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Kundenrezensionen

3,7 von 5 Sternen
6
Luftkrieg und Literatur: Mit einem Essay zu Alfred Andersch
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:11,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 14. September 2004
Hier wird „aus großer Höhe" (wenn ich mal so sagen darf) über einen langen Zeitraum reflektiert und auf hohem Niveau ein bedeutendes Versagen der deutschen Nachkriegsliteratur konstatiert. In diesen Züricher Vorlesungen offenbart sich W.G. Sebald gleichzeitig als lebendiger Literat, der anschauliche Einzelheiten ausgesucht hat, die man nicht wieder vergisst. Man möchte sofort mehr von ihm lesen - und ihn auch als Erzähler kennen lernen. Mir hat das Buch die Augen geöffnet. Mir ist klar geworden, dass wir erst am Anfang einer Aufbereitung der Vergangenheit stehen, die auch vorher gar nicht stattfinden konnte. Mir war nicht mal das Ausmaß, nicht mal die wahre Größenordnung der Katastrophe bewusst gewesen, obwohl ich bisher auch nicht gerade blind und taub durch Deutschland gereist bin und selber über die Verdrängungs-Mechanismen nachgedacht habe - ihnen aber gleichwohl erlegen bin. Insofern bin ich diesem Text richtig dankbar. Auch die bekannten kunstvoll überhöhten Verarbeitungen (insbesondere bei Alfred Andersch - und darüber hinaus durch die gesamte Gruppe 47) erscheinen in einem neuen Licht. Ja, es besteht sogar die Gefahr, dass einige Leser Alfred Andersch nach der Lektüre dieses Buches gar nicht mehr mögen.
20 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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TOP 500 REZENSENTam 5. Juni 2018
Wie gehen größere Gesellschaften mit Traumata um? Kann eine Gemeinschaft aus einer Vergangenheit lernen, muss sie sich mit ihr beschäftigen oder ist es besser, diese Vergangenheit zu vergessen, damit sie die Zukunft nicht überschattet? (Aber verschwindet Vergessenes wirklich – und wenn es tatsächlich verschwindet, bleibt wohl dennoch eine Lücke, die nicht verschwindet, oder?)

Mit diesen Fragen hat sich u.a. Kazuo Ishiguro in seinem jüngsten Roman „The buried giant“ auseinandergesetzt, allerdings gekleidet in ein von phantastischen und mythischen Metaphern durchzogenes Gewand und vor dem Hintergrund einer Epoche Großbritanniens, die wenig erforscht ist. Dennoch ist es ein starkes Werk, welches Fragen nach der Notwendigkeit des Erinnerns und Vergessens im großen Stil aufwirft.
W. G. Sebalds Buch „Luftkrieg und Literatur“ schlägt da in eine durchaus kleinere, handfestere Kerbe und stellt die Frage auch nicht bedächtig, sondern durchaus bohrend.

„Die Frage, ob und wie der von Gruppierungen innerhalb der Royal Air Force seit 1940 befürwortete und ab Februar 1942 unter Aufbietung eines ungeheuren Volumens personeller und wehrwirtschaftlicher Ressourcen in die Praxis umgesetzte Plan eines uneingeschränkten Bombenkrieges strategisch oder moralisch zu rechtfertigen war, ist in den Jahrzehnten nach 1945 in Deutschland, soviel ich weiß, nie Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden“

Sebald führt in seiner Schrift aus, dass natürlich auf der Hand liegt, wieso dies nicht geschah: weil eine Bevölkerung, die in großen Teilen ein Regime gestützt hatte, das mörderische Kriege in viele Länder Europas trug und noch mörderischere Lager errichtete, um jüdische Menschen und Mitglieder viele anderer stigmatisierter Menschengruppen zu ermorden, keine Rechenschaft verlangen konnte von den Ländern, die gegen dieses Land gekämpft und dazu u.a. auch großangelegte Bombardements aus der Luft genutzt hatten.

Im Folgenden ist es auch nicht die deutsche Bevölkerung, die Sebald bei diesem Thema in die Mangel nimmt, sondern die deutschen Autor*innen der Nachkriegszeit, in deren Werken zwar Krieg und Entbehrung, Mord und NS-Terror eine Rolle spielen, nicht jedoch der Bombenkrieg gegen deutsche Städte. Was tatsächlich verwunderlich ist, denn immerhin hatte dieser Bombenkrieg in den Jahren 1944 und 1945 gigantische Ausmaße erreicht und manche deutschen Innenstädte wurden zu 80% oder 90% zerstört. Die meisten Autor*innen, die in Deutschland verweilten oder in den Jahren nach dem Krieg zurückkehrten, müssen das Ausmaß der Zerstörung mitbekommen haben, zumindest aus zweiter Hand davon gehört haben. Und doch: in den Schriften findet man nur die Trümmer, nicht die Zerstörung.

Der Bombenkrieg war, zumindest in Großbritannien, lange umstritten und gilt heute als ein strategischer Misserfolg, der keines seiner Ziele (Demoralisierung der Zivilbevölkerung, Schwächung der Kriegswirtschaft, Unterbrechung der Versorgungslinien) erreichen konnte und gerade gegen Ende des Krieges jegliche Notwendigkeit verloren hatte und dennoch bis zuletzt betrieben wurde – also zuletzt auch als ethisches Desaster, das sich lediglich im Windschatten der vielen, noch größeren Verbrechen seiner Zeit und auch durch die moralisch höhere Warte der Siegermächte, an größerer Empörung vorbeischmuggeln konnte. Selbstverständlich ging der Bombenkrieg letztlich von Deutschland aus und wenn die Nazis die Mittel gehabt hätten, hätten sie ganz England auf diese Weise in Schutt und Asche gelegt (Pläne dafür gab es zuhauf).

Warum aber in dieser alten Wunde rühren? Und sind Autor*innen verpflichtet, gesellschaftliche Traumata aufzuarbeiten, abzubilden? Letztere ist eine große, sehr weitreichende Frage, die auch Sebald nicht klären kann oder will. Ihm ging es 1999 darum, auf einen irritierenden Fakt aufmerksam zu machen, eine Lücke in der deutschen Literatur und in welchem größeren Kontext er diese Verfehlung sieht und er deutet nur selten an, warum dieser Fakt generell relevant und problematisch ist.

Womit wir wieder bei der ersten Frage sind: Warum aber in dieser alten Wunde rühren? Diese Frage beantwortet Sebald zwar wie gesagt nicht in aller Deutlichkeit, aber sie lässt sich leicht beantworten. Wobei man zunächst einschränkend sagen muss: die Lage ist heute eine andere, wozu wohl am meisten der deutsche Historiker Guido Knopp beigetragen hat (ob zum Guten oder zum Schlechten, ob akkurat oder eher nicht, sei dahingestellt). Sein Buch und die Serie „Der Jahrhundertkrieg“ (2003) umfassten Beiträge zum Bombenkrieg und zu den Feuerstürmen von Hamburg und Dresden, gerade noch rechtzeitig durchaus, um noch lebenden Zeitzeugen miteinzubeziehen. Diese Dokumentationen haben den Bombenkrieg durchaus wieder ins nationale Bewusstsein gerückt (was durchaus auch unschöne Folgen hatte).

Auch diesen Teil der jüngeren deutschen Geschichte zu behandeln (mit dem jeder Mensch, der in deutschen Innenstädten lebt und aufwächst, letztlich indirekt konfrontiert ist, was man oft merkt, wenn man die Innenstädte in anderen Ländern besucht) ist vor allem wichtig, damit das Narrativ dieses Kapitels nicht von rechtsextremen Positionen und Motiven vereinnahmt wird, die diese Episode gerne und erfolgreich als Tabu inszenieren und von der „geplanten Vernichtung“ der deutschen Bevölkerung und dergleichen faseln, einen Opfermythos kreieren, auf dessen Sockel nicht nur von Erinnerung, sondern vor allem von Vergessen und vom Blick nach vorne die Rede ist (eine sehr schizophrene Auseinandersetzung mit Geschichte findet in solchen Inszenierungen statt).

Sebalds Vorlesungen (dies waren die Texte in dem Buch, ergänzt um einen Nachtrag und den Essay zu Alfred Andresch, ursprünglich) trugen zur Wiederentdeckung von Gert Ledigs „Vernichtung“ und Hermann Kasacks „Die Stadt hinter dem Strom“ bei, zwei Büchern, die nicht unbedingt schöner Lesestoff sind, aber das ganze existenzielle Ausmaß der Zerstörung greifbar machen, wozu auch Sebalds Spurensuche einiges beiträgt.

„Luftkrieg und Literatur“ ist sicher heute kein Buch mehr, das anstößt oder offenbarend ist. Aber noch immer ist es ein wichtiges Werk über die Beziehung zwischen Literatur und Wirklichkeit und darüber, wie ein Fehlen des literarischen und öffentlichen Aufgreifens von bestimmten Themen ein Verdrängen befördern kann oder überhaupt erst kreiert. Es hat also vor allem einen exemplarischen Wert und eine Lektion in Geschichte und Literatur gleichermaßen.
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am 18. Dezember 2002
Sebalds verschlungenen und verdichteten Werke wollen nicht eine Öffentlichkeit in ihren Bann ziehen. Sie fordern einen aufmerksamen, geduldigen Leser, der sich einbringt.
Luftkrieg und Literatur behagt dem gleichen Typ Leser. Gleichzeitig hat sich Sebald ein Thema aufgedrängt, das für eine breite Öffentlichkeit von Bedeutung ist. Wenn man Sebald nicht genauer kennt, ist es nicht ganz einfach, seinen Gedankengängen und seinen subtil-ironischen Beurteilungen zu folgen.
Im Grossen und Ganzen aber ist die Arbeitsweise von Sebald schlicht ergreifend: Er strebt nicht nach einer verstaubten Wissenschaftlichkeit, sondern lässt sich von dem, was er berichtet, ergreifen. Er greift Details heraus und arbeitet sie aus, um andere Zusammenhänge ganz auszublenden.
Man kann nur den Hut ziehen vor seiner Art, Leid sichtbar zu machen, ohne dabei falsche Schuldzuweisungen vorzunehmen. Gerade im Umgang mit allen Ereignissen ist es ungeheuer schwierig, die nötige Sensibilität aufzubringen. Sebald ist einer der wenigen, der sie gehabt hat.
26 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 6. Dezember 1999
Sebald führt in seinen, nun auch nachbearbeiteten Buch (mit Ledigs "Vergeltung", die auch deswegen wieder erschienen ist) in ein wichtiges, von der Literatur wirklich vergessenes Thema ein. Leider sind die Verweise für die Buchform eher löchrig, und die Hinweise meist auch zu knapp umrissen. Mir persönlich fehlen in der Auflistung zum Beispiel völlig Remarque (Zeit zu leben...) und andere die aus der kurzen Distanz sich des Themas annahmen. Fazit: Thema brilliant gewählt - als Buch zu undeutlich.
11 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 17. Mai 1999
Wenn man Sinn und Mut hat sich mit neuen Aspekten auseinanderzusetzen dann ist dieses Buch interssant und kurzweilig zu lesen. Vorrauszusetzen ist zeitgeschichtliches und literaisches Wissen. Gute Aufmachung des Buches, angenehmes Format, ein wenig teuer.
5 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 25. September 2013
Wer wie ich - wenn auch als einer von Hitlers-Pimpfen - damals den Bombenkrieg - ein Glück - überlebt hat, will bei so viel gekünstelter, ja auch klug gekünstelter Seebald`scher Beschreibung - nur wenig verstehen. Dieses wunderbare Papier-Deutsch, wenn es um unsere grausigen Ängste und Erlebnisse geht. Dieses herrlich abwägende Urteil, das geradezu litera-cool Böll und andere zitiert. Ja,dieses Urteil, das zitiert, doch nicht begriffen hat, jedenfalls nicht nachempfinden kann, was das war, dieses Morden aus der Luft als Antwort auf all die Nazi-Grausamkeiten...und das blieb ja in Wahrheit und in der Historie vorwiegend dieser Bombenkrieg gegen Zivilisten: ein militärisch offenbar notwendiger Krieg...obwohl unendliche viele Frauen und Kinder unter den Opfern waren...Kurzum: Da hat ein kluger Mann zwar alle Bücher zum Thema gelesen...doch die Ängste und Leiden der Opfer nicht mit der eigenen, sonst doch so kritischen Sprache fassen können.
4 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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