Kundenrezension

Rezension aus Deutschland vom 19. November 2011
"Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist."
(Friedrich Nietzsche, Zarathustra, Vierter und letzter Teil)

"Woher, in aller Welt, bei dieser Constellation der Trieb zur Wahrheit?" So Nietzsche (1844-1900) im scheinbaren Unverständnis. Dann behauptet er, dass Lüge eine Lust ist. Keine Lüge aus der Not, sondern jede Lüge als ein Akt der Verstellung und der Täuschung. Lüge als die zweite Natur, die erst den Menschen zum zivilisierten und noch weiter zum bewussten Menschen macht. Nietzsche schreibt: "Soweit das Individuum sich gegenüber anderen erhalten will, benutzte es in einem natürlichen Zustand der Dinge den Intellekt zur Verstellung". Und in Folge daraus gebiert die Sprache eine allgemeingültige Deutung über das, was Wahrheit sein soll. Im Prinzip wird dadurch der Maßstab gelegt, wie sich zu verhalten ist. Gleichzeitig wird in der Abstraktion festgelegt, wie der Kontrast der Wahrheit zur Lüge ist. "Ein Lügner benötigt gültige Bezeichnungen". Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu lassen. Fiktion und Realität nähern sich in der Fiktion der wahrscheinlichen Realität. Oder anders bei Platon: Er lässt Sokrates sagen, es sei der, welcher gleichermaßen das Wahre wie das Falsche kenne, der Bessere. Es stellt sich heraus, dass bei Platon der Wahrhaftige und der Lügner in einer Person zusammenfallen. (Kleiner Hippias)

Genau betrachtet, wird jeder Satz eine Spielart der Lüge sein. Damit wird nicht der Täuschung an sich mit Widerwillen begegnet, sondern nur die Folgen der Täuschung werden als verwerflich eingestuft. Wenn das so ist, bleibt die berühmte Frage des Pilatus: "Was ist Wahrheit?". Wir finden Nietzsches ebenso berühmte Antwort: "Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die [...] verbindlich dünken, die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, das sie welche sind, [...] Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall [...] in Betracht kommen".

In den nachgelassenen Fragmenten unterstützt Nietzsche diese seine Sichtweise: "Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln ist tiefer, 'metaphysischer' als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Sein: die Lust ist ursprünglicher als der Schmerz." Im Ton des Zeitgeists: Der Scheinheilige regiert die Welt. Wenn Wahrheit dann Schmerz bedeutet, liegt es nahe zu glauben, das eigene Leben sei im Imaginären, in der Illusion eben besser aufgehoben, besser regiert. Betrachtet man die Welt, die Natur und ihr Mimikri, kann man meinen, Nietzsche habe gerade dort diese Lust der Lüge verspürt, eine abstrakte Begründung für die Gunst der Lüge zu finden. In der anthropomorphen Sicht der Welt zur Sprache entdeckte er eben jene Unauflösbarkeit der Wahrheitsfindung und gründet diese Lüge und Täuschung als eine lebensnotwendige Fiktion. Gerade in der Sprache wie in der Wissenschaft ortet er jenes "Columbarium der Begriffe, [diese] Begräbnisstätte der Anschauung", welches nur dem Menschen dient als allgemeiner Halt in der begrifflichen Wahrheit. Jedoch in der Umkehrung postuliert er die Lust an der Metaphernbildung als notwendig, weil der Mensch sich nicht in der "Zwingburg" der begrifflichen Abstraktion heimisch fühlen könne. "Der Intellekt [...] ist so lange frei, wie er täuschen kann, ohne zu schaden und feiert dann seine Saturnalien". Eben das, was sich nicht in Begriffe auflösen lässt, gibt die Empfindung der Wirklichkeit. Die begrifflich logische Idee steht neben der Schöpfungsidee aus dem Unbegrifflichen.

Nietzsche versetzt in bester Manier die Grenzsteine zwischen Abstraktion und Intuition. Er weiß im "Spiel mit dem Ernste" dem Intuitiven den Vorrang zu geben, denn "Alles trägt die Verstellung", der Wille zum Schein. Ein faszinierender Text.
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