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Rezensionen verfasst von
Wirtshausberater (Dresden)

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A Single Man
A Single Man
DVD ~ Colin Firth
Preis: EUR 8,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Qualitätsfilm aus den USA, 16. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: A Single Man (DVD)
Los Angeles, 1962, kurz nach der Kubakrise. Man sieht einen jungen Mann tot auf dem Eis neben einem verbeulten Auto liegen. Ein etwas älterer Mann beweint seinen Tod, küsst den Toten auf die Lippen. George Falcone (Colin Firth) wacht auf, doch was er da geträumt hat, war im Kern gar kein Albtraum; Jim (Matthew Goode), sechzehn Jahre lang sein Partner gewesen, ist wirklich tötlich verunglückt. Der Film zeigt einen einzigen Tag im Leben von George, es ist ein Freitag, an dem er versucht, seinen Alltag trotz Trauer zu bewältigen, eher er - das wird zunehmend klar - sich erschießen will. George ist Englischprofessor, der seinen Studenten ausnahmsweise mal erklärt, was das Wesen der Angst ist und wie sie Menschen manipuliert. Charley (Julianne Moore) lädt ihn für den Abend ein. In einer der vielen eingebundenen Erinnerungen Georges wird klar, dass sie mal eine Fastbeziehung hatten, dass Charley ihn immer noch liebt, nach Jims Tod ihre Chance wittert. Die Rückblenden zeigen auch die Innigkeit der Beziehung zu Jim, wie schwer es George nach der Nachricht gefallen ist, das Bild des schnieken, immer souveränen Mannes, von dem offenbar kaum einer weiß, dass er schwul ist, aufrechtzuhalten. Dazu gibt es noch den Studenten Kenny Potter (Nicholas Hoult), der offenbar George homoerotisch zugetan ist, wittert, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Ist Kenny der neue Jim, der ebenfalls deutlich jünger war, kann er oder Charley George von seiner Selbsttötungsabsicht abhalten?

Obwohl am Anfang etwas gewöhungsbedürftig, wird der Ansatz von Regisseur Tom Ford schnell deutlich. In seiner Verfilmung des Romans "A single man" von Christopher Isherwood setzt er hauptsächlich darauf, die Kamera konsequent der Perspektive Georges folgen zu lassen. Das geht so weit, dass Bild und Ton undeutlich werden, sobald er die Konzentration verliert, und dafür ein Film aus der Vergangenheit abläuft. Dazu kommt die perfekte Ästhetik der frühen '60er mit glänzenden Straßenkreuzern, gefönten Haartürmen und Maßkleidung. Das würde jedoch alles nicht funktionieren, würde Colin Firth mit seinem ausdrucksstarken Mimenspiel und geschliffener Sprache keinen eloquenten, melancholischen, lebensklugen, aber dennoch gebrochenen George geben. Vor allem, wie er gegenüber Kenny und Charley Souveränität vorschützt, ist großartig dargestellt.

Bezeichnend, dass "A single man" in den USA so klein angelaufen ist. Es ist ein absoluter Qualitätsfilm, dem man soviel Publikum wünschen würde wie so mancher inhalsarmer Blockbuster-Schmarrn erhält.


Eating Animals
Eating Animals
von Jonathan Safran Foer
  Taschenbuch

132 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perverse Fleischfabriken, 16. Juni 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eating Animals (Taschenbuch)
Nach seinen spektakulären Erstlingsromanen "Everything Is Illuminated" und "Extremely Loud and Incredibly Close" hat sich Jonathan Safran Foer (Jahrgang 1977) drei Jahre lang dem Thema Fleischessen gewidmet und ein Buch darüber geschrieben.

"Eating animals" beginnt harmlos, biographisch, Foer erzählt von seiner Kindheit und seiner Oma, die ihm beigebracht habe, dass alles, was auf den Teller komme, ein Geschenk sei, und dass gutes Essen in Fleisch großer Tiere gipfle. Später habe er zwischen Omnivor- (Allesesser) und Vegetariertum alterniert, wobei die Fleischverweigerung mehr der Identitätssuche gedient habe als wirklich fundiert gewesen zu sein. Foer gibt vor, kein flammendes Plädoyer für Vegetarismus vorlegen zu wollen. Stattdessen rührt er in den Widersprüchen, die jeder von sich kennt, den Gegensätzen zwischen Problembewusstsein, -ausblendung und Bequemlichkeit.

"Eating Animals" ist jedoch nur insofern keine Streitschrift gegen Fleischkonsum, als Foer zwischen Fleisch von vormals artgerecht gehaltenen Tieren und dem von Geschöpfen aus Massentierhaltung unterscheidet. Zunächst widerlegt er gründlich diejenigen unter den Lesern, die Tieren Intelligenz, Bewusstsein, Emotionen und Leidensfähigkeit absprechen wollen; Hühner und Fische seien da keine Ausnahme. Nun stamme 99% allen in den USA verzehrten Fleisches aus Fleischfarmen, in denen die Tiere nicht nur zusammengepfercht würden, wie es ihr Körperumfang gerade noch zulasse, mit Wachstums-, sonstigen Hormonen und Antibiotika vollgestopft würden, sondern genetisch dermaßen degeneriert seien, dass sie sich auf natürlichem Wege gar nicht mehr fortpflanzen könnten. Foer begibt sich in die Hühner-, Schweine- und Rinderfabriken und die Industriefischerei, spricht mit vielen Angestellten, Farmern und Experten und lässt einige im Wortlaut Klartext reden. Ihre Berichte zeigen beispielsweise, dass es in den industriellen Zucht- und Schlachtanlagen nicht mehr die Spezies Huhn gibt, sondern nur mehr die sich stark unterscheidende Eier- und die fleischgenerierende Kreatur (bei ersterer werden natürlich die Männchen vernichtet, sobald feststeht, dass sie welche sind). Die Tiere sind durch Züchtung und Medikamente dermaßen verkommen, dass die fleischreichen Körperteile in einem Bruchteil der von der Natur dafür vorgesehenen Zeit wachsen; es gibt Schweine, denen das Bauchgewicht die Beine bricht und Abertausende kranke Tiere, die als Abfallprodukt in Kauf genommen und unter großen Qualen vernichtet werden. Die Massenschlachtung der Überlebenden folgt freilich unter minimalen Kosten für die Fabrikanten und damit großer Qual für die Tiere. Und damit nicht genug, mutieren viele der Angestellten, die teilweise mehrere tausend Kälber pro Tag töten müssten, häufig zu Sadisten, und die Tiere dienen als wehrlose Opfer ihrer geistigen Abstumpfung und Verrohung.

Wem die Ethik und Philosophie um den Tierschutz, die Foer ebenso beleuchtet, als Argumente nicht reichen, dem rechnet er vor, dass der Massentieranbau für mehr Treibhausgasausstoß verantwortlich sei als der gesamte Verkehr. Darüber hinaus züchte man sich Abermilliarden Wirte von Viren heran und mache die Menschheit antibiotikaresistent, ganz abgesehen von den Fäkalienmassen, die über Böden, Grundwasser und Regen in den Nahrungskreislauf gerieten. Am Ende stellt Foer noch ein paar redliche Farmer vor und zeigt Wege auf, wie man zurück zu gesünderem, besserem Fleisch finden könne. Und wenn nicht, dann wenigstens zu einer minimalen Ethik, die den Konsum von Fleisch aus perversen Fabriken verbiete.

Foer hat "Eating Animals" mit der gleichen Energie, der gleichen sprachlichen Zuspitzung und tiefgründigen Klugheit geschrieben wie seine Romane. Man mag der Ansicht sein, trotz Massentierhaltung seien die Zustände nicht allzu schlimm und die Quote validen Fleisches in Europa um ein paar Prozentpunkte höher als in den USA. Doch wenn man nicht komplett naiv ist, wird man kaum daran zweifeln, dass so ziemlich alles, was hierzulande bei Lidl, Aldi und Co. im Fleischregal liegt, die Produkte von bedauernswerten Frankenstein-Geschöpfen sind. Die Fleischindustrie hat zum Zweck der Gewinnmaximierung (und nicht der Massenspeisung, die auch anders funktionierte) die Natur pervertiert. Man mag gerne weiter die Reste industriell verstümmelter Tiere essen. Aber vorher sollte man "Eating Animals" lesen.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 16, 2010 3:38 PM MEST


Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
von Mark Rowlands
  Gebundene Ausgabe

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gedanken um Mensch, Tier, Leben, Tod und Zeit, 22. Mai 2010
Mark Rowlands war gerade 24, als er seine erste Stelle als Philisophieprofessor in Alabama antrat. Von Grund auf neugierig und Hunden zugetan wird er auf eine Zeitungsannonce aufmerksam, die 96%ige Wolfswelpen verspricht. Er schafft sich einen Wolf an, nicht als Haustier, sondern, wie er es bezeichnet, als Gefährten, Bruder. Brenin, so nennt er das Tier, zerlegt freilich gleich die Hauseinrichtung. Rowlands gelingt es durch eine raffinierte Anordnung von Stöcken und einem daran gebundenen Seil, Brenin davon zu überzeugen, dass die Welt so beschaffen sei, dass Brenin immer an seiner Seite bleiben müsee. Fortan kann Brenin nicht länger als ein paar Minuten von Rowlands getrennt bleiben, begleitet ihn in Vorlesungen und auf Saufpartys. Beide verbringen elf Jahre miteinander, in denen sie auch in Irland, London und Frankreich leben. Später ergänzen eine Schäferhündinmischung und eine Tochter Brenins "das Rudel".

In den ersten sieben Jahren ist Rowlands durch die täglichen Ausläufe mit Brenin und die Partys am Wochenende beruflich so unproduktiv, dass er danach froh ist, dass ihn überhaupt noch eine andere Universität anstellt. Doch Brenin inspiriert ihn in der Folge zu einigen Büchern und wissenschaftlichen Aufsätzen u.a über das Wesen von Tier und Mensch und die Ethik des Umgangs mit Tieren. Er greift Gedanken von Epikur, Wittgenstein, Nietzsche und anderen auf und entwickelt sie anhanddessen, was er phänomenologisch von Brenin lernt, weiter. So macht ein Wolf ihn zum gefragten Philosophen.

Zu Beginn ist die Mischung aus Persönlichem und Philosophischen gewöhnungsbedürftig, weil man mitunter den Verdacht hat, dass hier, wie bei vielen Tierliebhabern, das Tier zu Lasten des Menschen glorifiziert wird. Aber "Der Philosoph und der Wolf" entwickelt spätestens dann einen Sog, wenn Rowlands seine eigene Unzulänglichkeit im Umgang mit Menschen, die dem Zusammenleben mit dem Wolf zugrundeliegt und die er selbst als "Misanthropie" bezeichnet, kurz sein eigenes "Wolfsein" thematisiert. Er ringt um die Frage, was Affen (zu denen er auch den Menschen zählt) von Wölfen unterscheide und kommt auf die interessante These, dass nur Affen zu wahrhafter Boshaftigkeit in Form von Intrigen imstande seien. Dabei lässt er beim Vergleich der Intelligenz außer acht, dass Affen greifen und daher Werkzeuge benutzen können, was ihnen viele Möglichkeiten eröffnet und auch das Gehirn weiterentwickelt haben dürfte. Doch was er im vorletzten Teil über Leben, Tod, Glück und die Wahrnehmung von Zeit im Unterschied zwischen Mensch und Tier sagt, ist streckenweise brilliant. Auch hinterfragt er sein eigenes Handeln ausgiebig und ringt dabei immer um Wahrhaftigkeit. Ansonsten gibt es viele anrührende, komische, selbstironische und im Laufe des Buches immer schöner erzählte Anekdoten.

Auch wenn manchmal der Pathos die Oberhand gewinnt und die Gedanken ein bis zweimal ins Esoterische abgleiten, gehört "Der Philosoph und der Wolf" sicher zu den Büchern, bei denen etwas Wesentliches hängen bleibt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 1, 2010 4:52 PM MEST


John Rock oder der Teufel
John Rock oder der Teufel
von Harry Rowohlt
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwischen Feuerwaffe und heißem Topf, 15. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: John Rock oder der Teufel (Gebundene Ausgabe)
Aus einem einzigen Zeitungsbeitrag ein Hardcover zu machen und als Roman, wenngleich "Wildwest-Schundroman", zu verkaufen, ist eigentlich Geldmacherei mit griffbereitem Revolver. Das was der Verlag Kein & Aber und der Zeichner Peter Gut jedoch aus einem kulinarischen Beitrag für die FASZ machen, ist a la Bonheur, wie Essensexperte Reiner Callmung sagen würde. Auf den wenigen, vorsichtshalber gar nicht nummerierten Blättern stehen vorsichtshalber gar keine Seitenzahlen. Im Durchschnitt enthält jede Seite ein paar Zeilen Text und eine formidable Gutsche Illustration, bei der der Held der Geschichte, John Rock, zu Harry Rowohlts Ebenbild im Westmanngewand wird.

Kurz gesagt geht es um einen Schießexperten, der sich bei der Zubereitung von "'Bamboo Garden'-Glasnudeln'" nur unwesentlich davon abhalten lässt, dass drei Schurken und eine Horde Apatschen seine Hütte angreifen. Als Bonus zum Zeitungsbeitrag gibt's hier noch Fußnoten, die fein pseudo-belehrend angebliche Schwachstellen in Plot und Wortwahl kommentieren.


Wie man leben soll: Roman
Wie man leben soll: Roman
von Thomas Glavinic
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Man passiert es, 15. Mai 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Wie man leben soll: Roman (Taschenbuch)
Karl ist von Natur aus gutmütig, gemütlich und korpulent. Der Test in einem Magazin bescheinigt ihm, ein "Sitzer" zu sein. Als solcher passieren ihm die Dinge, anstatt dass er sie vorantreiben würde. Ein Kuschelbär wie er hat bei den hübschen Mädchen keine Chance, ist dafür mit weniger attraktiven Mädchen und später Frauen zusammen. Nach dem Abitur studiert er Kustgeschichte, freilich nur wegen des hohen Frauenanteils. Als die skurrile Verwandtschaft nicht mehr für den Lebensunterhalt aufkommen will, versucht Karl sich als Vertreter des Roten Kreuzes und Taxifahrer. Es passiert ihm auch, dass er tollpatschig zwei Menschen ins Grab bringt und zuletzt als Talkshow-Gast zu zwiespältiger Berühmtheit kommt.

Die konsequent durchgehaltene "Man"-Perspektive ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, geht dann aber erstaunlich gut. Sehr schön gerät dadurch die Lakonie, mit der der Erzähler kommentiert, was ihm alles, so wie die Welt sich ihm darstellt, unweigerlich widerfährt. Zwischendurch wird die Handlung arg lang und ziellos, aber das Ende ist dafür schön und lustig. Mal ein Lebensgefühlroman, der sich nicht furchtbar wichtig nimmt.


Wie ich die Welt retten würde, wenn ich Zeit dafür hätte
Wie ich die Welt retten würde, wenn ich Zeit dafür hätte
von Olaf Schubert
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Zwerchfell gelaffelt, 9. Mai 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Olaf Schubert hat den Schalk im Genick, den Feinsinn unterm lichten Haar ("Es werde licht!") und die Weisheit mit dem Löffel schaumig geschlagen. Ironie des Schwachsinns, dass ein Mann von seinen dadaistischen Qualitäten vom weiterhin blökenden Comedy-Boom in die TV-Geräte manövriert wurde. Und Spaß der listigen Realität, dass er 2008 den Deutschen Comedy-Preis in der Kategorie "Bester Newcomer" bekam, dabei bestellt er (Jahrgang 1967) schon seit zwei Jahrzehnten sein humoristisches Korn und ist in Dresden bekannt wie der Träger eines gelben Rautenpullunders.

Eine Literaturagentin überredete ihn zum Schreiben dieses Werks, sein jahrelanger Griffelstielhalter Stephan Ludwig half ihm, Buchstaben zu 250 Seiten Text zu kombinieren. Olaf Schubert tat, wo bei man jedem anderen Autor des Landes - außer Helge Schneider - an den Leisten halten würde: Er schrieb einfach, wie ihm die Feder gebogen war, drauf hin. So folgt der Plot in riesigen Bögen dem Voranmäandern eines olafschen Tages, es gilt einen Taschendieb dingfest zu läutern, bei einem Toleranz-Workshop die Gerechtigkeitsader des überschaubaren Auditoriums zu entfachen und ein Konzert zu tönen, wobei zwischendurch ein Mittagsschlaf dem schubertschen Jahr zwei Monate entreißt. An diesen zarten Faden tackert er Lebenserfahrungen und heftet gelehrige "Tipps" und "Hintergrundinformationen" dran, wo sonst das Bindwerk der Trockenheit anheim fiele. Dabei nimmt er den Leser behutsam am Nacken und erklärt ihm nebenbei die Benutzung des Buches mit all seinen dramaturgischen Spitzwinkligkeiten. Der wird beim Thema Weltrettung bis zum Ende mit Spannung gefoltert, dafür erklingen dann die Bisse in der Katze der Erkenntnis umso schmerzhafter. Doch in der Wirklichkeit geht die Welt eben auch erst zum Schluss unter.

Hier noch einige schönstkomponierte Sätze ausgewürfelter Seiten: "Unverständnis ist der Lohn des Gerechten." "Sicherheitshalber schraubte ich die Kühlschranktür komplett ab, setzte mich wieder und sah, dass mein Werk gut war." "Solange ich auch lief, jeder weitere Eindruck wurde zum Leberhaken für meine Lebensfreude." "Zuzüglich zum sympathischen Gesamterscheinungsbild wusste sie, mit ausgeprägten Primärreizen zu punkten." "Die Geschicke unserer Welt wurden seit jeher von herausragenden Charakteren triebkräftig beeinflusst."

Diese Promenadenmischung aus vermaledeiten Metaphern, von "Empfindsamkeit der eigenen Person gegenüber" (Josef Hader) angestachelter Schwadronie und Lebenshilfe- wie Wissensbuch-Verhohnepipelung würde ohne Olaf Schuberts verhaspelte Life-Intonation geschrieben niemals flutschen, hätte sich die Lektorin resp. Projektmanagerin vom S. Fischer-Verlag durchgesetzt und der Sprache den verschwurbelten Zahn genommen. Weltklassescherze (z.B. er Hinweis, dass man nicht nur die eigenen Daten, sondern auch die von anderen schützen solle) sind freilich nicht ganz unter sich, doch dem Leser werden viele Denkanstöße ans Revers geheftet, sodass das mit der Weltrettung zwar keine Bank, aber - falls immer mal wieder Groschen fallen - immerhin eine Sparkasse sein sollte.


Guido außer Rand und Band! Die offizielle Biographie
Guido außer Rand und Band! Die offizielle Biographie
von Stefan Gärtner
  Taschenbuch

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts für Außerirdische, 6. Mai 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Kabarretist Josef Hader beschwichtigte neulich gegenüber der Süddeutschen Zeitung: "Guido Westerwelle wäre in Österreich ein kleiner Fisch, in manchen Parteien würde er wahrscheinlich als eine Stimme der Vernunft gelten." Dass spätestens nach dem Dekadenzvergleich der gute Teil der Deutschen Westerwelle einen Sockenschuss attestieren dürfte, mag ausnahmsweise für unser Land sprechen. Andererseits ist Westerwelle als hochfrequent Luft blasender Fisch alles andere als stumm, wenn er jeder Missgunst, die er zu wittern glaubt, Sätze entgegenformuliert wie: "Deutsche Außenpolitik ist interessenorientiert und wertegeleitet." Wegen derlei mögen die langjährigen Titanic-Redakteure Stefan Gärtner und Oliver Nagel ihm eine "offizielle Biographie" gegönnt haben. Nagel präzisierte gegenüber Süddeutsche online: "Westerwelle ist ein zutiefst zerrissener Mensch, der dazugehören und geliebt werden will, aber aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur nicht geliebt wird."

160 Seiten reichen den Autoren, um über vierzig Beiträge unterzubringen und darin jedwede vergebliche Liebesmüh zu dokumentieren. Das Buch beginnt mit einer Gebrauchsanleitung für Westerwelle, die auch eine Elektrobürste beschreiben könnte, es folgen u.a. eine angemessen abgehackte Biographie, ein wunderbar abseitiges Potpourrie seines Programms ("Was Westerwelle will"), "Guido-Mobile im Test" ("Der Goldtimer ... verringert bei gezielter Anwendung die Zahl von Straßenpennern deutlich."), Fotowitze und -storys (entlarvend: "Ein Tag im Leben von Guido Westerwelle"), "Guidos Schlaflied" (eine formidable Zeichnung von Realitätsverlust mittels des Kinderlieds "Schlaf, Kindchen, Schlaf") und "Der große Psychotest: Wieviel Westerwelle sind Sie?". Dann wirft Titanic-Kollege Mark-Stefan Tietze ein ernstzunehmendes Schlaglicht auf die halbgeordneten familiären Ursachen von Westerwelles Überangepasstheit: "Die verdruckste Hartherzigkeit ... verbindet sich beim jungen Westerwelle mit dem generationenalten Dünkel der Ständegesellschaft." Zuletzt gibt es noch ein einschneidendes "Kochen mit Guido", eine hingebungsvolle Führung durch Westerwelles Sammlung gegenständlicher Malerei ("Eigentümlichkeit, Suggestivität und eine flotte Male - magischer Realismus at its very best!"), "Learning English with the German Outside Minister" sowie die Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W." über das Drama eines trotz Außenministeramts Ungeliebten: "Wollte er sich lieben, musste er so bleiben, wie er war; blieb er aber so, dann hassten sie ihn ... Sein Kopf fühlte sich gereinigt an, weil er ihn so leergedacht hatte."

Gärtner und Nagel bedienen sich schön geheuchelter Dialektik, wenn sie versuchen, dem Menschen hinter der trotzigen Schwadroniermaschine etwas Sympathisches abzuringen. Echte Zitate wechseln sich mit gar nicht mal so tief in den Mund geschobenen Bonmots ab ("Unser Land verfügt über genug eigene Glutamat-Vorkommen, ich sehe nicht, warum wir uns da von China abhängig machen sollten." "Die Kopfpauschale kommt, oder ich stelle das Amt Philipp Röslers zur Verfügung."). Den Autoren gerät "die offizielle Biographie" einige Male albern, was bei einem ganzen Buch aus Witzen schwer vermeidbar ist, öfter jedoch richtig lustig, wobei ihnen die variierenden Formen viele Wechsel in Duktus und Ironieebene ermöglichen. So schmarrig, bunt und beliebig setzt sich eben auch das Leben eines Attitüdenpolitikers zusammen.

"Guido außer Rand und Band!" sollte man - Stephen Hawking hat in anderem Kontext gewarnt - nicht in Richtung aggressiver außerirdischer Zivilisationen schießen, weil dies den verwundbaren Zustand des Planeten anhand eines einflussreichen Staatsmannes dokumentierte. Aber vielleicht kann die Lufthansa ja ihre Überseeflugzeuge standardmäßig damit ausrüsten - auf dass das Ausland mittels noch mehr Ehrerbietung Westerwelles verschmähte Liebe lindere und somit den Schaden fürs Vaterland.


Aus Dalkeys Archiven: Roman
Aus Dalkeys Archiven: Roman
von Flann O'Brien
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der Kneipe zur Weltrettung, 19. April 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aus Dalkeys Archiven: Roman (Taschenbuch)
Das putzig-verschlafene irische Städtchen Dalkey, in dem bei Bier und Whiskey hochtrabende Reden gehalten werden, ist ein schöner Schauplatz für eine Geschichte. Besonders, wenn zwei junge Männer, die sich außer für Hopfensaft und Feuerwasser hauptsächlich für die Nebenanschönheit Mary interessieren, in Verlegenheit geraten, auf einmal die Welt retten zu müssen. Sie begegnen nämlich dem Physiker und Theologen De Selby, der ihnen nicht nur von einer Zeitmanipulationsmaschine erzählt, sondern sie Zeuge einer pointiert abseitigen Unterredung mit dem heiligen Augustinus werden lässt. De Selby hält ihn wie andere Figuren aus Bibel und Kirchengeschichte für einen kleines Licht, was seine Absicht unterstreicht, mit einer selbsterfundenen Substanz das Leben auf der Erde auszublasen. Mick ist derjenige, der sich Verbündete aus Kirche und Obrigkeit sucht, um die gefährliche Substanz zu stehlen und in Sicherheit zu bringen.

"Aus Dalkeys Archiven" besteht fast nur aus Dialogen. Die Gespräche offenbaren das enorme Wissen Flann O'Briens um Literatur und Weltanschauung und reflektieren dieses gleichzeitig witzig und geschmeidig wie ein sahniges Guiness. Dennoch hüpft die Handlung manchmal, als wäre man nach dem zehnten Bier am Tresen eingeschlafen und bei einem ganz anderen Gespräch über Götterwut und Weltverständnis aufgewacht. Eine Geschichte, die vielleicht zuviele Figuren und Themen vereint, jedoch angemessen klein anfängt und klein endet. Hübsch, mit starker Stimme erzählt, aber nicht ganz so groß wie "Auf Schwimmen-zwei-Vögel".


A Serious Man
A Serious Man
DVD ~ Michael Stuhlbarg
Preis: EUR 7,99

11 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Viel zu lustige Verlierergeschichte, 18. April 2010
Rezension bezieht sich auf: A Serious Man (DVD)
Larry Gopniks (Michael Stuhlbarg) Leben ist in jeder Hinsicht geordnet: Er ist Physikprofessor mit Aussicht auf Dauerstellung, hat Frau, zwei Kinder, Reihenhaus, und fürs spirituelle Wohlergehen sorgt die jüdische Gemeinde. Eine Konstellation, die zum Einsturz gebracht werden muss: Larrys Frau verkündet ihm, dass sie mit einem gemeinsamen Bekannten zusammen sei; dieser drängt dem verdatterten Larry wiederholt seine verständnisvolle Nächstenliebe auf. Larrys Gutmütigkeit wird weiter auf die Probe gestellt, als die beiden ihn auffordern, er solle das gemeinsame Haus räumen. Kurz bevor die Uni-Kommission über seine Festanstellung entscheidet, konfrontiert ihn der Vorgesetzte damit, dass es anonyme Anschuldigungen gegen ihn gebe (ein Handlungsstrang, der am Ende unlogisch aufgelöst wird). Ein durchgefallener Student jubelt ihm einen Briefumschlag mit Bargeld unter, doch Larry kann die Herkunft nicht belegen, wird erpresst. Außerdem wären da noch der Sohn, der sich Schule und Vorbereitung auf die jüdische Konfirmation mit Dauerkiffen erträglich macht, eine heiße, sexuell unterversorgte Nachbarin, teure Scheidungsanwälte, der in Obhut genommene spielsüchtige und perverse Bruder, sowie einige bimmeldoofe Rabbis, deren seelischer Beistand eine Qual für sich ist.

Die Elemente im neuesten Werk der Coen-Brüder Joel und Ethan wirken in ihrer Zusammenstellung etwas ungeordnet, obwohl sie für sich alle gut gemacht und witzig, teilweise verblüffend und hinterfotzig sind. Doch eine Verlierergeschichte verliert, wenn sie mittendrin immer wieder komisch wird. Die Wirkung des erbarmungslos zuschlagenden Pechs verpufft durch Komödienelemente wie Larrys permanente Smartheit im Umgang mit den Katastrophen und Slapstickszenen wie seinen Sturz vom Hausdach bei einem missglückten Voyeur-Versuch. Ein Looser-Film funktioniert nicht, wenn er nur zur Hälfte unamerikanisch ist. Das können Regisseure aus Ländern besser, wo statt dem Froh- der Trübsinn kultiviert wird. Der Finne Aki Kaurismäki hat z.B. mit "Lichter der Vorstadt" eine Interpretation des Themas vorgelegt, die in Trockenheit und Reduktion schwer zu übertreffen ist. "A Serious Man" ist der mit Abstand schwächste Film der Coen-Brüder, den ich kenne. Allerdings ist das eine Kritik auf recht hohem Niveau, wo Meisterwerke wie "Fargo", "The Big Lebowski" oder "Burn after Reading" den Maßstab vorgeben.


Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana
Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana
DVD ~ Júlia Hernández Fortunato
Wird angeboten von Online-Versand-Grafenau GmbH
Preis: EUR 9,48

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Poetische, unschuldige Liebe, 18. April 2010
Ein junger Mann mit Rucksack und Kniebundhosen verabschiedet sich von den Seinen, wandert los in einen Bergsee, über dessen Grund - und kommt am Titicaca-See in Bolivien wieder ans Ufer. So erzählt in dem Roman von Stefanie Kremser (auch Drehbuch) und dessen Verfilmung die Legende, wie Alois (Florian Brückner/Luis Bredow) einst aus Fernweh nach Bolivien gekommen sei, sich dort in Elena (Agar Delos) verliebt habe.

Heute hält die betagte Elena Alois' Liebe in Ehren, zeigt ihrer Enkelin Alfonsina (Júlia Hernandez) Fotos, trägt das Dirndl, das Alois ihr einst geschenkt hat. Alfonsina ist vierzehn, ein Mädchen zwischen Schüchternheit und Neugier, bittet Touristen, ihr Postkarten aus deren Heimat zu schicken. Als der junge Bayer Daniel (Friedrich Mücke) auftaucht, entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte, die sehr der von Oma Elena ähnelt.

Eine bayrische Heimatgeschichte an den Titicaca-See zu verlegen, ist eine schöne Idee. Regisseur Thomas Kronthaler setzt sie oft bezaubernd um. Júlia Hernandez spielt einen fazettenreichen wie glaubhaften Teenager, langsame wunderschöne Landschaftsbilder, subtile Andenklänge und hübsche Details sorgen für eine beschwingte Stimmung und glaubhaftes Fernweh, in dem sich die Heimatliebe zeigt. Manche Handlungsstränge wie das Liebesleben von Alfonsinas Mutter Rosa (feurig: Carla Ortiz) versanden, doch insgesamt ist "Schreibe mir" sehr schöne, unkitschige Kinounterhaltung für's Herz.


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