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Beiträge von Muschelkalk
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Rezensionen verfasst von
Muschelkalk (Hamburg)

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Der Besucher: Roman
Der Besucher: Roman
von Sarah Waters
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Grusel aus zweiter Hand, 28. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Besucher: Roman (Gebundene Ausgabe)
Seit seiner Kindheit ist der Landarzt Dr Faraday von Hundreds Hall fasziniert. Eines Tages bringt ihn ein Notfall auf den entlegenen Landsitz, und so beginnt seine Freundschaft mit den vier Bewohnern: dem schlichten Dienstmädchen Betty, der würdevollen Mrs Ayres, dem labilen Roderick und der herben Caroline. Doch die besten Zeiten von Hundreds Hall sind längst vorbei - die Familie kämpft gegen den Verfall des Hauses, das allmählich ein Eigenleben zu entwickeln scheint und die Nerven der Bewohner (und Leser) auf immer härtere Proben stellt.

Für den "Besucher" braucht man anfangs ein wenig Geduld, denn auf den ersten hundertzwanzig Seiten geschieht vordergründig nichts, was den Klappentext "Schauerroman von großer Sogkraft" rechtfertigen würde. Und selbst als das Schicksal der Familie Ayres dann seinen Lauf nimmt, bleibt der Leser immer ein paar Schritte vom Geschehen distanziert. Das liegt an der Erzähl-Perspektive: Der Ich-Erzähler Dr Faraday ist selbst so gut wie nie direkter Zeuge der unheimlichen Ereignisse auf Hundreds Hall, er wird nur mit den Folgen konfrontiert und gibt wieder, was ihm die zunehmend angespannten Bewohner des Hauses berichten. Je dramatischer die Ereignisse fortschreiten, desto enger wird allerdings seine Bindung an die Familie.

Gut gefallen haben mir die klare, schnörkellose Sprache und die dichte Atmosphäre, in der im großen Rahmen ein realistisches Nachkriegs-England aufersteht - eine Welt mit Bezugsscheinen und chronischer Benzinknappheit - und im kleinen Rahmen Hundreds Hall wie ein verwundetes Tier im Todeskampf wirkt. Auch die Auflösung - die am Ende keine ist, sondern Interpretationssache des aufmerksamen Lesers bleibt - jagt mir nachwievor einen wohligen Schauer über den Rücken.

"Der Besucher" ist kein plakativer Gruselroman. Wer eine echte Gespensterjagd inklusive vernünftiger Erklärung erwartet, wird enttäuscht sein. Der Roman erfordert Geduld, Köpfchen und die Bereitschaft, sich mit drei, vier menschlichen Ängsten und Begierden auseinander zu setzen. Dann entwickelt er tatsächlich eine gewisse Sogkraft. Einen Stern Abzug gibt es für die Längen, die auf den ersten hundertzwanzig Seiten und auch danach immer mal wieder kurz auftreten.


Goldstück: Roman
Goldstück: Roman
von Anne Hertz
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das Universum & ich, 23. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Goldstück: Roman (Taschenbuch)
Maike ist am Ende: Freund futsch, Juristen-Karriere im Eimer, Zukunft nicht in Sicht. Zum Glück hat sie jedoch Kiki, Cousine, beste Freundin und Vermieterin in Personalunion. Kikis Empfehlung, das Universum in die Zukunftsplanung einzubeziehen, zeigt zunächst keine besondere Wirkung - bis ein echter Schicksalsschlag Maikes Leben abermals durcheinander bringt.

Zugegeben: Mit diesem Buch habe ich mich ein wenig im Genre verlaufen. Allerdings habe ich vor kurzem aus Zufall Trostpflaster: Roman gelesen und fand: anspruchslose Unterhaltung, stellenweise recht putzig, mit ein wenig Hamburger Lokalkolorit - Zuckerwatte zum Lesen, perfekt für einen friedlichen Sonntagnachmittag auf dem Balkon. Auch das Goldstück schien sich bestens für Sonntagnachmittag und Balkon zu eignen. Wer hätte gedacht, dass am Ende des Nachmittages meine Nachbarn besorgt fragen, ob alles in Ordnung sei, während ich ernsthaft überlege, ein Buch aus dem zweiten Stock in Richtung Mülltonnen zu werfen? Das Goldstück ist nämlich eher ein falscher Fuffziger. Und zwar sowohl in Sachen Inhalt als auch in Sachen Charaktere.

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer echten, Existenz-bedrohenden Lebenskrise, und Ihre beste Freundin rät Ihnen: Kein Problem, Schätzchen, die Sache bekommen wir in den Griff. Hier hast du Zettel und Stift, damit schreibst du dem Universum einen Brief, und dann, wirst schon sehen, klappt das alles mit Mann, Job und Zukunft.
Interessanter Ratschlag. Noch interessanter, wenn man weiß, dass Maikes beste Freundin, die ihr just diesen Rat gibt, studiert hat und hauptberuflich erfolgreich als Coach arbeitet. Wie bitte??? Die arbeitet als Coach, verdient, wie wir später erfahren, 70 Euro pro Stunde, und erteilt ihrer wirklich krisengeschüttelten Freundin weichgespülte Lebensweisheiten aus dem Ratgeber-Regal?
Neben dem fundamentalen freundschaftlichen Rat mit den Wünschen ans Universum spielt Kommissar Zufall die Hauptrolle im weiteren Verlauf der Handlung. Es wird aus Versehen an Türen gelauscht, aus Versehen eine Email nicht beantwortet, aus Versehen eine Uhrzeit falsch erinnert, um aus Versehen zu früh zu einer Verabredung zu kommen und dabei aus Versehen jemanden mit dem Fahrrad anzufahren. Aus Versehen mutiert auch die lebensunfähig wirkende Maike zum erfolgreichen Coach... kurz, die ganze Geschichte ist miserabel konstruiert.

Na gut, die Hoffnung stirbt zuletzt, und wenn der Plot schon an den Haaren herbeigezogen ist, dann überzeugen vielleicht wenigstens die Protagonisten. Man sollte doch meinen - denn das ist doch eigentlich das Erfolgsrezept von Romanen dieser Art - dass man sich beim Lesen ein wenig - ansatzweise - nur ein klitzekleines bisschen - mit der Hauptperson Maike identifizieren kann. Um es kurz zu machen: Das kann man nicht, und das möchte man auch nicht. Spätestens, wenn die Fast-Juristin Maike auf Seite 63 einen Knebelvertrag unterschreibt, bei dem auch der Laie "Tu das nicht!" brüllt, ist es mit der Sympathie endgültig vorbei. Stattdessen entwickelt man tiefes Verständnis für ihren Ex-Freund und die Jura-Professoren, die sie durch das Staatsexamen haben fallen lassen.
Selbst unter der Voraussetzung, dass perfekte Helden langweilig sind und Unzulänglichkeiten deshalb vorkommen müssen, bleibt Maike... unerträglich dumm, mit dreißig Jahren unglaublich unselbständig, zu keinerlei Selbstkritik fähig, dafür aber stets bereit zu einem erfrischenden Bad in einer XXL-Wanne voller Selbstmitleid.

OK, man könnte jetzt einwenden: Aber es ist doch ein Unterhaltungsroman, so ein Buch hat halt nicht mehr Tiefgang als eine Alster-Barkasse, das weiß man doch vorher. Klar. Aber die Art und Weise, wie hier echte Probleme - Zukunftsangst, Angst vor den Eltern, Trauer, Schuldgefühle - mittels Zufall und Universum ausradiert werden, ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr unterhaltend, sondern nur noch ärgerlich. Beispiel gefällig? ***SPOILER*** Maike hat zwar immer noch keinen Job, aber einen Mann. Dem verrät sie, was sie eigentlich immer schon werden wollte: Friseurin. Aber einen dreißigjährigen Friseur-Azubi will keiner haben. Antwortet Mann: Ach, hab ich's dir nicht erzählt? Meine Schwester ist doch Friseurin. Die kann dir sicher weiterhelfen.***SPOILER ENDE***

"Goldstück" ist nicht Zuckerwatte, sondern (bleiben wir in Hamburg) Labskaus zum Lesen: Aus gutem Grund nicht jedermanns Geschmack. Einen Extra-Stern gibt es aus Lokalpatriotismus und als Dankeschön für die gastronomischen Hinweise zwischen Stadtpark und Alster. Mein persönlicher Wunsch ans Universum lautet allerdings: Ein schwarzes Loch tut sich auf und verschlingt das "Goldstück".


Die Königin der Weißen Rose (Die Rosenkriege, Band 1)
Die Königin der Weißen Rose (Die Rosenkriege, Band 1)
von Philippa Gregory
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Er kam, sah und liebte oder: Eine schrecklich nette Familie, 12. Mai 2011
England im Jahr 1464: Die blutigen Rosenkriege finden mit der Machtergreifung König Edwards ein vorläufiges Ende. Zu seinem und Englands Glück fehlt Edward nur noch eine passende Ehefrau und Prinzessin. Als er der liebreizenden, aber nicht standesgemäßen Elizabeth Woodville begegnet, ist es um beide geschehen: Liebe auf den ersten Blick, eine heimliche Heirat - und auf allen Seiten intrigante Verwandte, die die einmal gewonnene Macht auf keinen Fall wieder hergeben wollen.

Wow! Was für eine Geschichte! Ein König, der aus Liebe heiratet, ungefähr ein halbes Jahrtausend bevor das royaler Standard wurde - und der sich damit in einem Umfeld durchsetzt, in dem Machtgier und Verrat zur Staatskunst gehören. Was müssen das für Persönlichkeiten gewesen sein, dieser Edward und seine Elizabeth?

Hm. Tja. Persönlichkeiten. Edward sieht betörend gut aus und bewegt sich hauptsächlich zwischen Schlachtfeldern und dem königlichen Schlafgemach, in das er seine Gattin mit den Worten "Ins Bett, Frau" beordert. Elizabeth, laut Klappentext eine "Zauberin der Liebe", wirkt anfangs recht harmlos, bis sie als Königin anfängt, ihre umfangreiche Familie mit umfangreichen Ehren zu überhäufen. Parallelen zur sagenhaften Wassergöttin Melusine, mit der sie in Zwischentexten immer wieder in Verbindung gebracht wird, sucht man vergeblich. In späteren Jahren darf sie ihrem untreuen Gatten die eine oder andere Szene machen, was stets mit einer Versöhnung ("Ins Bett, Frau") und einer weiteren Schwangerschaft endet, in der ihr Gatte sie wieder betrügt, woraufhin sie ihm eine Szene macht, woraufhin... genau. "Ins Bett, Frau."

Ähnlich unausgegoren wie die beiden Hauptprotagonisten agiert auch das übrige Romanpersonal. Die einzigen Ausnahmen bilden Elizabeths Mutter mit ihrem Hexen-Hokuspokus (wer's denn glauben mag) und ihr Bruder Anthony, der auf mich allerdings oft wie eine Raubkopie des irrlichternden George Boleyns aus The Other Boleyn Girl wirkte. (Und da ich The Other Boleyn Girl im allgemeinen und George Boleyn im besonderen sehr gelungen fand, hat mich das geärgert.)

Elizabeth erzählt ihre Geschichte selbst und in der Gegenwartsform. Nähe zum Leser stellt sich trotzdem nicht ein - einerseits, weil Elizabeth zuweilen gezwungen wird, in die dritte Person zu wechseln und aus dem Kopf ihres Gatten zu berichten, um die Ereignisse zu schildern, an denen sie nicht teilnimmt, die aber für die Handlung relevant sind. Zum anderen ist es ohne Vorkenntnisse über die Rosenkriege kaum möglich, dem roten Faden zwischen Verrat, Treueschwüren und neuem Verrat zu folgen.

Ein Spannungsbogen fehlt über weite Strecken, und die dichte Atmosphäre der unterschwelligen Bedrohung, die - sorry, ich muss es nochmal erwähnen - The Other Boleyn Girl bei aller historischen Freiheit auszeichnet, und die auch hier vorhanden sein sollte, will sich partout nicht einstellen. Den letzten Todesstoß versetzt dem eigentlich flüssig geschriebenen Buch die deutsche Übersetzung, die sich zu Anreden wie "Du, Frau Mutter" oder "Du, Euer Gnaden" versteigt.

Fazit: Als Liebesroman taugt "Die Königin der Weißen Rose" nicht, weil die beiden Hauptfiguren zu eindimensional sind. Als historischer Roman funktioniert das Buch auch nicht. Mein Verdacht ist: Weniger wäre mehr gewesen. Hätte Philippa Gregory sich auf einen kürzeren Abschnitt dieser verworrenen Periode englischer Geschichte konzentriert, hätte eine dichtere Erzählung mit lebendigeren Charakteren herauskommen können. Das gilt insbesondere für das Ende, das neugierig auf den zweiten Band der geplanten Trilogie machen könnte - wäre man nicht auf der letzten Seite heilfroh, die schrecklich nette Familie Woodville-Plantagenet endlich verlassen zu können.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 8, 2011 12:19 PM CET


Der Kastrat: Roman (Taschenbücher)
Der Kastrat: Roman (Taschenbücher)
von Richard Harvell
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sympathischer Held in anrührender Geschichte, 3. Mai 2011
Ein kleines Bergdorf in den Schweizer Alpen zur Mitte des 18. Jahrhunderts: Kein guter Ort, um mit einer taubstummen Mutter und einem absoluten Gehör aufzuwachsen. Moses gilt als Sonderling, und das ändert sich auch nicht, als er in der Obhut zweier Mönche in die Abtei St. Gallen kommt. Dort entdeckt der Chormeister sein Gesangstalent - und Moses entdeckt die Liebe. Für beides muss er einen unendlich hohen Preis bezahlen.

Der Klappentext, wonach es sich bei dem Roman um eine "hinreißende Lebensbeichte" handelt, ist knapp am Thema vorbei. Letztendlich behandelt das Buch nur die ersten zwanzig Lebensjahre von Moses. Die haben es allerdings in sich und schicken den Leser immer wieder auf eine emotionale Achterbahn, bis die Handlung im letzen Viertel ihrem irgendwann absehbaren Ende entgegen plätschert.

Moses, ein manchmal naiver, oft schweigsamer, immer sympathischer Held, erzählt seine Geschichte selbst: Mit schönen Sprachbildern, stellenweise sehr leisem Humor und dem Mut, nicht alles auszusprechen, um auch dem Leser ein paar Schlussfolgerungen zu überlassen. In seiner Erzählung werden nächtliche Städte lebendig, während Alltagsgeräusche eine ganz neue Bedeutung gewinnen und Kirchenglocken immer wieder so schrill läuten, dass man sich irgendwann nach einer Packung Ohropax sehnt.

Kleines Manko: Stellenweise wirkt die Ausdrucksweise zu modern ("Das ist nicht fair!"), man hat nicht immer den Eindruck, sich im 18. Jahrhundert zu befinden. Dazu mag allerdings auch die Übersetzung beigetragen haben. Trotzdem ein anrührender, nachdenklich stimmender Roman, der Unterhaltung und ernste Thematik perfekt miteinander verbindet.


Das finstere Tal: Roman
Das finstere Tal: Roman
von Thomas Willmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alpenwestern, 21. März 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das finstere Tal: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein abgelegenes Tal in den Hochalpen am Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Fremder taucht auf, ein Maler, der in dem Dorf überwintern will. Widerwillig wird er aufgenommen, von der Dorfgemeinschaft mißtrauisch beobachtet - und beobachtet dabei selbst ganz genau.

Sehr viel mehr geschieht nicht in der ersten Hälfte des Buches: Der Fremde macht sich nach und nach mit dem Tal und seinen Bewohnern vertraut, und der Leser folgt ihm dabei. Dabei geht es sehr gemächlich zu, allerdings bestimmt von der düsteren Ahnung, daß diese Ruhe trügerisch ist und der Fremde vielleicht doch noch etwas anderes vorhat als das Leben im Tal zeichnerisch festzuhalten.
In der zweiten Hälfte überschlagen sich dann die Ereignisse - und abermals ist der Leser mittendrin, nicht mehr ruhig und gemächlich, sondern in einer verstörenden Spirale aus Blut und Gewalt.

Das Buch stellt in jeder Hinsicht eine Herausforderung an den Leser dar: Einerseits wegen der Hintergründe, die das Tal so finster machen, und den Fragen, die durch diese Handlung aufgeworfen werden. Gibt es gerechte Rache? Und was macht Rache aus dem Rächenden? Andererseits durch die Sprache - Thomas Willmanns erzählt auf verschiedenen Zeitebenen in einem fast altmodischen, langsamen Stil, der viele und oft eigenwillige sprachliche Bilder malt: "Der Hof kauerte unter dem lastenden Schnee wie ein bösartiges Tier." -"Als wolle der Winter maßnehmen für das weiße Tuch aus dickerem Stoff, das er bald über alles breiten würde."
Oft wird die Sprache auch zum Spiegel der kargen Gebirgslandschaft und ihrer unzugänglichen Bewohner, mit fast namenlosen Protagonisten, beinahe ohne wörtliche Rede oder gar echte Dialoge.

"Das finstere Tal" ist keine Lektüre für nebenbei und zum Vergnügen. Die Bereitschaft, sich auf eine ungewöhnliche, Zeit und Aufmerksamkeit fordernde Erzählung einzulassen, sollte vorhanden sein. Belohnt wird man dafür mit einem bis zum letzten Satz verstörenden, im letzten Drittel wirklich fesselnden Leseerlebnis, an dessen Ende man sich fragt: Was habe ich da eigentlich gerade gelesen? Einen Heimatroman ganz sicher nicht, Krimi geht auch anders, Thriller - vielleicht, aber am ehesten: Eine in die Alpen verlegte und Buch gewordene Version von "Spiel mir das Lied vom Tod". Sicher nicht jedermanns Geschmack, aber in seiner Form außergewöhnlich.


Downton Abbey - Series 1 [3 DVDs] [UK Import]
Downton Abbey - Series 1 [3 DVDs] [UK Import]
Wird angeboten von ZOverstocksDE
Preis: EUR 5,66

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perfektion in Serie, 19. März 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist April 1912: Die Damenröcke sind noch lang, die Hüte groß, aber Elektrizität, Automobile und Telefon verbreiten sich als Vorboten einer neuen Welt. Die Titanic ist gerade untergegangen und mit ihr der Cousin und Erbe von Lord Grantham: Titel und Besitz werden seinem very distant, very middleclass cousin Matthew zufallen. Dessen Ankunft nehmen die Bewohner von Downton Abbey mit unterschiedlicher Begeisterung auf - insbesondere Lord Granthams älteste Tochter Mary, eine junge Dame mit dem fatalen Hang, im falschen Moment die falsche Entscheidung zu treffen, kann ihr spitzes Mundwerk nicht immer beherrschen.

Das ist allerdings nur die eine Seite von Downton Abbey. Denn außer dem großmütigen, stets seinem Gewissen folgenden Lord Grantham und seiner Familie ist das Schloss auch das Heim einer Vielzahl von Dienstboten. Und die hängen ihren eigenen Plänen und Zielen nach: Das Küchenmädchen, das für den schicken Diener schwärmt, die mißmutige Zofe, die Hausmädchen, die von einem bestimmten Mann respektive einem bestimmten Job träumen, und natürlich der Butler, der sein ganz persönliches Verhältnis zu Lord Granthams Familie pflegt.

Das Drehbuch (von Julian Fellowes, Gosford Park) läßt den routinierten Zuschauer mehr als einmal glauben "Alles klar, nun kann ich mir ja denken, wie's weitergeht" - um dann einen Haken in eine völlig andere und genauso überzeugende Richtung zu schlagen. Während Lord Grantham und seine Familie natürlich im Mittelpunkt stehen, hat auch jeder Dienstbote seine eigene Geschichte, die in den Folgen mal mehr, mal weniger in den Fokus geschoben wird.
Getragen werden die Geschichten der Bewohner von Downton Abbey von einem Ensemble, das ohne einen Ausfall in jeder Rolle überzeugt, so daß es ungerecht erscheint, auch nur einen einzigen besonders hervorzuheben. Die Regie (in einigen Folgen Brian Percival, Elizabeth Gaskell's "North & South" (2 Disc Set)), fängt das Leben in Downton Abbey immer wieder in überraschenden Bildern ein, tatkräftig unterstützt von der wunderschönen zeitgemäßen Ausstattung.

"Downton Abbey" wirkt, als sei ein seit hundert Jahren im Dornröschenschlaf liegendes Schloss zum Leben erwacht - und als Zuschauer steckt man mittendrin. Mehr als einmal meint man, mit den Hausmädchen durch die Gänge zu eilen, um schnell die Betten zu machen, ehe die Herrschaften vom Frühstück zurückkehren - oder zu den Gästen zu gehören, die mit der Familie am Dinnertisch sitzen. Gleichzeitig bekommt man ein Gefühl dafür, was für ein Wendepunkt diese Zeit gewesen sein muß, einerseits verhaftet in Vorstellungen wie der, daß ein Mädchen, das seine "Ehre" verloren hat, nicht mehr verheiratbar ist, während gleichzeitig Frauen für ihr Wahlrecht kämpfen und der Erste Weltkrieg seine Schatten vorauswirft.

Das Geheimnis der Serie ist, daß sie den Zuschauer auf allen Ebenen anspricht: Ein Fest für's Auge, eine intelligente Geschichte und was für's Herz. Und selbst ihr einziger Schwachpunkt - nach sieben Folgen ist das Vergnügen vorbei - gilt nicht: Die zweite Staffel ist bereits in Arbeit.

Die DVD bietet als Bonusmaterial einige wenige geschnittene Szenen, außerdem kurze Statements von Schauspielern, Produzenten und Autoren sowie der Gräfin von Carnarvon, Herrin über den Original-Drehort Highclere Castle. Und falls noch irgendjemand im Zweifel ist, ob seine Englischkenntnisse ausreichen: Generell wird Bilderbuch-Englisch gesprochen, und für schottische, irische und andere Akzente gibt es natürlich Untertitel.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 27, 2011 11:08 PM MEST


Mansfield Park
Mansfield Park
DVD ~ Frances O'Connor
Preis: EUR 8,49

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was tun mit Fanny Price?, 3. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Mansfield Park (DVD)
Jede Verfilmung des Austen-Romans "Mansfield Park" steht vor einem grundlegenden Problem: der Hauptperson. Denn auf den ersten Blick ist Fanny Price ein braves, sanftes, von ihrer Verwandtschaft eingeschüchtertes Mädchen, dessen hervorstechendste Eigenschaft darin besteht, daß es seit seiner Kindheit unglücklich in seinen Cousin Edmund verliebt ist - einen jungen Mann, der Amateur-Theater frivol findet und unbedingt Pfarrer werden will. Solche Helden sind heutzutage schwer vermittelbar, und dennoch ist Fanny eine echte Heldin, denn sie wagt es, ihrer schüchternen Fassade zum Trotz, sich an einem entscheidende Punkt gegen die allgemein vorherrschende Meinung zu stellen - und mit den Konsequenzen zu leben.

In dieser Verfilmung löst die Regisseurin das Fanny-Price-Problem, indem sie ihre Heldin zur Ich-Erzählerin macht und ihr dabei Stimme und Züge von Jane Austen herself verleiht: So wird aus der schüchternen Fanny eine junge Dame mit Neigung zu Hintersinn und Ironie. Und für Austen-Puristen kommt es noch schlimmer: Es gibt eine explizite Liebesszene, es wird über Sklaverei gesprochen, und so richtig idyllisch ist das Landhausleben, das hier gezeichnet wird, auch nicht.

Nun kann man entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und den Film in Grund und Boden verdammen - man kann aber auch kurz über den Unterschied zwischen den Medien Film und Buch nachdenken und über die Freiheit, die sich ein Regisseur notgedrungen nehmen muß, wenn er seinem heutigen Publikum eine Geschichte nahebringen will, die vor fast zweihundert Jahren geschrieben wurde. Und so kann man zu dem Ergebnis kommen: Obwohl Jane Austen es nicht ausdrücklich erwähnt, dürfte auch ihrer Leserschaft vor fast zweihundert Jahren klar gewesen sein, daß Sir Thomas nicht durch Orchideenzüchten in Antigua zu Wohlstand gekommen ist, ebenso wie man auch damals verstanden haben dürfte, daß eine verheiratete Frau nicht mit einem anderen Mann durchbrennt, um Blumenpflücken zu gehen. - Insofern kann ich mit dieser Neu-Interpretation der Romanvorlage gut leben, zumal die Kernpunkte erhalten bleiben, insbesondere Fannys Menschenkenntnis, ihre Wandlung vom geduldeten Aschenputtel zum gleichberechtigten Familienmitglied, die komplexen Beziehungen der Bewohner und Besucher von Mansfield Park untereinander. An manchen Stellen wirken Verhalten und Sprache allerdings dann doch zu gewollt modern ("This is 1806, for Heaven's sake!").

Umgesetzt wird diese Geschichte in so schlichter Ausstattung, daß man stellenweise das Gefühl hat, eine Theaterstück und keinen Film zu schauen. Kostüme und Kulissen spielen nur eine Nebenrolle und das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf den Schauspielern, die allesamt überzeugend und natürlich agieren, allen voran Frances O'Connor als Fanny Price. Negativ fällt dabei nur die deutsche Synchronisation auf, die aus dem düsteren Patriarchen Sir Thomas einen albernen alten Mann macht. Aber dafür haben DVDs ja Originalversionen und notfalls Untertitel. Der schlichten Ausstattung zum Trotz gelingen dem Film immer wieder schöne und überraschende Bilder, unterstützt von einer zauberhaften Musik.

Mein Fazit: Eine gewagte, ungewöhnliche Annäherung an Jane Austen - fern einer heilen englischen Welt, nicht originalgetreu und sicher polarisierend.
Aber vielleicht raffen sich die Freunde von der BBC ja doch noch eines Tages auf, um uns mit den Mitteln einer Mini-Serie zu beweisen, daß auch ein braves, sanftes, nachdenkliches Mädchen als Heldin für heutige Sehgewohnheiten taugt.


Jane Austen's Mansfield Park
Jane Austen's Mansfield Park
DVD ~ Billie Piper
Wird angeboten von gubo9de
Preis: EUR 32,77

24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Fanny rennt, 16. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Jane Austen's Mansfield Park (DVD)
Puh. Erstmal tief Luft holen. Einatmen. Ausatmen. Warten, bis der Puls sich wieder normalisiert hat. So. Nun kann's losgehen:

Als Kind verläßt Fanny Price ihr ärmliches Elternhaus in Portsmouth, um bei den reichen Verwandten in Mansfield Park aufzuwachsen. Jahre später lebt sie immer noch dort, heimlich verliebt in ihren Cousin Edmund, herumgeschubst von ihrer herzlosen Tante Norris und größtenteils ignoriert vom Rest der Verwandtschaft. Bis eines Tages die Geschwister Crawford auftauchen und das eher beschauliche Leben in Mansfield Park auf den Kopf stellen. Sollten Fannys Qualitäten doch noch gewürdigt werden? Und sollte Edmund endlich merken, für wen sein Herz schon sein ganzes Leben lang schlägt?

"Mansfield Park" gehört sicher zu den schwieriger zu verfilmenden Austen-Romanen. Das liegt an der Heldin, die selbst auf Austens Zeitgenossen schon allzu brav, schüchtern und fügsam wirkte - zumindest auf den ersten Blick. Mit der weiteren Entwicklung des Romans zeigt sich jedoch, daß sich hinter dieser schlichten Fassade Charakterstärke und Urteilsvermögen verbergen, verbunden mit einer tiefen Loyalität zu denen, die ihr wichtig sind. Klar, daß man eine solche Heldin dem heutigen Publikum nicht zumuten kann. In der letzten Verfilmung (Mansfield Park) löste Patricia Rozema das Problem, indem sie Fanny einige Züge ihrer Schöpferin verpaßte und den gesamten Stoff in einer Umgebung ansiedelte, die deutlich vom englischen Landhaus-Idyll abwich - woraufhin sich Austen-Puristen die Zehennägel aufrollten.

In dieser Neuverfilmung wird das Fanny-Problem gelöst, in dem man sie rennen läßt. Fanny rennt von der ersten bis zur vorletzten Szene, wenn sie sich nicht gerade an den Haaren zupft, lacht oder brüllt. Fanny Price brüllt? Ja, Fanny Price brüllt. Man muß kein Austen-Purist sein, um zurückbrüllen zu wollen: Das kann doch nicht wahr sein! - Denn "Mansfield Park" ist doch noch viel mehr als ein Buch über ein schüchternes Mädchen. "Mansfield Park" erzählt von geschwisterlichen Beziehungen in allen Varianten (Entfremdung zwischen Lady Bertram und Mrs Price, Vertrautheit bis zur Komplizenschaft zwischen Mary und Henry Crawford, unveränderte Zuneigung nach Jahren der Trennung zwischen Fanny und ihren Geschwistern). Es ist trotz der eher ernsten Grundstimmung ein Buch mit komischen Momenten (dank Mr Rushworth und der verschlafenen Lady Bertram), und es ist ein Buch der Zeichen (ein verwilderter Garten, der für das Verbotene steht, ein Anhänger, der nur zu einer bestimmten Kette passt).
Ist es denn wirklich so schwer, das alles filmisch umzusetzen? Offensichtlich ja. Und so leidet "Fanny rennt" nicht nur an dem völlig unangemessenen Aussehen und Benehmen der Hauptdarstellerin, sondern vor allen Dingen an einem dummen und unsensiblen Drehbuch, das die kleinen Feinheiten der Vorlage in Bulldozer-Manier überrollt.

Immerhin, Darsteller und Kostüme sind hübsch anzuschauen (wenn man Fanny ausblendet), die Szene zwischen Fanny und ihrem Bruder ist recht ansprechend (wenn man Fanny ausblendet), die letzte Unterredung zwischen Edmund und Miss Crawford halbwegs gelungen. So war ich durchaus entschlossen, mehr als einen Stern zu verteilen, als Fanny kurz vor Schluß wieder zu rennen begann. Und Edmund ihr hinterher. Kann man das arme Mädchen nicht einmal bei einer langersehnten Liebeserklärung ruhig stehenlassen? Und warum ist es auf einmal Lady Bertram - die verschlafene, nur um sich selbst kreisende Lady Bertram -, die hier als Kupplerin auftritt? Welchen tieferen Sinn hat diese Plot-Änderung? Jane Austen sagt uns mit feinster Ironie: Sir Thomas freut sich für die beiden, und Lady Bertram freut sich nicht, weil sie sich nun eine neue Gesellschafterin suchen muß. Der Film sagt uns ganz platt: Lady Bertram hat's schon immer gewußt, und Sir Thomas ist mit Blindheit geschlagen.

Wer das Buch nicht gelesen hat, könnte mit dieser Verfilmung leidlich unterhalten werden. Man sollte aber nicht erwarten, hinterher wirklich zu wissen, wer Fanny Price ist und wovon "Mansfield Park" handelt.
Wer den Roman gelesen hat, kann angesichts dieses Films nur eines tun: Wegrennen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 23, 2013 10:58 AM CET


Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben
Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben
von Ronald Reng
  Gebundene Ausgabe

24 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Aber unser Leben wird davon bestimmt..., 7. November 2010
... welche Menschen wir zu welchem Zeitpunkt treffen."

Fußball? Eigentlich nicht mein Ding, außer es ist gerade Sommermärchen, und dann werden wir ja alle zu kleinen Bundestrainern.
An der Robert-Enke-Biografie konnte ich trotzdem nicht vorbeigehen. Was läßt jemanden, der für so viele Menschen Vorbild und Idol ist, derartig verzweifeln, daß er nicht mehr leben will?

Ronald Reng schildert Robert Enkes Weg aus dem beschaulichen Jena in die immer weitere Welt des Profi-Fußballs. Vieles von dem, was Enke erlebt, ist gar nicht so ungewöhnlich, wenn auch im Profi-Fußball ein paar Nummern größer als im wahren Leben: Die Furcht vor dem Umzug in eine fremde große Stadt - Der Leistungsdruck am ersten Arbeitstag - Der Vorgesetzte, mit dem man partout nicht zurechtkommt.

Die große Stärke des Buches liegt darin, daß Ronald Reng Enkes Gefühlswelt ganz genau nachzeichnen und nachvollziehbar machen kann, denn als Freund der Familie standen ihm neben vielen Gesprächspartnern Robert Enkes persönliche Aufzeichnungen zur Verfügung. Gleichzeitig baut er aber auch immer wieder eine unerwartete Spannung auf, indem er die Perspektive wechselt, etwa wenn er ein für Enke traumatisches Fußballspiel aus der Sicht des gegnerischen Stürmers - des Helden des Abends - erzählt. Abgerundet wird die Biografie durch viele Fotos, die oft mehr sagen als tausend Worte.

Für den Leser ist dieses Buch ein Wechselbad der Gefühle, denn das bekannte Ende bleibt natürlich die ganze Zeit über im Hinterkopf. Man leidet mit Robert Enke im Fußballtor, man weint mit ihm um seine Tochter, man lächelt gerührt über das Gedicht, das er seiner Frau zum Geburtstag schreibt. Man bangt mit seiner Familie und seinen Freunden, die sich bis zum letzten Tag aufgeopfert haben, um ihn aus der Spirale zu befreien, aus der er schließlich keinen Ausweg mehr wußte. Und man denkt noch lange darüber nach, was ein unbedachtes Wort, eine gedankenlose Geste im falschen Moment in einem Mitmenschen anrichten kann.

Man muß kein Fußball-Fan sein, um von diesem Buch beeindruckt zu sein. Eine einfühlsame, respektvolle, rundum gelungene Annäherung an einen besonderen Menschen.


Der Spielmann
Der Spielmann
von Ingrid Ganss
  Taschenbuch

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es war einmal..., 16. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Spielmann (Taschenbuch)
... ein Buch, das war in einem kleinen, unbekannten Verlag erschienen. In den Regalen der großen Buchhandlungen suchte man es vergebens, und auch auf den Bestsellerlisten tauchte es nie auf. Das war erstaunlich, denn es handelte sich um ein ganz außergewöhnliches Buch: Es erzählt die Geschichte der stolzen Fürstentochter Elisabeth, die jeden Bewerber um ihre Hand abweist. Keiner scheint ihr gut genug, und insbesondere der König von Reupen leidet unter ihrem Spott. Bis der Vater genug von der aufmüpfigen Tochter hat und verkündet: Der nächste Freier soll sie bekommen. Daß dies ausgerechnet der wandernde Spielmann Jakob sein würde, konnte er nicht ahnen. Ebenso wie Elisabeth nicht ahnt, welches Geheimnis der Mann verbirgt, an dessen Seite sie ein neues Leben beginnen muß...

Neben der ungewöhnlichen Geschichte sind es die einfühlsame Erzählweise und die poetische Sprache, die dieses Buch so besonders machen. Fast ausschließlich aus Elisabeths Sicht erzählt, gelingen Ingrid Ganß zwei Kunststücke: Erstens sind dem Leser auch Jakobs Gedanken immer klar (obwohl sie fast nie ausgesprochen werden), und zweitens wird Elisabeth nicht zur hochmütigen, verwöhnten, unsympathischen Prinzessin degradiert, sondern als intelligente und nachdenkliche junge Frau dargestellt. Der Roman verzichtet auf Klischees und Schwarz-Weiß-Bilder, so ist zum Beispiel Jakob kein strahlender Held, sondern ein großer Zweifler, der mit sich und der Welt hadert. Die fast unmöglich scheinende Annäherung an Elisabeth geschieht in vielen Gesprächen, in denen beide immer wieder ihre hergebrachten Positionen überdenken müssen.

Die Geschichte ist in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg angesiedelt, und in dieser Welt sind die Schrecken des Krieges noch sehr gegenwärtig. Dabei benutzt Ingrid Ganß ausschließlich fiktive Orte, die dank ihrer ausdrucksstarken, vielseitigen Sprache aber vollkommen realistisch wirken. Sie spielt mit Worten und Dialekten, und wenn Elisabeths mit französischen Ausdrücken gespickte Hofsprache auf den ersten Seiten noch irritiert, so entfaltet sie in Jakobs heruntergekommener Waldhütte doch eine ganz andere Wirkung. A propos Wald, die Natur spielt eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle und wird immer so beschrieben, daß man die Himbeeren zu schmecken und das frische Heu zu riechen meint.

Was "Der Spielmann" nicht ist: Ein weiterer "historischer" Roman über eine Gauklerin, Händlerin oder sonst irgendein rothaariges Frauenzimmer, das sich nach dramatischen Schicksalsschlägen in einer feindlichen Männerwelt gegen Hexen-Verdächtigungen, Erbschleicherei oder ähnliche Übel zur Wehr setzen muß. "Der Spielmann" ist viel besser: Ein kluges, sinnliches und anrührendes Buch, dessen Zauber Seite für Seite größer wird. Da akute Suchtgefahr besteht, empfiehlt sich die Lektüre insbesondere an einem verregneten Wochenende.

Was das traurige Dasein des Buches in einem unbekannten Verlag fern von Buchhandlungsregalen und Bestsellerlisten angeht: Zum Glück gibt es ja einen großen Online-Buchhändler, der seinen Kunden hin und wieder Empfehlungen ausspricht. So fand das Buch doch noch eifrige Leser und begeisterte Kritiker. Und zumindest diese waren nach dem Lesen glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Ob das auch für Jakob und Elisabeth gilt, sollte jeder selbst herausfinden.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 11, 2015 6:04 PM CET


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