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Rezensionen verfasst von
Andreas Gryphius

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Am Robbenkap: Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
Am Robbenkap: Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
von Robin Robertson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen kantiger Schotte, 27. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Titel des schmalen Büchleins (68 Seiten) hatte mich amüsiert: "Robin Robertson / Am Robbenkap". Das kalauert ein bisschen. Allerdings merkt man davon bei der Lektüre nichts mehr. Robertson ist ein ernster Dichter, der sich nur selten ein Lächeln erlaubt. Er wurde 1955 im geschichtsträchtigen schottischen Ort Scone geboren und wuchs in Aberdeen auf, wo er – eher zufällig – Englisch an der Universität belegte. Nach einem Abstecher an einer kanadischen Uni bewarb er sich in London auf eine Stelle in einem Verlag. Dort blieb er als Lektor und Korrekturleser sein ganzes Leben lang. Zuletzt war er Herausgeber bei "Jonathan Cape". Von seiner Arbeit sagt er, dass es das Schlimmste sei, was einem Schriftsteller passieren kann – Herausgeber werden. Wie viele Schotten und Iren, so teilte auch Robertson das Doppelleben - hier die Arbeit, dort die Heimat. Robertson hat seinen ersten Gedichtband erst im Jahre 1997 veröffentlicht, nach fünfzehnjährigem Kampf ums Gedicht. 2013 kam der fünfte und bisher letzte Band dazu (Hill of Doors). Robertson ist auch als Übersetzer hervorgetreten: Tranströmer, Euripides, Ovid. Die hier bei Hanser herausgegebenen Gedichte stammen aus den ersten vier Bänden. Die Übersetzung und das knappe Nachwort besorgte Jan Wagner.

Inhaltlich bewegen sich die Gedichte durch das ganze Leben. Es sind präzise gearbeitete, meist reimlose Einzelstücke, bei denen ich den Eindruck des Autobiographischen nicht wegdenken kann, obgleich Robertson dies vehement verneint. Neben den Stationen der eigenen Jugend kommen die Kinder, die Ehefrau, die Scheidung, die Eltern vor. Ebenso hat die Natur (das Meer, die Landschaft und die Tiere) einen ganz spezifischen Auftritt bei Robertson, der ohne konkrete und eigene Erfahrung in dieser Schärfe gar nicht möglich wäre. Natürlich ist dieser Streit überflüssig. Robertson sagt in einem Interview, dass die Worte in seinem Schaffensprozess irgendeinmal zu tanzen beginnen. Spätestens da ist die Metamorphose soweit gediehen wie bei Ovid oder Euripides und die seit Anbeginn immer wieder gleichen Probleme der Menschen, erlangen eine losgelöste Allgemeingültigkeit: Einsamkeit und Beziehung, die Unfähigkeit des Menschen, in einer von ihr allein zu bestehen. – Musik ist für Robertson wichtiger als darstellende Kunst. Um das Kantige der Konsonanten an der Ostküste Schottlands (die dem Gälisch den Rücken zukehrt) besser hören zu können, wäre eine zweisprachige Ausgabe schön gewesen.

Über die Zeit

In der Zeit, die brauchte, um Luft zu anzuhalten
und unterzutauchen im Badewasser
(das Blut dumpf in den Adern pochen zu hören,
und dann zurück an die Oberfläche zu kehren),
waren meine Eltern gestorben,
war das Haus verkauft worden, wurde
es abgerissen um mich herum,
Wand um Wand, mit Kugel und Kette.

Ich mache einen Schwimmzug unter Wasser,
erreiche schnaufend die andere Seite –
da ist meine Ehe gescheitert,
sind die Töchter erwachsen, in festen Händen,
ist schlaffer die Haut
um Beine und Arme,
und mein Herz rackert sich ab,
als gäbe es kein Morgen.


Unsichtbare Hand: Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
Unsichtbare Hand: Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
von Adam Zagajewski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Durchgriff in die Vergangenheit, 24. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Adam Zagajewski wurde 1945 geboren. Er ist in der schlesischen Stadt Gliwice aufgewachsen und studierte in Krakau Psychologie und Philosophie. Weil er sich 1976 einer Bürgerrechtsbewegung anschloss, waren seine Bücher in Polen bis 1989 verboten. 1981 reiste er in die USA aus. Erst 2002 kehrte er zusammen mit seiner Frau nach Polen zurück. Seither lebt er in Krakau. – Ich halte diese, 2012 bei Hanser erschienen, Gedichte oft in den Händen. Sie wurden aus drei Bänden ausgewählt (Rückkehr [2003], Antennen [2005] und Unsichtbare Hand [2009]). Immer wieder fällt mir das Wort "müde" ein, wenn ich durch Zagajewskis Strophen streune. Vor allem Erinnerung, vor allem Vergangenheit, oft von ihr eingeholt durch einen Augenblick.

Regenbogen

Ich bin zurückgekehrt in die Lange Strasse mir ihrer dunklen
Aureole musealen Schmutzes – und in die Karmelicka,
wo Trinker mit blauen Gesichtern im
Delirium tremens auf das Ende der Welt warten
wie die Anachoreten von Antiochia, und wo
elektrische Strassenbahnen zittern vom Übermass an Zeit,
zurück zu meiner Jugend, die nicht auf mich
warten wollte und erlosch, sich umbrachte durch langes
Fasten und heftiges Wachen, ich bin zurückgekehrt
zu den schwarzen Gassen, zu den Antiquariaten,
wo vergessene Bücher versammelt sind,
zur Konspiration, in der sich Herzlichkeit
und Verrat verbargen, zur Faulheit,
zum Lesen, zur Langeweile, zum Nichts, zum Tee,
zum Tod, der so viele geholt und nie
jemanden zurückgebracht hat, ich bin zurückgekehrt,
in des Stadtteil Kazimierz, die Wüste,
wo sich nicht einmal Trauer findet,
in die Stadt des Regens, der Ratten, des Mülls,
in die Kindheit, die verdampft ist
wie eine Pfütze mit einem Regenbogen aus Benzin,
zur Universität, die ungeschickt versucht,
eine weitere unschuldige Generation zu verführen,
zu der Stadt, die jetzt ihre Wände
verkauft, weil sie Ehre und Treue
schon längst verkauft hat, zu der Stadt,
für die ich eine misstrauische Liebe hege,
und der ich nichts schenken kann
ausser meinem Vergessen und meiner Erinnerung,
ausser dem Gedicht, ausser dem Leben.

Adam Zagajewski wird keinen Nobelpreis bekommen, ihm fehlen das hohe Pathos von Miloz und die Trickkiste einer Szymborska. Er ist der gewöhnliche Mensch geblieben, der sich abmüht, mit dem Leben und den Gedichten, die er unter starken Wehen gebärt. Gerade deshalb lese ich seine Lyrik ausserordentlich gerne.


Tanzstunde auf See. Gedichte
Tanzstunde auf See. Gedichte
von Rolf Haufs
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Melancholie und Lächeln, 19. August 2015
Bei Rolf Haufs (1935 – 2013) letzten Gedichten (2010) fällt mir zuerst der katholische Humor des Rheinländers auf (auch wenn Haufs evangelisch war). Allerdings fehlt ihm die Bodenständigkeit des drei Jahre jüngeren Jürgen Becker. Haufs blieb zeitlebens ein Zerrissener und gab dem eine äussere Gestalt, als er 1960 nach West-Berlin zog. Seine Gedichte sind zumeist höchstpersönlich und es braucht kein Alter Ego herzuhalten. Trotzdem fehlt den Gedichten die existenzielle Tiefe. Haufs war kein Dichter für Leib und Seele, obwohl er viel und nicht nur Lyrik (davon 13 Bände) veröffentlicht hat. Zur Hauptsache war er von 1972 – 1999 (leitender) Redakteur für Literatur beim damaligen SFB (Sender Freies Berlin). Das hat ihn vermutlich materiell aus der Schusslinie genommen. Michael Krüger hat den Band 2010 in seine Reihe Edition Lyrik Kabinett aufgenommen. Vergeblich sucht man ein Nachwort oder eine editorische Notiz. "Tanzstunde auf See" ist eine eigenständige Erstveröffentlichung. – Der Band ist dreigeteilt. Das umfangreichste "Du meine Seele singe" handelt autobiographisch von schwerer Krankheit, Spitalaufenthalt und womöglich von einem amputierten Bein, doch ganz klar wird das nicht, denn hier kommt der der grundsätzlich lebensbejahende katholische Untergrund (in der evangelischen Variante) abwiegelnd in die Quere.

Mit zusammengekniffenen Backen

Andererseits stinken Sie nicht
Wir geben uns grosse Mühe Sie zu waschen
Und auch sonstige Pflege ist im Preis inbegriffen
Allerdings für die letzte Nacht
Verschmutzte Wäsche müssten wir einen Obolus verlangen
Denn nicht wahr das war nicht nötig
Selbst wenn man Ihre starke Behinderung
In Rechnung stellt unsere Toiletten
Sind überall zu finden und auch unsere
Na Sie wissen schon Stühle sind bequem zu erreichen
Wir danken für Ihr Verständnis

Haufs Lyrik ist prosaisch, wenn man mal von der konsequenten Grossschreibung am Anfang jeder Strophe absieht. Selten ein Punkt. Man muss langsam lesen und auf der Hut sein, um nicht am versteckten Rhythmus vorbeizuhampeln. – Die weiteren Abteilungen ("Puppentanzen" und "War für ihren Krieg nicht geeignet") sind weniger klar zu umreissen. Rückblick vermischt sich mit Alltag, Familie, Krieg, Erkenntnissen, Alter, Tod und Bedauern. An wenigen Stellen taucht die DDR auf. Am liebsten mag ich Haufs, wenn er von sich und seinen Enttäuschungen der Jungend berichtet – plastisch, farbig, als wäre es erst gestern gewesen.

Flussläufe

Ich kriegte sie nicht herum wir pellten hartgekochte Eier
Und bissen in Butterbrote. Im hohen Gras waren
Die Paare fröhlich beisammen. Wir aufrecht sitzend
Sahen hinunter auf die stromabwärts tuckernden Kähne
In Richtung Ruhrort und Rotterdam. Ich will mich reinhalten sagte sie
Kenn da eine aussichtsreiche Partie von der Handwerkskammer
Viele Jahre später sah ich sie auf einer Bank
Um Geld betteln und Essen. Sie war
Gar nicht mehr schön. Und das nur wegen dem
Pinkerassapinkerassabum


Zur Irrfahrt verführt: Gedichte
Zur Irrfahrt verführt: Gedichte
von Roman Graf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,50

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen unverbindlich, 18. August 2015
Das Buch ist solide gemacht. Dickes Papier, sauberer Druck, klassische Fadenheftung. Schweizer Wertarbeit. Leider sauteuer und trotz der Ausrichtung auf den deutschen Markt (ss = ß) kaum verkäuflich. Vielleicht hängt es auch mit den Gedichten zusammen. – Roman Graf wurde 1978 in Winterthur geboren und absolvierte eine Lehre als Forstwart, bevor er in Leipzig das Machen von Literatur erlernte. – Mit den Gedichten werde ich nicht warm. Vielleicht liegt es an meinem (fortgeschrittenen) Alter, vermutlich auch daran, dass ich mit dieser unverbindlichen Leipzig-Lyrik wenig anfangen kann. Dabei erzählt Roman Graf durchaus aus seinem Leben, in Ansätzen wenigstens. Immer wieder taucht die Liebe auf, auch in der abwesenden Form. Die Natur spielt eine wichtige Rolle, die Kindheit, der Alltag, Spaziergänge, der Vater, der Grossvater. – Auffällig ist der Einschub von sieben Sappho-Nachdichtungen, die auf das wohl bekannteste ihrer Poeme (das mit den Plejaden) zurückgehen und immer lockerer werden, bis man das Gefühl des Entschwindens und der Unerkennbarkeit hat. Ebenso auffällig ist die abgehackte Sprache, in der Roman Graf viele seiner Gedichte verfasst.

Wintertage

Füsse heben.
Auf der Strasse
Isolationsmaterial.

Nicht träumen, schauen:
Tauben unter Dächern
Lösen Mörtel.

Mantel ablegen.
Heizung andrehen,
Sofa richten.

Nicht sprechen, hören:
Das Stöhnen der Freundin
Des Nachbarn.

Schokolade trinken,
Manchmal essen.
Lesen, nicht denken.

(Was du lesen würdest.)
(Das Leben lernen.)


Letzte Gedichte (Transfer Bibliothek)
Letzte Gedichte (Transfer Bibliothek)
von Iain Galbraith
  Broschiert
Preis: EUR 22,50

4.0 von 5 Sternen Zu Pflanzen freundlicher, 17. August 2015
Michael Hamburger (1924 – 2007) floh 1933 mit seinen Eltern nach England, wo er nach dem Krieg die britische Staatsbürgerschaft annahm. Er lehrte beinahe 30 Jahre lang Deutsch und war in England vor allem durch seine Übersetzungen Deutscher Klassiker bekannt (u.a. Hölderlin, Brecht, Büchner, Celan). Seine eigene Lyrik schrieb er seit 1942 in Englisch. "Letzte Gedichte" erschien 2009 zweisprachig im Folio Verlag (Wien / Bozen). Die passgenauen (manchmal wenig geschmeidigen) Übersetzungen besorgten Jan Wagner, Uwe Kolbe, Klaus Anders und Franz Wurm. Die Gedichte stammen aus den Jahren 2004 – 2006 und vereinzelt aus dem Nachlass. Ein kurzes Nachwort mit Anmerkungen stammt von Iain Galbraith. Die Gedichte sind nie kurz, bewegen sich um Seitenlänge oder sind (wenn länger) unterteilt. Der Ton ist beinahe prosaisch. Man kommt gut ohne die Übersetzungen aus. Hin und wieder schleicht sich ein Binnen- oder Endreim ein. Thematisch immer wieder das Alter und das Altern – Entrückung, Exil und Anachronismus; Selbstauflösung, Schweigen und Vergessen. Nie bedauernd und nie mit Pathos, aber häufig mit ätzendem Sarkasmus. – Ich habe das Buch mehrere Wochen mit mir herumgetragen und wollte es schon wieder weglegen, da sich neben dem hässlichen Umschlag (der an ein Lehrbuch über das Skizzieren erinnert) gar keine poetischen Höhenflüge einstellten wollten. Dafür ist Hamburger in seinen Gedichten grundehrlich, ein Umstand, den mich an das Buch band. Man fragt sich, was diesem Mann Freude bereitete. Ist es nicht ein Hohn des Schicksals, wenn man aus Deutschland vertrieben wird, um sich dann in der nicht ablegbaren Sprache zu bewegen? Man sagt, Hamburger züchtete Äpfel. Darüber hinaus scheint mir, dass ihm der Garten mit seinen Pflanzen und Tieren näher waren als die Menschen. Ersteren begegnet er in seinen Gedichten mit ausnehmender Freundlichkeit.

Morgen, Ende Januar

Von Osten und von Norden her
Noch zögerlich das Licht,
Bis es sich aufschwingt übers Dach,
Den Horizont im Süden erhellt
Und nackte, knospende Stämme färbt,
Glorienscheine um die Schwärze legt,
Die Nadelbäume an ihr Kernholz drücken.

Vor dieser kältesten Wand,
Den beschlagenen Scheiben hohen Fenster,
Winkt des letzten Sommers verbliebene Rose
Mit den erst halb entrollten Blütenblättern
Einer rätselhaften Jahreszeit zu,
Die wir nicht unser eigen nennen können,
Wir, die jedes alten Freundes Tod verdunkelt,
Jüngerer Augen Trübheit,
Zu teilnahmslos, um noch sehen zu können.

Wird er leuchten, der Schnee, den diese Woche
Ein Blizzard herbeitragen soll, wie es heisst
Hellsichtiger ist die Erde, hat der Primel
Zu blühen erlaubt, dem Schneeglöckchen, Eisenhut,
Wird selbst die Begrabenen auferstehen lassen,
Die Körper, wenn die Köpfe auch hängen.

Ich schaue; Stück für Stück an diesem Morgen
Wird der mit Reif bedeckte Rasen grün.


An den Ufern der Dunkelheit: Gedichte aus Palästina
An den Ufern der Dunkelheit: Gedichte aus Palästina
von Taha Muhammad Ali
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Fremde Welt, nicht allzu fern, 11. November 2013
Ich habe diesen schmalen Band lange mit mir herumgetragen und konnte immer nur wenige Seiten auf einmal lesen. Die Lektüre ist bedrückend und wird nur durch einen poetischen Schleier, den ich als arabisch bezeichne, gemildert. Taha Muhammad Ali lebte von 1931 bis 2011 und war als Araber mit einem israelischen Pass Bürger zweiter Klasse, zum inneren Exil verdammt, da er mit dieser Staatsbürgerschaft ebenso wenig ins arabische Ausland reisen konnte, wie seine bei der Gründung Israels geflohenen Verwandten und Freunde später zu ihm. Auch als später Literat (seinen Lebensunterhalt verdiente er mit seinem Souvenirladen) waren ihm Reisen ins arabische Ausland weitgehend versagt und die arabische Literaturszene in Israel ist marginal. Es grenzt also an ein Wunder, wenn ich nun dieses schmale Buch in der Hand halten darf. Es wurde von Stefan Weidner übersetzt und enthält eine Auswahl aus fünf Bänden. - Je länger ich die Gedichte (wie homöopathische Dosen) einnehme, desto näher und vertrauter wird mir der Dichter. Gleichzeitig werden die anfänglich klaren Konturen unscharf. Dieses Paradoxon habe ich auch schon bei anderen arabischen Dichtern erlebt und es hängt für mich mit der hohen Abstraktion zusammen, welche die arabische Hochsprache und die kulturellen Umstände einem Verfasser abverlangen. Häufig ist der Zugriff auf Symbole in der Natur (Tauben, Malven, Tag und Nacht). Trotzdem geht die "existentielle Grundierung", wie der Übersetzer im seinem Nachwort festhält, nie verloren. Diese spürbare Tatsache macht Taha Muhammad Ali zu einem universellen und grossen Dichter. Übers Ganze gesehen, ist - neben der Liebe und der Freude am Leben - die wehmütige Klage im Vordergrund: Vertreibung, Verlust, Abschied, Trauer und Schmerz, zumeist an realen, nicht allzu konkret beschriebenen Ereignissen greifbar gemacht, formal oft in mehrseitigen Elegien und - durchaus erstaunlich - in kurzen Gebilden, die Aphorismen ähneln. Man darf die Gedichte von Taha Muhammad Ali durchaus biografisch lesen, wenn man weiss, dass sein Heimatdorf Saffuryyia 1948 dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Gleichgewicht

Im Jahr 1948
Besassen wir
Einen hochherzigen Stier,
Er hatte zwei Hörner,
Wie die anderen Stiere.
Die anderen aber,
Sie hatten einen
Gewöhnlichen Traktor,
Mit einer Kette,
Ganz wie die anderen Traktoren!


Im Rückstoss des Tages: Gedichte
Im Rückstoss des Tages: Gedichte
von Caspar Jenny
  Broschiert
Preis: EUR 12,00

1.0 von 5 Sternen Ohne Rückstoss, 16. Oktober 2013
Caspar Jenny wurde 1971 in Basel geboren. Er ist der drei Jahre ältere Bruder der ungleich bekannteren Zoë Jenny ("Das Blütenstaubzimmer") und hat diesen Band 2012 veröffentlicht. Ich kann ihn nicht empfehlen. Zornig und hölzern kommt das sechsfach unterteilte Gejammer mit Titeln wie "Die Pest der Gesichter" und "Toxische Nacht" daher. Was sich anfänglich wie eine gereizte Schöpfungsgeschichte liest (Das Sein der Mikroben / schwarzer Zellhaufen / blutend aus dem Gestirn - aus: Lebewesen, S. 12), wendet sich später ins Persönliche (über dem Docht deines Schweigens / meine Atemflamme / die erlischt - aus: Docht des Schweigens, S. 64) und dann ins Hochnotpeinliche (Wie eiternd / aus der erhitzten Schwanzeichel / schiesst / das warme Gift // In deinen Mund / der noch schäumend / den Samen kaut - aus: Eiternd, S. 58). Eine Bearbeitung an den Ergüssen ist nicht erkennbar. Tapsig werden Worte und Halbsätze untereinander gereiht, wie sie dem Autor gerade in den Sinn kommen. Häufig liest sich das wie französische Speisekarten mit lauter bestimmten Pronomina - Das Sein - die Zeit - der Schrank. Kühne Wortschöpfungen in Celanscher Manier (vgl. auch "Die Schlote des Traums", das an die "Todesfuge" erinnert), zerfallen beim Lesen zu sinnlosem Blabla (Atemstrom des glühenden Lebens / im Haarwuchs des Schattens - aus: Vergehen wie blind, S. 70). Es ist ganz offensichtlich, dass keiner die Gedichte von Caspar Jenny vor der Veröffentlichung besprochen hat, am wenigsten der Verlag, der es nicht einmal für nötig hält, Druckfehler zu korrigieren (vgl. Inhaltsverzeichnis, S. 6 und "wennn", S. 28).


Gottgewimmer. Gedichte
Gottgewimmer. Gedichte
von Christoph Meckel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schöpfung und Apokalypse, 30. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Gottgewimmer. Gedichte (Gebundene Ausgabe)
In Christoph Meckels 2010 erschienenen Band (er war zu diesem Zeitpunkt 75 Jahre alt) kann man keine Altersmilde feststellen. Die Gedichte sind spröde, archaisch, streckenweisse bissig und von einem sarkastischen Pessimismus getragen. Meckels Lyrik hat keine offensichtliche Klarheit; die Worte gerinnen zwar schnell zu verlässlichen Einzelbildern, doch lässt sich damit selten ein verständlicher Film herstellen. Häufig, dass Meckel die übliche Erwartungshaltung mit einer gegen den Strich gebürsteten Logik unterläuft und aus scheinbarer Banalität eine absolute Stärke hervorzaubert, die alles überdauert, z.B. im Gedicht "Mit dem Stein".

Das Buch hat drei Teile:

In "Stopover" schöpft Meckel seine Welt (als Gott) und bevölkert sie mit archaischem Personal, gibt ihnen etwas zu tun, setzt sie vor allem der Sterblichkeit aus und verlässt den Ort des Geschehens mit einer gehörigen Portion Desillusionierung - Gott hat versagt bzw. muss den Menschen seinem Schicksal selbst überlassen ... diese Welt, für nichts geschaffen / hat ihr Ende hinter sich ... Sterbliche Ware. Ich gab ihr den Atem. / Nahm meinen Atem nicht zurück.

In "Neun Gedichte" kann ich mich eines frankophilen Eindrucks nicht erwehren (Meckel wohnt[e] zeitweise in Frankreich). Die Gedichte sind überwiegend länger als eine Seite und lassen sich einfacher an einem Menschen im Jetzt (vielleicht auch Meckel selbst) festmachen. Aussergewöhnlich finde ich die "Litanei vom Raben", die mir diesen verstossenen Vogel neu erklärt. Missraten finde ich hingegen "Durchsage".

Die "Gedichte im Hinterland" sind bunt (zusammengewürfelt) und entbehren - stellenweise - nicht eines ironischen Humors. Auffällig sind die vielen Frauen, die - auch wiederholt - die Gedichte bevölkern. Mir persönlich ist dieser Teil am liebsten, weil die Gedichte schonungslos zwischen Liebe, Leben, Tod pendeln und meiner Meinung nach viel von Meckels Person verraten.

Motto
- wenn er könnte, er käme geflogen / und wenn er könnte, wäre sein Bein / ein Flügel über die Schulter gebogen / und er würde stürzen, um wahr zu sein -


Bis ich dies alles liebte: Neue Heimatgedichte
Bis ich dies alles liebte: Neue Heimatgedichte
von Norbert Scheuer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein wenig Echo von allem, 10. Juli 2012
Norbert Scheuer hat Jahrgang 1951 und ist vom Beruf Systemprogrammierer. "Nebenher" schreibt er mit einigem Erfolg Romane und Gedichte. "Überm Rauschen" stand 2009 auf der kurzen Liste des Deutschen Buchpreises. "Neue Heimatgedichte" ist sein zweiter Band mit Lyrik. Norbert Scheuer stammt aus Prüm an der belgischen Grenze; Natur und Dorfleben sind definitiv seine Themen. Da ich auch in einem Dorf aufgewachsen bin, weiss ich um den Grasatem einer Kuh und um den in der Luft kreisenden Bussard; ich kenne die regengefüllten Traktorspuren auf dem Feld und die bierschwangere Erotik an einem Dorffest. All das macht mir die Gedichte auf Anhieb sympathisch. Doch stellen sich mit der Zeit Abnutzungserscheinungen ein. So unterschiedslos die willkürlichen drei Abteilungen des Buches daherkommen, so beliebig sind etliche Aussagen ...unzählige Welten mit Ähnlichkeiten die wir nicht mal erahnten... (aus "Bis du zurückkamst", S. 52). Rhythmus - und das ist eine weitere Schwäche - entsteht bei Scheuer nur durch Aufzählung ...stellte mich an Wegsteine / an Landstrassen / mitten auf Dorfplätze / auf Felder / auf Friedhöfe... (aus "Landvermesser", S. 17). Befremdlich finde ich auch die gespreizte Darstellung mit unzähligen Einrückungen und bisweilen weit auseinandergezogenen Worten. Die Luftigkeit der Darstellung fördert den Mangel an Konzentration, Präzision und Tiefgang. "Ein (wenig) Echo von allem" eben, wie das Gedicht auf S. 37 heisst. All das macht einen bemühenden Eindruck und steht der Aussage im Vorgedicht diametral entgegen ...war immer zufrieden / mit meiner Bedeutungslosigkeit / fuhr jeden Tag zur Arbeit / schrieb nebenher Gedichte... (aus "Brot und Seele", S. 9). Trotzdem, die Sympathie ist nicht geschwunden, weil sich auch die glückliche Kindheit nicht einfach wegdenken oder wegschreiben lässt ...manchmal glaub ich / von meiner Jugend bis jetzt / sind's nur Sekunden... (aus "Geburtstag", S. 28) oder ganz zum Schluss ...du sagst / irgendwann sterben wir / vielleicht du vor mir / vielleicht in derselben Stadt / vielleicht eine Häuserzeile weit voneinander entfernt. (aus "Um was es geht", S. 95.)
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 9, 2012 7:49 PM MEST


Ende der Durchsage: Gedichte (Sammelband) (KiWi)
Ende der Durchsage: Gedichte (Sammelband) (KiWi)
von Charles Bukowski
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fingerübungen für Bukowskis Seele, 2. Juli 2012
Nun ja, es war schön, wieder einmal Bukowski (1920 - 1994) zu lesen, zumal die Gedichte in Deutsch noch nie so komplett in einem Band versammelt waren. Erinnerungen an ein Damals tauchten auf. 1983 hatte ich als Teenager Bukowski entdeckt ("Faktotum"). Die Bücher trank man weg wie eine Flasche Cola. Drei Jahre später habe ich Amerika erlebt und es gibt dieses Amerika überall. In meinem US-Umfeld war Literatur tabu, dafür ging man zum Fischen. Bukowski hat schon damals polarisiert. Entweder man mochte ihn, weil man hinter seiner kruden Fassade von Siff, Sex und Suff so etwas wie einen coolen Vorstadt-Guru mit seiner Lass-mir-meine-Ruhe-Philosophie sah oder man fand ihn einfach banal. Seine Gedichte sind nicht geschliffen noch sind sie tiefgründig. Es kommt mir eher so vor, als ob es Fingerübungen für Bukowskis Seele und seine Erzählungen und Romane waren. Es ist alles vorhanden, von den "guten Beinen" über das Pferderennen bis zur Keilerei in einer Bar. Dreissig Jahre später blickt man anders auf die inhärente Ambivalenz der Texte - selten (aber immerhin) eine lyrische Wahrheit: ... und deine Füsse verheddern sich in Laken, du schaust auf eine Hand, die ohne Weiteres einem Mann von achtzig Jahren gehören könnte ... Die Gedichte sind aus vier Sammlungen entnommen und decken den Zeitraum 1946 bis 1993 ab. Das Buch ist leider dreckbillig gemacht und das Papier verströmt schon in der Buchhandlung einen Verwesungsgeruch.


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