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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)

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China: Zwischen Tradition und Herausforderung
China: Zwischen Tradition und Herausforderung
von Henry A. Kissinger
  Gebundene Ausgabe

18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Eine ermüdende, einseitig machtpolitisch fokussierte Analyse über 50 Jahre US-chinesische Diplomatie, 20. August 2011
"Etikettenschwindel" ist der erste Begriff, der mir zu Henry Kissingers "China - Zwischen Tradition und Herausforderung" einfällt. Entgegen des Verlagstextes ist dieses Werk nicht primär der Darstellung des chinesischen Weges und seiner zukünftigen Herausforderungen gewidmet (Letztere werden kaum erwähnt), stattdessen schildert Kissinger 540 Seiten lang die Grundzüge der US-chinesischen Diplomatie im 20. Jahrhundert.

Dass ein Schwerpunkt dabei auf den von Kissinger geprägten Gesprächen in den 70er Jahren liegt, ist verständlich. Diesem Hauptteil seines Werkes stellt Kissinger eine sehr knappe Abhandlung wesentlicher historischer Zäsuren voran, wobei er z.B. die Gesamtheit des japanisch-chinesischen Krieges und der innerchinesischen Bürgerkriege in wenig mehr als einer halben Seite abhandelt und Maos großen Marsch gar nicht erwähnt. Dieses Hintergrundwissen hält Kissinger entweder für verzichtbar oder setzt es bei seinen Lesern voraus.

Kissigers "China" richtet sich an einen Leserkreis, der sich für die Details internationaler Diplomatie interessiert und anhand der amerikanisch-chinesischen Diplomatie ein Musterbeispiel für jahrzehntelanges Balancieren zwischen offener Konfrontation, vorsichtiger Annäherung und heimlicher Kooperation nachzuvollziehen vermag. Zwar bin ich durchaus Politik begeistert, selbst für mich waren die detaillierten Darstellungen der verschiedenen Gipfeltreffen jedoch ermüdend.

Kissinger verwendet den Großteil der 540 Seiten darauf, die Handlungsweisen der chinesischen Staatsführung in den letzten 60 Jahren zu erläutern, häufig mit Rückgriffen auf die kulturellen Traditionen im Reich der Mitte. Dies ist zwar durchaus erhellend, zugleich fällt aber auf, dass die nicht-regierungskonforme Sichtweise zu den Geschehnissen für Kissinger keine Rolle zu spielen scheint. Weder Dissidenten noch Studenten, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens für ein anderes China eingetreten waren, kommen zu Wort. Sollte Kissinger sich in den inzwischen fast 40 Jahren seiner China-Diplomatie tatsächlich so einseitig nur auf Kontakte mit Regierungsstellen konzentriert haben? Und was ist eigentlich mit Tibet und dem Dalai Lama? Folgt man Kissinger, so ist die Besetzung Tibets eine aus der Historie ableitbare, rechtmäßige Entscheidung der chinesischen Führung gewesen. Die staatlich gelenkte Sinisierung Tibets, die an eine kulturelle Auslöschungspolitik der tibetischen Traditionen grenzt, scheint für Kissinger irrelevant zu sein. Es nährt sich mir der Verdacht, dass Kissinger seine exklusiven persönlichen Kontakte zur chinesischen Staatsführung nicht gefährden will und deshalb kritische Themen - wie z.B. Tibet - nicht thematisieren kann oder will.

Ebenso enttäuschend aus meiner Sicht, dass Kissinger den Blick nicht nach vorne wendet: Wie wird sich der zunehmende Widerspruch zwischen wirtschaftlicher und technischer Modernisierung bei gleichzeitigem Verharren in politischer Rückständigkeit im Alltag bewahren lassen? Wird die nach China zurückflutende, in den USA ausgebildete neue Führungselite auf Dauer mit Wohlstand auf Kosten individueller Freiheit ruhigzustellen sein? Wird die schon jetzt klaffende Schere zwischen lokalem Reichtum in den Sonderwirtschaftszonen und bitterer Armut in den Weiten des Hinterlandes auf Dauer auszuhalten sein? Werden die immer wieder aufflammenden nationalistischen Aufstände in den innerasiatischen Regionen Chinas an Vehemenz zunehmen und von Peking mit militärischen Mitteln beherrschbar bleiben?

Für Kissinger spielen diese Fragen offensichtlich eine nur untergeordnete Rolle in seinen macht- und wirtschaftspolitischen Betrachtungen, wobei er ausschließlich amerikanische Interessen als Leitmaß seiner Bewertungen und Empfehlungen heranzieht.

Und so stehen Kissingers freiheitliche Maximen, die er in der ersten Hälfte des Buches zum Ausdruck bringt, in eklatantem Widerspruch zu dem, was er im späteren Teil als chinesische Realität akzeptiert: "Fast alle Reiche entstanden durch Gewalt, aber keines kann durch Gewalt erhalten werden. Eine universale Herrschaft muß, wenn sie dauerhaft sein soll, Zwang letztlich in Pflicht übersetzen. Wenn dieses nicht gelingt, wird der Herrscher seine Energie an die Sicherung der Macht verschwenden und keine mehr für die Gestaltung der Zukunft übrig haben. (...) Reiche haben Bestand, wenn Repression durch Konsens ersetzt wird." (S26). Ist auch dieses ein Abbild Kissingers Diplomatie? Eine Wahrheit versteckt an anderer Stelle auszusprechen ohne den offensichtlichen Bezug zum Ist-Zustand herzustellen? Wenn dem so ist, muss der Leser "China" sehr aufmerksam lesen, um Kissingers tatsächliche Einschätzung hinter diplomatischen Nebelkerzen aufzuspüren.

Eine aktive Menschenrechtspolitik des Westens gegenüber China lehnt Kissinger dennoch rigoros ab: "Angesichts amerikanischer Supermacht, chinesischer Dynamik, einer globalisierten Welt und der allmählichen Verschiebung der Schwerpunkte der Weltpolitik vom Atlantik zum Pazifik war ein friedliches und kooperatives Verhältnis zwingend notwendig." (S493) Und: "Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass der Versuch, die Menschenrechte durch Konfrontation durchzusetzen, in der Regel kontraproduktiv ist. Dies gilt ganz besonders für ein Land mit dem historischen Selbstbild Chinas." (S539)

Und so bleibt unter dem Strich wenig auf der Habenliste dieses Werkes zu subsumieren: Einige erinnerungswürdige Zitate (Mao: "Ich habe nur drei Aufgaben: essen, schlafen und scheißen"), zitierfähige Ausführungen Kissingers zu Leadership ("Führungspersönlichkeiten können sich das Umfeld nicht aussuchen, in dem sie operieren. Ihr eigener Beitrag besteht darin, die Grenzen der jeweiligen Situation voll auszuschreiten." S237) und die These, dass Außenpolitik Kontinuität über Parteibücher hinaus erfordert ("Aber als frisch gewählter Präsident legte er [Clinton] mehr Wert auf sein Ansehen in der öffentlichen Meinung in den USA als auf die subtilen Grundzüge der US-Außenpolitik gegenüber China." S483).
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 12, 2012 5:47 PM MEST


Handel der Gefühle. Das Havanna-Quartett: Frühling (Unionsverlag Taschenbücher)
Handel der Gefühle. Das Havanna-Quartett: Frühling (Unionsverlag Taschenbücher)
von Leonardo Padura
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Teniente Mario Conde zum Zweiten - Nein, das Leben ist kein Freudenfest, schon gar nicht als Kommissar in Havanna, 18. August 2011
"Nach so vielen Jahren bei der Kripo betrachtete Mario alle Menschen als potentielle Fälle, in deren Leben und Not er irgendwann wie ein Aasgeier würde herumwühlen müssen, um tonnenweise Hass, Angst, Neid und überkochende Unzufriedenheit zu Tage zu fördern. Keiner von denen, die er bei seinen Ermittlungen kennen lernte, war glücklich,. Dieses Fehlen von Glück, das auch sein eigenes Leben betraf, empfand er schon seit längerem als eine zu harte Strafe, und so reifte der Gedanke daran den Dienst zu quitieren."

Aber erst gilt es noch den Mord an der jungen Lehrerin desjenigen Gymnasiums aufzuklären, auf dem Mario die drei besten Jahre seines eigenen Lebens verbracht hatte. Und so werden die Tage der Mordermittlungen für Mario eine unfreiwillige Reise in die eigene Vergangenheit, in die Zeit, als er noch glücklich und unbeschwert in die Zukunft blicken konnte.

Wie schon in "Ein perfektes Leben", dem ersten Band von Leonardo Paduras Havanna-Quartett, steht die kubanische Hauptstadt mindestens genauso wie Mario Conde im Rampenlicht der Erzählung. "Warum wurde ich in diese Stadt hineingeboren, ausgerechnet in diese riesige, stolze Stadt? Ich versuche, das Schicksal zu ergründen, das ich mir nicht ausgesucht habe, und gleichzeitig versuche ich, Havanna zu ergründen. Doch die Stadt entzieht sich mir."

Havanna im Jahr 1989, im Jahr der Zeitenwende in weiten Teilen der Welt. Während anderswo neue Hoffnung keimt, versinkt Havanna in der lähmenden Agonie der Castro-Realität. Und Mario Conde verwandelt sich mit jedem Tag seines (Berufs)-Alltages mehr in einen hoffnungslosen Zyniker. "Das hübsche Mädchen verwandelt sich in eine traurige kleine Hure, der aufbrausende Mann in einen potentiellen Mörder, der dreiste Junge in einen unheilbaren Drogensüchtigen, der Alte an der Ecke in einen Dieb im Ruhestand. Alles verfinstert sich mit der Zeit, wie die Stadt, durch die ich gehe, zwischen dreckigen Hauseingängen, stinkenden Abfallhaufen, abblätternden Häuserwänden, überlaufenden Kloaken ..."

Leonardo Padura hat mit El Conde eine herrlich kaputte, versoffene, melancholisch bis depressive Romanfigur erschaffen, die sich irgendwie durchs Leben schleppt, am Ende das Richtige tut, sich an kurzen Momenten des Glücks erfreut und doch in seinem tiefsten Inneren immer weiß, dass diese nicht andauern werden. "Ich bin müde mit meinen fünfunddreißig Jahren und weiß nicht, was ich tun soll und was ich will, verdammt noch mal! Ich bemühe mich, alles gut zu machen, und dann reite ich mich immer wieder in die Scheiße. (...) Ich trage das Zeichen der Schnecke. Vor mir sieht alles schön aus, aber hinter mir lass ich eine schmutzige Schleimspur zurück."

"Handel der Gefühle" ist weit mehr als ein Kriminalroman. Mario Conde ist schon jetzt - nach der Hälfte des Havanna-Quartetts - mehr als nur ein weiterer Serien-Kommissar. Der dritte Teil des Havanna-Quartetts "Labyrinth der Masken" ist schon gekauft ...


Ein perfektes Leben. Das Havanna-Quartett: Winter (metro)
Ein perfektes Leben. Das Havanna-Quartett: Winter (metro)
von Leonardo Padura
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Havanna im Jahr 1989 - Ein Gesellschaftskrimi im Stile Donna Leons, 14. August 2011
Leonardo Padura ist mir, und vermutlich vielen anderen Lesern, erst kürzlich durch seinen monumentalen Trotzki-Roman "Der Mann, der Hunde liebte" bekannt geworden. Seine anderen sechs bisher ins Deutsche übersetzten Romane drehen sich hingegen alle um den kubanischen Kommissar Mario Conde.

Teniente Mario Conde könnte der kleine, weniger glamouröse Bruder von Donna Leons Kommissar Brunetti sein. Conde lebt und arbeitet in Kubas Hauptstadt Havanna, einer Stadt, um die sich genauso viele romantische Vorstellungen ranken wie um Venedig, einer Stadt, deren Realität allerdings noch weniger mit dieser Illusion übereinstimmt. Und so ist auch El Conde weniger vom Glück verfolgt als sein italienischer Berufsgenosse: Seine Melancholie grenzt schon an eine drohende Depression, seine Liebe zum Rum führt zum regelmäßigen bösen Erwachen am nächsten Morgen und sein Leben jenseits des Berufs schwankt bedrohlich zwischen dem Suhlen in den Erinnerungen an die noch glückliche Jugend und dem kurzzeitigen Aufflammen verbliebener Hoffnungsfunken auf eine Wendung zum Besseren.

"Die Einsamkeit, dachte er, ist keine unheilbare Krankheit. Eines Tages vielleicht würde er seine alten Illusionen wieder haben, in einem Haus in Cojimar wohnen, wie Hemingway, direkt an der Küste, in einem Holzhaus mit roten Dachziegeln und einem Zimmer zum Schreiben. Dann würde er sich nicht mehr mit Mördern und Dieben, mit Tätern und Opfern herumschlagen müssen ..."

Da es Mario Conde in "Ein perfektes Leben", dem ersten Teil von Leonardo Paduras Havanna Quartett, nicht beschieden ist, seinen Traum von der Zukunft als Schriftsteller zu verwirklichen, muss er sich doch wieder den Mördern zuwenden. Dabei ist gar nicht klar, ob es überhaupt einen Mord zu untersuchen gibt. Mario Condes Auftrag ist es, den Vorzeigefunktionär Rafael Morin aufzuspüren, der seit der Neujahrsfeier 1989 nicht mehr gesehen worden ist. Welche dunklen Wahrheiten verbergen sich hinter Morins strahlend weißer Weste? Für Mario Conde wird die Suche nach Morin eine Reise in die eigene Vergangenheit, war Morin doch schon zu Marios eigenen Schulzeiten der Musterschüler des Gymnasiums und heiratete wenig später Marios heimliche Liebe.

"Ein perfektes Leben" ist zwar vordergründig ein Kriminalroman, tatsächlich aber ein Gesellschaftsroman mit kriminalistischer Rahmenhandlung, auch hierin vergleichbar mit Donna Leons Brunetti-Serie. Im Vordergrund stehen keine wilden Verfolgungsjagden, Schießereien oder verworrene Mordkomplotte, sondern einzig und allein Teniente Mario Conde in seinem täglichen Streben das Leben im Havanna des Winters 1989 irgendwie zu meistern. So erfährt der Leser viel über Condes Jugend, über seinen eigenen Lebensweg und den seiner Schulfreunde und nicht zuletzt über die kubanische Realität im Jahr der weltpolitischen Zeitenwende. "Ein perfektes Leben" ist ein Roman, der sich nicht unbedingt an das klassische Krimipublikum richtet, daher aber umso lesenswerter ist.


Die Ängstlichen: Roman
Die Ängstlichen: Roman
von Peter Henning
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Abschied aus der Ankergasse, 7. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Ängstlichen: Roman (Taschenbuch)
"Der Mensch durchschreitet die Gegenwart mit verbundenen Augen und kann allenfalls erraten, was er gerade erlebt. Erst später wird ihm die Binde abgenommen. Und wenn er dann auf die Vergangenheit zurückblickt, stellt er fest, welche Bedeutung das Erlebte hatte. Erst dann." (S. 379) Dass die Jansens in der Vergangenheit nicht ausnahmslos glückliche Entscheidungen getroffen haben, ist niemandem klarer als den Familienmitgliedern selbst, die nun mit den Folgen ihrer Entscheidungen Tag für Tag (über)leben müssen. Deshalb will sich Familienpatriarchin Johanna in ihre vorerst letzte wichtige Entscheidung von niemandem reinreden lassen. Zur Verkündung lädt sie ihre Kinder und Enkel ein letztes Mal zu sich nach Hause in die Ankergasse ein. Wie der gerade über Hessen hinweggezogene Jahrhundertsturm, beginnt das sich abzeichnende familiäre Tiefdruckzentrum eine Schneise der Verwüstung durch den Alltag von Johannas Familie zu schlagen.

Den beiden zentralen Elementen seines Romans, seiner Heimatstadt Hanau und der trauten Familienidylle, scheint Henning äußerst skeptisch gegenüberzustehen. "Die Brüder-Grimm-Stadt drohte vielmehr an ihrer selbstgemachten Spießbürgerlichkeit genauso langsam und qualvoll zu ersticken wie die beiden Stechpalmen auf dem Fensterbrett der in die Jahre gekommenen Vorzimmerdame des Bürgermeisters ..." (S 48) Hennings "Die Ängstlichen" ist kein Roman für Freunde rosaroter Am-Ende-wird-alles-immer-gut-sein-Romane. Bei Henning geht es um Altagsängste, um enttäuschte Hoffnungen und Verzweifelung, um das Weiterleben, nachdem die Abwärtsspirale sich schon längst in Gang gesetzt hat.

Auf dem Umschlag vergleicht Elke Heidenreich die Erzählkunst Peter Hennings mit der von Jonathan Franzen, dabei übertrifft "Die Ängstlichen" z.B. Franzens neuestes Werk "Freiheit" um Längen. Im Unterschied zu Franzen, ist es bei Henning längst nicht so einfach "die Guten" im Romangeschehen zu identifizieren. Zusätzlich zu seiner - zugegeben sehr zugespitzten - Gesellschaftskritik vermag es Henning dem Geschehen einen Spannungsbogen zu geben und somit die knapp 500 Seiten des Romans nicht nur auf ein spektakuläres, sondern auch zugleich überraschendes Ende hinzuführen. Wobei Henning - wie schon erwähnt - kein Freund des Happy End zu sein scheint.

Insgesamt ein kurzweiliger, rasanter, auch sprachlich gelungener Roman. Keine Einwände - 5 Sterne.


Der Aufenthalt: Roman
Der Aufenthalt: Roman
von Hermann Kant
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Mark Niebuhr ist kein Mörder" oder vielleicht doch... Muß Schuld immer individuell begründet sein?, 6. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Aufenthalt: Roman (Taschenbuch)
Mark Niebuhr, 18jähriger Buchdrucker aus dem beschaulichen Dittmarschen, wird in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges zur Wehrmacht eingezogen und gerät bereits wenige Wochen später in Polen in Kriegsgefangenschaft. Zunächst läßt er mit jugendlicher Naivität das Geschehen über sich ergehen, wird mal von polnischen Bewachern vor Übergriffen durch sowjetische Soldaten bewahrt, dann wieder von den Sowjets vor polnischen Zivilisten beschützt. Monat für Monat gehen vorüber, Zwangsarbeit wechselt sich mit Einzel- dann wieder Gruppenhaft ab. Erste Risse bekommt Marks Weltbild als er sich in einem russischen Lager in die (jüdisch-stämmige) Bataillons-Ärztin verguckt. Ist das der Feind, der Untermensch, vor dem er sich Jahre lang in Acht nehmen sollte?

Kant schildert die langsam fortschreitende geistige Reifung Mark Niebuhrs in den Monaten der Gefangenschaft. Zunächst stellt sich Mark nur Fragen zum Wesen der Gefangenschaft und dem Wert der Freiheit. "Gefangenschaft ist Leben, von dem die Freiheit abgezogen ist. (...) Man hat nichts (...). Man hat Hemd und Hose auf dem Leib, und sonst hat man nichts. (...) So fängt man an hinterm Zaun, so bleibt man lange." (S101-102) Die allgegenwärtige Unschuldsbehauptung im Gefangenenlager wird Mark schnell bewußt. "Sehr vereinfacht gesagt, waren wir alle bemüht, so zu tun, als hätte es uns aus einem friedlichen und anständigen Leben direkt hinter diesen Zaun verschlagen. (...) Vielleicht war das nötig, vielleicht mußten wir uns wie die beleidigte Unschuld fühlen, um das Lager ertragen zu können, vielleicht hätten uns schon ein paar Fasern Schuldbewußtsein den Rücken gebrochen." (S124-125)

Dass er von seinen Kerkermeistern wie ein furchtbarer Mörder behandelt wird, setzt Mark zu. "Wußten die nicht, dass ich mich vorm Friedhof fürchtete und dass ich im Kino zweimal die Augen zukniff: wenn der Henker sein Beil hob und wenn sie sich küßten? Wußten die nichts von meiner Blutscheu und meiner Gesetzesfurcht?" (S253)

Doch langsam wankt auch Marks Überzeugung der eigenen Unschuld. Er erfährt aus den Erzählungen seiner Mitgefangenen von dem, was in Polen während des Krieges in deutschem Namen geschehen war. "Es hat Befehle gegeben und Gehorsam; meine Lage kam von den Befehlen her und vom Gehorsam." (S274) Ein Zirkelkasten in einer Warschauer Ruine erinnert ihn erstmals daran, dass es nicht nur das eigene Schicksal zu betrauern gibt. "Es ist schon öfter ein Flackern in mir gewesen, ein Flackern, aus dem eine Frage werden wollte, Flackern zu einem Zweifel hin, ob es denn richtig sei, mich gänzlich mit dem Jammer über mich selbst auszufüllen." (S285)

"Der Aufenthalt" enthält ohne Zweifel autobiographische Züge, da auch Kant als junger Mann noch in den Krieg ziehen mußte, um dann über ein Jahr in polnischer Kriegsgefangenschaft zuzubringen. Das eigentliche Thema ist das Verhältnis individueller Schuld zur übergreifenden Schuld als Teil einer Gruppe. Gilt für Mark Niebuhr der von Bundeskanzler Helmut Kohl geprägte Begriff der "Gnade der späten Geburt"? Zu jung, um selber noch schuldig zu werden und doch als Deutscher von der Kollektivschuld betroffen? "Etwas früher, und es hätte sein können. Etwas früher, und ich hätte auch eingereist sein können, um Warschau niederzumachen. Es war eine Sache von Geburtsdaten und Mobilisierungsplänen. Ich war nicht früh genug geboren worden, um nach Warschau zu kommen." (S272)

Kant ist eine sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Schattierungen individueller Schuld gelungen im Rahmen eines auch sprachlich sehr gelungenen Romans. Vielleicht steht "Der Aufenthalt" zu unrecht im Schatten von Kants bekanntesten Roman "Die Aula". Ich würde mir allerdings wünschen, dass Kant mit ähnlicher Klarsicht auch die Frage der eigenen Schuld in den Jahrzehnten der SED Diktatur hinterfragen würde: Seine Funktion als Aushängeschild einer Kulturpolitik, die Andersdenkende zunächst unterdrückte und dann vertrieb. Seine Rolle in einer Gesellschaft der totalen Bespitzelung. Bisher hat Kant für diesen Schritt weder die moralische noch die literarische Kraft aufzubringen vermocht. Aber es ist ja noch Zeit, dass Mark Niebuhr in einem weiteren Roman zurückkehrt auch diesen Entwicklungsschritt meistert.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 22, 2013 3:24 PM MEST


Der Mann, der Hunde liebte
Der Mann, der Hunde liebte
von Leonardo Padura
  Gebundene Ausgabe

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geschichte des Stalinismus in Romanform, 2. August 2011
Drei Menschenleben, die von den Verirrungen des Kommunismus im 20. Jahrhundert gezeichnet worden sind, bilden das Handlungsgerüst für Leonardo Paduras Roman "Der Mann, der Hunde liebte". Iván Cárdenas Maturell, ein von den staatlichen Behörden relegierter kubanischer Schriftsteller, schlägt sich knapp oberhalb der Hungergrenze durch den realsozialistischen kubanischen Alltag, als er Ende der siebziger Jahre an einem einsamen Strand die Bekanntschaft des seltsamen und offensichtlich totkranken Besitzers zweier russischer Windhunde macht. Nach ihrem wiederholten Zusammentreffen beginnt der fremde Hundebesitzer Iván seine Lebensbeichte anzuvertrauen. "Der Mann, der Hunde liebte" ist niemand anderes als Ramón Mercader, der Mann, der 1940 im Auftrag Stalins dessen großen Widersacher Lew Dawidowitsch Trotzki in seinem mexikanischen Exil brutal ermorderte.

Padura zeichnet den Lebensweg Mercaders nach, beginnend im spanischen Bürgerkrieg, sein sowjetrussisches Training und schließlich die Monate, Wochen und Tage vor der Tat, die den Weg des Kommunismus vermeintlich unumkehrbar in Richtung auf Despotismus und Terror festgelegt hat. Parallel verfolgt der Leser Trotzkis Stationen im Exil und seinen Kampf gegen die stalinistische Perversion der eigenen Ideale im Wissen darum, dass Stalins Handlanger bereits seine Ermordung planten. "Die Leibwächter stellten Maschinengewehre auf den Wachtürmen auf (...). Werden all diese Maßnahmen etwas nützen, werden sie die meuchelnde Hand aufhalten können (...)? Obwohl er seit zwölf Jahren auf ihn wartete, gelang es ihm manchmal zu vergessen, dass der Tod, vielleicht in den friedlichsten Stunden der Nacht, jederzeit an seine Tür klopfen konnte. In bester sowjetischer Manier hatte er gelernt, mit dem Gedanken an den Tod zu leben (...)." (S. 494/495)

Als dritte Ebene beschreibt der noch immer in Kuba lebende Padura mit erstaunlicher Offenheit die kubanische Lebensrealität seines alter Egos Iván Maturell, die Unterdrückung jeglicher Freiheitstriebe in den 60er und 70er Jahren, den wirtschaftlichen Verfall seines Landes und die um sich greifende Resignation.

Paduras Roman ist vollgepackt mit historischen Fakten und erfordert eine detaillierte Kenntnis der europäischen Geschichte des 20sten Jahrhunderts. Leider hat der Unionsverlag es versäumt, dem Leser Zusatzinformationen (z.B. einen groben Abriß der wichtigsten Stationen der russischen Revolution und des Lebensweges Trotzkis) zur Unterstützung mit an die Hand zu geben. Sicherlich wären einige Details der geschilderten Vorgänge (z.B. der Fraktionskämpfe innerhalb der kommunistischen Bewegungen) für den Roman verzichtbar gewesen und hätten im Mittelteil die Lesbarkeit erhöht. Paduras Art die typisch russische Verwendung zahlreicher Verniedlichungsformen ein und desselben Vornamens zu übernehmen, führt zu einer weiteren Verkomplexierung des Romanstoffes. Kurz gesagt, "Der Mann, der Hunde liebte" ist kein leichter Romanstoff. Leser mit Stehvermögen werden aber mit einer schonungslosen, weil historisch belegten Abrechnung mit dem Stalinismus belohnt.


Der Augensammler: Psychothriller
Der Augensammler: Psychothriller
von Sebastian Fitzek
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

8 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kann man einen Autor ernst nehmen, der in der Danksagung seine Zahnärztin aufführt?, 31. Juli 2011
Nein, ich bin kein Krimifan, schon gar nicht von sogenannten "Psychothrillern", ich bin Romanleser. Allerdings stimmt es, dass Kriminalromane literarisch nicht zu unterschätzen sind, da es immer wieder Krimiautoren gegeben hat, die sich zu Chronisten ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft aufgeschwungen haben. Sebastian Fitzek gehört allerdings ohne jeden Zweifel nicht zu dieser Kategorie. "Der Augensammler" ist ein spannend geschriebener, allerdings auch maßlos überkonstruierter Psychothriller. Das Buch weist einige logische Brüche auf und bewegt sich auf sprachlich ernüchterndem Niveau.

Fitzek bedient die klassischen Elemente eines Psychothrillers: Ein Romanprotagonist in Person des Journalisten und ehemaligen Polizeipsychologen Alexander Zorbach, der sich nunächst lediglich als Chronist des Geschehens, wenig später dann aber im Zentrum des Horrors wiederfindet. Dass der "Augensammler", ein Psychopath, der Kinder entführt und nach exakt 45 Stunden und 7 Minuten eines Countdowns in ihrem Versteck ertrinken läßt, aus dem Nahumfeld von Zorbach stammen muß, wird schnell klar. Dass es ferner einer blinden Seherin bedarf, die Zorbach auf die Spur der verschleppten Kinder bringt, darf wohl im Genre der Psychothrillers nicht allzu große Verwunderung hervorrufen. Es folgen einige Nebelkerzen, um den Leser von der eigentlich sehr früh offensichtlichen Spur wieder abzubringen, sowie gewisse Spannungshighlights, die trotz der phasenweise abstrusen Storyline das Buch zumindest zu einem Page-Turner machen.

Insgesamt bin ich von der mangelnden Qualität dieses "Spiegel-Bestsellers" geradezu erschüttert. Fitzek bewegt sich sprachlich auf dem Niveau einer Feierabendserie im Privatfernsehen: Sätze haben nicht länger als eine Zeile zu sein, Metaphern stammen aus dem oberbayerischen Holzhammermuseum ("Mein Gehirn glich zunehmend einer Popkorn-Tüte, die man in eine Mikrowelle gestellt hatte" S. 383), die Kapitel sind selten länger als 6 Seiten und besitzen im besten Lindenstraßen-Stil einen Cliffhanger, der dann im Folgekapitel aufgelöst wird. Bedarf es dieser Tricks, um ein Zielpublikum, welches sonst eher selten zu einem Buch greifen würde, doch zum Lesen zu animieren? Mein Bedarf an Psychothrillern ist nun zumindest wieder für einige Jahre gestillt.


Vom Wasser: Roman
Vom Wasser: Roman
von John von Düffel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Sprachlicher Genuß - nicht nur für Freunde des nassen Elements!, 10. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Vom Wasser: Roman (Taschenbuch)
Dieses Buch müßte man sich (oder anderen) eigentlich vom ersten Wort auf Seite 1 bis zum letzten Wort auf Seite 286 laut vorlesen, um der Sprachvirtuosität Düffels nur annähernd gerecht zu werden.

Die schwarzen Wasser des Flußes Olpe diktieren das Schicksal einer Papierfabrikanten-Dynastie, die Düffel über viele Generationen begleitet. Als der Firmengründer eines Nachts (im Suff) in den Fluß fällt und ertrinkt, ist die Sage vom "Harkemann" geboren, der im Fluß lauert und vor dem sich noch die Ur-Ur-Enkel 150 Jahre später in Acht nehmen sollen, wenn die Eltern sie vom gefährlichen Flußufer fernzuhalten versuchen. Die Zeiten sind mal besser, mal schlechter, das Wasser der Olpe fließt aber immer gleichbleibend schwarz an den Papiermühlen der Fabrik vorbei und wird in weißes Papier verwandelt. Doch der Fluß ist mehr als nur Rohstofflieferant der Papierfabrik, er ist Ort des Geschehens für weitere Familienschicksale. Der Enkel des Firmengründers ist begeisterter Angler, ißt aber nie den gefangenen Fisch. Bis auf einmal, als er prompt an einer Fischgrete erstickt.

John von Düffel hat seine Liebe für das nasse Element schon mehrfach zum Thema seiner Bücher gemacht: In "Houwelandt" mißt der Roman-Namensgeber täglich seine schwindenden Kräfte an der Schwimmstrecke zu einer vor der Küste gelegenen Insel. "Schwimmen" widmet sich ausschließlich diesem Sujet und auch in "Vom Wasser" ist das Schwimmen die Passion des erzählenden Ur-Ur-Enkels.

Passend zum Romanmotto "Wir kehren immer zum Wasser zurück" bleibt zu hoffen, dass Düffel seinem Inspirations-Elixier treu bleibt und uns weitere Romane dieser Qualität bieten wird.


Die Schatten der Ideen: Roman
Die Schatten der Ideen: Roman
von Klaus Modick
  Taschenbuch

3 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein historisch dümmlicher Vergleich zu einem verquasten Spionageroman aufgeblasen, 10. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Schatten der Ideen: Roman (Taschenbuch)
"Die Schatten der Ideen" von Klaus Modick werden vom Verlag wie folgt beworben: "Faszination USA - fesselnd und hellsichtig". Das aus meiner Sicht einzig faszinierende an Modicks Roman ist, wie ein derart unausgegorenes Buch den Weg über den Lektorenschreibtisch finden konnte.

Dabei ist die Basisidee des Romans eine durchaus ausbaufähige: Moritz Carlsen nimmt als Writer in Residence eine Gastprofessur an einem College in Vermont an, einem als besonders liberal bekannten Fleckchen Neu-Englands. Durch einen Zufall kommt Carlsen in den Besitz von 10 Heften, in denen Julius Steinberg, ein deutscher jüdischstämmiger Emigrant, der in den 30er Jahren in die USA floh und einige Jahre später an besagtem College Deutsch und Geschichte lehrte, seine Lebensgeschichte niederschrieb. So erfährt Carlsen von Steinbergs Bekanntschaft mit Gewrkschaftlern und einigen deutschen Exilanten (unter ihnen Carl Zuckmayer), von seinen Schwierigkeiten in der neuen Welt Fuß zu fassen. Steinbergs Leben im liberalen Winkel des "Land of the Free" führt Jahre später zunächst vor den McCarthy Ausschuß und wenig später in den Knast. Fasziniert beginnt Carlsen den Geschehnissen von damals nachzurecherchieren.

Bis hierhin hätten "Die Schatten der Ideen" durchaus das Zeug zu einem guten - historisch verwurzelten - Roman besessen. Leider verbindet Modick die Rückblende in die antidemokratische McCarthy-Zeit mit der zeitgenössischen Perspektive der Jahren 2003 und 2004. Er zieht den Vergleich zur Zeit des Bush'schen Irak-Kriegs und die "We support our troops" Stimmung im Lande. Ein recht durchsichtiger, weil politisch motivierter Versuch, Paralleln zu ziehen, wo keine sind. Überhaupt driftet Modick in schlimmsten Lindenstraßenstil ab, wenn er den Leser seitenlang mit den eigenen politischen Meinungen berieselt, die er nur schlecht maskiert, einzelnen seiner Figuren in den Mund legt: "Blair, dachte Carlsen, sollte die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen und bei der nächsten Präsidentenwahl gegen Bush antreten. Dann hätte man hier die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und England wäre desinfiziert." (S314)

Überhaupt ist es die Mitteilungswut des Autors über Nebensächlichkeiten (wie z.B. die Rolle des Übersetzers literarischer Werke, das Leben als Nicht-Muttersprachler im Ausland, die Herausforderungen ein amerikanisches J1-Visum zu erlangen ...), die den Romanfluß zunächst ausbremst und dann komplett zum Erliegen bringt. Zwar ist durchaus anzuerkennen, dass sich Modick zu jedem dieser Themen sachkundig zu äußern vermag, aber muß jeder Wissensfetzen auch tatsächlich in einem Roman zu Papier gebracht werden? Diesem Roman mangelt es an jeglichem Spannungsbogen. Ein Roman, der durch eine völlig unsinnige Spionageebene inklusive Liebesromanze, die Modick dem Geschehen auf den letzten 100 Seiten überstülpt, noch eine passende Krönung findet.

Die inhaltlichen Schwächen setzen sich auf sprachlicher Ebene fort. Modicks Sätze kennen nur eine Richtung, eigentlich sind es durch Kommata verbundene Kurzsätze. "Und alle tranken zuviel, weil das Leben weitergehen mußte, aber ohne Alkohol die Erinnerung an den Tod nicht zu ertragen war, dem sie ins Auge gesehen hatten." Stilistisch grauselig und zuviele belanglose Ausschmückungen. Kurz gesagt, in diesem Roman begegnen den Romanfiguren ständig "schwanzwedelnde Hunde" und Handgriffe sind auch gerne mal "matt aber entschieden".

Schade um ein wichtiges Thema (Deutsche Exilianten, die in die Fänge der Schergen McCarthys gerieten), welches in einem schlecht konstruierten und sprachlich enttäuschenden Roman verwurstet worden ist.


Weltkonzern und Kriegskartell: Das zerstörerische Werk der IG Farben
Weltkonzern und Kriegskartell: Das zerstörerische Werk der IG Farben
von Diarmuid Jeffreys
  Gebundene Ausgabe

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über wissenschaftliche Gipfelstürmerei und den moralischen Absturz der deutschen chemischen Industrie, 9. Juli 2011
"Weltkonzern und Kriegskartell" lautet der reißerische Titel von Diarmund Jeffreys 600seitiger Geschichte der IG Farben. Im Gegensatz zum Titel präsentiert Jeffreys dem Leser eine sachlich fundierte, kenntnisreiche und außerordentlich gut lesbare - man merkt, daß der Autor Journalist und nicht Historiker ist - Darstellung der Verstrickungen der IG Chemie in Hitlers Angriffskrieg und die Kriegsverbrechen, die in deutschem Namen überall in Europa geschahen.

Diarmuid Jeffreys schlägt einen Bogen vom 27. August 1947, dem ersten Tag des Nürnberger Prozesses gegen die führenden Köpfe der IG Farben, zu den Anfängen der deutschen Chemieindustrie gut 100 Jahre früher. Der Leser erfährt viel Wissenswertes über die Ursprünge der deutschen chemische Industrie und die Entstehungsgeschichte der wichtigsten chemischen Unternehmen (BASF, Bayer, Hoechst, Agfa ...): Welche Rolle der Markenname Aspririn für den Durchbruch Bayers als Pharmaunternehmen spielte, warum das Haber-Bosch Verfahren nicht nur für BASF als Unternehmen, sondern auch für das deutsche Militär im ersten Weltkrieg von unschätzbarem Wert war, und warum die Herstellung von synthetischem Treibstoff und Kunstkautschuk ein zuvor auf Eigenständigkeit bedachtes Unternehmen in die unheilige Allianz mit der Führung des Dritten Reiches getrieben hat. Jeffreys proträtiert die wichtigsten Figuren der Entstehungsgeschichte der IG Farben - allen voran Carl Duisberg und Carl Bosch - sowie die Rolle der in Nürnberg auf der Anklagebank sitzenden Industriebosse.

Ich habe viele Zusammenhänge erfahren, die mir trotz Wissens über einzelne Aspekte der dargestellten Materie, so nicht klar waren. Natürlich schreibt Jeffreys aus britischer Perspektive mit dem Wissen eines in einer westlichen Demokratie geprägten Bewohners des 21. Jahrhunderts. In den Kapiteln über die gerichtliche Aufarbeitung dessen, was im Namen der IG Farben im Werk Ausschwitz geschehen ist, spricht aus dem Autor das Unverständnis darüber, dass die Westalliierten nur wenige Jahre nach dem Krieg es zugelassen haben, dass die Täter von einst bereits wieder auf den Chefsesseln der Chemieindustrie der jungen Bundesrepublik saßen.


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