Am höchsten bewertete kritische Rezension
1,0 von 5 SternenGut einzuordnen in den Bereich Esoterik, hat mit seriöser Wissenschaft jedoch nichts zu tun.
Rezension aus Deutschland vom 23. November 2013
In dem Buch „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ von Heinz-Jürgen Voss, welches gleichzeitig die Diss. des Autors ist (oder zumindest ein Teil davon zu sein scheint nach meinen Recherche-Ergebnissen), wird das Thema Geschlecht behandelt – genauer gesagt möchte der Autor, sich berufend auf Konzepte aus dem Poststrukturalismus, wobei theoretischer Konstruktivismus, Dekonstruktion, Diskursanalyse, feministische Wissenschaftskritik und Systemorganisationstheorie den Hintergrund bilden, die gesellschaftliche, der Meinung des Autors nach strikt in männlich und weiblich unterteilende Ansicht hinterfragen. Auf einer der anfänglichen Seiten des Buches informiert der Autor darüber, dass die Diskursanalyse dabei sein wissenschaftliches Instrument sein wird. Hier fängt es jedoch an sehr problematisch zu werden!
Denn Voss' Annahme von einer gesellschaftlichen, strikten 'Männlich-Weiblich-Unterteilung', dies stellt gleichzeitig einen der größten seiner Kritikpunkte dar, ist letztendlich eine klassische Strohmann-Argumentation, so als wenn der heutigen Gesellschaft, zumindest hier in Deutschland, nicht bewusst wäre, dass Transsexuelle, feminin wirkende Männer und maskulin wirkende Frauen, etc. existieren. Der kritische Leser wird sich an dieser Stelle vermutlich denken, dass die Tatsache, dass man fast jede Person (warscheinlich 99,5%) recht problemlos phänotypisch einordnen kann, zu der geringen Bedeutung führt, die entsprechende Zwischenfälle im Alltag haben und aller Warscheinlichkeit nach werden diejenigen, die nicht unter einer massiven Wahrnehmungsstörung leiden, nicht leugnen können, dass entsprechende Zwischenfälle eine Mischung der beiden Geschlechter darstellen, anstatt ein drittes oder viertes, etc.
Was das Ergebnis der Diskursanalyse anbelangt, so kommt das Buch in diesem Punkt zu keiner Klarheit. Einerseits scheint die Ermittlung der gesellschaftlichen Trennlinie zwischen Mann und Frau Ziel zu sein, andererseits wird aber biologisch versucht zu erklären wie die Geschlechter entstehen. Die hierbei vorliegende Problematik ist die, dass der Autor sich im Bereich des Poststrukturalismus bewegt, der an sich keine Fakten akzeptiert und damit auch keine biologischen Ergebnisse aus der Biologie, die wiederum ihrerseits versucht Gesetzmäßigkeiten und Funktionsweisen (somit Fakten) durch Forschung zu ermitteln und zu verstehen – der Anspruch des Autors diese zwei sich diametral gegenüberstehenden Positionen in Einklang zu bringen erscheint daher absurd. Hier entwickelt sich nämlich eine weitere große Schwäche dieses Buches gleich in zwei Richtungen:
Zum einen, wenn man in der Denkweise verbleibt, dass biologische Forschung „vergesellschaftlicht“ ist und somit sowas wie Fakten nicht präsentiert werden können, weil Fakten eben nur gesellschaftlich konstruiert sind (der Autor ist nämlich offenbar nicht im Stande zu differenzieren, dass eine Diskursanalyse nur ermitteln kann, wie Fakten und zu welchem Zweck sie präsentiert werden, welche weggelassen werden oder welche Meinungen zu Fakten deklariert werden, etc., jedoch Fakten bzw. angebliche Fakten dabei nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können.), so kann man die Meinung, dass es eine große Vielzahl an Geschlechtern gibt eben nicht als Fakt präsentieren, sofern man nicht in einen performativen Widerpruch geraten möchte.
Zum anderen, wenn man sich in der biologischen Denkweise bewegt und Biologie einen biologischen Ursprung haben soll, und somit auch die Geschlechter (egal, ob 2, 3, 4 oder mehrere 100 Geschlechter), „vor-diskursiv“ wäre hier das Schlagwort, ist die Diskursanalyse von Geschlecht ohnehin obsolet. Genauso wenig kann beispielsweise eine Diskursanalyse etwas über die Existenz und Entstehung des Mondes aussagen – es ist hierbei vollkommen irrelevant, welche Bedeutung dieser Himmelskörper für entsprechende Kulturen hatte, welchen Namen man ihm gab, etc.
Die ersten beiden Kapitel des Buches (sie bilden den Großteil) kranken bereits an dieser Problematik erheblich. Es werden historische Überlieferungen verschiedener Geschlechter-Theorien dargeboten, deren Zweck es zu scheint einen Beweis zu bemühen, dass es keinesfalls so war, dass schon immer zwei Geschlechter existierten. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass diese diversen Theorien und Überlieferungen nur unzureichend abgehandelt werden, eine tiefergehende Beschäftigung mit ihnen erfolgt nicht – es ist eher die Fülle an Geschichten, die zu dem Umfang des Buches führt. Ein Beispiel, früher wurden die Frauen als minderwertig angesehen – der Autor begründet allerdings an keiner Stelle nachvollziehbar, was diese Tatsache mit der auch schon früher problemlosen Unterscheidung der beiden Geschlechter zu tun hatte (von Ausnahmen abgesehen).
Eine der interessantesten Stellen des Buches hätte der Teil über die modernen Theorien zu pränatalen Hormonen sein können.
Zitat (Seite 232):
„Die konkurierenden Theorien vertraten die Auffassung, dass ein neugeborenes Kind nicht geschlechtlich neutral sei. Androgene (als männlich betrachtete Geschlechtshormone) sollen bereits pränatal, zumindest sehr früh postnatal, vor allem im Gehirn wirksam sein, so dass eine geschlechtsspezifische (männliche) Konstituierung erfolgt. (…) Nun standen vermeintlich pränatal bzw. früh postnatal, insbesondere auf das Gehirn des Embryos wirkende Hormone im Mittelfeld der Betrachtungen. Heute (Ende des 20., Anfang des 21 Jhd.) dominieren in diskursiven Postulaten binärer geschlechtsspezifischer Konstituierung des Gehirns.“
...noch einige wenige weitere Sätze, die daraufhin folgen, jedoch auch nichts wirklich Substantielles aussagen und damit hat der Autor auf ca. einer halben Seite die moderne Theorie zu pränatalen Hormonen abgehandelt!
Der Autor schlussfolgert (kurz inhaltlich wiedergegeben):
'Biologisch-medizinische Theorien über Geschlecht sind in der Gesellschaft eingebunden und entwickeln sich entsprechend zusammen mit der Gesellschaft, sie verändern sich mit der Entwicklung von Wissenschaft u. Gesellschaft und sind auch abhängig von der Technik.'
Es ist schwer als Leser, der dieses Buch aus der Amazon-Kategorie „Gesundheit & Medizin“ erworben hat und somit eine seriöse wissenschaftliche Arbeit erwartet hat, sich hierbei nicht in der Intelligenz beleidigt zu fühlen, doch werden sich sicherlich auch weitere kritische Leser fragen, was an dieser Erkenntnis neu oder bahnbrechend sein soll, und warum man eine ganze Dissertation benötigt, um zu dieser einfachen, lange bekannten Einsicht zu kommen.
In Kapitel 3 scheint es dann endlich interessant zu werden. Hier lenkt der Autor auf die Thematik der Gene & Chromosomen, doch wer jetzt glaubt hier etwas zu finden, was in irgendeiner Form Klarheit verschafft, wird enttäuscht werden.
Dass die Geschlechts-Entstehung u. -Ausbildung sehr komplex ist und hierbei die ganzen Prozesse noch nicht in ihrer Gänze verstanden sind, dürfte jedem Biologie-Studenten klar sein – im Wesentlichen scheint auch das das Ziel des Autors zu sein, zu demonstrieren, dass auf diesem Gebiet noch mehr Forschung nötig ist.
Der Autor schlussfolgert nach der Gen-Abhandlung dann Folgendes:
„Für die zentrale Frage der Geschlechtsentwicklung ergeben sich die Folgerungen: Es reicht nicht aus, Chromosomen und Gene als beteiligt an der Geschlechtsentwicklung auszuweisen, sondern es gilt zu betrachten und zu untersuchen
1. durch welche – auch äußere – Faktoren und Prozesse einzelne Gene im spezifischen Gewebe im bestimmten Maße exprimiert werden
2. welchen Prozessabläufen die Produkte von Transkribtion und Translation unterliegen und
3. welche Bedeutung anderen molekularen Komponenten als Genen zukommen. Außerdem ist
4. die Abkehr von der Voraussetzung binärer Geschlechtlichkeit in Forschungsfragen und Methoden nötig“
Da es sich bei dem 1. Punkt auch um das Zusammenspiel von Genen und Hormonen handelt, wie im Buch nachzulesen ist, kann man hier im Grunde genommen dem Autor nur wärmstens empfehlen sich in Zukunft intensiver mit modernen Theorien im Bezug auf Hormone auseinanderzusetzen. Was den 4. Punkt anbelangt, so erschließt sich die Herleitung dieses Punktes allein aus der Tatsache, dass diese Thematik insgesamt sehr komplex ist und noch sehr viele Unklarheiten herrschen, keineswegs, zumal die problemlose Klassifizierung fast aller Menschen in Mann und Frau im Alltag davon nicht berührt wird. Es führt auch kein einziges Argument des Autors näher aus, warum man aufgrund der Komplexizität der Gen-Thematik, die übrigens schon lange bekannt ist, plötzlich leugnen sollte, dass bei über 99% Penis oder Vagina bei der Geburt problemlos erkennbar sind und warum irgendwelche mehr als 2-geschlechtlichen, vertheoretisierten, alltagsuntauglichen, aber vor allem naturwissenschaftlich eben keinesweges vernünftig fundierten Geschlechtsmodelle Anwendung finden müssten.
Es drängt sich spätestens an dieser Stelle des Buches insgesamt der Eindruck auf, dass die Forschung, es handelt sich ja hier um eine Dissertation, nicht nach dem Muster abgelaufen ist, dass man einige Vermutungen angestellt hat und dann im Verlauf der Forschung zu bahnbrechenden und interessanten Erkenntnissen gekommen ist, sondern, dass von vornherein eine starre und ideologisch-basierte Meinung feststand und, um diese aufzuwerten, selektiv Informationen aus der biologischen Forschung verwendet wurden.
Eine offensichtliche Aversion des Autors gegen Theorien im Zusammenhang mit Hormonen wird auch an folgender Stelle in gewisser Weise deutlich (S. 306):
„Für die Geschlechtsentwicklung wurden Interaktionen zwischen Embryo und maternalen Einflüssen bereits zu Beginn dieses Kapitels angedeutet. So erfolgte die als geschlechtlich bedeutsam angenommene Testosteron-Produktion zunächst angeregt durch das maternale Hormon Choriongonadotropin (hGG) (vgl. S. 243) solche Interaktionen gehören zu den Bedingungen, die die Embryonalentwicklung erst ermöglichen, und sie sind auch für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam.“
Die geschlechtlich signifikante Testosteron-Produktion wird jedoch, wie bereits aufgezeigt, in dem Buch nicht weiter thematisiert. Wozu auch, wenn es um die Entwicklung des Geschlechts geht? Es geht auch unter, dass neben der Mutter auch der männliche Fötus selbst Testosteron produziert. Soweit mir bekannt ist, werden bis zum Zeitpunkt der Geburt eines männlichen Säuglings Testoteron-Werte erreicht, die der Höhe des Testosteron-Wertes eines 12-jährigen Jungen entsprechen. Einige Zeit nach der Geburt fällt der Testosteron-Wert wieder und mit 4 Jahren erfolgt wiederum eine Verdoppelung des Wertes. All dies hat gewiss Einfluss auf die Geschlechtsentwicklung. Warum lässt ein Diplom-Biologe, der sicher über ein solches Grundwissen verfügt, all solche wichtigen Informationen aus?
Der Autor ist jedenfalls überzeugt davon, dass bereits das Denken in zwei Geschlechtern an sich ein Beleg dafür ist, die Forschung als ideologiegesteuert zu deklassieren. Ob nicht vielleicht doch Forschung auf anderer Forschung aufbaut und man durch diese Forschung zu entsprechenden Ergebnissen und Erkenntnissen gekommen ist, das scheint dem Autor überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. In gewisser Weise kritisiert er, dass seine Diskursanalyse ergeben hat, dass man in der Steinzeit mal den Mond anbetete, was eben die heutige Forschung relativieren müsste.
Insgesamt kann man aus keiner einzigen aus den diversen Ausführungen des Autors ableiten, dass das Geschlecht „gemacht“ ist, gar gesellschaftlich gemacht. Trotzdem schlussfolgert der Autor auf Seite 313:
„Naturphilosophische und biologisch-medizinische Geschlechtertheorien sind eingebunden in gesellschaftliche Zusammenhänge zu betrachten. Sie werden gesellschaftlich hergestellt.“
Was den kritischen und logisch denkenden Leser evtl. erstaunt, ist sicher, dass der Autor bestimmte Gen-Wirkungsweisen aufzeigt, die er nicht in gesellschaftliche Zusammenhänge einfügt, dann aber wiederum betont, dass die Geschlechtertheorien gesellschaftliche hergestellt werden, sprich, eine reine Konstruktion darstellen. Was denn nun? Die Geschlechtertheorie des Autors jedenfalls scheint also kein Konstrukt zu sein, trotz der Tatsache, dass eigentlich alle Forschungsarbeit vergesellschaftlicht ist. Der Autor merkt nicht, dass er seine eigene Forschungsarbeit damit jeglichen Aussagegehalts beraubt.
Das Buch geht weder auf die bekannten Geschlechter-Unterschiede in körperlicher Hinsicht ein, noch die Unterschiede in psychischer Hinsicht. Hormon-Theorien werden konsequent ausgeblendet und die Entstehung der primären Sexualorgane und besonders die Geschlechtsentwicklung kann so nicht nachvollzogen werden.
Insgesamt ist die Argumentation dieses Buches keinesfalls als seriös-wissenschaftlich einzustufen. Sie ist eher ein Taschespielertrick, es werden Ausnahmen präsentiert und behauptet, die Existenz von Ausnahmen widerlege die Existenz der Regel. Die Kenntnisnahme von Häufigkeiten findet überhaupt nicht statt, genauso wenig wie das Nachdenken darüber, warum das Häufige häufig vorkommt und das Seltene selten, zumindest abseits imaginierter sozialer Konstruktion.
Es wird systematisch vertuscht, dass für die erwähnte Mengenverteilung sehr gute, natürliche Erklärungen existieren.
Fazit: Für ein paar Cents aus der Ramsch-Abteilung in einem Esoterik-Buchladen hätte sich das Buch gelohnt, einfach weil es den Leser an vielen Stellen zum Lachen bringt, als sogenanntes wissenschaftliches Werk aber für den o.g. Preis ist es eine Dreistigkeit.
Empfehlung:
Wer ein bischen wissenschaftlich bewandert ist, weiß, dass solche pseudo-wissenschaftlichen Unternehmungen, wie sie in diesem Buch geliefert werden, nichts Neues sind. In den späten 90zigern wurde zu dieser Problematik bereits ein gutes Buch verfasst, dass ich an dieser Stelle nur wärmstens empfehlen kann, es handelt sich um das berühmte "Fashionable Nonsense: Postmodern Intellectuals' Abuse of Science" von Alan Sokal und Jean Bricmont (deutsch: 'Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen'), was damals in der Wissenschaftswelt sehr große Wellen geschlagen hat und woraus man sehr gut für sich lernen kann, wie man solchen pseudo-wissenschaftlichen Pamphleten wie dem von mir rezensierten begegnen kann.