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Rezensionen verfasst von
kpoac

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Die süße Einsamkeit: Roman
Die süße Einsamkeit: Roman
von Irène Némirovsky
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über das Erwachsenwerden in einer Zeit der Beliebigkeit., 22. Juli 2013
Wenn ein gewisser Grad tragischen Entsetzens erreicht ist,
reagiert der menschliche Geist mit Gleichgültigkeit und Egoismus.
(Irène Némirovsky)

Irène Némirovsky (1903-1942) wagt einen Blick auf ihre Zeit. Es ist die Zeit in Sankt Petersburg bis hin zu dem Umzug der Familie nach Paris. Im Mittelpunkt steht Helene, die Tochter eines Ehepaars, deren Zusammensein geprägt ist von Distanz. Ihr Vater - spielsüchtig, wirtschaftlich erfolgreich durch das Spiel mit Aktien, die jedoch selbst wie im Spiel der Zeit die Höhen und Tiefen erleben und einer Mutter, die ihr Äußeres in den Vordergrund stellt, die ihre Stellung beweisen muss und in Anspielung auf nahezu ewiger Jugend sich junge Liebhaber hält, die nur als Scheinbeweis herhalten. Sie erkennt nicht, dass ihr Leben ein erkauftes ist, erkauft vom Geld des Ehemannes. Sie erkennt nicht, dass ihre Reize ein Spiel der Zeit sind und verstrickt sich in Eifersucht über die wachsenden Reize ihrer reifenden Tochter.

Helene scheint die einzige moralisch gefestigte Person zu sein. Jemand, die sich sorgt, jemand, die erkennt, wie ihre Eltern sind und jemand, die aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit und der moralischen Verwerfung heraus möchte in ein selbstbestimmtes Leben.

Gleichzeitig liebt sie ihren Vater, hasst das Leben ihrer Mutter mit all den Liebschaften und sinnt im Laufe ihrer Jugend nach Rache, da sie so sehr die warmherzige Mutterliebe vermisste. Ihre zunehmenden Reize ab dem 16. Lebensjahr sind unverkennbar und diese sind es in perfider Deutlichkeit, die sie einsetzt zu einem Spiel möglicher Nähe zu dem ständigen Begleiter ihrer bedürftigen und selbstsüchtigen Mutter.

Helenes Zeit ist die Zeit des Erkennens und Erwachsenwerdens, des Vaters Zeit ist die Zeit des Gewinns, des Ruins und des Todes, der Mutter Zeit ist die Zeit des Verfalls, des Verlusts von Attraktivität und letztendlich auch des Ruins. Zu wissen von der Niedertracht der Mutter, mitzubekommen, wie die Regeln deren Liebesspiels sind, vergilt sie Gleiches mit Gleichem.

Die letzte Entscheidung Helenes fällt nach dem Tod ihres Vaters. Sie hat ihre Rache gefunden, der Liebhaber verlässt ihre Mutter wegen unerreichbaren Liebe zu ihr und sie verlässt ihre Mutter, um mit 21 Jahren ein neues Leben zu beginnen, ein Leben, welches startet mit der süßen Einsamkeit.

Ein leicht zu lesender Roman, der den Blick auf die Zeit wirft und deren Verwerfungen.
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Im Schatten des Sinai: Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft (edition suhrkamp)
Im Schatten des Sinai: Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft (edition suhrkamp)
von Peter Sloterdijk
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zivilisierung der Religionen, 19. Juli 2013
"Nur eine Moderne, die ihre Verweigerer
alimentiert, ist auf der Höhe ihrer selbst."
(Peter Sloterdijk)

Ein Buch zu veröffentlichen, um die Vorgänger: Gottes Eifer und Du musst dein Leben ändern zu verteidigen, hat einen gewissen Charm. Der Vorwurf lautete, die Schriftreligionen ausschließlich in ihrer Kampfzone zu betrachten und auf die friedenstiftenden Botschaften zu verzichten. Aber ist es eine Verteidigung?

Eher nicht. Denn die hier wunderbare Darstellung, was den Weg der Religion ausmacht in Hinblick auf die Veränderung der Gesellschaft, wird hier beredt und sicher vertreten. Den Anfang am Berg Sinai zu verorten und von dort eine Gesellschaft zu betrachten, die in ihrem System mit den Veränderungen der Modernen und den Erinnerungen an die Überlieferungen sich neu positioniert, ist nicht ein Wagnis, aber doch eine Herausforderung. So gelassen wie hier, lesen wir Sloterdijk selten. In seinen fünf Kapiteln verweist er folgerichtig auf eine Mitgliedschaft, die sich ändert und doch einem Sinai- Schema folgt. Diesem Gedanken zu folgen, ist eine Bereicherung. Sich erinnern an Assmann, Spinoza, James u.a ist wichtige Ergänzung. Von daher, nicht näher diesem Thema als Besprechung folgend, ist es im Schatten des Sinai interessant und lesenswert. Egal wo, die ca. 60 Seiten erzeugen inspirierende Ansprache und nachhaltig bedenkenswerte Inhalte.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 29, 2013 10:48 PM MEST


Der Moses des Michelangelo
Der Moses des Michelangelo
Preis: EUR 0,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Moses des Sigmund Freud., 8. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Moses des Michelangelo (Kindle Edition)
"Wer mit den wenigsten und einfachsten Symbolen das Meiste
und Bedeutendste ausspricht, der ist der große Künstler"
(Heinrich Heine)

"Der Moses des Michelangelo", diese Statue des großen Künstlers der Renaissance beschäftigte Freud und regte ihn an. Um diesem nachzuspüren, vorab eine Empfehlung: sehen Sie sich die Statue des Moses in Ruhe an. Länger und detailliert.

In diesem sehr persönlichen Blick nimmt man eine Menge mit in den Text und kann den Dialog mit dem Autor fortführen. Das Sichtbare ist das, was es zu beschreiben gilt, aber der Kontext, in dem Moses genau zu dieser Position kam, bedarf einer Vorstellung, die den geschichtlichen Rahmen der Bibelstelle berücksichtigt. Freud nannte ein anderes Essay ursprünglich: Moses, ein Ägypter und verfolgt damit den radikalen Ägyptizismus mit jüdischen Mittel. (vgl. Sloterdijk 2007, Derrida, ein Ägypter, und Freud selbst: Der Mann Moses und die monotheistische Religion).

Doch hier bemüht er den Kontext der Übergabe der Gesetzestafel am Berge Sinai, Moses, der zulange die Gruppe verlassen hat, stößt nach Rückkehr auf Aron, der den Sinn, ins gelobte Land zu gehen, mit einem Goldenen Kalb für beendet erklären wollte. Diese unsägliche Wut, der Zorn im Blick offensichtlich und in der Körpersprache bereits gebannt, machen die Faszination der Freudschen Betrachtung Moses aus. Moses wird im betrachtenden Auge mit der Interpretation Freuds nahezu lebendig. Dieses Essay ist ein wichtiges Highlight der Kunstgeschichte.

In Sinne einer neuen Betrachtung, könnte man Franz Maciejewski, ISBN: 3525453744 folgen, der Freud im Bann eines Moses-Komplexes sieht und zu ergänzender Interpretation führt. Hier wird geprüft, ob nicht sehr persönliche Motive die lebenslange Betrachtung der Mosesfigur bedingt haben.

Freud ist bekannt als Psychoanalytiker, der den Menschen mit seiner Wahrheit über das Ich nicht gerade schmeicheln wollte. Doch hier erleben Sie einen anderen Freud, der zwar als Psychoanalytiker schreibt, doch die Welt dessen weit überschreitet und dennoch seine Grenzen kennt.
~~


Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns
Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns
von Byung-Chul Han
  Taschenbuch

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der digitale Schwarm ist keine Masse., 11. Juni 2013
Für eine Anthropologie des Cyberspace.

Byung-Chul Han, Professor in Berlin, schreibt und veröffentlicht, als wäre das Buch ein Blog. Schreibt er gegen bloggen, twittern, facebooken etc? Man könnte es meinen, wenn alle digitale Rationalität das Ende des kommunikativen Handelns heraufbeschwört. Was ist digitale Rationalität und was ist kommunikatives Handeln in seinem Sinne? Nietzsche als Einstieg zu wählen, unzeitgemäß betrachtet, zumindest den Pflock des Augenblicks sehen, wie die Herde auf der Weide, das gelingt Han. Trauert der Mensch um die Vorteile des Tiers, das Glück in jedem Augenblick zu haben oder brüstet er sich, ein Mensch zu sein. Nietzsches Fragen und Vorstellungen sind sicher anderswo besser zu diskutieren. Doch worauf Han hinaus will, scheint der öffentliche Raum zu sein, den Hannah Arendt als wichtig empfand und der nun im Zuge der Vereinzelung vor dem Bildschirm ausgetrocknet wird.

Digital sein heißt offenbar auch, allein zu sein trotz aller digitaler Verbindung. Es scheint auch zu heißen, Eigeninteresse über Allgemeininteresse zu stellen und damit die Demokratie zu gefährden. Personalisierung ist Entdemokratisierung, das Ich dominiert das Wir und löscht es aus. Das ist die Angst, das ist das Bedenken dieses Autors. Doch gleichzeitig gibt er einer Idee Hoffnung, sich als Schwarm-Demokratie zu verfestigen. Denn digitale Schwärme sind keine Masse. Dieser Denk-Möglichkeit nachzugehen, ist sein Interesse und dabei verweist er auf Schriften, Ideen, Philosophien anderer Denker.

Natürlich Habermas und seinem Geltungsanspruch des kommunikativen Handelns. Auch auf Rousseau, der die Herleitung des volonte generale mathematisch argumentierte. Auf den Medienkenner Flusser und einige mehr.

Nur 44 Seiten schmücken dieses Büchlein, 500 cent für alle Seiten, ca. 12 Cent je Seite. Ist es das wert? Nun, welchen Aufwand müsste man treiben zu dieser Übersicht? Und ist es nicht gerade richtig, bei all der Diskussion um kostenpflichtige Inhalte, sich vor Augen zu führen, dass dem Wert zusteht, der Wert und Inhalt liefert.
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Menschenwürdig Sterben - Ein Plädoyer für Selbstverantwortung
Menschenwürdig Sterben - Ein Plädoyer für Selbstverantwortung
von Walter Jens
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Si vis vitam para mortem.", 10. Juni 2013
"Der Tod ist der Zustand der Vollkommenheit, der
einzige, der für einen Sterblichen erreichbar ist."
(Emile M. Cioran)

Eine sich verändernde Gesellschaft, die von der freien Geburtenregelung und über den praktizierten Freitod bisher sachlich bis hitzig, aber auf jeden Fall betroffen diskutieren konnte, verweigert sich einer Selbstbestimmung zum Tode und einer passiven Hilfe in Rechtssicherheit zum Ende des Lebens. Diesem Thema neuen Impetus zu geben, war Anliegen der beiden Professoren Küng und Jens im Jahre 1995. Und so argumentiert jeder aus seiner Profession mit Hilfe großer Geister, um dennoch mit einer eigenen Position aus deren Schatten zu treten.

Mit Medizinern und Juristen anschließend in eine Diskussion zu treten, die Seiten, Anliegen und Argumente im Lichte der Zeit zu beleuchten, zu begreifen und dann wieder einem freien Willen zuzuführen, ohne den historischen Beigeschmack der Euthanasie zu vernachlässigen, aber ihn wieder in den Ursprung der Bedeutung zu führen, plädieren die Teilnehmer für den "glücklichen Tod" jenseits aller Leiden.

Neue Kraft bekam diese Diskussion gerade um einen der Co-Autoren. Mit der Demenz von Walter Jens zeigt sich diese Frage erneut, führt zu einer Neuauflage und Aktualisierung und insbesondere zu einem lesenswerten Beitrag von Frau Jens (2008).

Testament, Patientenverfügung, menschenwürdiges Sterben mit Betreuungs- und Vorsorgevollmacht und Sterbehilfe werden nach dem Lesen dieses Buches aktuelle Begriffe des Alltags für alle und jeden sein, mit dem Wissen, dass man nicht täglich an den Tod denken kann. Ob alles aber nach dem Tode aus ist oder nicht, entscheidet der Glaube. Und wer es rational betrachten möchte, wird mit Kant auch feststellen, dass da, wo nichts empirisch gilt, alles offen ist.

Über alle Rationalität hinaus bietet diese Diskussion, dieser Diskurs, diese Auseinandersetzung eine große Perspektive für jeden emotionalen Umgang mit dem Ende des Lebens.

Walter Jens starb am 9. Juni 2013 in Tübingen.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2013 10:06 PM MEST


Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Suhrkamp BasisBibliothek)
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Suhrkamp BasisBibliothek)
von Robert Musil
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " ... wir bedürfen einer inneren Gewissheit, die uns trägt.", 4. Juni 2013
"Es gibt Stellen, die wir allein mit unserem Denken nicht überwinden,
sondern wir bedürfen einer anderen inneren Gewißheit, die uns trägt."
(Robert Musil)

22 jährig schreibt Robert Musil (1880-1942) sein Erstlingswerk. Alfred Kerr zeigte sich so begeistert, dass so die schriftstellerische Karriere Musils begann. Diese Erzählung wurde zu einem großen Erfolg, 1966 so gar verfilmt (Schlöndorff).

Was macht dieses Werk so besonders? Es sind drei Dinge: (1) die fulminante Sprache, die die Tiefen heranwachsender Prozesse und deren innere Dialoge bestens in Szene setzt, (2) gelingt es Musil mit psychologischer Raffinesse diese inneren Dialoge des Zöglings Törleß in den gesellschaftlichen Kontext der Herkunftsfamilie, der Gesellschaft (auch der vorgestellt zukünftigen) wie der Peer-Group zu positionieren und (3) versteht er es in brillanter Gegenüberstellung, die Tücken der realen Welt mit den unendlichen Sehnsüchten der Phantasie getriebenen Traum-Welt der Heranwachsenden und deren sexueller Reifung zu verbinden.
Musils Erzählung positioniert drei wichtige primäre Geschehnisse, die zur Verwirrung wie zur Klärung des Lebens Törleß’ beitragen, ein weiteres Erlebnis dient der Klarstellung der eigentlichen Suche nach aktueller und zukünftiger Identität.

Seine Erzählung beginnt mit dem Verlassen des elterlichen Hauses (a), welches gut-bürgerlich ihm Erziehung angedeihen lassen konnte. Seine äußere Welt war geprägt von Norm und Pflicht. Das Ziel seiner Eltern war, ihm den letzten Schliff in einem angesehenen Konvikt zu ermöglichen. Törleß mag um die 16 Jahre alt gewesen sein, als er seine "lieben, lieben Eltern" verließ, seine "körperliche Erinnerung an die geliebte Person, die zu allen Sinnen spricht und in allen Sinnen bewahrt wird, so dass man nichts tun kann, ohne schweigend und unsichtbar den anderen zur Seite zu fühlen." Seine gut behütete Vergangenheit im Elternhause ließ keine sinnliche Erfahrung zu, diese fand er stellvertretend in den poetischen Werken von Shakespeare, Goethe und Schiller. Diese geborgten Gefühle trugen ihn über die Jahre hinweg, wo man "selbst etwas bedeuten muss, ohne als Unfertiger etwas bedeuten kann."

Im Konvikt schließt er Freundschaft mit den Jungen Reiting und Beineberg, die ihn zum Besuch einer Prostituierten auffordern, ein wichtiges Erlebnis (b), welches später als Erinnerung in Törleß noch Bedeutung hat. Bei der Prostituierten lernt er einen weiteren Schüler kennen, es ist Basini, der nicht wie die beiden anderen aus hohem Hause kommt, sondern sich auf natürliche Weise dem möglichen Erfolg zuwenden muss. Törleß erkennt bereits hier eine gewisse Affinität. Basini ist jedoch nicht gelitten, auch deswegen, weil er gegen Regeln verstößt. Dieses Vergehen bleibt jedoch Geheimnis der Gruppe, allerdings mit einer besonderen Verpflichtung. Und so (c) erlebt Törleß das Verhalten von Macht aus minderen Motiven. Basini wird versklavt und geschlagen, und dennoch scheint es, daß Basini selbst aus dieser Situation zunächst Vorteile ziehen kann. Törleß jedoch empfindet ungeklärte Indifferenz, ja, er empfindet gewisse Erregung in der tatsächlichen Macht als Strafe und der subtilen, die durch Fragen zum Verlust jeder Klarheit führt.

Über allem, und hier brilliert die Art des Erzählens im Besonderen, ist die Suche Törleß’ nach Identität, nach den Dingen außerhalb des Lebens, der Transzendenz und entscheidend vielleicht die Fragen zu Klärung des inneren Kosmos. So wie er im Park liegend, die Wolken und die freien Bereiche dazwischen entdeckt und mit ihnen sein Blick ins nicht Endende, ins Unendlich schweift, zittert sein Innerstes und Angst zwingt ihn, die Augen davor zu verschließen. Törleß empfindet seine Gedanken in neuen Weiten, er fühlt sich entfesselt, die Erfahrung geht über den Verstand, sie ist bedrohlich und vernichtend für ihn. In diesem Moment ging er die Kindheitserinnerungen durch, zwischen Wachen und Träumen begegnete ihm Neues, Ahnungsvolles, das mehr war, als alles andere bisher. Die dunklen Schleier der Sinnlichkeit kamen über ihn, sein sexuelles Erwachen spürte er und die Vorstellung von all dem, was mit ihm geschah entzweite ihn völlig. Alltag und Vernunft waren von nun an der Widerpart eines "bilderdurchzuckten Schweigens". In diesen Momenten versagt das Erkennen den Zusammenhang, jeder einzelne "Augenblick bleibt unverständlich und wird verwirrt, wenn er mit den Ketten des Verstandes zum bleibenden Besitz gefesselt werden soll." Törleß durchläuft eine poetische Veränderung vergleichbar Anselmus bei E.T.A. Hoffmann und wandelt sich selbst im Menschsein.

Die Lehre der Mathematik bzgl. des Imaginären und des Unendlichen fasziniert ihn und bringt gleichzeitig die Hoffnung auf Klärung seiner ureigensten Fragen. Die Diskussion mit seinem Mathematiklehrer führt zur Erkenntnis, dass in der geschlossenen Welt der Mathematik allein kein Heil zu erwarten ist und die Entdeckung Kants bringt ihn in das noch Unverstandene der Philosophie. Diese verspricht ihm Hilfe für die Fragen des weiten Lebens. Vor allem diese Frage, ob es "ein allgemeines Gesetz gibt, dass etwas in uns ist, das stärker, größer, schöner, leidenschaftlicher dunkler ist als wir?" In jedem Nerv seines Körpers bebt ein ungeduldiges Ja. Und er fühlt sich als Überwinder von Kant, da er sich selbst auf der Spur des Rätsels Lösung wähnte, die er in Aufzeichnungen für sich bannen möchte, wie es Rilkes Malte tat, wie es Valerys Monsieur Teste tat, und wie es Robert Walsers Jakob von Gunten tat.

Seine Beziehung zu den Freunden verändert sich ebenso, wie auch sein Verhältnis zu Basini. So wie er in den Kindheitserinnerungen in Mädchenkleidern eine anerzogene Schein-Affinität zum anderen Geschlecht erwirbt, so entstehen zunehmend homoerotische Empfindungen gegenüber Basini, die in Vollendung der Macht als andere Art der Strafe zur Geltung kommen. Doch diese Strafe entpuppt sich als Macht des einen und als Wollust des anderen und doch werden Empfindungen beider eins. In dem Moment, als Basini, nackt neben ihm liegend im schweigenden Schlafsaal des Konviktes, sich als Diener anpreist, alles für ihn tun möchte, da erkennt Törleß sich selbst nicht mehr. Den weiteren Wünschen Basinis ohne Gegenwehr folgend, verlässt er den Pfad der Vernunft und gibt seiner Sinnlichkeit die Oberhand. Dieses Erlebnis ist Entzweiung für Törleß, "das bin nicht Ich" sind seine Worte. Und doch spürte er schon lange, spätestens seit dem Besuch bei der Prostituierten von diesem Verlangen. Basini stieß das Tor zum Leben auf, ein Zwielicht vermengte Wunsch und Wirklichkeit, er sah hinter dem Tor die Grenze des Landes Sehnsucht und dieses offene Tor verband nun die äußeren Empfindungen mit dem inneren lodernden Feuer und hüllte ihn ein bis zur Unkenntlichkeit. Diese Gefühlsvereinigung überraschte Törleß, und in dieser ersten Überraschung wollte er dieses Gefühl für Liebe nehmen.

Doch es war nur ein Schwanken zwischen Beschämung und Begierde. Diese Ambivalenz löste sich, als Reiting und Beineberg entschieden, die nächsten Strafen gegen Basini durchzuführen. Törleß, noch immer schwankend in seiner Ambivalenz, stellt jedoch fest, dass sein Suchen nach der Lösung der Rätsel vorbei sei. Es gibt keine Rätsel, die einfache Botschaft: "Alles geschieht: Das ist die ganze Wahrheit." Und in dieser Gewissheit, zwischen Tag und Nacht, zwischen Leib und Seele, zwischen der Vernunft und dem Gefühl, dem Traum unterscheiden zu können, geht er aus dem Konvikt, selbst gewünscht und hinaus getadelt. Seine Welt hat nun die Ortung des kartesischen Dualismus, er ist Doppelgänger, in beiden zu Hause, er ist wie Anselmus in Hoffmanns goldenem Topf.

Beunruhigend ist das devote und gleichzeitig machtgeile Verhalten von Schülern an Eliteschulen, die nur mit Disziplin nicht gebannt werden kann, wenn dort nicht die Seele frei ins Leben treten darf. Musils Kritik an diesem System, welches er als Kadett durchlaufen musste, zeigt deutlich das Vermisste, aber damit das Wichtige jugendlichen Lebens und beweist bereits a priori, dass ohne Achtung des Lebens, Diktatur und in Folge Vergewaltigung des Einzelnen nahezu unvermeidbar sind.

Musil schuf ein Werk, welches lesesüchtig macht, welches mit Psychologie, Philosophie bestens umzugehen versteht. Musil bringt den Erzähler wunderbar in Szene, auch in die immer wieder auftretende Parallelität der Dialoge. Alles, was es im Leben Beunruhigendes gibt, erlischt, "sobald es in den Tatkreis eines Lebens eintritt", so vielleicht die Quintessenz eines außerordentlich lesenswerten Romans "von abweichender Art" (Musil über Musil).
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Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (Fischer Klassik Plus 392)
Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (Fischer Klassik Plus 392)
Preis: EUR 0,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über Freiraum und Grenze des Individuums in der Gemeinschaft., 19. Mai 2013
"Kein Satz wird je die Wahrheit enthalten, und die einzige Möglichkeit,
gerecht zu sein, besteht darin, daß wir die Lüge bei uns selbst suchen."
(R.W. Emerson)

Wenn wir als Kafka Leser dieses wilde dialektische Denken von R.W. Emerson übernehmen, dann wissen wir, daß uns nicht der idealistische Drang ausgetrieben werden soll. Vielmehr verspüren wir mit Emerson einen gewissen Solipsismus, den es transparent zu machen gilt. Wir lesen also Kafka im Glauben, daß er in dem Recht hat, was er meint, doch daß er irrt in dem, was er sagt. Diese Dialektik verspricht uns nicht die Welt der Dinge in den Vordergrund zu setzen, sondern nur die Welt der Sprache. Mit Emerson könnte der Versuch gelingen, das Negative in Kafkas Schreiben als den Fortschritt schlechthin zu deuten, allein deswegen, weil zu jeder Zeit die Fragen neu zu stellen sind, oder die Literatur uns neue Fragen stellt. Alles Schreiben bei Kafka deckt sich mit dem Landvermesser, d.h. mit dem Landvermessen gegen Grenzen, neues Wissen zu erlangen.

Franz Kafka (1883-1924) schreibt diese kleine Erzählung im Jahre 1924 kurz vor seinem Tod. Eingeordnet ist sie in den Zyklus unter dem Namen: Ein Hungerkünstler. Josefine, diese kleine Maus, trägt den weiblichen Namen des Josef K., der uns aus vielen Erzählungen, Fragmenten bekannt ist. Josef K. wurde eines Morgens ohne erkennbaren Grund verhaftet. Sein Leben stand ab diesem Zeitpunkt im Zentrum der Gewissensfrage, was Schuld ist. Josefine, die Sängerin, die vom Volk der Mäuse anerkannt und hofiert wird, steht nicht in der Frage der Schuld, sondern eher in der Frage, was das Individuum in der Gemeinschaft bewirkt. Hier wird deutlich, daß es zu unterscheiden gilt, was das Ich am Wir bewirkt und wie das Wir das Ich bestimmt.

Diese Erzählung ist die letzte im Leben Franz Kafkas. Am 20.4.1924 wird sie veröffentlicht. Franz Kafka ist bereits bettlägerig und seine Stimme versagt. Seine Selbst-Reflektion gibt offensichtlich Anlaß genug für diese Erzählung, in der einer Sängerin die Stimme versagt. Kafka hat die Metapher des Schweigens nicht erfunden, er hat sie in seinem Leiden vorgefunden. Nichts an Stimme klingt schon wie ein Nichts an Leistung. In dieser Gegenüberstellung zentriert sich die problematische Relation zwischen einem besonderen Individuum und der Gemeinschaft. Man könnte es so verstehen, daß der besondere Einzelne erkannt wird an der Art, wie er das allgemein Bekannte als das Besondere hervorhebt. Denn Josefine ist nur eine Maus, die nichts anderes sagt und singt, nicht anders pfeift wie all die Mäuse. Und doch hebt sie sich aus dem Volk der Mäuse ab, in dem sie benennt was sie tut, in dem sie daß Normale als das Besondere bühnenreif darbietet. Und der neue Ort, in dem das Profane gezeigt wird, verweist darauf, daß dieses Normale - neu betrachtet - zu dem Besonderen wird. Es ist also nicht die Kunst, die bemerkt wird, es ist die Inszenierung. Man könnte meinen, daß Josefine hier das Normale im Zuge einer Narretei als das Besondere verkauft.

Viele ostjüdische Erzählungen bemühen sich der Narretei. Es ist nicht das Ziel, Blödes darzustellen. Vielmehr muß man feststellen, daß diese Narren ausschließlich getrieben sind von ihrem Glauben an die Erstrangigkeit ihrer Einbildungen, Wünsche und Träume. Sie sind Profis des Phantastischen, sie lieben das Bodenlose und sind Konstrukteure des unmöglich Möglichen. Josefine gehört zu dieser Art von Narren, sie nimmt sich sogar den Freiraum dazu, denn ihr Geschehen ist auf der Bühne, es ist Josefines Auditorium, wo sich das Volk der Mäuse einfindet. Dort vorne steht sie, ein anderer Ort, ein individueller außerhalb der Gemeinschaft, die sich im Parkett befindet.

Doch dieser Ort ist ein virtueller. Josefine versteht es, irgendeinen Ort zu ihrer (sic!) Bühne zu machen, sie kann selbstherrlich den Raum der Mäuse umfunktionieren und dennoch verliert sie ihn wieder. Denn es ist nicht ihr Raum im Blick der Mäuse, es ist ihr Raum im Gesang. Singend entzieht sie sich selbst und schafft sich eine neue Welt. Und doch stellt das Mäusevolk fest, daß dieses Wohnen im Gesang nur ein Wohnen im gewöhnlichen Pfeifen ist. Nichts Außerordentliches ist im Gesang, im Gewöhnlichen und Allgemeinen des Pfeifens erkennen sie sich alle wieder.

Am Ende wird der Leser davon in Kenntnis gesetzt, daß Josefine nicht nur im Gesang entschwindet, sondern physisch aus dem Lebensraum der Mäuse entschwindet. Aus der Enttäuschung, Trotz und Schwäche ihrer Hörerschaft verschwindet sie und bleibt am Ende unauffindbar. Allerdings ist ihr Verschwinden ein Übergang in das Reich der Vermutungen, es wird als Ungewißheit mitgeteilt und so gleitet Josefine aus dem Erfahrungsbereich der Mäuse hinüber in deren Erinnerungsbereich.

"Leicht wird es uns ja nicht werden; wie werden die Versammlungen in völliger Stummheit möglich sein. Freilich, waren sie nicht auch mit Josefine stumm? War ihr wirkliches Pfeifen lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein wird? War es denn noch bei ihren Lebzeiten mehr als eine bloße Erinnerung?"

Josefines Kunst verwirbelt die Zeit. Ihr damaliges Auftreten ist ununterscheidbar von der Erinnerung. Warum? Nun, so schreibt Kafka zu Beginn. "Josefine macht eine Ausnahme". Sie gibt nämlich als Kunst aus, was alle Mäuse auf natürliche Weise tun. Und der Erzähler der Geschichte stellt fest: "Wir bewundern an ihr das, was wir an uns gar nicht bewundern." Der Erzähler stellt aber auch fest, daß zum Verständnis der Kunst auch das Sehen gehört. Kafkas Idee vom Exhibitionismus des Künstlers kommt voll zur Geltung. Tue es und zeige es, fordere Aufmerksamkeit - auch für das Allergewöhnlichste.

Aufmerksamkeit zu fordern, ist ein selbstbewußter Akt mit erbarmungslosen Verhaltensimperativen. Denn das Besondere dem Publikum zu benennen bleibt zukünftige Forderung des Publikums an die Künstlerin. Es verfestigt sich eine Grenze zwischen Künstler und Publikum. Letzteres bleibt wohlwollend aber unerreichbar. Josefine verspürt zunehmend Druck, entflieht mit Ausreden über Krankheiten und Schwächen häufig dieser Enge und bleibt letztendlich verschwunden. Die Selbstauflösung Josefines als künstlerisches Individuum versteht Kafka am Ende als "gesteigerte Erlösung" in das "kollektive Vergessen". Ihr Gesang jedoch bleibt zunächst unverlierbar, doch mit den Generationen gerät auch er in Vergessenheit. Josefine hat es nie gegeben. Kafka löst sich hier in der letzten Erzählung vom Mythos des Einzelkämpfers, vom Narzißmus des beredten Landvermessers, der doch eigentlich nur einsam ist.

Kafkas Erzählung verbleibt als Parabel für all jene, die von Selbstzweifel unangefochten in eitler Unangreifbarkeit nur das tun, was ihnen wichtig und richtig erscheint. Es bleibt in Konsequenz auch die Abkehr der Gemeinschaft vom sich selbst inszenierten Individuum. Kafkas zentrale Motive, dem des absoluten Wahrheitsanspruch in der Kunst des autonomen Einzelnen und dem Verlangen nach Gemeinschaft werden hier gegenübergestellt. Kafka verläßt im Angesicht des nahen Todes den Raum seines Lebenskampfes. Nichts mehr bleibt von den waghalsigen Kontrasten in all seinen Schriften; es scheint ein neues Licht ins und auf das Leben, vielleicht das Licht der Ironie.

Sehr lesenswert.
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Die Wiederholung
Die Wiederholung
von Hans Rochol
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste." (Hölderlin), 5. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Wiederholung (Broschiert)
"Der ehrliche religiöse Denker ist wie ein Seiltänzer. Er geht, dem Anscheine nach, beinahe durch die
Luft. Sein Boden ist der schmalste, der sich denken läßt. Und doch läßt sich auf ihm wirklich gehen."
(Ludwig Wittgenstein)

Søren Kierkegaard (5. Mai 1813 - 11. November 1855) war dänische Philosoph, ist Quelle vieler Ideen und sicher existentialistisch und neo-protestantisch. Von seinen Werken sind Entweder-Oder, Der Begriff der Angst, Die Krankheit zum Tode und Furcht und Zittern die bekanntesten und meist gelesenen. Wie bei Kafka ist auch Kierkegaard nicht von seinem Werk zu trennen. Vier Ereignisse sind von Bedeutung: (1) Die Beziehung zum Vater, dieser vererbte ihm Geld und Melancholie; (2) Verlobung und Entlobung mit Regine Olsen. Die Entlobung ging von ihm aus, er habe kein Recht sich zu binden ob seiner Verzweiflung, (3) der Zwist mit dem "Corsaren", einer Zeitschrift, die ihn karikierte und zu guter Letzt im hohen Alter (4) die Abwehr gegenüber dem gelebten Christentum der Titularchristen.

Offensichtlich ist, dass alle seine Schriften wie auch diese, Stadien seines Lebensweges aufweisen. Seine Beweisführung zur Philosophie folgt somit der indirekten Methode, die Kierkegaard bravourös beherrscht. Gegensätzliche Anschauungen und Lebenstile werden bildhaft, phantasievoll, ja, gar poetisch vorgetragen. Er entfaltet somit von Innen her seine Ansicht, aber eher im Leser, der das Leben aus der neu gewonnenen Perspektive nachempfindet. Das Phantasiegebilde entwickelt Kierkegaard mit dem Leser, er spricht ihn an in fiktiven Briefen, er schreibt romanhaft und so empfindet der Leser über den Modus der Identifikation eine Teilhabe. Kierkegaard selbst unterstützt dieses noch, in dem er mit Pseudonymen arbeitet. So ist dieses Werk geschrieben von Constantin Constantius. Und so ist der Name Programm dieses Werkes.

Es ist also nicht schwer, Kierkegaard zu lesen. Meisterhafte Anekdote und illustriertes Beispiel helfen. Und wie jeder es vielleicht auch für sich spürt, gilt Kierkegaards Interesse der eigenen Existenz. Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit oszilliert sein Denken und tendiert in den Raum des Möglichen.

Die Wiederholung steht im deutliche Zusammenhang von Erinnerung und Hoffnung. Wiederholung ist nach vorne gerichtet Erinnerung, die ihrerseits eher Trauer ist. Hoffnung ist noch nicht erreichtes, besteht jenseits der Existenz und jenseits der Gegenwart. Allein die Wiederholung als nach vorn gerichtete Erinnerung und als im Moment des Daseins entstehende Lebens- und Erkenntnisweise definieren die subjektive Gegenwart. Wirklichkeiten werden aus subjektiven Möglichkeiten und letzte sind zu erfahren in höchster Selbstreflektion.

Wie anders als aus seinem Leben kann die dafür notwendige Erzählgrundlage kommen. Es ist die Liebe, die hier herangezogen wird, und in ihr wird das Gespür verhandelt, der richtige Partner zu sein, wenn man sich seiner eigenen Existenz mit allen Stärken und Schwächen bewußt ist. Die in diesem Kontext hervorgehende Selbsterfahrung beweist zum einem, dass kein Mensch zwei Menschen gleich gut kennen kann. Für Kierkegaard bedeutet dieses, nicht in eine Beziehung eintreten zu können, da jede Tiefenerfahrung im anderen ausbleibt. Eine Beziehung ist somit nur ausserhalb von Ehe möglich, weil die Wiederholung der Freiheit immanent ist. Die Wiederholung ist das höchste Interesse der Freiheit, schreibt er an anderer Stelle.

Warum verhält sich Kierkegaard wie ein Dichter? Warum bezeugt er die Entwicklung des Menschen zu sich, zu seiner Existenz erst in der Bedeutung der Poesie? Aristoteles bemerkt in seiner Poetik, die Poesie stehe höher als die Geschichte, weil die Geschichte nur darstelle, was geschehen sei, die Poesie jedoch, was geschehen könne. Poesie verfügt über Möglichkeiten (s.o.), das Geschichtliche, das Intellektuelle, gar das Ästhetische ist interesselos. Es gibt aber nur ein Interesse, das zu existieren. Interesselosigkeit jedoch ist Gleichgültigkeit gegenüber der Wirklichkeit. Mit der Poesie will Kierkegaard auf etwas anderes hinwirken, seine Teleologie ist der reine Mensch in seiner subjektiven Existenz. Und vor allem will er in der Wiederholung aufzeigen, das Idealität bestehen wird, wenn das Wirkliche durch das Mögliche ergänzt und das Mögliche durch das Wirkliche aufgehoben wird. Somit existiert eine Entwicklung zu Höherem. Wirklichkeit und Möglichkeit sind die zwei Seiten eine Medaille, die Welt wird von Lärm und Staub befreit, weil Erinnerung und Wiederholung den Rahmen der Existenz geben. Oder wie Kierkegaard aka Constantin Constantius schreibt: "Wenn man die Kategorie der Erinnerung oder Wiederholung nicht hat, so löst sich das ganze Leben in leeren und inhaltslosen Lärm auf."

Søren Kierkegaards Verführung ist die zur Erkenntnis, dass alles Leben an Wagnis und Existenz gebunden bleibt. Für interessierte Leser heute zum 200. Jahrestages der Geburt des großen dänischen Philosophen.
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Totengespräche (Die Andere Bibliothek)
Totengespräche (Die Andere Bibliothek)
von Hans-Horst Henschen
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erlauchte Tote, es sind Dialoge im Umlauf ....., 4. Mai 2013
Von den Toten könne man lernen, sagte einmal Sir Francis Bacon, (1561-1626) und er meinte, dass soviel Weisheit in ihnen steckt, daß es lohnt, sich immer wieder mit ihnen zu befassen. Auch Max Frisch griff dieses Thema auf und stellte lapidar fest, mit den Toten zu reden sei ein Gespräch von besonderer Art, denn es sei nun mal so, dass die Toten nicht umdenken.

Was aber passiert, wenn wir eben jenen großartigen Franzosen noch heute lesen können, diesen Bernard de Fontenelle (1657-1757), der mit seinen fast hundert Lebensjahren zu den Frühaufklären gehört. Er stellt die Toten zu einem Gesprächskreis zusammen. Jeweils in überraschender Konstellation und spritzigen Dialogen zu unterschiedlichsten Epochen und lässt man sich als Leser ein, spürt man die Absicht dieses Intellektuellen. Er kämpft gegen die Vorurteile seiner Zeit, er stellt die Tugend in ein neues Licht, er läßt zu Wissenschaft und Religion in ihren Eigenarten und Differenzen einen neuen Blick wagen. Weisheit wägt er ab zwischen Vernunft und Temperament; das Glück, tugendhaft zu sein, will er der Natur zuschreiben, jedoch den Verdienst, es zu sein, verdanke man der Tugend eben selbst.

Des Menschen Vollkommenheit, d.h. seinem Streben danach, entlarvt er geschickt. Metalle in Gold zu verwandeln hält er für gleich möglich, wie eine gute Ehe zu führen. In vielen Dingen will die Welt betrogen sein, also wird sie betrogen; man muß sich ihre Lage zunutze machen, schreibt er in einem Dialog.

Auch, und das wird auch heute noch offensichtlich, muß man den Stein der Weisen finden wollen, damit man im Streben und auf dem Weg die vielen anderen guten Dinge auflesen kann. Zu wissen, daß ein Ziel eine Utopie ist, darf nicht davon abhalten, ihm zu folgen. Chimären sind es, die treibend zu Höheren das Mögliche entdecken helfen. Serendipität nennt man es, wenn im Suchen der Zufall wichtige Entdeckungen vorbereitet. Der sichere Weg nach Indien bescherte den Menschen die Entdeckung Amerikas. Es sind die Geheimnisse, nach denen man nicht gesucht hat, die Aufschluß geben. Damit stellt er mit den Toten fest, nichts ist unnütz, auch wenn die Menschen sich täuschen lassen. Man verlöre eben rasch den Mut, wenn man sich nicht von chimären Ideen leiten ließe.

Es scheint, als wenn diese Idee der Totengespräche auch so eine Idee war. Aber hier wird die Inspiration durch Lukian deutlich. Mit den starken, weil unnachgiebigen Denkern im Rücken, verfestigt er ein neues Bild des Menschen und seiner Moral. Nicht, weil es bereits existiert, vielmehr bringt er die aktuellen Sichten ins Wanken und will in neuer Beweglichkeit des Denkens die Variabilität und Flexibilität zur festen Größe erklären. So zumindest empfindet es der Rezensent. Auch gerade deswegen, weil in seiner frühaufklärerischen Schrift aus dem Jahre 1683 der Autor die Erkenntnisvielfalt in den Vordergrund rückt, weniger eine neue Ausprägung individueller Genüsse.

Lesen Sie mit Freude diesen vielleicht wehmütigen Rückblick auf das Leben, suchen Sie passende oder unpassende Standhaftigkeit in Moral und Liebe und es ist sicher, Sie werden auch mit den Toten lachen. Dass man nicht unbedingt tot sein muss, um Dinge zu sagen, die voll bündiger Moral und Vernunft sind wie in diesen Totengesprächen, läßt er den großen Platon sagen. So werden die Totengespräche zu einer Kritik und zu einer Anregung für das diesseitige Leben.
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Der Fürst (Fischer Klassik)
Der Fürst (Fischer Klassik)
von Niccolò Machiavelli
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,00

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4.0 von 5 Sternen Politische Tüchtigkeit trotzt dem Walten des Schicksals., 7. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Fürst (Fischer Klassik) (Taschenbuch)
"Von sich aus erhitzen, zeugen und beerben die Gedanken einer den anderen."
(Michel de Montaigne)

Wenn der gesellschaftspolitische Erregungspegel hoch schlägt, muss Besonderes an die Öffentlichkeit gelangt sein. Vor gut 500 Jahren gab es jenen Mann, Niccolò Machiavelli (1469-1527), ein italienischer Politiker, dem es gelang, mit seinem Buch "Der Fürst" dieses Erregungspotential in ein Land zu bringen, dass er retten wollte. Viel geschmäht für seine vermeintlich skrupellose und rücksichtslose Machtpolitik, wurde sein Name Inbegriff des Machiavellismus. Dieses Buch schreiben konnte er jedoch nur, weil er politisch gescheitert war. Fünfzehn Jahre verbrachte Machiavelli in Staatsdiensten und nach seiner Entlassung versuchte er mit neuem Weg den Wiedereinstieg zu schaffen. Sein Buch ist somit eine Bewerbungsschrift an die herrschenden Medici zur Wiedereinstellung.

Botschaft und Idee dieser Schrift sind es, nicht einer Utopie, nicht den diversen Möglichkeiten moderner und zukünftiger Staatsführung zu folgen wie es seine Vorgänger machten, sondern sich zu beziehen auf das, was schlechthin die Realität genannt wird. Damit beginnt Machiavelli mit einem Bruch gegenüber der bisherigen Politikberatung. Ihm gelang es, die Politik zu säkularisieren und sie somit wie es auch Aristoteles wollte, als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Dass dadurch die Kirche ihren Machtanspruch verlor, führte eben dazu, dass die Jesuiten eine Gegen-Reform einführten. Wurde zunächst das Buch noch von der Kirche in Rom im Jahre 1513 gedruckt, erfolgte die Stilllegung bis zur Wiederauflage im Jahre 1532 nach dem Tode des Autors.

Machiavelli fordert im Fürsten ein klares Wort gegen die bisherige Haltung des weichen 'Sowohl - als auch' und bekräftigt in stetiger Forderung ein entscheidungsstarkes 'entweder-oder', damit es zu Entscheidungen auf politischer Ebene schneller kommen kann. Der weitere Punkt ist das bereits erwähnte Realitätsprinzip. Im Kapitel 15 formuliert er deutlich: "Da meine Absicht darauf gerichtet ist, etwas für den, der Verständnis hat, Nützliches zu schreiben, so scheint es mir, die Dinge so darzustellen, wie sie in Wirklichkeit liegen, als bloßen Phantasien über sie zu folgen. Gar viele haben ja Republiken und Monarchien erdacht, dergleichen niemals gesehen worden, oder in der Wirklichkeit begründet gewesen sind. Aber es besteht ein so großer Unterschied zwischen dem, was das Leben ist und dem, was es sein sollte, dass der, der das erste vernachlässigt und sich nur nach dem Letzteren richtet, sich eher den Untergang schafft als die Rettung. Jemand, der es darauf anlegt, in allen Dingen moralisch gut zu handeln, muß unter einem Haufen, der sich daran nicht kehrt, zugrunde gehen." Alles Handeln als Folge, so Machiavelli, unterliege nun dem Prinzip der "Notwendigkeit".

Da "Der Fürst" auf dem Index der verbotenen Bücher stand, gilt sein Ruf bis heute als zwiespältig. Jedoch wird der damalige Vermerk auf der Liste, aus überhöht religiösem Eifer gefordert, wohl heute keine Bedeutung haben dürfen. Eine weitere Geringschätzung findet auch darin keinen Grund. Daher bleibt auch abzuwehren, was die Leser, allen voran Mussolini, den Generationen danach suggerierten. Man könnte meinen, dass der Leser eines Buches durch sein Verhalten, sein Denken, seiner Politik dem gelesenen Buch die allgemeine Wertung aufprägt. Wenn man, und gerade das letzte Kapitel mit der Forderung der Vereinigung Italiens, diese Schrift als nationales Dekret deutet, dann ist es falsch, diese Interpretation faschistisch zu führen, wenn heute unter gleichem Denken, eine Vereinigung Europas gefordert wird.

Machiavelli will in all seinem Realitätssinn der Politik eine neue Wahrnehmung der Probleme geben, wie auch einen erneuten und deutlichen Aufruf zur Problembearbeitung. So - und das kennen wir nur allzu genüge - haben seine Äußerungen durchaus etwas Schroffes, Polemischen und sicher auch Provokantes. Man muß als Leser ihn nehmen, wie es die Zeit erforderte und damit eine Gewichtung seiner Gedanken nehmen aus der Zeit, in der sie entstanden. Denn, so läßt die Historie erblicken, war Italien gesplittet, der Florentiner gescheitert, Italien ein Spielball fremder Mächte (französisch-spanischer Machtkampf) und Machiavelli sah in seiner Schrift die Möglichkeit einer Bewerbung bei den Medicis, wieder in Anstellung, Lohn und Brot zu kommen. Allerdings verfehlte er sein Ziel.

Betrachtet man den Vortrag von Max Weber: "Politik als Beruf", dann sieht man, das Max Weber den Gedanken Machiavellis in ein "verbessertes" Wort gebracht hat, was ohne Aufforderung zur Provokation gelesen werden kann. Die Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungspolitik haben beide getroffen, so auch die These Webers und daher folgt er seiner Idee, Machiavelli als Begründer einer Verantwortungspolitik zu begreifen. Wenn dem so ist, dann scheint ein richtiges Wort zur falschen Zeit schwierig. Machiavelli betont in Kapitel 25, dass es "dem gut geht, der in seiner Handlungsweise mit dem Geiste der Zeit zusammen trifft, und andererseits der Misserfolg haben muss, der mit den Zeiten in Widerspruch gerät". Das scheint aktuell.

Wichtig scheint für ihn festzustellen, dass analog den biblischen Gleichnissen durch Zeichen und Wunder dem Menschen geholfen wurde. "Alles hat sich vereinigt zu Eurer [des Menschen] Größe" und "alles andere müßt Ihr selbst tun". Um der Freiheit des Menschen Willen gibt es keine Vorgabe Gottes und vor allem deswegen, damit der "Teil des Ruhmes" beim handelnden Menschen bleibt.

Final betrachtet, ist Machiavellis Schrift zu einer Geschichtszäsur geworden. Sie hat dazu beigetragen, das Augenblickliche zu sehen und im Diskurs in notwendiger Veränderung zu beleben.
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