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Rezensionen verfasst von
Krink

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California Dreamin'
California Dreamin'
von Pénélope Bagieu
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,99

3.0 von 5 Sternen Interessante Graphic Novel - lückenhafte Biographie, 29. März 2017
Rezension bezieht sich auf: California Dreamin' (Taschenbuch)
Wer kennt ihn nicht, den Ohrwurm der legendären 60er-Band "The Mamas and the Papas": "All the leaves are brown, And the sky is gray, I've been for a walk, On a winter's day, I'd be safe and warm, If I was in L.A., California dreaming, On such a winter's day...". Als großer Fan von Pénélope Bagieus Comic-Kunst war ich sofort begeistert, als herauskam, dass Carlsen die von Bagieu herausgebrachte Graphic Novel über das Leben Mama Cass', der Leadsängerin besagter Gruppe, ins Deutsche übersetzt und in das Verlagsprogramm aufnimmt. Leider konnte das Werk meinen - zugegebenermaßen hohen - Erwartungen nicht ganz gerecht werden.

Mama Cass, geboren unter dem Namen Ellen Naomi Cohen und später bekannt geworden als Cass Elliot, ist eine ebenso schillernde wie tragische Gestalt und Ikone der "Flower Power-Bewegung". Mit der Graphic Novel "California Dreamin'" versucht Pénélope Bagieu ihr ein Denkmal zu setzen, was in Teilen auch gelingt: Kapitelweiseführt die Ezählung durch die biographischen Stationen der Protagonistin - von der Geburt bis zur ersten großen Band-Krise der Gruppe.

Die Biographie lässt sich - vor allem anfangs - eher mühsam konsumieren, da viele Namen, Spitznamen und ähnlich aussehende Gesichter eher Verwirrung stiften, als Klarheit bringen. Hat man die Familienverhältnisse und Namensänderungen von Cass Elliot dann durchdrungen, konzentriert sich die Geschichte vor allem auf die persönlichen Probleme der Gruppenmitglieder. Was biographisch verifiziert ist und was der Fantasie der Autorin und Zeichnerin entspringt, bleibt offen - ebenso wie die Frage nach dem gewählten Ende. Warum Bagieu die biographische Graphic Novel nicht mit dem Tod Mama Cass', der sie im Alter von 32 Jahren heimsuchte, enden lässt, sondern stattdessen unvermittelt mitten in einem Streit abbricht, ist unklar. Fakt ist, dass das biographische Bild auf diese Weise unangenehm unvollständig bleibt und viele Fragen offen lässt.

Gut gelungen allerdings ist die Hommage an die Band "The Mamas and the Papas", als deren Zentrum und wahrer Star Cass Elliot inszeniert wird. Fans der Gruppe werden mit dieser Graphic Novel und dem charmanten Stil von Pénélope Bagieu ihre Freude haben. Wer aber eine Biographie erwartet, der sollte zu einem anderen Werk greifen.


Gefährliche Empfehlungen: Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers fünfter Fall (Die Xavier-Kieffer-Krimis)
Gefährliche Empfehlungen: Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers fünfter Fall (Die Xavier-Kieffer-Krimis)
von Tom Hillenbrand
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bon appétit!, 13. März 2017
Als der Guide Gabin eine Einweihungsfeier gibt, muss Xavier Kieffer als Freund und Geliebter der Chefin natürlich mit von der Partie sein. Die Feier verspricht das Fest des Jahres zu werden - sogar Frankreichs Präsident ist eingeladen. Doch als der seine Eröffnungsrede halten will, fällt plötzlich der Strom aus - und ein paar teure Exemplare des Gabin aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs fehlen. Natürlich kann Xavier Kieffer der luxemburgische Koch dieses Rätsel nicht auf sich beruhen lassen und beginnt zu ermitteln. Doch schon bald stößt er auf Geheimnisse und weitreichende Verschwörungen, die sich als äußerst gefährlich erweisen...

Bereits zum fünften Mal ermittelt der Ex-Sterne-Koch aus Luxemburg und wie immer bereitet dem Leser das Über-die-Schulter-Schauen dabei viel Freude. Nach einer geheimnisvollen Frucht, Tunfisch-Komplotten, Weltmarkt-Verschwörungen und gepanschtem Olivenöl (Fälle 1-4) sind in "Gefährliche Empfehlungen" nun Bücher aus dem Zweiten Weltkrieg der Ermittlungsgegenstand. Keine Frage, die Story ist wie immer hanebüchen und beim Schreiben hätte Tom Hillenbrand etwas mehr Sorgfalt walten lassen können - aber die vielen wunderbaren alten und neuen Figuren entschädigen für die ein oder andere Nachlässigkeit. Gerade das altebekannte Schema F, das immer als Folie für Kieffers Fälle verwendet wird, macht die Krimis so sympathisch und reizvoll: Man bekommt, was man mag und kennt - vom lieb gewonnenen Säufer-Finnen Vatanen, bis zum bewusstlos geschlagenen Kieffer ist immer alles dabei. Nur in Luxemburg wird dieses Mal eher wenig ermittelt - Schauplatz ist vor allem Paris, weswegen auch die Zeit im Deux Eglises wieder einmal viel zu kurz war. Leider verlagert sich der Schwerpunkt vom kulinarischen Ermittler oft etwas zu sehr zu Valerie Gabin und ihren Gastrokritikern oder zum Show- und Sternegeschäft a la Esteban. Etwas mehr Kieffer und etwas weniger Pomp wäre dem Lese-Erlebnis zuträglich.

Vor allem die Recherchen und Hintergrundinformationen werden vom Autor immer sorgfältig zusammengetragen und kunstvoll mit der Handlung verknüpft. Bei diesem sorgfältigen Vorgehen fragt man sich, wieso dann nicht alle traditionellen Gerichte und aller Küchenjargon auf die Erklärungsliste mit aufgenommen wurden. Hat man sich endlich an das Blättern gewöhnt, wird man dabei immer wieder enttäuscht. Hier wäre für den nächsten Fall ein ausführlicheres Register wünschenswert.

Niemand hätte gedacht, dass ein Koch aus Luxemburg einmal zum Publikumsliebling werden würde - aber das Letztebuerger Huesenziwwi hat es uns allen angetan. Ich freue mich schon auf den nächsten Krimi, der hoffentlich wieder etwas luxemburgischer und etwas kulinarischer sein wird, obwohl der Auflug in die Historie und nach Frankreich natürlich durchaus seinen Reiz hatte.


Bluescreen: Ein Mirador-Roman
Bluescreen: Ein Mirador-Roman
von Dan Wells
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Spannender Jugend-Sci-Fi mit Schwächen, 19. Februar 2017
Rezension bezieht sich auf: Bluescreen: Ein Mirador-Roman (Taschenbuch)
Schon seit den 80er Jahren haben Cyberthriller ihren festen Platz in den Regalen der Buchläden. Doch in letzter Zeit erfreuen sich gerade im Jugendbuchsektor dystopische Zukunftsszenarien allergrößter Beliebtheit. Dabei ist es gar nicht leicht als Autor den richtigen Geschmack der Leser zu treffen. Denn oft müssen stimmige Technikdetails und ein logischer Plot zugunsten der sehr viel populäreren Dreiecksbeziehungen und jeder Menge Herzschmerz zurücktreten, oder die Menge an versierten Computerbschreibungen übersteigt den Unterhaltungswert, indem man mit einem Wörterbuch für Cyberslang durch den Text ackert. Der neue Jugendbuch-Roman von Thrillerautor Dan Wells, "Bluescreen", macht hier zum Glück einiges richtig - auch wenn er auf ein paar Trends und Hipster-Klischees hätte verzichten können.

Selbstverständlich kann man heutzutage das Rad nicht neu erfinden - schon gar nicht als Science-Fiction-Autor, der ein klassisches Zukunfstszenario ohne große Innovationen entwirft: Die Mobiltelefone wurden im Jahre 2050 durch Kopfimplantate ersetzt, durch die man permanent online ist. Durch Blinzeln kann man sich direkt auf der Netzhaut durch das Internet klicken. Auch in virtuelle Welten kann der Körper versetzt werden, indem man sein Implantat, das sogenannte Djinni, per Kabel anschließt. Die Gesellschaft ist - Cyperpunk-typisch - in Armut verfallen, da die Arbeit der Menschen nun hauptsächlich von Drohnen erledigt wird. Bandenkriege und Drogengeschäfte prägen das Leben im Ghetto-ähnlichen Los Angeles, wo die junge Marisa lebt, eine begnadete Hackerin. Eines Tages gerät ihre Freundin an die Droge "Bluescreen", einen USB-Stick, den man sich (wer ist so blöd?) direkt in sein Djinni schiebt. Fiese Ganoven wollen damit die Weltherrschaft an sich reißen, was Marisa und ihre Freunde um jeden Preis verhindern wollen.

Mit Marisa hat Dan Wells eine wunderbare Heldin geschaffen, die sich weder von gut aussehenden Jungs noch gesellschaftlichen Moralvorstellungen von ihrem Vorhaben, die Welt zu retten, abbringen lässt. Die toughe und ironische Hackerin mit dem Roboterarm weiß sich zu helfen und führt den Leser rasant und unterhaltsam durch ihre Geschichte, die Elemente von "I, Robot" bis zu "Firefly" aufweist. Dabei hat Dan Wells alles bereits dagewesene auf so abwechslungsreiche Art kombiniert, dass ein solider Jugendthriller entstanden ist.

Leider ist das Trend-Pferd, auf das er aufgesprungen ist, teilweise etwas mit ihm durchgegangen: Die - meist völlig unpassenden und überflüssigen - Outfit-Beschreibungen der Protagonistinnen ergaben oftmals keinen Sinn. Vermeintlich innovative technische Errungenschaften gibt es leider schon seit etlicher Zeit - und sind bereits sogar wieder als dysfunktional in der Versenkung verschwunden (siehe Apple-Steckersysteme etc.). Warum sollte die Droge nach einem Windows-Fehler benannt sein, wenn die Betriebssysteme nicht mehr existieren? Oder läuft alles über Windows, das man bestimmt gerne IN SEINEM KOPF ANGESCHLOSSEN HABEN MÖCHTE? Der ganze Plot mit dem virtuellen Spiel, der Name der Gruppe ("Cherry Dogs") und der tausendmal erwähnte, sowieso schon geistlose, aber in Übersetzung noch furchtbarere, Kampfspruch der Mädchen ("Spiel verrückt!") ist gänzlich überflüssig. Und der vermeintlich trendige Slang der Mädels lässt vermuten, dass niemand in dieser Altersgruppe im Jahre 2050 derart sprechen wird. Und zuletzt kann den Werbestimmen, die behaupten, der Roman sei vor allem etwas für Technik-affine Menschen, getrost widersprochen werden; denn gerade die merken schnell, was da zusammengeschrieben wurde. Auch einen "Blick in die Zukunft" garantiert uns "Bluescreen" mitnichten.

Nichtsdestoweniger hat Dan Wells einen spannenden Thriller entworfen, dessen düstere Zukunftsvision zwar nicht innovativ, aber durchaus unterhaltend ist, und mich, obwohl ich inzwischen ein Verächter von Reihen bin, auf den nächsten Band warten lässt.


Die Schatten von London - In Memoriam (Die Schatten von London-Reihe, Band 2)
Die Schatten von London - In Memoriam (Die Schatten von London-Reihe, Band 2)
von Maureen Johnson
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,99

4.0 von 5 Sternen Altbewährt - und doch anders, 25. Januar 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zum Inhalt sollte an dieser Stelle geschwiegen werden - wer ihn schon kennt, erfährt nichts Neues und wer ihn nicht kennt, möchte ihn selbst erleben.
Nur so viel: Wir befinden uns wieder in London, aber die vergangenen Ereignisse haben die alte Ordnung von Rorys Leben empfindlich gestört. Hier setzen meine philosophischen Überlegungen zu Gewohnheitstieren ein: Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich weiche - Rahmenhandlungen und Protagonisten einmal lieb gewonnen - ungern von altbekannten Mustern ab. Was ich in meinem Leben an Abwechslungs- und Reiselust verspüre, möchte ich in Serien vermeiden. Ich war als Kind enttäuscht, wenn eine neue Drei Fragezeichen-Folge nicht in Rocky Beach spielte, sondern in Europa oder Venezuela... Was für ein Flop! Justus, Peter und Bob gehören auf den Schrottplatz von Titus Jonas und sonst nirgendwo hin. Schon gar nicht nach Übersee - wo kommen wir denn dahin? Oder Gilmore Girls: Erinnert ihr euch an die Folge, in der Rory und Emily in Italien sitzen? WTF? Die besten Folgen sind jawohl die, in den Rory und Lorelai nicht zerstritten, sondern in trauter Zweisamkeit in Stars Hollow herumgurken, so wie es sich gehört und wie man es kennen und lieben gelernt hat. Oder stimmt ihr mir nicht zu?

Ich jedenfalls habe - zurück zum Thema - an dem zweiten Band von Maureen Johnsons "Die Schatten von London" eigentlich nichts auszusetzen - außer dass die neuen Umstände, so nachvollziehbar sie auch sein mögen, etwas enttäuschend sind, weil sie, nunja, nicht die alten sind. Ich möchte Jazza und Cheese Whiz und das Zimmer der Mädchen, den alten Speisesaal und die Bibliothek. Ich will Alistair und Stephen und Londoner Gruselgassen. Und obwohl das alles irgendwie da ist, ist es auch wieder anders und kommt deshalb nicht an den ersten Teil heran. Basta.
Nichtsdestoweniger sind die Entwicklungen spannend, lesenswert und konsequent zu Ende gedacht. So viel ist sicher: Maureen Johnson fürchtet sich nicht vor Veränderungen und großen Opfern! Aber sie mochte sicher auch "Die drei Fragezeichen und das leere Grab"...


Die Schatten von London (Die Schatten von London-Reihe, Band 1)
Die Schatten von London (Die Schatten von London-Reihe, Band 1)
von Maureen Johnson
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,99

5.0 von 5 Sternen Geisterjagd und Urban Exploring in London, 25. Januar 2017
Aurora - genannt Rory - verlässt ihr Heimatdorf in den Südstaaten, um als Austauschschülerin im elitären Londoner Internat Wexford einzukehren. Bald schon hält eine grauenerregende Mordserie die Stadt in Atem: In ganz London ereignen sich tödliche Überfälle auf Frauen, die auf Jack the Ripper-Manier umgebracht werden. Als einer der Morde auf dem Gelände des Internats geschieht und Rory zufällig einem Verdächtigen begegnet, gerät sie in große Gefahr - denn nur sie kann den Mörder identifizieren. Oder ist es gar kein Mensch aus Fleisch und Blut?

Na, was sagt man dazu? Internat, Schulalltag, London, Herbst/Winter und eine gehörige Portion Grusel - ein Jugendbuch wie für mich gemacht. Spricht's und ... wird nicht enttäuscht. Tatsächlich schafft es Maureen Johnson sogar meine Erwartungen zu übertreffen. Wisst ihr noch, was ich im Frühjahr für einen Lobgesang auf Kirsty McKays "Play2Live" angestimmt habe? In diese Kerbe haut auch die Autorin der "Schatten von London"-Romane - nur dass bei Johnson die Realität der Fantastik weichen muss. Und das tut sie auf ganz wunderbare Weise.

Bildquelle: Randomhouse
Rory ist eine Person, der man bei ihren Ermittlungen ebenso gerne über die schulter schaut, wie bei der Bewältigung ihres Schulalltages. Sie ist witzig, charmant, bodenständig - und dabei außergewöhnlich genug, so dass der Leser nicht gelangweilt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Protagonisten ihres Alters scheut sie sich nicht, Dinge zu hinterfragen, aus Angst zu heulen, nachvollziehbare Schlüsse zu ziehen und - reflektiert - dumme Entscheidungen zu fällen. Viele dumme Phrasen und vermeidbare Logikfehler, die in anderen Jugendbücher zu gerunzelten Leserstirnen führen, sucht man hier vergeblich. Rory ist eine Niete im Sport, erstickt eines Tages vor lauter Gier fast an einem Würstchen, neigt in Stresssituationen zum Monologisieren, hat eine knallverrückte Familie und erzählt von den Marotten ihrer amerikanischen Mitmenschen mit viel Ironie. Und auch die Personen, die sie während ihrer Zeit in Wexford begleiten, lernt der Leser schnell lieben und hassen.

Obwohl das allein eigentlich schon ausreicht, um mich zum konsequenten Umblättern zu bewegen, kommt es sogar noch besser: Die Handlung des Jugendromans begibt sich auf die Tätersuche durch London. Wer auf Urban Exploring, urige Pubs, Geisterjagdflair und neblige Gassen rund um die Themse steht, der kommt bei "Die Schatten von London" voll und ganz auf seine Kosten. Bereits vor dem Ende der letzte Seite hatte ich den zweiten Band bestellt - und genau der ist jetzt der Grund, warum ich euch nicht länger vorschwärmen werde. Zurück ans Werk - London, ich komme!


Die Stille vor dem Tod: Thriller (Smoky Barrett 5)
Die Stille vor dem Tod: Thriller (Smoky Barrett 5)
Preis: EUR 14,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Meh." oder "Das esoterische Weltformelgemurmel einer ehemals starken Kult-Ermittlerin", 24. Januar 2017
Es gibt Krimi-Autoren, an deren Geschichten sich die Geister scheiden. Eher zartbesaitete Fans der englischen Whodunnit-Plots können mit Hardcore-Thrillern oft nichts anfangen. Dass weder Elisabeth George noch Joe Landsdale hohe Literatur aufs Papier bringen, muss gar nicht erst diskutiert werden; entsprechend gering sind die literarischen Ansprüche der Fangemeinden. Vor allem möchte man hier unterhalten – und in diesem Fall gegruselt – werden, was bei den einen durch Teestunden und englische Landschaftsbeschreibungen und bei den anderen über detaillierte Tatortbegehungen und blutige Morde erreicht wird. Allen sei es gegönnt!

Ich gehöre zu der Sorte Krimiliebhabern, die sowohl das eine als auch das andere unterhaltsam finden. Ermittelnde Lords im englischen Gartenbeet, Sterneköche auf Mördersuche, italienische Kulinaristik mit Mordvarietee oder hannibalesker Psychopathenhorror – all das fällt unter meine literarischen „guilty pleasures“.

Als 2006 der erste Kriminalroman der David Hunter-Reihe aus der Feder von Simon Beckett herauskam, „Die Chemie des Todes“, stockte der Krimiwelt der Atem: Die detailverliebten Schilderungen der verschiedenen Verwesungszustände erschütterte und faszinierte die Leserschaft gleichermaßen. Selbstverständlich erhoben sich auch kritische Stimmen, die Anstoß nahmen an dem makaberen Detailreichtum. Wenn jemand im Freundeskreis sich von diesen Szenen abgeschreckt zeigte, konnte ich immer nur einen Ratschlag geben: Dann lies gar nicht erst die Romane von Cody McFadyen.
Dessen erster Band seiner Smoky Barrett-Reihe, „Die Blutlinie“, erschien im selben Jahr und drehte mir, die außerordentlich hart gesotten ist, stellenweise den Magen um. Obwohl ich seither jeden Band der Reihe gelesen habe und wie viele andere auf den durch eine Krankheit des Schriftstellers lange hinausgezögerten neuesten Titel „Die Stille vor dem Tod“ wartete, stand ich den Romanen von McFadyen stets kritisch gegenüber. Zweifelsohne war es vor allem die starke Heldin Smoky Barrett, an deren Leben wir durch ihre Ich-Perpespektive teilnehmen, die mich immer wieder zum Weiterlesen animierte. Faszinierend war auch die schriftstellerische Gestaltung der Thriller: bereits im ersten Viertel oder Drittel der Geschichten ist der erste Höhepunkt erreicht und der Spannungsbogen fällt wieder bis zum endgültigen Finale – das immer Fragen offen lässt. McFadyens Stil ist wechselhaft: poetische Gedanken, pubertäre Fantasien, klischeehafter Kitsch, atmosphärische Beschreibungen und erzählerische Brüche führen zu einem oft unterhaltsamen und intensiven Leseerlebnis, das aber stellenweise auch frustrierend, anstrengend und abstoßend sein kann. Vor allem die – von Denis Scheck vor Kurzem als „Gewaltporno“ bezeichneten - exzessiven Gewaltdarstellungen lassen einen gut und gern Seiten überspringen oder auch schlicht am Verstand des Autors zweifeln.
McFadyen beklagte sich einmal, dass die Recherche für seine Bücher (das Stöbern in Akten tatsächlicher Gewaltverbrechen) ihn immer schwer auslaugten. Das ist durchaus nachvollziehbar - und die realitätsbezogene Recherche mag löblich sein - doch das sollte man vielleicht nicht zwangsläufig therapieren, indem man diese Eindrücke über seinen Lesern auskotzt. Denn oft wirken die Darstellungen der Gräueltaten nicht nur ungefiltert und roh, sondern in Teilen undurchdacht und hysterisch.

Offenbar wollte McFadyen mit seinem neuesten Band „Die Stille vor dem Tod“ dann endgültig den Superlativ der Gewaltorgien herausbringen. Welche mysteriöse Krankheit ihn heimgesucht hat, haben weder Verlag noch Autor bisher verraten, aber nach der Lektüre dieses Buches könnte man vermuten, dass es etwas mit der Psyche zu tun hat …
Von einem gut durchdachten Plot, bewussten Tempobrüchen zur Abmilderung der Gewaltbeschreibungen und gezielt eingesetzten Schock-Motiven ist jedenfalls nichts mehr vorhanden – und leider auch nichts von der einstigen Heldin Smoky Barrett. Deren fiebrig-erregter innerer Stimme hören wir nun über knapp 500 Seiten beim Weltformel-Murmeln zu, während sie eine idiotische Dummheit nach der nächsten begeht. Das ehemals charakterstarke Team Smokys verblasst hinter der intensiv ausgeleuchtet labilen Psyche der Protagonistin und der Drahtzier des ganzen Falles ist spätestens seit der Mitte des Buches zu erkennen, tragischerweise weil es genau der gleichen Auflösung der vorangegangenen Fälle folgt – beschämende Leistung, Cody! Das Ausmaß und die Rohheit der Gewaltszenen war bisher stellenweise immer erschreckend, aber jetzt ist es nicht nur durchgehend ekelhaft, sondern auch noch gaga, als aneinandergereihte Aufzählung widerlichster Verbrechen samt deplatzierter Gossensprache.

Ich wünsche Cody McFadyen (und auch Smoky Barrett) jedenfalls von ganzem Herzen gute Besserung und hoffe, dass sie demnächst in alter Manier ermitteln werden – und dass beide sich eine neue Therapiemöglichkeit suchen.


play2live
play2live
von Kirsty McKay
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mörderische Spannung!, 25. April 2016
Rezension bezieht sich auf: play2live (Taschenbuch)
Lange Tradition genießt das sogenannte "Killer"-Spiel unter den Schülern des Eliteinternats Umfraville Hall auf Skola Island, England: Durch ein geheimes - und sehr unangenehmes - Aufnahmeritual erlangt man als Auserwählter oder Auserwählte Mitgliedschaft zur Gilde, die jedes Jahr eine neue Runde des Spiels einläutet: Das Los entscheidet, wer Killer und wer Opfer ist - und der Killer tötet über das Schuljahr verteilt seine Opfer nach und nach auf möglichst kreative, aber symbolische Art. Bei regelmäßigen Treffen können Tipps zur Identität des Killers abgegeben werden. In diesem Schuljahr Jahr ist Cate als Neuzugang dabei. Während sie sich noch über die Aufnahme freut, taucht ihr bester Freund aus Kindertagen in Umfraville auf und bringt frischen Wind in das Spiel. Doch schon bald werden aus den harmlosen Kills richtige Mordanschläge und Cate scheint das nächste Opfer zu sein...

Wie immer kombiniert Kirsty McKay auf beste Art und Weise Humor mit Action, Grusel mit Gefühlen und Freundschaft mit Psychoterror. Und sie schafft es auf erfrischende und nahezu einzigartige Weise, Spannung ohne Splatter und Liebe ohne Kitsch zu präsentieren und dem Leser ein kurzweiliges und beglückendes Leseerlebnis zu verschaffen. Regelrecht beeindruckend ist ihre Fähigkeit, selbst hartgesottenen Horrorfans wie mir den Atem stocken zu lassen - ohne dabei massenweise Leichen zu streuen. Subtil werden Werte wie Freundschaft und Moral hoch gehalten - auch hier ohne großen Zirkus und viel Klimbim. Dass McKay also mit "Play2live" wieder einmal einen Jugendthriller aller erster Sahne geliefert hat, steht fest: Ein grandioser Schauplatz, ausgefeilte Figuren, jede Menge Wortwitz und natürlich etwas Teenie-Drama (im guten Sinne) überzeugen neben einem spannendem Plot mit allerlei Twists und falschen Fährten. Sogar das Miträtseln kommt nicht zu kurz: Wer gerne an Miss Marple und Cluedo zurückdenkt, der kommt bei "Play2live" auf jeden Fall auf seine Kosten. Als junge Autorin und Mutter hat McKay außerdem den Anschluss an die Jugend nicht verloren und kann sowohl heutige Technik (Social Media, Internet, ...) einbeziehen als auch Jugendjargon verwenden, ohne dass einem als Leser die Schamesröte ins Gesicht steigt. Ihre Protagonistin ist tough, aber nicht unglaubwürdig - und voller Selbstironie! - und handelt nach allgemein vertretbaren Maßstäben. Die fiktiven Figuren wirken so real, dass man sie bei Facebook suchen könnte. Und obwohl niemand in McKays Roman fehlerfrei ist und die Moral am Ende doch siegt - sucht man vergebens einen erhobenen Zeigefinger.

Grandios! Es scheint fast, als würde diese Autorin ein Talent dafür besitzen, sich auf das Wesentliche zu beschränken: Krimi-Spannung, Humor, Integrität. Punkt. Üblicherweise findet man in meinen Buchbesprechungen Sätze wie "Leute, ich mag ihre Romane, aber...". Bei Kirst McKay kann ich nur sagen: "Leute, ich mag ihre Romane." Auch ohne Zombies. Kein Aber. Total gut.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 25, 2016 2:15 PM MEST


Frühstück mit den Borgias: Roman
Frühstück mit den Borgias: Roman
von DBC Pierre
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Klassische Schauergeschichte in neuem Gewand, 16. April 2016
Literaturliebhabern ist der Name DBC Pierre längst durch sein vielgelobtes Werk "Jesus von Texas" ein Begriff, für das dieser den Booker Prize erhalten hat. Und dieses Cover erst! Die etwas über 200 Seiten wurden äußerst liebevoll - mit ausklappbarem Vorsatz statt lästigem Einband - gestaltet und überzeugen in Layout, Schriftwahl und natürlich Coverbild. Doch konnte der Inhalt mit dem schmucken Gewand mithalten?

Der dreißigjährige Ariel Panek, Wunderkind und Informatikprofessor, bleibt auf der Reise von Chicago zu einem Kongress nach Amsterdam aufgrund des üblichen Verkehrschaos' unerwartet in England, Suffolk hängen, während seine Geliebte Zeva auf einen Anschlusszug in Brüssel - und Nachricht von ihm - hofft. Die Nachricht muss zunächst warten, denn in "The Cliffs", dem Küstenhotel in dem Ariel strandet, gibt es weder WLAN noch Handyempfang. Selbst die Münzen für einen Anruf von der altmodischen Telefonanlage fehlen! In der Hoffnung auf ein funktionierendes Mobiltelefon knüpft er Kontakt zu einer im Hotel residierenden Familie, deren Mitglieder sich immer schrulliger benehmen, je weiter der Abend voranschreitet. Während Ariel verzweifelt versucht, den Anschluss zur modernen Welt zu wahren, werden die Ereignisse in "The Cliffs" immer skurriler - und enden in einer Nacht, die ihm unvergesslich bleiben wird.

Was nach Charakterstudie, Gesellschaftskritik oder philosophischem Plädoyer klingt (laut The Guardian fängt DBC Pierre "die gefährliche Ironie unserer Gegenwart ein"), ist eher - und das soll die Wirkung keineswegs schmälern - eine klassische Schauergeschichte. Würde man "Frühstück mit den Borgias" allerdings unter diesem Label vertreiben, müsste sich der Autor wahrscheinlich auf den Vorwurf der fehlenden Innovation gefasst machen. Denn - skurrile Figuren, seltsame Ereignisse, Schauplatz und Stimmung eingeschlossen - der Roman folgt dem "Schema F" der Gruselgeschichte so brav, dass die ausbleibende erwartete Neuerung am Ende die einzige Überraschung bleibt. Die in den Fokus der Ankündigung gerückte Technologie spielt zwar eine Hauptrolle. Eine philosophische Auseinandersetzung oder gar die vom Guardian gepriesene "Ironie" beschränkt sich jedoch auf ein paar Figurengespräche und liefert weder neue Erkenntnisse noch einen überzeugenden "plot point". Auch die vielversprechende Liebschaft zwischen Ariel und Zeva bleibt vage und erscheint als Stilmittel zum Zweck.

Lässt man also die irreführenden und eher enttäuschenden Label weg und fasst "Frühstück mit den Borgias" unter "klassische Schauergeschichte der modernen Zeit", kann sich der Leser auf soliden Grusel und durchaus "unnachahmliche Figuren" (The Mail on Sunday, Klappentext) freuen, auch wenn die Erzählung von Stil - und Inhalt - der Geschichten Agatha Christies (The Mail on Sunday, Klappentext) ebenso weit entfernt ist wie "The Cliffs" vom Handyempfang. Trotz des knappen Umfangs hätte die ein oder andere Kürzung dem Lesefluss nicht geschadet - die Marotten der Hotelbewohner verlieren mit Fortlauf der Geschichte etwas an Zauber. Das Ende ist so voraussehbar wie angenehm und lässt den Leser mit einem wohligen Schauer zu Bett gehen - wo er keinesfalls um seinen Schlaf fürchten muss.

Wer sich für Gruselgeschichten und ungewöhnliche Erzählungen begeistern kann und auch Figuren jenseits des Mainstreams zu schätzen weiß, dem sei "Frühstück mit den Borgias" dringend ans Herz gelegt und eine unvoreingenommene Lektüre empfohlen. Dem Aufbau Verlag sei indes zum wunderbaren Gewand der Geschichte gratuliert - gerne weiter so!


Der Ruf des Henkers
Der Ruf des Henkers
von Björn Springorum
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Spaß und Spannung für die ganze (mutige) Familie, 10. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Ruf des Henkers (Gebundene Ausgabe)
Als im Dorf des jungen Richard Winters der Henker William Calcraft auftaucht, ist die Bevölkerung in Aufruhr, denn es wird das Ereignis des Jahres mit großer Freude erwartet: Ein Mädchen soll für die angebliche Ermordung ihrer Mutter und das Verschwinden mehrerer Kinder gehängt werden - und William Calcraft gilt als ein Henker, der aus so einem Ereignis eine berühmt-berüchtigte Publikumsshow macht. Aber Richard ist von der Unschuld seiner Freundin Elizabeth überzeugt - und so überredet er Calcraft, sie gehen zu lassen. Dieser stimmt zu, aber nicht ohne Richard als Lehrling zu verpflichten. Und so zieht der Pfarrerssohn von diesem Zeitpunkt an als Henkersgehilfe durch das düstere England des 19. Jahrhunderts. Und schon bald häufen sich die Unklarheiten: Calcraft scheint es nicht nur auf Menschen abgesehen zu haben...

Dass sich heutzutage jeder - aber auch wirklich jeder - dazu berufen fühlt, jenseits seines eigentlichen Broterwerbs ein Buch zu schreiben und darin Lieblingshobby, -stadt oder -fantasywelt verwursten zu müssen, ist eine Plage. Dass Björn Springorum diesem Bedürfnis nachgegangen ist, ist allerdings ein großes Glück für die Leserwelt - vor allem diejenige ab 13 Jahren. Das Abenteuer rund um Richard Winters wird außerordentlich liebevoll und spannend erzählt, die Welt im 19. Jahrhundert mit viel Liebe zum Detail und fraglos guter Recherche präsentiert. Auch stilistisch und sprachlich ist Springorums Jugendroman überraschend ausgefeilt. Das Innenleben der Protagonisten (es wird aus unterschiedlicher Perspektive erzählt) ist glaubhaft bei Jung und Alt, Männlein / Weiblein und Es. Von jungen Lesern verlangt die Geschichte einigen Mut ab, denn stellenweise geht es gruselig und harsch zur Sache - allerdings nie, ohne Moral und Ethik aus dem Blick zu verlieren. Subtil werden Themen wie Todesstrafe, Selbstverteidigung, Verantwortung und Loyalität behandelt und historische Gegebenheiten unterhaltsam und geschickt mit Fantayselementen verwoben.

Für etwas ältere Leser wird sich der ein oder andere Plottwist als vorhersehbar herausstellen - auf einige Vorausdeutungen hätte zugunsten der Spannung definitiv verzichtet werden können. Und auch einige Bösewichte müssten nicht gar so offensichtlich gezeichnet werden. Obwohl diese kleinen Mängel etwas zum Spannungsschwund in der Erwachsenenleserschaft beitragen, birgt die Handlung nichtsdestoweniger auch für geübte Leser die ein oder andere Überraschung.

Wer Lust hat auf ein Jugendbuch mit einem wunderbar erzählten, gelungenen Mix aus historischem Roman, Gruselabenteuer und Fantasy, der sollte nicht zögern, bei Björn Springorums Schauergeschichte zuzugreifen. "Der Ruf des Henkers" bietet Spaß und Spannung für die ganze (mutige) Familie, hält Werte wie Freundschaft und Liebe hoch und lädt zur ein oder anderen Diskussion über mittelalterliche Gesetze und Fakten/Fiktion der englischen Geschichte ein (großartig auch die Notiz über den wahren Calcraft!). Ich hoffe, dass wir aus der Feder dieses Autors noch viele (abgeschlossene) Geschichten zu lesen bekommen werden - mögen seine Recherche und Detailliebe immer so sorgfältig bleiben!


Infernale
Infernale
von Sophie Jordan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vielversprechend - mit Potential zum Genreklischee, 21. Februar 2016
Rezension bezieht sich auf: Infernale (Gebundene Ausgabe)
"Infernale" heißt der Auftakt einer neuen Jugendbuch-Reihe aus Feder Sophie Jordans, Erfolgsautorin der Firelight-Trilogie. Während "Firelight" dem Fantasy-Genre entspringt, widmet sich die Handlung in "Infernale" einem gesellschaftspolitischen Thema und spielt in der nahen Zukunft: In den USA wird im Jahre 2021 auf Geheiß der Regierung die gesamte Bevölkerung auf das sogenannte HTS-Gen (Homicidal Tendency Syndrome) getestet. Während registrierte Träger zunächst "nur" gelistet und aus bestimmten gesellschaftlichen Kreisen ausgeschlossen werden, eskaliert die Situation rasant zur zügig steigenden Zahl der Registrierungen. Immer mehr Träger werden ermittelt, in Zwangslager gesteckt, gefoltert und ermordet. Auch auf Seiten der Träger kommt es zu Gewaltausschreitungen, sodass die Wissenschaft um das "Mördergen" zur self-fullfilling prophecy wird. Viele versuchen über die Grenzen zu flüchten, sodass Mexiko und Kanada Einreiseverbote über alle US-Bürger verhängen. In dieser Zeit wird HTS auch bei Davy, einer hochbegabten Schülerin einer Privat-Highschool diagnostiziert, woraufhin sich ihr Leben von Grund auf ändert.

Mehr soll zur Handlung gar nicht gesagt werden, denn die Ereignisse, die auf Davy einstürzen, sind so rasant und spannend, dass der Roman auch ohne weitere Hints viel zu schnell gelesen ist. Viele Entwicklungen sind natürlich aus Jugendbüchern dieses Genres bekannt: Behütet-begabtes Mädchen muss sich in brutal-ungerechter Welt behaupten; Liebesgeschichte; Individuum/Rebellen gegen Regierung. Hier liegen sowohl die Stärken als auch die Schwächen der Geschichte:

Außerordentlich stark ist die Erzählweise der Autorin. Sophie Jordan hat ordentlich recherchiert und versteht es, subtile Andeutungen zu streuen und Wahrheiten hinter dem Offensichtlichen hervorzuholen. Der Leser wird ermutigt, sich seine eigenen Gedanken zu machen und zwischen Schwarz und Weiß treten schnell eine Menge Graustufen hervor. Die Handlung verläuft so erschreckend wie faszinierend und die Protagonistin hält sich wacker. Anfangs noch etwas unsympathisch-naiv, entwickelt sie sich bald überzeugend zu einer intelligenten, schlagfertigen Figur, der man gerne über die Schulter schaut. Auch die Nebenfiguren (gut wie böse) sind stimmig und liebevoll entworfen und regen zum geliebt und gehasst werden an. Erzählerisch übertrifft Sophie Jordan definitiv das Gros der grassierenden (dystopisch angehauchten) Jugendbücher.

Etwas zu schwach ausgeleuchtet erschien mir die Hauptthematik. Zum HTS-Gen wären ein paar Hintergrundinformationen stimmig(er) gewesen: Welche medizinische Grundlage gibt es? Die Danksagung der Autorin verweist auf antike (philosophische) Vorstellungen von vererbbaren Verhaltensweisen versus anerzogenen. Aber von den Vermutungen Aristoteles' und Platos bis hin zu medizinisch-wissenschaftlichen Nachweisen ist es noch ein großer - und hier leider nicht erläuterter - Schritt, womit die Rahmenhandlung ihren vermeintlich realistischen Bezug einbüst - und doch eher zur Fantasy-Welt gehört, zumindest in Anbetracht dessen, dass die Rechtssprechung nach wie vor von Unschuld ausgeht, solange keine Straftat vorliegt - selbst wenn der Vorsatz schon da ist. Auch die Anordnungen der Regierungen, die nach alter Montage-Roman-Manier in die Geschichte eingeflochten wurden, klingen nicht sehr "echt". Und was ist eigentlich mit dem Rest der Welt? Kanada und Mexiko sind scheinbar nicht direkt betroffen - hatten denn im Vorfeld der Eskalation keine HTSler das Bedürfnis auszureisen? Exil - anybody?

Nichtsdestoweniger verweist das Thema auch ohne realitätsnahe Erklärungen auf zeitgenössische (und historische) - reale - Probleme und drohende Konflikte: medizinische Entwicklungen, gläserner Mensch, Angst der Bevölkerungen führen (und führten nachweislich in der Vergangenheit) zu extremen Reaktionen und Genozid. Ob Flüchtlingskrise, Vorratsdatenspeicherung, Terrorismus - Vernichtungslager, Ghettos, Angst in der Bevölkerung stürmen jeden Tag als Reaktion die Nachrichten. Wie leicht man sich auf der (vermeintlich) "anderen" Seite befinden kann und wie wenig und gleichzeitig viel Handlungsspielraum uns das lässt, macht Sophie Jordans Roman "Infernale" ausdrucksstark deutlich. Und das hebt sie aus der Masse an Jugend-Dystopien hervor. Wunderbar!

Für den zweiten Teil wünsche ich mir mehr gesellschafts-politische Hintergründe und keine Dreiecksgeschichte. Wenn Jordan dies umsetzen kann, gelingt ihr vielleicht der Aufstieg an die Dystopie-Spitze.


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