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Rezensionen verfasst von
Jérôme (Berlin / Bad Eilsen)

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Menschliches, Allzumenschliches, I und II. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari.
Menschliches, Allzumenschliches, I und II. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari.
von Friedrich Nietzsche
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeigt euch ihr freien Geister !, 29. April 2014
" Ein Buch für Freie Geister "

Friedrich Nietzsche schaffte sich seinen freien Geist, als eine Erholung und Ablenkung nach einem entzaubernden, entromantisierenden Blick in das Innere der Welt, um die daraus resultierenden Wahrheiten zu ertragen, aber gleichzeitig auch überwinden und bejahen zu können. Wir lesen hier einen Friedrich Nietzsche, der sich in einem gewandelten und weiterentwickelten Zustand befindet, der durch die nötige Distanz und Ferne zu seinen aufdeckenden Erfahrungen, einen kühleren und gefestigteren Blick eingenommen hat, um sie endlich geordnet darzustellen. In seinem späteren Werk, " Also sprach Zarathustra " , ist die Rede " Von den drei Verwandlungen ", in denen differenziert wird zwischen dem Kamel-Stadium, das den gebundenen, folgsamen Geist darstellt, dem anschließenden Löwen-Stadium, welches den befreienden Geist hervorbringt und dem letzten Stadium des Kindes, wo der neue werteschaffende Geist, seine bisherigen Stadien überwunden und sie als seine Geschichte zurückgelassen hat. Der uns vorliegende Nietzsche, der sich durch eine antreibende Neugier zu einem entsagenden Aufbruch auszeichnet, um sich von sämtlichen Sinngebungen und Glaubenssätzen loszulösen, spiegelt dementsprechend eine Zugehörigkeit zum Stadium des Löwen wieder. Mit dem Pathos " lieber sterben als hier leben " hat er sich nun genügend Selbstvertrauen aufgebaut um den Mut für eine konsequente Durchführung einer Umwertung der Werte anzutreten und den langen Weg zum selbstbestimmenden Freigeist zu ebnen. In Menschliches Allzumenschliches werden noch keine neuen Werte verkündet, sondern es wird eine medizinische Anleitung in Form eines Übergangsprozess geliefert, um die trübe, nebelige Sicht des gebundenen Geist zu erhellen und ihn stattdessen durch die klareren Augen des ungebundenen Freigeistes blicken zu lassen. Mit den Worten " Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden ", bläst er den Kampf für eine Selbstbestimmung an, die sich von der bisherigen Fremdbestimmung endlich distanzieren soll, um das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen zu lernen, wie es Nietzsche in der Vorrede erläutert. Es hieß Abschied nehmen von seinen großen Vorbildern, Schopenhauer und Wagner, um Platz für sein neues Ideal, den Freigeist zu schaffen.

Doch wer neues schaffen will, muss altes zerstören und darum gilt es die vielschichtigen Irrwege der gebundenen Geister, in sämtlichen Regionen der menschlichen Interaktionen aufzuzeigen. So in der Religion, den moralischen Empfindungen, der Metaphysik, aber auch im kleinen Rahmen, wie der Ehe und in der Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind. Dem gebundenen Geist fehlt die differenzierte Einsicht in die Wahl der vielen Möglichkeiten, stattdessen erblickt er seine Stellung durch einen Tunnelblick, um die bequemere Gewohnheit, der Qual der Wahl vorzuziehen. Auf diese Weise handelt er nach seinen anerzogenen Maximen, die seine Handlungsfreiheit auf wenige Möglichkeiten einschränkt, im Gegensatz zum Freigeist, der sich der Mannigfaltigkeit der Motive und Gründe bewusst ist. Das Einverleiben geistiger Standpunkte, die unreflektiert akzeptiert werden, bezeichnet Nietzsche als Glauben. Nach diesem Schema funktionieren auch die Pfeiler der Gesellschaft, die ihre Legitimation durch den bequemen Glauben an sie erlangen. Der gebundene Geist ist mit dem Nutzen den sie bringen zufrieden und sieht die staatliche Ordnung und die Moral, als feststehende Wahrheiten an.

Doch wie vermag der Freigeist zu handeln und sich durchzusetzen, wenn er vor lauter Gründe nur noch Abgründe erkennt, die sein Handeln so erschweren und ihn daher schwach erscheinen lassen. Dazu der Schmerz, der sich durch einen Verlust an gesellschaftlicher Integrität und der daraus resultierenden Verkanntheit bemerkbar macht, verleiten zu einem harten und einsamen Schicksal. Woher kommt der Glaube an das eigene Genie und die Kraft, " eine ganz individuelle Erkenntnis der Welt zu erwerben " und sich dadurch gegenüber den gebundenen Geistern zu behaupten ?, fragt sich Nietzsche. Der Freigeist muss sich nach langer Enthaltsamkeit befreien können, damit seine angestaute Energie sich endlich entladen und womöglich etwas Neues, noch nie dagewesenes erschaffen kann. Der gebundene Geist, so kritisiert Nietzsche, tritt lediglich als Gattungswesen in Form von Beamten, Kaufleuten und Gelehrten auf, wodurch der Wert der Individualität verloren geht, doch dieser bedarf es gerade, um das Fundament des Freigeistes garantieren zu können.
In " Menschliches Allzumenschliches " schreitet er nun schonungslos, sämtliche Gebiete menschlicher Aktivitäten ab und versucht im aphoristischen Stil aufzuzeigen, dass diese keine festen, allgemeingültigen Vorstellungen, sondern prozesshafte, sich im Verlauf der Geschichte verändernde Wahrheiten sind. So fordert er eine historische Philosophie, die sich genealogisch mit der Entstehung menschlicher Vorstellungen auseinandersetzt, um dadurch die verschiedenen Erkenntnisperspektiven freizulegen. Doch dieser Weg bedarf Zeit und einer Tilgung metaphysischer Restbestände, um den Weg für die Wissenschaft offenzulegen, so das die Frucht nun selbst vom Baum gepflückt werden kann, um die Möglichkeit des Fortschrittes zu gewähren. Für Nietzsche ist nun nicht mehr die Kunst, jenes erlösende Reich, sondern eine neue Art der wissenschaftlichen Kultur.

In " Also sprach Zarathustra ", wird mit dem gleichnamigen Protagonisten ein Beisspiel für einen Freigeist gegeben, der nach langer Enthaltsamkeit gelernt hat, die Menschen jenseits von Gut und böse zu betrachten. Als dieser jedoch auf die gebundenen Geister trifft und er seine gewonnenen Erfahrungen kundtun möchte, haben diese nur Verachtung für ihn übrig, denn wer möchte schon seine aufgenommenen Wahrheiten, allesamt für nichtig erklärt bekommen. Ähnlich ergeht es auch dem sich befreienden Gefangenen aus Platons Höhlengleichnis, als dieser mit der Erkannten Wahrheit zu den anderen Gefangenen zurückkehrt und diese ihn nur auslachen. Es gehört zum Schicksal des Freigeistes abgestoßen und belacht zu werden, so dass es nicht verwunderlich erscheint, dass Nietztsche sich zeitlebens unverstanden gefühlt hatte. Ein Freigeist lässt sich halt nur von einem anderen Freigeist erkennen, doch diese sind selten oder ?


Kean: Nach Alexandre Dumas d. Ä. - Stück in fünf Akten
Kean: Nach Alexandre Dumas d. Ä. - Stück in fünf Akten
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,90

5.0 von 5 Sternen Kean, der Spieler, der Sein-Leben-Spielen-Spielt., 29. April 2014
Es scheint nur allzu verständlich, dass sich Sartre durch seine existentialistische Philosophie von der Person des Edmund Kean faszinieren ließ. Verkörpert dieser doch Sartres bekannte Worte " Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht ", auf herausragende Weise und symbolisiert den exemplarischen Spieler, einer sich stets neu zu entwerfenden Rolle. Kean, dessen Schicksal eine Existenz in armen und demütigen Verhältnissen auserkoren hatte, bildete durch seine revolutionäre Willenskraft, das nötige Stolz und Ressentimentgefühl heraus, dass ihm zu einer gesellschaftlichen Neupositionierung verhalf.

Als Schauspieler schafft er sich die Möglichkeit, in den verschiedensten Rollen, sich seiner armen Herkunft zu entledigen und stattdessen etwas zu scheinen, dass er eigentlich gar nicht ist. Als Mann, " der sich jeden Abend selbst verschwinden lässt ", um " das zu sein, was man nicht sein kann ", versucht er nicht nur jene Rollen, eines Orthello oder Romeo zu spielen, sondern diese vielmehr zu sein. Spielen um sich nicht mehr zu kennen, nach dieser Devise lässt er sich, den normalen Kean, verschwinden, um in den großen Persönlichkeiten, erstarkt wiederaufzuleben. Nur auf der Bühne, kann er sich Ansehen, Macht und Annerkennung verschaffen, und sich dabei seiner Virtuosität, durch den großen Applaus vergewissern. Doch der Orthello spielende Kean geht nicht als Kean von der Bühne, sondern nimmt seine öffentliche Person in sein Privatleben mit.

Sartre zeigt nun in seinem Theaterstück, den Riss dieses gelebten Traumes auf und lässt uns dem seelischen Konflikt Keans beiwohnen. Unter der Gewissheit leidend, dass seine Verehrer nur die verkörperten Personen in ihm lieben und den eigentlichen Kean nicht erkennen, fühlt er sich durch eine schwermütige Leerheit durchdrungen. Es ist dieser Zwiespalt zwischen der Bewunderung für seine Begabung und der Verachtung für seine gesellschaftliche Stellung, der ihn stetig von innen aufzufressen beginnt. Kean sehnt sich danach, dass die Welt ihn hinter seiner Rolle, als Mensch zu verstehen vermag. Der scheinheiligen Liebschaften, vornehmer Damen, die sich durch eine Nacht mit ihm Aufregung und Nervenkitzel versprechen, überdrüssig geworden, sehnt er sich nach einer Frau, die nicht nur den Hamlet, sondern auch den normalen Kean in ihm erkennt. Als er um die schöne adlige Elena wirbt, steht ihm wieder seine unterprivilegierte Herkunft im Weg, die ihm solche Beziehungen untersagt. Auf der Bühne bejubeln ihn Könige und Prinzen, doch nachdem der Vorhang wieder fällt, wird ihm der Eintritt in vornehmere Kreise verwährt.

Durch die Bekanntschaft mit Anna Damby, scheint er zum ersten Mal als der gesehen zu werden, der er eigentlich ist. Sie erkennt den leidenden Lebensspieler in Kean und möchte wieder Ordnung in sein Leben bringen, bevor er sich durch seine Eskapaden, die sich in Alkohol und Skandalen bekunden, zugrunderichtet. Sartre ist es mit diesem erfrischenden, witzigen, aber auch nachdenklichen und mitfühlenden Theaterstück gelungen, das Wesen des Schauspielers von verschiedenen Perspektiven darzustellen. Im grunde sind wir ja schließlich alle Schauspieler, die ihr Leben durch fortwährende Rollenveränderungen, zu spielen versuchen und etwas darzustellen beabsichtigen was wir sein möchten.


Das Ich und das Es (Reclams Universal-Bibliothek)
Das Ich und das Es (Reclams Universal-Bibliothek)
von Lothar Bayer
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,60

16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn unbekannte Mächte uns zu beherrschen vermögen, 28. April 2014
Freud, stellte mit seiner Schrift, " Das Ich und das Es ", ein neues Strukturmodell der Psyche vor, indem er seine frühere Ansicht, wonach sich die Verdrängung zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein vollzieht, korrigierte und stattdessen den Ort der verdrängenden Instanz in das Ich legte, denn dieses stellt schließlich jenen Widerstand dar, der eine Verdrängung davor bewahrt bewusst zu werden, so Freud. Das Ich, welches sowohl von der Außenwelt, mittels des Wahrnehmungsbewusstseins, als auch durch die Innenwelt, als dem Ort der Empfindungen, die Rolle eines Vermittlers erfüllt, sorgt dafür, dass das Es mit der Außenwelt in Kontakt gebracht werden kann. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, greift Freud auf eine Reitermetapher zurück, die deutlich machen soll, dass es Aufgabe des Ich ( Reiter ) sei, die Kraft des Es ( Pferd ) zu zügeln, aber dennoch, um mit ihm verbunden zu bleiben, die Wünsche des Pferdes ( Es ) als die seinen auszuführenden Handlungen versteht. Das Es, stellt einen von Georg Groddeck geprägten und von Freud übernommenen Terminus dar, der auf die unbekannten Mächte, die uns beherrschen, aufmerksam machen will. So stellt das Es, als unbewusstes Reservoir den Ort des Lustprinzips und die Versammlung, sämtlicher, angeborener Triebe, die nach Erfüllung verlangen, dar.

Während der Reifung des Menschen, in der das Ich, das Es zu zähmen vermag, wandeln die anfänglichen überlegenen Triebe und deren Drängen nach sofortiger Befriedigung, sich durch die konstante Ausbildung des Ich in kontrollierte und domestizierte Triebe um. Im dritten Teil führt Freud den Begriff des Über-Ich ein, der Aufschluss über die kindliche Emanzipation von seinen Objektbesetzungen geben soll. Dabei stellen Objekte sämtliche Gegenstände, Menschen oder Körperteile dar, die für die Triebe einen Ort der Befriedung darstellen und mittels libidinöser Energie besetzt werden können. In der frühkindlichen Erfahrung besteht die Herausforderung darin, das ambivalente, ödipale Stadium zu überwinden und anstelle dessen, konservierende Identifizierungen des Über-Ich zu setzen. Das Wesen des Ödipuskomplexes zeichnet sich dadurch aus, dass es zu einem Konflikt kommt, der sich zwischen den Objektbesetzungen eines Elternteils, wie der für die Triebbefriedigung fungierenden Mutter und den daraufhin aggressiven, dem jeweils konkurrierenden und störenden Elternteil, dem Vater, vermittelten Beziehungen, auszeichnet.

Das Über-Ich entsteht aus dem daraus folgenden Modus, in dem die Objektergreifung in Objektidentifizierungen umwandelt wird, um das Ich sich nun an die Objekte angleichen zu lassen. Das angleichende Ich lenkt die Aufmerksamkeit des Es, nun auf sich selber, wodurch die libidinösen Empfindungen nicht mehr auf die Eltern, sondern in sublimierter, narzisstischer Form auf das Ich gerichtet werden. Das Über-Ich verkörpert die belehrende und ermahnende Instanz, die dem Ich, als moralische Gewalt, richtiges und falsches Verhalten aufzeigt. Es enthält Normen, Wertvorstellungen und bekundet sich im Menschen als verinnerlichtes Gewissen. Freud bezeichnete die Angleichung des Über-Ich an andere Personen als Introjektion.

Im vierten Teil, " Die beiden Triebarten ", untersucht er das Wechselverhältnis zwischen dem Lebenstrieb ( Eros ) und dem Todestrieb. Dabei nimmt er eine bestimmte Form der Energie an, die im Ich und im Es, die jeweils andere Triebart verstärken und die andere dafür senken kann. Diese Energie, die Freud als narzisstische Libido bezeichnet, strebt eine Homogenität des Ich an und sorgt dafür, dass übermäßige Erregung, durch eine Spannungsabfuhr wieder in einen Normalzustand gebracht werden kann. Doch in welchem Zusammenhang stehen nun diese beiden Triebarten, mit dem Ich und dem Es ?, fragt sich Freud. Die Beziehung des Ich zum Eros, zeichnet sich durch die alternative Objektwahl, die das Es im Ich erblickt aus, wodurch der Eros gestört und stattdessen der Todestrieb, als ablenkende Instanz zu Tage kommt. Denn durch die stetige Entwicklung des Ich, wird die Objektbesetzung des Es nach und nach auf das ich gelenkt. Die Beziehung des Es zum Eros hingegen, bekundet sich durch eine Bekämpfung der sich immer wieder erneuernden Spannungen im Es, die eine Minderung der Triebenergie verhindern. Das Lustprinzip, soll im Dienste des Todestriebes, für eine Abfuhr der Spannungen sorgen.

Insgesamt eine sehr aufschlussreiche Schrift, die verstehen lässt, von welchen Prinzipien der Mensch angetrieben wird, und verdeutlicht, warum man sich manchmal als ein passives Wesen vorkommt, das von unbekannten Mächten beherrscht und gelenkt zu werden scheint.


Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Reclams Universal-Bibliothek)
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Reclams Universal-Bibliothek)
von Fjodor M Dostojewskij
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,80

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Nur ich bin ein Einzelner, die anderen aber sind Alle ", 24. April 2014
Machen wir eine Zeitreise in das 19. Jahrhundert, zu jenem Zeitalter, dass sich durch exponentiell, aufkommende, wissenschaftliche Erkenntnisse, anmaßte, die Welt zu einem zergliederten Ort der Rationalität zu gestalten und den Menschen von seinem einstigen, mystischen Wesen grundlegend zu entkleiden. Aus diesem Umfeld heraus, hat sich der uns vorliegende, namenlose Protagonist dazu entschlossen, dem Fortschrittswahn zu entsagen und aus einem daraus folgenden, reaktionären Standpunkt, Aufzeichnungen über sich und den Menschen anzustellen. Betrachtungen, die durch eine lange Entsagung von der Außenwelt, genügend Explosivität angehäuft haben, um nach draußen zu zerbersten und dabei alle menschlichen Sichtweisen umzuwerfen. Dieser Verkünder, der sich an ein imaginäres Publikum richtet und sich dabei keiner Selbstreflexion zu schade ist, erweckt den Eindruck eines Misanthropen, der von Verachtung und Hass über seine Mitmenschen, besessen zu sein scheint. Dabei findet er an seinem narzisstischen und argwöhnischen Verhalten, welches aus Minderwertigkeitsgefühlen und Ablehnungen anderer ihm gegenüber, herrührt, einen gewissen Selbstgenuss, den er nie müde wird zu preisen.

Er führt sein Leiden darauf zurück, dass er sich mit einer überdosierten Portion an Erkenntnisfähigkeit ausgestattet sieht, die seinen Willen zu Handeln mit einer Trägheit infiziert und damit zu einer Lähmung der eigenen Umsetzungskraft führt. Persönliche Gründe, die als Fundamente dienen, um auf ihnen Entschlüsse für etwaige Handlungen zu treffen, entpuppen sich für jemanden, wie unseren überdurchschnittlich geistreichen Erzähler, als Abgründe, die auf den nächst folgenden Grund verweisen und damit in einen infiniten Regress münden. Es ist dieses Fehlen einer Basis, die den Ausgangspunkt für das Ausüben einer Handlung darstellt, wodurch es schließlich zu jener Umsetzungsohnmacht kommt, die unseren Erzähler befallen hat. Demgegenüber sieht er den stumpfsinnigen, gewöhnlichen Menschen, der bei sich die ersten gefundenen Gründe, als ausschlaggebend auffasst, im Vorteil, da dieser beruhigt zu Handeln vermag. Doch es ist nicht nur seine mangelnde Handlungsunfähigkeit die ihn beschäftigt, sondern auch seine Wesenslosigkeit. Als klassifizierungsloses Etwas, sieht er sich von jedweder positiven Bestimmung entbunden, sodass er sich als transparentes Irgendwas, wie ein herumtreibender Geist fühlt .

Der weitere Fortgang der " Aufzeichnungen ", zeichnet sich durch eine Antipathie gegen die Wissenschaft und ihren Idealen der Kalkulation und Rationalität aus. Die Folgen einer so berechneten Welt, in der sich alles als Rechenaufgabe bekundet, wo alles den Charakter eines " Zweimalzwei " animmt, führt zu einer determinierten Welt, in der sich die Motive menschlicher Handlungen, nach einer Tabelle ablesen lassen, so der Ich-Erzähler. Die menschliche Lebenskraft verbraucht sich allerdings nicht nur durch die Vernunft, sondern zu einem viel größeren Teil, aus den Leidenschaften, die das eigentliche Leben, mit all seinen spontanen Launen und freien Willensentschlüssen ausmachen. Die Berechnungen der Wissenschaft würden die Entscheidungen nur ihrer Zufälligkeit berauben und sie vorhersagbar machen lassen, wodurch gerade der eigentliche Genuss bei der Handlungsfreiheit gestört werden würde. Dem Menschen geht es in erster Linie nicht um die Erreichung, aller als vorteilhaft ausgelegten Ziele, wie Wohlleben, Reichtum und Freiheit, was er natürlich bestrebt ist zu glauben, sondern um den vorteilhaftesten Vorteil, wie es der Erzähler darlegt, der sich allein in der Macht des persönlichen Schöpfertums auszeichnet. Die Rede ist vom Willen zur Selbstbestimmung, dem Gefühl nach eigenem Gutdünken zu agieren und dabei niemandes Willen zu unterstehen. Es geht darum sich selber zu spüren und wenn es sein muss auch entgegen jeder Vernunft zu Handeln, wenn es denn der Selbstgewissheit dient. Die Erreichung eines Zieles, stellt daher eigentlich den Startpunkt eines neuen zu erstrebenden Zieles dar, so dass man die Worte " der Weg ist das Ziel " mit anderen Augen zu sehen beginnt.

Den zweiten Teil der Aufzeichnungen " Bei nassem Schnee ", der rückblickende Ausschnitte aus seinem Leben wiedergibt, könnte man als den kläglichen Versuch ansehen, das eigene Selbst mal wieder zu spüren und wenn dies auch nur durch völlig groteske Erfahrungen möglich ist. So tüftelt er an Plänen, einen höherstehenden Offizier auf der Straße zu rammen, mischt sich in einem Treffen seiner ehemaligen Mitschüler ein, die er eigentlich noch nie leiden konnte und schließlich verteilt er eine Moralpredigt an eine Prostituierte, bei der er sich künstlich zu ereifern scheint. Alle drei Erlebnisse, stellen den verzweifelten Versuch dar, mittels der Interaktion mit anderen Menschen, sich seines eigenen Wertes zu vergewissern. Doch seine verzweifelten Versuche in den Augen anderer Menschen etwas zu gelten, rufen keine Bestätigungen hervor, stattdessen wird er nur mit Verachtung, Hass und Ablehnung konfrontiert. Auch wenn sich der Erzähler durch ein unsympathisches Verhalten auszeichnet, dass sich nur auf seine Eigenliebe und seine Selbstüberschätzung beruft, können wir uns in diesen Bösewicht hineinversetzen und manche seiner Gedanken, die uns vielleicht selber schon einmal gekommen sind, nachvollziehen.
Es erscheint nur zu verständlich, dass sich Friedrich Nietzsche in diesem Werk wiedergefunden und es als große Meisterleistung gepriesen hat. Man könnte sich sogar vorstellen, dass es sich bei jenem anonymen Erzähler problemlos um Herr Nietzsche persönlich handeln könnte, spricht doch auch er in seinen Werken häufig zu einem imaginären Publikum und sieht sich des Öfteren von niemandem Verstanden. Die " Aufzeichnungen ", stellen ein Meisterwerk, des frühen Existentialismus dar, welches ebenfalls große Parallelen zu Sartres Protagonisten, Antoine Roquentin aus seinem Roman " Der Ekel " , aufweist, der sich auch der Einsamkeit und seinen Gedanken verschrieben hat.
Wer sich in Büchern gerne verliert, erleuchteter hervorgehen möchte und keine Angst vor solch gewaltigen Erkenntnissen hat, der wird es genießen.


Die Eingeschlossenen von Altona. Stück in fünf Akten
Die Eingeschlossenen von Altona. Stück in fünf Akten
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reden vor dem Tribunal der Krustentiere, 22. April 2014
Sartre, der eigentlich keine Theaterstücke mehr schreiben wollte, sah sich durch die grausamen Vorgänge, die sich während des Algerienkrieges abspielten dazu veranlasst, noch einmal zur Feder zu greifen. Dabei ging es ihm nicht um eine Veranschaulichung der französischen Invasion, sondern um die traumatischen Ereignisse eines zurückkehrenden Soldaten und seiner Suche nach Rechtfertigung für sein Scheitern. Sartre nutzte für seine Inszenierung das Stilmittel der Verfremdung und verlegte daher den Schauplatz nach Deutschland, um einerseits der politischen Zensur zu entgehen und andererseits für die Thematik eine gewisse Distanz aufzubauen.

Der Protagonist Franz von Gerlach befindet sich in einem moralischen Dilemma, welches das Schicksal der deutschen Soldaten für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg versinnbildlicht. Geprägt durch schmerzliche Erinnerungen, die von menschenunwürdigen Handlungen im Kriegsgeschehen herrühren, beginnt er sich nach Kriegsende in einem Zimmer einzusperren und sich von jedweder Realität abzuschotten. Auf der Suche nach Sinn und Rechtferttigung, verliert er sich in einen schizophrenen Zustand, der von Sartre auf groteske und skurrile Weise dargestellt wird. So hält er Verteidigungsreden vor einem imaginären Tribunal und redet zu Krebsen. Er ist auf einer Suche nach einem Richter, der seine Schuld legitimieren könnte, doch diese lässt sich weder von anderen Menschen, noch vom Gewissen, oder einem Gott, realisieren und daher greift er zu der wahnhaften Methode einer unsichtbaren Instanz. Sartre spielt auf einen objektiven Standpunkt an, von dem aus sich der Mensch, mittels einer objektiven Moral, über sich selber richten und damit begangene Taten nach ihrer Richtigkeit bewerten könnte.
Welche Mechanismen bringen einen Folterer, wie es Franz einer gewesen war, eigentlich dazu, so unmoralische Brutalitäten zu vollrichten ? Sartre will aufzeigen, dass der Soldat , nicht von sich aus zu einem Schinder wird, sondern das es die Politik sei, die Leute wie Franz zu ihren Komplizen machen und sie dadurch als Produkt ihrer auszuführenden Entscheidungen wie ein Werkzeug behandeln.

Doch Sartres Theaterstück zeigt nicht nur die Folgen der Flucht eines Leutnants in die Rümpelkammer, sondern auch die Geschichte eines Vaters, der versucht seinen Sohn zu rehabilitieren und ihm damit die Führung der Reederei zu übertragen. An Kehlkopfkrebs erkrankt, verbleiben ihm nur noch wenige Monate seine Pläne zu verwirklichen und die Hebel dafür in Bewegung zu setzen. Für sein Vorhaben versucht er daher Johanna, die Frau seines anderen Sohnes Werner zu gewinnen, um für ihn ein Treffen zu arrangieren. Es entsteht daraufhin eine merkwürdig anmutende Liebesbeziehung zwischen Franz und Johanna, die durch die surreale Absicht Johannas, sogar ihre Ehe zu brechen und die Kammer mit Franz zu teilen, sogar etwas tragisch-komisches hervorruft. Als Franz schließlich einwilligt sein Zimmer zu verlassen und es zu einem Gespräch der beiden kommt, bahnt sich bereits das tragische Finale an. Insgesamt eines seiner unbekannteren Theaterstücke, welches von zeitgenössischen Kritikern zwiespältig aufgenommen wurde, da die metaphorische Moralthematik ungeeignet für das Theater sei.


Die fröhliche Wissenschaft (insel taschenbuch)
Die fröhliche Wissenschaft (insel taschenbuch)
von Friedrich Nietzsche
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Ihr sollt Dichter eures eigenen Lebens werden ", 20. April 2014
Das in " Menschliches Allzumenschliches " beschriebene Ideal, eines neuen, umwertenden und unzeitgemäßen Freigeistes, wird nun als Exempel für die Herausbildung einer " Fröhlichen Wissenschaft ", herangezogen. Eine Fröhlichkeit, die sich aus der Perspektive des gebundenen Geistes, vielmehr als ein angstvolles, desillusionierendes Blicken in den Abgrund, menschlicher Existenz erweist. Doch gerade diese Einbeziehung, eines leidenschaftlichen Verlangens nach jedweder Lebensform, zu der auch die seelischen Aspekte, wie das Leiden, die Krankheit und der Tod gehören, machen für Nietzsche gerade das Wesen einer vollkommenen Wissenschaft, die " bis ganz hinunter " fragt, aus.

Es gilt aufzuzeigen, wie die Fundamentierung der Erkenntnisgewinnung, erst mittels des symbiotischen Einflusses, den die Seele auf den Geist ausübt, vollständig verstanden werden kann. Um diesen Kontrast zu verstehen, sollen wir uns als Phänomenologen mittels einer Selbstbefragung, der Wirkungen physiologischer Einflüsse auf unsere Gedanken bewusst werden und dadurch unsere Erkenntnisse zu relativieren verstehen. Mit diesem Wissen ausgerüstet, lüftet Nietzsche nun den Schleier der Maya und offenbart uns, dass die vermeintlichen angestrebten Ideale, wie die Suche nach der Wahrheit, welche von der Wissenschaft und der Philosophie angestrebt werden, eigentlich nur auf physiologischen Erscheinungen, wie der Lustgewinnung, dem Streben nach Macht, Wachstum, Gesundheit und Zukunft beruhen und somit verkleidete Ideale darstellen. Das wahre Reich der fröhlichen Wissenschaft, dass sich " jenseits aller bisherigen Länder und Winkel " befindet, muss sich diesem Maskenspiel bewusst werden und verstehen lernen, warum auch die bisherige Wissenschaft " ihr Feuer noch von dem Brande " eines einstigen metaphysischen Glaubens hernahm. Nietzsche zufolge, entpuppt sich ihr Wille zur Wahrheit, wonach die Wissenschaft nicht nur vor vermeintlichen Täuschungen bewahren, sondern auch selber produzierte Täuschungen verhindern soll, auf einer Voraussetzung, dessen Richtigkeit er nirgendwo legitimiert sieht. Woher nimmt die Wissenschaft ihren Glauben, dass Wahrheit wichtiger sei, als andere Überzeugungen ?, fragt sich Nietzsche. Es erscheint ihm die Möglichkeit, dass der Wille zum Irrtum, der sich als genauso richtig herausstellen könnte, ebenfalls eine mögliche Schlussfolgerung darstellen könnte. Folgen wir den gängigen Wissenschaftsmaximen, so neigen wir, Nietzsche zufolge, dazu, unsere eigenen konstituierten Denk und Wertesysteme, durch eine passende Äquivalenzumformung, in die Welt zu transformieren und uns dadurch anmaßen, der wahren Welt gerecht zu werden. Doch wir können ihrem Wesen nicht durch bestimmte Rechenübungen und Gedankenexperimenten habhaft werden, schließlich lasse sich das Wesen der Musik nicht berechnen, erklärt Nietzsche. Stattdessen sollen wir uns der Ehrfurcht und ihres " vieldeutigen Charakters " bewusst werden.

Anders als in Menschliches Allzumenschliches , wo sich das Ideal der Wissenschaft unter Ausschluss der Kunst offenbarte, zeigt sich mit der Fröhlichen Wissenschaft nun ein reformierender Nietzsche, der beide Gebiete verschmelzen und somit eine Koexistenz anstreben will, in der wir Wissenschaftler und Dichter in einer Person sein sollen. Einen Hinweis auf diese neue Perspektive erhalten wir schon durch den Untertitel der zweiten Auflage " la gaya scienza ", die zu großen Spekulationen innerhalb der Interpretatoren führte. Es ist von einem Zusammenhang zu der alten Dichterkunst der Troubadoure die Rede, welche durch eine bestimmte Form und Komposition der poetischen Kreativität, dass Potential besaßen, Neues zu finden und zu Erschaffen. Auch Nietzsche scheint in seinem Werk, eine gewisse Komposition verfolgt zu haben, so scheint es, als wolle er zunächst aufzeigen, wie vielschichtig das Wesen der Erkenntnis sei, um auf seine bekannte Formulierung " Gott ist tot " hinzuführen. Das vierte Buch Sanctus Januarius, stellt einen symbolischen Neuanfang dar, in dem es gilt, dass Fehlen Gottes, mittels eines neuen Mutes zum Leben auszugleichen. Schließlich führt auch diesen Buch zu einer berühmten und schwermütigen Erkenntnis von " Der ewigen Wiederkehr des Gleichen ", die die schockierend anmutende Nachricht darstellt, wonach sich " das Rad des Seins " und damit auch das Leben, sich ständig wiederholen wird. Im fünften und letzten Buch, scheint sich alles aus der Perspektive des fröhlichen Wissenschaftlers abzuspielen, doch wie lässt er sich eigentlich beschreiben ?

Als fröhlicher Wissenschaftler gilt es den berechnenden Charakter der Wissenschaften zurückzuweisen, und stattdessen den Klang einer " Musik des Lebens " wieder verstehen zu lernen. Er glaubt an keine dauernden Realitäten, sondern nur an eine Folge ihrer Veränderungen. Als Wanderer, der auf Bergen lebt, stets heimatlos und unverstanden, zieht er es vor " Dichter seines eigenen Lebens zu sein " und die Welt von ihren Berechnungen und Wertungen zu entkleiden. Gegen Ende der " Fröhlichen Wissenschaft ", demonstriert uns Nietzsche ein Festival an Pathos und Metaphorik und man beginnt in seinen Worten mitzuschwingen und zu erahnen wie er sich den Tanz der Kunst vorzustellen vermag. Doch am Ende bleibt der typische Wehmutstropfen, der den Leser wieder in seine Realität zurückholt und man resigniert feststellt, dass sich sein bildgewaltiges System auf kein richtiges Fundament stellen lässt.


Phänomenologie des Geistes
Phänomenologie des Geistes
von Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,79

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Das Erste was hier gelernt werden muss, ist aufrecht stehen ", 12. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Phänomenologie des Geistes (Taschenbuch)
" Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, noch nicht erkannt "

Die Phänomenologie des Geistes, die das " werdende Wissen ", zur Wissenschaft hinführen möchte, bedient sich dabei eines Prozesses, der sich selber schon als wissenschaftlich zu legitimieren vermag. Doch ein Weg führt bekanntlich nur dann an sein Ziel , wenn dieser Bestimmungsort schon vorgegeben ist. Für die Phänomenologie bedeutet dies, dass der wissenschaftliche Standpunkt und seine Erreichung, schon als realisierbar vorausgesetzt werden muss, um die Reise zu ihm stattfinden zu lassen. Die Fundierung der Wissenschaft im Selbstbewusstsein demonstriert Hegel in seiner Vorrede damit, dass diese ihm eine zu erklimmende Leiter hinunterreicht, die den sich stetig vervollkommnenden Erfahrungsprozess seiner selbst, von der bloßen sinnlichen Gewissheit, über das Selbstbewusstsein, bis zum absoluten Wissen symbolisch darstellt. Hierbei stellt die Wissenschaft jedoch keinen unbeteiligten Zuschauer dar, sondern sie integriert in sich jede Sprosse und ihren damit verknüpften Platz im Prozess. Diesen Erfahrungsprozess des Subjekts, beschreibt Hegel mit seiner bekannten dialektischen Vermittlung, die man sich nicht als eine Hebammenkunst des Gesprächs, im Sinne Sokrates vorstellen sollte, sondern als eine Art Bewegungsgesetz des Lebens, eine Kraft des Kampfes, die die unterschwellige Essenz des unaufhaltsamen Fortschrittes ausmacht. Hegel verweist als Beisspiel auf eine Knospe, welche durch die hervorbrechende Blüte verschwindet, oder dialektisch formuliert, wiederlegt wird. Die ursprüngliche Wahrheit ist also verschwunden und bringt sich auf eine andere Weise wieder hervor. Das sich gegenseitige Verdrängen beider Formen stellt aber gerade auch eine Notwendigkeit der organischen Einheit dar, wie es Hegel sagt. Schon Heraklit hat diesen grundlegenden Motor erkannt wenn er sagt " Das Widerstreitende zusammentretend und aus dem Sichabsondernden die schönste Harmonie " .

Die Phänomenologie des Geistes beginnt zunächst als die sich dem Subjekt passiv zugefallene Geschichte, bis diese sich als das Produkt, der eigenen Subjektivität, mittels der Vernunft erkennt. Doch der Weg dorthin, den man auch als logische Evolution bezeichnen könnte, verlangt dem eifrigen Leser ein ungeheures Durchhaltevermögen ab, um in dem als dunkelstes und tiefsinnigstes bezeichnete Werk nicht unterzugehen.
Die Erfahrungen des Bewusstseins beginnen bei der sinnlichen Gewissheit, welche den unendlichen Reichtum, der sich in Raum und Zeit ausbreitet, zu besitzen vermag. Dieses wird jedoch die Erfahrung machen, dass das ausgebreitete Sein sich sprachlich nicht erfassen lässt und daher resignierend, lediglich die Allgemeinheit eines Dinges betrachten könnend, zur Wahrnehmung übergehen. Das ursprünglich gemeinte Diese, wie z.b. dieses Auto, lässt sich so zwar nicht mehr unmittelbar wissen, stattdessen beginnt das Bewusstsein das Seiende nun als Allgemeines wahrzunehmen. Der Wiederspruch der auf dieser Stufe auftaucht, geht aus der Problematik hervor, ob der in seiner Einheit auftauchende Begriff, durch das Bewusstsein in viele Eigenschaften zerlegt wird, oder ob die Vielfalt dem Gegenstand zukommt und die Einheit daher in das wahrnehmende Bewusstsein fällt. Dieser Zwiespalt soll nun, durch die Betrachtung des Unbedingt-Allgemeinen im Inneren des Gegenstandes, im Verstandeskapitel untersucht werden. Für Kant war es unmöglich, vorbei an der Erscheinung, in die innere Seinsverfassung des An-Sich zu blicken, doch Hegel schaut hinter die Kulissen und erblickt dabei ein " Spiel der Kräfte ", dass sich anstatt der Sinne, nur durch den Verstand erschließen lässt. In dieser " Übersinnlichen Welt ", dem Ort der Gesetzte, herrscht eine latent zurückgehaltene Kraft, die auf eine sich äußernde sinnliche Kraft bezogen ist. Wenn mir z.b. durch die Schwerkraft ein Apfel auf den Kopf fällt, so offenbart sich für uns eine Kraft, die allerdings durch ihr Wirken nicht verbraucht wird, sondern als Kraft unthematisch, weiterhin präsent bleibt. Sie ist also ein ruhiges Reich der Gesetzte, ein Abbild, die den wahrgenommenen Veränderungen in der Welt zugrunde liegt. Der Sinn dieses Kapitells, war es zu zeigen, dass durch die Spiegelung der sinnlichen Welt, der Verstand durch seine eigene Beteiligung und seinem Wissen davon, sich nun seiner selbst bewusst wurde. Anders als bei Kant, der das Selbstbewusstsein, als synthetische Einheit der Apperzeption schon vorausgesetzt hatte, geht es Hegel um den geschichtlichen Prozess, wie das Selbstbewusstsein sich selber entdeckt.

In diesem von Hegel als " einheimisches Reich der Wahrheit " bezeichneten Gebiet, befinden wir uns an einem Schlüsselpunkt, den es gilt nicht falsch zu interpretieren, speziell das einflussreiche Kapitel Herrschaft und Knechtschaft. Zusammenfassend sollte noch einmal erwähnt werden, dass der Gegenstand des Bewusstseins, dieses Bewusstsein jetzt selbst ist, was Hegel so formuliert, " das Bewusstsein hat in dem Selbstbewusstsein, als dem Begriff des Geistes, seinen Wendepunkt, auf dem es aus dem farbigen Schein des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des Übersinnlichen Jenseits, in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet ". Das Selbstbewusstsein begnügt sich mit dieser Gewissheit jedoch nicht, es möchte ein Wissen über sich in Erfahrung bringen und dafür verwendet Hegel den Begriff der Begierde in einer ungewöhnlichen Weise, als Begierde nach Wirklichkeit. Das folgende Gleichnis von Herrschaft und Knechtschaft und der daraus resultierenden Bildkräftigkeit, bot den nachfolgenden Geistesgrößen einen Anlass, sich durch die unterschiedlichsten Interpretationen, eine Auslegung anzueignen, die oftmals den hegelschen Gesamtbau verzerrte. Speziell Kojève und Marx, bedienten sich einer einseitig sozialen Interpretation, die die Exegese von Herrschaft und Knechtschaft als eine Propädeutik für das Wesen der Klassenkämpfe auslegten und dabei die Subjektivität des Geschehens vernachlässigten. Es darf nicht vergessen werden, dass das Selbstbewusstsein sich auf sich selber bezieht. Ich verweise hierbei auf die, meiner Meinung nach exaktere Interpretation von George Armstrong Kelly, der darauf aufmerksam macht, dass sich das Selbstbewusstsein in diesem Stadium noch keiner Intersubjektivität bewusst ist, sondern lediglich auf die im Geist erscheinende Gesellschaft und ihr Fundament vorausdeutet und begründet. Wenn Hegel also von einer " Verdopplung des Selbstbewusstseins " spricht, dann geht er von einem Zustand innerhalb eines Ich aus.

In diesem, von zwei geprägten Momenten, dargestellten Szenarium, stellt der Herr die Identität mit sich selber dar und verzichtet dabei auf eine nach außen gerichtete Beziehung, wodurch es jedoch infolgedessen zu einer Verkümmerung der Selbstrealisierung kommt. Der Knecht hingegen, stellt das unselbständige Bewusstsein dar, dass sich auf seine gegenständliche Umgebung bezieht und von ihr beeinflusst wird. Das sind demnach die beiden Protagonisten, die sich in ihrem fortlaufenden Kampf um Anerkennung synthetisieren, denn beide Aspekte des Selbstbewusstsein sind füreinander wichtig.
Die voranschreitende Reise des werdenden Wissens kommt mit dem Erlangen der Vernunft nun zu seiner Selbstverwirklichung. Dabei bereiten schließlich die einzelnen Momente, wie Weltgenuss, Weltverbesserung und Weltbekämpfung das Reich der Sittlichkeit vor. Aus der beobachtenden Vernunft geht so das vernünftige Moralische Selbstbewusstsein hervor, das Reich des Geistes beginnt. Es folgt ein langer Prozess, der durch das Aufzeigen der letzten Wiedersprüche und deren neuen Synthesen, vorbei an der vorletzten Stufe, der Religion, zum absoluten Wissen gelangt. Es ist der Bereich, in dem sich das Subjekt von seinen Entfremdungen, und Entäußerungen entäußert und sie zugleich als seine begriffene Geschichte in sich integriert. Es ist nun als absolutes Für-Sich, nach einer langen dialektischen Reise Substanz geworden.

Doch was passiert danach, ist dies das Ende der Geschichte, können wir als Menschen nun auf unsere Zeit zurückblicken und sagen was der Sinn des Seins war, oder stellt dieser zurückgelegte Prozess, selber nur ein Glied einer noch unvorstellbareren Geschichte dar ?. Mit diesem Ausblick möchte ich mich nun mit einer Anekdote über Alexandre Kojeve verabschieden, der nach seiner Vorlesung über die Phänomenologie gesagt habe soll, in diesem Buch stünde alles drinnen, mehr gäbe es nicht zu sagen, worauf er sich zurückzog und schwieg. Und so werde nun auch ich nach dieser doch etwas länger ausfallenden Rezension schweigen und dem Leser Mut, Durchhaltevermögen, aber an erster Stelle Respekt für dieses gigantische Meisterwerk aussprechen.


Im Räderwerk: Drehbuch
Im Räderwerk: Drehbuch
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,95

5.0 von 5 Sternen Wenn die Stelle des Revolutionär neu besetzt wird., 12. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Im Räderwerk: Drehbuch (Taschenbuch)
Jean Aguerra, der einstige Idealist, der durch seine unbändige Motivation und Willenskraft eine Revolution ermöglichte, zeigt, dass die Organisation eines Umsturzes, nur die Spitze eines Eisberges darstellt und die wahre Herausforderung in der anschließenden Aufrechterhaltung durch die richtige Politik besteht. Jean muss erkennen, dass sein Streben nach einer Umwälzung, nicht mit einer erfolgreichen Konstitution einer Untergrundbewegung beendet ist, sondern, es gilt, das aufgesetzte Räderwerk der kapitalistischen Politik aus dem größeren und mächtigeren Nachbarland zu durchbrechen und dadurch die Unabhängigkeit über die eigenen Erdölressourcen zu garantieren.

Sartres Drehbuch zeigt für viele Menschen sinnbildlich auf, dass die eigenen vorgenommenen Ziele nicht nur vom eigenen Willen, sondern oftmals von größeren beeinflussenden Zusammenhängen abhängen und Veränderungen oftmals genau das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich zu ändern beabsichtigt war. Jean der eigentlich die Erdölproduktion verstaatlichen und den Menschen eine sozialistische Politik, anstelle von Korruption und Ausbeutung ermöglichen wollte, sieht sich nach seiner Machtübernahme gezwungen, diesen Schritt nicht zu gehen, um das Land vor den Konsequenzen des ausländischen Erdölkartells zu bewahren. Er befindet sich in einem moralischen Dilemma, welches sich dadurch auszeichnet, dass er sich gezwungen sieht, den Kurs seines Vorgängers, den es ja zu ändern galt, ebenfalls fortzuführen, aber dadurch den Zorn der Bürger, die Reformen fordern, auf sich zieht. Als Jean anderweitig versucht, die Effektivität des Landes zu verbessern und daher eine Industrialisierung der Landwirtschaft beabsichtigt, reagieren die uneinsichtigen Bauern mit sabotierenden Maßnahmen, wodurch es zu einer Gewaltspirale kommt. Nachdem die Aufständischen sich über die Vergeltungsschläge hinweggesetzt haben, wollen sie ihren damaligen Anführer stürtzen und über seine Taten Rechenschaft verlangen.

Es kommt zu einem Prozess, der durch verschiedene Zeugen und ihren unterschiedlichen Perspektiven, den Revolutionär und seine Handlungen in wiedersprüchlichen Ansichten charakterisieren. Das anfängliche Bild des grausamen Diktators, das große Ähnlichkeit mit dem unmoralischem Protagonisten Götz, aus Sartres Theaterstück " Der Teufel und der liebe Gott ", aufweist, offenbart sich sukzessive als ein tragisches Marionettenmännchen, dass sich gezwungen sah, entgegen seiner einstigen Ideale zu handeln. Ideale die Jean, durch seine schlimmen Erfahrungen aus der Kindheit und dem daraus folgenden Ressentimentgefühl heraus entwickelte, um Armut und Hungersnot zu überwinden und damit eine gewaltfreie Zukunft zu ermöglichen. Doch es zeigt sich, dass im Sinne des Zieles, vor blockierenden Hindernissen, wie einem vermeintlichen Spion der liquidiert wird, einfach hinweggegangen wird, unter dem Motto " Der Zweck heiligt die Mittel ". Schon Raskolnikoff, in Dostojewskis " Schuld und Sühne ", handelte nach der selben Maxime, wonach es legitim sei, wenn besondere Menschen sich über andere hinwegsetzen dürfen, um ihre Ideale durchzusetzen. Doch wem obliegt die Macht, zu bestimmen, wer als besonders zu gelten hat und wer legitimiert die Revolutionen bestimmter Idealisten ?. Denn im Räderwerk zeigt es sich, dass die Revolution lediglich zu einem Wechsel des Personals und keiner neuen Politik geführt hat. Das anfängliche Bild eines Verräters, wie es sich den Aufständischen anfangs bekundet, verwandelt sich nach und nach in das Schicksal einer leidenden Person, die anstatt eine eigene Politik durchzubringen, vielmehr der Macht der ausländischen Gewalt unterstand und damit in gewisser Weise unter fremder Regie agierte. Ob sein Nachfolger es besser machen wird ?

Insgesamt ein sehr interessantes Drehbuch, welches Heute aktueller, denn je zu sein scheint. Dazu stellt Sartre einen sehr faszinierenden Antagonismus, zwischen Jean und seinem Freund Lucien dar, der eine, der für seine Sache kämpft und der andere, der jedwede Form von Gewalt ablehnt und passiv, in Form von Worten, die Welt zu verändern gedenkt. Ein Buch welches auch deshalb so packend ist, weil es nicht nur der Revolutionär ist, der sich in einem Räderwerk befindet, sondern auch der normale Bürger, der ebenfalls mit Wünschen und Zielen die Welt zu verändern beabsichtigt, aber durch bestimmte Instanzen zu Einschränkungen verleitet wird. Ein sehr anregendes Buch


Traum eines lächerlichen Menschen: Eine phantastische Erzählung
Traum eines lächerlichen Menschen: Eine phantastische Erzählung
von Fjodor M Dostojewskij
  Broschiert

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Aber mir wurde alles einerlei, und die Probleme entfernten sich von selbst ", 9. April 2014
Dostojewski ist es mit dieser phantastischen Erzählung gelungen, auf verhältnismäßig wenigen Seiten, eine so wunderschöne, nachdenkliche, aber auch melancholische Geschichte zu schildern, um dem Leser wieder das Gefühl für die ungeheure Besonderheit, aber auch Zufälligkeit der Welt zu geben. Mit den Worten " Ich bin ein lächerlicher Mensch " , lässt uns ein unbekannter Ich-Erzähler, einen Einblick in sein Leben gewähren, der das Gefühl für jedwede Normalität verloren hat und die Welt als lächerlich und gleichgültig ansieht. Durch das Gefühl der gleichmütigen Einerlei und dem lethargischen besinnungslosen Dahinfließen, möchte er seine lange gehegte Idee zum Selbstmord, die er immer wieder aufschob, nun endlich realisieren. Als ihm dann in einer Nacht ein kleiner Stern, als Zeichen für seine Tat erscheint, stößt er plötzlich auf ein kleines, trauriges Mädchen, die in ihrer Verzweiflung immer wieder nach ihrer Mutti ruft und um Hilfe bittet. Als er zuhause ankommt, muss er dann nachdenklich feststellen, dass seine vermeintliche Gleichgültigkeit, dennoch Raum für Mitleid offenlässt. Ohne es zu merken schläft er schließlich ein und beginnt die Folgen seines Selbstmordes zu träumen. Es beginnt eine Reise, bei der er von einem unbekannten Wesen, zu einer völlig identisch aussehenden Welt begleitet wird, auf der allerdings ein völlig divergenter Typ Mensch zu wohnen scheint.

Der träumende Reisende erblickt ein vorzivilisatorisches Paradies, das dem von Rousseau beschriebenen Naturzustand des Menschen sehr ähnlich sieht. So drängen sich freundliche Menschen zu ihm, die ihn streicheln und ihm ein leichteres Gemüt bereiten wollen. Menschen die das vollkommene Glück ausstrahlen und aus deren Gesichtern die gelassenste Ruhe spricht. Diese wunschlos glücklichen Leute, die nicht nach einer wissenschaftlichen Erkenntnis des Menschen trachten, sondern diese vielmehr schon durch eine tiefere intuitive Einsicht in das Wesen der Dinge, vollständig erworben zu haben scheinen, symbolisieren die Idee des wahrlich Schönen. Diese durch keinen Sündenfall entstellte harmonische Welt, nimmt nun einen entscheidenen Wendepunkt, wobei der Träumer sich als Ursache für das Verderben dieser Welt ansieht. Er verkörpert den hereinbrechenden Sündenfall, der zu Folge hat, dass die Menschen ihre intuitive Liebe des Augenblicks, in ein reflexives Verhalten veränderten. Anstatt in den unmittelbaren Bedürfnisbewältigungen aufzugehen, entsteht nun eine innere, ständig nach Vorteil und Nachteil abwägende Welt.

Der Träumer sieht nun diese Entwicklung, die danach strebt, das Wissen dem Gefühl vorzuziehen und den Menschen zu jener Gesellschaft zu entwickeln, die er bereits von seiner Welt kannte. Eine Gesellschaft, die Rousseau als eine Entfremdung vom Naturzustand bezeichnet hat. Als er der Schmerz seiner Tat ihn schließlich völlig zu erdrücken scheint, da erwacht er in seinem Lehnstuhl und ist sich seiner gesehenen Wahrheit bewusst. Ähnlich Nietzsches Zarathustra, will auch er nun seine Wahrheit verkünden und hat sich zu einem wahren Humanisten entwickelt. Seine Wahrheit, gesehen zu haben, dass die Menschen auch glücklich sein können und das das Böse nicht der Naturzustand der Menschen sei, ruft bei seiner Verkündung jedoch nur Gelächter hervor.
Auch wenn er sich bewusst ist, jenes Paradies nicht einrichten zu können, hat er für sich die Hauptsache entdeckt " Liebe die anderen wie dich selbst ! ", denn so lässt sich die Welt zu einer besseren gestalten.


Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister
Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister
von Friedrich Nietzsche
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,95

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeigt euch ihr Freien Geister !, 8. April 2014
Friedrich Nietzsche schaffte sich seinen freien Geist, als eine Erholung und Ablenkung nach einem entzaubernden, entromantisierenden Blick in das Innere der Welt, um die daraus resultierenden Wahrheiten zu ertragen, aber gleichzeitig auch überwinden und bejahen zu können. Wir lesen hier einen Friedrich Nietzsche, der sich in einem gewandelten und weiterentwickelten Zustand befindet, der durch die nötige Distanz und Ferne zu seinen aufdeckenden Erfahrungen, einen kühleren und gefestigteren Blick eingenommen hat, um sie endlich geordnet darzustellen. In seinem späteren Werk, " Also sprach Zarathustra " , ist die Rede " Von den drei Verwandlungen ", in denen differenziert wird zwischen dem Kamel-Stadium, das den gebundenen, folgsamen Geist darstellt, dem anschließenden Löwen-Stadium, welches den befreienden Geist hervorbringt und dem letzten Stadium des Kindes, wo der neue werteschaffende Geist, seine bisherigen Stadien überwunden und sie als seine Geschichte zurückgelassen hat. Der uns vorliegende Nietzsche, der sich durch eine antreibende Neugier zu einem entsagenden Aufbruch auszeichnet, um sich von sämtlichen Sinngebungen und Glaubenssätzen loszulösen, spiegelt dementsprechend eine Zugehörigkeit zum Stadium des Löwen wieder. Mit dem Pathos " lieber sterben als hier leben " hat er sich nun genügend Selbstvertrauen aufgebaut um den Mut für eine konsequente Durchführung einer Umwertung der Werte anzutreten und den langen Weg zum selbstbestimmenden Freigeist zu ebnen. In Menschliches Allzumenschliches werden noch keine neuen Werte verkündet, sondern es wird eine medizinische Anleitung in Form eines Übergangsprozess geliefert, um die trübe, nebelige Sicht des gebundenen Geist zu erhellen und ihn stattdessen durch die klareren Augen des ungebundenen Freigeistes blicken zu lassen. Mit den Worten " Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden ", bläst er den Kampf für eine Selbstbestimmung an, die sich von der bisherigen Fremdbestimmung endlich distanzieren soll, um das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen zu lernen, wie es Nietzsche in der Vorrede erläutert. Es hieß Abschied nehmen von seinen großen Vorbildern, Schopenhauer und Wagner, um Platz für sein neues Ideal, den Freigeist zu schaffen.

Doch wer neues schaffen will, muss altes zerstören und darum git es die vielschichtigen Irrwege der gebundenen Geister, in sämtlichen Regionen der menschlichen Interaktionen aufzuzeigen. So in der Religion, den moralischen Empfindungen, der Metaphysik, aber auch im kleinen Rahmen, wie der Ehe und in der Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Kind. Dem gebundenen Geist fehlt die differenzierte Einsicht in die Wahl der vielen Möglichkeiten, stattdessen erblickt er seine Stellung durch einen Tunnelblick, um die bequemere Gewohnheit, der Qual der Wahl vorzuziehen. Auf diese Weise handelt er nach seinen anerzogenen Maximen, die seine Handlungsfreiheit auf wenige Möglichkeiten einschränkt, im Gegensatz zum Freigeist, der sich der Mannigfaltigkeit der Motive und Gründe bewusst ist. Das Einverleiben geistiger Standpunkte, die unreflektiert akzeptiert werden, bezeichnet Nietzsche als Glauben. Nach diesem Schema funktionieren auch die Pfeiler der Gesellschaft, die ihre Legitimation durch den bequemen Glauben an sie erlangen. Der gebundene Geist ist mit dem Nutzen den sie bringen zufrieden und sieht die staatliche Ordnung und die Moral, als feststehende Wahrheiten an.

Doch wie vermag der Freigeist zu handeln und sich durchzusetzen, wenn er vor lauter Gründe nur noch Abgründe erkennt, die sein Handeln so erschweren und ihn daher schwach erscheinen lassen. Dazu der Schmerz der sich durch einen Verlust an gesellschaftlicher Integrität und der daraus resultierenden Verkanntheit bemerkbar macht, verleiten zu einem harten und einsamen Schicksal. Woher kommt der Glaube an das eigene Genie und die Kraft, " eine ganz individuelle Erkenntnis der Welt zu erwerben " und sich dadurch gegenüber den gebundenen Geistern zu behaupten ?, fragt sich Nietzsche. Der Freigeist muss sich nach langer Enthaltsamkeit befreien können, damit seine angestaute Energie sich endlich entladen und womöglich etwas neues noch nie dagewesenes erschaffen kann. Der gebundene Geist, so kritisiert Nietzsche, tritt lediglich als Gattungswesen in Form von Beamten, Kaufleuten und Gelehrten auf, wodurch der Wert der Individualität verloren geht, doch dieser bedarf es gerade, um das Fundament des Freigeistes garantieren zu können.
In menschliches Allzumenschliches schreitet er nun schonungslos sämtliche Gebiete menschlicher Aktivitäten ab und versucht im aphoristischen Stil aufzuzeigen, dass diese keine festen, allgemeingültigen Vorstellungen, sondern prozesshafte, sich im Verlauf der Geschichte verändernde Wahrheiten sind. So fordert er eine historische Philosophie, die sich genealogisch mit der Entstehung menschlicher Vorstellungen auseinandersetzt, um dadurch die verschiedenen Erkenntnisperspektiven freizulegen. Doch dieser Weg bedarf Zeit und einer Tilgung metaphysischer Restbestände, um den Weg für die Wissenschaft offenzulegen, so das die Frucht nun selbst vom Baum gepflückt werden kann, um die Möglichkeit des Fortschrittes zu gewähren. Für Nietzsche ist nun nicht mehr die Kunst, jenes erlösende Reich, sondern eine neue Art der wissenschaftlichen Kultur.

In " Also sprach Zarathustra ", wird mit dem gleichnamigen Protagonisten ein Beisspiel für einen Freigeist gegeben, der nach langer Enthaltsamkeit gelernt hat, die Menschen jenseits von Gut und böse zu betrachten. Als dieser jedoch auf die gebundenen Geister trifft und er seine gewonnenen Erfahrungen kundtun möchte, haben diese nur Verachtung für ihn übrig, denn wer möchte schon seine aufgenommenen Wahrheiten, allesamt für nichtig erklärt bekommen. Ähnlich ergeht es auch dem sich befreienden Gefangenen aus Platons Höhlengleichnis, als dieser mit der Erkannten Wahrheit zu den anderen Gefangenen zurückkehrt und diese ihn nur auslachen. Es gehört zum Schicksal des Freigeistes abgestoßen und belacht zu werden, so dass es nicht verwunderlich erscheint, dass Nietztsche sich zeitlebens unverstanden gefühlt hatte. Ein Freigeist lässt sich halt nur von einem anderen Freigeist erkennen, doch diese sind selten oder ?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 11, 2015 11:55 AM CET


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