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Beiträge von Lectorianus
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Rezensionen verfasst von
Lectorianus (Deutschland)

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Die Reise von Charles Darwin - Die komplette Serie (Pidax Historien-Klassiker) [3 DVDs]
Die Reise von Charles Darwin - Die komplette Serie (Pidax Historien-Klassiker) [3 DVDs]
DVD ~ Malcolm Stoddard
Wird angeboten von pidax
Preis: EUR 17,85

5.0 von 5 Sternen Gute Veranschaulichung der Zeitumstände, 26. Juni 2016
Die kleine Serie veranschaulicht sehr gut, in welchen Zeitumständen Darwin lebte und dachte. Die Reise wird sehr gut dargestellt. Auch der biographische Vorlauf zur Reise und der Weg zur Evolutionstheorie nach der Reise werden nachgezeichnet. Ich meine nicht, dass die Serie als veraltet gelten kann, wie manche schreiben. Eine einfach gut gemachte Serie, mit Liebe zum Detail. Einziger Wermutstropfen: Zum Schluss wird Darwin als Atheist dargestellt. Das soll er aber nicht gewesen sein, sondern ein nichtreligiöser Theist. In jedem Fall sehr sehenswert.


The Einstein Pursuit
The Einstein Pursuit
von Chris Kuzneski
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Superficial story, action is all, 12. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: The Einstein Pursuit (Taschenbuch)
The usual Payne & Jones story. With Nick Dial involved. It is about a genious medical scientist and an ill millionaire as the bad guy, longing for cure. And it is about Payne's father and a secret science society. Well. And the audiobook was presented by an other reader. You get used to it.


Wohlstand für alle
Wohlstand für alle
von Ludwig Erhard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was soziale Marktwirtschaft wirklich ist -- und was nicht, 16. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Wohlstand für alle (Gebundene Ausgabe)
Das Buch "Wohlstand für Alle" von Ludwig Erhard ist *das* Grundlagenwerk der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Hier gibt der Vater der sozialen Marktwirtschaft persönlich Auskunft, und jeder, der sich auf das Schlagwort der sozialen Marktwirtschaft berufen will, muss sich an diesem Buch messen lassen.

Die zentrale Botschaft lautet: Das Soziale an der sozialen Marktwirtschaft ist die Marktwirtschaft selbst. Wo immer ein echter Markt mit freiem Wettbewerb herrscht, werden die Ressourcen und kreativen Potentiale einer Volkswirtschaft optimal genutzt, und es entsteht größtmöglicher ökonomischer Nutzen. Deshalb hat für Ludwig Erhard das Kartellrecht eine zentrale Bedeutung, denn nur dadurch wird sichergestellt, dass tatsächlich Wettbewerb herrscht. Ein regelloser Kapitalismus mit Monopolbildungen wäre keine Marktwirtschaft; ein Nachtwächterstaat ist nicht das Ziel.

Die zweite Priorität ist die Stabilität der Preise. Die Stabilität der Preise ist sowohl für die Unternehmer wichtig, weil sie Planungssicherheit haben, aber auch für die ausländischen Kunden von Exportgütern, und schließlich auch für die Verbraucher, weil ihnen das Geld nicht durch Inflation aus der Tasche gezogen wird. Zur Erhaltung der Preise setzt Erhard auch auf staatliche Lenkungsmaßnahmen wie die Eindämmung einer überhitzten Konjunktur und im Idealfall auf die psychologische Wirkung seiner Aussagen.

Die dritte Komponente ist die Umverteilung des Wirtschaftswachstums an alle durch Lohnsteigerungen (oder durch Preissenkungen). Eine Umverteilung der Zuwächse ist politisch viel einfacher durchzusetzen als eine Umverteilung des bestehenden Vermögens, und setzt keine Fehlanreize. Ludwig Erhard spricht sich klar dagegen aus, die Sozialstruktur der Vorkriegszeit mit wenigen Reichen, einer breiten Unterschicht und einem schwachen Mittelstand fortzuführen. Lohnsteigerungen dürfen aber niemals die Produktivitätssteigerungen übertreffen, da es sonst zu Preissteigerungen kommt, die die Lohnerhöhung sinnlos sein lassen.

Vollbeschäftigung ist für Ludwig Erhard ein nachgeordnetes Ziel, das sich durch die höheren Ziele quasi von selbst erfüllen wird. Wichtig ist vor allem der Aufbau von Arbeitsplätzen, die sich ökonomisch selbst tragen.

Im Detail argumentiert Erhard, dass ein echtes Unternehmertum gar keine Kartelle wollen kann, will es nicht zur planwirtschaftlichen Bürokratenkaste verkommen. Auch Handwerksordnungen und andere bürokratische Regulierungen können Kartellcharakter annehmen, wenn sie den Markteintritt von Konkurrenten erschweren.

Der Export ist für Ludwig Erhard ein Schlüssel zum Erfolg. In diesem Zusammenhang äußert sich Erhard auch dazu, wie man Europa nicht integrieren darf, nämlich durch "Harmonisierung" oder gar feste Wechselkurse zwischen den Staaten (erinnert an die heutige EU und das heutige Euro-System). Vielmehr wird sich die ökonomische Integration unterschiedlich leistungsfähiger Ökonomien durch eine freie Preisbildung und durch die Konvertibilität der Währungen ergeben. Alles andere würde zu einer schlimmen Desintegration führen, meint Erhard.

Stellenweise wird Ludwig Erhard philosophisch. So z.B., wenn er die These ablehnt, dass die Marktwirtschaft materialistisches Denken fördere. Vielmehr führe ein wachsender Wohlstand dazu, dass die Menschen durch die Marktwirtschaft mehr Freizeit für ihre geistig-seelische Erbauung haben, statt nur für ihren Broterwerb arbeiten zu müssen. Insoweit sei die Marktwirtschaft "ein Gott wohlgefälliges Beginnen". Bedenken von Oberschichten, dass der Wohlstand die einfachen Menschen dekadent mache, weist er zurück: Man solle anderen gönnen, was man selbst hat. Eines Tages sei es sogar möglich, dass man bewusst auf Wirtschaftswachstum verzichte, um mehr Lebensqualität zu gewinnen -- doch so weit sei man noch lange nicht. Ludwig Erhard warnt auch vor der Maßlosigkeit als einem typisch deutschen Charakterzug (S. 268). Freiheit und Demokratie sind für Ludwig Erhard untrennbar mit der Marktwirtschaft verknüpft. Hingegen lesen sich die zitierten Reden der SPD aus damaliger Zeit wie Honecker-Reden: Ihnen fehlt ganz offensichtlich jeder Glaube an die Kraft der Freiheit.

Die ersten 160 Seiten des Buches bilden eine Art politischer Autobiographie, die minutiös die politische Situation des ersten Jahrzehnts von Bizone und BRD durchgeht. Ludwig Erhard erklärt, warum er jeweils welche Entscheidung traf, und wie er mit der Militärbehörde bzw. der politischen Opposition um seine Ziele ringen musste. In diesem Teil bekommt der Leser allein durch die Praxis einen Begriff davon, was soziale Marktwirtschaft ist. Dabei schreibt Ludwig Erhard nicht lehrbuchmäßig, sondern präsentiert seine Maximen in Form von kurzen Faustregeln. Erhard wehrt sich gegen den Vorwurf, dass er amerikanische Befehle ausgeführt hätte (S. 194 f.).

Das erste Jahrzehnt von Bizone und BRD war geprägt von kriegsbedingten, großen Ungleichgewichten und Turbulenzen, von Kapitalmangel, Rohstoffmangel, Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge und vielen anderen Problemen. Ludwig Erhard glaubte fest daran, dass eine wahrhaft freie Marktwirtschaft, beginnend mit der Einführung der Deutschen Mark in der Währungsreform von 1948, von ganz von selbst dazu führen würde, dass sich die Ungleichgewichte ausbalancieren würden. Und er hat Recht behalten. Auftauchende Probleme und Knappheiten überwand Erhard nicht durch ängstliches Zurückschrecken, sondern durch forsches Herauswachsen aus der Krise. Den Begriff "deutsches Wunder" (heute: "Wirtschaftswunder") lehnt Erhard ab, denn für ihn sei die Entwicklung alles andere als ein Wunder gewesen.

Das Buch ist leicht zu lesen, da es in lauter kleine Unterkapitel eingeteilt ist.


Mohammed: Eine Biographie
Mohammed: Eine Biographie
von Hans Jansen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das "Evangelium des Islam" - Historische Kritik und Reformpotential, 22. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Mohammed: Eine Biographie (Gebundene Ausgabe)
Die meisten Menschen lesen das falsche Buch, wenn sie sich über den Islam informieren wollen: Den Koran. Denn die Verse im Koran bleiben ohne einen historischen Zusammenhang, und über Mohammed sagt der Koran wenig oder gar nichts. Der zentrale Text des traditionalistischen Islam, der die Taten von Mohammed chronologisch erzählt und auf diese Weise eine Interpretation des Koran liefert, ist die Propheten-Biographie von Ibn Hischam. Dieses "Evangelium des Islam" wurde erst (!) 200 Jahre nach Mohammed von Ibn Hischam geschrieben; angeblich auf der Grundlage einer vielleicht 50 Jahre älteren Propheten-Biographie von Ibn Ishaq.

Diese Propheten-Biographie aus dem 8./9. Jahrhundert ist die zentrale Grundlage des traditionalistischen Islam, nicht so sehr der Koran!

Hans Jansen versucht nun in seinem Buch "Mohammed, eine Biographie" diese angebliche Lebensgeschichte Mohammeds, die ja erst lange nach Mohammed geschrieben wurde, und die darin enthaltene Ausdeutung des Koran zu hinterfragen: Was ist daran ein glaubwürdiger historischer Bericht und was ist spätere Legendenbildung? Und wenn eine Legendenbildung vorliegt, wie kam es zu dieser Legende?

Diese Hinterfragung gelingt Hans Jansen sehr gut. Am Ende weiß man, dass die Propheten-Biographie von Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq keine historische Biographie sondern eine Glaubensschrift ist, ganz genauso wie die Evangelien über das Leben Jesu. Man weiß also über die wirklichen Geschehnisse um Mohammed weniger als viele meinen. Vieles, was bei heutigen Muslimen für typisch islamisch gilt, ist höchstwahrscheinlich eine spätere Hinzuerfindung oder eine verzerrte und ausgeschmückte Version der wahren Begebenheiten.

Das eröffnet natürlich ein unerwartetes Potential für eine Reform des Islam:

So wie die Erforschung des "Urchristentums" und des "historischen Jesus" zu einem besseren und damit reformierten Verständnis des Christentums geführt haben, ganz genauso kann man sich Reformimpulse von der Erforschung des "Urislam" und des "historischen Mohammed" erhoffen. Das ist eine große Chance für alle modernen Muslime, die mit der Integration des Islam in die aufgeklärte, demokratische Gesellschaft ernst machen möchten. Wie war Mohammed wirklich? Das ist eine Frage, an der jeder Muslim brennend interessiert sein sollte.

Hinzu kommt, dass die Propheten-Biographie von Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq anders als der Koran kein heiliges, geoffenbartes Buch ist, sondern Menschenwerk: Hier ist Kritik viel leichter möglich als beim Koran.

Hans Jansen geht in seinem Buch sehr behutsam vor. Der Leser bekommt keine wissenschaftlichen Deutungen vor den Latz geknallt, die bei Menschen, die solches Hinterfragen nicht gewohnt sind, gläubigen Trotz provozieren müssen. Im Gegenteil: Das Buch arbeitet viel mit offenen Fragen: Klingt dies glaubwürdig? Ist jenes nicht ein seltsamer Zufall? Hört sich das nicht genauso an wie der Bibelvers xy? -- Manchmal übertreibt der Autor es sogar mit der Behutsamkeit, wenn er z.B. die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode nicht über den Glauben an eine sichtlich ausgeschmückte Legende stellen will.

Das Buch hat aber auch einige Nachteile:

Zunächst bleibt das Buch oft dabei stehen, die Legenden um Mohammed zu hinterfragen, ohne Anhaltspunkte dafür zu geben, was denn statt dessen wirklich geschah. Nachdem sich manche wohlvertraute Deutung von Koranversen durch Hans Jansens Buch in Luft aufgelöst hat, hätte man gerne mehr über die wahren Hintergründe von diversen Koranversen gewusst.

Größter Malus: Vor allem im Nachwort fokussiert sich der Autor ziemlich überraschend und kurz angebunden auf die These, dass es Mohammed als historische Person vielleicht gar nicht gab. Das ist zwar eine legitime wissenschaftliche These (von mehreren), aber als Quintessenz dieses Buches völlig unpassend. Dieses Buch zeigt vor allem, dass die überlieferten Legenden nicht stimmen können. Was aber statt dessen wahr ist, dazu führt dieses Buch so gut wie keine Argumentation.


Der verfälschte Islam: Eine Kritik der Geschichte islamischen Denkens
Der verfälschte Islam: Eine Kritik der Geschichte islamischen Denkens
von Yasar Nuri Öztürk
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

3.0 von 5 Sternen Islamreform im Sinne der "Schule von Ankara", 22. April 2016
Die sogenannte "Schule von Ankara" ist ein Sammelbegriff für türkische Theologen, die im Gefolge des Kemalismus damit begonnen haben, den Islam zu reformieren, so dass der Islam zu einer modernen, säkularen Republik passt. Der heutige Hauptvertreter dieser Richtung ist der Autor dieses Buches: Yasar Nuri Öztürk. Er ist einer der schärfsten Kritiker des Islamisten Recep Tayyip Erdogan und engagiert sich auch als Parlamentarier im türkischen Parlament.

Problematisch ist, dass die "Schule von Ankara" sich einer bestimmten politischen Richtung verbunden fühlt, nämlich dem Kemalismus, und dass sie den Islam etwas zu einfach und etwas zu holzschnittartig an die Erfordernisse einer modernen, säkularen Republik anpasst. Eine qualitativ hochwertige und dauerhafte Reform einer Religion erzielt man aber nur dann, wenn die Reform wahrhaftig und glaubwürdig ist, und über einen politischen Zeitgeist hinaus einer Prüfung stand hält. Eine Religion kann sich nicht allem anpassen. Die "Schule von Ankara" hat allerdings so zahlreiche theologische Anstöße gegeben, dass ihre Reformwirken eine dauerhafte Wirkung entfaltet hat. Eine Reform in der Breite des türkischen Islams ist aber offensichtlich nicht gelungen.

Das vorliegende Buch, das eine auszugsweise Übersetzung ist, gibt einen Einblick in die Theologie der "Schule von Ankara". Manches ist wie gesagt zu einfach gedacht. Manches ist auch typisch türkischen und islamischen Ressentiments geschuldet. So wittert Öztürk z.B. die Quelle der Verfälschungen des Islam bei Juden, Christen oder den Arabern: Solche holzschnittartigen Zuschreibungen helfen nicht weiter.

Aber es sind auch einige interessante Punkte dabei.

So z.B. die Erkenntnis, dass das Wort "schlagen" in dem Vers, der das Schlagen von Frauen erlaubt, möglicherweise gar nicht "schlagen" bedeuten soll. Die arabische Sprache ist nämlich eine sehr polyseme Sprache, und so kann ein und dasselbe Wort viele verschiedene Bedeutungen annehmen. In Anlehnung an die Verwendung desselben Wortes an anderen Stellen des Koran will Öztürk lieber mit "wegschicken" statt mit "schlagen" übersetzen. Wenn das eine philologisch tragfähige Interpretation ist, wäre das eine kleine Sensation.

Öztürk überwindet auch die Trennung der Welt in "Haus des Krieges" und "Haus des Islam". Denn das "Haus des Islam" sei überall dort, wo ein Rechtsstaat herrscht, auch wenn es kein islamischer Staat ist.

Generell will Öztürk die Koran-Auslegung von späteren arabischen Traditionen befreien und den Koran sprachlich und im historischen Kontext lesen. Die Richtung stimmt also, bei allen nicht zu leugnenden Schwierigkeiten.


Gott glaubt an den Menschen: Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus
Gott glaubt an den Menschen: Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus
von Mouhanad Khorchide
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Abrundung einer echten Islamreform / Linkslastiger Humanismus, 14. April 2016
Mit diesem Werk versucht Mouhanad Khorchide zwei Dinge zugleich: Zum einen rundet er seine Reformtheologie ab, die er in zwei vorangegangenen Büchern zu entfalten begonnen hat ("Islam ist Barmherzigkeit" und "Scharia, der missverstandene Gott"). Zum anderen versucht er, den Islam in die Tradition des Humanismus einzuordnen.

Dieses Buch leidet etwas darunter, dass diese zwei Themen in ein Buch gepackt wurden und sich auf verwirrende Weise von Kapitel zu Kapitel abwechseln. Der Leser tut gut daran, beide Themen zunächst getrennt wahrzunehmen, und erst nach der Lektüre des gesamten Buches über eine Synthese nachzudenken.

Thema 1 -- Die Abrundung der Reformtheologie:

Am Anfang des Buches wird die in früheren Werken entwickelten Reformtheologie in geraffter Form und unter einer etwas anderen Perspektive wiederholt: Die Offenbarung des Koran ist von dem zentralen Satz aus aufzudröseln, dass Gott allbarmherzig ist, und Mohammed zur Barmherzigkeit gesandt wurde, und nicht, um Menschen zu zwingen. Der Mensch ist anders als die Engel kein Befehlsempfänger. Die richtige Haltung des Muslims ist das Sich-Öffnen im Gegensatz zum Sich-Verschließen. Der Koran muss historisch kontextualisiert gelesen werden. Es gibt ewig gültige und situativ gültige Verse. Die Sunna (Hadithe) müssen immer wieder auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft werden.

Die Reformtheologie wird abgerundet durch folgende Aussagen:

* Ablehnung der fatalistischen Prädestinationslehre (S. 29).
* Die Welt funktioniert nach Naturgesetzen, die der Mensch erkennen soll. Khorchide ist strikt dagegen, naturwissenschaftliche Aussagen im Koran erkennen zu wollen. Denn solche Aussagen sind bedingt durch den historischen Kontext, in den die Offenbarung hineingesprochen wurde. Der Koran verlangt nach der Benutzung der Vernunft, die die Gläubigen zu jeder Zeit neu einsetzen müssen (S. 33 ff.).
* Die Verweigerung des Vernunftgebrauchs erregt den Zorn Gottes (S. 52).
* Jetzt gesteht Khorchide auch einen strafenden Gott zu, im Verhältnis 18:1 barmherzig vs. strafend (S. 84). Die Strafe Gottes richtet sich nur gegen die Sünde, nicht gegen den Sünder.
* Der Mensch soll danach streben, Gottes Eigenschaften ähnlich zu werden, doch Gott ist absolut, und der Mensch nur relativ und unvollkommen, ein ewig Strebender. Sogar im Paradies ginge das Streben noch weiter, meint Khorchide (S. 81).
* Khorchide sagt jetzt, dass er Glaube nicht gegen Handeln ausspielen möchte, sondern dass das richtige Handeln ein Ausdruck des richtigen Glaubens ist (S. 198). Gut so.
* Der Islam enthält in sich Aufforderungen zu Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, und strebt keine Weltherrschaft des Islam an. Ein Kafir ist kein Ungläubiger, sondern ein Leugner. Christen und Juden werden z.B. keineswegs pauschal als Kafir bezeichnet. Khorchide schließt jetzt explizit alle Andersgläubigen in sein Toleranzkonzept mit ein, bis hin zu Atheisten (S. 209, 248).

Sehr stark sind Khorchides Aussagen zur Gewalt im Islam:

* Khorchide hat ein großes Kapitel eingefügt (S. 167 ff.), in dem er klarstellt, dass der Dschihad als Angriffskrieg gegen alle Nichtmuslime eine starke Tradition in der islamischen Theologie hat, und dass es heute darum geht, eine friedliche, in der Geschichte des Islam meist schwächere Tradition, zum heute vorherrschenden Narrativ im Islam zu machen.
* Khorchide zeigt die einzelnen Gelehrten auf, die durch die Jahrhunderte diese oder jene Lehre vertreten haben: Das ist sehr interessant.
* Khorchide widerlegt die verschiedenen Argumente der Tradition: Die verschiedenen Schwertverse; die Problematik der Abrogation, die auch in der Tradition sehr umstritten ist (S. 178, 219 f.); usw. (Unerwähnt bleibt, dass auch die chronologische Reihenfolge der Koranverse, von der die Abrogation abhängt, in der Tradition umstritten ist.)
* Khorchide zeigt, dass das Massaker an den Juden durch Mohammed nicht historisch ist. (Unerwähnt bleibt, dass moderne Historiker das Massaker als spätere Erfindung einordnen, mit der die Entfernung der Juden aus der Umma gerechtfertigt werden sollte.)
* Khorchide sagt klar, dass das Problem nicht nur die Islamisten sind, die Gewalt und Terror anwenden, sondern bereits der traditionalistische Mainstream des Islam, der sich für ein Nachdenken über die Tradition nicht öffnet sondern verschließt, und damit notwendige Reformen verhindert. Der traditionalistische Mainstream tut auf der einen Seite so, als gäbe es die vorherrschende Tradition nicht, auf der anderen Seite wehrt er sich gegen jede Kritik an der Tradition.
* Khorchide klagt einen Teil der Muslime der "Westophobie" an, weil sie eine Islamreform pauschal mit dem falschen Argument ablehnen, dass man eine solche Reform nur deshalb durchführe, weil man damit dem Westen zu Gefallen wäre. Doch der Islam hat Reformen in seinem eigenen Interesse nötig.

Khorchides Reformtheologie ist teilweise links und postmodern:

* Khorchide wendet sich gegen jede Autorität im Islam (S. 115 f., 222 ff.). Es ist zwar richtig, den einzelnen Gläubigen zu Eigenverantwortung aufzurufen, aber die Ablehnung jeder Form von Autorität ist überzogen und entspricht auch nicht dem Wesen des Menschen. Hier verfolgt Khorchide eine Utopie, mit der er keinen Erfolg haben wird. Statt Autoritäten pauschal abzulehnen sollte man sich lieber überlegen, wie man Autoritäten so installiert, dass sie nicht autoritär sind. Man muss auch bedenken, dass eine Organisation wichtig für die Meinungsbildung ist. Eine Organisation kann sich entwickeln, streiten, Lehren aussprechen oder verwerfen. Ohne das ist eine Reform praktisch nicht möglich. Die Masse der unorganisierten Muslime würde von Reformdenken sonst nie erfasst.
* Teilweise übertreibt es Khorchide mit dem Sich-Öffnen. Bei ihm ist alles prozesshaft und im Fluss, alles wird ausgehandelt, der Dialog ist alles. Der Satz "Das ist der wahre Islam" sei obsolet geworden, meint Khorchide (S. 45). Damit schwächt Khorchide aber auch seine eigene Position gegenüber den Traditionalisten. Khorchide muss schon klar sagen können, dass die Theologie der Gewalt falsch ist und schon immer falsch war, und deshalb zu verurteilen ist.
* Khorchide schreckt davor zurück, große Gelehrte der islamischen Tradition für ihre theologischen Positionen zu verurteilen, weil es eine andere Zeit war (S. 187 f.). Doch so geht es nicht. Auch im Christentum waren Hexenverbrennungen schon immer falsch. Hexenverbrennungen sind nicht erst heute falsch.
* Die Absicht zur Verwerfung der Hadithe, die nicht zur zentralen Botschaft der Allbarmherzigkeit passen, ist zwar grundsätzlich richtig, wird von Khorchide aber allzu leichtfertig formuliert (S. 176). Auch manche Koranverse sind etwas sperrig, können aber dennoch zur zentralen Botschaft in einen guten Bezug gesetzt und historisch kontextualisiert gelesen werden, ohne dass man sie verwirft.
* Die Darstellung der Geschichte von Islam und Christentum unter der Perspektive des Sich-Öffnens und Sich-Verschließens ist grundsätzlich richtig gedeutet, aber im Detail zeichnet Khorchide ein zu weiches Bild: Das Kalifat von Cordoba in Al-Andalus sei ein wahres Paradies auch für Christen und Juden gewesen, die dort auch zur Universität gingen; im Islam hätte es damals keine Autoritäten gegeben, deshalb sei alles geistig frei gewesen; das wissenschaftliche Denken in Europa sei maßgeblich durch Al-Andalus und die Übersetzerschule von Toledo angestoßen worden; vor Anselm von Canterbury hätte es keine Beschäftigung mit Wissenschaft und Philosophie in Europa gegeben. Das alles ist so höchstens halbwahr und deshalb leider geeignet, wohlmeinende Islamkritiker abzuschrecken, weil sie solche Weichzeichnungen schon zu oft aus unglaubwürdigem Munde gehört haben. Die beabsichtigte Grundaussage ist aber trotzdem richtig: Man muss sich geistig öffnen.

Khorchide streut immer wieder Seitenhiebe gegen das Christentum ein:

Als Nichtchrist ist das völlig legitim, man müsste es aber etwas breiter diskutieren:
* Der Islam kennt keine Erbsünde, es gibt keine Kollektivschuld (S. 25). -- Schön und gut, aber die Unvollkommenheit des Menschen als Geschöpf eines vollkommenen Gottes erklärt Khorchide damit nicht. Warum scheitert der von Gott geschaffene Mensch in der von Gott geschaffenen Welt immer wieder und wieder und muss sterben? Warum ist die Welt nicht vollkommen?
* Gott wird nicht Mensch, die Distanz zwischen Gott und Mensch bleibt gewahrt (S. 81 f., 85). -- Da Khorchide seinen Gott ähnlich wie den christlichen Gott als liebenden Gott darstellt, bleibt die Frage, wie Gott die damit entstehende Kluft zum Menschen überwinden will. Und wie errettet der islamisch verstandene Gott den bleibend sündigen Menschen, ohne ihm Anteil an der Göttlichkeit zu geben?
* Sexualität sei auch zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse da, deshalb gebe es im Islam kein Verbot von Verhütungsmitteln (S. 243 f.). -- Khorchide hat hier den christlichen bzw. katholischen Standpunkt nicht ganz verstanden, scheint es.

Thema 2 -- Islam und Humanismus:

Den Islam in die humanistische Tradition einzubetten ist ein großer Wurf. Denn damit verlässt Khorchide die Defensive und bringt den Islam offensiv in unsere Kultur hinein. Muslime werden so zu einer Islamreform motiviert, denn sie dürfen auf einen würdigen Platz für den Islam im Kreis der humanistischen Weltanschauungen hoffen. Im Kern geht es Khorchide um das Sich-Öffnen als einem humanistischen Grundgedanken. Das ist sicher richtig, aber leider ist die Ausführung des Ansatzes nicht ausreichend gelungen.

Ein linkslastiger Humanismus-Begriff:

* Zentraler Fehler ist die Unterschätzung der Antike als Grundlage des Humanismus. Der Humanismus der Antike ist nicht einfach nur der erste Humanismus, und nicht einfach nur ein Humanismus unter mehreren, sondern es ist *der* Humanismus schlechthin, der zur Grundlage für alle späteren Humanismen wurde. Man kann sich nicht vom Humanismus der Antike lösen, so wie man auch das Rad nicht noch ein zweites Mal erfinden kann. Das Herunterspielen der Bedeutung der Antike ist typisch für linkes Denken.
* Bei der Nachzeichnung der Geschichte des Humanismus stützt sich Khorchide vor allem auf linke Humanisten und Möchtegern-Humanisten bzw. deren Vordenker: Herder, Hegel, Marx, der Linkshegelianer Ruge, Sartre, Erich Fromm, den Humanismus des heutigen HVD-Verbandes, und den evolutionären Humanismus von Michael Schmidt-Salomon und seiner Giordano-Bruno-Stiftung. Man mag es kaum glauben, aber es fehlen u.a. Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt, Werner Jaeger oder Romano Guardini. Der Dritte Humanismus wird mit einem kurzen Absatz abgehandelt, der christliche Humanismus bleibt praktisch unerwähnt. Kurz: Der "bürgerliche" Humanismus fehlt fast komplett! Für einen Überblick über den Humanismus ist das ein Totalschaden. Vermutlich hatte Khorchide die falschen Ratgeber.
* Bei der Klage über anti-humanistische Zustände in der modernen Welt fühlt man sich an typisch linke Selbstanklagen gegen die die westliche Moderne erinnert, die man für alle Übel der Welt verantwortlich macht (S. 141 ff.): Da wird z.B. die Leistungsgesellschaft kritisiert, ohne deren guten Sinn zu würdigen. Schräge Beispiele werden herbeigezogen: Etwa eine Uni-Prüfung, bei der der Dozent festsetzt, dass genau die ersten zehn Studenten durchkommen, aber alle anderen nicht. Das ist natürlich das Gegenteil einer Prüfung nach Leistung: Es geht nämlich gar nicht um die Leistung der Studenten, sondern nur um den Bedarf an Absolventen, egal wie gut oder wie schlecht sie sind -- und das ist Planwirtschaft, nicht Leistungsgesellschaft.
* Khorchide versucht Verständnis für die Meinungen der "anderen Seite", d.h. von Muslimen, zu heischen, indem er seitenweise Anklagen von Jürgen Todenhöfer an den Westen zitiert, deren Qualität sich auf dem Niveau von politischen Verschwörungstheorien bewegt. Man kann Verständnis für manchen Irrtum haben, der sich bei Muslimen über den Westen festgesetzt hat. Aber im Kern sind es nun einmal Irrtümer, und sie müssen überwunden werden. Verständnis hilft da nicht viel. Man könnte höchstens hinzufügen, dass nicht nur Muslime, sondern auch westliche Linke und Verschwörungstheoretiker diese Irrtümer überwinden müssen. Dazu sagt Khorchide aber nichts. Vermutlich ist er selbst in manchem dieser Irrtümer befangen.
* Zu Anfang des Buches benutzt Khorchide den Begriff Humanismus als Synonym für Atheismus, so wie es heute in Mode gekommen ist. Zur Mitte des Buches hin überwindet Khorchide diesen Gebrauch des Wortes Humanismus zum Glück.

Khorchide entdeckt erstaunlich wenig Humanismus im Islam:

* Einen Humanismus schon in den Anfängen nimmt Khorchide kaum ernst (z.B. Muhammad's Humanism von Minou Reeves; S. 121).
* Erst im 10. Jahrhundert will Khorchide so etwas wie Humanismus erkennen (Mutazila).
* Im 14. Jahrhundert dann asch-Schatibi und dessen Normenlehre nach den Bedürfnissen des Menschen.

Khorchide hängt an einem völlig falschen Humanismus-Begriff:

* Khorchide schreckt davor zurück, den Begriff "Humanismus" im Zusammenhang mit dem Islam überhaupt zu gebrauchen, weil er zu eng mit der europäischen Entwicklung verknüpft wäre (S. 117 f.). Aber das ist Unfug, denn der Humanismus geht auf die Antike zurück, und diese wurde von Ost und West gleichermaßen rezipiert.
* Bei Mohammed Arkoun schreibt Khorchide, dieser würde Rationalismus und Humanismus verknüpfen (S. 121). Aber ist das nicht von allem Anfang in der Antike her klar, dass ein Humanismus ohne Rationalismus überhaupt nicht denkbar ist?
* Nach Schöller meint Khorchide, dass es eine Eigenheit des islamischen Humanismus sei, dass er keinen Gegensatz zur Religion bilde (S. 122 f). Aber das ist doch beim europäischen Humanismus ganz genauso! Humanismus bedeutet keineswegs automatisch Atheismus! Den Humanismus gegen die Religion zu positionieren ist eine postmoderne, linke Fehlwahrnehmung.

Khorchide verkennt den humanistischen Kern im Islam:

Es ist schon fast tragisch, dass Khorchide das Entscheidende völlig übersieht. Grund dafür ist nicht zuletzt Khorchides linkslastige Sicht auf den Humanismus, der die Antike völlig unterbelichtet. Denn wie auch beim Christentum so sind auch beim Islam von allem Anfang an humanistische Elemente eingeflossen. Mithilfe eines "bürgerlichen" Humanismus hätte Khorchide erkennen können:

* Bereits der Koran korrespondiert zu antiken Vorstellungen, z.B. die kosmologischen Vorstellungen in Platons Timaios. Dass der offenbarende Gott die Menschen im Kontext ihrer Zeit anspricht ist ja Khorchides eigene Meinung, also darf auch im Koran nach Spuren der Antike gesucht werden.
* Auch in der Sunna finden sich viele Elemente antiken Denkens. So mancher Hadith wurzelt vielleicht eher in antiker Tradition als in einer Aussage des Propheten? Oder vielleicht beides zugleich?!
* Die islamische Tradition der Auslegung von Koran und Sunna hat sich oft an antikem Denken orientiert. So korrespondiert z.B. die Dschihad-Lehre auffällig mit Platons Lehre von Krieg und Frieden in dessen Dialog Nomoi: So auch die Lehre vom großen und vom kleinen Kampf, die dem großen bzw. kleinen Dschihad entspricht. Khorchide selbst erwähnt die Übersetzungsbewegung von Baghdad: Was haben die denn da übersetzt? Natürlich antike Werke!
* Die großen islamischen Philosophen wurden von antikem Denken geprägt, wie Khorchide selbst darlegt (z.B. S. 131 f.).

Der Islam kann sich also nicht nur in den in der Antike wurzelnden Humanismus einfügen, er enthält ihn bereits selbst. Der Islam trägt nicht nur etwas zum Humanismus bei, er trägt denselben antiken Humanismus bereits in sich, der auch die anderen Humanismen inspiriert hat. Das kann man allerdings nur erkennen, wenn man die besondere Bedeutung des antiken Humanismus erkannt hat. Im Grunde hat Khorchide mit einem gewissen Erfolg jenen Humanismus aus dem Islam herausgeholt, der von der Antike in den Islam hineingelegt wurde, ohne dass sich Khorchide dessen bewusst war. Bis hin zu der These, dass ein Humanist Individualist und Kollektivwesen zugleich ist (S. 239 ff.): Auch das natürlich ein antiker Gedanke.

Fazit:

Khorchide ist ein echter Islamreformer, der mit seinem Denken auf dem richtigen Weg ist. Die Abrundung seiner Reformtheologie in diesem Werk beweist es. Es liegen allerdings einige dicke Steine auf seinem Weg: (1) Khorchide ist eindeutig zu linkslastig und postmodern eingestellt. (2) Khorchide fehlt in manchen Bereichen die Bildung: Das ist kein Beinbruch, denn das Thema greift in der Tat sehr weit aus. "Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst" (Goethe, Faust). (3) Und drittens ist Khorchide zu wenig dem praktischen Leben zugewandt, wo seine Reformen umgesetzt werden müssen: Mit Autoritäten, mit Moscheen, mit einem klaren Katechismus, mit Verurteilungen von Irrlehren, usw. -- Keines dieser Probleme ist unlösbar, aber vielleicht wird es nicht mehr Khorchide sein, der sie löst.

Das große Ziel, den Islam in den Kreis der humanistisch orientierten Religionen einzuführen, ist erreichbar. Zwar hat der Islam im Lauf seiner Geschichte großes Pech gehabt, und der gegenwärtige Zustand des Islam lässt keine schnellen Erfolge erwarten, aber grundsätzlich sind alle Voraussetzungen vorhanden, um das Ziel zu erreichen. Bis es soweit ist, dass Khorchides Ideen irgendwann einmal eines Tages in der Breite des Islam zu wirken beginnen, wird die westliche Welt allerdings geeignete Abwehrmaßnahmen gegen den traditionalistischen Islam ergreifen müssen. Auch zu diesen notwendigen Maßnahmen sagt Khorchide leider nichts. Das sollte er aber, wenn er Humanist sein will.


Scharia - der missverstandene Gott: Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik
Scharia - der missverstandene Gott: Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik
von Mouhanad Khorchide
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Echter aber naiver Reformer, 23. März 2016
Mit seinem Buch über die Scharia setzt Mouhanad Khorchide die Entfaltung jener islamischen Reformtheologie fort, die er in seinem Buch "Islam ist Barmherzigkeit" vielversprechend begonnen hat.

Es handelt sich um eine echte und glaubwürdige Reformtheologie, die den Islam kompatibel zu unseren westlichen Werten macht, ohne ihn plump anzupassen. Die Theologie Khorchides nimmt Koran und Sunna völlig ernst, kann sich auf maßgebliche Quellen der islamischen Tradition stützen, und verknüpft damit eine vernünftige und moderne Lesart, die den Koran in seinem historischen Kontext interpretiert. Auch die Person von Khorchide erscheint sehr glaubwürdig, sofern eine "Ferndiagnose" zu einem solchen Urteil berechtigt.

In dem Buch "Scharia" übt Khorchide traditionelle und moderne Quellenkritik an den Hadithen (das sind die Prophetenüberlieferungen, die zusammengenommen die Sunna bilden) und stellt Vernunft und Herzensbildung gegen eine traditionalistische Gesetzesreligion des blinden Gehorsams. Scharia soll als Moral und nicht als juristisches Gesetz verstanden werden. Insbesondere die Theologie des Wahhabismus, die den Islam heute immer mehr beherrscht, wird ausführlich und scharf kritisiert. Khorchide argumentiert nicht nur überzeugend, er liefert auch viele interessante Informationen.

Kritik 1: Reform ohne Strukturen

Khorchide glaubt an einen Islam, der keine Autoritäten mehr kennt. Dieses Thema wird in diesem Buch nur gestreift, an anderer Stelle ist Khorchide da deutlicher. Ein solcher Islam hat keine Struktur mehr, und das ist ein Problem: Es fehlt das Verbindende, der Zusammenhalt, die Einheit in der Vielfalt.

Außerdem ist der Reform-Schritt von autoritären Strukturen hin zu gar keinen Strukturen utopisch. Denn so sind die Menschen nicht. Menschen brauchen Orientierung. Autoritäten, die natürlich nicht autoritär sein sollten, sondern Orientierung geben, werden immer wichtig sein. Die Menschen werden sich immer Autoritäten suchen. Da wäre es doch klug, wenn man die Etablierung von Autoritäten aktiv regeln würde, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Kritik 2: Reform ohne Konservativismus?

Khorchide zeigt an manchen Stellen Tendenzen zu einem postmodernen, linksliberalen Verständnis von Religion und Islam. Es gibt praktisch gar keine feststehenden Gebote mehr, die dem Gläubigen Gerüst und Geländer sind. Die Bürde, seinen Weg mit Gott zu gehen, wird komplett dem einzelnen Gläubigen aufgelastet. Das ist utopisch.

Eine ausformulierte islamische Moral ist wichtig: Zum einen, um grundlegende Orientierung zu geben. Moral wird von Kindesbeinen an eingeübt. Zum anderen aber auch, um klare Kontrapunkte gegen traditionalistische Irrlehren zu setzen. Eine bloß implizite Ablehnung traditionalistischer Lehren reicht nicht, obwohl dem gebildeten Leser durchaus deutlich wird, was Khorchide will. Es muss klar ausgesprochen werden: Männer und Frauen haben wirklich dieselben Rechte, nicht nur "gleiche, aber verschiedene" Rechte; das Kopftuch ist mitnichten Pflicht; die Gebete müssen nicht gegen alle praktischen Erwägungen punktgenau fünf Mal am Tag durchgeführt werden; Alhohol ist nicht per se "giftig", sondern es geht um die Vermeidung des Rausches; usw. usf.

Khorchides Reformtheologie ist grundsätzlich auch für einen modernen Konservativismus vergleichbar zum Ratzinger-Katholizismus offen. Das ist gut so, denn für traditionalistische Muslime wäre der Schritt vom Traditionalismus hin zu einem progressiven Verständnis von Islam zu weit und deshalb wenig attraktiv. Es ist viel realistischer, dass Muslime den Schritt vom Traditionalismus hin zu einem modernen Konservativismus tun. Khorchide selbst allerdings tendiert klar zu einem allzu liberalen Islamverständnis. Dass Gott nach den Schriften auch (auch!) ein zorniger und strafender Gott sein kann, will er radikal nicht gelten lassen (S. 145).

Zwischenfazit:

Man könnte sagen: Khorchide hat eine wohlkonstruierte Reformtheologie entwickelt, aber Khorchide scheitert an deren Implementierung ins Leben der Gläubigen. Ohne Imame, Religionsgelehrte, Moscheen usw., ohne Autorität, Organisation und ohne ausformulierte Lehre wird eine Reform sich nicht durchsetzen können gegen die starken Strukturen des Traditionalismus. Dass es bereits zahlreiche traditionalistische Verbände und Strukturen des Islam bei uns gibt, und wie sich ein Muslim gegenüber diesen Verbänden verhalten soll, wenn er die Ideen von Khorchide übernimmt, dazu sagt Khorchide leider nichts. Das ist zu wenig.

Kritik 3: Wunsch nach naivem Sich-Öffnen gegenüber Islam

Einen grundlegenden Fehler begeht Khorchide, wenn er von der westlichen Welt erwartet, dass sie sich vorbehaltlos gegenüber dem Islam öffnet und vorbehaltlos auf Muslime zugeht (S. 191 f.). Da der Islam von Strömungen beherrscht wird, die keinesfalls der Reformtheologie von Khorchide entsprechen, wäre eine solche Offenheit naiv und selbstzerstörerisch. Khorchide will den Islam glaubwürdig reformieren, aber er kann nicht gleichzeitig den Islam und die Muslime pauschal in Schutz nehmen wollen. Hier muss er sich entscheiden.

Offenbar denkt Khorchide noch in den Kategorien früherer Zeiten, als Muslime noch eine kleine Minderheit waren, die sich der westlichen Welt gegenüber schon von selbst öffnen würden, wenn sich nur die westliche Welt ihnen gegenüber öffnen würde. Doch über diesen Punkt sind wird längst hinaus: Muslime sind keine kleine Minderheit mehr, und traditionalistische und islamistische Strukturen sind fest etabliert. Da ist kein Platz mehr für Naivität und ein pauschales Sich-Öffnen.

Sonstige Kritik

Die Gesellschaft der westlichen Welt bzw. die Leser werden immer als Muslime und Christen angesprochen. Nichtreligiöse Menschen oder z.B. Buddhisten kommen nicht vor. Das ist zu eng geführt.

Khorchide meint, dass Christen und Muslime Bibel und Koran als ihre "eigenen" Bücher wahrnehmen sollten (S. 63). Das funktioniert aber nur für Muslime. Christen können den Koran vielleicht als Buch mit einigen Weisheiten ansehen, aber sie können den Koran nicht als "eigenes" oder "heiliges" Buch anerkennen. Das wäre zu viel verlangt.

Khorchide beruft sich an einigen wenigen Stellen positiv auf den Islamwissenschaftler Mathias Rohe und auf Tariq Ramadan. Rohe ist ein unverbesserlicher Islamversteher und Optimist, was die Integration des Islam in der westlichen Welt anbelangt. Rohe meinte u.a., dass es überhaupt kein Problem sei, Teile der Scharia in das westliche Rechtssystem zu integrieren. Da Khorchide die Scharia gerade *nicht* juristisch verstanden wissen will, darf gefragt werden, ob Rohe in diesem Zusammenhang überhaupt zitierfähig ist. -- Tariq Ramadan ist eine schillernde Figur, die man wohl eher als Pseudo-Reformer einstufen muss. Tariq Ramadan redet viel von Modernität und Veränderung, aber den traditionalistischen Islam möchte er im Kern unverändert erhalten. Auch Tariq Ramadan ist im Zusammenhang mit Khorchides Reformanliegen nur begrenzt zitierfähig.

Fazit:

Khorchide ist ein echter Reformer, der unsere Unterstützung im Grundsatz verdient. Er ist aber kein Luther, der die Reform wirklich ins Leben der Muslime zu bringen und durchzusetzen vermag. Und wo Khorchide zu optimistisch ist bezüglich der Reformierbarkeit des Islam, darf man sich von seinem naiven Enthusiasmus nicht mitreißen lassen: Eine Islamreform wird auf absehbare Zeit die Sache einer (anerkennenswerten) Minderheit bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Die geheimnisvolle Insel: Alle drei Teile in einem Buch
Die geheimnisvolle Insel: Alle drei Teile in einem Buch
von Jules Verne
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

5.0 von 5 Sternen Oller Schinken? Weit gefehlt: Wunderbare Erzählung!, 22. März 2016
Die "ollen Schinken" von Jules Verne werden plötzlich wieder lesbar, wenn man sie als Hörbuch genießt: So manche Länge fällt gar nicht mehr als solche auf, weil der Hörer sich in eine genießende, passive Haltung begibt. Vermutlich las man Bücher früher so, wie man sie heute hört?

Jedenfalls ist Jules Vernes "Geheimnisvolle Insel" eine wunderbare Erzählung, die Jules Verne Schritt um Schritt vor den Augen des Lesers entfaltet. Ganz unterschiedliche Charaktere fliehen gemeinsam aus Gefangenschaft und landen auf einer einsamen Insel, wo sie sich zurecht finden müssen. Dabei spielt jeder Charakter seine Stärken aus. Nebenbei ist dieses Werk auch ein Loblied auf die Zivilisation, deren Aufbau aus einfachsten Verhältnissen hier exemplarisch beschrieben wird. Robinson Crusoe ist nichts dagegen. Der Ingenieur als Führungsfigur wird geradezu als Ikone der Wissenschaft verherrlicht. Der Aufbau der Zivilsation macht so manche Länge des Werkes aus, die im Hör-Modus aber kurzweilig bleibt: Es ist in Wahrheit richtig interessant!

Die einsame Insel hält außerdem ein Geheimnis vor, das die Gefährten erst nach und nach kennenlernen. Der Leser rätselt mit ihnen mit.

Was dieses Werk so angenehm macht, ist vielleicht auch der Umstand, dass es ein Werk aus einer besseren Zeit ist, aus einer besseren Welt: Man glaubte noch an Nation und Menschheit gleichermaßen, an Zivilisation und Wissenschaft, an Menschlichkeit und Wehrhaftigkeit. Die Welt, die sich auf der geheimnisvollen Insel entfaltet, ist eine Welt, die in Ordnung ist. Unsere Gegenwart sollte sich davon eine dicke Scheibe abschneiden.


Das Geheimnis des Kartenmachers
Das Geheimnis des Kartenmachers
von Rainer M. Schröder
  Broschiert
Preis: EUR 5,00

2.0 von 5 Sternen Nur ein Torso von einem Roman -- und zu naiv, 30. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Das Geheimnis des Kartenmachers (Broschiert)
Das Hauptproblem mit dem Buch besteht darin, dass es praktisch nur den Anfang einer großen Erzählung bringt -- der Roman bricht ab, nachdem die "Eröffnung" vorüber ist. Ein Junge kommt ihn die Dienste eines Druckers, lernt dessen Geheimnis kennen (eben dass er Kartenmacher ist), und flieht mit ihm vor Verfolgung, um die Karten zu retten. Das war's.

Der Roman ist außerdem ein wenig zu gutmenschlich geraten. Die Sprache ist auch nicht zeitgerecht. Damals hat niemand etwas "persönlich" genommen. Die Rücksicht, die alle aufeinander nehmen, ist rot-grüne Romantik vom Anfang des 21. Jahrhunderts.

Es ist ein Jugendroman: Es wird gekuschelt. Aber nur gekuschelt. Unverbindlich gekuschelt. Das ist dann auch wieder nicht Fisch nicht Fleisch. Und auch nicht zeitgerecht. Man hätte z.B. gerne gelesen, dass sich der Held der Geschichte dazu entscheidet, diese Frau als seine Frau zu nehmen. Das wäre realistisch gewesen, man hätte mehr als nur Kuscheln zeigen können, und es hätte heutigen Jugendlichen auch ein wenig Verantwortung gelehrt.

Das einzig gute am Roman sind seine Themen: Kartographie, Mittelalter, Inquisition, Handelspolitik, Gesinde, Außenseiterrolle usw. -- es ist nicht uninteressant, das sei zugegeben. Dafür dann noch einen Punkt mehr.


Das Los: Thriller
Das Los: Thriller
von Tibor Rode
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Richtig gute Story technisch nicht optimal umgesetzt, 24. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Das Los: Thriller (Gebundene Ausgabe)
Tibor Rode kann gute historische Stoffe finden und sie auch gut für einen Roman aufbereiten. Das hat er hier wieder gezeigt. Das Thema Glück und Spiel wird literarisch gelungen aufbereitet, anhand der preußischen Lotterie von Friedrich dem Großen und dem modernen Pokerspiel.

Aber bei der technischen Umsetzung zeigen sich weiterhin Mängel: Die verschiedenen Handlungsstränge fangen erst nach 2-3 Stunden Hörzeit (Hörbuch) an, sich zu verknüpfen. Das ist zu lange. Und da fängt die Zusammenführung ja erst langsam an! Das endgültige Zusammenführen der verschiedenen Handlungsstränge geschieht erst kurz vor Schluss!

Allerdings hat das Buch einen völlig überraschenden und schönen Schluss, der einen wieder versöhnt. Lesen lohnt, der Leser sollte aber wirklich bis zum Schluss die Hoffnung aufrecht erhalten, dass sich das Buch wider Erwarten doch noch rundet.


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