Als 1976 das Debütalbum der Bostoner Band Boston erschien, bezeichnete es jemand in der Überschrift zu seiner/ihrer Zeitschriftenrezension als 'Rock mit Sahne'. Das war in der Tat keine schlechte Bezeichnung für einen Sound, bei dem die einzigartig singend-sägenden Leadgitarren von Tom Scholz und Barry Goudreau, der klare, hohe Gesang von Brad Delp, die Hammondorgel von Tom Scholz, die himmlischen Harmony-Vocals sowie Klangeffekte wie z.B. Handclaps eine ganz einzigartige Mischung ergaben.
Angeregt von englischen Bands wie Uriah Heep oder Queen, wurde der Boston-Klang bis heute selbst äußerst einflussreich und verhalf damals so unterschiedlichen Gruppen wie Styx, The Cars oder später Asia zum Megaerfolg.
Mastermind Tom Scholz, ein erklärter Studio-Nerd und Perfektionist, war und ist sicherlich nicht einer der sympathischsten Zeitgenossen. Die sogenannten Mitglieder seiner Band waren für ihn stets nur Marionetten, die seinen musikalischen Vorstellungen zu folgen hatten oder weichen mussten bzw. selber die Flucht antraten.
Im Laufe von 26 Jahren zwischen 1976 und 2002 wurden ganze fünf Alben veröffentlicht. Und obwohl Scholz, abgesehen von den nahezu perfekten ersten drei Stücken des Debüts ("More Than a Feeling", "Peace of Mind" und "Foreplay/Long Time"), und trotz des einen oder anderen soliden Songs auf den folgenden Werken, im Übrigen ganz viel Mittelmaß produzierte, gelang es ihm, irgendwie immer im Gespräch zu bleiben und sein Projekt Boston zu einer Legende zu machen.
Gleichwohl hatten sich durch mannigfache Veränderungen in der Musiklandschaft die Gezeiten längst gegen ihn gewandt. Waren von dem Debütalbum BOSTON allein in den USA ca. 17 Millionen Tonträger verkauft worden, so belief sich der Absatz des im Dezember 2013 veröffentlichen 'Comeback'-Albums LIFE, LOVE & HOPE dort auf nicht einmal 17.000 (!!!) Exemplare.
Trotz vieler gemischter bis beißend negativer Rezensionen weckte die Platte nach langer Boston-Abstinenz, wahrscheinlich aus rein nostalgischen Gründen, mein Interesse, und so bestellte ich das sechste Boston-Album im Februar 2014 als Vinyl-Ausgabe. Wenn schon, denn schon.
Und nun, einen Tag vor Heiligabend, ist es nach unendlich vielen Verzögerungen, sozusagen als Weihnachtsgeschenk, tatsächlich doch noch bei mir gelandet. Das Ergebnis: ein hochwertiges Klappcover, zwei schwere, blutrote LPs in hervorragender Ausführung (so gut wie keine Knacker oder sonstige Nebengeräusche), Songtexte auf den Innencovers, detaillierte Angaben zu allen Stücken und ein persönlicher Text von Tom Scholz, der wie folgt endet:
'The decline of the record business over the last 20 years ended the possibility of recording full production analogue album(s) like this one, unless you were willing to do it purely for the art. This may be one of the last major production analogue recordings ever made; I hope you enjoy listening to it as much as I do'.
Yes, Tom, I surely do!
Rund zehn Jahre hat Scholz an den insgesamt vierzehn Nummern dieses Albums gearbeitet, wobei drei davon schon auf dem letzten Boston-Album CORPORATE AMERICA erschienen waren, das ich nicht kenne. Sie wurden für LIFE, LOVE & HOPE entweder remastered ("Didn't Mean to Fall in Love") oder neu arrangiert bzw. neu aufgenommen ("Someone", "You Gave Up on Love").
Neben dem 2007 tragisch verstorbenen Brad Delp bietet diese Scheibe eine Reihe 'neuer' Leadsänger auf, darunter Tom Scholz himself und eine Dame namens Kimberley Dahme. Ja, tatsächlich, es gibt hier immer mal wieder eine weibliche Stimme zu hören. Und was soll ich sagen? Nach einigen Durchläufen finde ich das gar nicht mehr soo furchtbar, obwohl ein Song wie "If You Were in Love" schon ziemlich schlimm nach Roxette klingt.
Man könnte nun zu jeder einzelnen Nummer 'ne Menge schreiben, aber das will ich gar nicht tun. Nur so viel: Es gibt hier kaum einen wirklich überflüssigen Track, und diverse Titel entwickeln nach mehrmaligem Hören sogar diesen wunderbaren Boston-Rausch, den viele noch kennen dürften, z.B. "Someone", "You Gave Up on Love" (beide einfach großartig), "Last Day of School", "Heaven on Earth", "Life, Love & Hope", "The Way You Look Tonight". Kurzum: Tom Scholz zeigt auch heute noch diversen Jungspunden, was Sache ist im AOR-Universum.
LIFE, LOVE & HOPE klingt auf Vinyl fast wie die ersten Boston-Platten, also: jeder Titel ein wenig anders (da 'handgemacht' und nicht digital auf gleiche Dynamik und Lautstärke gebracht), ziemlich höhenbetont, oft hart, aber stets harmonisch rockend, manchmal auch etwas seicht (kennt man auch schon von Boston), jedoch stets hoch melodisch.
Ganz wunderbar sind zudem die beiden Bonustracks auf Seite 4, nämlich das kurze Instrumentalstück "O, Canada" und die im Dezember 2013 veröffentlichte Weihnachtssingle "God Rest Ye Metal Gentlemen" (wohlgemerkt 'Metal' und nicht 'Merry', wie im historischen Original).
Also: Musikalisch ist dieses Werk mit munteren vier Sternen zu bewerten, hinzu kommt eindeutig ein weiterer für die wirklich großartige Umsetzung der nun endlich erschienenen Vinyl-Ausgabe. Dies ist für mich also wahrhaftig ein echtes Weihnachtsgeschenk! :-))
PS: Das Cover-Artwork ist wieder einmal phänomenal, vielleicht gar das schönste in all den Jahrzehnten.
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