"Ein abenteuerliches Buch. Voller Sehnsucht, voller Empathie, voller Verzweiflung und Gelächter."
(Mathieu Carrière in: Welt am Sonntag, 02.12.01)
"Es ist in der Tat so, dass man beim Lesen anfängt, die guten Sätze zu unterstreichen, und bald ist die Hälfte des Buchs unterstrichen, und dann schaut man sich die restlichen Sätze an und stellt fest, dass die eigentlich auch sehr gut sind."
(Oliver Fuchs in: Süddeutsche Zeitung, 17.7.2002)
"Den ersten richtig großen und tiefen Neid empfand ich, als ich Helge Timmerberg kennenlernte. Er war in meiner Generation der beste Schreiber Deutschlands und der freieste Mensch, den ich jemals getroffen habe."
(Sibylle Berg in: Allegra 1/1998)
Jeder hat mal von der Weltreise geträumt und meist ist es dabei geblieben - Helge Timmerberg hat es getan: Erleben Sie hautnah seine Abenteuer aus aller Welt und Sie werden froh sein, zuhause geblieben zu sein oder ihn beneiden - je nach dem ...
Autorenkommentar
Keine Zeit, bin schon wieder unterwegs ...
Über den Autor und weitere Mitwirkende
Der Journalist & Autor Helge Timmerberg
Helge Timmerberg, geboren 1952 in Dorfitter (Hessen), entschloß sich mit zwanzig im Himalaja dazu, Journalist zu werden. Seitdem schreibt er Reisereportagen aus allen Teilen der Welt - bisher mit Ausnahme der Fidschis und Australien. Nur Crew-Mitglieder der großen Fluglinien sind möglicherweise mehr unterwegs. Seine Wohnung nennt er Basis-Camp, und alle Ansätze des modernen Nomaden, ernsthaft seßhaft zu werden, schlugen bisher fehl. Er versuchte es in Marrakesch (drei Jahre), in Havanna (zwei Jahre) und Wien. Zur Zeit ist Berlin sein ständiger Abflugsort. Timmerberg schreibt für die wichtigsten Pressetitel der Republik, bisher u. a. in Tempo, Bunte, Süddeutsche Zeitung Magazin, Stern, Der Spiegel, Die Zeit, Bild, BZ, Elle, Playboy, Penthouse, Lui, Merian, Pur, Wiener, Wienerin, Allegra. Er testete für verschiedene Redaktionen so gut wie sämtliche Drogen, und war ein wichtiger Reporter des legendären Lifestylemagazins Tempo, bei dem er schon mal mit einer spektakulären Reportage über die Pornoindustrie aufgrund des erfolgten Verkaufsverbots in Bayern die Auflage verdoppelte. Helge Timmerberg ist aber nicht nur als Skandaljournalist bekannt geworden, sondern hat sich auch durch seine abenteuerlichen Reiseberichte einen Namen gemacht, die in jeder Hinsicht den ganzen Mann forderten. Von beidem zeugen die Stories in dem Buch dieses modernen Nomaden, der ohne Reisen nicht leben kann: "Tiger fressen keine Yogis."
Timmerberg ist das enfant terrible des deutschen Journalismus, der es schafft, in BILD und ZEIT gleichzeitig zu schreiben.
Der Autor über sich selbst "Mein Sujet ist die Reisereportage. Ich kann ohne Reisen nicht leben. Ich bin ein moderner Normade. Mein Vorbilder: Homer, Karl May, Hemingway, Hermann Hesse, Hunter S. Thompson, Elsa Sophia von Kamphoevener, Peter Scholl Latour. Meine Stärke: 'Catch the spirit'. Also den Geist einer Kultur, einer Stadt, eines Menschen erfassen." (H.Timmmerberg)
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Geldgruben (Auszüge)
(Deutsche Demokratische Republik)
Reportage über die Sicherheit von DDR-Banken direkt nach der Währungsunion. Nach Erscheinen der Geschichte kam es zu einer Serie von Banküberfällen in der DDR.
Es war eine Premiere: der erste Bankraub in der DDR nach der Währungsunion. Zwei maskierte und mit Pistolen bewaffnete Männer besuchten die Sparkasse Eldena im Kreis Ludwigslust und nahmen 65.000 Westmark mit. Einfach so.
Mich wundert das nicht. Mich wundert nur, daß sie dabei Tränengas versprühten. Das wäre nicht nötig gewesen. Auch die Pistolen nicht. Pure Show. Entertainment. Lust am Überfluß. DDR-Banken überfällt man nicht. Da streichelt man das Geld heraus. Weil DDR-Banken keine Banken sind, sondern Selbstbedienungsläden, Kulissen für den Heimatfilm.
Es fehlt an allem. Kein Panzerglas, keine Videoüberwachung, kein Sicherheitspersonal. Vor allem fehlt es an Bewußtsein. Man scheint nicht zu wissen, daß es auf dieser Welt auch böse Menschen gibt. Diebe. Kriminelle. Schwerverbrecher. DDR-Banken sind von einem anderen Stern. (...)
Ich übertreibe nicht. Ich habe es mir angesehen. Zehn Tage war ich zwischen der Ostsee und der tschechischen Grenze observieren. Und weil ich mich nicht auf meine eigene Wahrnehmung verlassen wollte, nahm ich einen mit, der was davon versteht. Ich gebe zu, ich hatte für diesen Job zunächst an einen Sicherheitsexperten aus dem westdeutschen Bankwesen gedacht. Aber die redeten durch die Bank Scheiße: von Tresoren, die zwar vor dem Krieg gebaut worden seien, aber noch in ausreichender Weise ihren Dienst täten. Sie beruhigten, wiegelten ab. Darum nahm ich mir einen ehrlichen Kriminellen, der früher in Banken gemacht hat, heute als Geschäftsmann auf dem Kiez arbeitet, einen Mann, der viele Namen hat. Sein Lieblingspseudonym ist Ramires. Dabei blieben wir. Und um es vorwegzunehmen: Ramires kam, sah und weinte. (...)
Er erzählte von einem Tresen, über den man aus dem Stand hüpfen könne, von einer einzigen älteren Dame dahinter, die ihn erschrocken angesehen habe, und von dem großen Geldschrank, neben dem sie saß. Es war eines jener vor dem Krieg gebauten Modelle, von deren Sicherheit mich westdeutsche Banker zu überzeugen versucht hatten. "Wertgelasse" nennt man sie in der DDR.
"Normalerweise", sagte Ramires, "wird in einem solchen Fall die Oma an den Stuhl gefesselt. Dann quält man den Tresorschlüssel aus ihr heraus. Das dauert gewöhnlich zwei Minuten. Aber geh rein, Alter, und sieh selbst."
Ich tat es. Und ich verstand, was Ramires mir sagen wollte. Niemand hatte es in dieser Bank nötig, eine Oma zu quälen: Der Schlüssel steckte bereits im Schloß. Im übrigen hatten sie, wie unsere Recherchen ergaben, in diesem Ort keine Polizei. Jedenfalls keine richtige. Nur so eine Art Hilfssheriff. Der wiederum hatte kein Auto. Er fuhr mit dem Fahrrad an uns vorbei, eine Milchkanne auf dem Gepäckträger. Die nächste motorisierte Polizeiwache ist 30 Kilometer entfernt. Motorisiert? Sie fahren Lada.
Wir fuhren die 30 Kilometer nach Rostock zurück und trafen dort tatsächlich einen tadellosen Polizisten. Er heißt Klück. Kurt Klück. Das ist kein Pseudonym. Er heißt wirklich so. Er ist der Leiter des Reviers und bestätigte unsere Befürchtungen. Ich kann ihn leider nicht im Original zitieren. Seine Sprache ist nicht die meine. Aber inhaltlich habe ich ihn verstanden: Ladas schaffen 135 Stundenkilometer, sofern nur ein Mann drin sitzt. Ab 145 fliegt der Motorblock vorn raus, die Karosserie bleibt einsam zurück. Und wenn, was zu befürchten ist, das Fluchtfahrzeug aus der BRD stammt und in Richtung Hamburg oder Lübeck verschwindet, können die westdeutschen Kollegen nur informiert werden, wenn man abends das Gespräch anmeldet. Am nächsten Morgen wird die Verbindung dann stehen. Telefonieren nennt man das in der DDR.
Sie haben keine Chance. Denn sie haben keine Erfahrung mit Schwerkriminalität. Und die Vorstellung, was passiert, wenn unsere ausgerasteten Junkies und von Kokain gepeitschten Pitbull-Züchter im ehemaligen Arbeiter-und-Bauern-Staat auflaufen, ließ uns erschauern. Sie werden wie hilflose Kinder im Garten des Bösen sein.
Wir wünschten Revierleiter Kurt Klück viel Glück, als wir gingen. Ramires war seltsam berührt. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß ihm ein Polizist leid tat. Mir ging es ähnlich. Und diese Stimmung hielt nicht nur an. Sie wuchs sich im Verlauf unserer Reise zu einer über das Thema hinauswachsenden Anteilnahme aus. Die ganze DDR tat uns leid.
Es ist ja nicht nur die westdeutsche Unterwelt, die in den Startlöchern hockt und frohgestimmt nach Osten blickt. Da gibt es noch ganz andere, und die meisten sind schon da: Vertretergesocks, Teppichverkäufer, Immobilienmakler, Ramschhändler, Parteipolitiker, und der Unterschied zwischen Bankräubern und manchen Gebrauchtwagenhändlern ist für mich nur graduell wahrnehmbar. Prinzipiell tun sie alle dasselbe. Plündern. (...)