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Beiträge von Thula Vogell
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Rezensionen verfasst von
Thula Vogell

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Das deutsche Pfarrhaus: Hort des Geistes und der Macht (Quadriga)
Das deutsche Pfarrhaus: Hort des Geistes und der Macht (Quadriga)
von Christine Eichel
  Gebundene Ausgabe

14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Beitrag zu weiterer Mythenbildung, 7. Dezember 2013
Ich habe dieses Buch als Bibliotheksexemplar gelesen und bin ehrlich gesagt froh, dass ich kein Geld dafür ausgegeben habe. Positiv ist allerdings anzumerken, dass es sprachlich gut geschrieben ist und sich leicht und angenehm lesen lässt. Es ist auf seine Weise unterhaltsam, wie eine Essaysammlung aus Zeitungsartikeln.

Nur eines darf man meines Erachtens von diesem Buch nicht erwarten: echte Erkenntnisse, die über einen verhältnismäßig oberflächlichen Streifzug hinausgehen. In dem Buch wird weder ein soziologischer, noch ein psychologischer, noch ein historischer, noch ein theologischer Angang konsequent verfolgt. Es folgt dem Muster: hier hat man das und das gelesen, dort hat man jenes gelesen, dies und das hat man gehört oder selbst erlebt. Um dann immer wieder zu der Erkenntnis zu kommen, dass es letzten Endes immer auf die konkreten Menschen ankommt, wie die Wirklichkeit eines Pfarrhauses gelebt wurde und wird. Und das ist eine Aussage, die wohl auf jedes Leben und jeden Beruf zutrifft.

Solche Plauderei ist dazu angetan, existierende Mythen weiter auszuschmücken. Z.B. denjenigen von den "berühmten Pfarrerskindern" und denjenigen, die wie Müllers Vieh nicht geraten sind. Die Beispiele der berühmten Pfarrerskinder stammen zu einem guten Teil aus der Zeit, als es nur sehr wenige akademische Berufe gab: Ärzte, Theologen, Professoren. Und als einem großen Teil der sog. einfachen Bevölkerung der Zugang zu Bildung eben nicht so ohne weiteres offen stand. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Kinder aus Pastorenfamilien einen hohen Anteil an Künstlern und Wissenschaftlern ausmachten. Kinder von IT-Ingenieuren oder von Betriebswirten gab es halt nicht. (Und was ist mit den zahllosen Pfarrerskinder heute, die ein sog. normales Leben führen?) Es ist eher eine Frage der Statistik, als eine Frage des Geistes.

Die Frage des Geistes wird genau genommen in dem Buch nur gestreift. Denn diese Frage würde bedeuten, dass man sich klar macht: Pfarrer haben die Weltanschauung zum Beruf gemacht. Und die gewählte Weltanschauung (das evangelische Christentum) dominiert damit alles, was in den Pfarrhäusern geschieht, sowohl familiär, als auch gesellschaftlich. Um dieser Frage wirklich nachzugehen, müsste man sich die inhaltlichen Details dieser spezifischen Weltanschauung ansehen und nachvollziehen, wo sie ihren Niederschlag in der gelebten Praxis finden. Positiv und negativ. Erst wenn man bis zu diesen religiösen Grundlagen zurück geht und ihr Wirken in der sozialen Pfarrhauswirklichkeit nachvollzieht, kann man vielleicht erkennen, worin der Unterschied besteht zwischen Politikerhaushalten, Sektenhaushalten, Haushalten von Gewerkschaftsfunktionären, Haushalten von orthodoxen Geistlichen, Haushalten von Leuten, die Esoterik zum Beruf gemacht haben usw. usf. und eben Pfarrhaushalten. Wenn es denn einen wesentlichen strukturellen Unterschied gibt, der über die inhaltlichen Details des jeweiligen Glaubens hinausgeht.

Aber gerade der Zusammenhang zwischen dem protestantisch-christlichen Glauben und der Pfarrhauswirklichkeit wird in dem Buch nur angerissen, nicht aber näher beschrieben und untersucht. Schade. Man kann meiner Ansicht nach nicht fundiert über Pfarrhäuser schreiben, ohne sich mit der Theologie dahinter und ihrer soziologischen und psychologischen Wirkung genauer zu beschäftigen.

Stattdessen werden Dinge als pfarrhaustypisch dargestellt, die es nicht sind: die Beteiligung der Kinder an Arbeiten im beruflichen Umfeld ist z.B. bis in die 70er Jahre auf dem Lande überhaupt nichts Ungewöhnliches gewesen: Bauerskinder, Handwerkerkinder taten das genauso wie Pfarrerskinder. Und auch die Kinder von Ärzten und Lehrern auf dem Lande können vermutlich ein Lied vom Leben unter den Argusaugen der öffentlichen sozialen Kontrolle singen.

Auch die hübschen Erzählungen über den "Rund-um-die-Uhr"-Job stimmen so nicht, wie sie auch in diesem Buch dargestellt werden. Richtig ist, dass die Arbeitszeiten von Pfarrern wenig geregelt sind. Aber das gilt für viele Berufe. Und Pfarrer haben einen sehr großen Freiraum, sich ihre Arbeit einzuteilen. Sie brauchen die Predigt nicht Samstagabend auf den letzten Drücker zu schreiben, sie können das auch am Freitagmittag machen. Nicht jeden Freitag ist eine Trauung.

Die Unterschiede zu anderen Berufen liegen einzig und allein in der Tatsache, dass wie gesagt die Weltanschauung zum Beruf gemacht wird. Und da das Buch an eben dieser Stelle keine nähere Analyse betreibt und im Essayistischen, Anekdotenhaften verbleibt, ist es für mich eine Enttäuschung gewesen. Eben ein Beitrag zu weiterer Mythenbildung, der vielleicht für die evangelische Kirche aktuell gut in die Vorbereitung der Reformationsfeierlichkeiten passt, wie auch die Pfarrhausausstellung in Berlin. Aber eben keine weiterführende Erkenntnis liefert.


Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin
Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin
von Kathrin Passig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kabarettistisch prima, ratgebend miserabel, 25. Dezember 2011
Ich habe dieses Buch gelesen, da ich erwog, es im Bekanntenkreis zu verschenken an Menschen, denen Prokrastination zu schaffen macht. So habe ich die einzelnen Abschnitte immer wieder mit dem inneren Dialog abgeglichen: "Was würde Frau X und Herr Y dazu sagen, wenn sie oder er das liest oder geraten bekommt?". Fazit bei fast jedem Kapitel: "Nett. Aber was hat das mit mir zu tun? Nichts! Diese Autoren sind scheint's noch nie in komplexere soziale Zusammenhänge eingebunden gewesen."

Das Buch von Kathrin Passig und Sascha Lobo ist sehr amüsant zu lesen, wenn man es als Kabarettbeitrag zur Arbeitsmoral und zu den Phänomenen moderner Technik liest. Oder auch als Satire auf sonst gängige Ratgeberliteratur. Wären sie dabei geblieben und hätten sie es so vermarktet, so wäre es ein prima Buch geworden. Und auch der Anfang ist vielversprechend, solange es darum geht, die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge zu beleuchten, unter denen das Phänomen Prokrastination auftritt oder möglicherweise verstärkt wird. Wären die Autoren auf dieser Ebene geblieben und von dort aus in die Tiefe gegangen, so hätte es auch ein gutes Buch werden können. Aber das ist ja eben eines der Probleme des Prokrastinierens, nämlich dass kein Tiefgang und keine echte Analyse oder Hilfestellung erreicht wird. Und so wird diese anfängliche Ebene im Buch ganz schnell wieder verlassen. Dort, wo vielleicht wirklich etwas in den Arbeits- und Sozialstukturen im Argen liegt und geändert werden könnte, reißen die Autoren das Thema nur an, um es dann sofort abzuhaken.

Stattdessen geht's dann in die Welt des vermeintlich Ratgebenden und Individuellen. Die sogenannten Erfolgsbeispiele sind aber derart individuell und begrenzt, dass es nur für äußerst wenige Menschen, die tatsächlich unter Prokrastination leiden, etwas aussagen dürfte. Der Adressatenkreis beschränkt sich eindeutig auf die Welt der Studenten, die Hausarbeiten schreiben müssen, auf Wissenschaftler, Autoren oder Künstler, die individuell Texte schreiben o.ä..

Der sehr viel häufigere Fall der wechselseitigen Abhängigkeit mehrerer Menschen (nicht nur des Prokrastinierers) von den Ergebnissen des eigenen Tuns oder Lassens wird weitestgehend ausgeblendet. Ich gebe den Autoren Recht, dass sehr viel Unnötiges getan wird und auch, dass viele Menschen zu wenig auf ihre seelischen Bedürfnisse Acht geben, sobald es ums Arbeiten und Erledigen von scheinbar Dringendem geht. Doch es gibt in dem Buch keine sinnvollen Hinweise, wie man lernt, das Nötige vom Unnötigen zu trennen, wie man am Erforderlichen Spaß haben kann und wie man die Lust- und Unlustsignale der Psyche nutzt, anstatt sie nur einfach hinzunehmen. Und so reduzieren sich die gegebenen Ratschläge im Kern auf das Ausblenden der Tatsache, dass Menschen in sozialen Zusammenhängen leben und arbeiten und darauf, dass kein Versäumnis so schlimm ist, als dass man seine Konsequenzen nicht auch irgendwie überstehen könnte.

Sieht man sich konkrete Arbeitsbeispiele an, so fallen die luftigen Gebäude des Buches in sich zusammen. Wie ist das z.B. mit dem behandelnden Arzt, vielleicht ein Chirurg, der am OP-Tisch nach dem LOBO-Prinzip feststellt: "Es ist für mich gerade nicht der richtige Moment." Oder: "Ist ja nicht so schlimm, wenn ich die ersten 20 Minuten nochmal was anderes mache und beim Zusammennähen etwas hudele."? Oder im technischen Bereich: Ein Programmierer, der die Deadline für hochsensible Software nicht einhält, weil für ihn noch nicht die richtige Zeit war, verhindert, dass diese Software getestet wird und programmiert indirekt Störfälle.

Als Beispiele für erforlgreiche Übersprungreaktionen nennt das Buch vorzugsweise das Schreiben von Blog-Artikeln. Was aber, wenn am anderen Ende des Netzes die Betreiber gerade der Meinung sind, es sei der richtige Zeitpunkt für Wartungsarbeiten, der Verantwortliche für die Online-Verfügbarkeit müsste jetzt eben mal ein paar Tage prokrastinieren und der Blogger eben solange warten?
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 8, 2014 8:22 PM MEST


Verwoben
Verwoben
von Uzma A. Khan
  Gebundene Ausgabe
Wird angeboten von livres-divers Preise inkl. MwSt.
Preis: EUR 8,75

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verwobene Perspektiven, 25. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Verwoben (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch war ein echter Glücksgriff beim Kauf in den Amazon-Restbeständen. Es ist sehr schade, dass von der pakistanischen Autorin (noch?) nicht mehr ins Deutsche übersetzt ist.

"Verwoben" sind die Menschen des Buches. Verwoben sind die Kokons der Seidenraupen auf der Seidenraupenfarm der Mutter der 19-jährigen Dia. Dia liebt diese Tiere und ihr größter Wunsch ist es, die Motten beim Schlüpfen und Paaren zu beobachten, was ihr noch nie gelang. Während die Mutter von Dia eine selbständige, emanzipierte pakistanische Frau ist, lebt die Mutter des 23-jährigen Daanish ganz im traditionellen Denken. Ihr verstorbener Mann, der "Doktor", war seinerseits jedoch weltgewandt, beklagte das Desinteresse seiner Frau, während er sie zugleich betrog und reichlich beschenkte. Und seinem Sohn, der nunmehr in den USA studiert, hinterließ er die Liebe zu Muscheln, vor allem den seltenen. Daanish liebt die Muscheln so, wie Dia die Seidenraupen. Und schließlich lieben diese beiden sich. Aber das führt zu vielerlei Problemen.

Das Faszinierende an dem Buch ist die Vielzahl der Perspektiven, aus welcher es geschrieben ist. In einzelnen längeren Abschnitten wählt die Autorin immer die Perspektive einer der Romanpersonen, in welche sie sich hervorragend einfühlt. Dadurch wird manches, das einem sonst vom Denken her fremd erscheint, nahe gebracht. Zugleich erfährt man ganz am Rande viel vom Leben in Pakistan, davon, wie die dort lebenden Menschen es erfahren, in dem ebenfalls verwobenen Netzwerk innerer Konflikte der vielen dort lebenden Nationalitäten und dem Netzwerk der großen Mächte, allen voran "Amriekas". Die Fisch-Trawler der Fremden nahmen den kleinen Fischern die Erwerbsquelle, trieben sie in die Stadt. Und so gelangt auch Salaamat in die Stadt, malt in einer Karosseriewerkstatt mit Leidenschaft einen Bus bunt an, wird zu einem privaten Fahrer, der Daanish und Dia zu ihren heimlichen Rendezvous am Strand fährt. Während diese sich lieben, gleiten Salaamats Gedanken in die Zeit, als er als Junge die Schildkröteneier am Strand vor dem Raub durch die Männer schützte, brutale Prügel bezog und von einer Schildkröte und seiner Großmutter gerettet wurde. Den liebevoll bemalten Bus aber findet er eines Tages ausgebrannt wieder. Trost findet er bei seiner Schwester, einer der Arbeiterinnen, die auf der Seidenraupenfarm die Larven mit kleingeschnittenen Maulbeerblättern füttert und ihr viertes Kind. 19-jährig wie Dia, deren Freundin sie ist, trägt sie ihr fünftes Kind gerade aus.

Ob Dias Liebe zu Daanish sich erfüllen kann? Ihre selbstbewusste Mutter lehrte sie, niemals einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebe. Doch als es darauf ankommt, ist auch sie gegen die Verbindung. Warum?

Faszinierend, wie die Autorin immer wieder zugleich sowohl das Unmittelbare vor Augen führt, als auch das, was weit darüber hinaus geht. In wenigen Sätzen versteht sie es - bildlich gesprochen -, zugleich den Stein zu beschreiben, der in Wasser fällt, als auch die Kreise, welche er dabei zieht. Nicht nur, wenn sie die historische Entdeckung der Seide in China mit dem konkreten Leben von Dia verbindet, immer wieder wird die große Geschichte poetisch verwoben mit dem Leben der Einzelnen. Das erzeugt beim Lesen eine innere Weite und hilft, die Tragik und Traurigkeit vieler der konkreten Ereignisse auszuhalten.

Das Buch ist von der ersten Seite an spannend und vermittelt ganz nebenher viel interessantes Wissen. Es lebt von der einfühlsamen Beschreibung der Details und dem wiederkehrenden Wechsel der Perspektiven, welcher den Leser, die Leserin immer dann, wenn man sich innerlich auf die Seite einer Person geschlagen hat, wieder daran erinnert: "Man kann es aber auch ganz anders sehen und erleben."


Chaos: Ein Roman in neun Teilen
Chaos: Ein Roman in neun Teilen
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erstaunliche Weite von Sprache und Inhalt, 15. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Chaos: Ein Roman in neun Teilen (Taschenbuch)
Dieses Buch schafft (mindestens) dreierlei: es spricht in fantasievoller Sprache und Bildern, die oft humorvoll sind, ohne an Tiefe zu verlieren. Es bietet einem neun ganz verschiedene und für sich genommen liebens- und lesenwerte "traditionelle" Romangeschichten quer über den Globus. Vor allem aber verwebt es diese einzelnen Geschichten dort miteinander, wo sich die Leben der jeweiligen Menschen tatsächlich berühren. Nämlich da, wo es zu zufälligen Begegnungen kommt, da, wo sich ihre Wege kreuzen, weil sie mit einem ähnlichen Anliegen zu tun haben.

Doch weil diese Anliegen oder Vorhaben für die Einzelnen konkret jeweils etwas ganz anderes bedeuten, darum lernen sich diese verschiedenen Menschen in dem "übergeordneten" Gesamtroman nicht wirklich kennen. Sie begegnen sich eben nur. Doch der Leser lernt jeden von ihnen kennen und kann den tieferen Zusammenhang, die gemeinsamen verbindenden Muster aufspüren. Mitchell verzichtet darauf, einen künstlichen Handlungs- oder Ereignisstrang zu konstruieren, welcher diese verschiedenen Leben mehr als lose miteinander verknüpft. Wozu auch? Es gehört eben gerade zum Beeindruckenden dieses Romans von Mitchell, dass er die Verbundenheit und den inneren Zusammenhang all der Menschen fühlbar und spürbar macht, auch ohne hierfür eine verbindende Logik der Ereignisse und Handlungen zu bemühen.

Dabei ist der Autor den Menschen, von denen er erzählt immer sehr nah und beschreibt sie mit viel Einfühlung. Und so, wie Menschen eben äußerst verschieden sind, sind dann auch die Weisen des Erzählens in den einzelnen Abschnitten äußerst verschieden. Und immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl: "Ja, genauso läuft es im menschlichen Leben ab."

Doch selbst, wenn man keinen Zugang zu diesem losen Verweben von Einzelnem bekommt, lohnt sich das Buch allein wegen seiner Sprache und Bilder. Man kann den Roman beinahe willkürlich aufschlagen und findet Sätze wie die folgenden:

"Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Leben ist ein Brunnen, und ich sitze mittendrin. Das Wasser reicht mir schon bis zum Hals, aber stehen kann ich immer noch nicht."
"Die Evolution und die Geschichte sind das Billard der Teilchenwellen."
"Die Minuten schleppen sich wie ein angeschossener Hollywoodgangster über einen Korridor."
usw.

Ich mag dieses Buch sehr und halte es ähnlich wie Mitchells "Wolkenatlas" für hervorragend.


Der Wolkenatlas
Der Wolkenatlas
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

39 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berührungen und Analogien über Jahrhunderte - noch besser als "Chaos", 15. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Wolkenatlas (Taschenbuch)
Hatte mich schon Mitchells Roman "Chaos" in seinen Bann gezogen, so finde ich, dass der "Wolkenatlas" qualitativ noch einmal darüber hinaus geht. Tatsächlich kann man ihn lesen als Sammlung einzelner, lose miteinander verwobener Geschichten. Und jede ist für sich genommen "ein guter kleiner Roman". Doch das macht noch nicht die eigentliche Faszination aus. Vielmehr passiert in dem Werk Folgendes: es wird Zeit aufgefaltet und wieder zugefaltet, von der Vergangenheit (Anfang 19. Jahrhundert) bis in die Zukunft (ca. 24. Jahrhundert) und wieder zurück. Auf dem Höhepunkt des Romans wird dies von einer der Romanfiguren (einem Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts) auch selbst reflektiert: er spricht dort über das Entfalten der Zeit "in Form eines V".

Der Zusammenhang zwischen den einzelnen zeitlichen Episoden ist kein logischer. Das heißt, es gibt keine durchgängige Handlungslogik, wie man das meist in Romanen kennt. Und doch sind die Zusammenhänge zwischen den einzelnen "Teilromanen" deutlich mehr als nur ein willkürlicher Zufall. Die Menschen in ihnen haben über die Jahrhunderte hinweg miteinander zu tun, auch wenn sie nichts voneinander wissen oder manchmal von ihren Vorgängern nur noch deren verbliebenen Symbole antreffen (das Schiff "Princess", welches auch im 20. Jahrhundert noch im Hafen von Buenas Yerbas liegt, die im 22. Jahrhundert als Klon entstandene junge Frau Somni, deren Legende sie 200 Jahre später zur Göttin der kleinen überlebende Zivilisation auf Hawaii gemacht hat). Und so weit die Schere der Zeit auch auseinanderklafft, da ist das gemeinsame Thema der menschlichen Gier, die Frage "Welche Kräfte setzen sich langfristig durch, und warum tun sie es?". Und dicht daran angeschlossen ist da immer wieder die Schilderung, wie Menschen andere Menschen abhängig machen und für ihre Zwecke ausnutzen.

In allen Romanteilen vorhanden ist die Frage: "Wie entsteht und wirkt Abhängigkeit, Sklaverei, Unterdrückung?" Scheinbar ist die Sklaverei im 20. Jahrhundert überwunden: es herrscht die Wirtschaft, Konzerne erzeugen neue Abhängigkeiten. Doch durch die Entwicklung der Gentechnologie entstehen dann die "gezüchteten Sklaven", die Klone. Und nach dem Untergang der Zivilisation findet selbst in den kleinen Überlebendengruppen erneute Sklaverei statt. Allerdings gespiegelt: denn jetzt sind es die "Wilden", welche die "Zivilisierten" versklaven. Im Kern aber ist dann auch diese Sklaverei der längst vergangenen gleich geblieben. Neben diesen "großen" Abhängigkeiten, geht es immer wieder auch um die individuellen Abhängigkeiten: eines Notars von seinem falschen Arzt, eines enterbten Komponisten von seinem reichen Vater und ebenso reichen Brotgebers, eines Sicherheitsangestellten von seinem Arbeitgeber, eines alten Mannes von den herrischen Pflegekräften zum Beispiel.

Das Symbol, welches alle Episoden am offensichtlichsten miteinander verbindet ist unscheinbar: ein kometenförmiges Muttermal, welches selbst bei dem Klon bzw. der Klonin nicht "weggenomiert" werden konnte. Und es sind die Träger dieses Symbols, welche sich in ihrer je eigenen Umgebung über die scheint's unüberwindlichen Gegebenheiten von Abhängigkeit und Unterdrückung hinwegsetzen: "Tropfen in einem Ozean voller Tropfen", so heißt es am Ende.

Zusammen mit der sehr gelungenen, fantasievollen, oft auch humorvollen Sprache halte ich das Buch für einen hervorragenden Roman.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 8, 2012 8:48 PM CET


Königin des Südens: Roman
Königin des Südens: Roman
von Arturo Pérez-Reverte
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bemerkenswerter erzählerischer Aufbau, 15. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Königin des Südens: Roman (Taschenbuch)
Diese Biografie der "Drogenkönigin" Teresa Mendoza verflicht zwei Ebenen miteinander: da ist zum einen der recherchierende Journalist bzw. Autor. Er berichtet, was ihm die verschiedenen Zeit- und Augenzeugen über Teresa und ihr Leben erzählen. Dabei wird jederzeit deutlich, dass nicht so ganz klar ist, was davon wahr, geschönt, gefärbt ist: die Befragten haben ganz eindeutig ihre eigenen Interessen. Die zweite Ebene dann: im Anschluss an diese Gespräche und Begegnungen des Autors mit den Zeugen setzt er das Gehörte um in eine Schilderung mit lebendigen Bildern eben dieser jeweiligen Lebensphase der Mendoza. Da ist der Leser dann mitten in ihrer Welt und ihrem Erleben.

So wechselt das Buch beständig zwischen einer gewissen Distanz zur Hauptperson (die Abschnitte, in denen der Autor sich als recherchierenden Biografen darstellt) und den Abschnitten, in welchen man der Teresa Mendoza nah ist, mitten in ihrem Leben, Erfahren und Handeln. Es wird klar, dass es eine beständige Annäherung an ihre Person ist. Die Frau mit ihrem Leben und ihren (Über-)Lebensentscheidungen wird immer deutlicher. Zu Beginn des Buches ist man vielleicht noch etwas ratlos, was das für eine junge Frau ist, die da auf einmal, von einer Minute auf die andere, fliehen muss, um ihrer Ermordung zu entgehen. Aber mehr und mehr kristallisiert sich das Bild der Frau heraus. Fasst hat man den Eindruck, als arbeite der Autor dabei wie ein Bildhauer, der ein zunehmend plastisches Bild schafft. Und so wird das Bild der Teresa wirklich sehr plastisch, doch es bleibt eine Skulptur. Deren Inneres ist allerdings kein Stein, sondern eine Menge von Fragen, die sich der Leser über das Wesen der "Königin des Südens" als Frau und Mensch stellen kann.

Letzten Endes entspricht diese Entwicklung der Person auch dem eigenen Erleben der Teresa Mendoza im Roman: immer wieder fragt sie sich ja selbst, wie sie zu gerade diesem Leben kommt, was sie eigentlich für ein Mensch ist. Als Kind in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen, als junge Frau in eine Liebesbeziehung mit unabsehbaren Folgen geraten kann sie es ja selber noch nicht wissen: "Was wird das für eine Frau, die da mit Anfang 20 und einer Pistole in der Handtasche fliehen muss?"

Ich halte das für eine faszinierende Weise, ein Leben zu beschreiben. Es ist sehr spannend, weil in diesem Leben ständig Entscheidungen getroffen werden, die dramatische Folgen haben: für Teresa Mendoza selbst, aber durch ihren Aufstieg in der Drogenwelt auch für viele andere Menschen. Die vom Autor immer wieder hergestellte Distanz (die Recherche) halte ich auch deshalb für gut, weil sie eine übertriebene Identifikation mit der "Drogenkönigin" verhindert: immerhin sind ihre Entscheidungen in der Drogenwelt Europas und Afrikas höchst ambivalent, auch wenn sie sich für Teresa selbst oft als überlebensnotwendig darstellen.

Ein definitiv sehr lesenswertes Buch! So eindrucksvoll die Schilderungen von Teresas Leben aber sind, sie haben eine Tendenz dazu, wie die Beschreibung von Film- oder Fernsehszenen zu wirken. Vor allem Verfolgungsjagden werden für meinen Geschmack etwas zu akribisch beschrieben. Die Ereignisse werden dadurch nicht nachvollziehbarer, sondern eben mehr zu Skizzen eines Films, der anschließend gedreht werden soll. Aus diesem Grund gebe ich 4 statt 5 Sternen.


Mit Blindheit geschlagen: Stachelmanns zweiter Fall
Mit Blindheit geschlagen: Stachelmanns zweiter Fall
von Christian von Ditfurth
  Gebundene Ausgabe

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Blutleer, 14. November 2009
Es mag seltsam anmuten, einen Krimi, in welchem natürlich Blut fließt, als blutleer zu bezeichnen. Und doch ist es - im übertragenen Sinne des Wortes - so. Der Roman scheint aus zwei Teilen zusammengeklebt zu sein. Ein Teil ist die Geschichtsschreibung über die jüngere deutsche Geschichte. Dieser Teil ist spannend und hätte für sich genommen, als essayistisches oder populärwissenschaftliches Buch, wohl eine interessante und spannende Lektüre abgegeben.

Der andere Teil aber ist der Versuch, diesem historischen Geschehen eine persönliche und menschliche Note zu geben, indem die Ereignisse romanhaft, als Krimi veranschaulicht werden. Doch diese zweite konkret-personenbezogene Seite wirkt wie ein mittelmäßiger Schüleraufsatz. Da werden mit einiger Akribie Details beschrieben (z.B. wie die Stationen in einem Untersuchungsgefängnis aussehen oder auch andere Räumlichkeiten der Justiz), aber diese Dinge scheinen in keiner echten, lebendigen Beziehung zu den agierenden Personen zu stehen. Diese scheinen samt und sonders irgendwie ohne differenzierte Gefühle zu sein. Das einzige Gefühl, welches sie umtreibt, ist eigenes Schuldgefühl, Schuldzuweisung an andere (z.B. Stachelmanns Vater) und das Gefühl, selber ungerecht behandelt worden zu sein.

Die Geschichte (als deutsche Historie) enthält hochdramatische Aspekte. Ich halte es für äußerst verflachend, wenn diese Geschichte im Hinblick auf die handelnden Individuen auf die Frage von individuellen Schuldgefühlen oder Rechtfertigungsversuchen reduziert wird. Für mich schwingt in dem Ganzen eine große Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen als Individuen mit unterschiedlichsten Motiven mit. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass die Person "Stachelmann" als ein "Held" konstruiert ist, dem andere Menschen und die Empathie mit ihnen im Grunde vollkommen egal sind? Mir jedenfalls fällt es schwer, mich auf einen solchen "kalten" Helden lesend einzulassen.

Als Krimi gibt es darüberhinaus einen wesentlichen "Bug": obwohl Stachelmann Ockham's Razor selbst angibt, wird dieser recht früh im Roman nicht angewendet, dort nämlich, wo er auf der Hand liegt: Die simple und geradlinige Frage "Wie ist der Einbrecher in meine Wohnung gekommen?" wird nicht wirklich gestellt. Aber der Leser stellt sie und weiß natürlich die Antwort sofort. Damit ist die "Auflösung" des Krimi-Teils für den Leser bereits nach ca. einem Drittel des Buches klar. Und man wühlt sich dann noch ca. 250 Seiten weiter, bis es auch Stachelmann herausgefunden hat.

Wie gesagt, diese verbliebenen Seiten wären spannend, wenn es ein reines Geschichtsbuch hätte sein sollen. Der "aufgepropfte" Krimi mit einer Uni-Umgebung, die nur für "Universitätsinsider" nachvollziehbar ist, macht es ärgerlich.


Die Feuerprobe (Unionsverlag Taschenbücher)
Die Feuerprobe (Unionsverlag Taschenbücher)
von Salim Alafenisch
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Recht wiegt man in Gramm, Gastfreundschaft in Kamelladung"..., 14. November 2009
...schon diese "von den Vorfahren überlieferte Richtschnur" zeigt, dass es in dem kleinen Buch Perspektiven zu entdecken gibt, welche für viele von uns Lesern neu und unvertraut sind. Das macht die Lektüre zu einer bereichernden Horizonterweiterung. Die Erzählung nimmt den Leser unmittelbar in das Alltagsleben der Beduinen im Nahen Osten mit hineien. Das ist eine in den Turbulenzen der Nahost-Konflikte wenig beachtete Gruppe von Menschen. Und schon deshalb lohnt es sich, von ihnen zu lesen. Neben der Schilderung der im Mittelpunkt stehenden Rechtsangelegenheit, vermittelt die Erzählung eine berührende Anschauung und ein Gefühl davon, was den Alltag dieser Menschen ausmacht oder zu der beschriebenen Zeit (60er Jahre) ausmachte. Alles, was geschieht, wird in einem einfachen und unsensationellen Ton beschrieben. Man erfährt nicht oder kaum, was die Menschen denken, man erfährt, was sie sagen und tun. Man erfährt nicht, warum die Feuerprobe funktioniert und was es für eine Kraft ist, welche die Menschen an ihre Wirksamkeit glauben lässt. Unter der Oberfläche des Geschehens scheinen starke Überzeugungen an die Überlieferung, an das Schicksal zu wirken, oder allgemeiner: an Kräfte, die in der westlichen Lebensweise kaum zu Tage treten. Und so bleiben alles in allem nach der Lektüre der an sich faszinierenden Erzählung auch viele Fragen, denen es sich m.E. nachzuspüren lohnt.

Ein unbedingt lesenswertes Buch. Ich gebe 4 statt 5 Sterne, weil die Geschichte meiner Ansicht nach als solche einen größeren Umfang verdient hätte und so erzählt ein wenig zu schnell abläuft.


Die Gesellschaft der Anderen: Roman
Die Gesellschaft der Anderen: Roman
von William Nicholson
  Gebundene Ausgabe
Wird angeboten von "Nikolaus Schwabig" mit Rechnungsversand
Preis: EUR 11,48

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die klassische "Reise des Helden" mit zeitgenössischen Stilelementen, 26. Oktober 2009
Auch wenn das Buch in die Nähe eines Krimis gerückt wird, ist es - trotz allerlei Schießerei und Gewalt - keiner. Wenn man den Roman allein als Schilderung tatsächlicher, realer Ereignisse liest, stößt man auf eine Vielzahl von Unstimmigkeiten bzw. übertriebener Klischeebilder. Doch man braucht ihn so nicht zu lesen: spätestens als der Ich-Erzähler in der Bibliothek aufwacht, einen Erschossenen sich gegenüber, tritt eine surreale, fantastische Sicht zu Tage. Diese verstärkt sich im weiteren Verlauf der Erzählung mehr und mehr: eine äußerst plakative Schilderung eines imaginären Unterdrückungsstaates, märchenhaft anmutende Beschreibungen des Lebens der "einfachen Leute auf dem Lande", seltsame Wiederbegegnungen mit Menschen. Mehr und mehr wird darüber beim Lesen der Eindruck vermittelt, dass es die ganze Zeit immer nur um den Ich-Erzähler geht und das äußere Geschehen eine Art Projektion seiner inneren Entwicklung ist.

Unter dieser Perspektive wird der Roman stimmig (was er als reines Außengeschehen nicht ist). Und tatsächlich enthält er mancherlei Komponenten der klassischen "Heldenreise", des Abstiegs des (i.d.R. jungen) Mannes in die Unterwelt seiner Ängste und Sehnsüchte. Doch während z.B. Parzival letztendlich die Liebe findet und auf die Weise erwachsen wird, so findet der "Held" dieses Romans die Kunst, die Lyrik und Musik. Und am Ende steht u.a. die innere Aussöhnung mit seinen Eltern.

Immer wieder stellt sich dem Protagonisten die Frage: "Soll ich handeln? Hat das Geschehen etwas mit mir zu tun? Nach welchen Kriterien soll ich handeln?" Letztlich hat er eigentlich gar keine Lust, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ein persönliches Ziel zu verfolgen. Und doch wird er von den Umständen immer wieder zum Entscheiden gezwungen.

Im Grunde birgt dieses Thema, diese Story viel Potential. Doch die recht kurze Erzählung wird dem in ihr angelegten Anspruch kaum gerecht. Ich hatte beim Lesen das Gefühl: "Der Autor kennt die notwendigen Fragen. Doch bei den Antworten improvisiert er, kratzt nur zaghaft an der Oberfläche." Allzu leicht taucht da der "hilfreich unterweisende Priester" auf. Allzu glatt lösen sich seine inneren Fragen durch eine Ankerung im Religiösen und religiös Anmutenden auf. Es bleibt am Ende ein schaler Geschmack. Zwar sagt sich der junge Mann konsequenterweise am Ende von seinem alten Selbstbild los (er tötet dieses), doch man erfährt nicht recht, durch was es denn jetzt ersetzt wurde. Zwar hängt er nicht mehr an der Nabelschnur der Eltern, gegen die er aufbegehrte, doch nach wie vor schimmert da die Nabelschnur zu einer Art "Übervätern" und "Übermüttern" durch.

Hat der junge Mann den geheimnisvollen weisen Philosophen, aus dessen Buch im Verlauf der Erzählung immer wieder zitiert wird, wirklich in sich selbst gefunden? Noch nicht, nicht wirklich. Er hat eine Richtung gefunden, doch am Ende der Erzählung ist er noch lange nicht bei sich selbst angekommen, ist noch unterwegs. So wirkt das ganze Buch auf mich etwas unvollständig und halbherzig, irgendwie ängstlich, als wage es sich nicht ganz nahe an sein eigenes Thema heran.

Es liest sich aber gut und ist vom Schreibstil her ansprechend und auch unterhaltsam.


Senyoria: Roman
Senyoria: Roman
von Jaume Cabré
  Gebundene Ausgabe
Wird angeboten von buchservicemitte
Preis: EUR 7,46

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr spannend, lesenswert, aber schwächer als "Die Stimmen des Flusses", 26. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Senyoria: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das Buch las ich, da mir das Werk "Die Stimmen des Flusses" von Jaume Cabré ausgezeichnet gefallen hatte. Durch solche Vorkenntnis wird jedoch für den Autor eine sehr hohe Messlatte gelegt, welche von "Senyoria" nicht erreicht wird. Das Handlungsgewebe in "Senyoria" hat im Vergleich deutlich weniger verschiedene Schichten. Nichtsdestoweniger ist es ein sehr gut geschriebener und spannender Roman. Mir persönlich gefällt dabei vor allem die Weise, in welcher der Autor im Verlauf einzelner Textpassagen, manchmal innerhalb eines Satzes die Perspektive wechselt. Auf die Weise wird man gleitend und fast unmerklich von der persönlichen Sicht z.B. des Gerichtspräsidenten in die Sicht seiner Frau geleitet, oder in diejenige seiner Angebeteten oder diejenige seiner Kontrahenten bzw. Mitspieler. Diese Weise zu schreiben hat eine sehr eigene Faszination, welche allerdings auch Konzentration beim Lesen erfordert.

Obwohl der Roman seinem Handlungsinhalt nach in erster Linie als spannender historischer Krimi gelesen werden kann, konfrontiert er den Leser in stetig wachsendem Maße mit der Frage: "Was ist eigentlich Recht? Woher kommt es? Wem dient es?" Diese Fragestellung wird aber nicht langweilig theoretisch erörtert, sondern anhand der wachsenden Gewissensqualen des Gerichtspräsidenten ("Senyoria", "Euer Gnaden") und der Verflechtungen wechselseitiger gesellschaftlicher Verpflichtungen und Abhängigkeiten herausgearbeitet. Wem gegenüber muss sich der Gerichtspräsident verantworten? Das ist eine der entscheidenden Fragen. Seinem Gewissen gegenüber? Dem Militärgouverneur oder dem König gegenüber? Der städtischen Aristokratie gegenüber? Oder den Frauen: seiner toten Geliebten, seiner Ehefrau gegenüber? Denjenigen, die ihm einen Gefallen getan haben, die ihm nützlich waren? Seinen Erpressern gegenüber oder den schnell herbeigezauberten Sündenböcken gegenüber, welche im Sinne des formalen Rechts unschuldig sind? Der Gerichtspräsident ist eine charakterschwache Person, und so entzieht er selbst sich letztlich all diesen komplizierten Fragen, indem er sich immer wieder implizit die einfachste Antwort gibt: "Ich bin nur für mein individuelles Wohlergehen verantwortlich."

Das ist natürlich ein schrecklicher Zynismus angesichts der machtvollen gesellschaftlichen Position des Protagonisten als Gerichtspräsidenten von Barcelona. Er tröstet sich über seinen Selbtsbetrug hinweg, indem er sich in die astronomische Betrachtung des Himmels flüchtet. In den mythischen Gestalten, welche er dort erblickt, Orion, die Plejaden, Aldebaran, der Stier, sucht er eine Art höherer Rechtfertigung für sein Tun und vor allem für sein Lassen.

Neben dem Hauptgeschehen um den Gerichtspräsidenten herum erhält der Roman eine berührende tragische Komponente dadurch, dass dem zu Unrecht Beschuldigten auf dem Wege des Zufalls ausgerechnet durch diejenigen Menschen großer Schaden zugefügt wird, die ihn am meisten lieben. Es ist nicht einfach geradlinig die Justiz Ursache für sein Leid, sondern auch die Handlungen der ihn Liebenden gehören zu den Ursachen, wenn auch unabsichtlich.

Die leicht satirischen Schilderungen der Dekadenz der damaligen Aristokratie sind amüsant, für meinen Geschmack nehmen sie einen etwas zu großen Raum im Roman ein. Deswegen und wegen des Vergleichs zu "Die Stimmen des Flusses" gebe ich 4 statt 5 Sterne. Im übrigen ist es aber ein wirklich lohnendes Buch.


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