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Beiträge von Wolfgang Herrmann
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Rezensionen verfasst von
Wolfgang Herrmann

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Gott und das Übel: Die Theodizee-Frage in der Existenzphilosophie des Mystikers Muhyiddin Ibn Arabi
Gott und das Übel: Die Theodizee-Frage in der Existenzphilosophie des Mystikers Muhyiddin Ibn Arabi
von Selahattin Akti
  Taschenbuch
Preis: EUR 27,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein systematischer Zugang zur Frage der Theodizee im Allgemeinen und zu Ibn Arabis Gedankenwelt im Besonderen, 5. Dezember 2016
Die vorliegende Abhandlung von Selahattin Akti entstand aus einer Dissertation des Autors und ist ein bedeutender Beitrag zur (immer noch sehr schmalen) deutschsprachigen Sekundärliteratur über Ibn Arabi. Die Darstellungsweise ist wissenschaftlich-systematisch und dennoch ist das Buch, auch dank vorzüglicher Gliederung und übersichtlichem Layout, gut lesbar.
Der Einband wartet mit einem beeindruckend spannenden Titelbild auf. Auf ihm stehen die beiden fett gedruckten Begriffe «Gott» und «Übel» gleichsam auf Augenhöhe einander gegenüber und fordern den Leser – sofern er religiöse Begriffe gelten lässt – natürlich sofort zu drängenden Fragen heraus.
Der erste Teil widmet sich dem Versuch, diese Fragen vom philosophischen bzw. theologischen Standpunkt aus zu beantworten, und bietet einen hervorragend verdichteten Überblick über die in der Geschichte unternommenen Lösungsansätze. Sie fallen jedoch allesamt unbefriedigend aus. Entweder verwickelt sich der diskursive Verstand in logische Widersprüche bzw. Tautologien oder er scheitert an der Relativität der angesetzten Bewertungen von «übel» oder «böse». Daher befasst sich der Hauptteil des Werks mit einer Art mystischem Zugang zu der Problematik anhand der Beiträge eines der bedeutendsten Mystiker, nämlich Muhyiddin Ibn Arabi.
Das Spezialproblem der Theodizee ist dem Autor willkommener Anlass, neben einer sehr gelungenen Kurzdarstellung von Leben und Werk des Autors eine systematische Darstellung der Existenzphilosophie Ibn Arabis zu liefern, die sich allerdings nicht ohne weiteres aus den Originaltexten erschließen lässt. Die poetische, anspielungsreiche Sprache Ibn Arabis, die auch mit Paradoxien arbeitet, die den Leser absichtlich verwirren sollen, lässt eine klar strukturierte Umformung eigentlich nicht zu. Daher stützt sich Selahattin Akti häufig auf Ibn Arabis Schüler bzw. Kommentatoren, die das System aus den Originaltexten abstrahiert und zum Teil auch weiterentwickelt haben. Zum Beispiel kommt der Begriff wahdat al-wujud (Einheit des Seins), mit welchem Label Ibn Arabis Mystik allzu häufig versehen wird, bei ihm selbst nirgends vor. Zieht man das in Betracht, so ist Aktis Darstellung sehr klar und wird geschickt mit Diagrammen (etwa zu den «Seinsstufen») veranschaulicht. Ob die zentrale Position, die dem Gottesnamen al-Haqq (der Allwahre) hierbei zugestanden wird, gerechtfertigt ist, mag offenbleiben.
Überaus wertvoll sind die vielen vom Autor übersetzten Originalzitate aus Hauptwerken Ibn Arabis, welche die systematisch vorgestellte Begrifflichkeit erläutern sollen. Sie sind übrigens fast ausnahmslos als Fußnoten in arabischer Schrift zugänglich, was eine satztechnische Glanzleistung darstellt! Dabei stellt man fest, dass deren Übersetzung sich dem systematisch-diskursiven Charakter von Aktis Arbeit anschmiegt. Den Beginn von Fußnote 506 zum Beispiel könnte man auch übersetzen: «Jede Form in der Welt ist eine Zufälligkeit an dem Juwel». Akti übersetzt: «Jedes Erscheinungsbild in der Welt ist eine Akzidenz an der Wesensessenz».
Wenn man so will, bietet Ibn Arabi eine recht elegante Lösung des Theodizee-Problems an. Das «Übel» ist der Anteil des «Nichtigen» am wirklich Existierenden, wodurch dieses als «unvollkommen» erscheint. Nun ist alles, was geschehen kann, also auch das Unvollkommene, der gestaltlosen Möglichkeit nach bereits in der allerersten göttlichen Seinsstufe (in der sogenannten «Urwolke») festgelegt. Ob und wie diese Möglichkeiten sich in den weiteren Seinsstufen manifestieren, hängt in der Tat vom göttlichen Wollen (mashi’ah) ab. «Dieses Wollen ist die letzte Instanz und hierin liegt das Mysterium der göttlichen Vorsehung». Ibn Arabi zufolge kann dieses Mysterium nie gelöst werden, auch nicht von einem Propheten oder Heiligen!
Das sehr ansprechend gestaltete Buch von Selahattin Akti ist mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis versehen, das sich allerdings mehr an türkischsprachige Leser richtet. Ferner gibt es ein nützliches Register und Glossar, so dass sich die Abhandlung auch gut als Nachschlagewerk eignet.


Monsieur Gurdjieff und seine Idioten - Paris 1949: Aus den Tagebüchern und Memoiren zweier Reisender in die Wirklichkeit
Monsieur Gurdjieff und seine Idioten - Paris 1949: Aus den Tagebüchern und Memoiren zweier Reisender in die Wirklichkeit
von John G. Bennett
  Taschenbuch
Preis: EUR 34,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannend und immer noch höchst aktuell, 29. Juli 2016
Wer das Buch in die Hand nimmt, wird sofort gebannt vom mitfühlend durchdringenden Blick des großen Mystikers, einem Blick, dem man nicht ausweichen kann. Noch heute, 67 Jahre nach seinem Tod, ist die Strahlkraft seiner Präsenz zu spüren, weniger in Gurdjieffs abstrakt-theoretischen Aussagen als vielmehr in der gut dokumentierten lebendigen Interaktion mit seinen Schülern. Daher ist diese Neuveröffentlichung höchst willkommen. Bemerkenswert übrigens, dass nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung der unvollendeten Memoiren von Elizabeth Bennett bereits eine vorzügliche Übersetzung ins Deutsche verfügbar ist!
Der brillanten Buchbeschreibung der Herausgeber ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Hier noch einige persönliche Anmerkungen:
Wenn J.G. Bennett in seiner Autobiografie schreibt, dass Gurdjieff in jener letzten Zeit um sich herum »eine Atmosphäre von Verzauberung, von Spannung, Argwohn, Verärgerung, Hoffnung, reinster Freude und tiefster Niedergeschlagenheit zu verbreiten wusste«, so kann der Leser nicht erwarten, dass dieses ganze dramatische Spektrum in den Tagebüchern getreu abgebildet wird. J.G. war ohnehin ständig mit sich selbst und der ziemlich ambivalenten Beziehung zu seinem Lehrer Gurdjieff beschäftigt. Seine Einträge reflektieren (gelegentlich bis zum Überdruss) eine besondere Art von »spirituellem Ehrgeiz«. Elizabeth andererseits hatte sich wohl vorgenommen, in den Tagbüchern möglichst objektiv (man könnte auch sagen: britisch-unterkühlt) zu berichten und Allzu-Menschliches wegzulassen, auch aus eigenem Interesse. Behutsam weiß sie zu verschleiern, dass sie höchstwahrscheinlich mit J.G. damals schon eine intime Beziehung unterhielt, - zu welcher es jedoch auch eine vielsagende Andeutung anlässlich eines Besuchs der Oper »Tristan und Isolde« gibt.
In ihren Memoiren geht sie etwas mehr aus sich heraus, zum Beispiel bei der Beschreibung ihrer ersten Begegnung mit dem großen Mystiker. Sie kann ihn, der unmittelbar zuvor einen schweren Autounfall erlitten hat, als leidendes menschliches Wesen sehen, das »ohne Maske« Mitgefühl und innere Schönheit ausstrahlt. Diese erste Prägung war wohl ausschlaggebend dafür, dass Elizabeth in Gurdjieffs letzten Monaten zu seinen engsten Vertrauten gehörte. Dann wird ihr jedoch ohne jegliche Vorbereitung eine tiefgreifende Erfahrung zuteil: Anlässlich eines Treffens von Schülern und Verehrern Gurdjieffs muss sie die teilnehmenden Personen als objektiv »schlafende Marionetten« ohne wirkliches Leben wahrnehmen. Dass diese »äußerst schreckliche« Vision sie ums Haar in den Suizid treibt (und zwar keineswegs aus einer bloßen Affekthandlung heraus), ist schockierend. Jeder Leser wird daraus seine eigenen Erkenntnisse ziehen.
Zu den allerletzten Wochen (ab dem 5. September bis zu Gurdjieffs Tod am 29. Oktober und seinem Begräbnis) gibt es nur noch - überaus bewegende - Eintragungen von Elizabeth. Der bevorstehende Tod des großen Mystikers ist ahnungsvoll zu spüren, und dennoch will er seinen physischen Körper buchstäblich restlos aufzehren, um seine Aufgabe als irdischer Lehrer zu erfüllen.
Das Buch ist sehr reichhaltig bebildert, zu vielen beschriebenen Ereignissen gibt es an genau passender Stelle ein Foto oder einen Schnappschuss. Man findet sogar einen detaillierten Grundriss des legendären Appartements in der Rue Colonel Renard 6. Das Lesen ist also auch ein multimediales Vergnügen.


Große Liebe
Große Liebe
von Navid Kermani
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Illustration zeitlos gültiger Wahrheiten über die Liebe, 3. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Große Liebe (Taschenbuch)
»Es wird einen Grund geben, warum Ibn Arabi ausdrücklich nur die frühe Verliebtheit als vergleichbar … mit dem „Ertrinken“ des Mystikers bezeichnete. Vielleicht sind wir gerade dort wir, wo wir es am wenigsten zu sein meinen.« Dieser Satz (am Ende des 16. Kapitels) enthält einen Schlüssel zum Verständnis dieses komplexen und gleichzeitig schlichten Werks. Man versteht, warum dessen Titel »Große Liebe« lautet, obwohl der Autor bekennt, später (in seinem realen Leben) »tiefer geliebt … heftiger gekämpft und … die körperliche Verzückung umfassender« erlebt zu haben.
Nimmt man das Buch mit dem blutroten Cover zum ersten Mal in die Hände, erwartet man einen leidenschaftlichen Text, eine Geschichte, die einem Gelegenheit gibt, sich mit wenigstens einer der Hauptpersonen zu identifizieren, mit ihr zu fühlen und zu leiden. Doch bald stellt sich heraus, dass der Autor die autobiografischen Motive nicht nur aus einer zeitlichen Distanz von 30 Jahren, sondern mehr noch aus einer inneren Entfernung darstellt oder zumindest darstellen will. Bei dieser Auseinandersetzung mit dem eigenen Reifeprozess ist es berührend anzusehen, wie der Autor versucht, sich in den jugendlichen Liebhaber (von dem er in der dritten Person spricht) hineinzuversetzen, einfühlsam zärtlich, aber zugleich unbarmherzig kritisch. Häufig lässt er sich ironisch-spöttisch über dessen alberne Marotten, die »pubertäre Selbstüberhöhung« aus und schont auch nicht den späteren Erwachsenen (also sich selbst), dem er mehrfach in fast schmerzlicher Offenheit vorwirft, seine »Ehe ruiniert« zu haben. Gleichzeitig aber versenkt er sich liebevoll-akribisch noch in die winzigsten Details: Die Stätte der ersten Begegnung ist »kein idyllischer Ort, sondern ein kurzes Stück unbefestigter Erde zwischen dem Lager einer Spedition und dem Kundenparkplatz eines Baumarktes«. Auch die innere Seelenlandschaft wird nüchtern hell ausgeleuchtet, so z.B. wenn der Liebende seine Potenzängste »mit Zahnarztphantasien zu brechen versucht«. Eine mögliche sentimentale Identifizierung des Lesers mit den Hauptfiguren wird kunstvoll unterlaufen: Der Vorname der Geliebten (»den auch kein Mädchen mehr trägt«) erschien dem Autor so reizlos, dass er ihn nur einmal in einem Nebensatz erwähnt. Mitten in die erstaunlich ausführliche Beschreibung des ersten Koitus schiebt der Autor ein längeres, ziemlich deftiges Zitat des Mystikers Bahauddin Walad: »Gottes Schamteil hat viele Gestalten …« Mühelos, gelegentlich auch atemlos wechselt er in die Metaebene, etwa in ein Gespräch des Autors mit seinem eigenen Sohn, das dreißig Jahre später stattfindet und ein sich wiederholendes Generationenmuster offenlegt. Manch erzählerische Passage wird unversehens treffend (über Jahrhunderte hinweg) von einem Zitat aus der Schatztruhe arabischer oder persischer Mystiker gedeutet, wobei der Autor sich (wenig überraschend) hauptsächlich auf Ibn Arabi und dessen »Abhandlung über die Liebe« bezieht [Abhandlung über die Liebe: Aus den Mekkanischen Eröffnungen (Futuhat al-Makkiyah)]. Die verschiedenen Ebenen (Erzählschicht, Metaebene des reflektierenden Autors, Anekdoten und Lehrsätze berühmter Mystiker) werden höchst kunstvoll miteinander verwoben und bieten ständig Überraschungsmomente. Das macht das eigentlich Spannende an dem Roman aus, der souverän auf die übliche Dramaturgie verzichtet: Das illusionslose Ende der Liebesgeschichte wird schon auf den ersten Seiten vorweggenommen. Nebenbei reflektiert der Roman auch ironisch-verständnisvoll die aufmüpfige Stimmung der Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre, deren grandiosen Schwung wie auch deren Überspanntheiten.
Der Text ist nicht paginiert, sondern nach Entstehungstagen in statu nascendi gegliedert, so dass man einem work in progress beiwohnt, das unerwartete Wendungen bereithält, etwa die Nichteinlösung des Versprechens, dass der Hauptteil des Textes sich der Verzweiflung des abgewiesenen Liebenden widmen wird. Insoweit besteht ein durchaus bedeutsamer Unterschied zu den klassischen Liebesgeschichten aus dem arabisch-persischen Sprachraum, auf die sich der Autor gerne bezieht.
Der Leser bleibt zurück mit der ewigen Frage: Warum gibt es so wenig Erfüllung in der Liebe? Ein Zitat von Hujwiri, dem persischen Mystiker: »Der Rausch ist ein Spielplatz für Kinder, die Nüchternheit das Todesfeld für Männer.« Schöne Aussichten.


Deuter der Sehnsüchte
Deuter der Sehnsüchte
von Muhyiddin Ibn `Arabi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 36,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ibn Arabis poetisches Hauptwerk in vollständiger Übersetzung aus dem Arabischen, 23. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Deuter der Sehnsüchte (Gebundene Ausgabe)
(Vorbemerkung: Der Übersetzer ist der Rezensent. Er kann und darf hier nicht die Qualität der Übersetzung bewerten, das mögen andere beurteilen. Hier geht es ihm um die Bedeutung von Ibn Arabis poetischem Hauptwerk.)

Nur kurz nach Erscheinen der ersten vollständigen Übersetzung des »Turjuman Al-Ashwaq« ins Deutsche (von Stefan Weidner) liegt mit dem vorliegenden Band 2 (Band 1 Ibn Arabi: Deuter der Sehnsüchte: Turjuman al-Ashwaq, Band 1 wurde bereits Ende 2013 veröffentlicht) endlich auch die erste vollständige Übersetzung des Gedichtzyklus mitsamt dem vollständigen Kommentar von Ibn Arabi ins Deutsche vor. Band 1 enthält zusätzlich noch die Erstübersetzung eines Glossars »Fachbegriffe der Sufis«, das Ibn Arabi etwa zur gleichen Zeit verfasst hat.

Die beiden Übersetzungen (die vorliegende und Stefan Weidners) sind völlig unabhängig voneinander und es ist nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie auch unterschiedliche Zielrichtungen haben: Stefan Weidners Übertragung will Ibn Arabis Liebeslyrik als autonomen (ohne Vorkenntnisse verständlichen) Gedichttext in einen modernen poetischen Raum stellen und lässt folgerichtig den Eigenkommentar des Autors wie auch den Prolog weg. Umgekehrt geht es der vorliegenden Übersetzung genau darum, die spannungsvolle Verzahnung von Gedichttext und theologisch-metaphysischem Kommentar darzustellen und damit zugleich den Horizont in die ganze Weite von Ibn Arabis Denken zu öffnen. Sie wird daher nur denjenigen Leser ansprechen, der sich in den »Ozean« seines Geistes wirklich hineinbegeben will. Dabei ist es nach Meinung des Rezensenten unabdingbar, begleitend zur Übersetzung die sprachliche Ebene des arabischen Originals einzubeziehen (was eine allzu freie Übertragung ausschließt). Ansonsten würde der Leser um essenzielle Aspekte des Textes, um den gewaltigen Reichtum an Anspielungen, um die Schönheit sprachlicher Assonanzen und geheimer Verknüpfungen betrogen! Diesem Zweck dienen zahlreiche Fußnoten sowie aus dem Arabischen transkribierte Passagen und Begriffe. Außerdem werden in vielen Anmerkungen Querverbindungen zu anderen Werken Ibn Arabis aufgezeigt, Orts- und Personennamen sowie ggf. der kulturhistorische Hintergrund recherchiert. Die zweibändige Übersetzung versteht sich als wissenschaftlichen Forschungsbeitrag. Auch dem Kenner von Ibn Arabi dürfte sie einige neue Aspekte eröffnen.

Die zwei wohl am häufigsten zitierten Verse des Turjuman stammen aus dem 11. Gedicht: »Mein Herz ward ein Gefäß, umfassend jeglich Form« und »Ich bekenn den Glauben an die Liebe, wohin auch immer / Ihre Karawane zieht, die Liebe ist mein Glauben, meine Zuversicht!« Sie sind leicht verständlich und wirken im Sinne religiöser Toleranz durchaus erbaulich. Andere Verse sind unglaublich kühn, so der folgende aus dem 2. Gedicht: »Ihre Rede, mag auch der Blick dich töten, bringt das Leben, / Als sei sie Jesus, der damit Erweckung schuf.« Der Kommentar zu diesem Vers stiftet einen Zusammenhang mit dem sufischen Begriff des »Entwerdens« (fana) und enthält tiefsinnige Ausführungen zur inneren Bedeutung von Jesus, (auch) um die mystische Überhöhung der Geliebten ins rechte Licht zu rücken. In manchen Gedichten gibt es auch handfest Sinnliches: »Sie greifen zu mit seidenweichen, zart verwöhnten Händen«, was geradezu frivol mit einem Hadith kommentiert wird: »Wahrlich, die Brautgabe fällt in die Hand des Barmherzigen, Er wird sie wachsen lassen.« Oder im selben Gedicht 22: »mit riesenhaftem Hintern, sich wie eine Düne wölbend«, wozu der Kommentar in surrealen Bildern die verwirrend vielfältige Fülle (weiblichen) Wissens assoziiert. Aller Mystifizierung zum Trotz wird die Geliebte jedoch keineswegs idealisiert: »Den schmachtenden [Augen], gesalbt mit tödlicher Magie / Aus leerem Stolz und wundersam gefälschter Schönheit!« Allein diesem Vers widmet der Kommentar drei Seiten. Dass der Gedichtzyklus von einer durchaus real erwiderten (und nicht bloß schwärmerisch eingebildeten) Liebesbeziehung inspiriert ist, wird an mehreren bewegenden Stellen deutlich. »Denn ich schaue eine Gestalt, deren Schönheit wächst, / Wann immer wir zusammen sind, in blühend stolzer Frische! / Unweigerlich wird Ekstase, die sich der Schönheit zugesellt / In gleichem Maße wachsend, zu einer gottgeweihten Ordnung.« Zwei Verse, die ausnahmsweise nicht kommentiert werden. Nach der Trennung zieht die Geliebte ein ernüchterndes Fazit: »So tadle ein Schicksal! Wir fanden keinen Weg, / Es abzuwehren, nicht ist es die Schuld der Stätte Laʽlaʽ.« Wie der Kommentar dazu ausführt, steht der Ort Laʽlaʽ symbolisch für »Betroffenheit, Verwirrung und heftiges Begehren« und bedeutet einfach »das, was die Zeit abnutzt, nachdem es einmal neu gewesen war«. Der Zyklus endet melancholisch verhangen: »Wir täuschten uns, dort [bei der Geliebten] weilte vielmehr / Das Schwarz der Galle, die Klaue meiner Eingeweide! / Bei ihr ging die Schönheit irre, / Verflogen ist der Duft von Moschus und Safran.«

Mit welcher Leidenschaft Ibn Arabi bei diesem Werk zugange war, zeigt folgende Passage aus dem Kommentar zu Gedicht 13: »Weiß Gott, selbst dieses wenige konnte ich in diesem Vers nicht aufschreiben, ohne dass mich ein Fieber in meinem Innern erschauern ließ, weil die Macht der Eingebung sich stets erneuerte und die Erkenntnisse sich [gleichsam] wellenförmig zusammendrängten! Was sich [derart] stets erneuert, kann ich nicht kundtun, bei aller Kraft, die mir Gott gegeben hat, es zum Ausdruck zu bringen und dem beschränkten Verständnis zu übermitteln.« Er fügt etwas resignierend hinzu: »Dies [hier] ist [lediglich] der Auswurf eines Schwindsüchtigen.«


Der Übersetzer der Sehnsüchte: Gedichte. Aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen, kommentiert und mit einer Einführung versehen von Stefan Weidner
Der Übersetzer der Sehnsüchte: Gedichte. Aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen, kommentiert und mit einer Einführung versehen von Stefan Weidner
von Ibn Arabi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ibn Arabis Liebeslyrik als modern anmutende Poesie, 9. März 2016
Schon die Auszüge, die Stefan Weidner, der bekannte Journalist und Übersetzer, ein Kenner der arabischen Welt, vorab in der Zeitschrift Akzente veröffentlicht hat, ließen aufhorchen. Hier wurde ein völlig neuer Zugang zur Übersetzung orientalischer Poesie präsentiert. Und nun liegt sie vor, die erste vollständige Übersetzung des »Turjuman al-Ashwaq« aus dem Arabischen ins Deutsche, allerdings ohne Ibn Arabis Eigenkommentar und ohne den Prolog.

In seiner vorzüglichen auf das Wesentliche reduzierten Einführung stellt Weidner klar, dass er den Beweis dafür antreten will, dass ein angemessenes Verständnis der Gedichte »ohne besondere Vorkenntnisse« möglich sei. Aber der Preis dafür ist hoch: Er stellt die Behauptung auf, dass »Kommentar und Gedichte zwei nebeneinander gelegte, nicht aufeinander bezogene Texte« seien und opfert folglich in seiner Übersetzung den Kommentar und leider auch den Prolog, den er umstandslos dem Kommentar zurechnet, obwohl der größte Teil des Prologs mit dem entzückenden Porträt der Geliebten ausdrücklich zur Einführung in die Gedichtsammlung diente und – nach Meinung des Rezensenten – gerade das hinreißende Gedicht in der Mitte des Prologs ideal auf die mystische Essenz der Gedichtsammlung einstimmt.

Indem er den Kommentar abtrennt, will Stefan Weidner auch gewissermaßen den Gedichttext vom Autor abtrennen und weist ihm einen autonomen fast paradigmatischen Status zu: »Eben weil der Text so viele Dimensionen, so viele Arten des Schreibens, so viele Zitate und kulturelle Quellen aufweist, bietet er … nicht nur einen Autor …, sondern, stellvertretend, die arabische Dichtung und die islamische Mystik insgesamt.« Vielleicht etwas übertrieben.

Stefan Weidner will »den poetischen Raum als solchen zur Entfaltung bringen«. Dabei geht er radikal vor, er verwirft die formale poetische Struktur der Vorlage (die altarabische Qasidah), die arabischen Langzeilen werden in der Übersetzung zu Strophen variabler Länge, er verzichtet auf jegliche Interpunktion und verwendet Kleinschreibung, um die »Materialität« der Wörter zu verdeutlichen. Der »poetische Raum« wird dadurch geöffnet und vermag auch die oft unauflösbare Mehrdeutigkeit des Originals abzubilden oder zumindest ahnen zu lassen. Nicht ohne Stolz heißt es dann: »Paradoxerweise leisten diese Gedichte in der Übersetzung aktuell womöglich sogar mehr als das Original.«

Ein besonders schönes Beispiel findet sich gleich im ersten Gedicht (ausnahmsweise mit einem sich zufällig anbietenden Reim): »selbst der liebe götter irren / verlieren sich in liebeswirren«. Man vergleiche das mit einer konventionellen textgetreuen Übersetzung (W. Herrmann): »Die Herren des Verlangens werden irr / an ihrem Sehnen und verstricken sich darin«. Weidner übersetzt freier, aber bildet sehr schön die inneren Assonanzen des arabischen Verses nach. In dieser Hinsicht ist z.B. die Übersetzung des Gedichts 59 ein Glanzstück, denn die im gesamten Gedicht waltende geradezu übermütige Sprachlust des Autors wird derart konsequent abgebildet, dass manche Verse die Grenze zum Nonsens streifen: »liebte eine liebe am windigen liebort / und verbot ein verbot am verbotsort«.

Im nächsten Beispiel vereinfacht er zunächst die etwas verklausulierte Aussage des Originals: »dreifältig ist die geliebte und gleich / zeitig eins wie die wesenheiten / gottes nur eine sind«. Die Geliebte wird offenbar mit der christlichen Trinität verglichen, aber das Kunstwort »dreifältig« statt »dreifaltig« und die Zeilentrennung mitten im Wort »gleich-zeitig« verunsichern den Leser und lassen ihn fragen: Ist das denn wirklich so gemeint? Das Grübeln mag ihn dann der mystischen Aussage näherbringen.

Was die vielen Ortsnamen im Turjuman angeht, die ja für den unkundigen Leser keine Bedeutung haben, so kommt hier ein Kunstgriff zum Zuge. Zum Beispiel werden die im folgenden ersten Halbvers auftretenden Namen Ramah, an-Naqa und Hajir einfach dem Wortstamm entsprechend übersetzt: »im wunschland zwischen reinort und damm / da ist ein mädchen ganz für sich in einer sänfte«. Das wirkt nun fast märchenhaft, fantasy-like, ist aber in sich schlüssig, da die drei Namen auch im Original eine weitgehend symbolische Bedeutung haben. Insoweit kann (und will) sich die sprachschöpferische Kraft des Übersetzers entfalten: »kordelort, klarbaum, wurfland, unterwerfungsplatz«.

Nur an wenigen Stellen, etwa dem Gedicht 35, nach Meinung des Rezensenten eines der kühnsten, scheint die Übersetzung nicht an die Tiefe des Originals heranzureichen. Ansonsten ist sie eine großartige Pioniertat und verführt mit ihrer geistreichen Anmut zum Lesen und Wiederlesen… Eine aus persönlicher Erfahrung gespeiste Aussage verdeutlicht, dass Stefan Weidner seine Arbeit auch als politischen Beitrag ansieht: »Wer wissen will, was Salafisten, Fundamentalisten, Terroristen, Saudis und andere Kleingeister zur Weißglut treibt, echte arabische Intellektuelle jedoch inspiriert wie kaum etwas aus der islamischen Tradition, der findet es – hier!«


Die Damaszener Trommel: Eine spirituelle Liebes- und Abenteuergeschichte
Die Damaszener Trommel: Eine spirituelle Liebes- und Abenteuergeschichte
von Christopher Ryan
  Taschenbuch
Preis: EUR 23,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Könnte ein Kultbuch für spirituell interessierte Leser werden …, 9. November 2015
Der Chalice-Verlag, der sich große Verdienste um die Publikation von Sachbüchern im spirituellen Bereich (Reshad Feild, Ibn Arabi, J.G.Bennett u.a.) erworben hat, legt hier zum ersten Mal ein rein belletristisches – im Untertitel freilich als «spirituell» bezeichnetes – Werk vor. Um es vorweg zu sagen, dem schottischen Autor ist hier ein in Form und Inhalt unglaublich reichhaltiger und zugleich anmutiger Roman gelungen. Dies liegt sicher auch daran, dass Christopher Ryan der Levante, dem Schauplatz der Geschichte, von Kind an sehr verbunden oder, wie er selbst sagt, «verfallen» war und diese Weltregion mehrfach intensiv bereist hat. Die Hauptpersonen und Örtlichkeiten werden liebevoll und kenntnisreich geschildert. Der Reichtum der Details paart sich an vielen Stellen mit einer imaginativen Kraft, welche alle Sinne anspricht. Man «riecht» förmlich die Gewürze auf dem Markt von Damaskus oder erschauert beim Eindringen in die modrige Festung des Krak des Chevaliers. Selbst in die naturhafte Zeugungslust eines Ziegenbocks kann man sich einfühlen! Gelegentlich ist es des Guten zuviel an Details, was den Lesefluss etwas stören mag. Die vortreffliche deutsche Übersetzung muss all ihre Virtuosität aufbieten, um etwa den Reichtum des englischen Vokabulars oder die wechselnden Erzählfarben abzubilden.
Wie es im Roman selbst an einer Stelle heißt, ist die Geschichte einem fein verwobenen Teppich vergleichbar, dessen Fäden erst am Ende im Stil eines «Magischen Realismus» zusammengeknüpft werden. Mit anderen Worten: Vieles ist realistisch, wirkt sogar alltäglich, einiges aber auch märchenhaft unwahrscheinlich wie die allzu spontane Liebesvereinigung zwischen Daud und Takla «so wie Wasser in Wasser strömt», oder die rasche Beseitigung der in einer Abenteuergeschichte unvermeidlichen Bösewichter.
In diesen Teppich werden die spirituellen Motive erstaunlich zwanglos, gleichsam natürlich, eingeflochten. Es gibt unzählige Anspielungen, die nur den Eingeweihten verständlich sind. Viele innere Weisheiten bis hin zu ganz praktischen Aspekten spiritueller Schulung lässt der Autor gleichsam nebenbei einfließen. Hier kann er einerseits auf seine intime Kenntnis des vorderen Orients (insbesondere der Levante) und andererseits auf seine sehr persönliche Erfahrung mit spirituellen Lehrern (Bulent Rauf, dem «Kairoer») zurückgreifen. Zwei bedeutende Mystiker, Rumi und insbesondere Ibn Arabi, sind gleichsam stets präsent, der letztere zudem noch in der äußerst farbigen Schilderung der Stadt Damaskus.
Es lohnt sich, dieses Buch mehrfach zu lesen, um alle die fein verwobenen Erzählfäden zu verfolgen und z.B. zu entdecken, dass die Namen der Personen keineswegs zufällig gewählt sind. Wer würde etwa vermuten, dass der Name Takla auf die christliche Märtyrerin Thekla anspielt, deren Wallfahrtsort Maalula im Roman erwähnt und von eben dieser Takla kritisch beurteilt wird? Das ist ein schönes Beispiel für die «augenzwinkernde» Ironie des Autors, ebenso wie manche Zahlengaben: Die 99 Ziegen, die von Shams besamt werden, spielen auf die 99 Gottesnamen an, «die neunundneunzigste Ziege, die geduldigste von allen» auf den Namen As-Sabur. Auch die Anzahl der 33 Kapitel ist Absicht.
Der Kochkunst und ihrer spirituellen Symbolik wird sehr, sehr viel Raum gegeben, dem Leser läuft gelegentlich das Wasser im Munde zusammen. Nicht zufällig heißt der vom Autor betriebene Buchladen-Bistro im schottischen Hawick «Damascus Drum», wo man vielleicht manche der beschriebenen Köstlichkeiten real genießen kann.
Im «Abenteuerteil» geht es zum Teil recht rustikal zu, einiges gewürzt mit einer Prise diskreter Erotik. Hier verknüpft der «Magische Realismus» auf oft überraschende Weise phantastische Motive mit der realen, politisch höchst undurchsichtigen, Situation in der Levante des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die den Text begleitenden Kupferstiche von Edward Whymper stammen aus eben dieser Zeit und scheinen dieses graue Zwielicht zu illustrieren.
Gegen Ende, im Kapitel über das «Vierzig-Tage-Fest», das auf Rumis legendäres Begräbnis anzuspielen scheint, weitet sich der Horizont des Romans zu einer riesenhaften multireligiösen und multikulturellen (und multikulinarischen) Vision, die angesichts der heute in dieser Weltgegend herrschenden Zustände sehr bewegt. Möge sie ihren Teil dazu beitragen, hier etwas zu «bewegen»!


Das Versenkte Buch: Ekstatische und weltliche Betrachtungen von Bahauddin, dem Vater von Rumi
Das Versenkte Buch: Ekstatische und weltliche Betrachtungen von Bahauddin, dem Vater von Rumi
von Walad Bahauddin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rumis Vater als Mystiker, 6. Juni 2013
Bahauddins "Maarif", ein bunte Sammlung von Notizen, Vorträgen und Tagebuchaufzeichnungen, sind immer noch wenig bekannt. Verständlicherweise stehen sie im Schatten der weltberühmten Werke von Bahauddins Sohn. Eine vollständige Edition der Maarif wurde erst 1959 von dem persischen Gelehrten Furuzanfar veröffentlicht (zweibändig, nahezu tausend Seiten). Die Autoren des vorliegenden Buchs, Coleman Barks und John Moyne, nennen es einen «mystischen Komposthaufen» und haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Sammlung für westliche Leser zu erschließen, und zwar mit einer Methode, die Coleman Barks schon bei seinen Rumi-Übersetzungen mit Erfolg angewandt hat: John Moyne hat Auszüge aus dem Maarif textgetreu vom Persischen ins Englische übertragen, die von Coleman Barks (der des Persischen nicht mächtig ist) poetisch überarbeitet wurden. Er nennt das «Vergrößerung, Interpretation und spontane Kontemplation über das, was Bahauddin geschrieben hat». Folgerichtig erscheinen Barks und Moyne als Autoren des vorliegenden Buchs und nicht Bahauddin selbst. Die im Buch angeführten Beispiele für diese zweistufige «Komposition» hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck: Der Rezensent wäre mit Moynes einfacher Übertragung bereits zufrieden gewesen. Da Coleman Barks schon seinen Rumi-Übersetzungen einen sehr persönlichen Stil aufgeprägt hat, begegnen eben diese Eigenheiten dem Leser auch hier, so dass es fast den Anschein hat, als hätte der Sohn den Vater beeinflusst! Dankenswerterweise hat sich Peter Finckh bei seiner präzisen Übersetzung ins Deutsche jeder «Nachdichtung» enthalten. Authentische Teilübersetzungen der Maarif unmittelbar ins Deutsche finden sich beim Schweizer Orientalisten Fritz Meier in seiner leider schwer erhältlichen Monografie über Bahauddin ACTA Iranica: Encyclopedie Permanente Des Etudes Iraniennes: (Textes Et Memoires, 14).
Den Inhalt der Maarif hat John Moyne treffend zusammengefasst: ein «intimer, spiritueller Reiseführer, schrullig, vielfältig und leidenschaftlich». Neben autobiografischen Notizen ist vieles in Form von kurzen Ansprachen verfasst, die sich wohl an Schüler Bahauddins richten, tiefsinnige Meditationen über Koranverse z.B. Manches mutet wie ein innerer Dialog mit der Gottheit selbst an. Der Autor empfängt regelrechte «Offenbarungen», worunter es auch einige selbstkritische Reflexionen gibt. Doch falsche Bescheidenheit kann man Bahauddin nicht vorwerfen: Den ihm «von vielen guten und edlen Leuten» während eines Kollektivtraums verliehenen Ehrentitel «König der Gnosis» nimmt er bereitwillig an. Am erstaunlichsten ist wohl seine kraftvoll-sinnliche Schau des Lebens, das er mit all seinen Facetten dankbar annimmt: «Mitten im Gebet dachte ich wieder an die Nymphen im Paradies …». An einer anderen Stelle, wohl einem Tagebucheintrag, beschreibt er sehr anmutig den gleichzeitig erlebten Orgasmus mit einer Frau, erinnert sich an Sure 52:20 und schließt daraus, dass «das Zurücklehnen in den Sex auch der Seele Freiheit gibt». Der Lob der Frauen auch an anderen Stellen unterscheidet Bahauddin sehr von seinem Sohn, der bekanntlich etwas andere Präferenzen hatte…
Ein faszinierender Eintrag zu dem Thema, wie eine rote Rose auf eine weiße Pappel zu pfropfen sei, liest sich zunächst wie die nüchternen Ratschläge eines Landschaftsgärtners und lässt doch eine metaphorische Ebene durchschimmern, die ganz eindeutig auf Rumi vorausweist: «Hier und jetzt ist, wo dir das Wunder gezeigt werden kann, das Wunder von dem, was andauernd geschieht.»
Ein wertvolles, inspirierendes und unterhaltsames Buch.


Bruckner: Sinfonie Nr. 8 - Franz Welser-Möst [Blu-ray]
Bruckner: Sinfonie Nr. 8 - Franz Welser-Möst [Blu-ray]
DVD ~ The Cleveland Orchestra
Preis: EUR 29,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wunderbare, eine vollkommene Einspielung – vielleicht der Durchbruch für die Erstfassung von 1887!, 14. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Auf den Dirigenten Welser-Möst wurde der Rezensent erst durch das in vieler Hinsicht bemerkenswerte Neujahrskonzert 2013 aufmerksam. Spontan besorgte er sich daraufhin die vorliegende Blu-Ray, doch erst beim Anhören bemerkte er, dass hier die Erstfassung von 1887 zugrunde liegt. Die wollte er gar nicht! Doch das Versehen entpuppte sich als Glücksfall. Von den vielen ihm bekannten Aufnahmen der Achten war dies die allererste, die ihn vom ersten bis zum letzten Takt überzeugte.
Auch konnte er hier die Aussage des Bruckner-Forschers Manfred Wagner bestätigen, dass „die Erstfassungen durchwegs komplizierter, mannigfaltiger und informationsreicher angelegt sind als die späteren Fassungen“. Freilich sind sie deswegen weder leichter aufzuführen noch vom Hörer einfacher aufzunehmen! Für die Clevelands sind die spieltechnischen Schwierigkeiten natürlich kein Problem und Welser-Möst ist ein ausgewiesener Bruckner-Experte, der übrigens in der Nähe von Linz geboren ist. Er nähert sich dem Werk ganz unbefangen, er «inszeniert» es nicht, er lässt es sich einfach entfalten. Dabei ist sein Dirigat hellwach und präzise (das vermittelt auch der optische Eindruck) und gekennzeichnet von ruhig fließendem Atem, an keiner Stelle, auch nicht an den heiklen Generalpausen, stockend und auch nirgends vorwärts hastend. Beim Hören stellt sich der paradoxe Eindruck von Zeitlosigkeit ein, eine gleichsam räumliche Vergegenwärtigung der Klangarchitektur. Welser-Möst nimmt einzelne Orchestergruppen dynamisch zurück, wenn es sein muss, rückt z.B. die entzückenden Naturklang-Dialoge der Holzbläser im 2. Satz in den Vordergrund (die auch optisch hervorragend in Szene gesetzt sind) und achtet darauf, dass noch an den dynamischsten Höhepunkten der Klang luftig durchsichtig bleibt, was dem Rezensenten eine ganz neue Erfahrung vermittelt hat: Endlich konnte er die vier übereinander getürmten Hauptthemen in der Schluss-Coda des 4. Satzes mit dem Ohr unterscheiden!
Die spätere Fassung von 1890 hat natürlich auch ihr Recht: Bruckners Tod ist drei Jahre näher gerückt, daher endet der erste Satz nicht mehr im dreifachen Fortissimo sondern verlischt ahnungsvoll, die Todesahnungen im ersten und letzten Satz treten nun deutlicher hervor, und hinsichtlich der Orchestrierung der ganzen Sinfonie gibt es Zugeständnisse an das Wagnersche Klangideal des satten runden Wohlklangs. Doch die Erstfassung erscheint dem Rezensenten schlichtweg reiner und von daher auch erfrischender. Fast würde er die Prophezeiung wagen, dass sie sich auf Dauer durchsetzen wird!
Auch optisch ist die Blu-Ray ein ungetrübter Genuss dank der intelligenten Bildregie, welche nicht so sehr den Dirigenten in den Mittelpunkt stellt, sondern vielmehr die einzelnen Mitglieder des Orchesters je nach ihrem Einsatz liebevoll porträtiert. Bewundernswert, mit welcher Hingabe und fast religiösem Ernst das Orchester bei der Sache ist und wie das Publikum diese Konzentration zu teilen scheint, man hört fast kein nervöses Hüsteln.
Das Audioformat DTS 5.1 HD Master Audio (auf Blu-Ray) scheint sich inzwischen als oberer Standard für hochwertige Klangaufnahmen durchgesetzt zu haben. Er muss aber auch von der Klangtechnik realisiert werden! Hier ist es vorbildlich gelungen. Wenn man derart verwöhnt wird, kann man die herkömmliche CD bald beiseite legen.
Ein Glücksfall, eine Sternstunde. Nun wünscht sich der (in mancher Hinsicht unersättliche) Rezensent, dass Welser-Möst mit diesem fabelhaften Orchester möglichst bald die Erstfassungen der Vierten und Dritten folgen lässt …


Der Sagenhafte Greif des Westens: Anqa Mughrib
Der Sagenhafte Greif des Westens: Anqa Mughrib
von Muhyiddin Ibn 'Arabi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,50

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Christus, das Siegel der Heiligen, und die Erneuerung des Islam, 2. Januar 2013
«In diesem Buch möchte ich dir manch ein Geheimnis erhellen und dessen Himmel in ergiebigem Regen auf dich herabrieseln lassen.» Der Anqa Mughrib, das bedeutendste Frühwerk Ibn Arabis, ist erstaunlich wenig bekannt. Erst vor wenigen Jahren hat ein westlicher Orientalist, Gerald W. Elmore, eine wissenschaftliche Edition zuwege gebracht und auf deren Basis das Werk vollständig ins Englische übertragen sowie ausführlich kommentiert. Mit der ersten Übersetzung ins Deutsche hat die Edition Shershir nun ein ganz besonderes Juwel in ihrem noch jungen Katalog.
Es ist ja bekannt, dass Ibn Arabi Jesus als ersten «Lehrer» annahm und, wie er selbst von sich bezeugt, zu Beginn seines (geistigen) Lebens ein «Isawi», also ein Christ gewesen ist. Weniger bekannt ist, dass er sein ganzes Leben lang eine liebevoll-innige Nähe zu Christus, dem Siegel der Heiligen, bewahrte und sich selbst letztlich kühn als «Siegel der mohammedanischen Heiligkeit» definierte. Der Anqa nun ist eine einzige und einzigartige Hommage an das Siegel der Heiligen, verknüpft mit der (noch nicht explizit so benannten) Idee des Vollkommenen Menschen, die hier als «mohammedanische Wirklichkeit» auftritt. Nicht zufällig entstand das Buch in einer Zeit, die von persönlicher Aufbruchsstimmung, aber auch allgemein von apokalyptischer Endzeiterwartung geprägt war (der Islam wurde im andalusischen Westen von der Reconquista bedroht, im Osten ahnte man schon den späteren Einfall der Mongolen). Die Zweite Wiederkunft Christi (von der auch in den Hadithen die Rede ist) schien unmittelbar bevorzustehen. In diesem beklemmenden geschichtlichen Moment entstand der Anqa als kühner Entwurf einer Erneuerung des Islam aus christlichem Geiste: «Der dürre Ast wird neu belebt und wieder Früchte tragen.» Dieser Prozess wird symbolisiert vom «Aufgang der Sonne im Westen».
Man versteht, dass sich der Urheber solch gewagter Visionen gegenüber der islamischen Orthodoxie durchaus bedeckt halten musste, und zwar auch in Andalusien, das keineswegs so tolerant war, wie allgemein angenommen. Ein Mittel zur kunstvollen Verschleierung dieser Ideen stellt die Sprache des Anqa dar. Sie ist durch und durch poetisch verdichtet, farbenreich und übersät von unzähligen Metaphern und symbolischen Anspielungen. Im Übrigen ist auch der Titel des Buches selbst ein Deckname, dessen Code nicht aufgelöst wird. Keine leichte Lektüre! Der Leser ist daher dankbar für die sehr zahlreichen Anmerkungen von Elmore bzw. dem deutschen Übersetzer, die den Text entschlüsseln helfen und wichtige Hintergrundinformationen liefern.
Zu den Höhepunkten zählen mehrere in den Text integrierte Gedichte, die vom deutschen Übersetzer direkt aus dem Arabischen übertragen wurden und zum Teil verblüffend modern wirken: «Ich bestaunte einen Ozean ohne Küste / Und ein Gestade ohne Meer / Einen hellen Morgen, der keinem Dunkel folgt / Und eine Nacht, die nicht ins Licht der Frühe mündet.» In seinem mittleren Teil (der Text des Anqa ist wie ein Triptychon aufgebaut) erleben wir eine hinreißend anschauliche Szenerie von der Erschaffung der Welt, die den Vollkommenen Menschen als Hauptdarsteller präsentiert. Der Anqa endet mit einer zusammenfassenden Würdigung von Christus aus Fundstellen des Koran und der Hadithe, die Ibn Arabi zu Recht «bruchstückhaft» nennt und – ein genialer Einfall – andeutungsweise um sein inneres Wissen bzw. seine innere Deutung ergänzt. Wenn man z.B. sieht, wie innig er mit der biblischen Passionsgeschichte vertraut war, verschlägt es einem den Atem!
In die etwas schwierige Thematik des Anqa wird der Leser durch eine sehr kompetente Einleitung von Gerald W. Elmore eingestimmt. Der Anhang enthält umfangreiche Auszüge aus den Fusus und den Futuhat, die vom Siegel der Heiligen handeln, sowie ein ausführliches dreiteiliges Register.
Dieses äußerst inhaltsreiche Buch wird noch von sich reden machen!


Der Name und das Benannte: Die Heiligen Eigenschaften Gottes
Der Name und das Benannte: Die Heiligen Eigenschaften Gottes
von Sheikh Tosun Bayrak
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,90

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Heiligen Namen Gottes und der Weg zur menschlichen Vollkommenheit, 1. Januar 2013
Seit der Erstauflage im Jahre 1985, damals noch unter dem missverständlichen Titel «The Most Beautiful Names», ist das Buch von Tosun Bayrak so etwas wie ein Klassiker in Sufikreisen geworden und es ist sehr verdienstvoll, dass in der Edition Shershir nun endlich eine deutsche Übersetzung (mit den schönen Kalligrafien des Originals) erschienen ist. Der Autor präsentiert hier eine sehr persönliche, wenngleich von diversen klassischen Sufilehrern beeinflusste, Darstellung aller 99 Gottesnamen, wobei er sich einer packenden Sprache bedient, die den Leser unmittelbar anspringt und nachdrücklich an seine je eigene Verantwortung als menschliches Wesen erinnert. Der (vollkommene) Mensch ist «in Wahrheit das Antlitz Gottes, das Seiner Schöpfung zugewandt ist, die Göttliche Form», wie es William C. Chittick in seiner vorzüglichen, von Ibn Arabi inspirierten Einleitung formuliert. Es geht hier also nicht um eine theologische Metaphysik, sondern darum, den Weg zur menschlichen Vollkommenheit aufzuzeigen. Die Meditationen über die Schöpfung als Spiegelbild Göttlicher Eigenschaften, münden folgerichtig in ganz praktische Anweisungen zu menschenwürdigem Handeln, bis hin zu praktisch-magischen Ritualen, die das sogenannte dhikr, das «Erinnern» der Heiligen Eigenschaften Gottes, verwenden, um etwa Eheprobleme zu lösen oder verlorene Wertgegenstände wiederzufinden. Für jemanden, der die Kraft des dhikr nicht aus eigener Erfahrung kennt, mag das unwahrscheinlich klingen. Insoweit wendet sich das Buch von Bayrak an bereits «Eingeweihte».
Der Übersetzer hat ein eigenes Vorwort und diverse Fußnoten beigesteuert, die gleichsam exoterische Ergänzungen zu den mehr verinnerlichten Meditationen darstellen. Der Leser erfährt z.B., dass die überkommene Form des dhikr (als wiederholte Anrufung der Gottesnamen im Rahmen der arabischen Sprache) keineswegs essenziell ist, sondern auf historische, linguistische und numerologische Bedingungen zurückgeht (ebenso wie die ominöse Zahl 99). Die Besinnung auf die Immanenz Gottes in der Schöpfung (und im geschaffenen Menschen) ist mit geeigneten Ritualen ja in jeder Religionsgemeinschaft und in jeder Sprache möglich. So mag der Leser den Horizont von Bayraks Text, der oft wie ein Katechismus für fromme Muslime anmutet, über den orthodoxen Rahmen hinaus ausdehnen und gelegentlich sogar Parallelen zur christlichen Mystik und zur abendländischen Geistestradition erkennen.


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