Shop now Shop now Shop now Shop now Shop now Hier klicken Jetzt informieren PR CR0917 Cloud Drive Photos Learn More TDZ Hier klicken HI_PROJECT Mehr dazu Hier Klicken Jetzt bestellen AmazonMusicUnlimited Fußball longss17

Kundenrezensionen

3,8 von 5 Sternen
46
3,8 von 5 Sternen
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:5,99 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 25. Februar 2009
Der Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" wurde von Robert Musil geschrieben und erschien 1906 im Wiener Verlag. Dieser Roman stellt Musils Anfänge in seiner Schriftstellerkarriere dar.

Der Roman handelt von dem Zögling Törleß, der von seinen Eltern in ein Internat geschickt wird. Dort angekommen, wird Törleß von Sehnsucht und Heimweh geplagt. Er vermisst seine Eltern und schreibt ihnen regelmäßig Briefe. Er lernt bald, das Schreiben als Hilfsmittel gegen seine Probleme einzusetzen.
Er schließt sich Beineberg und Reiting an, was Törleß nicht als Freundschaft, sondern eher als Zweckverbindung sieht. Beineberg und Reiting fangen bald damit an, einen weiteren Zögling, Basini mit Namen, wegen Diebstahls zu quälen. Dabei kommt es oft zu gewalttätigen und auch sexuellen Handlungen.
Törleß versucht währenddessen auf psychologischer Ebene von Basini zu lernen und hinterfragt dessen Zustand. Da sich Törleß aber in einer Sprachkrise befindet, kommt er auch in diesem Punkt auf keine Lösung. Das Problem, sich nicht ausdrücken zu können, endet für Törleß schließlich damit, dass er das Konvikt verlässt. Dennoch hat sich Törleß am Ende des Romans seelisch weiterentwickelt.

Autor Robert Musil selber besuchte damals verschiedene Kadettenanstalten. In "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" verarbeitete Musil viele seiner Erfahrungen, sodass man hier durchaus von einem Roman mit autobiographischen Elementen und Zügen sprechen kann.

Für diesen Roman gibt es sehr viele verschiedene Interpretationsansätze. Manche bezeichnen ihn als Entwicklungsroman und reine Studie über die Pubertät eines jungen Menschen.
Es gibt auch die Theorie, dass Robert Musil hier eine Vordeutung auf die Diktatur des deutschen Reiches gibt.
So würde Basini in diesem Falle die Rolle des Juden einnehmen, Beineberg und Reiting die der Diktatoren und Törleß wiederum stünde charakteristisch für das deutsche Volk, das die Möglichkeit gehabt hätte, zu erkennen, aber nichts unternommen hat.

Insgesamt fand ich das Buch in Ordnung. Es ist allerdings schwer, Törleß' Verwirrungen und Gedankengänge direkt zu erkennen und zu analysieren. Dieser Roman ist kein Buch, das man einfach herunterlesen kann und direkt beim ersten Mal versteht, man braucht viel Zeit und muss einige Passagen bei Bedarf mehrmals lesen. Philosophie und Psychologie finden in diesem Roman sehr viel Platz, was den Roman im Großen und Ganzen lesenswert macht.
Ich würde den Roman weiterempfehlen, da es direkt mehrere interessante Punkte beleuchtet: sei es die in diesem Roman deutlich werdende Sprachkrise, die Findung eines Menschen in der Gesellschaft oder das Schildern der Tücken der realen Welt.
0Kommentar| 9 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. Juli 2015
Ich habe das Buch "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" gelesen, weil ich gespannt auf Robert Musils Schreibstil und seine hochgelobte „Musilsche Psychologie“ war. In der Tat versteht es der Autor dem Leser einen sehr guten Einblick in das Innenleben des Zöglings Törleß zu verschaffen. Törleß wird Zeuge, wie sein Mitschüler Basini von 2 Freunden gequält wird und ist daraufhin hin- und her gerissen auf welche Seite er sich stellen soll. Die Beschreibung der Folterung fand ich zu brutal und auch die Gedankengänge von Törleß teilweise etwas zu langatmig. Der Roman regt auf jeden Fall zum nachdenken an.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 10. Dezember 2010
In diesem Buch wird ein kleiner aber einschneidender Abschnitt aus dem Leben des Internatsschülers Törleß beschrieben. Extreme menschliche Erfahrungen mit seinen Mitschülern lösen bei ihm einen seelischen Reifungsprozess aus. Dies wird in einer Retrospektive untermauert, die in den Roman eingewoben wurde.

Törleß, Sohn eines Hofrats, lebt mit seinen Mitschülern Beineberg, Reiting und Basini in einem altehrwürdigen Internat. Eines Tages wird Basini von seinen Kameraden eines Diebstahls überführt. Statt ihn anzuzeigen, erpressen sie den eher schwächlichen Mitschüler. Für Basini ist dies der Beginn einer Serie körperlicher und psychischer Misshandlungen durch seine Mitschüler. Diese lassen bei ihren sadistischen Spielen keine Grenzen erkennen.

Musils Perspektive ist nicht die des Opfers und auch nicht primär die der Haupttäter, sondern die des nachdenklichen Mitläufers Törleß. Dieser ist Anfangs voll dabei, bekommt aber zunehmend Gewissensbisse. Eines Tages distanziert er sich von den Aktionen, was ihn in eine extreme psychische Situation bringt, zumal er sich als schwächster der drei Täter stets im Spannungsfeld zwischen Täter- und möglicher Opferrolle sieht.

Deutlich wird die unberechenbare psychische Situation des Protagonisten im Mathematikunterricht beim Exkurs in die Welt der imaginären Zahlen. Diese nicht greifbaren Zahlen beschreiben treffend den Seelenzustand von Törleß. Er erhält von seinem Mathematikprofessor die unbefriedigende Antwort, dass ihm die Voraussetzungen fehlen, um diesen Bereich der Mathematik (und damit symbolisch sich selbst) verstehen zu können.

Liest man einen Roman von Robert Musil, drängt sich ein Vergleich mit seinem Lebenswerk "Der Mann ohne Eigenschaften" auf. Das 1906 entstandene Werk "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" ist kompakter und enthält mehr Handlungen. Es lässt bereits erahnen, dass sich tiefgründige psychologische Analysen zum besonderen Stil von Robert Musil entwickeln werden.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. August 2000
Ein Buch über die verschiedenen Stadien des Erwachsenwerden in einem Institut. Viele werden es im Deutschunterricht in der Schule kennengelernt haben, wo es meist auf wenig Gegenliebe stößt und eher als zäh und theoretisch empfunden wird - denn zu den Verwirrungen des Titels zählen neben der Seeleninnenschau auch ausgiebige philosophische wie mathematische Betrachtungen. Nun, wo ich das Buch nach Jahren noch einmal gelesen habe, konnte ich jedoch viele Wahrheiten für mich finden und entdeckte das Gefühl neu, welches über der Zeit des Pubertät lag. Die Geschichte um den jungen Zögling, der zwischen die Fronten gerät und zugleich Täter auf seine eigene Art und Zeuge wird, wie Basini von seinen Kameraden gequält wird, hat mich nach wie vor nicht sehr angesprochen. Ebenso stießen mich die detailreichen Schilderungen der Folter im Institut ab. Doch finde ich alles, was sich über diese Zeit der Verabschiedung von der Kindheit sagen läßt, in folgendem Zitat aus dem Buch zusammengefaßt. Allein dieses Bild der unstillbaren Sehnsucht nach Nichtalleinsein macht dieses Buch für mich so lesens- und empfehlenswert: "Denn die erste Leidenschaft des erwachsenden Menschen ist nicht die Liebe zu der einen, sondern der Haß gegen alle.Das sich unverstanden Fühlen und das die Welt nicht verstehen begleitet nicht die erste Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache.Und sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine verdoppelte Einsamkeit bedeutet."
Dies ist eine Studentenrezension
0Kommentar| 8 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. März 2002
Auch ich bin auf der einen Seite positiv überrascht gewesen von Musils Erzählstil und der Handlung, habe mich aber auch einige Male zum Weiterlesen durchringen müssen, als die ein oder andere Passage ziemlich langatmig geschildert wurde. Besonders die Stellen, bei denen die "Innerlichkeit" des Titelhelden beleuchtet wird, haben mir persönlich eher weniger gefallen, obwohl gerade diese Bereiche von manchen Leuten als Fortschritt der psychologischen Literatur und als der eigentlich Gewinn des Buches angesehen wird. Eine persönliche Identifikation mit dem Helden stellt sich als Hindernis dar, das nicht jeder bewältigen kann oder mag. Das grosse Thema "Pubertätsverwirrungen eines jungen Menschen", wird meines Erachtens auch nicht unbedingt konsequent überzeugend geschildert, was allerdings eine Frage der Zeitumstände sein könnte. Die Handlung gewinnt an Fahrt und sogar "Spannung" nach 2/3 des Buches, bis dahin war es ein etwas allzulanges Warten nach meinem Geschmack.
0Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 21. August 2008
'Die Verwirrungen des Zöglings Törleß' ist der erste Roman des Autors Robert Musil (1880 bis 1942) und erschien 1906. Die Geschichte spielt in einer österreichischen Militärerziehungsanstalt, von welcher Art sie auch Robert Musil Ende des 19. Jahrhunderts besuchte. Man kann also davon ausgehen, dass der Autor seine Erlebnisse in diesem Buch verarbeitet.

Protagonist des Buches ist der in seine eigene Welt vergrabene Zögling Törleß. Mit seinen Mitzöglingen Beineberg und Reiting entwickeln sie Spaß an der Gewalt, indem sie die Situation genießen, Basini, einem weiteren Zögling, der sie bestohlen und hintergangen hat, Herr sein zu können, damit sie ihn nicht auffliegen lassen, und anfangen, ihn zu quälen und sexuell zu missbrauchen. Faszination an Gewalt und Folter spielt eine große Rolle in diesem Roman, ebenso die gesellschaftliche Aufnahme der Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als diese noch relativ verpönt war. Wir haben es hier mit einem grundlegenden menschlichen Phänomen zu tun, nämlich dem Genuss, vollkommen gewissenlos Macht über andere Menschen ausüben zu können, ohne dabei vor den schändlichsten Verhaltensweisen halt zu machen und eine Bestrafung von noch höherer Stelle befürchten zu müssen.

Auch wenn Sadismus und Homoerotik zentrale Rollen spielen, heißt dies jedoch nicht, dass der Roman von anzüglichen Praktiken strotzt - diese werden weder glorifiziert, noch angedeutet gelassen, sondern so geschildert, wie sie die Charaktere im Buch wahrnehmen.

Musil liefert mit seinem Roman eine erschreckende Charakterstudie ab, die die Aspekte der Musil'schen Psychologie darstellt: Verhalten in Extremsituationen und das Vergessen der Ethik in Konfrontation mit diesen. Anhand des Zöglings Törleß und seinen Gedanken wird das Aufeinanderprallen der Moral der damaligen Gesellschaft und der Versuchung auf eine exzellente Weise dargestellt. Beschreibungen der Gefühle über mehrere Seiten und seltene Dialoge sind daher vorherrschend, was zudem auch wenig Handlung zulässt. Metaphorisches Schreiben und Monologe im Vordergrund mögen nicht jedem Leser liegen.

Insgesamt kann man deutlich sagen, dass es kaum eine erschreckendere Studie über solche Handlungsweisen und Gründe dafür gibt, wie in diesem Roman, vor allem nicht aus dieser Literaturepoche. Kritiker mögen Musils Darstellungen durchaus als 'krankhaft' bezeichnen, aber beim näheren Hinschauen lassen sich Abgründe menschlichen Handelns ausmachen, die durchaus wichtige Untersuchungspunkte für die Psychologie sind. Musil scheint Bewunderer Freuds und seiner Psychoanalytik gewesen zu sein, denn seine Ausführungen zeugen davon, dass er sich intensiv mit dem Wissensstand der Psychologie des beginnenden 20. Jahrhunderts befasst hat. Dass Musil nicht die Mechanismen des nahenden Faschismus andeuten wollte, dürfte aufgrund der Zeit des Erscheinens des Romans nicht möglich gewesen sein, passt allerdings dennoch ins Schema; nach dem heutigen Wissensstand kann man dies jedenfalls sagen.

Für Törleß war "Ja" die Antwort auf die Frage, ob der Mensch ein Abgrund sei. Wer sich von einer Reise durch die Abgründe des Menschseins nicht abschrecken lässt, sondern vielmehr sich dafür interessiert, was in einem Menschen vorgehen kann, der derartige Dinge tut, wie es dazu kommen kann, wie sich eben diese 'Verwirrungen des Zöglings Törleß' abspielen, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.
22 Kommentare| 27 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. Mai 2007
Als der junge Törleß in ein Konvikt kommt, sind es gleichzeitig auch seine ersten Schritte in eine andere Welt. Den wohlgeliebten sicheren und festen Boden des elterlichen Hauses lässt er hinter sich und wird schlagartig mit verschiedensten neuartigen Dingen konfrontiert. Kameradschaft, auch Intrigen unter Kameraden, das Leben ohne Intimsspähre in riesigen Schlafsälen, Trinkgelage, Besuche bei Prostituierten und das Zusammentreffen verschiedenster Charaktere auf engstem Raume und deren geistiger Austausch lösen in Törleß Seele zunehmend Verwirrungen aus. Alles Gipfelt in einer Art Gruppenmißhandlung eines Mitschülers, was als interne Bestrafung angesehen wird. Hinzu kommt noch der für die Schüler sehr undurchsichtige und scheinbar zweifelhafte Lernstoff der komplexen Zahlenebene im Mathematikunterricht. Törleß fühlt sich auf der einen Seite von all dem durch eine unsichtbare Kraft angezogen, auf der anderen Seite findet er dies auch abstoßend und ekelhaft. Da die geistige Führung des Elternhauses in weiter ferne liegt, ist er auf sich selbst gestellt, fühlt sich oft sehr einsam und hinterfragt permanent seinen Seelenzustand.

Musil gewährt dem Leser einen tiefgründigen Einblick in die Seele eines jungen Mannes, der von allen ihn umsorgenden Personen alleingelassen wird und plötzlich auf sich selbst gestellt mit den Problemen eines Lebens im Konvikt konfrontiert wird.
0Kommentar| 8 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 10. Januar 2014
24 Jahre vor seinem Opus magnum erschien 1906 Robert Musils Erstling «Die Verwirrungen des Zöglings Törleß», ein Bildungsroman der besonderen Art, denn anders als zum Beispiel in «Unterm Rad» von Hermann Hesse ist der Protagonist hier Täter und interessierter Beobachter, nicht Opfer. Schauplatz der Handlung ist ein österreichisches Konvikt zu Zeiten der Donau-Monarchie, von manchen Lesern als Kadettenanstalt gedeutet, was aber beides nicht so recht passt, denn weder sind Kirche und Religion hier Thema noch Militärisches, beides bildet auch nicht den Hintergrund der Erzählung. Was erstaunlich ist, denn Musils Erfolgsroman ist eine äußerst tief reichende, komplexe Beschreibung des Seelenlebens eines jungen Mannes in der Pubertät mit ihren entscheidenden geistig-seelische Umbrüchen, was ja durchaus eine religiöse Thematik darstellt. Auch Schulisches, das typische Leben von Pennälern im abgegrenzten Mikrokosmos eines Internats, ist hier nicht im Fokus, es geht um die Suche nach Identität, die bevorstehende Lösung vom Elternhaus, eine neue soziale Orientierung für den verwirrten Törleß.

Denn was dieser Jüngling erlebt ist zutiefst verstörend für ihn. Der Mitschüler Basini wird beim Stehlen erwischt von zwei anderen, die ihn daraufhin erpressen, er würde nämlich bei Bekanntwerden seiner Tat unnachsichtig aus der Anstalt gewiesen. Sie quälen und demütigen den Wehrlosen, und Törleß ist ein neugieriger Zuschauer, der das Geschehen ganz unemotional als Studie über Macht und Unterwerfung begreift, dann aber erlebt, wie der devote Mitschüler sich auch ihm sexuell anbietet und er zu seinem Erstaunen darauf eingeht. Später distanziert er sich angewidert von den beiden Peinigern, die soweit gehen, ihr Opfer von der ganzen Klasse verhöhnen und verprügeln zu lassen. Von Törleß gewarnt stellt sich Basini der Schulleitung, bevor er noch schlimmeren Quälereien ausgesetzt wird. Gleichzeitig verlässt Törleß im Zustande völliger Desorientierung unerlaubt das Konvikt, versucht nach seiner Rückkehr vergebens, einer Kommission der Schule seine innere Haltung zu erklären, und kehrt schließlich in den Schoß der Familie zurück.

Viele Abiturienten haben sich an diesem komplexen Roman schon abarbeiten müssen. Es gibt diverse Ansätze für seine Interpretation, zum Beispiel, dass hier offensichtlich Autobiografisches verarbeitet wurde vom Autor, auch die Dissertation von Musil wohl Pate stand, Törleß eine Vorfigur des Ulrich sei aus «Der Mann ohne Eigenschaften», geschichtlich folgende Ereignisse visionär vorgezeichnet wurden. Wahrlich verstörend ist die strikte Täterperspektive dieses Romans, für Törless ist Basini ein reines Forschungsobjekt zum Thema Macht und deren Anwendung, eine Haltung, die es dem nicht sadistischen Leser unmöglich machen dürfte, sich mit solch mitleidloser Romanfigur zu identifizieren. In dieser psychologischen Studie über die Faszination der Macht und die seelischen Untiefen des eigenen Seins ist deutliche Gesellschaftskritik enthalten, die zweifellos nicht nur für die k.u.k. Monarchie vergangener Zeiten gültig war, sondern auch heute noch vollinhaltlich berechtigt ist.

Anspruchsvolle Romane, und dies ist zweifellos einer, sind oft schwer lesbar, erfordern volle Konzentration. Dank der schnörkellosen, klaren Sprache Musils ist dieser Roman trotzdem flüssig zu lesen, wozu insbesondere auch eine lineare Erzählweise ohne aberwitzige Zeitsprünge und permanente Perspektivwechsel beiträgt. Insoweit war die Lektüre für mich persönlich ein wahres Labsal nach diversen hochaktuellen Romanen mit ihren modischen sprachlichen Mätzchen, die wohl oft nur davon ablenken sollen, dass ihre Autoren uns wenig oder gar nichts zu sagen haben. Musil hingegen hat uns sehr viel zu sagen, auch nach über hundert Jahren noch.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
VINE-PRODUKTTESTERam 10. Mai 2012
Nachdem ich Musils "Törleß" wiedergelesen habe, empfinde ich nach wie vor Bewunderung für den großen Sezierer von komplizierten Gefühlslagen, aber auch Unbehagen angesichts der Haltung des Autors seinem Helden, dem jungen Törleß, gegenüber.

Es stimmt, Musils visionäre Vorwegnahme von politischer Gewalt und Grausamkeit, die Kühnheit des Autors in dunkle Bereiche des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Psyche vorzudringen, - das macht nach wie vor Eindruck. Allerdings fühlte ich mich dabei manchmal so wie die Mitglieder des Schulgremiums, die sich am Schluss die Erklärungen des jungen Törleß anhören und dabei etwas ungeduldig und irritiert werden. Man kann wohl sagen, es ist grundsätzlich schwierig, wenn nicht mühsam, mit Hilfe der analytischen Sprache - wie Musil es tut - die Bereiche des Irrationalen, Unbewussten zu umkreisen. Die Stimmen des auktorialen und personalen Erzählers vermischen sich hierbei, der junge Törless erscheint dabei artikulierter, als es auf Grund seiner Lebenserfahrung wahrscheinlich ist.

Aber mein eigentliches Unbehagen hat einen anderen Grund. Törleß kommt glimpflich davon, in jeder Hinsicht. Er wird nicht bestraft, man nimmt Rücksicht auf seine angesehene Familie, in deren Schoß er sich auch gleich wieder flüchten kann. Er kommt auch in der Darstellung des Erzählers moralisch sehr gut aus der Geschichte heraus. Der Erzähler spielt das homosexuelle Erlebnis selbst herunter. Was für ihn ausschließlich zählt, sind die seelische Verfeinerung, der Zugewinn an Tiefe und Weltverständnis für den Helden, der als "ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamen Geiste" (118) sein Wohlwollen genießt. Drohten die neu entdeckten Bereiche des Ich Törleß anfangs ganz zu überwältigen, so hat er nach diesen Erlebnissen seine Festigkeit, sein Gleichgewicht in der bürgerlichen Gesellschaft bald wiedergefunden. Wir erfahren in einem Sprung in die Zukunft, dass Törleß auch im Nachhinein nichts Beschämendes an seinem damaligen Verhalten findet. Er akzeptiert jetzt die bürgerliche Moralordnung wie etwas Unvermeidliches, und zwar nur weil sie ihm genügend Freiraum für die Kultivierung seines Inneren gewährt.

Also keine Scham darüber, dass er auf Basinis Betteln, ihm zu helfen, gleichgültig, unmenschlich reagierte und ihn seinen Peinigern überließ, nachdem Basini seinen sexuellen Reiz für ihn eingebüßt hatte und seine Neugierde nicht mehr reizte? Keine Scham darüber, dass er seine zweifelhaften Freunde nicht aktiv an ihren sadistischen Quälereien hinderte? Also nicht nur Beineberg, Reiting und die Klasse, die sich über ihr Opfer Basini hermachen, nehmen eine unheilvolle Entwicklung vorweg, sondern auch der privilegierte Schöngeist Törleß, der in abgehobener Weise das Geschehen studiert und sich dann davon abwendet, wenn es seinen Kriterien nicht mehr genügt. Er erinnert mich an das verantwortungslose Verhalten vieler deutscher Intellektueller und Künstler vor und zwischen den Weltkriegen in Deutschland, die sich an der Wirklichkeit nicht die Finger schmutzig machen, sondern sich lieber mit der Kultivierung ihrer Innerlichkeit befassen wollten.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 28. März 2016
„Freilich gibt es kein Ende“, sagte er sich, „es geht immer weiter, fortwährend weiter, ins Unendliche.“ Er hielt die Augen auf den Himmel gerichtet und sagte sich dies vor, als gälte es, die Kraft einer Beschwörungsformel zu erproben. Aber erfolglos; die Worte sagten nichts, oder vielmehr sie sagten etwas Anderes, so als ob sie zwar von dem selben Gegenstande, aber von einer anderen, fremden, gleichgültigen Seite des selben redeten. „Das Unendliche!“
So ergeht es dem jungen Törless, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem katholischen Internat, dem „Konvikt zu W.“, im kaiserlichen Österreich erzogen und unter­richtet wird. Gelehrt werden Worte und Formeln, aber er, der zwar „dem Stundenplan genügt“, doch „dabei leer“ bleibt und einen ungestillten „innerlichen Hunger“ fühlt, erlebt immer mehr und tiefer „ein Versagen der Worte“. Törless sucht „das Innerliche, Seelische“ und findet es nicht so, dass er es den Zweiflern oder Leugnern beweisen könnte. Stattdessen findet er sozusagen nur für sich „mitunter eine Kraft, die in keinem Physik­unter­richt ihren Platz hat“.
Seine Lehrer sind ohne Verständnis für sein Problem. Sein Mathematiklehrer etwa, den Törless in der ihm rätselhaften Sache des Parallelenaxioms (zwei Geraden seien vollkommen parallel, bis sie sich im Unendlichen doch plötzlich schnitten!) und der Imaginären und Irrationalen Zahlen um Rat fragt, erachtet die Bedenken seines Zöglings als „Über­sinn­liches“, als „eine eigene Sache“, als etwas „jenseits der strengen Grenzen des Verstandes Liegendes“. Und dieser Lehrer „weiß“ (nur weil er es auswendig gelernt hat!): „Was aber die Mathematik anlangt“, und hiebei betonte er das Wort Mathematik, als ob er eine ver­häng­nis­volle Tür ein für allemal zuschlagen wollte, „was also die Mathematik anlangt, ist es gewiss, dass hier auch ein natürlicher und nur mathe­matischer Zusammenhang besteht.“ Basta!
Bei Törless’ Eltern standen die Werke Kants (von dem „die Probleme der Philosophie endgültig gelöst seien und diese seither eine zwecklose Beschäftigung bleibe“) in einem Schrank unter Verschluss, der „wie das Heiligtum einer Gottheit“ geachtet wurde, „die man nur verehrt, weil man froh ist, dass man sich dank ihrer Existenz um gewisse Dinge nicht mehr zu kümmern braucht“.
Merke: nicht der ungreifbare, unvernehmlich fließende Geist ist wichtig, sondern die Ver­mehrung des irdisch Greifbaren. Die Form ist wichtig, auch wenn sie leer ist, das Geld ist wichtig, Geschäfte, der Sport, tote Wissenschaftswiederkäuung und -verschließung. Wer die Form, die äußere Fassade wahrt, der mag darhinter ruhig in viehischer Triebhörigkeit hausen, und keiner klagt ihn an. Der Geist hingegen ist stets eher verdächtig, „etwas über den Ver­stand Gehendes, Wildes, Vernichtendes“ zu sein, und steht schnell auf einer von ruchlosen Dies­seits­knechten aufgestellten Anklagebank.
Der österreichische Schriftsteller Robert Musil begann seine irdische Reise anno 1880 in Klagenfurt, und sie endete, nach Stationen in Berlin und Wien, im Jahre 1942 in Genf in der Schweiz. Das vorliegende Buch ‚Die Ver­wirrungen des Zöglings Törless’ erschien 1906 als des Schriftstellers Erstlingsroman und ist in hohem Maße autobiographisch, wie alle Romane, in denen der Geist entdeckt und gegen den Ungeist unseres tierischen Erbes, der Körperkultur und der Geldzeit dargestellt und gerechtfertigt werden soll. Und gerade dieser Recht­fert­ig­ungsversuch gerät hier in ein gefährliches Fahrwasser, denn Törless wird durch zwei seiner Klassenkameraden in etwas Bedenkliches hineingezogen, dem formalistische oder moralistische Leser dieses lupenreinen Geistromans gern das Hauptaugenmerk widmen. Basini, ein weiterer Mitschüler, ist von Törless’ Kameraden des Diebstahles überführt worden. Auf dies Wissen stützen die beiden Irregeleiteten ihre Erpressungen, Erniedrig­ungen, Vergewalt­ig­ungen Basinis, der aus Angst vor Verrat, Anklage und Hinauswurf aus dem Internat alle diese Schlechtigkeiten über sich ergehen lässt. Törless, der ja auch ohnehin nicht recht weiß, wo er in der Welt stehe, ist auch hier zunächst ohne Gewissheit. Als er aber zu ihr gelangt ist, entsagt er den Umtrieben seiner Kameraden und rät Basini, sich der Internatsleitung zu offenbaren. In der dardurch ausgelösten Untersuchung des Falles werden alle Schüler verhört. Törless – obwohl unter keinerlei Verdacht stehend – zieht es vor, sich dem zu entziehen, wird aber in einer Nachbarstadt gefunden und zurückgebracht. Nach seinen Motiven zu dieser Flucht befragt, hält er in seiner Verwirrung ein Plädoyer für Geist und Seele. Da seien „tote und lebendige Gedanken“, und ein Gedanke werde erst „in dem Moment lebendig, da etwas, das nicht mehr Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm hinzutritt, sodass wir seine Wahrheit“ empfänden. Törless bekennt sich zu „einem zweiten, geheimen, unbeachteten Leben der Dinge“, ja: zu „dem schweigenden Leben des Staubes“ und dass etwas in ihm beim Anblicke der Dinge lebe, wenn die Gedanken schwiegen.
Es wird befunden, dass Törless so hochgradig überreizt sei, dass der Aufenthalt in jenem Internat nicht mehr das Richtige für ihn sei. Er wird in die „Privaterziehung“ abgeschoben, wo „eine sorgsamere Überwachung seiner geistigen Nahrung“ durchgeführt werde.
Auch wenn dieser erstklassige Roman schon über hundert Jahre als ist, so ist er eingedenk derzeitiger Ent­wertetheit des Studiums durch halbwertige Bachelor-Studiengänge und etwa die Diskussionen um das „Turbo-Abitur“ dennoch brandaktuell. Der Student der Philo­sophie wird heute und heuer genau so, wie damals ausgelacht, weil diese noch immer als eine gewinnlose, „zwecklose Beschäftigung“ gilt. Dass ein Gewinn außerhalb zu zählenden Geldes möglich sei, ist der Majorität der Nach­fahren derer, die einst schrien: „Kreuzige ihn!“, un­denkbar. Non vitae, sed scholae et officio discimus.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden