CET


Das dreizehnte Kapitel
Das dreizehnte Kapitel
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Wird angeboten von elias-miene
Preis: EUR 9,90

19 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Krisis des freien Lebensversuchs., 7. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Das dreizehnte Kapitel (Gebundene Ausgabe)
Was hoffst du, Hoffnung, denn? - Nichts, ich verzage.
Warum nur? - Weil ein Wandel mich getroffen.
Wie ist dein Leben? - Ohne jedes Hoffen.
Was sagst du, Herz? - Dass ich aus Liebe schlage.

Und was fühlst, Seele, du? - Liebe ist Plage.
Wie lebst du denn? - Von Misstrauen betroffen.
Was stärkt dich? - Nur ein Bild, unübertroffen.
Und daran denkst du nur? - Ja, alle Tage.

Und wo kannst du verharren? - Wo ich bin.
Was hast du vor? - Zu endigen mein Leben.
Was scheint dir gut? - Der Lieb Verlangen.

Was drängt dich so? - Zu wissen, wer ich bin.
Wer bist du denn? - Bin völlig hingegeben.
Wem hingegeben denn? - Einem Verlangen.
------------------------- (Luís de Camões; 1524 - 1580)

"Die Gewissheit des Glaubens ist ja kenntlich an der Ungewissheit [...] das ist die ironischste von allen." So Walser in seinem Roman "Muttersohn" und er lässt den Protagonisten Feinlein noch sagen, dass Glauben und Liebe eins seien. So sind wir bei der Liebe, kenntlich an der Ungewissheit, in die sich ein älterer Schriftsteller zu einer Theologin schreibt; in Briefen, die notwendig wurden, weil er sie nicht auf sich aufmerksam machen konnte während der Geburtstagsfeier ihres Mannes im Schloss Bellevue. Bellevue - welch Auftakt für die Schöne am Tisch, deren Ausstrahlung sich der Schriftsteller Basil Schupp nicht verwehren konnte. Und da sie seine Briefe beantwortet, gibt es ein sanftes Hineintasten in eine Beziehung, die fragt, ob mit Wörtern ein Fremdgehen impliziert ist. Sie erzählen sich von einander ohne zu verschweigen, in welcher Beziehung sie leben. Und doch schreiben sie mehr, als sie je sagen würden. Jeder entdeckt in seiner Offenbarung des Selbst sein Leben, eine Beziehungs-Unmöglichkeit wird zu Schleuse eigener Empfindungen, selbst die Ermöglichung der Unmöglichkeit bleibt nur gedacht, damit das Leben nicht im Ermöglichten, also im Möglichen stirbt.

Sie nennen es Experiment, sie sind verantwortlich und sie wünschen sich die Aletheia, die Unverborgenheit, die Wahrheit; es ist die Sehnsucht nach offenbarter Schwäche. Sie treiben sich in die Hoffnung entlang der Barthschen Römerbriefe, sie spüren die paulinische Ermahnung, auf Freiheit hin zu leben und spüren doch mit Barth, das ohne Hoffnung auf Hoffnung hin das Leben erst ein nahes wird. "Wenn du mit niemanden offen sein kannst, bleibt nur das Schreiben." Diese Sentenz aus dem Manuskript "Das dreizehnte Kapitel" von Basils Frau trifft diese Beziehung in Briefen. Und dieser Briefroman steigt in der Intensität der geschriebenen Beziehung von Liebe und Verrat bis zu einem jähen Bruch.

Ein lapidares Interview, veröffentlicht unter: Gelegenheit macht Liebe, wird zur modernen Beichte über die Beziehungen an sich und verfärbt die verbrieft eigene in ein tiefes Grau. Die schon ins Du veränderte Beziehung in den Briefen verkehrt erneut ins Sie, die Basis von Wahrheit und Unmöglichkeit verschwindet in einen tiefen Graben, der nur erneut durch Worte überbrückt werden konnte.

Worte waren es, die Buchstabenketten zu Brücken über die Wirklichkeit umfunktionierten und es blieb die ins Leere hängende Brücke nach dem Bruch. Und Worte waren es, die eine erneute Annäherung möglich machten. Worte waren es, die diesen freien Lebensversuch ermöglichten und Karl Barth schreibt, die ihn wagen, dürfen sich die Starken nennen. Bis zur Krankheit des Mannes der Theologin bleibt dieser neue Weg, jedoch nun erneut abgebrochen, als wenn es einer Klarheit bedurfte. Ein letztes Halt, eine neue Warnung, ein erneutes Gegen und doch ein Für.

Walser bedient sich der Dramaturgie des Römerbriefs. Im Kapitel Röm 13 wird klar, dass Glaube und Liebe es sind, die man schuldig bleibt und im Sinne von Karl Barth dieses zu interpretieren, heißt: der Liebe nicht widerstehen, sie annehmen wie den Glauben. Paulus zeigt eine erstaunliche Wendung im Kapitel 14. Er warnt nicht vor dem Glauben, er warnt vor dem eigenen Glauben, so wie Walser nicht die Liebe verwarnt, sondern nur diese Liebe zwischen den Schreibenden und die Liebe in eine Ewigkeit verhilft zwischen der Theologin und ihrem Mann. Im Tod vereint zu sein ist eine Lösung und die andere zwischen Basil und seiner Frau eine besondere; die Vergangenheit als Manuskript wird verbrannt aber damit auch die briefliche Liebe ihres Mannes, der nach dem Inhalt des Manuskripts gelebt hat, zu jener Theologen Maja. Die Zukunft trägt den Titel: "Das dreizehnte Kapitel" und ist ein Geschenk, nämlichen der Liebe nicht zu widerstehen. Selig ist, wer sich nicht verurteilen muss in dem, was er sich erlaubt, können wir bei Barth lesen.

Die Zweideutigkeit der Liebe, die hoffend erreichbare und die ohne Hoffnung auf Hoffnung hin, wird aufgehoben mit der Botschaft, das es die eine für die Ewigkeit gebe. In der Schwachheit zur Stärke zu kommen, ist Paulus Botschaft, seine Probe bestehen jenseits von tönerndem Erz und klingender Schelle. Und Walser nimmt diese Wendung als Neuanfang für die Liebe, es gibt keinen Ausgang, von vorn anfangen, immer neu sich in der Bedrängnis bewähren klingt schon nach Dostojewski und darin steckt irgendwie zuzugeben, dass auf Unmöglichkeit hin zu leben jenseits des Lebens ist und das Leben in der Tat bedeutet, ohne Hoffnung auf Hoffnung es zu bestehen. Aber nehmen wir Liebe als das Göttliche, dann gilt nochmals Karl Barth für Walser: Wer die Liebe erkennt, wird nicht gerettet, sondern gerichtet. Wen jedoch die Liebe erkennt, der wird gerettet und aufgerichtet. Und steckt nicht hier ein verlängerter religiöser Diskurs vom Glauben als die hohe Liebe, die erst zur Ruhe kommt, wenn das Herz ruht in Dir, wie Augustinus schrieb.

Wir lesen hier wieder einen Walser, der die Themen des Lebens in seiner Vielfalt und Direktheit beherrscht. Zwischen Liebe und Verrat, zwischen Treue und Untreue, Versagen und Vertrauen steuert er unmissverständlich auf die Wahrheit und die Liebe als immerwährende Erneuerung zu. Dass Martin Walser (1927 -) heute 85 jährig sein drittes Buch in 2012 veröffentlicht, ist phänomenal. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht die Angstblüte ist, die ihn treibt. In einem Interview sagte er, es sei die Liebe. Freuen wir uns auf den dritten Meßmer-Band in 2013.

Einige Sätze:

- Wann haben denn unsere Vorfahren das auseinander treiben lassen, das himmlische und das irdische Buchstabieren ihrer Lage?
- Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einen Abgrund namens Wirklichkeit. Ich erlebe mich, mich hinüber hangelnd, ohne je drüben den
Fuß setzen zu können auf etwas, das mich trägt. [...] Das ist, was wir haben dürfen: Nichts.
- Dekorateure des Nichts
- Ich möchte Sie verführen zum Brückenbau ins Voraussetzungslose [...] von Wort zu Wort zu Wort.
- ... Ermöglichung des Unmöglichen, das auch als Ermöglichtes unmöglich bleibt
- Ihr Brief ist eine Wiese. Ich habe auf dieser Wiese gegrast. Tag und Nacht.
- Die meisten leiden ohne Gewinn.
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Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 22, 2012 7:30 PM CET


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