Fashion Sale Hier klicken Strandspielzeug Neuerscheinungen Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More sommer2016 saison Hier klicken Fire Shop Kindle WalkingOnCars Summer Sale 16
Profil für Hans-joerg Naumer > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Hans-joerg Naumer
Top-Rezensenten Rang: 35.309
Hilfreiche Bewertungen: 802

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Hans-joerg Naumer
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6
pixel
Data and Goliath: The Hidden Battles to Collect Your Data and Control Your World
Data and Goliath: The Hidden Battles to Collect Your Data and Control Your World
von Bruce Schneier
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

5.0 von 5 Sternen Das Ende unserer Privatsphäre ist das Ende unserer Freiheit., 15. August 2016
Ich erinnere mich noch genau an die Führung durch die das Büro der ehemaligen Bezirksleitung der Staatssicherheit der DDR in Gera: Ein Raum nach dem anderen voller Registraturen, die alles festhielten, was Mielkes Spitzeln festhaltenswert erschien. IM - Berichte, Deck- und Klarnamen von Zuträgern, Briefe, die ihre Empfänger nie erreichten, Duftproben von Regimegegnern, damit die Hunde sie bei Bedarf sofort ausfindig machen konnten, .. eine nicht endenwollende Flut zumeist aus Papier. Besonders hat mich der Rucksack mit den Mikrofilmen beeindruckt, der zusammen mit wasserdicht verschließbaren Bleirohren im Safe lag. Dazu Wanderstiefel. Die Idee dahinter war so einfach wie aussagekräftig: Wenn der „Feind“ – gemeint war der freie Westen – einfällt, können die wichtigsten Dokumente sofort in Sicherheit gebracht und irgendwo in einem Fluss oder See versenkt werden zur späteren konspirativen Verwendung. „Der Sozialismus ist eine Bewegung, die in langen Zeiträumen denkt“ (Walter Ulbricht).
Irgendwo am Ende aller Gänge dann ein kleiner Raum, der einzige mit vergitterten Fenstern. Hier stand ein PC mit Disketten, der den ganzen Mief des „Arbeiter- und Bauernstaates“ in ein Stillleben fasste. Was hätte aus dieser Diktatur werden können, hätte sie die Überwachungstechniken von heute gehabt?
Überwachungstechniken wie sie Bruce Schneier in seinem absolut lesenswerten Buch beschreibt. Anders als in der DDR, deren Unterdrückungsapparat auch von der Angst profitierte, dass man nie so genau wusste, wer und was überwacht wird und ob der Feind, wie im Falle von Vera Wollenweber (heute wieder Vera Lengsfeld), nicht im eigenen Bett liegt, ist jetzt alles überwachbar. Anders als die Begrenztheit von Disketten sind die Kosten für das Speichern von Daten deutlich gefallen und zu vernachlässigen. Anders als die Registerkarten es ermöglichten, sind moderne Algorithmen mit ihrer Fähigkeit, Datenmengen zu durchpflügen, blitzschnell und lernfähig dank künstlicher Intelligenz. Anders als in einer Diktatur alter Prägung werden heute nicht mehr Hunderttausende von haupt- und nebenamtlichen Spitzeln benötigt, um ein Volk von ein paar Millionen Menschen auf den Weg zum neuen, zum sozialistischen, Menschen zu führen. Überwachung heißt heute Selbstüberwachung und sie beginnt mit der Aufgabe unserer Privatsphäre.
Mein Handy gibt an, mit wem ich wo die Nacht verbracht habe, meine Suchmaschine speichert über Jahre meine bekannten und unbekannten Vorlieben, die Kreditkarte lässt erkennen, ob ich mich gesund ernähre, und wenn es nicht die Kundenkarten, Suchanfragen oder das Handy sind, die mich insgesamt besser kennen als ich mich selbst, dann sind es meine Freunde, die mich verraten. Ungewollt oder unbedacht zieht vielleicht eine Spiele-App gerade all Ihre Kontakte vom Smartphone eines Freundes ab und schickt sie ins Nirgendwo einer Datenkrake, die aus vielen Puzzlesteinen Rückschlüsse auf mich zieht. Was darüber hinaus noch fehlt, offenbare ich in den Sozialen Medien. Gespeichert für die Unendlichkeit können daraus Stolperfallen in der Zukunft werden. Was heute noch politisch korrekt ist, ist es morgen vielleicht schon nicht mehr.
Daten verraten uns, Algorithmen manipulieren uns, zusammengenommen zerstören sie unsere Privatsphäre und am Ende unsere Freiheit. Waren die Sozialen Medien in einigen Ländern vor Jahren noch Mittel zur Organisation von Protest, so sind sie heute längst Werkzeuge der Unterdrückung und der Manipulation.
Unterdrückung kann dabei mehr oder minder subtil erfolgen. Die Spannbreite ist groß. In dem einem Land werden Blogger auf offener Straße mit einer Machete erschlagen, in einem anderen bedrängt, ihre Handys - zwecks einfacher Lokalisierung - immer dabeizuhaben, in wieder anderen unterwerfen sie sich der Selbstzensur in vorauseilendem Gehorsam, und sei es nur um nicht den sozialen Kältetod zu sterben, zumal man ja eh‘ „nichts zu verbergen“ hat.
Für aufmerksame Mediennutzer sind diese Entwicklungen nicht (ganz) neu, wenn auch in ihrer Gesamtschau sicher brutal. Aber es ist das besondere Verdienst von Bruce Schneier, dass er aus unserem Alltag heraus beschreibt, wie wir unsere Privatsphäre auf dem Altar der Bequemlichkeit opfern und wie hier Wirtschafts- und durchaus auch Staatsinteressen unserer Freiheit entgegenwirken. Schneier belässt es nicht beim Erschrecken, sondern zeigt auch Wege auf, wie Spielregeln für die Netzwirtschaft, klare Gesetzesrahmen für die Staaten (die alle längst vorliegen, man denke nur an das Prinzip der informationellen Selbstbestimmung, wie es z.B. das Bundesverfassungsgericht bereits vor Jahren artikuliert hat, oder die US- amerikanische Verfassung, oder die Charta der „Fundamentalen Rechte der Europäischen Union, oder …) und das eigene Verhalten genutzt werden können, um die eigene Privatsphäre und damit Freiheit zu schützen.
Besonders nachdenkenswert sind seine Überlegungen darüber wie wir soziale Normen finden müssen, die uns bei der Entscheidungsfindung zwischen Freiheit und Risiko den Weg weisen. „Eine Gesellschaft die Risiken, sei es bei Kriminalität oder Terrorismus oder anderswo, grundsätzlich verweigert, ist per Definition ein Polizeistaat. Und ein Polizeistaat bringt seine eigenen Risiken mit sich.“ (Zitat nach S.229 der englischen Ausgabe; eigene Übersetzung). Anders ausgedrückt: Freiheit und vollkommene Sicherheit schließen einander aus. Und: Vollkommene Sicherheit endet in vollkommener Willkürherrschaft. Wir müssen uns entscheiden wo wir stehen. Es hilft alles nichts. Wir müssen uns unsere Privatsphäre zurückerkämpfen. Stück für Stück. Ganz am Rande wird dabei auch klar, warum Bargeld „geronnene Freiheit“ ist – eine Freiheit, die wir uns nicht nehmen lassen dürfen.
Meine Empfehlung: Dieses Buch ist absolut empfehlenswert. Eine gute Vertiefung dazu ist Dave Eggers Reality-Roman „The Circle“. Die einzige Schwäche die es hat, ist dass es stark aus der Perspektive der USA geschrieben ist, jedenfalls was die staatlichen Überwachungsmechanismen angeht. Dabei wäre es gerade interessant zu verstehen, wie große Diktaturen weltweit im Feld der Überwachung aktiv sind. Aber es gehört eben zu Diktaturen, dass sie dies nicht preisgeben.
PS.: Im Kontext dieses Buches empfiehlt sich der Aufsatz von „'I've Got Nothing to Hide' and Other Misunderstandings of Privacy“ Professor Daniel Solove ganz besonders. Er ist kostenlos im Internet erhältlich.


Data und Goliath - Die Schlacht um die Kontrolle unserer Welt: Wie wir uns gegen Überwachung, Zensur und Datenklau wehren müssen
Data und Goliath - Die Schlacht um die Kontrolle unserer Welt: Wie wir uns gegen Überwachung, Zensur und Datenklau wehren müssen
von Bruce Schneier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

5.0 von 5 Sternen Das Ende unserer Privatsphäre ist das Ende unserer Freiheit., 15. August 2016
Ich erinnere mich noch genau an die Führung durch die das Büro der ehemaligen Bezirksleitung der Staatssicherheit der DDR in Gera: Ein Raum nach dem anderen voller Registraturen, die alles festhielten, was Mielkes Spitzeln festhaltenswert erschien. IM - Berichte, Deck- und Klarnamen von Zuträgern, Briefe, die ihre Empfänger nie erreichten, Duftproben von Regimegegnern, damit die Hunde sie bei Bedarf sofort ausfindig machen konnten, .. eine nicht endenwollende Flut zumeist aus Papier. Besonders hat mich der Rucksack mit den Mikrofilmen beeindruckt, der zusammen mit wasserdicht verschließbaren Bleirohren im Safe lag. Dazu Wanderstiefel. Die Idee dahinter war so einfach wie aussagekräftig: Wenn der „Feind“ – gemeint war der freie Westen – einfällt, können die wichtigsten Dokumente sofort in Sicherheit gebracht und irgendwo in einem Fluss oder See versenkt werden zur späteren konspirativen Verwendung. „Der Sozialismus ist eine Bewegung, die in langen Zeiträumen denkt“ (Walter Ulbricht).
Irgendwo am Ende aller Gänge dann ein kleiner Raum, der einzige mit vergitterten Fenstern. Hier stand ein PC mit Disketten, der den ganzen Mief des „Arbeiter- und Bauernstaates“ in ein Stillleben fasste. Was hätte aus dieser Diktatur werden können, hätte sie die Überwachungstechniken von heute gehabt?
Überwachungstechniken wie sie Bruce Schneier in seinem absolut lesenswerten Buch beschreibt. Anders als in der DDR, deren Unterdrückungsapparat auch von der Angst profitierte, dass man nie so genau wusste, wer und was überwacht wird und ob der Feind, wie im Falle von Vera Wollenweber (heute wieder Vera Lengsfeld), nicht im eigenen Bett liegt, ist jetzt alles überwachbar. Anders als die Begrenztheit von Disketten sind die Kosten für das Speichern von Daten deutlich gefallen und zu vernachlässigen. Anders als die Registerkarten es ermöglichten, sind moderne Algorithmen mit ihrer Fähigkeit, Datenmengen zu durchpflügen, blitzschnell und lernfähig dank künstlicher Intelligenz. Anders als in einer Diktatur alter Prägung werden heute nicht mehr Hunderttausende von haupt- und nebenamtlichen Spitzeln benötigt, um ein Volk von ein paar Millionen Menschen auf den Weg zum neuen, zum sozialistischen, Menschen zu führen. Überwachung heißt heute Selbstüberwachung und sie beginnt mit der Aufgabe unserer Privatsphäre.
Mein Handy gibt an, mit wem ich wo die Nacht verbracht habe, meine Suchmaschine speichert über Jahre meine bekannten und unbekannten Vorlieben, die Kreditkarte lässt erkennen, ob ich mich gesund ernähre, und wenn es nicht die Kundenkarten, Suchanfragen oder das Handy sind, die mich insgesamt besser kennen als ich mich selbst, dann sind es meine Freunde, die mich verraten. Ungewollt oder unbedacht zieht vielleicht eine Spiele-App gerade all Ihre Kontakte vom Smartphone eines Freundes ab und schickt sie ins Nirgendwo einer Datenkrake, die aus vielen Puzzlesteinen Rückschlüsse auf mich zieht. Was darüber hinaus noch fehlt, offenbare ich in den Sozialen Medien. Gespeichert für die Unendlichkeit können daraus Stolperfallen in der Zukunft werden. Was heute noch politisch korrekt ist, ist es morgen vielleicht schon nicht mehr.
Daten verraten uns, Algorithmen manipulieren uns, zusammengenommen zerstören sie unsere Privatsphäre und am Ende unsere Freiheit. Waren die Sozialen Medien in einigen Ländern vor Jahren noch Mittel zur Organisation von Protest, so sind sie heute längst Werkzeuge der Unterdrückung und der Manipulation.
Unterdrückung kann dabei mehr oder minder subtil erfolgen. Die Spannbreite ist groß. In dem einem Land werden Blogger auf offener Straße mit einer Machete erschlagen, in einem anderen bedrängt, ihre Handys - zwecks einfacher Lokalisierung - immer dabeizuhaben, in wieder anderen unterwerfen sie sich der Selbstzensur in vorauseilendem Gehorsam, und sei es nur um nicht den sozialen Kältetod zu sterben, zumal man ja eh‘ „nichts zu verbergen“ hat.
Für aufmerksame Mediennutzer sind diese Entwicklungen nicht (ganz) neu, wenn auch in ihrer Gesamtschau sicher brutal. Aber es ist das besondere Verdienst von Bruce Schneier, dass er aus unserem Alltag heraus beschreibt, wie wir unsere Privatsphäre auf dem Altar der Bequemlichkeit opfern und wie hier Wirtschafts- und durchaus auch Staatsinteressen unserer Freiheit entgegenwirken. Schneier belässt es nicht beim Erschrecken, sondern zeigt auch Wege auf, wie Spielregeln für die Netzwirtschaft, klare Gesetzesrahmen für die Staaten (die alle längst vorliegen, man denke nur an das Prinzip der informationellen Selbstbestimmung, wie es z.B. das Bundesverfassungsgericht bereits vor Jahren artikuliert hat, oder die US- amerikanische Verfassung, oder die Charta der „Fundamentalen Rechte der Europäischen Union, oder …) und das eigene Verhalten genutzt werden können, um die eigene Privatsphäre und damit Freiheit zu schützen.
Besonders nachdenkenswert sind seine Überlegungen darüber wie wir soziale Normen finden müssen, die uns bei der Entscheidungsfindung zwischen Freiheit und Risiko den Weg weisen. „Eine Gesellschaft die Risiken, sei es bei Kriminalität oder Terrorismus oder anderswo, grundsätzlich verweigert, ist per Definition ein Polizeistaat. Und ein Polizeistaat bringt seine eigenen Risiken mit sich.“ (Zitat nach S.229 der englischen Ausgabe; eigene Übersetzung). Anders ausgedrückt: Freiheit und vollkommene Sicherheit schließen einander aus. Und: Vollkommene Sicherheit endet in vollkommener Willkürherrschaft. Wir müssen uns entscheiden wo wir stehen. Es hilft alles nichts. Wir müssen uns unsere Privatsphäre zurückerkämpfen. Stück für Stück.
Meine Empfehlung: Dieses Buch ist absolut empfehlenswert. Eine gute Vertiefung dazu ist Dave Eggers Reality-Roman „The Circle“. Die einzige Schwäche die es hat, ist dass es stark aus der Perspektive der USA geschrieben ist, jedenfalls was die staatlichen Überwachungsmechanismen angeht. Dabei wäre es gerade interessant zu verstehen, wie große Diktaturen weltweit im Feld der Überwachung aktiv sind. Aber es gehört eben zu Diktaturen, dass sie dies nicht preisgeben.
PS.: Im Kontext dieses Buches empfiehlt sich der Aufsatz von „'I've Got Nothing to Hide' and Other Misunderstandings of Privacy“ Professor Daniel Solove ganz besonders. Er ist kostenlos im Internet erhältlich.


Der Circle: Roman
Der Circle: Roman
von Dave Eggers
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Ende der Privatsphäre aber ist der Beginn der Diktatur., 20. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Circle: Roman (Taschenbuch)
Das unerträgliche Geplätscher des Social-Media-Zeitalters ist der ungeschriebene Untertitel von Dave Egger's "The Circle", das schon fast wie eine Persiflage auf die US-amerikanische Gesprächskultur in unserem Zeitalter gesehen werden kann. Es ist der nicht abreißen wollende Gesprächsfluss der Handelnden, der Leser wie Handlung in seinen Strudel zieht und mit sich fortspült. Im Mittel steht Mae, eine Mittzwanzigerin, die ihre scheinbare Traumkarriere bei "The Circle", einer Kombination aus Facebook, WhatsApp und Google, in der Kundenberatung voller Idealismus beginnt. Schnell wird klar, dass "The Circle" nichts anderes ist, als eine riesige, weltumspannende Datenkrake, mit dem Anspruch auf vollkommene Kontrolle durch Transparenz. Keine Bewegung, kein Gedanke, den "The Circle" nicht wahrnimmt, speichert und verarbeitet. Kein noch so belangloser Kommentar, kein noch so unerhebliches „Like“, das nicht relevant wäre. In dieser immensen Datenflut der Belanglosigkeiten zerfallen Informationen zu Datensätzen, die nur noch dem einen dienen: dem Algorithmus, der den Datenpool zerstörter Privatsphären wieder zusammensetzen und auswerten kann. Damit ist aber nicht nur die (Selbst-)Überwachung total, sondern auch die Unterwerfung im vorauseilenden Gehorsam. Alle diese Stadien, von der begeisterten Anwenderin, die noch glaubt mit Protestgetwitter die Welt zum Besseren zu verändern, ohne dafür die eigene Inbox aus dem Auge lassen zu müssen, bis hin zur völlig transparenten Person, bei der jede Handlung in Echtzeit in alle Welt übertragen und kommentiert wird, durchläuft die Protagonistin. Dabei hält sich Eggers beim Aufbau seines Spannungsbogens mit „Ich-habe-nichts-zu-verbergen“-Plattitüden gar nicht erst auf. Er entwickelt ihn sehr viel geschickter. Jede Form der Überwachung, die immer eine Selbstüberwachung ist, dient dem Guten: Kinder können nicht mehr entführt werden, wenn sie per implantierten GPS-Chip verfolgbar sind, Straftaten finden nicht mehr statt, wenn alle Welt sie sehen kann. Gute Gründe vielleicht, aber immer nur Scheingründe: Die Maschine will gefüttert werden, bis ihr auf dem Altar von Big Data die Privatsphäre und die persönliche Freiheit geopfert worden sind.
Die totale Überwachung verändert das Verhalten und presst es in das unterstellt richtige Sozialverhalten. Individualität und persönliche Freiheit sind die gewünschten Kollateralschäden dessen, was beschönigend "Transparenz" genannt wird. Es wird klar: Wo Transparenz allumfassend, wo Individualität in Daten und Algorithmen aufgelöst wird, ist die Diktatur faktisch bereits erreicht. Eine Diktatur des neuen Typs, die nur noch auf Selbst- und Sozialkontrolle beruht, ohne sich der Schlapphüte und Folterkeller bemühen zu müssen.
"The Circle" beschreibt damit die erste globale, all' umfassende „Diktatur 2.0“, aus der es kein Entrinnen mehr gibt - und das alles nur für ein paar Kilobyte kostenlosen Geschwätzes über Soziale Medien, die selbst ohne Bewandtnis für die reale Welt bleiben.
Dave Eggers führt uns mit diesem Realitätsroman nicht nur an die Frage, welchen Preis wir bereit sind für unsere Bequemlichkeit und unsere Geschwätzigkeit im Datenrauschen zu zahlen, sondern viel wichtiger noch: Was uns unsere Freiheit wert ist. Der Algorithmus kann (bald) alles überwachen, von unseren medialen Gewohnheiten über das selbstfahrende Auto bis hin zum Smarthome - immer fallen Daten an, immer kann mit Verbrechensbekämpfung argumentiert werden, wie auch jetzt bei der Diskussion um die Abschaffung des Bargelds. Aber die 100%-Vorsorge vor Verbrechen ist eben auch die 100%-Kontrolle des Lebens. Folgerichtig mutiert die Circle-Welt in eine globale Diktatur, die am Ende nur noch drei wirklich Freie kennt: die "Three wise men", die den Algorithmus füttern und programmieren. Oh, brave new world.
In seiner brutalen Klarheit ist das Buch ein einziger Appell: Ein Appell, seine Privatsphäre niemals aufzugeben, weil man sie sonst nie wieder gewinnt. Das Ende der Privatsphäre aber ist der Beginn der Diktatur.
„The Circle“ ist so hart am Rande der Realität entlang geschrieben, dass klar wird: Dieses Grauen aus totaler Überwachung, Selbstzensur und Selbstunterdrückung ist nur wenige Clicks entfernt. Dieses Buch sollte jeder lesen um sich gegen die Diktatur der Algorithmen wappnen zu können.


Between Debt and the Devil: Money, Credit, and Fixing Global Finance
Between Debt and the Devil: Money, Credit, and Fixing Global Finance
von Adair Turner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Helicopter Money: Central Banks as “Spenders of Last Resort”?, 23. März 2016
His most recent book “Between Debt and the Devil – Money, Credit and Fixing Global Finance” deals with the question as to whether the central banks should be given a mandate to finance economic stimulus programmes by printing money directly (“helicopter money”), in order to avoid the looming threat of deflation. Government bond purchases by central banks in the scope of quantitative easing (QE) have hitherto served to increase liquidity in the banking system, thereby opening the credit channel which, in turn, was intended to act as the starting point for rising capital investment; further, QE has so far only indirectly helped to finance national budgets by reducing the interest burden on public debt. In the case of this new monetary policy instrument, on the other hand, central banks would directly finance fiscal stimulus packages with the aid of the printing press .
Turner attempts to explain the reasons for the financial market crises of recent decades by focusing on their origins as well as offering solutions and preventive methods as to how they can be permanently avoided and, at the same time, anaemic global growth can be overcome. A lot of his analysis is well known but its explanations are in need of some expanding on. Certainly, Turner is right that the crises, starting with the bubble that burst at the beginning of the 1990s in Japan, were crises of excessive growth in credit, accompanied by bad investments and lax lending policies of banks, which were then amplified by new forms of finance, such as the bundling of different quality loans into subprime securities. This is just one side of the coin, though. What Turner’s observations almost ignore is monetary policy which, starting with the Bank of Japan, has been flooding the markets with excessive liquidity as a means to combat crises and which was continued – or better, intensified – by the Fed and later by the ECB with their policies of “quantitative easing”. There was also no mention of the Clinton-era house building programme that, by encouraging cheap mortgages in connection with new forms of finance, ultimately led to the house price and financial crisis in US, obviously climaxing in the collapse of Lehman Brothers. He explains the euro area debt crisis by pointing to the lack of a central fiscal authority and to high interest rates, which limited the possibilities for governments to accumulate budget deficits. There is no word about how the convergence of bond yields and thus of funding costs in the entire currency area towards the German level during the early days of the single currency finally led to the real estate crisis in Spain, while making it easier for countries in the euro periphery to issue debt at lower rates of interest. However, anyone who wants to find solutions to the causes of the crises must not only look at the transmission channels by which capital was misallocated but at the root causes of it. Monetary policy must not be left on the wayside.
Accordingly, the proposals for solutions that he puts forward are worthy of discussion and focus on two main points: measures for the stability of financial markets and for economic stimulus.
On top of the new financial market regulations already implemented, Turner wants three new additions: restrictions on the creation of fiat money, measures to make lending more expensive through taxation and the development of hybrid bonds, especially related to mortgages, whose risk profile is identical to that of equity. Overall, the aim of this would be to make debt creation more expensive. These are points that deserve consideration, particularly since they would, for example, equalise the tax advantages enjoyed by debt compared to equity.
Turner’s main priority: the central bank as a “Spender of Last Resort”
However, he is primarily concerned with the financing of government programmes to stimulate the economy with “helicopter money”, that is to say the direct printing of central bank money without this leading to additional public debt. According to his view, perpetual stimulus programmes could be financed this way. Although Turner sees the risk that printing money could lead to unacceptably high inflation, he appears to believe that the positive effects would dominate as long as only “small amounts” of helicopter money are distributed (p. 219). But what would happen to confidence in monetary stability and to inflation expectations if this genie really was let out of the bottle? Is it really likely that inflation expectations would remain unaffected by it or, ideally, move within a range desirable to monetary stability policymakers? His solution also omits the question of the independence of central banks. How credible can a central bank be if it first mutated from its original function dedicated to price stability as a “lender of last resort”, to a “buyer of last resort” of government bonds only to now assume the mantle of a revamped fiscal policy as “spender of last resort”? Although Turner argues in another publication that the central bank would retain its autonomy over deciding the extent to which it would provide direct stimuli to the economy, it appears to be more like circular logic in his line of reasoning. How independent can a central bank still be if it assumes tasks that are first and foremost the responsibility of fiscal policymakers and then only because the latter are not able or do not want to increase their deficits and debts? Despite referring to the Mephistophelian element in this policy himself, which the book’s title already alludes to, Turner does so only in order to go even further beyond his previous writings and demands. In his essays that preceded the book, he postulated that purchasing government bonds and removing them from circulation should remain a one-time event to reduce debt, to which credible restrictions (which?) must be attached in order to avoid giving wrong incentives to the political class and thus repeating the situation over and over again. In the case discussed here, of directly financing economic stimulus packages, this demand tacitly fades into the background because he is talking about constantly funding government budgets using helicopter money. Turner is not alone with this proposal. In his speech before the Japan Society of Monetary Economics in 2003 , Ben Bernanke had already laid the blueprint for it with the phrase “helicopter money” by referring to an expression – just as Turner did – originally coined by a young Milton Friedman. More recent offshoots of this proposal can be found coming from Willem H. Buiter, who uses the example of the printing press to explain the end of deflation. Forays in the direction of spending programmes financed by monetary policy to stimulate the economy are only one aspect in a more complex debate. They must be seen within the context of considerations about monetising existing government debt itself, which is forming under the heading of “Modern Monetary Theory”. The genie is out of the bottle. What is missing now is a debate about the risks and side-effects of these political approaches.


Zwischen Gewissen und Gewinn: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der "Freiburger Denkschrift" und die Anfänge der Sozialen Marktwirtschaft
Zwischen Gewissen und Gewinn: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der "Freiburger Denkschrift" und die Anfänge der Sozialen Marktwirtschaft
von Stephan Holthaus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Buch zum Gründungsdokument der Sozialen Marktwirtschaft, 12. Dezember 2015
Passend zum Jahre 70 (2015) nach Veröffentlichung der Freiburger Denkschrift legt Stephan Holthaus, Theologe und Direktor des Instituts Ethik und Werte Gießen, seine Analyse zur Freiburger Denkschrift und den Anfängen der Sozialen Marktwirtschaft vor. Er ist dabei bei weitem nicht der Erste, der sich mit der Denkschrift auseinandersetzt, sondern reiht sich ein in ein reiches Literaturangebot um die Denkschrift wie um den in ihr wurzelnden Ordoliberalismus, aber er ist wohl der Erste, der in Anspruch nimmt zu untersuchen, wie die christliche Ethik konkret Eingang in die Denkschrift und hier vor allem in die Anlage 4 zur Sozial- und Wirtschaftsordnung fand. Das macht das Buch für Theologen wie für Wirtschaftswissenschaftler gleichermaßen interessant, aber auch für "Laien", die verstehen wollen, was die Grundlagen unserer Freiheit und unseres Wohlstandes sind.
Inhaltlich lässt sich das Buch in zwei Hauptbestandteile gliedern, die sich auch vom Umfang her in etwa entsprechen: Die Entstehungsgeschichte der Denkschrift und die „Exegese“ auf ihren christlichen Kern selbst.
Der erste Teil behandelt den kirchlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Kontext der Denkschrift, ihre Vorläufer und ihre Entstehung unter Beteiligung Dietrich Bonhoeffers, die Arbeit im Widerstand gegen den National-Sozialismus sowie ihre inhaltlichen Schwerpunkte und Anlagen. Das den Autoren gewidmete Kapitel stellt diese kurz biographisch vor, was beim Verstehen insgesamt hilft und Menschen würdigt, die unter Todesgefahr für „die Zeit danach“ gearbeitet haben. Das fünfte Kapitel widmet sich der Rezeption der Denkschrift in Kirche und Gesellschaft nach dem Krieg. Dabei wird besonders deutlich, worin das eigentliche „Wunder“ des „Wirtschaftswunders“ besteht: Nicht, dass unsere Wirtschaftsform sehr schnell „Wohlstand für alle“ für alle gebracht hat, sondern dass sie überhaupt durch die Wirren drohender Verfolgung einer zusammenbrechenden Diktatur hinweg ihren Weg in die Realisierung fand.
Besonders interessant ist auch die Einführung in den zweiten Hauptbestandteil, welche die Denkschrift vor den intellektuellen Debatten ihrer Zeit reflektiert, die von der Kritik an der Säkularisierung und der "Vermassung" gekennzeichnet waren. Zwei Begriffe, die sicher von ihrer Zeit geprägt waren, aber auch heute noch oder gerade wieder aktuell sind. Gibt es etwas unchristlicheres als die Aufgabe der Identität in der Masse - auch wenn dies heute im Internetzeitalter, das keine Privatsphäre mehr kennt, sicher anderes gewertet werden muss, als 1943/45, als die Denkschrift verfasst bzw. veröffentlicht wurde - und kann eine Wirtschaftsform ohne Wertebindung auf Dauer funktionieren? Also "Gewissen und Gewinn" in der Balance halten? Droht nicht, wo das Gewissen nicht mehr an eine höhere Schöpfungsordnung rückgekoppelt ist, der Zerfall? Spielregeln können nur eingehalten werden, wenn sich die meisten daran halten und sie können nur da eingefordert werden, wo Justiz und Strafvollzug nicht korrumpierbar sind. Fragen, denen wir uns auch heute wieder stellen müssen.
Die Bedeutung des Buches von Stefan Holthaus liegt vor allem darin, dass es die Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Marktwirtschaft aus christlich-ethischer Perspektive aufzeigt. Diese liegen nicht nur im Ordnungsrahmen, der das Kräfteverhältnis zwischen Markt und Staat mittels Spielregeln austariert, begründet, sondern viel mehr in der „Metaebene“ – den geistigen Grundlagen, auf denen sie beruhen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass eine Marktwirtschaft, und seien die Spielregeln auch noch so sauber definiert und würden sie auch noch so gut durch einen Gesetzesrahmen geschützt, aus sich heraus funktioniert. Marktwirtschaft sind – wie jede andere Wirtschaftsform auch – Menschen. Damit sie dauerhaft funktioniert, bedarf es Menschen, die ihre Freiheit in Verantwortung wahrnehmen, und welche die Marktwirtschaft nicht einfach als Instrument der eigenen Wohlstandsmehrung sehen. In Anlehnung an das Böckenförde-Diktum gilt auch hier: Eine Marktwirtschaft basiert auf Grundlagen, deren Erhalt sie nicht garantieren kann. Bereits die Gründerväter unserer Sozialen Marktwirtschaft haben in der Anlage 4 zur Denkschrift des Freiburger Bonhoeffer-Kreises auf das notwendige Nebeneinander von "christlich begründeter Individual-Wirtschaftsethik" sowie von "Sozial-Wirtschaftsethik" hingewiesen. Jede Wirtschaftsordnung bedarf der weltanschaulichen Begründung (S.278), die ihre Grundlagen sichert. Es ist der Verdienst von Holthaus, dass er dies aus der Perspektive des christlichen Glaubens, der Inspiration und Handlungsmaxime der Verfasser der Denkschrift war, herausarbeitet. Dies sollte gerade in einer Gesellschaft bedacht werden, in der die „Selbstsäkularisierung der Kirche“ (Alt-Bischof Wolfgang Huber) längst zu einer gesamtgesellschaftlichen Säkularisierung geworden ist.
"Zwischen Gewinn und Gewissen" ist uneingeschränkt zu empfehlen, nicht nur weil es einen sehr kompakten Überblick für die Entstehungsgeschichte der Denkschrift und die wichtigsten Personen dahinter gibt, sondern auch weil es sehr eindrücklich die tiefe Verbindung unseres Wirtschaftssystems und der christlichen Ethik aufzeigt. Wer die Soziale Marktwirtschaft verstehen will, muss ihre Fundierung verstehen, die "jenseits von Angebot und Nachfrage" (Röpke) begründet ist. Damit ist das Buch unausgesprochen aber auch ein Aufruf darüber nachzudenken, wie dieses Erfolgsrezept über die nächsten 70 Jahre hinaus fortgeschrieben und von seinen Grundlagen her gesichert werden kann.
Es ist deshalb nicht nur für die persönliche Lektüre und politische Bildung bereichernd, sondern empfiehlt sich auch für Schule und Studium, gerade in einer Zeit in der sich die Wirtschaftswissenschaft mehr und mehr als angewandte Mathematik zu verstehen scheint und die Herausforderung der Theologie darin liegt, wirkungsrelevant im Alltag zu werden. Und was wäre wirkungsrelevanter als die Grundlagen der Wirtschaft mit christlicher Ethik zu durchringen?
Tipp: Da die Anlage 4 der Freiburger Denkschrift, welche die Wirtschafts- und Sozialpolitik begründet, in dem vorliegenden Buch vermutlich aus lizenzrechtlichen Gründen nicht mit abgedruckt wurde, empfiehlt sich als begleitendes Arbeitsmaterial die Handreich des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer "70 Jahre Denkschrift des Freiburger-Bonhoeffer Kreises", die direkt über www.aeu-online.de bestellt werden kann. Hier sind neben der Anlage 4 der Denkschrift noch zwei einordnende Beiträge zu finden.
Gesamtwertung: Ein Buch, das einen ganzen Handapparat an Büchern zur Genesis der Sozialen Marktwirtschaft ersetzt, und das sich besonders für den interessierten Laien empfiehlt, das aber auch für den Kenner noch eine Fülle neuer Einsichten liefert.


The Book That Made Your World: How the Bible Created the Soul of Western Civilization
The Book That Made Your World: How the Bible Created the Soul of Western Civilization
von Vishal Mangalwadi
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Buch zu unserer Kultur und unserem wirtschaftlichen Erfolg., 12. Dezember 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ist Kurt Cobains Selbstmord das paradigmatische Fanal für unsere Gesellschaft? Zugegeben, die Fragestellung ist bewusst überspitzt, aber sie umreißt das "Buch der Mitte" des indischen Philosophen Vishal Mangalwadi aufs Treffendste. Es beginnt mit dem Selbstmord des Leadsängers von Nirwana und endet mit einem auf- und wachrüttelnden Appell für die Grundlagen unserer Kultur und Gesellschaft einzustehen. Was Mangalwadi mit seinem Buch unternommen hat, ist nichts anderes als ein kulturhistorischer Überblick in der guten Tradition eines Francis Schaeffer ("Wie können wir den leben?"). Anders als Schaeffer geht der indische Autor dabei allerdings weniger kulturphilosophisch in die Tiefe, sondern zeichnet vor allem die historische Bedeutung der Bibel an vielen geschichtlichen Wegmarken nach und interpretiert was diese für uns auch heute noch bedeuten. Der englische Originaltitel "The Book that made your world - das Buch, das Deine Welt geschaffen hat" beschreibt den Inhalt entsprechend treffender. Denn alles, was uns heute prägt, geht nach der Untersuchung Mangalwadis auf die Bibel und das durch sie geprägte christliche Menschenbild zurück: Wert und Würde des Einzelnen, die Nächstenliebe, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Begründung unsere Freiheit. Wenn es also um die Gleichberechtigung der Frau, das Ende der Sklaverei, den Übergang von der Monarchie zur Demokratie oder das Ende der Polygamie und die Bedeutung der Familie geht - immer liegt nach Mangalwadi die Begründung letztlich in der Heiligen Schrift. Dabei wird er nicht müde herauszuarbeiten, dass Bibel und Christentum nicht auf eine Erlösung im Jenseits hinarbeiten, sondern das Schöpferische im Hier und Jetzt anstreben. Das Wissen um eine Wahrheit und einen Schöpfer, der Himmel und Erde geschaffen hat und seinen Geschöpfen auf Augenhöhe begegnet, gibt dem Leben Sinn und Ziel zugleich.
Wer keinen Sinn im diesseitigen Handeln erkennt, der vermag durchaus großartige Kunstwerke und technologische Anwendungen zu schaffen, ihm fehlt letztlich aber der Impuls, das Leben seiner Mitmenschen insgesamt zu verbessern indem er die Technologie auch zu Anwendung in der Breite führt um die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Und gerade hier wird am besten deutlich, wie wertvoll es ist, dass Mangalwadi mit dem Blickwinkel eines Asiaten die großen kulturellen Entwicklungslinien der europäischen Geistesgeschichte nachzeichnet. Als Inder, der unter und mit den Armen lebt, kennt er den Unterschied zwischen Christentum auf der einen und Buddhismus/Hinduismus auf der anderen Seite nur zu gut. Während die beiden asiatischen Religionen die Leere des Geistes, das Nirwana, suchen, sucht das Christentum auf Grundlage der Bibel ein Stück Himmel auf Erden zu ermöglichen.
Damit ist es nicht nur ein geistes- sondern auch ein zutiefst wirtschaftsgeschichtliches Buch. Mangalwadi arbeitet immer wieder heraus, dass Wohlstand und wirtschaftlicher Erfolg mehr sind als nur Angebot und Nachfrage. Ohne sich dessen vermutlich bewusst zu sein, erinnert er damit an Wilhelm Röpke („Jenseits von Angebot und Nachfrage“), einen der Mitbegründer unserer Sozialen Marktwirtschaft.
Der Kreis schließt sich: Wer die Wurzeln unserer Kultur zur Bibel kappt, wer die Bedeutung eines Schöpfers für die Schöpfung negiert, der gibt sich einem ziellosen Relativismus preis, der letztlich Identität und Lebenssinn raubt. Ohne Schöpfer keine Wahrheit. Ohne Ziel keinen Sinn. Statt Realität nur Absurdität. Genau diese Hoffnungslosigkeit war es, die Cobain zu dem aus seiner Sicht folgerichtigen Schritt in den Selbstmord veranlasst hat. Wir sollten uns gut überlegen, ob wir das „Buch der Mitte“ wirklich aus unserer Mitte verbannen wollen. Es begründet eine Kultur, die wir gerade dabei sind zu zerstören, obwohl wir ihr unendlich viel verdanken.


Sollen und Können: Grenzen und Bedingungen der Individualmoral
Sollen und Können: Grenzen und Bedingungen der Individualmoral
von Karl Homann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wider die Moral des erhobenen Zeigefingers, 25. November 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In seinem 2014 erschienen Buch "Sollen und Können - Grenzen und Bedingungen der Individualmoral" fasst Wirtschaftsethiker Karl Homann sein Denken und Arbeiten der letzten Jahrzehnte zusammen und geht mit seinem Ethikansatz der "Ordnungsethik", deren Begründer er ist, noch über seinen Entwurf "Einführungen in die Wirtschaftsethik" hinaus. ; Anders als bei der gemeinsam mit Christoph Lütge verfassten "Wirtschaftsethik" bezieht er sich nicht nur auf Grundfragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik, sondern weitet die Ordnungsethik auf eine gesamtgesellschaftliche Ethik aus. Er entwickelt diese entlang des in der Ökonomik gut bekannten „Gefangendilemmas“, wodurch er die Beziehung von Wirtschaft und Ethik bewusst vom Kopf auf die Füße stellt: Ihm geht es nicht nur darum, ob Wirtschaft „ethikverträglich“, sondern umgekehrt auch ob Ethik „wirtschaftsverträglich“ ist (S.17).
Seinen Ethikansatz setzt er dem spätestens bei Kant zu findenden "Standardmodell" der Individualethik entgegen. Während erstere diese, aus unterschiedlichen Quellen gespeiste, Moral aus dem "Sollen" ableitet, ohne sich der Konsequenzen des daraus abgeleiteten Handelns zu stellen oder gar die Frage zu berücksichtigen, ob dem "Sollen" auch ein "Können" gegenübersteht, bezieht die Ordnungsethik die Konsequenzen für den Handelnden mit ein. Ethik muss, damit sie ihr Ziel erreicht, „anreizkompatibel“ sein (S.96). Wie Homann herausarbeitet, kommt es bei einem falsch gesetzten Anreizsystem zu Dilemmata, die den Handelnden immer wieder vor das Problem stellt, dass er sich zwischen ethisch richtigem oder rationalem, am Eigeninteresse orientierten Handeln entscheiden muss. Ein Dilemma, das nur aufzuheben ist, wenn der Ordnungsrahmen so gestaltet wird, dass eine dauerhafte „Selbstausbeutung“ vermieden wird. Niemand, so Homann, kann gezwungen werden, dass er auf Dauer gegen seine eigenen Interessen handet. Eine Gesellschaft, die dies verlange, erodiere über die Zeit.
Entsprechend entwickelt er entlang des in der Ökonomik bekannten „Gefangenendilemma“ eine Ethik („Sollen“), die ökonomische Handlungsmotive („Können“) mit der Ethik auszusöhnen versucht. Homann bezeichnet dabei die Marktwirtschaft inklusive des Wettbewerbs als "zentralen Systemimperativ“, auf dem unser Wohlstand basiert. Seine Ausführungen zum für eine Marktwirtschaft typischen Wettbewerb kumulieren in der These "Wettbewerb ist solidarischer als Teilen." Den Ansatz des "Teilens" zur Lösung ethischer Konfliktsituationen bezeichnet er im Rückgriff auf Friedrich A. von Hayek als Relikt der "Vormoderne", als Wirtschaft noch ein Nullsummenspiel war: Bei fehlendem Wachstum konnte sich der eine nur zu Lasten des anderen bereichern. In der Moderne führt die Marktwirtschaft aber zu Wachstum und damit zur Wohlstandsmehrung. Vor der Alternative der Wohlstandsmehrung bezeichnet Homann Umverteilung als „Zeichen der Hilflosigkeit“.
Homann übersieht dabei nicht, dass der Wettbewerb selbst konfliktbeladen ist. So führt Wettbewerb ohne Rahmenordnung zur Verdrängung jener Teilnehmer, die moralisch besser handeln (also z. B. umweltschonend produzierten), durch jene, die z.B. ihre Umwelt ausbeuten und dadurch preiswerter produzieren. Dieses Grundproblem der "Ausbeutung individuellen moralischen Handelns" zeigt sich auch bei der Erstellung von Gemeinschaftsgütern. Wer seinen Beitrag zu von allen genutzten Gütern leistet, läuft Gefahr, dass er von Trittbrettfahrern, die ihren Beitrag nicht leisten, aber dennoch von dem erstellten Gut profitieren, ausgebeutet wird. Die Lösung dieses Grundproblems - der Aussöhnung von Wettbewerb, Moral und Marktwirtschaft - sieht Homann, in Anlehnung an Walter Eucken (einen der Väter der Freiburger Denkschrift ), in einer "Gesamtordnung", die den Menschen ein Leben nach ethischen Grundsätzen ermöglicht, ohne dass sie dafür fortwährend gegen ihre ökonomischen Interessen verstoßen müssen. Im Gegensatz zu Kant und in Anlehnung an Hobbes sei der Einzelne erst dann zu moralischem Handeln verpflichtet, „wenn er vor der systematischen Ausbeutbarkeit seines moralischen Handelns (hinreichend) geschützt ist." Die Marktwirtschaft mit funktionierendem Wettbewerb und dem Gewinnstreben der Akteure ist unter einer geeigneten Rahmenordnung insgesamt als ein moralisches Unternehmen zu betrachten. Im Rückgriff auf Ingo Pies geht es um „Regelkonsens statt Wertekonsens“ (S.113).
Das Erfrischende an dem Buch und dem Ethikansatz Homanns ist, dass er der Ethik des erhobenen Zeigefingers den Fehdehandschuh ins Gesicht wirft und den Mut hat, Ethik und ökonomisch rationales Handeln zu verbinden. Um mit ihm selbst zu sprechen: "Moralisten spalten die Gesellschaft in Gut und Böse und unterminieren das ökonomische Fundament der Moral." Das wird vor allem jenen missfallen, die Ökonomie als ein schmutziges Geschäft erachten, das mit ihrem eigenen Räsonieren nichts zu tun haben darf und kann, da sie es nicht verstehen (wollen) – und die sich gedanklich in der Vormoderne bewegen, als die Gesellschaften noch „Nullsummenspiele“ waren, die im überschaubaren Rahmen kleiner Verbünde, nicht aber im Rahmen moderner Industriegesellschaften stattfanden.
Bleibt festzuhalten, dass die Ordnungsethik kompatibel mit dem Ordnungsliberalismus eines Walter Eucken ist, ja dass sie sich auf diesen ausdrücklich bezieht. Wer dem Ansatz der Ordnungsethik folgt, kommt zu dem Schluss, dass die Soziale Marktwirtschaft (wie sie entwickelt wurde, nicht die defekte, wie sie in der Realität vorzufinden ist) geradezu die Grundvoraussetzung für eine Ethik ist, die „Sollen“ und „Können“ im Interesse aller zum Ausgleich bringt.
In den abschließenden Kapiteln seines Buches söhnt er die Individual- mit der Ordnungsethik aus, beginnend mit der Überlegung, wie die unterschiedlichen Quellen der Individualethik selbst miteinander verbunden werden können. Diese Aussöhnung von Ordnungs- und Individualethik ist auch notwendig. Die Ordnungsethik hat ihre Bedeutung, die Motivation der Handelnden auszuleuchten und nach einer stabilen, den Wohlstand fördernden (und damit Verteilungskonflikte entschärfenden) Wirtschafts- und damit letztlich Gesellschaftsordnung zu suchen. Sie kann aber nur auf diesem Weg begleiten und setzt zu ihrer Entfaltung eine funktionierende Ordnungspolitik voraus bzw. hat diese als Ziel. Damit sind zwar zentrale, ethische Belange abgedeckt, aber eben noch lange nicht alle ethischen Fragen beantwortet.
Ordnungsethik kann keine abschließende Antwort z.B. auf die Frage geben: Sind Organe handelbar? Einen Markt dafür gäbe es. Wie werden knappe (öffentliche) Güter wie z.B. Gesundheit zugeteilt? Dem, der nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip am meisten bezahlen kann? Dürfen Waffen verkauft werden? Kann ich mich in einer Diktatur als Mitläufer oder sogar Täter damit exkulpieren, dass ich auf Dauer nicht gezwungen werden kann, mich gegen meine eigenen Interessen zu verhalten? Ein Dietrich Bonhoeffer hat sicher ethisch vorbildhaft, aber völlig „unökonomisch“ - also anreizpervers - gehandelt. Sein Verhalten kann letztlich nur aus der Individualethik begründet werden.
Wichtig ist bei diesen Fragen zu verstehen, dass die Ordnungsethik alleine darauf keine Antworten geben muss. Es ist aber wichtig sie als Anstoß zu nehmen für einen Ordnungszahlen, der stabil bleibt und sich nicht selbst auszehrt.
Das Buch ist nicht nur dem an Fragen der (Wirtschafts-)Ethik Interessierten äußerst zu empfehlen, sondern jedem, der sich in die gesellschaftspolitische Debatte einbringen will. Dem Popper'schen Diktum folgend, dass ein jegliches (gutes) Philosophieren ein verständliches Philosophieren sein muss, ist es auch für Laien gut lesbar geschrieben.
Schwächen hat es dennoch. Die Wirkung des Buches noch stärker, wenn der Autor exemplarisch Dilemmatastrukturen herausgearbeitet und entlang aktueller Problemstellungen dargestellt hätte. Sie fänden sich nicht nur in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu Hauf, sondern auch z.B. in der Umwelt- und Entwicklungspolitik. Gerade bei der „Standardethik“ gilt ja: Gut gemeint, ist noch lange nicht gut gemacht.


Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur
Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur
von Vishal Mangalwadi
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,99

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Buch, das Deine Welt geschaffen hat, 9. April 2015
Ist Kurt Cobains Selbstmord das paradigmatische Fanal für unsere Gesellschaft? Zugegeben, die Fragestellung ist bewusst überspitzt, aber sie umreißt das "Buch der Mitte" des indischen Philosophen Vishal Mangalwadi aufs Treffendste. Es beginnt mit dem Selbstmord des Leadsängers von Nirwana und endet mit einem auf- und wachrüttelnden Appell für die Grundlagen unserer Kultur und Gesellschaft einzustehen. Was Mangalwadi mit seinem Buch unternommen hat, ist nichts anderes als ein kulturhistorischer Überblick in der guten Tradition eines Francis Schaeffer ("Wie können wir den leben?"). Anders als Schaeffer geht der indische Autor dabei allerdings weniger kulturphilosophisch in die Tiefe, sondern zeichnet vor allem die historische Bedeutung der Bibel an vielen geschichtlichen Wegmarken nach und interpretiert was diese für uns auch heute noch bedeuten. Der englische Originaltitel "The Book that made your world - das Buch, das Deine Welt geschaffen hat" beschreibt den Inhalt entsprechend treffender. Denn alles, was uns heute prägt, geht nach der Untersuchung Mangalwadis auf die Bibel und das durch sie geprägte christliche Menschenbild zurück: Wert und Würde des Einzelnen, die Nächstenliebe, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Begründung unsere Freiheit. Wenn es also um die Gleichberechtigung der Frau, das Ende der Sklaverei, den Übergang von der Monarchie zur Demokratie oder das Ende der Polygamie und die Bedeutung der Familie geht - immer liegt nach Mangalwadi die Begründung letztlich in der Heiligen Schrift. Dabei wird er nicht müde herauszuarbeiten, dass Bibel und Christentum nicht auf eine Erlösung im Jenseits hinarbeiten, sondern das Schöpferische im Hier und Jetzt anstreben. Das Wissen um eine Wahrheit und einen Schöpfer, der Himmel und Erde geschaffen hat und seinen Geschöpfen auf Augenhöhe begegnet, gibt dem Leben Sinn und Ziel zugleich.
Wer keinen Sinn im diesseitigen Handeln erkennt, der vermag durchaus großartige Kunstwerke und technologische Anwendungen zu schaffen, ihm fehlt letztlich aber der Impuls, das Leben seiner Mitmenschen insgesamt zu verbessern indem er die Technologie auch zu Anwendung in der Breite führt um die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Und gerade hier wird am besten deutlich, wie wertvoll es ist, dass Mangalwadi mit dem Blickwinkel eines Asiaten die großen kulturellen Entwicklungslinien der europäischen Geistesgeschichte nachzeichnet. Als Inder, der unter und mit den Armen lebt, kennt er den Unterschied zwischen Christentum auf der einen und Buddhismus/Hinduismus auf der anderen Seite nur zu gut. Während die beiden asiatischen Religionen die Leere des Geistes, das Nirwana, suchen, sucht das Christentum auf Grundlage der Bibel ein Stück Himmel auf Erden zu ermöglichen.
Damit ist es nicht nur ein geistes- sondern auch ein zutiefst wirtschaftsgeschichtliches Buch. Mangalwadi arbeitet immer wieder heraus, dass Wohlstand und wirtschaftlicher Erfolg mehr sind als nur Angebot und Nachfrage. Ohne sich dessen vermutlich bewusst zu sein, erinnert er damit an Wilhelm Röpke („Jenseits von Angebot und Nachfrage“), einen der Mitbegründer unserer Sozialen Marktwirtschaft.
Der Kreis schließt sich: Wer die Wurzeln unserer Kultur zur Bibel kappt, wer die Bedeutung eines Schöpfers für die Schöpfung negiert, der gibt sich einem ziellosen Relativismus preis, der letztlich Identität und Lebenssinn raubt. Ohne Schöpfer keine Wahrheit. Ohne Ziel keinen Sinn. Statt Realität nur Absurdität. Genau diese Hoffnungslosigkeit war es, die Cobain zu dem aus seiner Sicht folgerichtigen Schritt in den Selbstmord veranlasst hat. Wir sollten uns gut überlegen, ob wir das „Buch der Mitte“ wirklich aus unserer Mitte verbannen wollen. Es begründet eine Kultur, die wir gerade dabei sind zu zerstören, obwohl wir ihr unendlich viel verdanken.


Einführung in die Wirtschaftsethik
Einführung in die Wirtschaftsethik
von Christoph Lütge
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mensch – Markt – Moral, 2. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Atemberaubende an dem dünnen, aber gerade deshalb in seiner Gedankenführung mächtigen Buch von Homann und Lütge liegt darin, dass die beiden Wirtschaftsethiker argumentativ so ziemlich alles auf den Kopf stellen was wir von den Alltagsdebatten her gewöhnt sind. Während die moralisierenden Gutmenschen über "die Bänker", "die Reichen", "die Gier" und "den Kapitalismus" schwadronieren und bei ihren Werturteilen, sich selbst als Philosophen wähnend, mit den Fingern auf alle anderen zeigen und ihrer Argumentation eine eindimensionale Handlungsethik (entsprechend z.B. der "Goldenen Regel was dann in die Forderung "Du sollst" mündet) unterlegen, beginnen Homann/Lütge eine Dimension höher. Sie sehen den wirtschaftlich Handelnden nicht auf sich alleine gestellt, sondern im Kontext einer allgemeinen Ordnungsethik. Ihre Grundmaxime dabei ist: Wenn es zu ethisch unerwünschtem Handeln kommt, liegt das primär nicht am Handelnden, sondern an den falschen Regeln & Gesetzen. Dies wird deutlich an den von ihnen beschriebenen "Dilemmastrukturen". Zu Dilemmastrukturen kommt es, wenn jemand vor die Wahl gestellt wird ökonomisch richtig aber ethisch falsch oder ethisch richtig aber ökonomisch falsch, da gegen seine eigenen Interessen verstoßend, handeln zu müssen. Es muss aber der Grundsatz gelten, "dass keine Ethik vom Einzelnen verlangen kann, dass er dauerhaft und systematisch gegen seine Interessen verstößt". (S.16) Wenn es also systematisch zu ethisch verwerflichem Handeln kommt, muss die Frage lauten: Wie müssen denn die Spielregeln zum Wohle aller verändert werden?
Markt und Moral sind dann folgerichtig keine unauflösbaren Gegensätze mehr. Im Gegenteil: Sie bedingen einander. Von höchster Brisanz ist daher die Schlussfolgerung: "Die marktwirtschaftliche Ordnung ist sittlich geboten, weil die Marktwirtschaft das beste bisher bekannte Instrument zur Verwirklichung der Solidarität aller Menschen ist." (S.47) Mainstream ist dieser Gedanke bestimmt nicht. Dabei ist die Gedankenkette von Homann/Lütge von größter Aktualität für jeden Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das gilt ebenso auf der Handlungsebene wie z.B. in Unternehmen.

Im 2. Teil der "Einführung" beziehen die Autoren ihre Überlegungen entsprechend auf die Unternehmensethik. Folgerichtig lautet ihre Maxime hier: "Die Implementierung moralischer Forderungen (im Unternehmen) bedarf grundsätzlich der ökonomischen, auf Vorteilserwartung gründenden, Fundierung." (S.84) Dies wird dann im Folgenden an den Beispielen Mitbestimmung, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung verdeutlicht. Bei den Auswirkungen zur Unternehmensethik wünscht man sich als Leser, dass die Autoren noch tiefer gehen. Dass sie dies nicht getan haben, liegt vermutlich daran, dass sich ihre "Einführung" vornehmlich auf die Wirtschaftsethik bezieht und der Buchteil zur Unternehmensethik nur als exemplarische Anwendung ihrer ethischen Grundgedanken gesehen werden soll.
Insgesamt ist das Buch äußerst empfehlenswert und kann dazu beitragen, so manche Debatte zu versachlichen.


Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes
Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes
von Jung Chang
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Monster Mao, 2. Dezember 2014
70 Millionen Menschen gehen auf sein Gewissen, damit ist Mao der größte Massenmörder in Friedenszeiten. Die meisten seiner Opfer starben nach Demütigungen und schwerer Folter. Viele kamen direkt durch seine Hand um. Das Erschreckendste an der Biographie Maos ist dabei die Banalität des Bösen. Irgendwo im Nirgendwo Chinas macht sich ein Mensch auf den langen Marsch um der Diktator eines Milliardenvolkes zu werden. Ein Mensch, den nichts auszeichnet, als seine Skrupellosigkeit, und der es dadurch schafft mit systematischem Terror ein Volk durch Angst und Schrecken unten zu halten und sich selbst an der Macht. Gefördert von Stalin importiert er den willkürlichen Massenmord, um ihn dann aus purem Machtstreben heraus nach Korea zu exportieren, wo der Maoismus von seiner Grundstruktur her bis heute besteht. Auch der Vietnam-Krieg mit seinen Toten ist nur mit dem Wirken Maos zu verstehen, der dadurch Stalins Unterstützung für seine Aufrüstungspläne gewinnen wollte. Erschreckend auch, wie ihm im freien Westen die Intellektuellen zu Füßen lagen, um ihm den Heiligenschein der proletarischen Avantgarde anzudichten, obwohl er Arbeiter und Bauern aufs Schlimmste geknechtet und ausgebeutet hat. Wer die Strukturen der Unterdrückung und die Mechanismen der Propaganda verstehen will, der muss dieses Buch lesen, so grausam sein Inhalt ist. Nur wer die(se) Geschichte kennt, bleibt davor gefeit, sie zu wiederholen.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6