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Sie wissen alles: Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen (Gebundene Ausgabe)

Über die Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags
Kundenbewertung 2.0/5.0
29. Dezember 2014 Von Mimir
51 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich

»Dieses Buch … spannt bewusst einen ganz großen Bogen von den hoheitlichen Anfängen von Big Data über die Technologien, die ein Werkzeug in eine intelligente Maschine verwandeln, und betrachtet die Finanzindustrie eingehend, die Big Data schon länger einsetzt und deshalb tiefe Einsichten in den Umgang geben kann. Einige philosophische Überlegungen runden das Buch ab.«

Yvonne Hofstetter spannt ihren großen Bogen über 5 Kapitel mit sehr unterschiedlichem Inhalt. Im ersten Teil, Genesis, führt uns Frau Hofstetter, die laut FAZ.net für zivile Firmen wie für die Rüstungsindustrie tätig ist, aufsehenerregende Beispiele aus dem militärischen Bereich, die die Anwendung von Verfahren zur Verarbeitung großer Datenmengen in der Flugüberwachung Ende des letzten Jahrtausends beschreiben, vor. Dabei fokussiert sie auf das Fehlverhalten des Menschen in der Mensch-Maschine-Verbindung. Leider sind ihre Ausführungen in diesem Kapitel teilweise widersprüchlich, unverständlich, spekulativ, unlogisch oder polemisch. Effekthascherisch bastelt sie noch eine völlig überflüssige Geschichte um ein Modernisierungsprojekt der NATO-AWACS in das Kapitel, »die Gespräche sind mit etwas Phantasie nachempfunden«. Augenscheinlich macht sie dies nur, um ihrem Kompagnon bei Teramark Technologies GmbH, Dr. Christian Brandlhuber, der einmal bei Siemens Defense Systems gearbeitet hat, in der glorifizierten Person eines Dr. Florian Mayhoff eine Stimme zu geben. Was das Ganze mit Big Data zu tun hat, bleibt völlig im Dunkeln, dafür schimmert Hofstetters sonderbares Schwarz-Weiß-Denken durch: alles Deutsche ist gut, die Bösen sitzen in Amerika und heißen Google.

Im zweiten Teil, „Die intellektuelle Emanzipation der Maschinen“, wird es interessanter. Es geht schwerpunktmäßig um Ansätze zur Verarbeitung und Interpretation großer Datenmengen. Aber: Hofstetter beklagt dabei die fehlende Innovationskraft in Deutschland und verweist auf China mit eigenen Betriebssystementwicklungen und sozialen Netzwerken. Beides gibt es für Hofstetter anscheinend sonst nur als Windows bzw. Facebook; Linux und xxxVZ scheinen ihr unbekannt zu sein. Da von der Autorin mehrfach auf Ereignisse beim Militär und der Polizei hingewiesen wird, ist es nicht ersichtlich, warum gerade die in Deutschland heiß diskutierte Rasterfahndung bei der Betrachtung geschichtlicher Entwicklungen unberücksichtigt bleibt. Ab Seite 130 geht es endlich um Fakten, wenn Hofstetter auf weitschweifige, aber verständliche Weise die Konzepte der künstlichen Intelligenz und ihre Anwendung bei Big Data erläutert. Big Data im Sinne der »automatischen Extraktion von Information und Wissen aus rohen Daten, die Erzeugung abgeleiteter Information, die … nicht auf den ersten menschlichen Blick erkennbar sind«. Oder, wie es Hofstetter noch einfacher ausdrückt, »um nichts Geringeres als um die Prognose der Zukunft«. Was sie außer der Zukunft prognostizieren möchte, bleibt dagegen unklar.

Das dritte Kapitel „Big Data, Big Money“ beginnt mit der Beschreibung, wie der bereits bekannte Herr Dr. Mayhoff Robert Carhart Merton Ratschläge erteilt. Merton wurde 1997 der Wirtschaftsnobelpreis (korrekter: Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften) verliehen. Anschließend betrachtet Hofstetter nochmals die Krise von 2008. Dass sich die Finanzmärkte vom realen Wirtschaftsgeschehen entkoppelt haben, ist keine neue Erkenntnis. Aber Hofstetter spielt mit den Ängsten ihrer Leser, wenn sie suggeriert, dass Banken vermehrt aufgrund umfangreicher Datenerhebungen dem Einzelnen die lebensnotwendigen Kredite nicht mehr geben würden. Denn sie verschweigt bei ihrer Analyse des Crashs von 2008, dass ein Grund auch darin lag, dass Kredite an Personen vergeben wurden, die eigentlich nicht kreditwürdig waren, die ihre Kredite nur dann hätten zurückzahlen können, wenn der Immobilienboom immer weiter gegangen wäre. Ich bin als Bankkunde froh darüber, wenn meine Bank keine faulen, risikobehafteten Kredite vergibt, denn das bedeutet größere Sicherheit für die Mehrheit der Kunden. Immerhin bezeichnet sie Insiderhandel, vorsätzliche Marktmanipulation und Korruption im Finanzbereich eindeutig als »sichere Anzeichen für den Turbokapitalismus«. Sie spricht zwar die Tobin-Steuer an, benennt aber keine Gründe für deren Ausbleiben.

Nach einem überflüssigen Ausflug zu Herrn Mayhoff wird es im vierten Kapitel „Diktatur“ endlich spannend. Yvonne Hofstetter reflektiert die Veränderungen unseres Alltags, unserer Freiheit auf Basis aktueller Aktivitäten omnipräsenter Datenkraken wie Google, Amazon oder Facebook. Dabei stützt sich die Autorin auf philosophische und rechtswissenschaftliche Arbeiten und entwickelt ein überzeugend emotionales Plädoyer für das Recht des Einzelnen auf Privatsphäre, informationelle Selbstbestimmung und Menschenwürde. Leider pauschalisiert sie auch hierbei und bleibt selbst bei diesem Thema etwas zu sehr an der Oberfläche. Sie fordert einen starken, kompetenten, qualifizierten Staat. Doch warum erscheint Deutschland beispielsweise in der Diskussion um TTIP so schwach? Warum hat sich unserer Gesellschaft seit 1987, als wegen der Volkszählung ein Aufschrei durch die deutsche Bevölkerung ging, so verändert, dass die Ökonomisierung scheinbar unaufhaltsam alle Lebensbereiche durchdringen kann? Da wären Erklärungen einer FAZ-Kolumnistin sehr aufschlussreich. Bemerkenswert ist auch das Fehlen irgendwelcher Hinweise auf die aufrüttelnden Aktivitäten des Chaos Computer Clubs (CCC), der nicht nur in Bezug auf Big Data (Data Mining) schon seit Jahren kritische und nichtsdestotrotz fachlich fundierte Berichte verbreitet.

Zum Abschluss fordert Hofstetter »neue Regeln für eine neue Zeit, ein Update unserer Gesellschaft«. Dazu formuliert sie 10 durchdachte Aufgaben, die sich an Staat, Wirtschaft, Industrie, Einzelpersonen und Technologen »richten, um den Weg zu einer sozialen Informationsökonomie zu ebnen«. Dabei wirken ihre Forderungen teilweise sehr ambitioniert, fast revolutionär; es fragt sich nur, wie sie diese Postulate gegen mächtige Lobbyinteressen durchzusetzen gedenkt, denn dazu bietet sie keine Lösungen an. Zu meinem Bedauern schließt auch dieses Kapitel mit primitiver Polemik des imaginären Florian Mayhoff.

Der Fokus des Buches liegt »auf der Warnung vor dem Totalverlust unserer Freiheiten in einer von intelligenten Maschinen vollständig überwachten und kontrollierten Welt, in der wir keine Privatsphäre mehr kennen.« Ein hehrer Anspruch, dem die Autorin nur teilweise gerecht wird. Das betrifft formale, stilistische und natürlich inhaltliche Mängel.

Ein durchgängiges Problem sind die nicht vorhandenen Definitionen von verwendeten Begriffen, ein erläuterndes Glossar fehlt. Störend wirkt außerdem, dass viele Begriffe von der Autorin offensichtlich aus dem Amerikanischen übernommen und in schlechtes Deutsch übersetzt wurden. Frau Hofstetter preist beständig Physiker und Mathematiker, redet von „Data Scientists“; Informatiker oder Programmierer sind für sie im beschriebenen Themenfeld wohl nicht relevant. Überhaupt scheinen ihre Ausführungen in Bezug auf die Informatik nur marginal von tiefgreifender Fachkenntnis getrübt. Sie widerspricht sich in den einzelnen Kapiteln und ist sehr auf militärische Gedankenfelder ausgerichtet.

Die Aufteilung des Buches in 5 Kapitel weist auf ein grundlegendes Manko: die Kapitel als einzelne Essays wären teilweise spannend, doch als Gesamtwerk sind sie wenig überzeugend. Juli Zeh und Ilija Trojanow riefen bereits 2010 in ihrer provokanten Streitschrift Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte dazu auf, dem Ausverkauf der Privatsphäre den Kampf anzusagen. Hofstetter hat zwar aktuelle Ereignisse und Erkenntnisse aufgegriffen, darüber hinaus aber wenig Neues zu bieten.



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