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Muss die Geschichte ein gutes Ende haben?: Lyrik und Prosa der Regensburger Schülerakademie (Edition kreatives Schreiben, Band 3) Taschenbuch – 13. Oktober 2016


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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Barbara Krohn, geboren 1957 in Hamburg, lebte vier Jahre in Neapel, seit über zwei Jahrzehnten in Regensburg; arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Veröffentlicht Lyrik, Erzählungen, Romane, Krimis und literarische Essays. Im KernVerlag veröffentlicht sie in der »edition kreatives schreiben« ausgewählte Texte.

Auszug aus dem ersten Kapitel. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vogel unter Fischen

Der letzte Schritt. Ich balanciere auf einem Bein, meine Zehen sind um den Rand des äußersten Bretts gebogen. Die Nägel habe ich heute Mittag in Apricot lackiert, sie wirken so sauberer. Meine Haut ist ein weißes Tuch auf dem Holz, das unter meiner Sohle splittert und sticht.

Ich habe absichtlich gewartet, bis die anderen zurückgehen, habe sie sogar begleitet und mich verabschiedet. Aber ich bin nicht barfuß über den heißen Teer nach Hause geschlendert wie sonst, sondern bin noch einmal hergekommen zum Fischteich, wie ich den See im Stillen nenne.

Hinter mir flicht sich der Abend als Sonnenstrahl und Vogelgezwitscher geduldig in den Wald. Die Wärme, die sich über den Tag in der Luft angesammelt hat, wird sich bald zu kühlem Wind verflüssigen und dann werde ich frieren, denn auch mein Körper ist heiß von der Sonne und diese Hitze ist, anders als die Wärme in der Luft, nur ein Gefühl, eine Laune, die sich jeden Moment wandeln kann. Doch das kümmert mich nicht. Ich sehe den Abend im Wald nicht, ich mache mir keine Sorgen wegen dem Wetter. Auf dem Rasen vor dem Steg liegt mein Handtuch und daneben ein Kleid, das wird reichen für den Weg nach Hause.

Meine Sachen sind die einzigen, die noch im Gras warten. Die kleine Wiese zwischen Wald und See ist in unregelmäßigen Abständen plattgedrückt von Decken und menschlichen Körpern, aber um diese Uhrzeit ist niemand mehr da. Die anderen haben heute Nachmittag an diesem Steg gelacht und gespielt und sind um die Wette geschwommen. Ich war im Schatten, mit einem Buch, habe ab und zu auf das aufspritzende Wasser geblickt; jetzt jedoch ist die Wasseroberfläche wie Glas, der ganze See eine Vitrine, in der seine Innereien blank geputzt und leblos daliegen.

Ich stehe genau an der Grenze zwischen dem im Wald zusammengezogenen Abend und der absoluten Stille über dem See, die mir viel älter scheint als die ganze Welt. Lärmende Badegäste sind hier nur Sekunden. Ich suche mit den Augen nach dem Boot, das einige Meter entfernt bei den alten, halb versunkenen Stegen auf seinem eigenen Schatten steht. Es ist wie ein unheilvoller Thron. Wenn ich es bis dahin schaffe, kann ich ausruhen und stolz auf mich sein, doch ich weiß nicht genau, wie tief das Wasser wird. Ich bin eine miserable Schwimmerin. Bevor ich es richtig gelernt hatte, ist der Unfall passiert, und seitdem fürchte ich mich vor dem Wasser. Die anderen ziehen mich oft damit auf, deswegen komme ich nur manchmal zu diesem See. Er ist mir unheimlich, und seine Günstlinge verspotten mich.

Was tue ich hier nur?

Die Berge am anderen Ufer verblassen im Nebel. Ich muss mich beeilen. Das Wasser ist bestimmt schon eisig, und noch ist mir warm. Warm und schlecht vor Angst. Ich stelle mir vor, wie das Wasser sich um mich schlingt, sich mich einverleibt, ganz still. Wie ich langsam ersticke. Die kleine Schlammwolke, die aufblüht wie eine zarte Blume, wenn ich am Boden aufkomme, und sich dann über mein schattenblasses Gesicht senkt. Das wallende Haar.

Meine Bauchdecke ist steinhart vor Anspannung.

Noch haben sich meine Zehen nicht von den Brettern gelöst. Ich entdecke feuchte Holzpartikel, die an den Kanten meinen Füßen kleben, beobachte eine Libelle im Schilf. Vielleicht wäre es besser, morgen zurückzukommen und in der Zwischenzeit einen Badeanzug zu kaufen. Ich habe keinen. Später werde ich erklären müssen, warum meine Unterwäsche nass ist und mein Haar.

Wenn ich es tue.

Im Kopf höre ich das Gelächter der anderen im Wasser, das Gelächter, das zugleich fröhlich und spöttisch ist, weil ich als einzige unter lauter Fischen ein Vogel bin. Während sie schwimmen, sitze ich in einem Baum und sehe zu. Wenn sie plötzlich auftauchen und mich entdecken würden, den Vogel, der in ihrem Fischteich wenigstens eine Ente sein will, würden sie wieder lachen, und ich schäme mich, obwohl ich alleine bin mit mir, die ich mich doch verstehen müsste. Weit weg von allen Fischen, aber wieder nur der Vogel.

Nein. Diesmal nicht. Mit einem letzten zischenden Atemzug trinke ich die Stille in mich hinein, voll Trotz. Meine Zehen lösen sich vom Steg, die Flügel fallen ab.

Ich springe.


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