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Wirtshausberater (Dresden)

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Ich hab noch einen Toten in Berlin. SZ Krimibibliothek Band 17
Ich hab noch einen Toten in Berlin. SZ Krimibibliothek Band 17
von Ulf Miehe
  Gebundene Ausgabe

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Emotionsarmer Coup, 14. Juli 2009
Was passiert, wenn ein Drehbuchschreiber und ein Regisseur monatelang akribisch für einen Krimi recherchieren, Probedrehs machen, in die Verbrecherszene eintauchen, aber ihr Projekt letztendlich an den Geldgebern scheitert? Regelmäßig landet ein amerikanisches Flugzeug im geteilten Berlin, das den Sold der GIs in Geldsäcken liefert. Immer wieder wird der Zaster auf dieselbe Weise in die Kaserne eskortiert. Gorski und Benjamin lernen den Banditen Sparta kennen, dem ein Überfall zu riskant wäre, aber der den beiden einiges Nützliches beibringen kann. Als es mit dem Film nichts wird, kann das erworbene Wissen dennoch eingesetzt werden.

Die Geschichte funktioniert eigentlich nicht, weil es durch die Filmplanung so viele Mitwisser gibt, dass es schwer zu glauben ist, dass Gorski und Benjamin das Ding am Ende selbst drehen. Abgesehen davon ist Ich-Erzähler Benjamin problematisch. Das ganze Buch über weiß man nicht, wie er tickt, was er fühlt, so kühl schildert er die Handlung. Weiterlesen hat mich vor allem die im Klappentext erwähnte Wendung am Ende lassen. Ein zwar schön knapp formulierter Krimi, dem aber das Fleisch, die Emotion, sogar die Spannung fehlt.


Der Knochenmann
Der Knochenmann
DVD ~ Josef Hader
Preis: EUR 5,99

16 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Knochentrockener Humor, 12. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Knochenmann (DVD)
Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der Brenner (Josef Hader) nichts mitgekommen, weil ihn hat nur das Auto von dem säumigen Besitzer interessiert, das er für die Leasingfirma hat einkassieren sollen. So ist er im Löschenkohl gelandet. Dem Ausflugslokal, das in ganz Österreich für seine knusprigen Backhendln berühmt ist. Da hat ihn der grobschlächtige Platzhirsch (Traumbesetzung: Josef Bierbichler) gleich herzlich begrüßt: Hier sei eine Wirt-Schaft und er kein Gast-Wirt. Jetzt hätte den Brenner beinahe der unterbutterte Löschenkohl junior (gruslig neben der Spur: Christoph Luser) engagiert, aber dann hat der den Papa lieber selber erpresst, weil der alte Löschenkohl einiges mit Nutten in der slowakischen Nachbarschaft am laufen. Doch der Brenner total blind wegen der feschen, vernachlässigten Sohngattin (herzerfrischend unsexy: Birgit Minichmayr), während immer mehr Menschen in der Knochenmühle für die Hendlknochen entsorgt worden sind.

Die nach "Komm, süßer Tod" und "Silentium!" dritte Verfilmung eines Wolf Haas-Krimis lebt ganz bestimmt nicht von der Dramaturgie. Schnell ist klar, wer hier "Der Knochenmann" ist und beim Versuch, angefallene Menschenreste zu entsorgen, in den Strudel weiterer Metzeleien gerät. Brenner läuft ziemlich lange nebenher und verspeist schon mal leckeres Menschengulasch, während er den Täter unwissentlich ertappt. Dafür liefert er sich grandioskomische Dialoge mit den ausgefeilten Provinzfiguren einer Schlacht- und Fressfabrik, die eine ganz eigene Lebensklugheit pflegen, was bei der bizarren Faschingssause am Ende seinen Höhepunkt erreicht. Das Drehbuch von Wolf Haas, Josef Hader und Regisseur Wolfgang Murnberger liefert eine dermaßen dichte Abfolge böser, hinterfotziger bis grusliger Szenen, dass "Der Knochenmann" fast Kultpotential hat. Manche mögen in der stark vereinfachten Filmversion die große erzählerische Linie vermissen, dafür ist der Humor so abgebrüht und trocken, dass man permanent das Gefühl hat, sich an angeschwitztem Knochenmehl zu verschlucken. Ein krasser Film, von dem einige gefrorene Lacher noch lange nachhallen.


Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden
Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden
von Raymond Carver
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Reduziert, 4. Juli 2009
Die '80er waren die Zeit voluminöser Frisuren und neonbunter Schweißbänder. Überraschend eigentlich, dass unter Schriftstellern damals der Nominalstil blühte. Das wohl bekannteste Buch des Amerikaners Raymond Carver aus dem Jahr '81 reduziert den Nominalstil noch dazu weitgehend auf die Abfolge von Subjekt, Verb und Objekt. Originelle Vokabeln haben in den siebzehn Texte auf 170 Seiten genauso keinen Platz wie erzählerische Ausschmückungen. Leider bekommen auch die Figuren wenig Raum, um aus den beiden Dimensionen herauszuwachsen, die Pappkameraden benötigen.

Dennoch sind die Geschichten in "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" von subtiler, unprätentiöser Klugheit, weil in der extremen Reduktion jeder Satz, jedes Wort eine Funktion hat. Was Carver dabei ziemlich perfektioniert, sind die kondensierten letzten Sätze, die den Texte nicht nur die zweite Bedeutungsebene geben, die er vorher gekonnt versteckt, sondern auch oft 1-2 Seiten Fortsetzungstext in der Fantasie des Lesers erzeugen. Insgesamt ein Buch, das man trotz seiner sprachlichen Simpelheit sehr konzentriert lesen muss. Andererseits in seiner Lakonie und Lapidarheit nicht in jeder Stimmung genießbar.


Der springende Punkt ist der Ball: Die Geschichte einer Leidenschaft
Der springende Punkt ist der Ball: Die Geschichte einer Leidenschaft
von Michael Pöppl
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eng am Ball, 2. Juli 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Fußballbücher haben meist Din-A-4-Format, bestehen aus Hochglanzbildern und leben davon, dass sie der für viele wichtigsten Hauptsache der Welt ausgiebig huldigen. Nicht so das Buch des Sportredakteurs der Berliner Zeitschrift "Zitty", Michael Pöppl, der erstens die deutsche Fußballgeschichte von 1945 bis 2005 sehr schön in den Kontext gesamtgesellschaftlichen Wandels stellt und sich zweitens traut, zu schreiben, wenn mal eine Weltmeisterschaft, um die geht es nämlich hauptsächlich, richtig schlecht war. So erfährt man nicht nur, dass deutsche Mannschaften im Grunde noch nie durchwegs mit technischer Raffinesse, sondern mit den bekannten und für sie Primärtugenden zum Erfolg kamen; bereits 1962 holzten und knüppelten die meisten Mannschaften, bis das Bein nachgab.

Fußball als Symbol dafür, dass es im Westen nach dem Krieg schneller aufwärts ging, Fansein zwischen dumpfem Nationalismus und naiv-linker Verehrung des Ballzaubers als ästhetisches Mittel zu gesellschaftlichem Wandel. Das Ganze wurde schon hundertmal erzählt und zusammengetragen, aber selten so gründlich recherchiert wie hier. Dabei findet man viele WM-Hintergrundgeschichten um Machtkämpfe, verknöcherte Funktionäre und Trinkgelage, die die Hochglanzbücher aussparen. Wer hat zuerst seinen Fußballsold mit der Anzahl der Schnitzel aufgewogen, die er täglich essen kann? Wie haben sich Politik, Kultur und Fußball immer wieder gestreift, und wie doppelzüngig ist die Debatte um Sport und Kommerz? Pöppl zitiert Eckhard Henscheid und Ror Wolf oft und zurecht als Ausnahmen unter den deutschen Intellektuellen, die sich überhaupt mit Fußball beschäftigt bzw. dies auch kenntnisreich in Hochsprache artikuliert haben. Interessant auch der Grundkonflikt: Halte ich's durch dick und dünn mit meiner Mannschaft, egal wie sie den Ball misshandeln möge, oder ehre ich die Kunst im Spiel und schlage mich auf die Seite der jeweils besseren Mannschaft? Chronist Pöppl gibt keine Antwort darauf, dringt auch nicht wirklich tief in die Psychologie des Fußballs ein, bleibt aber immer eng am Ball der Historie. "Der springende ist der Ball" ist die Geschichte des deutschen Nachkriegsfußballs bis 2005. Mit fast allem, was dazugehört.


Slumdog Millionär
Slumdog Millionär
DVD ~ Dev Patel
Preis: EUR 7,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empathische Bilderflut, 29. Juni 2009
Rezension bezieht sich auf: Slumdog Millionär (DVD)
Der achtzehnjährige Teeeinschenker in einem Handyladen Jamal Malik (der ältere Darsteller: Dev Patel) hat es bei der indischen Variante von "Wer wird Millionär" bis zur letzten Frage geschafft. Die muss allerdings auf den folgenden Tag verschoben werden. Nachts verhört man ihn auf Anweisung des schmierigen Show-Masters, weil man dem Underdog das Wissen zur Beantwortung der Frage nicht zutraut. Als man ihn mit Elektroschocks zu foltern beginnt, erzählt er. Die Auflösung der Fragen führt durch sein gesamtes Leben: vom buchstäblichen Tauchen durch Scheiße, um ein Autogramm von einem Filmstar zu bekommen, über den Tod der Mutter bei einem Überfall auf die Slum-Heimat und die Fast-Verstümmelung durch Kinderfänger zum Zweck des einträglicheren Bettelns. Es ist die Geschichte vom Überlebenskampf auf unbeschreiblichen Müllhalden, den der ältere Bruder gewinnt, indem er sich auf die Seite der Verbrecher schlägt. Roter Faden von Jamals Leben ist die aufopfernde Liebe zu der ebenfalls Waisen Latika (die ältere: Freida Pinto). Doch er verliert sie immer wieder an die bösen Mächte von Geld und Prostitution; ihre Liebe entscheidet sich erst mit der letzten, der Millionenfrage.

"Slumdog Millionär" hat mich begeistert, viele Szenen und Bilder, vor allem am Anfang, sind fantastisch. Die rasante, schlüssige Schnittfolge zwischen den Schauplätzen und Zeitebenen ergibt eine tolle, überaus spannende Dramaturgie. Freilich ist das ganze konstruiert, es gibt die eine oder andere kleine logische Kante, und manche Frage bleibt offen, aber das zu mokieren wäre kleinkariert.

Um die britisch-amerikanische, mit acht Oskars dekorierte Produktion ist eine heftige Debatte entbrannt, der Vorwurf lautet: Kulturimperialismus. Wird ein Armer in Indien schon deshalb gefoltert, weil man ihm das Wissen zum Millionengewinn nicht zutraut? Hätte es am Ende nicht eher um Geld ODER Liebe gehen müssen? Darf man soziale Missstände in einem Märchen aufarbeiten? Diente Indien hier nur als Kulisse, um eine typische Hollywood-Quatschgeschichte zu erzählen?

Diese Fragen muss jeder für sich beantworten. Regisseur Danny Boyle steht durch Filme wie "Trainspotting" (ebenso mit einer denkwürdige Toilettenszene) nicht gerade im Verdacht von Kommerz und Mainstream. Tiefe Antworten auf soziale Fragen und Einblicke in die indische Kultur liefert "Slumdog Millionär" freilich nicht. Will er auch nicht. Muss er auch nicht. Bei einem handwerklich dermaßen guten Film verzeiht man das angesichts der insgesamt stimmigen und großartigen Bilderflut.


Import Export
Import Export
DVD ~ Paul Hofmann
Preis: EUR 6,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehenswert ungeschönte Realität, 20. Juni 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Import Export (DVD)
Eine sympathische Ukrainerin versucht, sich ihren Lebensunterhalt mit Cam-Sex zu verdingen. Olga (Ekateryna Rak), so heißt sie, kommt anschließend nach Wien, verliert ihren ersten Job als Haushälterin (muss u.a. ausgestopfen Tieren die Zähne putzen) wegen ihrer Gutmütigkeit. Sie putzt in einem Altenpflegeheim, eckt an, weil sie sich rührend, aber verbotenerweise um die Patienten kümmert. Einer netter, greiser Windelträger möchte sie heiraten - nicht nur, um ihr eine Daueraufenthaltserlaubnis zu bescheren.

Ein unsympathischer Kapuzenträger wird militärisch auf Security-Mann gedrillt, quält seine hundephobe Freundin mit einer Aggrotöle. Von Geldsorgen und gewalttätigen Gläubigern verfolgt fährt Pauli (Paul Hofmann) mit seinem Stiefvater, dem er ebenso Geld schuldet, in die Ukraine, um zwischen trostlosen Häuserschluchten ausrangierte Automaten zu verticken. Neben dem Stiefvater mäandert er verloren auf dem schmalen Grat zwischen Aufriss und Prostitution.

"Import Export" ist langsamer und weniger dicht als "Hundstage". Dennoch trägt der Film die deutliche Handschrift von Regisseur und Drehbuchautor (mit Veronika Franz) Ulrich Seidel: exquisite, hier oft ausgedehnte Szenen wie Putzfrauentraining auf unterschiedlichem Geläuf, Tanz in einer ungeheizten Kneipenbaracke oder bizarrer Fasching in der Geriatrie. Die Realität wird dem Zuschauer gnadenlos beklemmend vorgehalten. Zum Beispiel, wenn ein unterbelichteter Österreicher eine Nutte unten ohne auf dem Boden sitzend Fahrradfahren simulieren lässt. Und so steigert sich der Film, die männlichen Protagonisten entwickeln sich zu den Tieren zurück, von denen sie ganz ursprünglich abstammen, und auch die Damen zeigen, dass sie raufen können.

Sein im Interview verkündetes Ziel, die Zuseher zu verstören, sie mit ungeschönter Realität (durch improvisierte Dialoge und Laiendarsteller) zu konfrontieren, erreicht Ulrich Seidel hier nicht ganz so dicht wie in "Hundstage", aber immer noch absolut sehenswert und gut.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 30, 2016 4:50 PM MEST


Ich darf das, ich bin Jude
Ich darf das, ich bin Jude
von Oliver Polak
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Judesein kann Spaß machen, 18. Juni 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ich darf das, ich bin Jude (Taschenbuch)
Oliver Polak hatte ich im Fernsehen irgendwie nie richtig registriert. Wahrscheinlich trägt er dort auch, wie auf dem Buch-Cover, Jogginklamotten in ausgebleichtem anthrazith und die welligen dunklen Haare teils nach oben, teils nach hinten frisiert. Falls ich ihn mal in einer Comedy-Sendung gesehen haben sollte, habe ich ihn vermutlich in die Schublade lebender Lachsack gesteckt.

Dieser Oliver Polak also hat ein Buch geschrieben, ein Buch, das sich wie eine Autobiographie liest. Der Aufmacher und rote Faden: Er ist Jude. Da steckt natürlich jede Menge Komik drin, wenn einer das nicht ernst nimmt, weil er als jemand auf die Welt gekommen ist, der nur eines kann: auseinandernehmen, was die Welt im innersten zusammenhält. Nämlich Disziplin, Bildung, Religion und ein ordentlicher beruflicher Werdegang. Dass ihm die Natur eine brachiale Antagonistin in Gestalt der jüdischen Mutter gegenübergestellt hat, macht das Aufbegehren in den Schulen des Nichtortes Papenburgs nicht einfacher. Aber komischer.

Die 180 Seiten sind äußerst dicht und kurzweilig erzählt. Oliver Polak spielt schlau damit, was er sich als Jude an Judenwitz erlauben kann. Nämlich alles. Er erzählt chronologisch, aber springt immer wieder in der Zeit zurück, weil jedes Kapitel ein Thema wie "Der Israeli verfolgt mich!" oder "Schmock aroun the clock" abhandelt. Die Kapitel lesen sich wie locker zusammenhängende Kurzgeschichten zwischen vergeblicher Erziehung, Beschneidung, sexueller Freizügigkeit im Judeninternat und TV-Karriere. Stilistisch ist das bombensicher und überzeugt vor allem durch Polaks konsequent selbstironischen Humor. Gut, am Handwerklichen wird der TV-Autor Jens Oliver Haas einen großen Anteil haben. Aber dass das Judesein gerade in Deutschland soviel Spaß machen kann, darf man getrost Polak selbst zuschreiben. Ein rundes, erfreuliches Werk.


Leyla: Roman
Leyla: Roman
von Feridun Zaimoglu
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sensibel, aber monoton, 14. Juni 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Leyla: Roman (Taschenbuch)
Leyla ist ein ganz normaler Teenager in einem türkischen Dorf. Sie hat drei Schwestern, einen Bruder, diverse Freundinnen und Nachbarn. Allerdings tyrannisiert der gewaltige Vater ("der Mann meiner Mutter") die Familie, insbesondere die Frauen. Religiös motivierte Unterjochung, Mädchen, die darauf getrimmt werden, die ihnen vom Islam bzw. der Gesellschaft zugedachte Rolle der Haushälterin und immer untertänigen und beischlafenden Ehefrau zu erfüllen. Ein weitverbreitetes Phänomen, zumindest wiederholt Feridun Zaimoglu es ungezählte Male. Nach dreihundert Seiten Alltagshandlung zieht Leyla dann mit 21, falls ich's richtig behalten habe, nach Istanbul, um dort einen doppelt so alten Herren zu ehelichen.

Zaimoglu ist sprachlich sorgfältig, hat einen sehr flüssigen, beinahe poetischen Stil. Jedoch gehen direkte und indirekte Rede, erzählte Handlung für meinen Geschmack zu sehr ineinander über, und auch die verschiedenen Perspektiven werden sprachlich nicht auseinandergehalten. - Wobei Leylas Sicht nicht ganz glaubwürdig ist, zumindest habe ich bei ihr auf den ersten vierhundert Seiten das Ego vermisst, ein zumindest gelegentliches Aufbegehren. Die Alltagshandlungen reihen sich davor weitgehend spannungsfrei aneinander, so dass es schwer fällt, innerlich dabeizubleiben, und ich hätte beinahe die wenigen Schlüsselszenen überlesen. - Wie die, in der Leyla auf bemerkenswert unschuldige Weise entjungfert wird.

Von 500 Seiten "Leyla" hatte ich die Geschichte einer Frau erwartet, die gegen die mittelalterlichen Zwänge kämpft, aus ihrer Rolle ausbricht, damit auch in anderen Figuren Brüche offenlegt. Trotz des guten, aber zu knappen Schlusses bleibt eine zwar äußerst einfühlsam geschriebene, aber insgesamt monotone Dokumentation der gesellschaftlichen Fesseln auf dem Land in der Türkei.


Hundstage
Hundstage
DVD ~ Maria Hofstätter
Preis: EUR 7,49

21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bitterböse Realität, 9. Juni 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Hundstage (DVD)
Ein Endzwanziger, der seine angeblich untreue Freundin tyrannisiert. Ein Gartenbesitzer im Unterhemd, der seinen Rasenmäher nur anwirft, um die streitenden Nachbarn zu übertönen. Ein dutzend Darsteller, die in einer Plastikpalmenkulisse eine Orgie praktizieren. Der Alltagszwist eines trotteligen Ehepaares jenseits der Wechseljahre. Die verblühte Schönheit, die sich mit ihrem ungehobelten Liebhaber und seinen unterbelichteten Freund abgibt("Machma Gruppnspeim?"). Eine schwer verwirrte Anhalterin mit Redezwang, die mit ihrer Aufdringlichkeit die Fahrer aus den gewohnter Bahnen ihrer Kommunikation wirft.

Was haben all die Szenen der sechs Geschichten gemein, die während der heißen "Hunstage" des Sommers irgendwo in der Diaspora südlich von Wien angesiedelt sind? Aggression, Klugscheißertum, Geschaftelhuberei, Langeweile - einfach Energie und verschwendete Zellleistung, die Regisseur Ulrich Seidl (Drehbuch mit Veronika Fanz) zu einem mit unzähligen hinterfotzigen Details gespickten Potpurrie der Einöde zusammenmontiert. Das Ganze versetzt er mit vielen Elementen eines Kunstfilms, was einen originellen Kontrast ergibt. Zum Schluss lässt er den Film in einem denkwürdigen Crescendo eskalieren.

Zivilisation, was hat sie dem Menschen gebracht? - Schwachmatentum, dem Tier nur um ein paar sinnlose Kulturgüter voraus. Ein großes Missverständnis, das Ulrich Seidl hier gnadenlos aufdeckt. Das Lachen erstickt dabei, denn man hat eine abgesicherte Ahnung, das das, was man hier sieht, nur eins ist: wahr. Dass das Ganze im Wiener Dialekt noch mal so gut funktioniert, versteht sich. Wenn der Liebhaber dem Gspusi "Servus, mein Lieblingsarsch!" aufs Band spricht, dann ist das Realität. Bitterböse Realität. Ein Film mit Kultpotential.

Dazu gibt es noch den Kurzfilm "Der Ball", ein verknöchertes Schulfest aus Urzeiten, u.a. vom bräsigen Direktor völlig unpassend kommentiert, und ein kurzes Interview mit Ulrich Seidl.


Einmal noch Marseille: Roman
Einmal noch Marseille: Roman
von Björn Kern
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sensibel und konsequent, 3. Juni 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie ist es, als Sohn von Anfang 20 der Mutter zusehen zu müssen, wie die Krankheit sie quälend langsam sterben lässt? Wie fühlt es sich an, immer zuvorkommen, mitfühlen, verstehen zu müssen, ohne den schleppenden körperlichen und geistigen Verfall ertragen zu können?

Dieser Frage widmet sich Björn Kern (u.a. Träger des Putlitzer Preises 2009) in seiner 120-seitigen Erzählung "Einmal noch Marseille" (heute wird ja alles als Roman verkauft). Er tut das äußerst sensibel und perspektivisch unheimlich konsequent, was sich darin zeigt, dass die Personen nur "meine Mutter", "mein Vater" bzw. "meine Freundin" heißen. Kern erwischt die richtige Stimme, das richtige Tempo und versteht es, mit wohldosierter Sprachpoesie das Leiden greifbar und tragisch miterlebbar zu machen. Die Geschichte verläuft sehr linear, hat dadurch keinen großen Spannungsbogen, weshalb sie auch nicht länger sein sollte. Aber vermutlich ist es das, worauf Kern hinauswill: Der Tod zieht den Schwerkranken langsam und unerbittlich an, da können die Nahestehenden bemitleiden, ignorieren, verdrängen, Abscheu empfinden wie sie wollen. Oder die Krankheit geht gar vom Kranken auf die Mitleidenden über.


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