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am 12. Oktober 2001
"HAB' ICH GANZ GUT DURCHGEHALTEN" (PALUCCA)
Fritz Böhmes Motto folgend "Nicht das Interesse an Vergangenheit allein ist das Treibende im Historiker, sondern das Interesse überhaupt am Menschen", betrachtet Ralf Stabel in dieser Arbeit Geschichte als Ergebnis menschlichen Handelns. Daraus leitet sich die These ab, dass das Handeln und Verhalten Paluccas die Entwicklung der Palucca Schule Dresden prägte. Ralf Stabel definiert dieses Verhältnis als ein ?physio-logisches?: die Beschaffenheit der Palucca Schule Dresden sei in direktem Zusammenhang mit der körperlich agierenden Tänzerin und Pädagogin Palucca zu sehen. (S. 10, Anmerkung 3)
Ralf Stabel untersucht die konfliktreiche Umgestaltung der privaten Tanzschule der Tänzerin Palucca zu einer Ballettschule nach sowjetischem Vorbild in den Jahren 1949 bis 1963 anhand einer Fülle mehrheitlich erstmals gesichteter Dokumente aus Privatbeständen und öffentlichen Archiven sowie persönlicher Befragungen von Zeitzeugen. Der detektivischen Recherche entspricht eine Textdramaturgie, die raumkörperliche Vorbilder assoziiert, dabei jedoch lineare Chronologien einschließt. So liest sich die spannende, präzise formulierte Arbeit als eine körpernah erzählte Analyse konkreter Machtkämpfe und Manipulationen.
Ihren Focus bildet Palucca, die "als erste einen neuen Gestus der mädchenhaften, selbstbewussten modernen Frau" (Herbert Trantow) tanzte, und ihn als Tanzpädagogin ganz offensichtlich beibehielt.
Dabei geht es Ralf Stabel vor allem um das Aufzeigen von Spielräumen für das Handeln Paluccas und der Menschen, die an der Entwicklung der Palucca Schule Dresden beteiligt waren. Mit seiner 'wissenschaftskriminalistischen' Vorgehensweise provoziert Ralf Stabel den Leser zu wertenden Überlegungen, ohne sich selbst in die Position des retrospektiv Überlegenen zu begeben.
Anhand einer kritischen Sichtung der überlieferten Literatur zu Palucca weist Ralf Stabel nach, dass die Mehrzahl der Publikationen ein von Palucca inszeniertes und sanktioniertes Selbstbild, das er als "Markenzeichen" TANZ PALUCCA bezeichnet, unkritisch reproduziert.
Ralf Stabel gelangt im folgenden zu einer ersten grundlegenden Analyse Paluccas tanzpädagogischer Arbeit, die als NEUER KÜNSTLERISCHER TANZ (NKT) bekannt wurde.
Erstmals beleuchtet wird auch die Privatperson Palucca. Dabei beschäftigt sich Ralf Stabel ebenso mit Paluccas Schweigen wie wesentlichen Momenten ihrer Selbstinszenierung, die er "Legende von der Herkunft", "Legende von der Liebe", "Legende von der Anpassung" und "Legende von der Antifaschistin" nennt und mit Fakten konfrontiert.
Palucca, so Ralf Stabel, etablierte einen neuen, gegenstandslosen Stil des Tanzes und ließ die Zuschauer durch die Improvisation am Werden ihrer Kunst teilhaben. Sie tanzte sich selbst. Was sie tat, war echt und ehrlich. Das schlug sich auch in ihrer Pädagogik als Forderung nach Wahrhaftigkeit nieder.(vgl. S. 110)

Die Periodisierung der Geschichte der Palucca Schule Dresden in der Zeit von 1949 bis 1963 erfolgt im Kontext der gesamtpolitischen Entwicklungen, kulturpolitischer Zäsuren und Ereignisse der Schule selbst.
Damit leistet Ralf Stabel widerum wesentlich Neues, ist doch die DDR-Tanzgeschichte bisher nahezu ungeschrieben. In Analogie zur Geschichtsschreibung anderer Künste und unter Bezugnahme auf eine Fülle zusätzlicher Quellen legt der Autor eine fundierte Analyse der Kultur- und Bildungspolitik der DDR hinsichtlich des Tanzes in der Zeit von 1949 bis zu Beginn der 60er Jahre vor.
Während im Zeitraum 1945-1949 die Interessen Paluccas und der staatlichen Kulturpolitik korrespondierten, so Ralf Stabel, hatte die Schule ab 1949 existentielle Krisen zu überstehen. Von besonderer Brisanz bei der Betrachtung der Periode von 1954 bis 1958 ist Ralf Stabels Vergleich der Entwicklungen der Fachschule für künstlerischen Tanz Berlin und der Palucca Schule Dresden. Er verdeutlicht hier, dass dieselbe Kulturpolitik aufgrund des unterschiedlichen Verhaltens der beteiligten Persönlichkeiten zu anderen Ergebnissen führte.(vgl. S. 231) Ralf Stabel zeigt
exemplarisch, dass es in der DDR - auch in der Zeit des Stalinismus - sehr wohl Spielräume für menschliches Verhalten gab.
An typischen Verhaltensmomenten verdeutlicht der Autor, wie sich Palucca gegen die zunehmende staatliche Intervention im Zeichen der Doktrin des sozialistischen Realismus mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wehrte und ihre künstlerischen und pädagogischen Ideale so weit wie möglich - bis zur ihrer Ausreise aus der DDR im Jahr 1959 - verteidigte.
Im folgenden zeichnet der Verfasser nach, wie es der Palucca Schule Dresden gelang, paradoxerweise gerade einschließlich des NKTs als fortschrittliche Institution auf dem Gebiet des Tanzes zu gelten.
Ralf Stabel resümiert, dass die Geschichte der Palucca Schule Dresden im Zeitraum 1949-1963 von der Auseinandersetzung zweier sehr ungleicher Konkurrenten geprägt war. Palucca war gezwungen, auf kulturpolitische Vorgaben und Widerstände zu reagieren. So wie sie durch ihren Unterricht "mäanderte" (vgl. S. 82), verteidigte sie ihre Schule gegen alle Eingriffe der DDR-Kulturpolitik mit allen Mitteln ihrer Kunst. Ihr ?choreologisch-improvisierendes? Handeln machte sie unkontrollierbar, unberechenbar und gefährlich für einen Staat, der auf totale Kontrolle zielte.(vgl. S. 278)
Indem der Verfasser die verschiedenen Spielräume für das Handeln Paluccas und der mit ihr und gegen sie agierenden Personen aufspürt, deckt er typische Mechanismen der Machtausübung und Strategien der Gegenwehr in der DDR in der Zeit von 1949 bis 1963 auf. Gerade die detailgetreue, facettenreiche, spezielle Sicht auf das ganzheitlich-körperliche Handeln Paluccas in ihren jeweiligen Umfeldern ermöglicht ein differenziertes Verständnis dieser Periode von DDR/-Tanz-Geschichte.
Doch geht es hier mindestens auch um die allgemeine Frage nach menschlicher und künstlerischer Integrität in konkreten Kontexten - über den DDR-Mikrokosmos hinaus.
Angela Rannow
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