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Wieder nimmt uns T. C. Boyle mit in seine Wahlheimat und dieses Mal lässt er die dichtbesiedelte Küste Südkaliforniens mit ihrer Hektik noch radikaler hinter sich, als er es in seinem letzten Buch „When the killings done“, das bei uns unter dem sperriger klingenden Titel „Wenn das Schlachten vorbei ist“ erschienen ist, getan hat. Wieder, und noch deutlicher, steht eine der Kanalinseln vor Santa Barbara, San Miguel, im Mittelpunkt.

Bei seinen Recherchen zum letzten Roman stieß er auf die Aufzeichnungen von weiblichen Mitgliedern der Familie Waters und Lester, die T. C. Boyle zu diesem historischen Roman inspiriert haben. Die Waters lebten zum Ende des 19. Jahrhunderts als Schafzüchter auf der kleinen Insel, die Lesters von 1930 bis 1942. Beide Ehemänner waren Kriegsveteranen, die sich im Ringen mit den unerbittlichen Naturgewalten selbst entkommen wollten. Im Mittelpunkt jedoch stehen die Ehefrauen, die sich auf sehr unterschiedliche, aber immer unterordnende Weise mit den Visionen ihrer Männer arrangieren. Die eine kürzer, die andere länger, viel länger. Die dritte Frau, die uns T.C. Boyle präsentiert, der seit Jahren beim Schreiben die Sichtweise der Frauen in dem Focus seines Schaffens stellt, ist noch ein Mädchen, die Stieftochter der Waters, und die hat es in sich. Wie sehr, erfahren wir nur im Zeitraffer, weil der Autor sie uns schon bald aus den Augen verlieren lässt, was mich hoffen lässt, dass Edith in einem künftigen Roman des Autors im Mittelpunkt stehen wird, das Potential dazu hat sie. Sie schert sich einen Teufel darum, was Männer wollen, auch wenn sie einige Federn lassen muss. Bleiben also Marantha Waters, die schwindsüchtige Ehefrau von Will Waters, die das Inselleben hasst, und Elise Lester, ein „spätes Mädchen“ und einst Bibliothekarin in New York, die Jahre später mit ihrem Mann Herbie auf die Insel kommt und die das Leben auf San Miguel liebt. Beiden ist jedoch gemein, dass sie, nicht zuletzt der Zeit in der sie lebten geschuldet, sich ganz und gar den Wünschen und Zielen ihrer Männer unterordnen. Diese Männer sind „Macher“, Pioniere, wie Amerika sie liebt, aber dennoch wirken sie stets verlorener als ihre Frauen. Das kann gutgehen oder nicht, aber weder Unglück noch Glück ist von Dauer in dieser Welt, nicht einmal in ihren entlegenen Winkeln. Was am Ende bleibt? Ein Setzkasten vielleicht, mit verstaubten Erinnerungen, so einem wie jener, der auf dem gelungenen Einband abgebildet ist.

Früher hat T. C. Boyle anders erzählt, spritziger, bissiger, skurriler, mit sich überschlagenden Einfällen und überschäumendem Humor, stets auch augenzwinkernd, ironisch, als ob immer noch der fantasiebegabte Schulschwänzer in ihm sein Unwesen treiben würde. Jetzt, mit bald 65 Jahren, scheint er ruhiger, abgeklärter und melancholischer geworden zu sein. Ich vermisse den alten Boyle, von dem ich kein Buch ausgelassen habe, aber den neuen, falls man das so plakativ ausdrücken kann, finde ich ebenso herausragend. Viele erfolgreiche Schriftsteller erheben mit zunehmendem Alter immer deutlicher den Zeigefinger, gerade so, als ob ihr Erfolg sie zu einer moralischen Instanz gemacht hätte (und nicht unbedingt ihr Verhalten). T. C. Boyle tut das nicht, es ist eher Demut, die aus seinen neuen Werken spricht, gepaart mit etwas Resignation in Hinblick auf die Menschlein, die doch nur so kurz existieren und gegenüber Zeit und Naturgewalten von vornherein früher oder später zum Scheitern verurteilt sind und sich trotzdem so wichtig nehmen.

Gleich geblieben ist seine wortgewaltige Fabulierkunst, sein Können, das im Minimalistischem genauso funkelt wie im Überbordenden. Das Buch ist, das wird ihm auch vorgeworfen, handlungsarm. Das ist es gewollt, den so ist San Miguel: Tagaus, tagein Wind, Sturm, Sand und immer dem heranrollendem Meer ausgesetzt, das an ihr nagt. Viel Arbeit, wenig Zerstreuung für die wenigen, die es dort aushalten. Die sonnigen, warmen Tage, die wir mit Ferien am Meer in Verbindung bringen, sind rar. Die Insel ersteht vor unserem Augen nicht durch wortgewaltige Beschreibungen, sondern durch die Kargheit der Sprache. Und dennoch dürfen wir sie aus zwei, eigentlich aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Die Insel ist immer gleich, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sie mit hassenden oder liebenden Augen betrachtet. Vermutlich ist es auch ein gewaltiger Unterschied, ob man krank oder gesund ist. Kranke können diesem winzigen Flecken im Meer auf keinem Fall gewachsen sein, zumal die Errungenschaften, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts bereits weit verbreitet waren, das Inselchen schon viel näher mit dem Festland verband, als das Ende des 19. Jahrhunderts der Fall sein konnte: Strom (Generator), Funk, Radio und Flugzeuge begannen die Abgeschiedenheit zu relativieren.

Insel gleich Paradies, diese Gleichung geht eben oft nicht auf. San Miguel ist heute ein Naturschutzgebiet, nachdem es viele jahrzehntelang überweidet und später für eine Weile auch militärisch genutzt wurde. Es ist T. C. Boyles Verdienst, sie nun vielen Menschen nahegebracht zu haben, die vermutlich niemals einen Fuß auf die reale Insel setzen werden. Was gut für die Natur ist. Man kann bei dieser Lektüre den Schafgestank riechen, das eintönige Essen verdammen, sich vor dem vielen qualvoll gespukten Blut ekeln, an den Männern der Insel verzweifeln, den ewigen Wind und Sand, Regen und Einsamkeit verfluchen und noch einiges mehr. Wer sich dabei bereits zu langweilen beginnt, sich angeödet fühlt oder eine innere Unruhe verspürt, für denjenigen ist dieses kleine Fleckchen Erde in der Realität sicher erst recht kein lohnendes Ziel. Es gibt immer noch Orte auf dieser Welt, wo man fast nur auf sich selbst trifft. Welcher Mensch unserer Zeit hält das denn noch aus?

T.C. Boyle hat mit „San Miguel“ einen dichten, phasenweise beklemmenden Roman geschaffen. Ein stilles, ruhiges Meisterwerk auf gewohnt hohem Niveau, das allerdings nicht jedem gefallen wird.
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am 8. September 2013
Ich konnte den täglichen Lammeintopf förmlich schmecken, den Wind um die Ecken heulen hören, die Schafsköttel drückten sich in die Sohle..eben ein echter T.C. Boyle
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am 16. März 2017
Die titelgebende Insel "San Miguel" ist die Heldin dieses Romans, der einen relativ kurzen Zeitraum um das Jahr 1888 herum und einen etwas längeren Zeitraum ab 1930 bis etwa 1942 thematisiert. San Miguel ist eine der der kalifornischen Küste vorgelagerten sogenannten Kanalinseln, karg in der Vegetation und zumindest heute unbesiedelt und gehört zum Channel Island Nationalpark. 1888 jedoch war das noch anders, und es ließen sich dort Rancher nieder, die die Insel mit Schafen beweideten.

Bereits in Boyles vorherigem Roman Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman war die Handlung auf zwei anderen Kanalinseln angesiedelt. Für San Miguel hingegen lagen Tagebuchaufzeichnungen zweier Frauen vor, die auf der Insel gelebt hatten: Marantha Waters und Elise Lester. Boyle scheint sowohl von der kargen Inselwelt als auch von diesen Aufzeichnungen so fasziniert gewesen zu sein, dass er das Material zu diesem Roman verarbeitet hat. Und so heißen denn auch die beiden Protagonistinnen in "San Miguel" Marantha Waters und Elise Lester.

Während Marantha allerdings nur für kurze Zeit auf der Insel ist und eher widerwillig, zieht es die frisch getraute Elise mit vollem Enthusiasmus dorthin. Die schwindsüchtige Marantha geht eher ihrem sehr bestimmenden Ehemann zuliebe mit, während Elise und Herbert sich aus vollem Eifer gemeinsam dafür entscheiden. Und so ist es auch erklärlich, dass Marantha nur etwa ein halbes Jahr auf der Insel bleibt, während Elise und Herbert es über ein Jahrzehnt schaffen und dort sogar eine Familie gründen. Dennoch gibt es - vor allem zum Ende hin wird das ersichtlich - Parallelen zwischen den beiden Frauen.

Die Leben beider Frauen berühren sich nicht, sie haben im Grunde keine Beziehung zueinander, ihre Schicksale werden in dem Roman in zwei voneinander durch eine kleine Episode, die Maranthas Tochter Edith betrifft, getrennten Hälften erzählt, und zwar jeweils komplett aus der Sicht der Frauen. Das ist auch durchaus etwas, was man kritisieren kann und ja auch kritisiert wurde: Dass Boyle im Grunde zwei Erzählungen geschrieben hat, die einfach in einem Roman hintereinander weg erzählt werden. Die einzige Verbindung besteht in einer der Nebenfiguren namens Jimmy, der sowohl als Junge als auch später als alter Mann auf San Miguel arbeitet. Aber - und das ist das Bemerkenswerte - gibt es noch eine weitere Verbindung, und zwar die Insel San Miguel selbst. Woraus T.C. Boyle auch gar keinen Hehl macht.

Schaut man sich Fotos der Insel an und Reisebeschreibungen, so wird man unweigerlich bemerken, dass Boyle sich sehr intensiv mit Vegetation und dem Leben auf dieser kargen Insel beschäftigt hat und dies in eine wunderbare Erzählweise zu verpacken versteht, die der Insel einen fast liebevollen Touch gibt. Er macht genau diese Insel zur Protagonistin und versteht es aber gleichzeitig, die Schwierigkeiten, denen die Frauen auf dieser Insel gegenüberstanden, zu vermitteln.

In einem Interview gab er auf Nachfrage zu, er schreibe zwar aus Sicht der Frauen, aber eben letztendlich doch über Männer. Das mag sein. Dennoch ist ihm das so gut gelungen, dass man sowohl Maranthas Abneigung genauso gut versteht wie Elises Liebe zu dieser Insel, die die Einsamkeit und das einfache Leben auf dieser Insel zu schätzen weiß. Anders als in manch anderem "Robinson-Crusoe-Romane" geht hier aber nicht der gesellschaftliche und politische Wandel an den Menschen auf dieser Insel spurlos vorüber. Denn dass Elise letztendlich scheitert an diesem Leben, liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass der Zweite Weltkrieg einen immensen Einfluss auf ihr Leben nimmt, als die Navy einen Stützpunkt auf der Insel errichtet, um die Aktivitäten der Japaner an der amerikanischen Westküste zu überwachen. Schon zuvor, als sie Besitzer eines Radios werden, halten die Nachrichten Einzug in ihre isolierte Welt, und alsbald wird die kleine Familie landesweit berühmt sein als Pioniersfamilie.

All das weiß T.C. Boyle in eine Erzählweise zu packen, die - da nun wirklich ausschließlich aus Sicht der Frauen erzählt - ohne Moral oder Kitsch und damit auch (Be-)Wertung auskommt. Und selbst am Ende, wo mancher (wie ich) vielleicht nicht umhin kann, ein paar Tränen zu verdrücken, ist es genau diese Art des Erzählens, die den Roman zu einem lesenswerten Stück Literatur macht.
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am 11. März 2014
Dieses Buch ist mein erstes von Boyle und ich bin hellauf begeistert, konnte es kaum weglegen. Ich bin begeistert über die Kunst über eine an sich langweilige Insel so spannend schreiben zu können und dazu noch aus Frauensicht. Ein durchaus lesenswertes Buch, dass ich ohne zu zögern weiter empfehle und es wird für mich nicht das letzte von Boyle sein...
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Durch den Roman „Die Frauen“ hatte ich einen neuen Autor entdeckt, dank der Hörbuchfassung von „San Miguel“ einen neuen Sprecher. Und auf Jan Josef Liefers möchte ich zuerst eingehen, bevor ich kurz auf den Inhalt zu sprechen komme.

In den Produktbeschreibungen ist zu lesen, dass der 1964 geborene Jan Josef Liefers als Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Musiker tätig ist. Und all das hört man, wenn er uns T.C. Boyles Geschichte zweier Familien auf der gottverlassenen Insel San Miguel erzählt. Denn weil er sich in die Charakteren der einzelnen Figuren versetzt, erweckt er sie zum Leben. Und wenn Liefers die wortgewandten Beschreibungen der absoluten Langeweile vorliest, dann macht er dies mit Zwischentönen, die wahrscheinlich nur ein Musiker trifft. Kurz: Als Sprecher von Boyles neustem Roman ist Jan Josef Lievers ist die Idealbesetzung.

Zum Inhalt: T. C. Boyle erzählt von zwei Familien, die real existierten, lässt diese aber in einem Raum agieren, den Boyle mit fiktiven Elementen gekonnt auflädt. Boyles-Kenner müssen sich allerdings daran gewöhnen, dass der amerikanische Autor in diesem Werk auf Inhalte verzichtet, die spannende Abenteuerroman auszeichnen. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen drei Frauen, die Boyle so bestechend charakterisiert, dass sie schnell zu lebendigen Figuren werden. Aber weit mehr als nur eine Nebenrolle spielt auch die Landschaft. Denn mit ihr müssen sich alle Personen auseinandersetzen, die in diesem Roman einen Auftritt haben. Die Rauheit und Öde dieser Insel werden zu Blaupausen menschlicher Nöte und Ängste. Und mit der Frage, wie sich auf einer solchen Insel das Glück finden lässt, baut T. C. Boyle einen tragenden Spannungsbogen auf. Mehr zu verraten, würde ihn allerdings zusammenbrechen lassen. Zudem gehen ja andere Rezensionen schon ausführlicher auf den Inhalt ein.

Mein Fazit: T.C. Boyle gehört zu den Schriftstellern, die so gut schreiben können, dass auch scheinbar Langweiliges spannend wird. Meine Rezension verstehe ich vor allem als Werbespot für die Hörbuchfassung. Denn Jan Josef Liefers ist der beste Beweis, dass Sprache und Musik in enger Verbindung stehen. Und weil er als Schauspieler und Regisseur auch weiss, wie sich Langeweile spannend inszenieren lässt, kommt nie der Wunsch auf, das Geschehen auf der Insel San Miguel zu verlassen, bevor die Geschichte der beiden Familien zu Ende ist.
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TOP 500 REZENSENTam 4. Juli 2014
Inhalt:
San Miguel, eine 35km² große, windgepeitschte Insel im Pazifischen Ozean: T.C. Boyle erzählt die Geschichte dreier Frauen, die von 1888 bis zu den 1940er Jahren auf der von der restlichen Welt abgeschnittenen Insel lebten, berichtet von ihren Wünschen und Träumen, von ihren Erfolgen und Enttäuschungen, von ihren Ängsten und Sorgen.

Mein Eindruck:
Ich habe bereits sehr viele Bücher von T.C. Boyle gelesen, mag seine Romane sehr gern, und auch 'San Miguel' hat mir insgesamt gut gefallen.

'San Miguel' lässt sich - wie vom Autor gewohnt - flüssig lesen, ist von Anfang an fesselnd und sprachlich anspruchsvoll. Ich konnte mir die Insel, die Protagonisten und die Ereignisse sehr gut vorstellen; die Charakterisierung der drei Frauen - Marantha, Edith und Elise - ist dem Autor sehr gut gelungen, auch die unterschiedlichen zeitlichen Epochen wurden meiner Meinung nach gut ausgearbeitet.

Oft hatte ich beim Lesen das Gefühl, ich wäre persönlich involviert und mit vor Ort. Vor allem die Geschichten um die an Tbc erkrankte Marantha und ihre Tochter Edith haben mir außerordentlich gut gefallen und haben 5 Sterne verdient. Leider hat mich der Abschnitt um Elise und ihren Mann Herbie vor allem im Mittelteil weniger mitreißen und begeistern können, obwohl auch hier der Einstieg sehr spannend war und mich das Ende sehr bewegt hat.

Insgesamt reicht es jedoch nicht für 5 Sterne, denn meiner Meinung nach bleiben zu viele Fragen offen und der Elise-Teil war mir bisweilen zu wenig fokussiert und zu ausufernd.

Mein Resümee:
Ein gelungenes Buch von T.C. Boyle, aber meiner Meinung nach nicht sein bester Roman.
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am 21. November 2014
«Romane sind wie Rockkonzerte: Entweder bringst du die Leute zum Tanzen, oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf». Wendet man dieses Zitat von T.C. Boyle auf seinen letzten Roman «San Miguel» an, werden wahrscheinlich eher die Bierdosen fliegen, zum Tanzen animiert das elegische Buch wohl kaum. Unter den Fans dieses Romanciers hat es jedenfalls einige Verwirrung ausgelöst, steht es doch wie eine einsame Insel alleine da im üppigen Werk des schreibfreudigen amerikanischen Autors, der für witzige Formulierungen, kreative Plots und skurrile Figuren gleichermaßen bekannt ist (oder war?). Altersweisheit und –milde sei der Grund für den Stilwandel, wird gemutmaßt. «Am schwersten fiel mir, dass mein Buch weder ironisch noch lustig ist» hat der heute 66jährige Boyle geäußert, «Ich wollte sehen, ob ich das kann. Ich hätte tolle Szenen schreiben können, aber ich wollte nicht. Ich wollte, dass alles strikt an den historischen Hintergrund und die Insel gebunden ist. Es geht um San Miguel, diesen bedrohlichen Ort».

Gestützt auf gründliche Recherchen beschreibt der Autor in den drei nach seinen Protagonistinnen benannten Teilen des Romans aus spezifisch weiblicher Sicht das karge Leben auf einer einsamen Insel, im Pazifik vor Santa Barbara in Kalifornien gelegen. Die schwindsüchtige Marantha folgt 1888 ihrem Will auf die Insel, die reine Luft dort würde ihr gut tun, hat er versprochen. Sie hat ihr ganzes Geld hergegeben, er verspricht sich von der dort betriebenen Schafzucht ein gutes Geschäft. Aber schnell wird klar, daraus wird nichts, und für sie und die Stieftochter Edith ist die Insel auch nicht das versprochene Paradies, es ist die Hölle. Beide sind schon bald nur noch von dem einen Wunsch beseelt, der rauen Natur und den primitiven Lebensverhältnissen dort zu entfliehen, aufs Festland zurückzukehren, in die Zivilisation. Als Marantha stirbt, zwingt Will die noch minderjährige Edith, weiterhin mit ihm auf der Insel zu leben, er braucht sie für den Haushalt. Nach einigen gescheiterten Versuchen gelingt Edith schließlich die Flucht, sie strebt eine Karriere als Künstlerin an, wie es ihr ergeht dabei erfahren wir leider nicht. Im dritten Teil übernehmen vierzig Jahre später Elise und ihr Mann die Pacht der Insel, sie bekommen zwei Kinder und leben in deutlich besseren Verhältnissen, die ihnen der technische Fortschritt ermöglicht. Ihr Glück aber währt nicht lange, die Weltwirtschaftskrise und der zweite Weltkrieg bedrohen ihre Idylle, und als Ediths Mann nach einem Unfall depressiv wird und Selbstmord begeht, kehrt sie desillusioniert von einer ihr fremd gewordenen öden Insel aufs Festland zurück.

Geschichten von wagemutigen Pionieren in menschenfeindlicher Natur, der amerikanische Traum also, hier in Form einer auf wahren Geschehnissen basierenden Robinsonade, sind so ganz nach dem Geschmack des Lesepublikums jenseits des Atlantiks. Boyle lässt seine beiden Männerfiguren scheitern, und er erzählt von den tapferen Frauen, die dem stets drohenden Unheil die Stirn bieten, so gut sie eben können. Die Handlung folgt keinem kontinuierlichen Ablauf, sie ist kapitelweise in Einzelszenen gegliedert, die aneinandergereiht jeweils bestimmte Ereignisse fragmentarisch erzählen. Der für Boyle ungewohnt nüchterne Sprachstil ist fast pathetisch, seine Geschichte aber bleibt ohne Spannung und Höhepunkte. Viel wird erzählt, wenig passiert, wobei die gekonnt beschriebene, reizlose Natur der überweideten, baumlosen Insel stets im Mittelpunkt steht, aber irgendwann wird es dann doch langweilig für den Leser. Besser gelungen sind die Beschreibungen der Figuren, deren Innenleben nachvollziehbar und glaubhaft dargestellt ist, ohne wirklich emotionale Tiefe allerdings. Ein historischer Roman, der mich nicht hat überzeugen können, ohne dass ich deshalb nun gleich zum Bierdosen-Werfer werde.
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am 26. August 2013
Der Schreibstil T.C. Boyles hat sich verändert. Waren die ersten Romane des 1948 geborenen amerikanischen Autors wie „Wassermusik“ oder „Grün ist die Hoffnung“ Anfang der 80er-Jahre noch geprägt von skurrilen Figuren sowie unglaublich witzigen Einfällen und Formulierungen, erzählt er seine Geschichten heute eher auf eine ernstere, seriösere Weise – wie in seinem neuesten Roman „San Miguel“.

Gegen diesen Wandel ist im Grunde nichts einzuwenden, und doch geht man als alter Boyle-Fan möglicherweise mit einer falschen Erwartungshaltung an seine Bücher von heute heran. Eines ist jedoch geblieben: Boyle verwendet für seine Romane oft historische Vorbilder. In „San Miguel“ sind es drei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf der ansonsten unbewohnten kalifornischen Insel San Miguel gelebt haben: Den Anfang macht die schwindsüchtige Marantha, die 1888 mit ihrem herrschsüchtigen Mann Will, der dort von der Wolle von 4000 Schafen leben will, auf die Insel kommt. Die gute Luft, so glaubt er, werde sie heilen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Marantha geht es immer schlechter, und sie erträgt die raue Situation auf der Insel nur äußerst schlecht.

Der zweite Teil widmet sich der Adoptivtochter des Paares, Edith. Weil sie noch nicht volljährig ist, zwingt Will sie nach Maranthas Tod, ebenfalls mit ihm auf der Insel zu leben. Doch sie setzt sich mit allen Mitteln zur Wehr und plant die Flucht. Erst Elise, die viele Jahre später mit ihrem Mann auf die immer noch unwirtliche Insel zieht, scheint dort ihr Glück zu finden …

Das Buch leidet ein wenig darunter, dass bereits im Klappentext sehr viel von der Handlung vorweggenommen wird. Zwar bleibt es so immer noch lesenswert für historisch oder an besonderen Frauenschicksalen interessierte Leser, allerdings fehlt die Spannung weitgehend. „San Miguel“ ist ein stilsicher geschriebener Roman, dessen Erzählstrom stetig und ruhig dahinfließt, ohne die ganz großen Höhepunkte zu bieten. Man ist niemals versucht, ihn beiseitezulegen, aber manchmal wünscht man sich denn doch die alte Boylesche Fabulierlust zurück.
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am 5. Juli 2015
Schwaches Buch von Boyle, großartig gelesen von Jan Josef Liefers. Dessen Stimme ist so unglaublich facettenreich, dass “San Miguel“ trotz der zusammengestückelten Story ein kurzweiliges Hörvergnügen während langer Autofahrten war.
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am 24. Juni 2015
Im Jahr 1888 bringt Will Waters, ein Bürgerkriegsveteran, seine schwindsüchtige Frau Marantha auf die Insel San Miguel vor der kalifornischen Küste. Will erhofft sich dort die Genesung seiner Frau. Die beiden werden von ihrer Adoptivtochter Edith begleitet, die unter Wills Strenge leidet und versucht, ihm zu entkommen. Jahre später zieht Herbie Lester, ebenfalls ein Kriegsveteran, mit seiner Frau Elise von New York nach San Miguel. In Zeiten der Wirtschaftskrise werden die beiden von der amerikanischen Presse als Inbild einer starken Pionierfamilie gefeiert, doch hinter ihrer schönen Fassade zeigen sich bereits erste Risse.

T.C. Boyle zeichnet in seinem Roman San Miguel das Schicksal dreier Frauen, die auf der einsamen Insel versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen und ihr Glück zu finden. Boyle charakterisiert die Frauen sehr eindrücklich, so dass ich schnell das Gefühl hatte, lebendige Figuren in ihrem Leben zu begleiten. Alle Frauen müssen sich den Visionen ihrer Männer unterordnen und versuchen sich damit zu arrangieren. Die Ehemänner werden als Pioniere dargestellt, die dem amerikanischen Traum hinterherjagen. Die Handlung bietet keine besonderen Höhepunkte sondern ist eher eine Charakterstudie, trotzdem ist der Roman flüssig und spannend zu lesen.

Die heimliche Hauptfigur des Romans ist aber die namensgebende Insel San Miguel. Auf der Insel gibt es nur ein verfallenes Haus und eine ganze Menge Schafe. Durch die Kargheit in der Sprache wird die Insel gleichermaßen beschrieben, denn neben der Arbeit mit den Schafen gibt es nichts zu tun. Die Insel ist dem harten Wetter ausgesetzt und bietet nur wenige sonnige Tage. Obwohl die Geschichte immer auf derselben Insel spielt, betrachtet der Leser sie immer wieder aus einem anderen Blickwinkel. Es macht einen großen Unterschied ob man sie aus dem Blickwinkel der kranken Marantha betrachtet, die dem einsamen und entbehrungsreichen Leben nicht viel abgewinnen kann, oder durch die Augen einer anderen Frau, die auf der Insel scheinbar ihr Glück gefunden hat.

Boyle orientiert sich in seiner Geschichte an wahren Begebenheiten, denn über beide Familien liegen Dokumente vor, die ihr Leben auf San Miguel beschreiben. Durch die präzise und wortgewandte Sprache des Autors werden historische Geschehnisse wieder zum Leben erweckt und mit der Fiktion des Autors verbunden.

Mit seinem Roman San Miguel gelingt Boyle eine Charakterstudie dreier Frauen, die stilistisch sehr gut gelungen ist, dabei aber keine wirklichen Höhepunkte bietet. Besonders gefallen hat mir die Darstellung der Insel, die auch immer wieder das Innenleben der Figuren spiegelt und die eigentliche Hauptfigur des Romans ist. Leider wird im Klappentext des Buches meiner Meinung nach zu viel der Handlung bereits vorweggenommen, weshalb es für mich etwas gedauert hat, bis Spannung aufgekommen ist.
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