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Beiträge von Wolfgang Herrmann
Top-Rezensenten Rang: 10.723
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Rezensionen verfasst von
Wolfgang Herrmann

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Ascension (Impulse Master Sessions)
Ascension (Impulse Master Sessions)

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein riesiger und rätselhafter Obelisk in der Landschaft des Freejazz, 11. Februar 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ob man John Coltranes «Ascension», das (bis auf den zweiten Aufnahmetake) niemals wiederholt und nie öffentlich aufgeführt wurde, als ein Musikstück ansehen soll, ist eine durchaus offene Frage. Dem Rezensenten erscheint es eher als ein für die Nachwelt gut dokumentiertes spirituelles Ereignis. Das digitale Remastering hat sich hier wirklich gelohnt, manche klanglichen Schärfen sind abgemildert, auch an den dynamischen Höhepunkten bleibt das dichte Stimmgewebe durchhörbar und man hört jetzt tatsächlich gelegentlich die Schreie, von denen der Saxophonist Marion Brown gesprochen hatte (Joachim Ernst Berendt hatte «Ascension» mal als 40-minütigen Orgasmus bezeichnet, na ja ...). Es ist eine reine Freude, das Stück mehrfach anzuhören - wonach ein jedes Meisterwerk der Musik verlangt -, denn unglaublich viel gibt es darin zu entdecken!
Schon der Beginn, der majestätische Aufstieg des (einzigen) Themas, das offenbar aus dem Hauptmotiv von «A Love Supreme» abgeleitet ist, aber im Unterschied dazu nicht nach horizontaler Entwicklung sondern gleichsam in die Höhe drängt, ist bemerkenswert, denn die Instrumente setzen wie im Kanon nacheinander ein und fast gleichzeitig sind abwärts fallende Skalen zu hören, als ob (wie bei der biblischen Jakobsleiter) aufsteigende und absteigende Bewegung einander durchdringen würden. Je öfter man dem Stück lauscht, desto klarer werden die Struktur der Großform, die fein abgestimmte Dramaturgie von kollektiven Improvisationen und solistischen Episoden, sowie die vielen überraschenden harmonischen Modulationen, die das auseinander driftende Kollektiv wieder auf ein tonales Zentrum ausrichten (bei 20:45 in Ed. II hört man ansatzweise einen richtigen Choral!).
Überhaupt gibt es viel mehr tonale und klassische Elemente in diesem Werk als man meinen sollte. So gewinnt das tierhaft fauchende Solo von Pharoah Sanders seine Wirkung erst vor dem Hintergrund der Rhythmusgruppe, die Sanders' hochexpressiven Klänge auf durchaus klassisch zahme Art begleitet. McCoy Tyner, der sich ohnehin seit «A Love Supreme» innerhalb des Quartetts mehr und mehr zurückgezogen hatte, wagt sich am Piano auch nicht ansatzweise so weit vor wie etwa sein Zeitgenosse Cecil Taylor sondern spielt im Hintergrund einfache Bluesakkorde, als ruhenden Pol gewissermaßen. Tyners Solo ist interessant, erinnert aber eher an Debussys impressionistische Klavierstücke als an Freejazz. Am meisten atonal wirkt noch das inspirierte Duett der beiden Bassisten. Elvin Jones, der immerhin sieben Bläser gegen sich hat, bringt eine beachtliche Energie auf sich durchzusetzen und webt unverdrossen, wie schon jeher im klassischen Quartett, seine polyrhythmischen Muster.
Nicht dass es keine wirklich «chaotischen» Elemente in den ungeheuer dichten kollektiven Improvisationen gäbe! Die ständig wechselnde Mischung der individuellen Klangfarben ist atemberaubend: die schnatternde Trompete von Freddie Hubbard, die traurigen Vierteltöne von Archie Shepp, John Tchicais asthmatisches Hüsteln usw. Auf manche Hörer mag das gewiss verstörend wirken, der Rezensent jedoch hört darin eine unwiderstehliche Fröhlichkeit und wird an die «Guggemusig» der alemannischen Fasnet erinnert. Eine übermütig heitere Himmelfahrt ist das! Und bleibt immer noch rätselhaft, auch nach über 40 Jahren...
Am Ende, wenn das erhabene Hauptthema ganz in der Art einer klassischen Reprise zurückkehrt und bedeutungsvoll in den Bässen verklingt, ist dem Rezensenten klar: Dieses Werk wurde nicht für menschliche Ohren geschaffen, es ist auf seine eigene Art - ein Lobpreis Gottes.


My Favourite Things: Coltrane at Newport
My Favourite Things: Coltrane at Newport
Preis: EUR 9,99

28 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Coltrane at its best - Mitreißend bis verstörend, 9. Februar 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die frühen 60er Jahre waren ohne Zweifel eine der aufregendsten Perioden in der Musikgeschichte, nicht nur im Jazz, sondern auch in der sogenannten Neuen Musik und (natürlich) in der Popkultur. Und eine der aufragenden Figuren dieser Zeit war John Coltrane, den wir hier 1963 beim Newport Jazzfestival auf der Höhe seines Ruhmes erleben und am selben Ort 1965, zu einer Zeit dramatischer Veränderungen in seiner Musik, am letzten Wendepunkt seiner Kreativität. Die Mitschnitte waren zwar früher schon separat erhältlich, doch in weitaus geringerer Klangqualität. Jetzt passen sie mit 79:35 Minuten genau auf eine einzige CD.
Das Kribbeln befällt den Hörer schon bei der Ankündigung des ersten Auftritts, das den krönenden Schlusspunkt des 63er Festivals bilden sollte. Unmittelbar zuvor war das Publikum von Jimmy Smith derart heiß gemacht worden, dass der MC Willis Conover die Leute auffordern musste, sich zu beruhigen (to simmer down a little bit) um der zu erwartenden Intensität von Coltranes Quartett gewachsen zu sein! Nun, der Meister begann mit einem seiner lyrischsten Stücke, dem alten Eckstine-Standard «I Want to Talk About You», den er gerade wieder neu ins Repertoire aufgenommen hatte und in jenem Jahr bei den diversen Liveauftritten des Quartetts sehr gerne spielte. Wenn man hört, mit welch überzeugender Eleganz sich seine berühmten Klangblätter («sheets of sound») entfalten und wie das abschließende einsame Solo in völlig freier Erfindung zärtlich und schwärmerisch auffliegt, so versteht man, dass gerade dieses Stück als eine Art Liebeserklärung an Alice McLeod gilt, die im selben Jahr unwiderruflich in Johns Leben getreten war. - Scheinbar ohne Pause geht es gleich weiter mit Coltranes Markenzeichen «My Favorite Things», das mit einem recht zurückhaltenden Solo von McCoy Tyner beginnt, sich aber spätestens beim Einsatz von Coltranes Sopransaxophon zu der wohl besten (überlieferten) Version dieses Stücks entwickelt. Noch ist seine Improvisation eingebunden in die modale Welt der Skalen, aber innerhalb dieses Rahmens erreicht Coltrane wie nie zuvor eine vollkommene Freiheit in der harmonischen und klanglichen Erfindung. Ein Glücksfall! Übrigens ist es nicht ohne Belang, dass hier ausnahmsweise Roy Haynes an den Drums sitzt (wie berichtet, war Elvin Jones mal wieder auf Heroinentzug gesetzt), der einen «leichteren» Background als Jones bietet und den ungeraden 3/4-Takt geschickt in der Schwebe hält (ähnlich wie seinerzeit Joe Morello mit dem 5/4-Takt in Dave Brubecks «Take Five»). - «Impressions» ist aufgrund des einfachen Grundmotivs ideal geeignet für ausladende Improvisationen aller Quartettmitglieder und McCoy Tyner steigt gleich mit einem überaus inspirierten Klaviersolo ein, dem ein sicher ähnlich gelungenes von Jimmy Garrison am Bass folgt. Doch leider musste es wegen klanglicher Verzerrungen fast ganz herausgeschnitten werden. Was folgt, ist ein überirdisch entfesseltes Tenorsolo von Coltrane, das sich souverän über alle harmonischen, klanglichen und zeitlichen Beschränkungen erhebt. Der Hörer wird mitleidlos hineingeworfen in einen reißenden Sturzbach von Musik. Wie ein frei improvisierender Musiker es schafft, über eine Viertelstunde lang sich wiederholende Muster (weitgehend) zu vermeiden, ist ein schieres Wunder! Freilich ahnt man hier schon das Maßlose und leider auch Ermüdende von Coltranes späteren Liveauftritten. Die vollkommene Freiheit hat eben ihren Preis ...
Nur zwei Jahre später stand das klassische Quartett unmittelbar vor der Auflösung. Im Dezember 1964 hatte Coltranes Schaffen die Passhöhe mit «A Love Supreme» erreicht und gerade mal vier Tage vor dem Newport-Auftritt (am 28.06.) fand die himmelstürmende «Ascension»-Session statt, die den unwiderruflichen Übergang zu Coltranes Spätstil markieren sollte. Schon die äußeren Bedingungen auf dem Festival waren (gleichsam symbolisch) schlechter als 1963. Der Zeitplan hatte sich gegen Ende des Abends verschoben, vielleicht weil vorher Thelonious Monk und Dizzy Gillespie ihre Zugaben brauchten, jedenfalls standen dem Quartett nurmehr eine halbe Stunde bis Mitternacht (the witching hour) zur Verfügung. Ein etwas schlafmütziger MC, eine Art Jazzpriester, kündigt Elvin Jones an als «a kind of newcomer to the world of Jazz», was dessen darauffolgende polternd rhythmische Wut zum Teil erklären mag. Das lakonische Motto von «One down, One up», das nur wenige Monate zuvor im «Half Note» Coltrane zu einem seiner besten (und auch längsten) Soli inspiriert hatte, klingt wie ein Alarmzeichen: Jones dominiert das Klangbild allein schon durch die schiere Lautstärke mit einem immer dichter werdenden polyrhythmischen Gespinst, in das sich Coltrane mit seinem Solo verkrallt, festbeißt. Das Tenorhorn klingt mit den vielen überblasenen Tönen eigenartig gequält, wie ein wildes eingesperrtes Tier. McCoy Tyner wirkt verloren und Jimmy Garrison ist fast unhörbar. Gegenüber der 63er Version fällt die nun eher schmerzliche Intensität des folgenden Stücks «My Favorite Things» auf. Coltranes Solo ist immer noch sprechend, wirkt aber brüchig, der Zerfall des modalen Gerüsts ist deutlich zu hören. Dennoch, gerade die verstörende Aufrichtigkeit der Performance, in der sich die unerträgliche Innenspannung des Quartetts spiegelt, hat ein Moment von Wahrheit und ist von daher bewegend. Das naiv begeisterte Publikum, das am Schluss vergeblich «more, more!» schreit, ahnt noch nicht (oder etwa doch?), dass es für das klassische Coltrane-Quartett kein «more» mehr geben würde.


Olivier Messiaen - Poèmes pour Mi / Le Réveil des oiseaux / Sept Haikai
Olivier Messiaen - Poèmes pour Mi / Le Réveil des oiseaux / Sept Haikai
Preis: EUR 13,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Drei sehr unterschiedliche Werke, doch gleichermaßen von Liebe inspiriert, 28. Januar 2009
Es ist bezeichnend, dass Pierre Boulez, der manchen Werken seines ehemaligen Lehrers Messiaen (besonders der zwiespältigen «Turangalîla-Sinfonie») schlechten Geschmack vorwirft, für die vorliegende Aufnahme Stücke ausgesucht hat, von denen jedes sich - auf seine Weise - durch stilistische Reinheit auszeichnet.
Am Beginn steht ein Frühwerk aus dem Jahre 1937, Messiaens einziger Gesangszyklus für Singstimme und Orchester, die «Poèmes pour Mi», die Messiaen seiner ersten Frau, Claire Delbos, in Liebe gewidmet hat. Wenn man sich der entrückten Grundstimmung dieses Werks, in dem die irdische Liebe auf eine religiöse Ebene transponiert wird und selbst noch eine sinnliche Umarmung (im 8. Satz «Le Collier») keusch und rein wirkt, überlässt und zugleich weiß, dass nur zwei Jahre nach Fertigstellung der Komposition Claires Gemüt sich zu verdüstern begann, hört man die Musik mit anderen Ohren. Messiaens Ehefrau musste die letzten Lebensjahre (bis 1959) in einem Pflegeheim verbringen. Die musikalisch beschworene Erfüllung war der irdischen Liebe versagt geblieben. - Das Werk ist ganz eindeutig Debussy und seiner Oper «Pelléas et Mélisande» verpflichtet, besonders im unablässigen Psalmodieren der Singstimme (hochdramatischer Sopran), das gelegentlich doch etwas einförmig wirkt. Immerhin finden sich im vierten Satz eine eindrückliche Beschwörung des Entsetzens vor der Hölle (den Abgründen irdischer Liebe?) und im siebten eine rührende Imagination gemeinsamer spiritueller Kriegerschaft. Einige zarte, fast süßliche Stellen weisen voraus auf die «Turangalîla-Sinfonie». Francoise Pollet ist die ideale Interpretin des Gesangsparts (in der Uraufführung sang übrigens eine Wagnerheroine!).
In eine ganz andere, naturhafte Welt entführt uns «Le Réveil des Oiseaux» aus dem Jahre 1953. Hier schöpft die Inspiration aus der Liebe des Komponisten zu den Vögeln und ihren Gesängen. Das einsätzige Werk verwendet in radikaler Selbstbeschränkung ausschließlich authentische in Messiaens französischer Heimat aufgezeichnete Vogelstimmen und deren Rhythmen, verzichtet auf jegliche sonstige formale Organisation und bildet lediglich die zeitliche Dramaturgie eines Frühlingstags von der ersten Morgendämmerung bis zur Stille des Mittags ab. Ein gewagtes Unterfangen: Wird es dem Hörer nicht langweilig werden? Nein, denn die diversen Klangereignisse überraschen mit ihrem Wechsel von Farben und Besetzungen (solistisch bis Tutti) und wirken keineswegs zufällig, sondern überaus «natürlich». Boulez hat in einem Aufsatz darauf hingewiesen, dass Messiaens Notation der Vogelstimmen, die eingestandenermaßen wegen der temperierten Stimmung der Tonleiter unvollkommen ist, doch gerade dadurch das ihnen innewohnende Zwielicht von Klang und Geräusch" beseitigt habe. Die Vögel singen also in idealer Reinheit! Als der Rezensent dieses Werk vor 30 Jahren für sich entdeckte, hörte er es am liebsten im Vorfrühling als Einstimmung auf den bald zu erwartenden realen Vogelgesang... Stellt man nun die Frage, warum allem Purismus zum Trotz auch in diesem Werk dem Soloklavier ein tragende Rolle zukommt, so liegt das natürlich an der Person von Yvonne Loriod, der begnadeten Pianistin, die als Muse (und Geliebte) in vielen Werken Messiaens herumgeistert. Der Pianist der Aufnahme, Pierre-Laurent Aimard, ein Schüler von Madame Loriod, hat in einem Interview den ganz einfachen Grund verraten, warum Messiaen ab ca. 1940 so außerordentlich viel für Klavier geschrieben hat: So konnte er nämlich seiner damals nur platonischen (?) Geliebten bei Proben und Aufführungen ständig nahe sein!
Auch das dritte Stück der CD, die «Sept Haikai», sieben japanische Skizzen für Klavier, Kammerorchester und Schlagzeug, haben einen indirekten Bezug auf diese Künstlerliebe, sind sie doch 1962 entstanden als Frucht eines Japantrips, den das nunmehr offiziell verheiratete Paar als verspätete Hochzeitsreise unternahm. Zugleich handelt es sich hier um ein einzigartiges Dokument der liebevollen Anverwandlung einer fernen östlichen Kultur und Landschaft. Die rituelle Feierlichkeit und Strenge der höfischen Musik Japans wird außergewöhnlich kunstvoll den Messiaenschen Klangfarben und Rhythmen gegenübergestellt. Die an den originalen Schauplätzen notierten japanischen Vogelstimmen wirken dabei gleichsam als Vermittler. Sieben symmetrisch angeordnete Sätze (die beiden äußeren sind exakte Spiegelbilder voneinander) gipfeln in dem Mittelsatz, einem Geniestreich ohnegleichen, wo die uralte zeremonielle Musik des «Gagaku» mit höchst einfallsreicher Transkription der authentischen Instrumente (z.B. einer dissonanten Mundorgel) beschworen wird. Ein auch in seinem beseelten Atem herausragendes Kunststück, das zu den Höhepunkten Messiaenscher Musik zu zählen ist. Pierre Boulez, der seinerzeit die Uraufführung dirigierte, hat mit den wiederum bestens aufgelegten Clevelands seine eigene Referenzeinspielung mit dem legendären Orchester des «Domaine Musical» abgelöst. - Die vorliegenden Aufnahmen sind unbestrittene Glanzpunkte der kürzlich erschienenen Messiaen-Gesamtedition der DG!


Et Exspecto Resurrectionem Mortuorum
Et Exspecto Resurrectionem Mortuorum
Wird angeboten von colibris-usa
Preis: EUR 32,38

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Farben der Zeit und das Zeitenende, 18. Januar 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Gleich zu Beginn von Messiaens «Chronochromie» wird der Hörer vom riesenhaft vergrößerten Ruf des Fischadlers überrascht, der wie ein Motto eines der bedeutendsten und originellsten Werke des Komponisten einleitet. Entstanden um 1960 zu Beginn einer sehr kreativen Schaffensphase, stellt es gewissermaßen Messiaens kritischen Beitrag zur Orchestermusik der seriellen Periode dar. Deren intellektuell verhärtete Systeme müssen ihn, den freiheitsliebenden Künstler, mächtig geärgert haben. Messiaen selbst hat betont, dass in diesem Werk eine große Spannung zwischen Strenge und Freiheit waltet. Streng sind die minuziöse (freilich keineswegs pedantische) Organisation simultaner Zeitebenen der einzelnen Stücke und ihre Zuordnung zu den Orchesterfarben. Dagegen erheben die aufmüpfig surrealen Vogelstimmen Einspruch, ebenso wie Naturbilder, die besonders in den Ecksätzen mit zuvor noch nie gehörten Orchesterfarben (z.B. wässrig feuchten Tonschleiern) aufwarten, und lösen damit das Starre der Zeitkonstruktion auf. Die Vielfalt des musikalischen Vokabulars ist überwältigend, hier gibt es modale Harmonien aber auch Zwölftoncluster, mächtige Choraleinschübe und einen schier unglaublichen Reichtum an Schlagzeugsoli. In keinem anderen Werk Messiaens - so empfindet es der Rezensent - gibt es auf derart engem Raum ein solch fröhliches Klangleben. Dieses drückt das wahrhaft aus, was in manch anderen seiner Werke oft aufgesetzt wirkt, nämlich die überquellende Freude an der Schöpfung, an dem Geschenk der Zeit, dem «ewigen Attribut Gottes», wie es die Mystiker ausdrücken. Und auch die Farben der Klänge sind ja nichts anderes als in Obertonspektren gebrochene Zeit. Der Titel des Werks deutet es an. - Zugegeben, der sechste Satz, eine metrisch und harmonisch völlig ungebundene Polyphonie von 18 Solostreichern, die (ausgerechnet) Vogelstimmen imitieren, ist in seiner Radikalität für unvorbereitete Ohren derart erschreckend, dass es seinerzeit bei der Uraufführung in Donaueschingen tatsächlich zu einem Skandal kam! Erst bei mehrfachem Anhören wird es möglich, «in dieser scheinbaren Unordnung eine verborgene Ordnung zu entdecken», wie Messiaen sagt. Die Streicher des Cleveland Orchestra spielen dieses heikle Stück gelassen und entspannt und werden von der famosen Klangtechnik bestens in Szene gesetzt. Mit einem überaus spannenden Schlusssatz, einer Art Reprise (der Fischadler tritt wieder auf), endet dieses Meisterwerk, von dem es erstaunlich wenige Aufnahmen gibt.
Einer anderen explizit sakralen Sphäre gehört die wenige Jahre später entstandene apokalyptische Suite «Et exspecto resurrectionem mortuorum» für Bläser und Schlagzeug an. Doch geht es auch hier um Zeit. Das ganze Stück lebt von der abgründigen Spannung, mit der das Ende der linearen Zeit und ihre Auflösung in die blanke Ewigkeit (das ist die eigentliche Auferstehung im Jenseits) erwartet wird. Brütende Choräle der Blechbläser verlieren sich im Abgrund, Generalpausen und Tamtamschläge setzen immer wieder geheimnisvolle Zeichen, die Holzbläser spielen eine bewegende Litanei in kristallklaren Imitationen, es gibt die unvermeidlichen Vogelstimmen und als liturgischen Beitrag eine fröhliche Fassung des österlichen Introitus und Alleluja, wo gewissermaßen eine himmlische Jazzband" (Simon Rattle) aufspielt, um die Wartezeit auf das Jenseits zu verkürzen. In der schlichten Gegenüberstellung von Blöcken deutet sich schon die Einfachheit von Messiaens Spätwerk an. Das musikalische Geschehen verdichtet sich im vierten Satz mehr und mehr, die Spannung wird fast unerträglich, bis die Auferstehung endlich stattfindet und - (seufz) diese Prozession ist leider derart fade und einförmig geraten, dass dem Hörer das Gesicht einschläft. Messiaen hätte den Schlusssatz getrost um zwei Drittel kürzen oder gleich ganz weglassen können. In den ersten vier Sätzen ein Meisterstück, fällt das Werk im letzten Satz herunter ins Nichtssagende. Es gibt eben doch Dinge, die sich nicht in Musik ausdrücken lassen...
«La ville d'en haut» mit etwa derselben Besetzung wie «Et exspecto ...» unter Einbeziehung eines Soloklaviers, ist 1987 entstanden, eine Studie parallel zu Messiaens großem Orchesterwerk «Eclairs sur l'au dela», und behandelt eines seiner Lieblingsmotive: die himmlische Stadt. Sie macht ganz offenkundig stilistische Anleihen bei den anderen beiden auf der CD enthaltenen Werken und beweist, dass Messiaen über Jahrzehnte hinweg seiner musikalischen Sprache treu geblieben ist.
Überflüssig zu erwähnen, dass der einstige Messiaen-Schüler Boulez und die Clevelands mit dieser CD eine perfekte Referenzaufnahme vorgelegt haben.


Gespräche mit Celine: Über Mystisches und Irdisches
Gespräche mit Celine: Über Mystisches und Irdisches
von Wolf G Hermes
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieses Buch hat es in sich, eine wahre Fundgrube an Ideen!, 21. Oktober 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist bezeichnend für den Autor, dass er sein erstes (und hoffentlich nicht letztes) essayistisches Werk in die Form virtueller Gespräche gießt und den Leser damit an Figuren seiner «Trilogie der Liebe» erinnert. Da der Autor schon im Vorwort zu seinem Lyrikband «Süß ist der Augenblick» von «geronnenen [echten] Zeiterfahrungen» spricht, ist die Vermutung naheliegend, dass auch die Kalenderdaten, an denen die Gespräche «stattgefunden» haben, authentisch sind.

Celine, die in der ersten Novelle der «Sommerlaunen» noch die unnahbare ätherische Geliebte ist, hat sich zu Marcels Muse weiterentwickelt, die ihn mit schlichten, gelegentlich auch provozierenden Fragen aus der Reserve lockt. Doch ist sie weit mehr als bloße Stichwortgeberin, sie vertritt gewissermaßen die «unbefangene» Sichtweise, die sich der «gedankenschweren» Marcels entgegen stellt. Nicht immer löst sich diese Polarität auf. Andererseits stellt sich auch, z.B. im überaus tiefsinnigen Gespräch vom 23. März 2007, unversehens eine beglückende Übereinstimmung ein.

Die Vielfalt der Themen, die in diesem sehr handlichen Büchlein angeschnitten werden, ist erstaunlich. Wer würde bei dem schlichten Motto «Erinnern» wohl an die Akasha-Chronik denken, an Reinkarnation, an die «Aufhebung linearer Zeit»? Nebenbei erfährt der Leser auch durchaus Konkretes : von der an einer wichtigen Stelle fehlerhaften Übersetzung des christlichen Vaterunser, von einer körperlichen Anomalie bei einer bekannten Filmschauspielerin, von unreinen Aspekten in der Liebe zwischen Tristan und Isolde, von einem folgenschweren Missverständnis zwischen deutschen und schweizerischen Ingenieuren, von der Begeisterung eines Mystikers für die Rockgruppe U2 usw.

Offenbar ist es dem Autor ein Bedürfnis, die mystische Sphäre in einen natürlichen Lebenszusammenhang einzubetten, und das vollzieht er auf seine eigene subtil radikale Weise. Schon die Schlusszeilen der «Erotischen Momente» hatten triumphal verkündet, dass «die beiden Welten EINE sind». Was dem Leser dort vielleicht etwas phantastisch vorkam, kann er hier im Detail nachempfinden.

Reizvoll wiederum die Querverbindungen zu den anderen Werken des Autors: So variiert das erste Gespräch «Christkind» die Motive des gleichnamigen Gedichts in «Süß ist der Augenblick». Das Gespräch über den «Schatten» erinnert an die erotische Episode «Delphinen gleich» und das Thema der «bewussten Liebe» wurde an entscheidender Stelle im großen Liebesroman eingeführt.
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Eine Kindheit mit Gurdjieff
Eine Kindheit mit Gurdjieff
von Fritz Peters
  Taschenbuch

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die sehr menschlichen Seiten eines spirituellen Lehrers, 6. Oktober 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eine Kindheit mit Gurdjieff (Taschenbuch)
Gurdjeff, der rätselhafteste aller Mystiker, erschien - wie schon oft bemerkt wurde - jedem, der ihm begegnete, anders. Er war eine Art unbarmherziger Spiegel, welcher der Person genau denjenigen Aspekt ihrer selbst zeigte, der im jeweiligen Augenblick einer Entwicklung bedürftig war. Gurdjieff lehrte einfach durch seine ungeheuerlich intensive Präsenz. Schon dem jungen Fritz Peters fiel auf, «dass er [allein] dadurch, wie er lebte, sein Wissen überall verstreute, ohne darauf zu achten, ob es angenommen und verwendet wurde».

Nun unterscheidet sich Peters' überaus spannend und anschaulich geschriebener Bericht von anderen persönlichen Erinnerungen an diesen Mystiker - deren es viele gibt - in zweierlei Hinsicht: Zum einen sieht der heranwachsende Fritz in Gurdjieff weniger den Lehrer, sondern eher einen Ersatz-Vater, der ihn - mit seinen eigenen originellen Mitteln - zu erziehen sucht, bis sich Fritz nach einer quasi-pubertären Phase von ihm entschieden befreit. Diese generationenbedingte Distanz öffnet dem Ziehsohn (und dem Leser) gleichsam eine objektive Perspektive, über die ein echter Gurdjeff-Schüler nicht verfügen könnte. Das zweite, was dieses Buch so anziehend macht, ist das fast gänzliche Fehlen theoretisch-abstrakter Auslassungen über Enneagramm, dreihirnige Wesen etc. Wie erfrischend!

Stattdessen lernen wir Gurdjeff von der menschlich warmen Seite und als «Poeten des jeweiligen Augenblicks» kennen, der jede sich bietende Situation - und seien es auch die chronischen Blähungen seiner Mitarbeiterin - dazu benutzt, seine legendären Schocks einzusetzen, die das Bewusstsein der Anwesenden unweigerlich verändern. In Gurdjieffs Verhalten, das auf den ersten Blick oft widersinnig und absurd erscheint, kann unversehens eine tiefe gewissermaßen objektive und unsentimentale Menschlichkeit zutage treten (im besagten Fall führt es dazu, dass die in der Prieuré wenig beliebte Frau echte Sympathie erfährt).

Freilich lässt Peters auch die bizarren Seiten dieses Mystikers durchscheinen, etwa wenn er - vertrauensvoll mit der morgendlichen Säuberung von dessen Zimmer beauftragt - den Eindruck hat, dass «Herr Gurdjieff körperlich ... wie ein Tier war» und «er [Peters] sich außerstande sieht, die Gerüchte [über seine sexuellen Ausschweifungen] zu widerlegen.» Oder eine junge ahnungslose Russin dient ihm als «menschliches Versuchskarnickel» (dies seine eigenen Worte!), um die hypnotische Wirkung von Musik zu demonstrieren. - Ein Mensch voll aufregender Widersprüche! Einerseits bezeugt er übermenschliche Präsenz bei der Rettung von Fritzens verbrühtem Arm, dann wiederum strahlt von ihm gegen Ende eine unverständliche Kälte aus, als er seinen Ziehsohn grundlos (auch im spirituellen Sinne unverständlich) von der Weihnachtsfeier aussperrt.

Nicht immer war Gurdijeff der große Supermann, Peters berichtet auch von ganz banalen Fehlschlägen, etwa bei der missglückten Reintegration eines russischen Diebs, der zeitweise in die Prieuré aufgenommen wurde. Gegen Ende seines Buchs häufen sich die Brüche und blinden Stellen. Der kundige Leser spürt, wie hinter den Kulissen unweigerlich der Niedergang der Prieuré vonstatten geht. - Am Ende zieht Peters ein ernüchterndes Fazit: «Ich wurde [durch die Zeit mit Gurdjieff] weder ein besonders mildtätiger, weiser oder auch nur kompetenter Mensch, noch wurde ich zu einem glücklicheren, friedlicheren oder weniger neurotischen Menschen.» (Freilich, auf dem spirituellen Weg gibt es nichts zu erreichen.) Was ihm aber haften blieb, war die Erkenntnis: «Was auch immer die Existenz sonst noch ist oder zu sein scheint, sie ist ein Geschenk. Und wenn man das Geschenk auspackt ... ist es ja vielleicht ein Wunder »


Der grenzenlos Barmherzige: Das spirituelle Leben und Denken des Ibn Arabi
Der grenzenlos Barmherzige: Das spirituelle Leben und Denken des Ibn Arabi
von Stephen Hirtenstein
  Taschenbuch
Preis: EUR 36,00

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine der großen geistigen Gestalten des Mittelalters rückt uns näher, 13. Juni 2008
In kürzester Zeit hat sich der Chalice-Verlag mit seinen Publikationen von Texten Ibn Arabis zu einem Kompetenzzentrum für die deutschsprachige Rezeption dieses Mystikers entwickelt. Nur folgerichtig, dass auch die erste deutschsprachige Biografie - es handelt sich um die Übersetzung des von Stephen Hirtenstein 1999 vorgelegten Werks - in diesem Verlag erscheint. Das Buch ist, um es gleich vorweg zu sagen, für Kenner Ibn Arabis überaus bereichernd und als Einstieg für jene, die sich diesem herausragenden Geist nähern wollen, bestens geeignet.

Leben und Denken hängen bei diesem Mystiker ja aufs Innigste zusammen, und zwar derart eng, dass Ibn Arabi selbst unzählige autobiografische Anekdoten in sein Werk bewusst integriert hat. Sie sind Teil seiner Lehre. Geschickt lässt Hirtenstein die biografischen Kapitel im engeren Sinne - in denen auch der historische und geistesgeschichtliche Hintergrund beleuchtet wird - mit Kapiteln abwechseln, in denen grundsätzliche metaphysische Aspekte seines Denkens (z.B. »Von Liebe und Schönheit«) zur Sprache kommen. Diese Passagen verdienen es durchaus, nicht nur bloß gelesen, sondern auch aufmerksam studiert zu werden. Es ist Hirtenstein zu danken, dass er sehr viele Originalzitate in den Text eingeflochten hat, um dem Leser den besonderen Geschmack (dhawq) von Ibn Arabis Denken unmittelbar nahe zu bringen.

Konsequent rückt dieses Buch die Universalität Ibn Arabis ins Blickfeld. Nicht nur hat er in einem äußerlichen Sinn den Westen (Andalusien) wie den Osten (Arabien) bereist. Er hat das jahrhundertealte Wissen der islamischen Mystik zusammengefasst und aus dieser Vogelsperspektive den beschränkten Horizont der Orthodoxie weit hinter sich gelassen. Nicht umsonst liegt das Zentrum heutiger Ibn Arabi Forschung im Westen und zwar in einem Umfeld, das eher wissenschaftlich als mystisch orientiert ist.

Auch Ibn Arabis Leben kann als universell angesehen werden, wir erfahren ihn als mystischen Einsiedler und Asketen, aber auch als Liebenden, Familienvater und Ratgeber mächtiger Fürsten. Die Rolle der Frauen in Ibn Arabis Leben (bzw. die Rolle des Weiblichen in seinem Denken) freilich wird von Hirtenstein nicht ganz angemessen gewürdigt. Fatima bint Ibn al-Muthanna, die in seiner Jugend eine bedeutende Rolle als spirituelle Lehrerin gespielt haben muss, wird nur kurz erwähnt und die schöne Nizam, von der man sagt, sie hätte für Ibn Arabi dieselbe Bedeutung gehabt wie Beatrice für Dante, erscheint eher als Randfigur. Wer sich für diesen Aspekt näher interessiert, wird auf die Monographien von Alma Giese und Claude Addas zurückgreifen oder auf Ibn Arabis demnächst im Chalice-Verlag erscheinende »Abhandlung über die Liebe« warten müssen.

In den vielen Zitaten leuchten auch die rein schriftstellerischen Qualitäten dieses Mystikers auf. (Sie sind derart herausragend, dass ein türkischer Schriftsteller kürzlich eine Art biografischen Roman hat schreiben können, der einigermaßen unverfroren große Textblöcke aus Ibn Arabis Schriften wörtlich übernimmt!) Er selbst berichtet in diesem Zusammenhang eine eindrückliche Vision (in der ein merkwürdiges Fabeltier vorkommt), die ihn »dazu brachte, mich poetisch auszudrücken ... Da wusste ich, dass meine Worte den Osten und den Westen erreichen würden ... Seit damals hat jene Inspiration nie mehr aufgehört.« Der Schlüssel für die Universalität Ibn Arabis liegt also in der poetischen Kraft seines Denkens!

Das Buch ist liebevoll mit farbigen Landkarten und vielen Abbildungen von Originalschauplätzen ausgestattet. Das anrührendste Foto findet sich am Schluss: Ibn Arabis schlichtes Grab in Damaskus, um das herum Kinder (die er so sehr liebte) unbekümmert spielen.


Reise zum Herrn der Macht: Meine Reise verlief nur in mir selbst
Reise zum Herrn der Macht: Meine Reise verlief nur in mir selbst
von Muḥyi-'d-Dīn Muḥammad Ibn-ʻAlī Ibn-al-ʻArabī
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,00

28 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Reise zur Wahrheit des eigenen Daseins, 10. Juni 2008
Unglücklicherweise hat die englische (Erst)Übersetzerin Rabia Terri Harris dem ersten der beiden in diesem Band vereinigten Texte Ibn Arabis den Titel »Reise zum Herrn der Macht« gegeben. Das ist durchaus irreführend. Der eigentliche Titel heißt »Abhandlung über das Licht auf die Geheimnisse, das dem gegeben wird, der sich in die Einsamkeit zurückzieht«. Die Reise führt keineswegs zu einem äußeren Herrn sondern zu innerer Vervollkommnung, und das Eingehen in die Essenz der Göttlichen Einheit - wovon beide Texte handeln - hat mit Macht im gewöhnlichen Sinne nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil, es geht hier um eine Reise, die »auf der Mühsal und den Plagen des Lebens beruht, auf Heimsuchungen und Prüfungen und auf dem Hinnehmen von Gefahren und sehr großem Schrecken«. Da der Text sich an einen bereits Eingeweihten - vielleicht Sadruddin al-Qunawi, Ibn Arabis Stiefsohn und Vertrauten - wendet, ist er auf das Äußerste gedrängt abgefasst. Diese Reise ist keineswegs für jeden bestimmt. Immer wieder liest man bei den einzelnen Etappen den Nebensatz »Wenn du dort nicht stehen bleibst ...«. Nicht jeder, der die Reise unternimmt, kann oder wird sie ganz zu Ende führen. Und was ist das Ende, das Ziel? »Wer die Essenz der Wirklichkeit erkennt, dessen Absicht löst sich auf.« Denn es gibt nichts mehr zu erreichen: »Der Erscheinende Eine ist zwar Einer in Seiner Essenz, aber unendlich in Seinen Aspekten. Diese sind Seine Spuren in uns.« Und das ist die Wahrheit des eigenen Daseins.

Dieselbe Quintessenz ergibt sich aus dem zweiten Text - Kapitel 367 aus dem Opus Magnum »Futuhat al-Makkiyah« -, in dem Ibn Arabi auf die sogenannte Himmelsreise des Propheten Mohammed anspielt und seine eigene »Nachtreise zur Wahrheit des Daseins« mit ihr in Beziehung setzt. Damit beschreibt er zugleich den esoterischen Kern von Mohammeds Himmelfahrt - die aus westlichem Verständnis häufig als exotische Legende abgetan wird - als die Essenz eben der Reise, von der schon im ersten Text die Rede war. Dieser zweite Text ist äußerst packend und anschaulich geschrieben (häufig in lebendiger Dialogform mit den Propheten, die Ibn Arabi auf seiner Reise begegnen) und mündet am Ende in eine bewegende autobiographische Vision von dem inneren Wissen, das ihm am »Lotusbaum der äußersten Grenze« zuteil wird: »Auf dieser nächtlichen Reise gelangte ich somit zu den inneren Wirklichkeiten ... und ich sah, wie sie alle ... zu Einer Wesenheit zurückkehrten ... und jene Wesenheit war mein Dasein. Denn meine Reise verlief nur in mir selbst ...«

Beide Texte sind sehr hilfreich und umfänglich kommentiert. Der erste Kommentar stammt von Abd al-Karim Al-Jili, einem Sufi des ausgehenden 14. Jahrhunderts, der zweite von James W. Morris, einem modernen Arabi-Forscher, der auch die (Erst)Übersetzung ins Englische vorgenommen hat. Es ist interessant, die beiden Kommentare von ihrem Ansatz her zu vergleichen. Al-Jili versteht sich gewissermaßen als Sprachrohr Ibn Arabis (er übernimmt sogar seine Diktion: »Wenn du mit mir klettern und mir folgen kannst ...«) und sieht seine Aufgabe darin, den Text zu ergänzen und eine gewissen systematischen Aspekt hineinzubringen, wobei er freilich den besonderen Geschmack (dhawq) von Ibn Arabis Denken nicht mitnehmen kann. Im Unterschied dazu ist der Kommentar von Morris reflexiv-kritisch angelegt, er legt überaus viele verborgene Anspielungen auf Koran und Sunna frei und zeigt auch Querverbindungen zu anderen Werken Ibn Arabis auf.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 14, 2013 5:13 PM CET


Süß ist der Augenblick: Gedichte 1993 - 2008
Süß ist der Augenblick: Gedichte 1993 - 2008
von Wolf G. Hermes
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Glänzende Perlen, gewachsen in der Muschel gelebter Zeit, 5. Juni 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Goethe hat seine Gedichte einmal allesamt als »Gelegenheitsgedichte« bezeichnet. Auch Wolf G. Hermes' ersten Lyrikband könnte man mit Fug und Recht eine »Anthologie von Gelegenheiten« nennen. Nicht umsonst hat er zu allen Gedichten das präzise Datum des Entstehens angegeben. Das sehr inspirierte Geleitwort - selbst eine Art Prosagedicht - spricht den inneren Beweggrund des Autors an: Es geht ihm um Rettung, auch um Erlösung, der Substanz gelebter Zeit.

Es verwundert keineswegs, dass Liebesgedichte den größten Anteil an dieser Anthologie ausmachen. Wo gibt es denn sonst noch Gelegenheit, erfüllte Zeit zu leben? Wolf G. Hermes gestaltet dieses zentrale Thema in einer Vielfalt poetischer Ausdrucksformen: Im ersten Abschnitt (»Der Minnesänger«) veranlasst »ein feingewobnes lichtvoll Wesen«, das den schwärmenden Poeten auf Distanz hält, eine ganze Reihe ätherischer Gedichte (welche die Aura seiner Novelle »Celines Nähe« beschwören). Die Abteilung »Vorfrühling« enthält wohl die inspiriertesten Verse der Sammlung - entstanden sind sie im Februar/März 1995. Hier ist die Erfüllung der Liebe greifbar nahe: »Wie soll ich atmen / Da Freude, ungeahnte, / mir die Brust zerbirst? « Auf dem Höhepunkt verliebten Übermuts entstehen Verse wie: »Mein Lachen überspringt / Den Zaun, der uns / Vom Leben trennt. « Einige dieser Gedichte sind im Übrigen innig verwandt mit Episoden der »Erotischen Momente«. (Fast könnte man sagen, dass die den Gedichten entsprechenden Episoden einen lyrischen Keim in Prosa entfalten.) Doch auch die dunkle Seite der Liebe (unter der Überschrift »Leidenschaft und Verirrung«) hat ihre Gelegenheit: Ein »maßlos schönes unverhülltes Weib« zum Beispiel hält den Dichter siebzehn Strophen lang in den Fesseln seiner Phantasie gefangen. Und den Schlusspunkt der gesamten Anthologie setzt ein (gleichfalls siebzehn Strophen langes) Gedicht, welches das Thema der Liebe ins Universelle, in die »Liebe Gottes« hinein weitet.

Daneben gibt es im Abschnitt »Wechsel und Wandel« Gelegenheitsgedichte im engeren Sinne: Gedichte zum Valentinstag, zum Jahreswechsel, zur erfolgreich bestandenen Prüfung, Vierzeiler zu Geburtstagen. Gedichte, die den Wechsel der Jahreszeiten reflektieren - darunter drei melancholisch düstere Herbstpoesien - und eine mystisch-erbauliche »Hymne an das Christkind«. Dem Thema Freundschaft widmet sich die Abteilung »Herzensdank« mit anrührenden Beiträgen, unter denen das Gedicht »Mutter Natur« sehr persönliche Seiten des Autors offenbart.

Was die sprachliche Form seiner Lyrik angeht, so bestätigt sich das, was schon bei der Prosa von Wolf G. Hermes zu beobachten war: Dass er sich keineswegs bewusst von seinen literarischen Vorbildern absetzen will. Der freie Atem Hölderlins weht durch viele seiner Verse, doch gibt es auch, gerade in den Reimgedichten, die überwiegend auf dem jambischen Rhythmus der deutschen Klassik beruhen, strenge Gebilde, als wollte der oftmals aufwühlende Inhalt sich selbst in einer festen Form bändigen. Eine Zeile wie »das Leben will sich eiligst neu und frisch gestalten« könnte durchaus auch von Goethe stammen ...

Für die Zukunft kündigt der Autor »Gedichte des Geistes« an, mit denen er sich - nach dem von ihm aufgezeigten Muster zu schließen - wohl an die ideelle Tiefe des Hölderlinschen Spätwerks anlehnen möchte. Ein wahrhaft ehrgeiziges Unterfangen! Das aber auch eine aufschlussreiche Konvergenz andeuten könnte: Wie sich die Prosa von Wolf G. Hermes oftmals der dichten Lyrik annähert, so könnten seine künftigen Gedichte sich in die freien Räume der Prosa hinaus wagen. Hölderlin selbst lädt ihn dazu ein: »Komm! / Ins Offene, Freund!«


Daphnis et Chloé / La Valse
Daphnis et Chloé / La Valse
Preis: EUR 18,99

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Abgründige Meisterwerke, gegen den Mainstream gebürstet, 23. Mai 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Daphnis et Chloé / La Valse (Audio CD)
Der Rezensent hat die Boulez'sche Neuaufnahme zum Anlass genommen, sich den beiden Meisterwerken nach 35 Jahren mit neuen Ohren zu nähern. Wie ist es überhaupt möglich, Stücke wie Ravels »Daphnis et Chloe« und »La Valse«, die man schon unzählige Male angehört hat und ungeduldig als schon längst bekannt ablegt, aufs Neue für sich zu entdecken? Es ist nur möglich, weil intelligente Dirigenten wie Pierre Boulez den Zeitkern in den Werken aufspüren. Die Werke selbst verändern sich ja gemäß der Art und Weise, wie sie in der Zeit aufgenommen werden. Im Dämmerlicht des Fin de Siecle hat »Daphnis et Chloe« anders geklungen als heute, wo wir wissen, was in der Musik alles darauf folgte ...

Boulez bringt in beiden Werken klangliche Schärfen ans Tageslicht, die immer noch - um den Hörer zu »schonen« - in den meisten Deutungen geglättet werden. Davon mögen viele schockiert sein, und das zu Recht. Mit den fabelhaften Berliner Philharmonikern - und einer exzellenten Aufnahmetechnik - im Rücken kann er es sich zudem leisten, die Partituren subtil in fast kammermusikalischer Weise auszuleuchten. Und vielleicht bei keiner Ravelaufnahme offenbart das Schlagwerk seine dramaturgische Funktion so deutlich wie hier.

Ravels Ballett »Daphnis et Chloé« ist trotz seines Titels keine Darstellung einer Liebesgeschichte. Die eigentlichen Liebesszenen - etwa die sanften Pas de deux von Daphnis und Chloé gegen Ende - nehmen nur einen untergeordneten Raum ein und selbst in ihnen gibt es noch Nebenfiguren wie den Viehtreiber Dorkon oder die verführerische Lycanion. Das wirkliche Thema des Balletts ist die Entfaltung »kosmischer« Liebe innerhalb der Großen Natur (die symbolisch vom Gott Pan verkörpert wird). Es geht dabei um die elementare und mythisch vertiefte Natur, nicht um eine in süßlicher Sentimentalität weichgespülte mediterrane Postkartenidylle. Die Naturbilder und ihre geheimnisvolle Verknüpfung mit den mythischen Geistwesen machen den eigentlichen Reiz des Werks aus. Allen voran das farbige Lichtspiel der aufgehenden Sonne auf den tanzenden Meereswellen, das als synästhetisches Phänomen in der Musikgeschichte einzigartig dasteht. Übrigens bezieht die vielgerühmte Stelle ihre volle Wirkung erst aus dem dramaturgischen Kontrast zum unmittelbar vorausgehenden Nachtbild, wo alle möglichen Gespenster bis hin zu Pans Schatten beschworen werden, um Chloé aus der Gewalt der sarazenischen Piraten zu befreien. Die dunklen Kräfte der Natur werden vom liebenden Licht der aufgehenden Sonne erhellt und in flüssiges Leben aufgelöst. Das Erstaunlichste aber an dem Werk ist die Schlussszene, denn alle Beteiligten - auch die wilden Piraten, wie die Musik mit orientalischen Schalmeienklängen und der Reprise des Kriegstanzes verrät - werden in den orgiastischen Strudel einbezogen. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Gut und Böse, sondern nur noch den wilden Tanz kollektiv entfesselter Liebe. Eine wahrhaft abgründige Apotheose.

Ausdrücklich zu loben ist übrigens der Rundfunkchor Berlin, der die oftmals stiefmütterlich behandelten Chorvokalisen - die zumeist nur irgendwo im Hintergrund wabern dürfen - mit polyphonem Leben erfüllt und der (in der Berliner Jesus-Christus Kirche, wo die Aufnahme entstand) an manchen Stellen fast wie ein edler Kirchenchor anmutet.

Die Abgründigkeit von Ravels »La Valse« ist oft hervorgehoben und auf die gesellschaftliche Zerfallssituation nach dem Ersten Weltkrieg bezogen worden. Doch mag Ravel auch die »immanente« Abgründigkeit des Walzers gemeint haben, den er in seinem »Poéme choreographique« zuerst aus Elementen aufbaut, die aus dem Nebel des Anfangs hervortreten, dann zu fragwürdigen Höhepunkten führt und am Ende schlicht und einfach - wie später den Bolero - in sich zusammenfallen lässt, als hätte - um mit Hegel zu sprechen - die Furie des Verschwindens ihre Hand im Spiel gehabt. Wer dieser atemberaubenden Aufnahme lauscht - in der sich Boulez erfreulicherweise viele für ihn untypische Rubati gönnt -, wird die ewige Walzerseligkeit der Neujahrskonzerte nie mehr wieder unbefangen genießen können.


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