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Rezensionen verfasst von
Claus Fischer "clausfischer" (Lampertheim, Hessen)
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Rival Queens
Rival Queens

55 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Drei zu Null für Vivica, 18. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Rival Queens (Audio CD)
"Rival Queens" ist eines jener Alben, auf deren Erscheinen man sich wochenlang freut, um dann beim ersten Anhören einzusehen, dass Vorfreude doch die schönste Freude ist - und sich fragt, wie viele Sterne man denn vergeben soll.

Einen Stern gibt es auf jeden Fall für das Konzept, einmal einen Eindruck davon zu vermitteln, was Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni, die beiden berühmtesten Sängerinnen der Händel-Zeit, außer Händel sonst noch im Repertoire hatten, und für die gelungene Auswahl der Arien und Duette (obwohl letztere aus Opern stammen, in denen die beiden nicht gemeinsam aufgetreten sind). Ein Vergleich der hier versammelten Stücke mit jenen, die Händel für die beiden Damen schrieb (ein titelgleiches Recital ausschließlich mit Musik von Händel haben vor nicht ungeraumer Zeit Emma Kirkby und Catherine Bott vorgelegt), führt zudem auf plastische Weise vor Ohren, wie in jener sagenhaft fruchtbaren Opernzeit Komponisten und Interpreten sich wechselseitig inspirierten. Mit dabei sind auch zwei Arien aus "Astianatte" von Bononcini, jener Oper, in der sich am 6. Juni 1727 die beiden Primadonnen (von denen jede die "prima" zu sein beanspruchte) auf der Bühne des Londoner Haymarket Theatre buchstäblich in die Haare gerieten. Als hartnäckigster Ohrwurm dieser CD dürfte sich womöglich "Padre amoroso" aus "Lucio Papirio Dittatore" von Antonio Pollarolo erweisen: Der erste Takt der Melodie ist mit dem Anfang von Händels "See the conquering hero comes" identisch, ohne dass man Händel deswegen ein Plagiat anhängen müsste.

Drei weitere Sterne für Vivica Genaux, die ihre Eignung als "Faustina rediviva" bereits unter Beweis gestellt hat und auch hier beim Vortrag der sechs Arien aus dem Bordoni-Fundus wieder mit dem edlen, zartbitteren Schmelz und der bis in erstaunlich leichte Sopranhöhen reichenden Koloraturbeweglichkeit ihres schlank-sehnigen Mezzos überzeugt. Ihr zu Lauschen ist ohne Abstriche ein Genuss.

Den fünften Stern verdient sich die Cappella Gabetta für ihr ebenso dezentes wie nuancenreiches Spiel, das in idealer Weise die Funktion einer "Begleitung" erfüllt - nicht zu aufdringlich, aber auch nicht zu unauffällig und stets präzise.

Und was macht Simone Kermes aus den sechs Arien für Cuzzoni? Frau Kermes hat mittlerweile eine Art und Weise der Interpretation barocker Vokalmusik gefunden, die jede gegebene Vorlage transzendiert. Sie singt nicht mehr bestimmte Musik eines bestimmten Komponisten, sondern benutzt jede Arie als Sprungbrett, um sich in die stratosphärischen Höhen einer Gesangskunst aufzuschwingen, die ebenso unnachahmlich wie nicht nachahmenswert ist. Dabei jubiliert sie mit immer derselben - attraktiv quecksilbrigen, aber auch nahezu unveränderlichen - Stimmfarbe über alle noch so verschiedenen Gefühlslagen hinweg, so dass bei keiner Nummer auszumachen ist, welcher Grundaffekt jeweils in Musik gesetzt worden ist. Noch dazu handhabt sie ihre stupende Technik mit einer Lässigkeit, die schon an Nachlässigkeit grenzt, und greift zu stimmlichem Mummenschanz, den eine Sängerin mit ihren Mitteln nicht nötig hätte - Cecilia Bartoli lässt grüßen. Die bezaubernden melismatischen Passagen in "Villanel la nube estiva" (Giacomelli, Scipione in Cartagine) werden durch alberne Aspirierungen völlig verhunzt, "Benché l'augel s'asconda" (Leo, Ciro riconosciuto) durch zwar feurig hingeschlenkerte, aber schludrig phrasierte Koloraturen zu Konfetti zerfleddert. Der Gipfel des zweifelhaften Genusses aber ist "Nobil onda" (Porpora, Adelaide), in deren Reprise Kermes ein Sammelsurium von Staccato-Nippesfiguren in einer Höhenlage interpoliert, für die ein eigener Notenschlüssel erfunden werden müsste, ohne damit nur einen Anflug von Bewunderung wecken zu können. Man höre zum Vergleich einmal, wie diszipliniert und zugleich hoch virtuos Karina Gauvin diese Bravournummer vorträgt (ihrer Version gebührte die Krone unter den mittlerweile vier verfügbaren Aufnahmen - Manzotti, Gauvin, Bartoli und jetzt Kermes -, wäre nicht das spannungslose Dirigat von Alan Curtis).

Für den postmodernen Unfug, den Simone Kermes hier treibt, und der mit historisch informierter Aufführungspraxis rein gar nichts zu tun hat, zwei Sterne Abzug.

Unterm Strich: Eine Empfehlung für Kermes-Fans, die sie vermutlich genau dafür lieben. Und eine Empfehlung für Genaux-Fans, wegen der superb gesungenen Faustina-Arien. Nicht zuletzt ist die Platte unentbehrlich für Ariensammler wegen des hohen Raritätenanteils - zwölf der fünfzehn Nummern sind CD-Weltpremieren. Dennoch: Der Gesamteindruck bleibt zwiespältig.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 8, 2015 7:19 PM MEST


La Clemenza di Tito
La Clemenza di Tito
Preis: EUR 17,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was wollte Gluck eigentlich reformieren...?, 17. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: La Clemenza di Tito (Audio CD)
Klassiker-Jubiläen sind immer ein willkommener Anlass, weniger bekannte Facetten eines vermeintlich bekannten alten Meisters zu beleuchten. Im modernen Gluck-Gesamtbild fehlen noch viele Mosaiksteine. Einen sehr wichtigen fügt nun die vorliegende Gesamtaufnahme von "La clemenza di Tito" hinzu. Die liebevoll edierte Vier-CD-Box beschert das paradoxe Vergnügen, ein Meisterwerk aus der Hochblütezeit der Opera Seria kennenzulernen, das ausgerechnet aus der Feder jenes Komponisten stammt, der später zum radikalsten Reformer dieses Operngenres werden sollte. (Falls es in dieser laut dem Mozartbiographen Alfred Einstein "von Apoll verfluchten Gattung" überhaupt Meisterwerke geben kann, was einige Musikhistoriker hartnäckig bestreiten.) Aber, wie auch schon die wenigen anderen Ausgrabungen von Werken aus Glucks "vorreformatorischer" Periode (zu nennen wären der Prager "Ezio" von 1750, die Wiener Festa teatrale "L'innocenza giustificata" und nicht zuletzt das Gluck-Album von Cecilia Bartoli) gezeigt haben: Es ist noch kein Reformer vom Himmel gefallen. Zehn Jahre vor dem epochalen "Orfeo" kreuzt Gluck mit vollen Segeln im Fahrwasser der metastasianischen Oper, wobei nicht zu überhören ist, dass er im Rahmen ihrer fest umrissenen Konventionen eine durchaus eigene Handschrift entwickelt hat. Niemand hatte hierfür ein sensibleres Ohr als der Libretto-Kaiser Metastasio selbst, der Gluck schon anlässlich der 1748 in Wien aufgeführten Vertonung von "Semiramide riconosciuta" für leicht verrückt erklärt hatte ("ha un fuoco maraviglioso, ma pazzo"). Neben koloraturenschäumenden Bravournummern und schmelzenden "Schokoladearien" (um mit Wilhelm Heinse zu reden) in bester neapolitanischer Tradition finden sich auch eigentümlich rustikale Klänge, aus einem Holz geschnitzt, das nur Gluck zu bearbeiten wusste.

Der klanglich einwandfreie Livemitschnitt aus dem Konzerthaus Dortmund bietet überwiegend erfreuliche gesangliche Leistungen. Raffaella Milanesi in der für den Starsopranisten Caffarelli maßgeschneiderten Rolle des Sesto gelingt es nicht ganz, den "Caffarelli redivivus" Franco Fagioli als mutmaßliche Idealbesetzung aus der Phantasie des wunschträumenden Rezensenten zu verdrängen, nüchtern betrachtet meistert sie die hochvirtuose Partie aber mehr als achtbar. Laura Aikin als Vitellia zeigt sich noch etwas koloraturgewandter und besitzt dazu das nötige Tröpfchen Gift in der Stimme, um die mörderische Intrigantin glaubhaft darzustellen - ein gelegentliches leichtes Übertouren in den Extremhöhen fällt da nicht weiter ins Gewicht. Der mozarterfahrene Rainer Trost verkörpert mit warmer Tenorstimme auf überzeugende Weise einen milden, aber nicht weichlichen Titus. Uneingeschränkt Referenzstatus beanspruchen darf Valer Sabadus in der überdurchschnittlich reich bedachten Secondo-Uomo-Rolle des Annio, die er betörend schön singt. Da somit die wesentlichen Wünsche erfüllt sind, lässt sich verschmerzen, dass die Besetzungen der Servilia (Arantza Ezenarro) und des Publio (Flavio Ferri-Benedetti) daneben mehr oder weniger stark abfallen. Besonders ein Vergleich der beiden männlichen Soprane verdeutlicht die aktuelle qualitative Spannweite innerhalb dieses Stimmfaches auf eindrückliche Weise.

Die Umsetzung der orchestralen Seite dieser Partitur, deren technische Anforderungen manche Sinfonie der Gluck-Zeit in den Schatten stellen, ist ebenfalls weitgehend gelungen. Werner Ehrhardt und sein Ensemble "l'arte del mondo" haben sich hörbar von Glucks frühklassischem Feuer anstecken lassen und bieten eine ebenso temperamentvolle wie detailgenaue Exekution der zahlreich vorhandenen Noten. Lediglich in einigen Bravourarien wäre eine größere Streicherbesetzung als Gegengewicht zum starken Bläsereinsatz wünschenswert gewesen. Unterm Strich ist die Aufnahme aber unbedingt die Anschaffung wert!


Handel: Tamerlano
Handel: Tamerlano
Preis: EUR 29,49

17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wieder nur fast eine Referenzaufnahme..., 25. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Handel: Tamerlano (Audio CD)
"Tamerlano", das blutige Mittelstück aus Händels Opern-Dreigestirn von 1724/25, stand und steht immer noch etwas im Schatten der beiden Schwesterwerke "Giulio Cesare" und "Rodelinda". Dafür dürfte neben der Fassungsproblematik auch das Libretto verantwortlich sein, das die Ereignisse nicht in ein erzwungenes "lieto fine" münden, sondern den vom Mongolenherrscher Tamerlan besiegten Bajazet stolz und konsequent in den Freitod gehen lässt. Der Komposition ist Händels Bestreben anzuhören, eine Musik zu schreiben, die der Größe des Stoffes angemessen ist. Die Arien in "Tamerlano" sind nicht nur Prüfsteine für Technik und Stilgefühl der Sänger, sie stellen auch ungewöhnliche emotionale Anforderungen ans Publikum. Die Intensität der musikalischen Affektdarstellung sorgt dafür, dass einem das dramaturgisch ausgeklügelte Schachspiel der Handlung und ihrer Figuren näher geht, als man es sonst in diesem Operngenre gewohnt ist. Kein reines Vergnügen um des Vergnügens willen also. Zwar finden unter den Überlebenden die richtigen Paare zueinander und stimmen den obligatorischen Schlusschor an, aber der Jubel klingt recht gedämpft.

Lediglich gedämpfter Jubel stellte sich auch angesichts der Diskographie dieser Oper ein, bis George Petrou sich bei seiner 2007 von MDG veröffentlichten Gesamtaufnahme erstmals für die ungekürzte Urfassung von 1724 entschied und eine vorzügliche Interpretation vorlegte, in der allenfalls die Besetzung der (über weite Strecken sehr tief liegenden) Tenorpartie des Bajazet mit einem Bariton stellenweise etwas problematisch erschien. Riccardo Minasi hat nun die Zweitfassung von 1731 gewählt (mit zwei Arien für Leone statt nur einer) und mit dem aus der ersten Fassung übernommenen Terzett "Voglio stragi" angereichert, so dass hiermit die bislang umfangreichste "Tamerlano"-Einspielung vorliegt. (Leider wieder ohne den heiß ersehnten Appendix mit den von Händel schon vor der Premiere der ersten Fassung gestrichenen Nummern.) Da sowohl Tamerlano als auch Andronico hier mit einem Countertenor besetzt sind, erscheint Händels leidenschaftliches Seelengemälde so weit wie möglich mit originalgetreuen Stimmfarben restauriert.

Dabei gibt es freilich Licht und Schatten. Ohne Abstriche überzeugend der Bajazet von John Mark Ainsley, der sämtliche Höhen und Tiefen dieser Rolle auf grandiose Weise meistert und dem für eine barocke Seria unüblich vielschichtig angelegten Charakter des gefangenen osmanischen Sultans keine Nuance schuldig bleibt. Karina Gauvin gestaltet mit schön gereiftem, warm grundiertem Sopran ein ebenfalls rundum beglückendes Porträt von Bajazets Tochter Asteria. Max Emanuel Cencic könnte in der Senesino-Rolle des Andronico nach heutigen Maßstäben ebenfalls eine Idealbesetzung sein, wäre da nicht seine Neigung zu unorganisch aus der musikalischen Linie ausbrechenden Ver(un)zierungen in hörbar unbequemer Höhenlage. Xavier Sabata ist ein durchaus rollenkonformer Tamerlano, solange der Tyrann sich in affektiert-gespreizten Liebesgesängen ergeht - doch in der Rachearie "A dispetto" ist er leider ein Küken gegen den furiosen Nicholas Spanos bei Petrou. Die Sängerriege wird komplettiert von einer ansprechenden Irene (Ruxandra Donose) und dem sonoren Koloraturbass Pavel Kudinov, der aus den beiden dramaturgisch unerheblichen Leone-Arien musikalische Hauptattraktionen macht.

Minasi und sein Ensemble "Il pomo d'oro" zählen zu jener Gruppe von Interpreten, die beim "Barock" den Akzent auf die zweite Silbe legen. Entsprechend werden die Noten von HWV 18 einem zuweilen an Crossover grenzenden Belastungstest unterzogen. Dabei erweist sich Händels Musik als strapazierfähiger als die Instrumente der Musiker. Bei den Streichern machen sich immer wieder leichte Intonationstrübungen bemerkbar. So sehr das Streben nach einer packenden, nicht nur rein kulinarischen Wiedergabe zu loben ist - Vieles ist einfach klanglich zu wenig ausgefeilt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Das kostet die an sich begrüßenswerte Einspielung leider einen Stern.


L'incoronazione Di Dario
L'incoronazione Di Dario
Preis: EUR 32,37

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Venezianisch-persischer Karneval, 11. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: L'incoronazione Di Dario (Audio CD)
Vivaldi stand als Opernkomponist immer ein wenig quer zur Zeitströmung. In seinen Bühnenwerken vermischte er unbekümmert Altmodisches mit Avantgardistischem, wofür ihn die akademischen Weisheitspächter hassten und sein Stammpublikum ihn liebte - und wofür auch wir heute ihn lieben. Für seinen Beitrag zur Karnevals-Stagione Anno 1717, "L'incoronazione di Dario", griff Vivaldi zu einem schon dreißig Jahre alten Libretto von Adriano Morselli, das mit seiner buntscheckigen Handlung in krasser Opposition zu den logischer aufgebauten, aber dramaturgisch überregulierten Reformlibretti Apostolo Zenos und seiner Mitstreiter in der "Accademia dell'Arcadia" steht. Die Geschichte ist im Grunde sehr einfach: Nach dem Tod des Perserkönigs Kyros (in der Historie: des Kambyses) soll unter den Anwärtern auf den Thron derjenige, der des Kyros Tochter Statira zu erobern weiß, mit Statiras Hand zugleich die Königswürde erlangen. (Laut Herodot sollte derjenige den Thron besteigen, dessen Pferd bei einem Treffen der Prätendenten bei Sonnenaufgang zuerst wieherte, wobei der Stallknecht des Dareios mit einer delikaten List dem Schicksal ein wenig nachhalf. Diese in der Oper ausgesparte, nicht ganz jugendfreie Episode lese man bei Bedarf in Buch III, Kapitel 84 bis 87 der "Historien" nach.)

Um diesen roten Faden schlingt sich ein Intrigengeflecht, das vor allem dazu dient, möglichst viele Gelegenheiten zum Ariensingen herausspringen zu lassen. Wieder hat Vivaldi sich Einiges einfallen lassen, um sein Publikum bei Laune zu halten. "L'incoronazione di Dario" ist venezianisches "teatro alla moda" in Reinkultur. Die mit vollen Händen ausgestreuten Arien zeigen nahezu sämtlich den typisch venezianischen Duktus ihrer Zeit: Eine häufig nach instrumentalen Vorstellungen entworfene Melodik, rhythmischen Vorwärtsdrang und eine oft merkwürdig labile Tonalität, die zwischen Dur und Moll schwankt wie eine Gondel im Sturm.

Die Ausführenden der vorliegenden Aufnahme haben an dieser Oper offensichtlich einen Riesenspaß, der sich auch auf den Hörer überträgt. Ottavio Dantone und seine Accademia Bizantina beweisen auf das Schönste, dass man Vivaldi nicht grob gegen den Strich bürsten muss, um ihn zu sprühendem Leben zu erwecken. "Se palpitarti in sen" etwa ist ein Musterbeispiel ätherisch leichten, funkelnden Musizierens. An der Spitze des gut disponierten Gesangsensembles ist die Statira von Sara Mingardo zu nennen, deren samtiger Luxus-Alt hier endlich wieder einmal in einer Hauptrolle zu genießen ist.

Der Aufnahme hört man nicht an, dass es sich um einen Konzertmitschnitt handelt (September 2013 in der Bremer "Glocke" aufgenommen), sie ginge ohne Weiteres auch als Studioproduktion durch: Klar, präsent, vollkommen nebengeräuschfrei. Im Beiheft finden sich ein viersprachiger Einführungstext (Französisch, Italienisch, Englisch, Deutsch) und ein dreisprachiger Abdruck des Librettos (nicht auf deutsch). Wenn man sich bei Naive jetzt noch dazu entschließen könnte, sich von den ewig klappernden und klemmenden "Jewel Cases" zu verabschieden und auf die ebenso schönen wie praktikablen Digipack-Faltkartons umzusteigen, wäre das Glück vollkommen.

Wer übrigens die ältere "Dario"-Gesamtaufnahme des Ensemble Baroque de Nice (Gilbert Bezzina) besitzt, muss diese nicht aus dem Regal verbannen. Damals, als die Renaissance der Vivaldi-Opern noch nicht abzusehen war, bedeutete diese Einspielung eine mutige diskographische Tat, und auch heute noch lohnt ein Vergleich der alten mit der neuen Aufnahme.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 4, 2015 6:09 PM CET


Carlo Re D'alemagna
Carlo Re D'alemagna
Preis: EUR 46,55

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neues vom "alten" Scarlatti, 12. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Carlo Re D'alemagna (Audio CD)
Lange, sehr lange mussten Opernfreunde nach René Jacobs' hervorragender, leider als Einzelaufnahme vergriffener Einspielung von "Griselda" warten, um endlich eine "neue" Oper von Alessandro Scarlatti ins Regal stellen zu dürfen. Fabio Biondi entschied sich mit dem 1716 in Neapel uraufgeführten "Carlo Re d'Alemagna" ebenfalls für ein Spätwerk dieses Großfürsten der italienischen Barockoper, dessen Schaffen 1679 in Rom mit "Gli equivoci nel sembiante" beginnt und 1721 ebendort mit "Griselda" endet (wenn wir einige späte Neufassungen älterer Werke stillschweigend unter den Teppich kehren). Somit gruppieren sich die 114 Opern Scarlattis (nach dessen eigener Zählung; fünfundsechzig davon sind erhalten) in perfekter zeitlicher Symmetrie um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Auch in stilistischer Hinsicht bildet dieses gewaltige Gesamtwerk die Brücke zwischen der spätrömisch-venezianischen und der neapolitanischen Oper. Prägend für Scarlattis Bild in der Musikgeschichte waren vor Allem seine beiden langjährigen Amtszeiten als königlicher Kapellmeister in Neapel; in Venedig konnte er seltsamerweise keine Wurzeln schlagen.

Seiner künstlerisch besonders ertragreichen zweiten neapolitanischen Periode gehört auch "Carlo Re d'Alemagna" an, der in prunkvoller Ausstattung und mit einer hochkarätigen Sängerbesetzung - angeführt von Senesino und Margherita Durastanti, die beide wenig später für Händel in London sangen - im Teatro San Bartolomeo herauskam. Das Libretto von Francesco Silvani (bearbeitet von Giuseppe Papis) verwickelt verschiedene teils historische, teils fiktive Personen und Episoden aus dem Frankenreich nach dem Tode Karls des Großen zu einem schwer entwirrbaren Knäuel, den der geneigte Leser des in Italienisch, Englisch und Französisch (leider nicht auf Deutsch) abgedruckten Librettos selbst aufdröseln darf, da einen der rudimentäre Einführungstext im Beiheft leider weitgehend im Stich lässt. Wer die Handlung von Barockopern als zu vernachlässigenden Teil des Gesamtkunstwerkes betrachtet, wird dies jedoch verschmerzen können, denn musikalisch kommt man in jedem Fall auf seine Kosten. Wie nicht anders zu erwarten, erweist die Musik sich als von allerhöchster kompositorischer Qualität, und auch die Interpreten in dieser Aufnahme können sich hören lassen.

Der späte Scarlatti steht Händel stilistisch so nahe, dass man geneigt ist, von musikalischer Blutsverwandtschaft zu sprechen. Der Unterschied zwischen beiden ist leichter zu erfühlen als zu beschreiben. Scarlatti hat gegenüber Händel eine noch stärkere Neigung zu kontrapunktischer Verflechtung zwischen der Singstimme und einem motivisch sehr selbstständig gestalteten Instrumentalpart sowie zu einer oft nahezu abstrakt-expressiven Führung der Melodien, so dass sich seine Musik nicht auf Anhieb so hartnäckig in den Gehörgängen einnistet wie die Händels. Man muss sie schon einige Male hören - eine Versuchung, der angesichts ihrer unaufdringlichen Erhabenheit und klanglichen Schönheit kaum zu widerstehen ist. Für Liebhaber von Händelopern wird auch das Auftreten zweier komischer Figuren einen gelinden Kulturschock darstellen. Diese "parti buffe" kann man wahlweise entweder als Relikt aus der Klamottenkiste der venezianischen Karnevalsoper oder aber als Vorwegnahme der kommenden Opera buffa betrachten. Jedenfalls liebte das zeitgenössische neapolitanische Publikum die Kaspereien der komischen Dienerfiguren, wobei auffällt, dass deren Auftritte sich in Scarlattis späten Opern bereits aus dem Zentrum der Handlung an die Aktschlüsse zu verlagern beginnen. Wenige Jahre später verschwanden sie ganz aus dem ernsthaften Drama und wurden als "Intermezzi" in die Pausen zwischen den Akten verbannt, begannen damit aber zugleich eine neue Karriere als wichtige - aber nicht einzige - Vorläufer der modernen komischen Oper.

Die Aufnahme als solche ist ein nahezu ungetrübtes Vergnügen, sofern man kein militanter Anhänger historisch informierter Aufführungspraxis ist. Barockspezialist Fabio Biondi hat das Symphonieorchester aus Stavanger immerhin so gründlich auf seinen persönlichen, von bekannt eigenwillger Agogik geprägten Musizierstil eingeschworen, dass die Norweger Biondis Originalklangensemble "Europa Galante" zum Verwechseln ähnlich klängen, wäre da nicht das moderne Instrumentarium. Bei den sehr schlank und vibratoarm gespielten Streichern fällt der Unterschied weniger deutlich auf als bei den Hörnern, von denen Scarlattis großzügig orchestrierte Partitur ausgiebig Gebrauch macht - moderne Ventilhörner sind eben doch intonationsreiner und runder im Klang als Naturhörner, wenn auch etwas weniger markant und durchdringend. In der Liste der Sänger finden sich einige dem Kenner vertraute Namen, wenn auch nicht die ganz großen Stars der Alte-Musik-Szene. Die gesanglichen Leistungen sind aber größtenteils sehr ansprechend. Neben dem etwas schattierungsarmen, aber klaren und agilen Sopran von Roberta Invernizzi überzeugt vor Allem der majestätische Kontra-Alt von Romina Basso, eher schon ein weiblicher Bassbariton.

Alles in Allem hätte diese Einspielung eigentlich fünf Sterne verdient. Ich zögere nur deshalb, die Höchstnote zu vergeben, weil die Interpretation in ihrem offenkundigen Bestreben, es den Liebhabern traditioneller philharmonischer Aufführungen wie auch den Anhängern der historisch informierten Musizierpraxis gleichermaßen Recht machen zu wollen, etwas unentschlossen wirkt und zu keiner wirklich geschlossenen Linie findet. Unterm Strich aber alleine schon wegen des Repertoirewertes eine klare Empfehlung!


Rokoko: Hasse Opera Arias
Rokoko: Hasse Opera Arias
Wird angeboten von mrtopseller
Preis: EUR 13,98

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Endlich!, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Rokoko: Hasse Opera Arias (Audio CD)
Endlich scheint die Zeit reif für eine wirkliche diskographische Wiederauferstehung Hasses, den die meisten Plattenfirmen bisher hartnäckig ignoriert haben. Decca hat es nun als erstes "Major Label" gewagt, sich dieses Großmeisters der Barock-, pardon: Rokoko-Oper anzunehmen, der heute außerhalb der Musiklexika ebenso vergessen ist wie er zu Lebzeiten berühmt war - und damit einen veritablen Coup gelandet, um den die verschlafene Konkurrenz das Londoner Traditionshaus hoffentlich beneiden wird.

Dass sich Max E. Cencic auf dem Cover als bunter Paradiesvogel zeigt, mag zunächst einige Zweifel an der Seriosität der Unternehmung wecken, die sich jedoch beim Anhören schnell zerstreuen. Was hier erklingt, darf als der engagierteste und zugleich gelungenste Versuch einer Ehrenrettung Hasses seit William Christies 1986 erschienener "Cleofide"-Gesamtaufnahme bezeichnet werden. Die elf ausgewählten Arien (sieben davon Weltpremieren auf Tonträger, plus ein gelegentlich auch Pergolesi zugeschriebenes Mandolinenkonzert) beleuchten streiflichtartig fast die gesamte, ein halbes Jahrhundert umfassende Opernlaufbahn dieses Komponisten. Jede einzelne Nummer wirft dabei erneut die Frage auf, ob sich nicht auch eine Gesamtaufnahme der jeweiligen Oper lohnen würde, was in den meisten Fällen wohl eindeutig mit Ja zu beantworten wäre. Die Auswahl ist bei aller zwangsweisen Beschränkung doch repräsentativ genug, Hasses einstigen Ruhm begreiflich zu machen und ihn in die vorderste Reihe der Opernschöpfer des 18. Jahrhunderts zu stellen.

Cencic zieht alle Register, um diese Musik - und natürlich auch sich selbst - ins rechte Licht zu setzen. Der charakteristische bronzene Klang seiner Stimme entfaltet sich am Schönsten in langsamen, lyrisch-pathetischen Arien, in denen er die exquisiten melodischen Linien Hasses mit ebenso pastosem wie geschmeidigem Pinselstrich nachzeichnet. Leider bereiten die schnellen, virtuosen Bravourarien nicht denselben hohen Genuss. Cencic meistert zwar die Koloraturen im geforderten Tempo, wenn er auch gelegentlich zu etwas seltsam anmutenden Vokalwechseln Zuflucht nimmt. In den zahlreichen forte oder gar fortissimo attackierten Spitzentönen sind aber doch deutliche Einbußen an Klangschönheit hinzunehmen, die gelegentlich die Schmerzgrenze streifen (dafür der Sternabzug). Dafür gibt es aber zur Zeit auch kaum einen Fachkollegen, der sich mit soviel Verve und geradezu stimm-exhibitionistischer Leidenschaft in die Musik stürzt.

Abgerundet wird das positive Gesamtbild durch das hin- und mitreißende Spiel des Orchesters Armonia Atenea. Die griechischen Barockmusiker überzeugen unter der Leitung ihres Landsmannes George Petrou ebenso durch lyrischen Schmelz wie feuriges Temperament - und vor allem durch eine Musikalität, die einige konkurrierende Ensembles gelegentlich schmerzlich vermissen lassen. Mir scheint jedenfalls, dass Petrou zu den ganz wenigen modernen Dirigenten barocker Vokalmusik gehört, die zum Beispiel den Unterschied zwischen langen und kurzen Vorschlägen kennen und solche Feinheiten auch herauszumodellieren wissen. Bleibt unterm Strich nur ein Wunsch: Dass diesem Arien-Buffet bald die eine oder andere Gesamteinspielung einer Hasse-Oper folgen wird. Heißer Tipp an die Trüffelschweine der Plattenfirmen: In der Sächsischen Landesbibliothek Dresden warten reihenweise mittlerweile auch online zugängliche Manuskripte darauf, endlich wiederentdeckt zu werden. Wie lange wird man uns Opernfreunden noch den Genuss verweigern wollen, diese Schätze endlich auch hören zu dürfen?


Le Grand Théâtre de l'Amour(Arien aus Opern V
Le Grand Théâtre de l'Amour(Arien aus Opern V

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rundreise durch den Kontinent Rameau, 10. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wahre Musikkenner mögen keine Sammelsurien, auch nicht, wenn diese nur einem einzigen Komponisten gewidmet sind. Dieses hier hat allerdings zwei Vorzüge: Es bietet einen großzügigen Querschnitt durch das Opernschaffen von Jean-Philippe Rameau, der sich sowohl für Einsteiger zum Kennenlernen als auch für Kenner lohnt. Und es verschafft die beruhigende Gewissheit, dass man sich um den Nachwuchs an lyrischen Sopranstimmen aus dem Lande Rameaus nicht zu sorgen braucht.

Sabine Devieilhe gelingt es bei ihrem Solo-Debutalbum sogleich, beim Hörer spontane Assoziationen an große Vorgängerinnen wie Véronique Gens und Sandrine Piau zu wecken. Ihrem grazilen, aber keineswegs fragilen, jugendlich blühenden Sopran fehlt allenfalls noch etwas die unverwechselbare individuelle Note, was den rein musikalischen Genuss jedoch nicht schmälert. Dass die junge Künstlerin dabei durchgehend auf puren Schöngesang setzt und interpretatorische Exzesse vermeidet, ist hier durchaus wohltuend. Nur in der durchgeknallten Lach-Arie ("Aux langueurs d'Apollon") aus "Platée" hätte sie sich mehr trauen dürfen - immerhin gilt es hier, in der allegorischen Figur von La Folie den personifizierten Wahnsinn zu verkörpern. Was diese Nummer betrifft, bleibt die Darbietung von Jennifer Smith in der Gesamtaufnahme unter Marc Minkowski die Modellinterpretation.

Auch die in recht großer Besetzung - historisch korrekt mit 24 Streicherpulten wie bei den legendären "Quatre-Vingt Violons du Roy" - aufspielenden Musiker des Ensemble Les Ambassadeurs unter dem jungen Alexis Kossenko machen ihrem Namen alle Ehre und erweisen sich mit leicht aufgerautem, aber durchaus sinnlichen, ebenso kompakten wie transparenten Spiel als ausgezeichnete Botschafter dieser Musik. Der Aufnahmetechnik hätte allerdings etwas weniger Hall gutgetan - in "Tristes apprets" aus "Castor et Pollux" (von der Sängerin überzeugend gestaltet) scheint eine ganze Legion von Fagotten das hypnotisch sich wiederholende Drei-Noten-Motiv zu röhren, was dem Stück etwas von seiner sanften elegischen Stimmung raubt.

Die auf den ersten Blick etwas wahllos anmutende Programmreihenfolge versucht, die verschiedenen Stadien der Liebe vom Stande der Unschuld und dem ersten Aufkeimen zarter Regungen bis hin zur Trauer über den Tod des Geliebten und den Sturz in geistige Umnachtung nachzuzeichnen. Egal, ob man diesem imaginären Handlungsfaden folgen mag oder nicht - man wird mitgenommen auf eine spannende Reise, die natürlich nicht alle Landstriche des zwischen den Wendekreisen des Barock und der Klassik gelegenen Kontinentes Rameau berühren kann, aber doch einen deutlichen Eindruck vom Reichtum dieses musikalischen Kosmos gibt. Ein gelungener Auftakt zum Rameau-Jahr 2014, dem hoffentlich weitere Neu- und Wiederentdeckungen folgen werden.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2014 11:21 AM MEST


Gottfried August Homilius: Johannespassion
Gottfried August Homilius: Johannespassion
Preis: EUR 29,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfindsame Kirchenmusik aus Dresden, 26. Dezember 2013
Wer das Stadtbild Dresdens mit seinen im transalpinen Barockstil errichteten Prunkbauten betrachtet, die das Elbflorenz zur nördlichsten Stadt Italiens machen (alle Münchner mögen mir verzeihen), denkt kaum daran, dass hier eigentlich protestantisches Kernland ist. Da der Kurfürst von Sachsen in Personalunion auch König von Polen war, brauchte er neben weltlichen Repräsentationsbauten für seine religiösen Zeremonien auch eine katholische Hofkirche, deren musikalischer Glanz die entsprechenden Aktivitäten an der evangelischen Frauenkirche in der Wahrnehmung zumindest der Nachwelt überstrahlte. Obwohl die Frauenkirche das Symbol für die Zerstörung und den Wiederaufbau Dresdens ist - was dort musikalisch während ihrer Glanzzeit geboten war, fällt in die Kategorie der verzeihlichen Bildungslücken.

Das Label Carus (mit angeschlossenem Musikverlag) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern und neben den sakralen Werken des Hofkapellmeisters Johann Adolf Hasse auch denen seines protestantischen Kollegen Gottfried August Homilius Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dessen Johannespassion verdient allemal unter die anthologiewürdigen Werke der Passionsmusik aufgenommen zu werden. Homilius erweist sich als Meister der Chorkomposition, sowohl in den Turbae, die an Schlagkraft und bizarrer Charakteristik denen Bachs und Telemanns nahekommen, wie auch in der Bearbeitung der Choräle, die sich durchaus nicht nur in protestantischer Askese übt, wie das herrliche Hörnergeschmetter in "Gloria sei dir gesungen" beweist. Den oft ausufernd langen Arien ist dagegen weniger schöpferische Originalität zu bescheinigen, sie erinnern in Melodik und Instrumentation stark an Opernarien des späten Hasse, warten aber durchaus mit schönen Details auf. Neben stimmlicher Geschmeidigkeit und einem buchstäblich langen Atem erfordern sie von den Sängern überlegene Gestaltungskraft, um die Anteilnahme des Hörers wachzuhalten und nicht zu zerfließen.

Die Interpreten dieser Aufnahme werden dem vollkommen gerecht. Nicht nur Jan Kobow bestätigt seinen Rang als einer der herausragenden Tenöre des barocken und frühklassischen Repertoires, auch die übrigen Solisten überzeugen auf gleichem Niveau. Ihnen sowie dem Dresdner Kreuzchor und dem Dresdner Barockorchester unter Leitung von Roderich Kreile gelingt eine rundum beglückende, offensichtlich vom Genius loci beseelte Aufführung eines Werkes, welches das Leiden Christi aus einer insgesamt eher sanften, "empfindsamen" Perspektive schildert, ohne in Gefühlsduselei abzugleiten. Als notwendige Repertoirebereicherung unbedingt zu empfehlen!


Wassermusik
Wassermusik
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Telemann zum Kennenlernen, 26. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Wassermusik (Audio CD)
Die Wassermusik von - Telemann? Beim Betrachten des Covers dieser CD wird sich mancher verwundert die Augen reiben, doch man hat bei DG keineswegs Telemann mit Händel verwechselt. Des Ersteren Orchestersuite mit dem programmatischen Titel "Hamburger Ebb und Fluht" (dies die originale Orthographie) hat lediglich einen handlicheren und zugkräftigeren Alternativtitel bekommen. In dieser am 6. April 1723 während eines Festbankettes zur Hundert-Jahr-Feier der Hamburger Admiralität erstmals gespielten Komposition porträtiert Georg Philipp Telemann die Meeresgottheiten der antiken Mythologie, die sich zur Feier des Tages im Hamburger Hafenbecken die Ehre geben. Nach einer prächtig ausladenden Ouvertüre ziehen Neptun und sein Gefolge in lebhafen musikalischen Bildern, in denen auch liebevoll karikierende Züge nicht fehlen, am Hörer vorüber. Jeder der maritimen Gottheiten heftet der Komponist als Etikett eine eingängige Melodie im Rhythmus eines barocken Standardtanzes an. Der vorletzte Satz ist den titelgebenden Gezeiten gewidmet, bevor das Finale den "lustigen Bootsleuten" zum Tanz aufspielt. Dieser Ouvertüren-Suite folgen auf der CD noch drei nicht näher zu datierende und auch sonst schwer in eine Schublade einzusortierende Concerti für gemischte Holzbläser-Streicher-Besetzung, von denen jenes in B-Dur unter Musikfreunden hinter vorgehaltener Hand gerne und nicht zu Unrecht als "Brandenburgisches Konzert Nr. 7" bezeichnet wird.

Reinhard Goebel und das Ensemble Musica Antiqua Köln zählten in den Achtzigern zu den Exponenten der historischen Aufführungspraxis in Deutschland und setzten dem philharmonisch aufgeplusterten Plüschbarock nicht nur eine damals aufregend neue, radikal entschlackte und oft absichtlich provokant gegen den Strich gebürstete Lesart entgegen, sie begannen auch das Repertoire über die immer gleichen Komponisten und Werke hinaus zu erweitern. Während Goebels widerborstige Neudeutungen von Repertoireklassikern wie den "Brandenburgischen Konzerten" Bachs auch heute noch gewöhnungsbedürftig sind (ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnen wollen), überzeugen seine Interpretationen wieder ausgegrabener Schätze oft weitaus mehr. Die vorliegende Aufnahme jedenfalls weiß auf Anhieb für sich einzunehmen. Die Tempi in den schnellen Sätzen werden wohl bis an die Grenze des Spielbaren ausgereizt, aber eben nicht darüber hinaus - jedes Detail bleibt gestochen scharf. Allerdings wird auch in den langsamen Sätzen kräftig an der Temposchraube gedreht, um bloß keine Behäbigkeit aufkommen zu lassen. Der "schlafenden Thetis" hätte etwas mehr Ruhe sicher behagt. Dagegen sind Goebel und seine Musiker beim polternden Grotesktanz des "scherzenden Tritonus" (sehr hübsch die Zwischenspiele mit ihren Pizzicato-Spritzern) oder der die an- und abschwellende Flut malenden Gigue (mit einem der frühesten auskomponierten Orchester-Crescendi) ganz in ihrem Element. Hier und da wünscht man sich, die Musiker wären mit feinerem Pinsel zu Werke gegangen. Unterm Strich bleibt aber der Eindruck einer sehr frischen und anregenden Aufnahme, die für ihre Zeit zweifellos neue Maßstäbe gesetzt hat - und außer mir hoffentlich noch Viele zu Telemann "bekehren" wird. Wer sich verzagt fragt, womit man denn anfangen solle, um sich dem laut "Guinness-Buch der Rekorde" produktivsten Komponisten aller Zeiten zu nähern: Diese CD wäre fürs Erste keine schlechte Wahl.


Piramo e Tisbe
Piramo e Tisbe
Preis: EUR 22,06

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hasses musikalisches Vermächtnis, 16. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Piramo e Tisbe (Audio CD)
Zwei Liebende, deren Familien so miteinander verfeindet sind, dass die Beiden sich nur heimlich treffen und durch einen Mauerspalt miteinander Zwiesprache halten können, bevor ein gemeinsamer Fluchtversuch zu ihrer endlichen Vereinigung im Tod führt - die in Ovids "Metamorphosen" überlieferte Geschichte von Pyramus und Thisbe kann als antike Urfassung des Romeo und Julia-Stoffes gelten. Die anrührende Geschichte fand mehrmals den Weg auf die Opernbühne, eignet sich wegen ihres anekdotischen Formats aber eher für Einakter als für abendfüllende Werke. Wobei der Handlungsverlauf - eine Folge tragikomischer Zufälle, bei denen eine trächtige Löwin eine tragende Rolle spielt, bevor am Ende alle Hauptakteure entseelt in ihrem Blute liegen - die Parodie förmlich herausfordert.

War der Stoff schon von Andreas Gryphius in "Peter Squentz" verulkt worden und ist auch John Frederick Lampes englische Opernadaption "Pyramus und Thisbe" eine ausdrücklich als "Mock Opera" betitelte Satire, hat sich der Glucks und Calzabigis Reformideen nahestehende Marco Coltellini in seiner Librettoversion für Johann Adolf Hasse ganz auf den tragischen Gehalt der Geschichte konzentriert. Das 1768 in Wien uraufgeführte Werk ist zwar "nur" ein "Intermezzo tragico", also keine "ausgewachsene" Oper, dauert aber einschließlich der Ballettmusiken gut zwei Stunden. Coltellini konnte Hasse durch viel eingefügte Stimmungsmalerei Raum zu großzügiger musikalischer Entfaltung bieten, was freilich einige Längen zur Folge hat. Die weiß der Grandseigneur der Opera Seria in diesem seinen vorletzten Bühnenwerk allerdings prächtig auszufüllen. "Piramo e Tisbe" ist ein Kabinett von Meisterstücken melodischer Goldschmiedekunst, das unmittelbar unter den Augen Glucks und seiner Anhänger noch einmal die traditionelle Seria im alten musikalischen Glanz erstrahlen lässt, ohne sich den Innovationen des großern Reformers ganz zu verschließen. Hasse macht häufiger als bei ihm sonst üblich Gebrauch vom orchesterbegleiteten Rezitativ, besonders die Übergänge zwischen Secco, Accompagnato und Arie sind fließend gestaltet und meisterlich genutzt, um den Strom edelster musikalischer Lyrik um so majestätischer in die großen Arien einmünden zu lassen, auf denen nach wie vor das Hauptgewicht ruht. Die Arienmelodien zitieren häufig Grundmodelle, die Hasse in früheren Werken aufgestellt und immer wieder neu variiert hat und die nun ihre letztgültige Formulierung zu erhalten scheinen. In diesem Sinne zieht Hasse in "Piramo e Tisbe" die Summe seines Opernschaffens, die er in seinem drei Jahre später entstandenen Schwanengesang "Ruggiero" (mit welchem er der konkurrierenden Serenata "Ascanio in Alba" des fünfzehnjährigen Wolfgang Amadeus Mozart ehrenvoll unterlag) nur noch bestätigen konnte.

Die vorliegende Aufnahme unterstreicht denn auch den Duktus eines spätherbstlich reifen "Alterswerkes" - vielleicht sogar etwas zu sehr. Michael Schneider und sein Orchester La Stagione betonen Hasses norddeutsche Herkunft und rücken ihn in die Nähe der Berliner Schule, wo er eigentlich nicht hingehört. Man hat bei den wenigen Aufnahmen der Achtziger und Neunziger Jahre, die sich diesem Repertoire widmen, überhaupt den Eindruck, dass die Interpreten den richtigen Zugriff zu dieser Musik erst finden mussten und die Komponisten der neapolitanischen Opernschule etwas unschlüssig irgendwo in einem Niemandsland zwischen Händel und Mozart einzuordnen versuchten, ohne ihnen wirkliches Profil verleihen zu können. Der pflegliche Umgang mit Hasses Musik und die ansprechenden, wenn auch nicht aufregenden Gesangsleistungen von Barbara Schlick, Ann Monoyios und Wilfried Jochens sind aber allemal vier Sterne wert. Für eine wirkliche Referenzaufnahme hätten die Beteiligten aber gerne noch ein paar Holzscheite mehr ins behaglich knisternde Kaminfeuer legen dürfen.


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