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On the Rocks: Leben an den Fingerspitzen Gebundene Ausgabe – März 2005

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Stefan Glowacz, geboren 1965, lebt in Garmisch-Partenkirchen, ist Vater von Drillingen und zum zweiten Mal verheiratet. Er ist Deutschlands erfolgreichster Wettkampfkletterer und gewann dreimal den Kletterwettkampf »Rock Master«. Im November 2005 bezwang er zusammen mit Robert Jasper die Murallón-Wand in Patagonien. Glowacz spielte eine Hauptrolle in Werner Herzogs Film »Schrei aus Stein« und schrieb mehrere Bücher. Weiteres zum Autor: www.glowacz.de

Ulrich Klenner, geboren 1955 in Memmingen, arbeitet als Journalist für den Bayerischen Rundfunk. Er hat mehrere Drehbücher geschrieben, darunter auch die Vorlage zu »Schrei aus Stein«.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog
»Oh wie schön ist Kanada«

Den Beginn der Expedition hatten wir auf exakt sechs Uhr morgens festgelegt. Ich war pünktlich. Immer schon hatte ich von Kanada geträumt, von einem wilden Land, in dem es nur eine einzige Grenzlinie gibt: den Horizont. Wochenlang hatte ich mich vorbereitet, Proviant hinter dem Schrank gehortet, die Ausrüstung zusammengestellt, mit meinem Partner wieder und wieder die Route diskutiert. Und ich war pünktlich. Wer jedoch fehlte, war mein Partner. Ich wartete und wartete. Auf der Terrasse. Hansi und seine Eltern wohnten in der Wohnung über uns. Hansi kam nicht. Da war nichts zu machen. Irgendwie Schicksal, irgendwie in Ordnung. Die Zeit war noch nicht reif. War ja auch noch früh am Morgen. Ohne Bedauern drehte ich mich um, kletterte durchs Fenster zurück ins Kinderzimmer, legte mich wieder ins Bett – und träumte weiter von Kanada ...
Mehr als zwei Lebensjahrzehnte später war es endlich soweit. Ich saß um Ufer eines Flusses im Land meiner Träume. Wilde Wälder, Weite, prima Gefährten. Wir waren auf dem Weg zum Mount Harrison Smith. Ein Ziel, das wir uns selbst gesetzt hatten und aus eigener Kraft erreichen wollten. Der Horizont war tatsächlich die einzige Grenzlinie. Und da spürte ich es, vom Kopf bis in die Zehenspitzen: das Glück. Ich war angekommen, wo ich immer schon hinwollte. Ganz bei mir.
Das Ziel ist das Ziel. Aber der Weg ist mir ebenso wichtig. Vor allem will ich Weg und Ziel selbst wählen können. Und den Weg will ich aus eigener Kraft gehen, das Ziel aus eigener Kraft erreichen. Darin bin ich sehr ehrgeizig. Und das verstehe ich unter Freiheit. Bei einer sportlichen Herausforderung, die mich an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit führt, spüre ich, wie sich mein seelischer Turbolader zuschaltet, angetrieben von einem explosiven Gemisch aus Adrenalin, Endorphinen und namenlosen Glücksdrogen körpereigener Produktion. Mehr Doping brauche ich nicht, um auf Touren zu kommen. Ein noch größerer Kick ist es freilich, wenn ich in einer Welt unterwegs bin, in der die von Menschen gesetzten Normen, Konventionen und Regeln keine Bedeutung mehr haben, weil es nur noch um übergeordnete Gesetzmäßigkeiten geht – um das Gesetz der Schwerkraft etwa, um die Diktatur von Wind und Wetter, um das Überlebensnotwendige, um die Gewißheit, sich blind auf andere verlassen zu können. Und um die Herausforderung, die Summe aller Fähigkeiten und Erfahrungen punktgenau abrufen zu können, wenn das Leben einmal nur noch an den Fingerspitzen hängt. Teil zu sein im freien Spiel der Kräfte, die unumstößlichen Regeln beachten, ohne sich von ihnen unterjochen zu lassen, nicht zu wissen, wie das Spiel ausgehen wird, aber alles zu geben, um es zu gewinnen, das nenne ich Leben. Und wenn ich dieses Leben lebe, dann lacht mir das Herz im Leib. Allerdings bin ich kein Glücksspieler, ich würde mich als Expeditionskletterer und Hochleistungsabenteurer charakterisieren.

Es ist viel passiert in den letzten Jahren. Vom Drehbuch des Lebens bekam ich Rollen zugewiesen, die ich freiwillig nie gespielt hätte. Obwohl ich viel lieber Regie geführt hätte, konnte ich manchmal nur noch reagieren. So stand ich auf einmal vor den Trümmern eines Lebenstraums – des Traums von einer Familie, für die ich verantwortlich bin und die auch für mich durch dick und dünn geht. Es ist mir, dem Vater der Drillinge Nadine, Tim und Ben, nicht gelungen, diesen Traum zu leben. Das betrachte ich als persönliche Bankrotterklärung. Die Jahre 1999 bis 2002 waren für mich die schlimmsten, aber auch intensivsten und erkenntnisreichsten meines bisherigen Lebens. Auch deshalb entstand dieses Buch. Es ist eine Art Zwischenbilanz, eine Positionsbestimmung, der Versuch einer Selbstvergewisserung.
Vor allem jedoch soll es ein Lesebuch sein für Kletterer, »armchair traveller« und Grenzgänger im Geiste, für Naturfreunde, Liebhaber der Wildnis und Bergmenschen aller Art. Kurz: für alle, die den Ruf hören ...


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am 23. Januar 2006
Format: Gebundene Ausgabe
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