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Rezensionen verfasst von
Mitternachtsleser (Berlin)

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Wird angeboten von A & B GmbH
Preis: EUR 12,49

2.0 von 5 Sternen Hält nur gut ein Jahr!, 28. September 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Akku wurde wenig belastet, funktionierte erst gut. Nach rund 14 Monaten ist dann plötzlich Schluss: Akku wird heiß, entlädt sich in kurzer Zeit und ist daher nicht mehr nutzbar. Finde ich zu teuer für 14 Monate Leistung. Kaufe ich nicht mehr, sondern versuche einen anderen.


Maurice mit Huhn: Roman
Maurice mit Huhn: Roman
von Matthias Zschokke
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebensbetrachtungen eines Melancholikers., 10. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Maurice mit Huhn: Roman (Taschenbuch)
Erzählt wird die Geschichte des Titelhelden Maurice, wobei: sowohl das Wort Geschichte als auch der Begriff
Titel h e l d wollen eigentlich nicht recht passen. Denn eine Geschichte kann man die lose Abfolge von Alltagsbeobachtungen, Selbstbetrachtungen und Monologen der Erzählerstimme sicherlich nicht nennen. Vielmehr erwartet den Leser eine Ansammlung von Anekdoten, Assoziationen und Szenen, die stroboskoplichthaft das Leben des Protagonisten beleuchten.

Ein Leben, dass äußerlich betrachtet nur ereignisarm genannt werden kann: Er treibt ziellos durch einen grauen Berliner-Vorstadt-Alltag. Seine finanzielle Situation ist desolat, die Geschäfte laufen nicht. Auch seine Freundin, der schauspielernde Freund und sein cleverer früherer Geschäftspartner können Maurice nicht aus seiner melancholischen Grundstimmung befreien. Umso mehr Zeit bleibt ihm zum Beobachten und Nachdenken. Alles kann für Maurice zum Thema werden, selbst ein Wörterbuch, in dem er regelmäßig Zufallsbegriffe nachschlägt.

Der einzige Ansatz eines roten Fadens ist ein Cello, dessen Töne irgendwie aus einem Nebengebäude an Maurice` Ohr dringen. Über der Suche nach dem Urheber dieser Musik vergehen Monate, Jahre. Aber auch diese Suche ist unentschlossen, denn bei Maurice gewinnt die Angst vor der Aufdeckung des geheimen Cellisten - alles könnte dann unendlich trivial sein - regelmäßig die Oberhand über die Neugier. Irgendwann verstummt das Cello und ein Klavier tritt an seine Stelle.

Formal entspricht der Roman seinem Inhalt: Er beginnt - allerdings nur für wenige Seiten - in der Ich-Perspektive, bevor ein personaler Erzähler die Erzählstimme übernimmt. In die Handlung eingestreut sind zudem Briefe des Maurice an seinen früheren Geschäftspartner Hamid, so dass auf diese Weise alle gängigen Erzählperspektiven ("Ich", "Er/Sie" und das zum Glück seltene "Du") vorkommen. Das klingt verwirrend und indifferent, passt aber letztlich erstaunlich gut zum Inhalt.

Darüber hinaus sollte sich der Leser ohnehin auf einige formale Experimente einlassen. Beispielsweise wird die Mutter des Protagonisten wie folgt eingeführt: "Eine Greisin an einem Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice` Mutter übernehmen zu wollen." Dieses Spiel mit einem scheinbaren Erstaunen des Erzählers über Dinge, die außerhalb seiner Macht und seines Verstehens liegen, begegnet dem Leser dieses Buches häufiger.

Ich bin selbst etwas verwundert, dass mir ein Roman der geschilderten Art insgesamt gut gefallen hat: Normalerweise lösen formale Brüche z.B. in der Erzählperspektive und die Benutzung von Stilmitteln, die nicht aus dem Inhalt begründet sind oder deren Sinn sich mir nicht erschließen, bei mir innerliche Abwehrreaktionen aus.

Dieser Roman enthält das alles und dennoch habe ich ihn mit Gewinn gelesen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, einen Schachspieler (den Erzähler) zu beobachten, der seine Figuren (Maurice und die Nebencharaktere) über ein Schachbrett zieht und - während er auf den Gegenzug wartet, auf den er keinen Einfluss hat und ihn deshalb selbst erstaunen kann - mehr oder weniger relevante Betrachtungen über ihn interessierende Themen anstellt. Diese Exkurse fand ich mehrheitlich gelungen und lesenswert; nur gelegentlich konnte oder wollte ich ihnen nicht folgen (z.B. muss nicht unbedingt eine Mutter, die ihrem Kind mit einem Hammer den Schädel einschlägt angeführt werden, um zu belegen, dass Menschen zu absurden und brutalen Handlungen fähig sind). Aber solche Einschränkungen sind selten und vermögen nicht, den insgesamt humoristisch-melancholischen Grundton des Romans nachteilig zu verändern.

In der Gesamtsicht ergibt sich daher für mich, ein interessantes, manchmal skurriles aber immer lesenswertes Buch gelesen zu haben, das ich allen empfehlen kann, die durch diese Rezension neugierig geworden sind.

P.S. Das mit dem Huhn im Titel klärt sich dann auch...


Ist schon in Ordnung: Roman
Ist schon in Ordnung: Roman
von Per Petterson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als in Ordnung - Der spätere Meister ist schon früh zu erkennen., 1. August 2011
Nach den völlig zu Recht preisgekrönten Romanen "Pferde stehlen: Roman" (2006) und "Ich verfluche den Fluss der Zeit: Roman" (2009) - ich hätte auch "Im Kielwasser: Roman" (2007) einen Preis verliehen - werden nun auch ältere Bücher von Per Petterson ins Deutsche übersetzt. Das ist sicher legitim und gutes kaufmännisches Verlagshandeln, aber ist es auch literarisch ein Gewinn? Im Fall von "Ist schon in Ordnung" (1992) eindeutig: Ja!

Wieder ein Petterson-Roman, in dem der Autor sein herausragendes Erzähltalent beweist. Nur wenige mir bekannte Autoren verfügen über eine solche meisterhafte Leichtigkeit beim Aufbau einer Geschichte. Selten gleitet man so bruchlos durch die Zeitebenen wie bei Petterson, verschmelzen Handlung, Landschafts- und Gefühlsbeschreibungen so selbstverständlich zu einem stimmigen Ganzen.

Diese Meisterschaft hat mich bereits bei der Lektüre von "Pferde stehlen" unmittelbar für den Autor eingenommen und sie ist hier ebenso präsent, auch wenn man durchaus spürt, dass das vorliegende Buch deutlich vor den oben genannten entstanden ist.

Doch der Reihe nach:

Audun Sletten kommt mit dreizehn Jahren auf eine neue Schule, nachdem seine Mutter Hals über Kopf ihren gewalttätigen, alkoholkranken Ehemann verlassen hat. Audun ist tief verstört und fest entschlossen, ab jetzt allen und allem nur noch mit trotzigem Gleichmut zu begegnen. Egal was noch geschieht, für Audun gilt: "Ist schon in Ordnung"!

Obwohl er alle Kommunikationsversuche von Lehrern und neuen Mitschülern abblockt, findet er dennoch in seinem Klassenkameraden Arvid einen Seelenverwandten und guten Freund. Ein solcher ist auch nötig, denn Auduns Leben ist nicht gerade eine Erfolgsgeschichte: Vor kurzem ist sein jüngerer Bruder tödlich verunglückt, die Beziehung zur Mutter ist oberflächlich-lieblos und die Schule eröffnet Audun keine Perspektive. Schließlich zieht auch seine geliebte ältere Schwester mit einem zwielichtigen Mann zusammen, dem Audun zutiefst misstraut. Endgültig aus dem Gleichgewicht bringt ihn jedoch das plötzliche Auftauchen des Vaters, der völlig heruntergekommen auf der Straße lebt. Audun weiß nur zu gut: der Vater hat eine Pistole!

So trudelt der jugendliche Protagonist haltlos durch den tristen norwegischen Siebziger-Jahre-Kleinstadtalltag wie durch einen Film von Kaurismäki. Und Pettersons Beschreibungstalent (auch wenn allzu viele norwegische Straßen-, Orts- und Landschaftsnamen auftauchen) lässt tatsächlich vor dem Leser einen Film ablaufen, in cineastischem Schwarz-Weiß oder besser: Grau-Weiß. Am Ende dieser coming-of-age-Geschichte wird Audun zumindest einen der Schatten über seinem Leben loswerden und der Autor den Leser mit einer gewissen Zuversicht den Buchdeckel zuklappen lassen...

Die Bewertung dieses Romans stellt mich allerdings vor ein Problem - zugegebenermaßen ein Luxusproblem: Ich habe mit "Pferde stehlen" als meinem erstem Petterson-Roman sein - aus meiner Sicht - bisher bestes Buch gelesen (s. Fünf-Sterne-Kritik weiter unten). "Im Kielwasser" kam dem sehr nahe (ebenso von mir besprochen). Dagegen fielen "Ich verfluche den Fluss der Zeit" und auch "Ist schon in Ordnung" etwas ab.

Warum?

Im vorliegenden Buch fand ich einige Punkte, die im Vergleich zur späteren Meisterschaft des Autors etwas unausgereift wirken: Die Beziehung zur Mutter ist faktisch nicht vorhanden, nicht in dem Sinne, dass es keine Beziehung gäbe, sondern dass sie schlicht im Text nicht vorkommt. Die Mutter ist einfach irgendwie da und ist halt unbeteiligt. Punkt. Dazu gibt es einige durchaus blutige Szenen, bei denen mir die Notwendigkeit für die Handlung nicht wirklich klar wurde: Insbesondere eine Episode um den Arbeitsunfall eines Kollegen hätte meiner Ansicht nach ohne Schaden für das Buch auch wegfallen können.

Aber dies ist Kritik an atmosphärischen Kleinigkeiten, mit der ich letztlich nur verständlich machen will, warum ich diesem gelungenen Roman nur vier Sterne gebe: Um den Unterschied zu den o.g. beiden sehr starken anderen "Pettersons" herauszustellen.

Insgesamt aber ganz klar: Eine Leseempfehlung. Für dieses Buch. Für diesen Autor!


Die Riemannsche Vermutung: Roman
Die Riemannsche Vermutung: Roman
von Atle Næss
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Imaginäre Zahlen und (imaginäre?) Beziehungen., 30. Juli 2011
Terje Huus ist ein Mathematikdozent in mittleren Jahren, dessen Leben in einer gewissen Sinnkrise steckt: beruflich hat er letztlich nicht das erreicht, was er sich erhofft hatte und die langjährige Ehe ist zur Routine erstarrt. Hinzu kommt, dass die Arbeit an seinem aktuellen Projekt - einer Biographie über den genialen aber menschlich gescheiterten deutschen Mathematiker Bernhard Riemann - nicht recht gelingen will.

Aus dieser Schreibblockade soll Huus ein Kurs im kreativen Schreiben befreien, von dem er sich Anregungen für die eigene schriftstellerische Arbeit erhofft. Die Bekanntschaft mit Ingvild, die ebenfalls den Workshop besucht, bringt sein Leben komplett aus dem Gleichgewicht: sie scheint sich für ihn und seine Arbeit zu interessieren und Huus verliebt sich heftig in sie.

Es beginnen Zeiten jugendlicher Verliebtheit, die jedoch von dem schlechten Gewissen des heimlichen Paars gegenüber den jeweiligen Ehepartnern, vom Zwang zur Geheimnistuerei und Lüge überschattet sind.

Schließlich verschwindet Huus spurlos. Die Familie findet in seinen Unterlagen Tagebuch-Dateien, aus denen sein geheimes Leben hervorgeht. Oder ist doch alles ganz anders?

Interessant und gekonnt verbindet Naess in seinem Roman die Erzählebenen: Die einzelnen Phasen im gefühlsmäßigen Auf und Ab des Huus und die jeweiligen Abschnitte des Lebens Riemanns sind geschickt verflochten.

Das Beschreibungstalent des Autors hinsichtlich der Gefühlswelt seiner Hauptfigur ist herausragend und macht für mich persönlich den bezwingenden Charme dieses Buches aus, das keine ,Action` nötig hat, um in seinen Bann zu ziehen.

Die abschließende Wendung bringt dann doch noch ein gewisses Überraschungsmoment ein, dass die Wirkung verfestigt, dieses Buch nicht - wie viele andere durchaus auch eloquente Bücher - kurz nach dem Zuklappen des Buchdeckels wieder zu vergessen.

Für mich ist dieser Roman eine sehr angenehme Überraschung und eine absolute Leseempfehlung (für die es aber womöglich von Vorteil ist, wenn man sich altersmäßig nicht allzu weit von der Figur des Terje Huus entfernt befindet?).

Eine ganz starke vier-Punkte-Wertung! (Würde ich nicht so restriktiv mit den fünf Punkten umgehen...)

P.S. Zur Beruhigung sei angemerkt, dass besondere mathematische Kenntnisse nicht Voraussetzung für die Lektüre sind: die mathematischen Exkurse sind verständlich (und interessant) und meiner Meinung nach höchst gekonnt eingefügt, als Kontrapunkt zu der Unberechenbarkeit der eigenen Gefühle und der Zufälle im Lebenslauf des Einzelnen. Hierfür ist der Lebensweg Bernhard Riemanns, dem auf dem Gebiet der Mathematik vieles, im persönlichen Bereich aber kaum etwas geglückt ist, hervorragend ausgewählt.


Caravaggios Flucht: Roman
Caravaggios Flucht: Roman
von Atle Naess
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Legende vom verruchten Genie - eine Annäherung, 30. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Caravaggios Flucht: Roman (Gebundene Ausgabe)
Im Jahr 1606 tötet ein stadtbekannter Choleriker und Raufbold in Rom einen Mann bei einem Schwertkampf und muss daraufhin Hals über Kopf aus der Stadt fliehen. Vier Jahre später stirbt er nach unsteter Flucht unter ungeklärten Umständen in einem kleinen Ort in der Toskana.

Sicher durchaus eine spannende Geschichte und ein mögliches Motiv für einen Roman. Entscheidend für das Interesse an diesem vierhundert Jahre zurückliegenden Vorfall ist jedoch etwas anderes: Der flüchtige Mörder ist der Maler Michel Angelo Merisi, genannt Caravaggio, dessen naturalistischer Stil die Malerei seiner Zeit revolutionierte.

Mindestens ebenso revolutionär war jedoch die Art, in der sein Lebensstil als polizeibekannter Trinker und Schläger, der sich bevorzugt mit Prostituierten umgab, das idealisierte Bild des mit einem besonderen Talent gesegneten, weltabgewandten, bescheidenen Künstlers demontierte: Caravaggio diente schon seinen Zeitgenossen als Archetyp einer anderen Art von Künstlerpersönlichkeit - des arroganten, bis zur Gewalttätigkeit rücksichtslosen Ausnahmetalents, das sich aufgrund seiner Einzigartigkeit als über den Regeln der gewöhnlichen Menschen stehend betrachtet. Das Bild des verruchten Genies entstand. Ob dies dem Menschen Merisi gerecht wird, ist schwer zu beurteilen, da viele zeitgenössische Berichte über den Maler auf ehemalige Konkurrenten und Neider seines Erfolgs zurückgehen und unter diesem Aspekt betrachtet und interpretiert werden müssen.

Naess nähert sich in seinem Roman der geheimnisvollen Figur des Caravaggio auf seine Weise: in fiktiven Berichten, die er z.T. tatsächlichen Personen aus Caravaggios Zeit und Umfeld zuschreibt, entwirft er ein interessantes Mosaik von subjektiven Wahrheiten, die den Menschen Merisi mit vielen Facetten und Widersprüchlichkeiten zeigen. Klug vermeidet der Autor irgendeine endgültige Festlegung auf eine vermeintliche Wahrheit und überlässt es dem Leser, sich sein eigenes Bild zu machen. Darüber hinaus entwirft Naess ein lebhaftes Sittengemälde der Zeit, und versteht es durch die Berichtsform, die Personen im Umfeld des Malers sowie seine Lebensumstände für den Leser lebendig werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund betrachtet man Caravaggios Bilder, die in den Texten genannt werden, mit besonderem Interesse, unabhängig davon, ob man sich zuvor bereits näher mit ihnen beschäftigt hat.

Ich empfand die Herangehensweise und die Umsetzung dieses Romans insgesamt als gelungen und stimmig. Die einzige kleine Einschränkung hierbei ist, dass ich die Sprache und Diktion der einzelnen Berichte als etwas zu ähnlich empfand: Die Erzählweise z.B. eines Paters, eines Stadtschreibers und einer Prostituierten würde ich deutlicher unterscheidbar erwarten (was allerdings, wie ich gerne einräume, auch schnell allzu klischeehaft geraten könnte).

Ich bin überzeugt, dass man nach dieser Lektüre einen besonderen Zugang zu der Kunst des Caravaggio und seiner Zeit finden kann, der über das Blättern in entsprechenden Kunstbüchern oder Internet-Kunstportalen hinausgeht. Aber auch literarisch - schließlich ist dies ein Roman und kein Kunstführer - empfand ich die Lektüre als empfehlenswert und vergebe daher gerne eine vier-Sterne-Wertung.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 23, 2016 10:57 AM MEST


Oben ist es still
Oben ist es still
von Gerbrand Bakker
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mitleiden mit einem Mitleidslosen - ein großes Buch ohne große Worte., 12. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Oben ist es still (Taschenbuch)
"Ich habe Vater nach oben geschafft."

Klar und kompromisslos beginnt Gerbrand Bakkers Roman "Oben ist es still". Und es geht auch so weiter...

Helmer und Henk sind Zwillingsbrüder. Obwohl Helmer ein paar Minuten älter ist und somit eigentlich den väterlichen Hof erben müsste, findet er nie Gnade vor den Augen seines Vaters. Irgendetwas an ihm stößt den Vater ab, immer ist er anders als Henk, der Zupackende, der geborene Bauer, der verdiente Erbe.

Völlig zerrüttet ist die Beziehung zum Vater, als Helmer nach Amsterdam auf die Universität geht, um Literatur zu studieren. "Mein Sohn geht jetzt Wörter lernen", sagt der Vater verächtlich.

Doch dann stirbt Henk: Seine Freundin Riet verursacht einen Verkehrsunfall, bei dem Henk ertrinkt. Mit zwei Sätzen regelt der Vater beider Leben: "Ich möchte, dass du weggehst und nie wiederkommst.", sagt er zu Riet. Und zu seinem Sohn: "Und du bist fertig, da unten in Amsterdam." Das ist alles. Keiner widerspricht. Riet verschwindet aus ihrem Leben und Helmer ist von dieser Sekunde an Bauer!

Jetzt rächt er sich. Der Vater ist bettlägerig und kraftlos. Jetzt ist Helmer am Zuge. Der Vater kommt nach oben ins ungeheizte Zimmer (Der Geizkragen wollte schließlich keine moderne Heizung!). Essen und Trinken gibt's nur gelegentlich. Das müsste das Problem doch lösen...

Und Riet taucht wieder auf. Sie will Helmer wiedersehen, aber nur wenn der Vater tot sei. Das ist er, versichert Helmer, etwas voreilig, aber aus seiner Sicht aufrichtig! Was will Riet? Will sie doch noch Bäuerin werden? Nein, wieder steht etwas Unausgesprochenes im Raum, sie will Helmer nicht, hat ihn nie gewollt. Sie möchte, dass ihr Sohn als Knecht zu Helmer kommt, um arbeiten zu lernen. Sein Name: Henk!

Der Junge ist launisch und undiszipliniert, langweilt sich schnell. Aber er versteht sich mit Helmers Vater. Das beirrt Helmer, lässt ihn an seinem Verhalten kurz zweifeln: Ist der Tod des Vaters wirklich die Lösung? Eigentlich will er doch nur wissen woher die Ablehnung kommt, warum er nie vor seinem Vater bestehen konnte? Warum Riet nur Henk wollte, obwohl sie doch Zwillinge sind? Warum nur der wortkarge Knecht Jaap ihm Geborgenheit gibt und der Vater auch ihn, Jaap, undankbar und rücksichtslos behandelte. Das Wort homosexuell würde keine der Personen je aussprechen... Es bleiben nur Überforderung und Verletzlichkeit, wo man einfach geliebt und akzeptiert sein will.

Die Familie, so heißt es häufig, sei die kleinste Zelle eines Gemeinwesens. Manchmal jedoch ist sie offenbar eher eine Art Terrorzelle, deren Mitglieder sich gegenseitig das Leben möglichst schwer machen.

Bakkers Roman zeigt uns einen faszinierenden Anti-Helden: Der Ich-Erzähler Helmer ist kein sympathischer Mensch, der Umgang mit dem Vater entrüstet und nimmt den Leser gegen ihn ein. Dennoch kann man ihn verstehen! Bakker ist ein in seiner Ambivalenz perfekt gezeichneter Protagonist gelungen, der den Leser fesselt. Lakonisch und ausdrucksstark erzählt, eingebettet in bildmächtige Landschaftsbeschreibungen erstehen auch die Seelenlandschaften eines Mannes vor dem Leser, dessen vergebliches Ringen um väterliche Anerkennung tiefe Verletzungen hinterlassen hat. Dieses Pendeln zwischen den Polen von Ablehnung und Mitgefühl berührt beim Lesen tief und macht "Oben ist es still" zu einem im Wortsinne mitreißenden Buch von einem sehr talentierten Autor.

Unbedingt Lesen!

P.S. Vergleichbar-gute Bücher (mit ähnlichem Inhalt):
Per Petterson: "Im Kielwasser", "Pferde stehlen",
Zsuzsa Bánk: "Der Schwimmer",
Norbert Scheuer: "Überm Rauschen: Roman".
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 27, 2015 8:14 AM CET


Überm Rauschen: Roman
Überm Rauschen: Roman
von Norbert Scheuer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die unfliehbare Kinderseele - eine großartige Geschichte in starken Bildern., 8. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Überm Rauschen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Hermann öffnet nicht.

So sehr Leo auch gegen die Tür schlägt, bittet und fordert, die Tür bleibt geschlossen. Ist Hermann überhaupt noch in dem Zimmer?

Leo Arimond, der Ich-Erzähler in Scheuers Roman "Überm Rauschen", ist extra in die Eifel zurückgekehrt, um nach seinem älteren Bruder zu sehen. Hermann ist krank, heißt es, du musst kommen.

Ungern und widerstrebend hat sich Leo auf den Weg gemacht, zurück in sein kleines Heimatdorf, zum Gasthof seiner Familie. Zu bedrückend sind die Erinnerungen an die lieblose und abwesende Mutter, den überforderten, trinkenden Vater und den Bruder, dem immer alles besser gelang als ihm. Und jetzt steht er hier vor der Tür und Herrmann öffnet nicht. Auch sonst ist alles anders als früher: der Vater ist schon lange tot, die Mutter im Pflegeheim, die Schwestern sind, wie er, geflüchtet und leben woanders.

Leo kann hier nichts tun außer sich zu erinnern. An den Fluss, der hinter dem Gasthof entlang fließt, an das Rauschen des Wehrs, das seinem Bruder und ihm Trost gab, wenn der Vater betrunken war oder die Mutter mit irgendeinen Mann aus dem Gasthof in einem der Zimmer verschwand. Und an das Fischen, die einzige große Leidenschaft des Vaters und dessen Besessenheit für den mythischen Urfisch Ischtys, den er eines Tages zu fangen hoffte. Leo mochte das Fischen nicht, das Hermann so leicht fiel. Die Enttäuschung des Vaters spürte er wohl.

Jetzt steht Leo im Fluss seiner Kindheit und fischt: vieles ist ihm in Erinnerung geblieben, von dem, was sein Vater ihn lehren wollte, von der Kunst des Fliegenfischens, die die Kunst des Täuschens sei. In den langen Stunden im Fluss rauschen jetzt die Bilder aus der Vergangenheit an ihm vorbei, fließen zusammen, nehmen schließlich Gestalt an: Ischtys, der große Fisch.

Scheuer ist in meinen Augen ein großartiger Roman gelungen, mit glaubhaften Charakteren, bildreich erzählt und gut komponiert. Er zeichnet ein Bild einer Kindheit - mit all` den Wünschen nach Liebe durch die Eltern, den Verletzungen und Kränkungen, der Überforderung der Eltern - das unter die Haut geht und dem eindringliche Landschaftsbeschreibungen ebenbürtig zur Seite stehen.

Dem Autor gelingt es dabei, die häufig verwendete Metapher des Flusses so glaubhaft und selbstverständlich in die Geschichte einzubeziehen, als hätte er sie zum ersten Mal benutzt. Sogar die Fischzeichnungen in dem Buch sind kein skurriler Zierrat oder gar Seitenschinderei, sondern runden ab und machen liebenswert.

Für ein so gelungenes Buch vergebe ich mit Freude fünf Sterne.

Eine unbedingte Leseempfehlung!


Das Papierhaus: Erzählung
Das Papierhaus: Erzählung
von Carlos Maria Dominguez
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eloquente Miniatur für Bücherfreunde., 2. November 2010
Der Ich-Erzähler dieser kurzen Geschichte - Literaturdozent in Cambridge - übernimmt die Vorlesungen seiner kürzlich unerwartet-verstorbenen Kollegin: diese war - auf der Straße lesend, in ein Gedichtband von Emily Dickinson vertieft - überfahren worden!

Kurz darauf erhält er ein Paket, das an die Kollegin adressiert ist. Der Inhalt: ein Buch, mit Sand und Mörtel verklebt. Was hat das zu bedeuten? Er macht sich auf die Suche nach der Geschichte hinter dem Buch. Diese Suche führt ihn nach Südamerika und gleichzeitig in die eigene, abgeschlossene Welt der Buchliebhaber, der manischen Leser und zwanghaften Sammler, der Bücherbesessenen.

Sie bringt ihn auf die Spur des Carlos Brauer, dessen Bibliothek längst nicht nur alle Zimmer seines Hauses sondern sein ganzes Leben überwuchert hat. Als ein Feuer - die fürchterlichste Heimsuchung des Büchersammlers - seinen Buchkatalog vernichtet, schlägt die Besessenheit um in Wahnsinn. Brauer bricht alle Zelte ab und zieht an einen einsamen Atlantikstrand: in ein Papierhaus, "gemauert" aus seinen Büchern! Doch die Stimmen seiner eingemauerten Bücher lassen ihn nicht los, er muss ein bestimmtes Buch wiederfinden (jenes, das dann zum Erzähler gelangt ist).

Domínguez beschreibt die Welt der Bibliophilen, zu denen sicher auch der Rezensent und wahrscheinlich die Leser dieser Rezension zählen, liebevoll und empathisch. Er erzählt von der Leidenschaft des Sich-entführen-lassens in Kunstwelten aus Buchstaben, von der Bewunderung und dem Respekt vor der Phantasie und der Arbeit, die für das Schreiben eines Buches notwendig sind, die einen dazu bringen Bücher zu sammeln und zu hegen, sie nicht mehr wegzugeben oder gar zu zerstören. Er unterschlägt dabei nicht, dass auch Besitzerstolz und Selbstdarstellung Elemente dieser Lese- und Sammelleidenschaft sind, die einige Menschen zehntausende Bände zusammentragen und für alle sichtbar in Regale stellen lässt. (Ich frage mich, wie dies in wenigen Jahren aussehen wird: Zeigt ein stolzer Büchersammler dann auf eine Festplatte, mit der lässigen Bemerkung: "Ich habe 830 Terabyte Literatur da drauf und im Arbeitszimmer noch zwei solche Platten!"?)

All` dies gelingt dem Autor so stilsicher und eloquent, dass es fraglos auch eine bedeutend längere Geschichte getragen hätte. In der kurzen Form des "Papierhauses" fehlt mir persönlich zur vollen Begeisterung ein erzählerischer Höhepunkt, der einen beim Lesen kurz verharren lässt und in Erinnerung bleibt. Ohne einen solchen "narrativen Haken" gleitet man etwas zu schnell durch diese kurze Geschichte, als dass sie sich fest im Lesegedächtnis verankern würde.

Daher vier Sterne und eine Lese- bzw. Geschenkempfehlung für ausgewiesene Bücherfreunde.


Buick Rivera: Roman
Buick Rivera: Roman
von Miljenko Jergovic
  Taschenbuch

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Leider im Straßengraben gelandet!, 27. Oktober 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Buick Rivera: Roman (Taschenbuch)
Hasan Hujdur, moslemischer Bosnier, lebt seit zwanzig Jahren in den USA. Er ist den - damals noch nicht offen ausgebrochenen - Feindseligkeiten zwischen den Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien entflohen und hat sich ein selbstbestimmtes Leben als Regisseur in den USA erhofft. Durch seinen festen Grundsatz, in seiner Arbeit keinerlei Kompromisse einzugehen oder Einschränkungen seiner künstlerischen Freiheit zu dulden, ist der ökonomische Erfolg seiner Projekte allerdings ausgeblieben.

Seine einzige wirkliche Bindung an die USA äußert sich in der Hingabe an sein Auto, einen 1963er Buick Rivera, dem er seine gesamte Zeit widmet. Er nennt ihn nicht einfach "meinen Buick" oder gar "Auto", sondern stets "korrekt mit Vor- und Zunamen": Buick Rivera.

Die Ehe mit seiner deutschen Frau ist nicht zuletzt deshalb zerrüttet: Sie fühlt sich gezwungen, den Lebensunterhalt für sich und ihren anscheinend erfolgsunwilligen Mann mit kleinen Engagements als Schauspielerin zu verdienen. Diese Verbitterung lässt sie ihn regelmäßig spüren. Hauptangriffspunkt ist dabei sein geliebter Buick, den sie als kostspieligen Schrotthaufen bezeichnet und Hasans Bindung an dieses Auto als Ausdruck seiner Egozentrik und mangelnder Liebe zu ihr ansieht.

Als Hasan eines Tages seine Frau von einer der schlechtbezahlten Spätvorstellungen abholen will, landet Buick Rivera in Eis und Schnee im Straßengraben. Ein Mann hält an, um Hasan zu helfen.

Dieser Mann ist Vuko Salipur, ein Serbe, der sich im Krieg gegen Kroaten und Moslems aktiv an Kriegsverbrechen beteiligt hat. Ein gewisser persönlicher Charme, Glück und Gerissenheit haben ihn jedoch vor Verhaftung und Anklage bewahrt und ihm zur Ausreise in die USA verholfen.

Allerdings stehen ihm häufig seine Impulsivität und Brutalität im Wege, die gerade dafür verantwortlich sind, dass er mit gestohlenen Geld und gestohlenem Auto vor seiner wohlhabenden amerikanischen Frau flieht.

Zuerst scheint, insbesondere auf Seiten Vukos, die Freude über die Begegnung mit einem Landsmann zu überwiegen.

Die Gemeinsamkeiten der Herkunft werden aber schnell überlagert durch die gegenseitige Abneigung der beiden Männer: sie spüren, wären sie sich im Krieg begegnet, hätten sie sich vermutlich als Todfeinde gegenüber gestanden. Hier in den USA äußert sich diese Haltung in sich steigernden gegenseitigen Provokationen, die die Handlung vorantreiben. Kommt es zum Show-down?

Das alles wird durch einen auktorialen Erzähler vorgetragen, der es leider nicht bei der Präsentation der Geschichte belässt, sondern - wie so häufig bei dieser Erzählperspektive - regelmäßig abschweift und scheinbar-allgemeingültige Wahrheiten verkündet (Männer "erzählen sich in fünfzig Jahren Freundschaft nicht so viel wie zwei Freundinnen während einer gemeinsamen Busfahrt durch die Stadt.")

Wer diesen Stil schätzt, sollte unbedingt "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Roman." lesen!

Ich vermag dieser allzu leicht ins Belehrende oder Geschwätzige abgleitenden Erzählperspektive meist wenig abzugewinnen.

Unabhängig von diesem subjektiven Vorbehalt kann die Geschichte anfangs aus dem Antagonismus der beiden Hauptcharaktere durchaus Spannung schöpfen, die zum Weiterlesen motiviert.

Dann aber treten große und kleinere Ärgernisse auf, die mir letztendlich die Lektüre dieses Romans vergällt haben:

Was aus meiner Sicht völlig unnötig und deplatziert ist: Hasans bayerische Ehefrau muss tatsächlich Angela "Geli" Raubal heißen; sogar der Kosename genau wie bei Hitlers Nichte, die sich 1931 selbst getötet hat! Was soll das? Reiner Zufall, weil Raubal ja ein so typischer deutscher Name ist? Ein mal-sehen-ob's-jemand-merkt Scherz? Mein Humorzentrum trifft es jedenfalls nicht. Für die Geschichte ist diese Namenswahl völlig unnötig.

Der Hauptkritikpunkt, der in meinen Augen endgültig den dritten Stern kostet, ist jedoch das unerwartet abrupte Ende der Geschichte: Auf wenigen Seiten und ausschließlich durch den Erzähler vermittelt erleben wir hier eine unwahrscheinliche, fast märchenhafte Wendung ("die Bösen werden gut"), die durch den paranoiden Ausnahmezustand der amerikanischen Gesellschaft nach dem Angriff auf das World Trade Center begründet und glaubwürdig gemacht werden soll.

Bis kurz vor diesem Ende hätte sich die Geschichte grundsätzlich zu jeder Zeit nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien ereignen können. Das Ende jedoch ist ohne "9/11" nicht denkbar (falls man es überhaupt für denkbar hält!). Der Bezug auf diesen Terrorangriff ist in meinen Augen künstlich und durch die Geschichte nicht motiviert. Es wirkt daher auf mich in seiner Zeitgeistbeflissenheit - ich muss es so sagen - billig.

Dazu kommen noch Kleinigkeiten: So hat es z. B. sogar der ebenso beliebte wie falsche "Looser" irgendwie am Heyne-Lektorat vorbei ins Buch geschafft.

Insgesamt überwiegt damit der negative Anteil die wenigen herausragenden Passagen für mich so unverhältnismäßig, dass ich nicht mehr als zwei Sterne vergeben kann. (Ein Stern vergebe ich nur für komplett verunglückte Geschichten, von denen ich dringend abrate; das wäre hier zu stark!)

So, jetzt muss ich noch schnell was in "Titos Gemüseladen" einkaufen, bei meiner Lieblingsverkäuferin, Herta Haas.


Andernorts
Andernorts
von Doron Rabinovici
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der In-vitro-Messias: so absurd, dass man es sofort glaubt., 21. Oktober 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Andernorts (Gebundene Ausgabe)
[Vorbemerkung: Inhaltsangaben von Büchern sind immer eine Gratwanderung zwischen zu-viel-verraten (Spoiler) und nicht-nachvollziehbar-behaupten. Diese Inhaltsangabe ist mir sehr ausführlich geraten, obwohl ich glaube, den Lesespaß dadurch nicht zu gefährden. Wer aber ganz sicher gehen will, sollte vielleicht erst bei der Wertung (mit +++ gekennzeichnet) einsteigen. Mitternachtsleser]

Ethan Rosen, ein angesehener jüdischer Soziologie-Dozent aus Wien, ist auf dem Rückflug aus seinem Geburtsland Israel, wo er an der Beerdigung seines väterlichen Freundes Dov Zedek teilgenommen hat. Im Flugzeug findet er in einer österreichischen Zeitung einen Nachruf auf Zedek. Er selbst war um einen solchen Nachruf gebeten worden, hatte es aber nicht vermocht, über den verehrten Freund zu schreiben.

Umso gereizter reagiert er nun, als der Autor des Textes - ein Österreicher namens Rudi Klausinger - durchaus kritische Anmerkungen über Zedek macht und insbesondere dessen Einsatz für Gedenkfahrten von Jugendlichen nach Auschwitz in Frage stellt. Als Unterstützung seiner These zitiert Klausinger einen nicht namentlich-genannten Intellektuellen, der in einer hebräischen Zeitung heftig gegen solche Reisen polemisiert hatte.

Wütend verfasst Rosen einen harschen "Gegenartikel", in dem er Klausinger scharf angreift und ihm implizit Antisemitismus unterstellt.

Der so Angegriffene wehrt sich und enthüllt, dass der zitierte Intellektuelle Ethan Rosen ist, der sich also mit seinem aktuellen Artikel selbst widerlegt habe.

Die Enthüllung, dass Rosen erstens seinen eigenen Text nicht erkannt und zweitens mit Vehemenz zwei komplett konträre Standpunkte vertreten hat, macht im Kreis seiner Wissenschaftskollegen und Vorgesetzten einen verheerenden Eindruck und bedroht ernsthaft Rosens sicher geglaubte Berufung zum Professor. Von dieser überraschenden Entwicklung profitiert ein Konkurrent um den Professorentitel, der bisher als chancenlos galt: Rudi Klausinger. War alles eine Falle?

Alle diese Wendungen werden für Ethan Rosen aber schlagartig nebensächlich, als seine Mutter ihm mitteilt, dass sein seit langem nierenkranker Vater Felix Rosen womöglich im Sterben liege. Felix Rosen ist ein Über-Vater, aus dessen Schatten man sich nur schwer befreien kann: Ein Holocaust-Überlebender, der als harter aber nie skrupelloser Unternehmer ebenso erfolgreich war, wie als Pionier im aufstrebenden neuen Staat Israel. Ein Mann, den auch seine Feinde und Neider respektieren und dem es mühelos gelingt, Menschen für sich einzunehmen.

Sofort eilt Ethan nach Tel Aviv und findet dort seinen Vater in schlechtem Zustand im Krankenhaus vor - ohne eine Spenderniere ist die Prognose für Felix Rosen äußerst ungünstig. Der Schock potenziert sich, als ebenda auch Klausinger erscheint - und vom Vater als sein unehelicher Sohn vorgestellt wird! Der eben noch völlige Unbekannte ist plötzlich nicht nur Konkurrent in Wien, sondern Ethans Halbbruder!

Auf dem Höhepunkt dieser Verwicklungen betritt der orthodoxe Rabbiner Berkowitsch die Szenerie. Dieser ist davon überzeugt, dass in den neunzehnhundertvierziger Jahren der Messias geboren werden sollte. Dies sei aber nicht geschehen, da vor dessen Geburt seine bereits schwangere Mutter von den Nazis getötet wurde! Ethan Rosen und Rudi Klausinger seien aufgrund seiner - Berkowitsch` - Nachforschungen Träger des Erbgutes dieser Frau: Er wolle daraus mit Hilfe der Gentechnik den im Mutterleib getöteten Messias neu erschaffen!

Rosen will den - in seinen Augen verrückten - Rabbiner für seine Zwecke einspannen: erstens soll dieser seinen Einfluss nutzen, um für Felix Rosen eine Spenderniere zu beschaffen. Zweitens soll durch die Gentests eindeutig geklärt werden, ob Rudi Klausinger tatsächlich ein Sohn von Felix Rosen ist.

Doch alles kommt ganz anders...

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Rabonovici hat - wie die überlange und dennoch unvollständige Inhaltsangabe zeigt -einen wirklich komplexen Roman verfasst. Dass dieser trotzdem auf mich nicht überfrachtet gewirkt hat, ist der speziellen Erzählweise des Autors geschuldet: Ihm gelingt es, ernsthaften und schweren Themen wie Heimat, Familie, Identität, Religion, ja sogar der Shoa die Strenge zu nehmen, sie gleichsam augenzwinkernd zu behandeln, ohne dass es ins Alberne oder Lächerliche umschlägt. Hier schreibt offenbar jemand, der die Menschen gut genug kennt, um ihnen alles zuzutrauen ohne aber dabei seinen Sinn für Humor zu verlieren.

Den zentralen Teil des Romans finde ich ebenso mutig wie gelungen: Die Idee mit dem Rabbiner, der den im Mutterleib getöteten Messias mittels Gentechnik wiederbeleben will, klingt zuerst vollkommen absurd und birgt die Gefahr, in der schriftstellerischen Umsetzung komplett zu verunglücken und damit den Roman zu ruinieren. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Rabinovici bettet diesen komplexen Erzählstrang in meinen Augen so glaubwürdig und überzeugend in die Geschichte ein, dass ich nicht verwundert wäre, eine solche Geschichte wohlrecherchiert in einem realen Nachrichtenmagazin zu lesen.

Dass dennoch in meiner Wertung ein Stern freibleibt, liegt daran, dass ich an einigen Stellen im Roman der Meinung war, dass hier - insbesondere stilistisch - noch Entwicklungspotential unausgeschöpft bleibt. Ich will versuchen, dies kurz zu begründen:

- Lange Textstellen innerhalb des Romans haben eine Tonbandaufnahme zum Inhalt, die Dov Zedek kurz vor seinem Tode - wie wir erfahren: heimlich, mit seiner ahnungslosen Ehefrau im Nebenzimmer - für Ethan aufgenommen hat. Trotz der Heimlichkeit ist es Zedek gelungen, jeden Abschnitt mit den Worten "Für mich muss kein Kaddisch gesprochen werden." beginnen u n d enden zu lassen. Sehr gut komponiert für eine unter diesen Umständen entstandene Aufnahme. Auf mich wirkt es allerdings eher unglaubwürdig und effekthascherisch.

- Unglücklich finde ich die Angewohnheit des Autors, wichtige Textstellen dadurch zu unterstreichen, dass er sinngemäß schreibt: "Dieser Augenblick wird ihm/ihr auch noch nach vielen Jahren unvergessen bleiben". Dies durchbricht - unnötigerweise! - die personale Erzählperspektive indem der Autor plötzlich und für diesen Moment die Gedanken des Charakters lesen kann. Auch wenn diese Mischung aus personaler und auktorialer Perspektive bei vielen Autoren vorkommt, fände ich es konsequenter und wirkungsvoller, diese Bedeutung durch die die Handlung bzw. die Reaktion des Charakters zu betonen, als sie durch die Erzählstimme zu verkünden.

- Einige Bilder und Beschreibungen schienen mir nicht stimmig: So handelt eine Textstelle davon, dass Ethans Mutter sich in den Anblick einer alten, unbeschwerten Schwarzweißsendung im Fernsehen flüchtet. Diese soll mit der Beschreibung von Männern "in blumigen Hemden" und Frauen in "bunten Röcken" erzeugt werden (geb. Ausgabe, S. 206). Für mich sind solche Adjektive kontraproduktiv, um eine Schwarzweiß-Atmosphäre zu erzeugen.

- Ethans Freundin Noa bleibt ein recht eindimensionaler Charakter, der kaum eigenes Profil entwickelt: Ihre Zuneigung zu Ethan ist unklar, zumal sie auch gleichermaßen von Rudi angezogen ist und sich ebenso gleichzeitig Ethans Eltern völlig verbunden fühlt, auch wenn diese drei Personen komplett konträre Interessen haben. Sie ist einfach irgendwie immer da.

In solchen kleinen Details fand ich z.B. die von mir besprochenen Romane von Per Petterson ("Im Kielwasser", "Pferde stehlen") und Hans-Ulrich Treichel (" Grunewaldsee: Roman") (s.u.) formal noch etwas ausgereifter.

Man möge mir diese Pedanterie (vielleicht fällt Ihnen ja sogar ein noch unfreundlicheres Wort ein!) nachsehen: Dies geht mir vor allem dann so, wenn ich das Buch ansonsten außerordentlich gut fand; über ein mittelmäßiges Werk macht man sich nicht solche Gedanken.

Ich möchte die vier Sterne deshalb hier nicht als Abwertung verstanden wissen, sondern als Würdigung eines überdurchschnittlichen Romans und gleichzeitig als eine Art Aperitif für Rabinovicis nächsten Roman, den es hoffentlich geben wird.


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