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Rezensionen verfasst von
Turmvilla

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Gefährten
Gefährten
von Michael Morpurgo
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Joey, Albert und der Krieg, 13. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Gefährten (Taschenbuch)
Ein im Wortsinne merkwürdiges Buch: Ein Pferd erzählt, wie es den Ersten Weltkrieg erlebt und erleidet. Das Leiden der Menschen und der Pferde im Krieg wird in einer verständlichen Sprache erzählt und mit konventionellen, aber eindringlichen Aquarellen illustriert.

Krieg aus der Perspektive eines Pferdes erzählt, das ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht ohne Reiz. Schrecken, Leid und Trauer, die der Krieg verursacht, werden unpathetisch dargestellt. Das Pferd Joey wird zur britischen Armee eingezogen, fällt in deutsche Hände, wird von einem französischen Bauernmädchen gesund gepflegt. So grausam der Krieg ist, auch dies ist eine Perspektive des Buches: Liebe zu Pferden ist international, sie passt nicht in ein kriegerisches Freund-Feind-Schema. In unseren Geschichtsbüchern ist der Krieg dagegen nur aus deutscher Perspektive kennen zu lernen.

Für Joey gibt es sogar ein glückliches Ende. Es wird von dem Bauernsohn wiedergefunden, der es in den Krieg ziehen lassen musste.

Michael Morpurgo war Lehrer. Er hat über 90 Bücher geschrieben. In England ist er ein preisgekrönter Kinderbuchautor. Auch in deutsche Lesebücher hält er gerade Einzug. "Gefährten" ist aber ein All-Ages-Book. Inspiriert wurde Morpurgo, so kann vermutet werden, von einem Denkmal, das im Londoner Hyde-Park enthüllt wurde. Es gedenkt der Kriegseinsätze von Tieren auf alliierter Seite.
Sehr sehenswert ist das Theaterstück, das aus dem Buch entstanden ist.


Ich schlage vor, dass wir uns küssen
Ich schlage vor, dass wir uns küssen
von Rayk Wieland
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

5.0 von 5 Sternen Die DDR: Gefährlich lächerlich, 13. November 2013
Es gibt ein paar Bücher, durch deren Lektüre man sich ganze Bibliotheken ersparen kann. Wenn man sie gelesen hat, braucht man keine weiteren. Wer wissen will, wie die DDR war, sollte dieses Buch lesen. (Vorkenntnisse könnten dennoch nicht schaden. Denn die Wirklichkeit war nicht nur zum Lachen.)Das Buch Es erfüllt überdies die Forderung mancher Experten, dass DDR-Aufarbeitung fröhlich sein sollte.

Ein 18jähriger verliebt sich unsterblich in eine Westdeutsche, die er in einem Ostberliner Theater kennenlernt. Fast ein Jahr werden Liebesbriefe hin und her geschickt und er schreibt Liebes- und Nonsensgedichte. Nach der Maueröffnung verliert die Angebetete Münchnerin das Interesse.

W. weiß, dass seine Primanerlyrik keine Literaturgeschichte machen wird. Er hat sie auch längst vergessen. Dann findet er in der Stasi-Akte seine Reime wieder und seine Liebesbriefe. Sein Stasi-”Betreuer” hat Ordner voller Gutachten angelegt, in denen er die negative Grundhaltung des Dichters, die verleumderischen Absichten und die fatalistischen Ansichten anstreicht, Fragezeichen und Ausrufezeichen neben die Verse schreibt, Maßnahmen, Sonderrecherchen und operative Aufklärung unternimmt.

Das erinnert an Schwejk, an Robert Gernhardt. Das erbärmliche Geschehen wird manchmal zur Groteske. aber anders als die harmlosen Komödien “Sonnenallee und “Good bye, Lenin” ist Wielands Roman eine Realsatire. Man hätte etwas straffen können, aber Lektor scheint ein aussterbender Beruf zu sein.


Lüg Vaterland - Erziehung in der DDR
Lüg Vaterland - Erziehung in der DDR
von Freya Klier
  Broschiert

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein hervorragendes Buch über Schule in der DDR, 13. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Regisseurin und Autorin Freya Klier erzählt von den Anfängen des Schulwesens den Nachkriegsjahren. Diese Anfänge waren reformpädagogisch geprägt, es wurde an die Weimarer Zeit angeknüpft. Erst mit den 50ern kam die Sowjetisierung des Schulwesens, die ideologische Ausrichtung und straffe Zentralisierung. Tausende von Lehrerinnen und Lehrern verließen in dieser Zeit enttäuscht die DDR.
In den späten 70ern erkannte die SED angesichts der technisch-wissenschaftlichen Revolution, dass ihre Schule darauf überhaupt nicht vorbereitete und nur Mittelmaß produzierte. Der Staat verlor endgültig den Anschluss an die globalen Entwicklungen. Daraufhin wurden Spezialschulen eingerichtet, in denen eine Elite herangezogen werden sollte. Anders als im gleichmacherischen, zum Kollektiv erziehenden Schulwesen für die breite Masse, wurde an diesen Schulen, so schreibt Klier, die Individualität der Schüler wieder entdeckt. Der Wehrdienst wurde für sie gekürzt oder ihnen ganz erlassen. Die Schüler erhielten mehr Freiheiten. Verhaltensweisen wurden geduldet, für die man an der Oberschule sofort in den Jugendwerkhof, eine Anstalt für verhaltensauffällige Schüler/-innen, eingewiesen worden wäre. Jetzt aber nahm man das in Kauf, in der Hoffnung das hoch begabte Kind würde dem Staat später einmal seine Kreativität und Begabung zur Verfügung stellen. Parallel dazu begann die Intelligenzforschung (Sarrazin lässt grüßen!), weil man Hochbegabung möglichst früh erkennen wollte.
Frau Klier ist Anhängerin wahrer sozialistischer Pädagogik, die alles Fortschrittliche von den Philanthropen bis zur Reformpädagogik, von Clara Zetkin bis A. S. Makarenko, in sich vereinigt. In ihren Augen ist das Schulwesen in der DDR eine schlimme Verirrung und keine Verwirklichung sozialistischer Ideale gewesen.
Auf jeden Fall erfährt man in dem Buch viel über das DDR-Schulwesen.


Pol Pots Lächeln: Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer (Weltlese)
Pol Pots Lächeln: Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer (Weltlese)
von Peter Fröberg Idling
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie hätte ich mich verhalten?, 12. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In „Pol Pots Lächeln“ von Peter Fröberg Idling geht es um eine Reise von vier schwedischen Linksintellektuellen im Jahr 1978 nach Kambodscha, dem Land, in dem die Roten Khmer, eine linksextreme, maoistische Organisation, gerade einen kommunistischen Musterstaat errichteten und dabei ca. 2 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, umbrachten.
Die Reisegruppe bekam von dem Massenmord nichts mit, so sagen sie. Die Schweden waren angetan vom Neuaufbau des Landes, von den wohlgenährten, freundlichen, offenen Menschen und dem Bau neuer Staudämme, Fabriken und Plantagen.

Idling will untersuchen, woran es lag, dass die Reisegruppe nichts mitbekam. Er geht behutsam vor, klagt nicht an, versucht zu verstehen. Es ist eine nicht zuletzt literarisch überzeugende Reportage entstanden. Wie Mosaiksteinchen setzt er aus Interviews in Schweden und in Kambodscha, mit Tätern und Opfern, dem Studium von Fachliteratur, aus eigenen Reiseeindrücken und Reflexionen ein Bild zusammen. Als Leser verfolgt man die Entstehung des Bildes quasi mit.
Was das Buch über seinen Gegenstand hinaus bedeutsam macht und beim Leser Spuren hinterlässt: Die Selbstbefragung des Autors. Wie hätte er sich verhalten? Hätte er erkannt, dass etwas nicht stimmen kann, dass ihm etwas vorgespielt wird?
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2016 5:54 PM MEST


Europe Central
Europe Central
von William T. Vollmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,95

1 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Eine raffinierte literarische Montage, 2. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Europe Central (Gebundene Ausgabe)
Ein gigantisches Werk, über tausend Seiten lang. (Zu lang!)Das nationalsozialistische Deutschland und das kommunistische Russland sind vielfältig ineinander verwoben. Alles kreuzt sich, alles hängt mit allem zusammen. Für Gegner der Totalitarismustheorie eine Zumutung. Erzählt wird von Käthe Kollwitz, General Paulus und Kurt Gerstein, von General Wlassow, Hilde Benjamin, Lenins Frau Krupskaja, dem Komponisten Schostakowitsch und dem Dokumentarfilmer Roman Karmen. Zahlreiche weitere, teils fiktive Personen kommen vor. Die Belagerung Leningrads (sehr lange, detaillierte Schlachterzählung), der Kampf um Stalingrad und Kursk, die Todes-KZs der Nazis, die DDR sind Schauplätze.
Das Buch ist eine raffinierte literarische Montage, keinesfalls eine historische Dokumentation, über viele Seiten fantasievoll, aber plausibel erzählt. So könnte es gewesen sein, dabei ist es hervorragend ausgedacht, basiert aber auf profunder Literaturkenntnis Vollmanns und erstaunlichen Funden. Über 80 Seiten Anmerkungen zeugen davon. Er verdichtet Zitate, legt sie anderen in den Mund, macht das aber transparent. Zwei Erzähler, ein stalinistischer Geheimdienstmann und ein fanatischer Nationalsozialist schildern und beurteilen das Geschehen von ihrem, jeweils durchaus schlüssigen Standpunkt aus. Eine lebenslange Liebe des Komponisten zu Elena, der späteren Frau Karmens nimmt weite Teile des Romans ein. In Wirklichkeit war es nur eine kurze Romanze.

Am beeindruckendsten war für mich die Analyse der Schostakowitsch'schen Kompositionen. In seiner Musik steckt der Stalinismus und der Zweite Weltkrieg: Der Geschützdonner, das Leid der Soldaten, die Ketten der T 34-Panzer. Deutsche Volkslieder und Stalins Lieblingslied werden zitiert. Auch die stalinistische Kritik an „formalistischen“, ideologisch nicht auf Parteilinie liegenden Kompositionen lernt man kennen. Der allwissende Erzähler aus dem sowjetischen Geheimdienstmilieu würde das „Schwein“ Schostakowitsch am liebsten liquidieren. Man müsse bei Intellektuellen aufpassen, sagt der NKWDler.
Hat sich die Lektüre gelohnt? Bei allem Respekt vor der gigantischen Leistung: eher nicht.


In die neue Welt: Eine Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten. Vierfarbiges Bilderbuch
In die neue Welt: Eine Familiengeschichte in zwei Jahrhunderten. Vierfarbiges Bilderbuch
von Christa Holtei
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 13,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gelungenes Kinderbuch über Migration, 2. November 2013
Migration ist nicht erst seit Lampedusa aktuell. Beim Gang durch die Geschichte könnte der Eindruck entstehen, dass Wanderung, Einwanderung, Auswanderung oder Flucht wesentliche geschichtliche Konstanten der Menschheitsgeschichte sind. Bedeutsamer jedenfalls als Sesshaftigkeit. Man denke an die Besiedlung Amerikas durch einwandernde indianische Stämme, die germanische Völkerwanderung, die Auswanderung von Deutschen nach Amerika und Russland, die Flüchtlingsströme, die von Kriegen ausgelöst wurden.
Ich lebe in Brandenburg, einem Land, in das Schweizer, Niederländer, Franzosen und Pfälzer eingewandert sind und das, als es Teil der DDR war, Tausende verlassen hatten.
Es sieht so aus, als ob Migration der Normalfall wäre und nicht Sesshaftigkeit.

Auswanderung ist das Thema des Sachbilderbuches. Es erzählt von einer Kleinbauern- und Weberfamilie, für die es zum Leben nicht mehr reicht. (Durch Realteilung wurden die Ackerflächen in Teilen Deutschlands auf die Erben aufgeteilt und somit immer kleiner.) Sie beschließen 1869, in die Neue Welt auszuwandern.
Das Buch enthält ganzseitige Zeichnungen der Stationen der Reise. Eine Fülle liebevoll gezeichneter Details sind zu entdecken: Das Dorf kurz vor dem Wegzug, die Versteigerung von Hab und Gut, das riesige Auswandererschiff im Hamburger Hafen, das überfüllte Zwischendeck, die sternenklare Nacht in der Prärie, das allmähliche Wachsen des Hofes bis zur modernen Farm fünf Generationen später. (Auch der Swimming Pool hinter dem Wohnhaus fehlt nicht.) In die Textseiten eingestreut sind Detailaufnahmen: Im General Store, wo man Saatgut und Werkzeug und Lebensmittel kauft, die jetzt alle englische Namen tragen, die „Stunde Null“ auf dem leeren Feld in der unendlichen Prärie, die Begegnung mit Indianern…
In der Junior High School beginnt, 150 Jahre nach der Ankunft der Vorfahren, für die ältere der beiden Töchter das Projekt „Die Geschichte der Einwanderer“ und das ist der Auslöser für eine Reise der Familie nach Deutschland, ins Herkunftsland der Vorfahren. Und dort finden sie sogar noch das Häuschen ihrer Vorfahren.

Eine anschaulich gezeichnete und mit – überwiegend – einfachen Worten erzählte Geschichte.
Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder Grundschüler Wörter wie Saatgut, Südstaaten, Bürgerrechte oder Reibereien kennt.

Man kann sich das Buch alleine erobern oder gemeinsam darin auf Entdeckungsreise gehen. Ich würde ihm auch wünschen, dass sein Potenzial im Sachunterricht der Grundschule genutzt wird: Wenn man sich in die Bilder und den Text vertieft, kommt man zwangsläufig dahin zu fragen: Wie fühlt man sich, wenn man Haus und Hof verlässt? Wenn man woanders von vorne anfängt, wenn man sich fremd fühlt, wenn man neue Freunde gewinnt und erfolgreich ist, wenn man erkennt, dass man Teil einer langen Geschichte ist?
Das könnten sehr philosophische und hochpolitische Gespräche im Unterricht der Klassen 4-6 werden. (Oder auch zu Hause.)Angesichts der aktuellen Diskussion um Auswanderung und Asyl ein willkommener Gesprächsauslöser.


Die große Ernüchterung: Der Fall Tulajew (Weltlese)
Die große Ernüchterung: Der Fall Tulajew (Weltlese)
von Rudi Schweikert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Ein Roman über den Roten Terror, 2. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Rote Terror Lenins und Stalins in einer Romanhandlung. Bei allem Respekt vor der Forschungsleistung von Historikern: Mehr als dieses Buch muss man dazu nicht gelesen haben. Victor Serge (1890 - 1947), der russische Anarchist, Bolschewist und Trotzkist, Funktionär, Journalist und Schriftsteller, weiß wovon er schreibt.

Die Kommissare, Obersekretäre, Staatsanwälte und Geheimdienst-Offiziere lassen verhaften, verbannen, liquidieren und werden verhaftet, verbannt und liquidiert. Zwischendurch trinken sie Champagner und reisen im Salonwagen oder in der ZK-Limousine mit Chauffeur durch Russland.

Man bekommt den Eindruck, dass die Bolschewiki eine Horde von Paranoikern sind - was ja nicht ganz falsch ist - , die auf bürokratische Art versuchen, die Wirtschaft zu organisieren, es sich selbst gut gehen lassen und sich gegenseitig belauern und liquidieren.

Ein ziemlich langer Albtraum ist es, dieses Buch zu lesen. Es entspricht darin aber den bedrückenden 70 Jahren Sowjetkommunismus.


Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus
Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus
von Swetlana Alexijewitsch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

37 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was richteten Stalins willige Vollstrecker in den Köpfen der Menschen an?, 2. November 2013
Swetlana Alexijewitsch hat Interviews mit Menschen gemacht, die noch heute vom Stalinismus geprägt sind und nicht mit dem Leben nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches zurechtkommen. Sie schildert aber auch die unglaublichen, entsetzlichen Biographien aus der Stalinzeit: Ein gläubiges Parteimitglied, seit 1922 dabei, wird 1937 verhaftet, gefoltert, weiß nicht warum. Im Krieg kommt er frei, darf gegen die Deutschen kämpfen. Die Partei sagt: “Sorry, Deine Frau ist verstorben.” (Sie war ebenfalls verhaftet worden.) “Aber hier ist Dein Parteibuch zurück.” “Da war ich glücklich”, sagt er im Interview.

30 Jahre hat sie daran gearbeitet. In Minsk, Weißrussland, wo sie lebt, dürfen ihre Bücher nicht verlegt werden. Im Oktober 2013 hat sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Eine weitere Lesefrucht: “Die Mehrheit fühlt sich von der Freiheit genervt. 'Ich habe drei Zeitungen gekauft, und in jeder steht eine andere Wahrheit. Wo ist die richtige Wahrheit? Früher hast du morgens die Prawda gelesen und wusstest Bescheid. Hattest alles verstanden.`” (p 12)

Durch die Erinnerungen der Interviewpartner wird etwas erkennbar, was keines der Sachbücher zum Stalinismus und vor allem dem Roten Terror leistet, die ich kenne, – bei allen Verdiensten – leisten konnte: Was richteten Stalins willige Vollstrecker in den Köpfen der Menschen an? Es waren Tausende, die die Lager bewachten, die die Planvorgaben an Erschießungen erfüllten, die Anklageschriften und Urteile erfanden und verlasen. die die Opfer aus den Wohnungen und Büros holten und solange vernahmen, bis sie auch das Widersinnigste gestanden. Es lebten alle in Angst, wenn der Bruder die Schwester denunzierte, die eine Nachbarin die andere. Die Täter von heute waren die Opfer von morgen. Ein ehemaliger Journalistikstudent erzählt, wie das war, wenn man aus den Semesterferien zurückkam und jedesmal waren alte Dozenten verschwunden und Kommilitonen fehlten.

Andererseits bleibt die Stalinzeit für eine wachsende Zahl von Menschen die große Zeit, der Kommunismus die berauschende Idee. Sie ist es Wert, Blut zu vergießen, Menschen zu töten, in einem gewaltigen Kraftakt Fabriken, Kraftwerke und Kanäle zu bauen. Die neuen Werte – Geld, Pizza, Mallorca und 100 Käsesorten – werden verachtet. “Man kann uns nur nach den Gesetzen der Religion betrachten, nicht nach den Gesetzen der Logik… Ihr werdet uns noch einmal beneiden. Was habt ihr denn Großes? Nichts. Nur den Komfort… Sich den Bauch vollschlagen und sich mit Klunkern behängen…” (p 212)


Das kuriose Brasilien-Buch: Was Reiseführer verschweigen (Fischer Taschenbibliothek)
Das kuriose Brasilien-Buch: Was Reiseführer verschweigen (Fischer Taschenbibliothek)
von Wolfgang Kunath
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Besser als der Titel, 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Eine hervorragende Lektüre zu Brasilien. Es ist ein fundiertes, gleichwohl leicht zu lesendes Sachbuch mit Hintergrundinformationen, die man in der Tat anderswo nicht so leicht findet: Über Religion, das Amazonasgebiet, Brasilia, Karneval, Gated Communities, die Deutschen (inkl. den Nazis), Reichtum und Armut.

Aber mit einem leider irreführenden Titel. Dabei ist das Buch weit weg von den Rankings der Reiseführer nach dem Motto: "Die zehn ultimativen Geheimtipps für Brasilien in 48 Stunden". Handfester Nachteil: Das Pocketformat, das das Lesen erschwert.


Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit: Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne
Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit: Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne
von Gesellschaft für wilhelminische Studien e.V.
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Revision des Kaiserbildes?, 1. Oktober 2013
Da gerät mein Schulwissen über die Kaiserzeit in Unordnung. Waren die Eltern von “Willy”, wie er bei Hofe auch genannt wurde, gar nicht so fortschrittlich und bürgernah, wie es immer heißt? Bei Straub ist seine Mutter eine böse Intrigantin, mit verheerendem Einfluß auf den Gatten und auf den Sohn. Der emanzipierte sich von ihr und verbannte sie nach Kronberg im Taunus.

Hatte der Kaiser womöglich recht, als er Bismarck entließ, der nötigenfalls auch auf Sozialdemokraten und Ultramontane geschossen hätte, während Wilhelm versuchte, die Sozialdemokratie in die Monarchie einzubinden. Was in großen Teilen auch gelang: Die SPD war im Alltag weniger revolutionär als ihr Programm verhieß.

Straub sieht Wilhelm als modernen, gebildeten, technikbegeisterten volksnahen Kaiser, als in Europa anerkannten Repräsentanten eines industriell und wissenschaftlich hochentwickelten Staates. Wobei Wilhelm dazu beitrug, dass sich das Reich derart entwickelte.

Im Kapitel IV, “Der Demokrat auf dem Thron”, schildert er die Schwierigkeiten eines Monarchen, sich in einem Staat zu behaupten, in dem die Interessen der Beamtenapparate, mächtige Wirtschaftslobbyisten, die Parteien im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus um Einfluss rangen und alle eifersüchtig den Zugang zum Kaiser suchten und ihn kritisierten, bisweilen auch diffamierten, wenn er nicht ihre spezifische Position unterstützte.

Das erinnert von ferne an Hans Rosenbergs große Studie “Bureaucracy, Aristocracy and Autocracy. The Prussian Experience 1660 – 1815″, in dem die Entstehung des modernen Staates in Brandenburg-Preußen präzise dargestellt wird, die Machtkämpfe zwischen einer von bürgerlichen Beamten beherrschten Verwaltung, einem (anfänglich noch) ungebildeten landständischen Adel, der sich vom aufstrebenden Bürgertum und dem sich absolutisch verstehenden Monarchen bedrängt sieht. (Dank an die Dozenten der Uni Frankfurt, die den Erstsemestern ein englischsprachiges Fachbuch zugemutet haben.) Freilich ist Straub daran gemessen eher feuilletonistisch und belegt nicht viel.

Das Berlin der 80er/90er Jahre muss nicht viel anders als die heutige Bundeshauptstadt gewesen sein: Voller Intrigen, voller Gerüchte, mehr interessiert an Personen als an Themen, mit Journalisten und diversen Netzwerken als Katalysatoren.

Bismarck ging in seinem Hass auf den Kaiser so weit, seine eigene, den Frieden erhaltende europäische Bündnispolitik zu demontieren: Er sorgte mit Fehlinformationen dafür, dass der Kaiser, der eigentlich für die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland war, diesen nicht verlängerte. Was Bismarck zum Anlass nahm, dem Kaiser fehlendes Augenmaß vorzuwerfen.

Wilhelm wollte den Krieg nicht, aber er zögerte, seinen Generalstab an die Leine zu legen. (Dazu übrigens ausgezeichnet: “August 1914″ von Barbara Tuchman.) Inzwischen war auch eine ultrakonservative, antidemokratische Rechte entstanden, mit Bismarck als Kultfigur, der den Kaiser nach seiner Entlassung zutiefst hasste und gegen ihn agitierte. In Bismarcks Nachfolge verstanden sich Hindenburg und Ludendorff als Volkstribune, die sich als Führer der Nation sahen und einen Siegfrieden wollten. Wilhelm haben sie nach und nach entmachtet und im Hauptquartier wie einen Internierten behandelt.

Es bleibt genug übrig, um ihn nicht leiden zu können, aber die “schrecklichen Vereinfacher”, die ihn als Vorläufer von Hitler sehen, müssen sich mehr Mühe geben.

Eine einfühlsame Biographie des Kaisers und in weiten Teilen eine Darstellung des Kaiserreichs als zeitgemäße Monarchie und modernen Industriestaat.


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