Amazon.de

Hitlers Religion (Gebundene Ausgabe)

Nationalsozialismus und Religion
Kundenbewertung 4.0/5.0
2. Juli 2012 Von F. Grossmann
20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich

Hesemanns Buch bringt inhaltlich nicht sehr viel Neues, sondern baut im wesentlichen auf bekannten Quellen auf. Stilistisch eher journalistisch/populärwissenschaftlich ist es jedoch sehr gut lesbar und erreicht dadurch sicher auch eine Leserschaft, der Autoren wie Fest, Haffner, Kershaw oder auch jüngere Publikationen, die sich ebenso speziell mit Hitlers Weltanschauung befassen (Bucher, Schirrmacher) zu anspruchsvoll bzw. intellektuell sind. Es vermittelt v.a. durch seine Zitatenfülle einen guten Einblick in die Gedankenwelt der führenden Köpfe des Nationalsozialismus, insbesondere Hitlers.

Der damalige Zeitgeist war zum einen naturalistisch geprägt. Der Sozialdarwinismus in Light-Version - geprägt von Denkern wie Spencer, Malthus, Darwin (der hier mit seinen Äußerungen über die negativen Auswirkungen der Sozialfürsorge auf die Entwicklung der menschlichen Rasse keineswegs auszunehmen ist), Haeckel, Nietzsche - hatte in allen Ländern des Westens eine gewisse Popularität. Eugenik und Humanismus gingen im Rückblick befremdliche Allianzen ein. In Deutschland kamen nationalistische, romantisch-völkische Motive dazu. Die allgemeine Distanz zum christlichen Glauben wuchs, das rhetorische Spiel mit religiösen Sprachfiguren war hingegen noch allgegenwärtig. Von daher ist es gerade in dieser Zeitepoche nicht leicht auszumachen, was hinter bestimmten Formulierungen und Sprachmustern tatsächlich steht.

Hitler war umgeben von Okkultisten, die - allen voran Himmler - vom altgermanischen Mystizismus und fernöstlicher Spiritualität begeistert waren. Er selbst war weltanschaulich geprägt von den rassistischen und antisemitischen Werken Gobineaus, Chamberlains, Eckarts und Rosenbergs. Chamberlain kannte er persönlich, zu den beiden letztgenannten pflegte er engen Kontakt. Hitler war besessen von dem Wahn, dem neuen, freien, entfalteten Menschen zum Durchbruch zu verhelfen, dem Nietzscheanischen Herrenmenschen, dessen höchste Verkörperung er im Arier sah, dessen dekadentes Gegenbild hingegen im Judentum. Entsprechend galt es, den menschlichen Genpool zu reinigen und der von der Evolution ausersehenen Rasse Raum und Macht zu verschaffen. Z.T. verklärte er sein Denken metaphorisch mit religiösen Termini und spielte dabei gern mit christlichen Motiven, die er freilich inhaltlich regelmäßig in ihr Gegenteil verkehrte.

Hesemann macht dabei - wie andere Autoren zum Thema - deutlich, dass Hitlers Äußerungen in Öffentlichkeit und privatem Bereich sich in den Grundlinien deckten und System hatten. Er schien an einen deterministischen Weltzusammenhang zu glauben, eine höhere metaphysische, die Welt durchdringende und bestimmende Kraft oder Macht. Er glaubte, wie er es in einer Rede 1944 ausdrückte, dass "wer den Naturgesetzen, die Gott geschaffen hat entsprechend auf dieser Welt tapfer kämpft, dass er dann auch von dem Gesetzgeber nicht im Stich gelassen wird, sondern dass endlich er doch den Segen der Vorsehung bekommt."

Das erinnert formell an eine Gottesidee, wie Sie im Deismus - etwa bei Hume, Smith oder Voltaire - zu finden ist, oder auch an Goethes wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" - freilich mit einem extrem sozialdarwinistisch und rassistisch geprägtem "Wertekanon", demgemäß das Göttliche auf der Seite des Starken sei und das Schwache zu Recht
unterginge, im Hintergrund.

Zur Frage, wie sich der Judenhass Hitlers entwickelte, gibt es eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten. In "Mein Kampf" nimmt Hitler selbst ausführlich dazu Stellung. Manches wird hier in seiner Darstellung angezweifelt, etwa, dass er überhaupt erst mit 14, 15 Jahren von Juden hörte. Deutlich wird aber seine rassistisch, politische Ableitung, die mit bestimmten konkreten persönlichen Erfahrungen unterlegt gewesen sein mag. Religiöse Motive - auch darauf nimmt er Bezug (S. 56) - spielten dabei für ihn keine Rolle, er tut dgl. vielmehr als mittelalterlich" ab. Dies fügt sich in sein sämtliches sonstiges Argumentieren: Ihm ging es nicht um den Kampf für irgendwie geartete religiöse Wahrheiten, sondern eher gegen religiöse Wahrheitsansprüche, v.a. wenn sie seiner Rassenideologie und den politischen Konsequenzen, die sich für ihn daraus ergaben, zuwider liefen. Auch Luthers Ausfälle gegen die Juden lobt er nicht etwa aufgrund der theologischen Begleitargumente. Jesus von Nazareth wurde von Hitler in Anlehnung an Rosenberg umgedeutet zum gegen das Judentum engagierten Helden, von daher spielte das Christusmotiv selbstredend keine Rolle. Hier lagen die Nazis eher im Trend des damaligen Zeitgeistes, der konfessionellen Fragen gegenüber überwiegend indifferent war.

Ebenso wie das Judentum physisch wollte Hitler das Christentum geistig vernichten. Thomas Mann schrieb bereits im Jahr 1938: "[Die Welt] muss [...] einsehen, dass die nationalsozialistische Verfolgung des Judentums Hand in Hand geht mit der Feindschaft gegen das Christentum, ja, dass beide Anfeindungen Ausdruck derselben heidnischen und gottfeindlichen Gesinnung sind. Der nationalsozialistische Antisemitismus ist zugleich Antichristlichkeit."

Da Hitler einer trotz allem Glaubensschwund zumindest nominell christlichen Bevölkerung gegenüberstand, konnte er hier jedoch nicht zu konfrontativ vorgehen. Ähnlich wie bei anderen kirchenfeindlichen oder manifest atheistischen Regime des 20. Jh. bestand die Strategie der Nazis darin, den Kirchen nach außen hin positiv zu begegnen, Glaubensinhalte umzudeuten, um so die Bevölkerung Schritt für Schritt in die eigene Weltanschauung einzubinden. Am Ende sollte ein nationalsozialistischer Kult das Christentum ersetzen. Die "Endlösung der Kirchenfrage" plante Hitler nach Beendigung des Krieges anzugehen: Jedes Jahrhundert, dass sich mit dieser Kulturschande weiterhin belastet, wird von der Zukunft gar nicht mehr verstanden werden. Wie der Hexenwahn beseitigt werden musste, so muss auch dieser Rest beseitigt werden"

Einen Schwerpunkt in der Strategie der Nazis zur Überwindung des Christentums bildete die weltanschaungskonforme Erziehung der heranwachsenden Generation. M.Bohrmann wollte die deutsche Jugend nach folgendem Grundsatz erzogen wissen: "Das Gebot der Tapferkeit, das Verbot der Feigheit, ein Gebot der Liebe zur allbeseelten Natur, in der sich Gott auch im Tier und in der Pflanze offenbart, ein Gebot zur Reinerhaltung des Blutes."

Der Nationalsozialismus distanzierte sich von Formen eines bekennenden Atheismus, der zu damaliger Zeit eher mit der "Dekadenz der 20er Jahre", "jüdischem Materialismus" oder dem "gottlosen Bolschewismus" assoziiert war und in der Bevölkerung kaum Sympathien fand. Himmler verkündete, keinen Mann in der SS dulden zu wollen, "der nicht an Gott glaubt" Hier ging es um eine von den Nazis neu geschaffene Kategorie, mit der man - wiederum strategisch defensiv - nicht etwa Nähe, sondern Distanz zum Christentum suchte. Es ging hier, so Hesemann, um einen pantheistischen, nicht einen persönlichen Gottesbegriff. "Gottgläubig durfte sich nur nennen, wer offiziell aus seiner Kirche ausgetreten war oder einer solchen nie angehörte; seine Glaubensgemeinschaft war fortan die Partei" Er sollte der arisierten Nazi-Religiosität huldigen. 1938 waren 25,8% einer etwa Viertel Mio. SS-Männer gottgläubig" (51,4% evangel., 22,6% kathol.), bei den elitären Verfügungstruppen und Totenkopfeinheiten waren es bereits 40-50%. Hitler in einem seiner Tischgespräche: Ich habe sechs SS-Divisionen, die vollständig kirchenlos sind und doch in der größten Seelenruhe sterben."

Während sich Hitler offiziell der Kirche gegenüber jovial zeigte und ihr nur drohte, wenn diese ihn kritisierte oder sich seiner Politik widersetzte, redete er in engerem Kreis Klartext. Die Lehre der Kirche war für ihn "ein einziger großer Blödsinn [...] eine unglaublich schlaue Mischung von Heuchelei und Geschäft unter Ausnutzung der menschlichen Anklammerung an die überkommene Gewohnheit", ein gebildeter Geistlicher" könne doch unmöglich den Unsinn glauben, den die Kirche verzapfe". Kurzum: Das Christentum ist das Tollste, das je ein Menschengehirn in seinem Wahn hervor gebracht hat [...] es sei nicht auszudenken, was an Grausamkeit, Gemeinheit und Lüge mit dem Christentum in unser Dasein gekommen ist [...] Wir [sind] heute viel menschlicher als die Kirche" (S. 361)

Die Haltung der Kirchen schildert Hesemann detailreich. Pacelli, der spätere Papst Pius XII. hatte den Aufstieg Hitlers in München bereits als Nuntius miterlebt und begegnete dem Nationalsozialismus mit Abscheu. Die relativ klare Haltung der kathol. Kirche in den Anfangsjahren der Bewegung (wer NSDAP-Mitglied wurde, sollte vom Sakramentenempfang ausgeschlossen werden), weichte mit dem Zugehen Hitlers auf die Kirche nach der Machtergreifung auf. Man meinte schließlich, mit einer Ablehnung des Konkordats sämtliche Einflussmöglichkeiten zu verlieren und zur Zuspitzung der Lage für die deutschen Katholiken beizutragen. Etwas anderes kam hinzu: Es entwickelte sich eine deutliche, breite Hitler-Begeisterung in der gesamten Bevölkerung.

Im weiteren Gang des Geschehens, versuchte man eher "leise" auf diplomatischen Kanälen zu intervenieren. Erst mit der Enzyklika Mit brennender Sorge", die den Nationalsozialismus als widergöttlich verurteilte, fand man wieder deutlichere Worte. Auch gegen den Krieg sprach der Vatikan sich diplomatisch, aber klar aus. Da er mit einem Sieg Hitlers illusionslos den schrittweisen Untergang der Kirche verband, lockerte der Papst schließlich seine starre Haltung gegenüber den Sowjets und erklärte eine Kooperation der Amerikaner gegen Hitler für legitim; in der Hoffnung freilich, dass die US-Unterstützung so verhalten ausfiele, dass das Ganze auf einen deutsch-russischen Zermürbungskrieg hinauslaufen würde. Nicht leicht nachvollziehbar bleibt dennoch die passive Haltung des Vatikan zur Judenfrage, trotzdem von verschiedenen Seiten eindringliche Appelle an den Vatikan ergingen. Erst in seiner Weihnachtsansprache 1942 bekundete Pius XII. seine Sorge um die "Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind." Ansonsten erging jedoch die Weisung, keine konfrontative Kritik zu üben, "um nicht denen zu schaden, die wir retten wollen." Interventionen mit dem Ziel, Fluchtwege ins Ausland zu öffnen, erwiesen sich als nicht sehr effektiv. Immerhin verhinderte der Vatikan durch Aufnahme in Kirchen, Seminare, Pfarren, Klöster usw. 1943 die Deportation von ca. 7000 Juden aus Rom.

In der Evangelischen Kirche reagierte man anfangs weit unkritischer als in der katholischen. Je deutlicher der Charakter des Nationalsozialismus hervortrat, desto mehr Widerstand entwickelte sich dann jedoch. Der Vorgängerorganisation der Bekennenden Kirche - der Pfarrernotbund - waren dann bereits 1934 rund 7000 von 18.000 Pfarrern beigetreten. Im Mai 1936 wurde eine u.a. von M. Niemöller, D. Bonhoeffer und H. Gollwitzer verfasste Denkschrift der BK an Hitler öffentlich verlesen. Sie richtete sich gegen die Entchristlichung Deutschlands, die Entkonfessionalisierung der Schulen, gegen Judenhass, Konzentrationslager und Geheime Staatspolizei. Die Attentäter des 20. Juli 1944 waren mehr oder weniger christlich motiviert.

Insgesamt wurde deutlich, dass man umso anfälliger für die nationalsozialistische Propaganda war, je mehr das eigene Christentum verblasst oder durch Zeitgeist und vermeintliche Aufgeklärtheit verwässert und kraftlos geworden war.



Zurück zur Produktseite
Kundenrezension verfassen

Suche

Einkaufswagen
Mein Konto
1-Click-Einstellungen
Meine Listen
Liste finden
Ausloggen
Hilfe
Amazon.de-Homepage
Impressum
AGB und Datenschutzerklärung