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5,0 von 5 Sternen
1
Kairos: Schriften zur Philosophie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:13,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime

am 14. Dezember 2009
"auf dass der Pfeil nicht vergeblich entschwirre, weder vor dem
richtigen Punkt herabfallend noch hinausschießend über die Sterne."
(Aischylos)

Aischylos' Augenblick der höchsten Konzentration ist Goethes Augenblick des richtigen Entschlusses: "Das Mögliche soll der Entschluß / beherzt sogleich beim Schopfe fassen." Diese Goethe-Sentenz aus dem Faust verweist auf den gelockten Zeus-Sohn, den jüngsten mit dem Namen KAIROS, der dafür steht, dass es den rechten Augenblick gibt, in dem alles Handeln mit Maß sich konzentrieren muss. Kairos ist eine ausgleichende Dualität von Überschwang und Antriebsschwäche, er ist Kontrollinstanz und Antidot gegen die Tendenz des Überschreitens von Grenzen, gegen zu langes Verweilen gegenüber Möglichem. Er ist Benjamins "Ursprung", ein aktuelles Entspringen, eben "unvermittelt da".

Ralf Konersmanns Zusammenstellung der Benjamin Schriften, Briefe und Fragmente ist so ein geometrischer Punkt, in den Walter Benjamins (1892-1940) auf Studien der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie basierenden Gedanken und Erkenntnisse projiziert werden können. Seine Wahl des Buchtitels ist somit ausgezeichnet, auch sicher in der Absicht, Benjamins Sprachduktus von der "Jetztzeit" als Füllhorn der Geschichte abzulösen.

Benjamins Gedanken, den Menschen als sprachliches wie geschichtliches Wesen zu begreifen, wird hier in dieser Zusammenstellung zu einem Lauf durch Erkenntnistheorie, Erkenntniskritik, Kunst, Geschichte und Erfahrung entlang der Kantschen Ausprägung von synthetischer a priori Erkenntnis und Erkenntnis im Rahmen praktischer Erfahrung. Konersmanns Zusammenstellung beginnt mit einer Philosophie der Sprache an sich und der Sprache des Menschen. Sprache als Mitteilung geistiger Inhalte, Sprache als Sprache der Dinge in ihrer Medialität (Brief an Buber) in der "Unmittelbarkeit aller geistigen Mitteilung". Vom Benennen der ersten Stunde gem. der Genesis hin zu einer Sprache als Mittel einer suggestiven Verbreitung der Motive der Seele des Handelnden, wie man auch der Schriftsprache unterstellen kann. Wahrnehmung im Sinne von Erkenntnis und Erfahrung wird zur Hauptaufgabe der Philosophie, die sich an den Ideen Platons und Kants orientiert. Wissen entbehrt der Wahrheit, weil Wahrheit an sich ohne intensio ist, Wissen aus Erkenntnis und Einsicht jedoch rätselhaft bleibt, solange die Kunst nicht übergreifend Physisches und Metaphysisches zu einem Ganzen formen mag. "Was nie geschrieben wurde, lesen" ist damit das älteste, eben das Lesen vor jeder Sprache, das Lesen von Bildern, Skulpturen und zwischen den Zeilen, "aus den Eingeweiden, den Sternen oder Tänzen". Sprache als mimetische Botschaft, als mimetisches Verhalten und als das "vollkommenste Archiv der unsinnlichen Ähnlichkeit".

"Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann [...] müssen wir uns die Wissenschaft als Kunst denken", so Goethe in der Geschichte der Farbenlehre. Dieses Zusammenspiel ist die Herausforderung der Totalen, sie ist, so Benjamin, monadologisch. In der eigenen Figur wird verborgen die übrige Ideenwelt präsentiert. Diese Leibniz-Philosophie geht einher mit einer prästabilen Repräsentation, in der das Paradoxon der "objektiven Interpretation" ein verkürztes und doch vollständiges Bild der Welt abzeichnet. Dieses Bild ist von einer Lesbarkeit, so Konersmann, die gleichzeitig eine Botschaft im Vorgang des Lesens zusichert und darin ihre Sinnfälligkeit gewinnt und ausschöpft. Benjamin geht davon aus, dass der Tiefenraum der Zeit eine Wahrheit enthalte, die sich in einem günstigen Augenblick offenbart. Der Augenblick ist der Kairos, in dem der Leser nicht seine Welt in den Text projiziert und ihm seine Wertmaßstäbe aufdrängt. Vielmehr kann er durch die Fragen an den Text oder das banale In-Frage-Stellen ein Gegenlicht wahrnehmen, welches eine fremde Wirklichkeit offenbart, in welchem er sein Selbstverständnis prüfen kann. Die Fragen zur Literatur, die sich bei den Texten von Sartre,Walser und Foucault auftaten, finden in gleicher Weise bereits ihre Antwort hier mit Benjamin. Alle sind sich einig darüber, "dass es gelte, derart tief in alles Wirkliche zu dringen, dass eine objektive Interpretation sich darin erschlösse". Das subjektive Wahrnehmen gewinnt den Glanz des Objektiven, es wird zu einer platonischen Teilhabe an der Idee. Dieser im höchsten Maße normative Punkt in Raum und Zeit ist einzig und einzigartig. Er ist verwoben im wahrsten Sinne des Wortes und so wird die "Praxis des Lesens und zu dem, was zu lesen gegeben ist". Er ist der Augenblick, das Hier und Jetzt, die "logische Zeit" oder wie Agamben zeigt, die "messianische Zeit". Der Kairos zerbricht die Kontinuität des chronos, das Kontinuum der Geschichte und erzeugt die "wahre Aktualität".

In diesem Werksauschnitt sind zentrale Inhalte zusammengestellt. Benjamins Gedanken und Ideen zu Sprache, Gewalt, Geschichtsphilosophie, Erkenntnistheorie und Erkenntniskritik bekommen einen eindrucksvollen Fokus. "So heilig der Mensch ist, [...], so wenig sind es seine Zustände, so wenig ist es sein leibliches, durch Mitmenschen verletzliches Leben." Dieser Gedanke "Zur Kritik der Gewalt" sei nur ein Beispiel für die Effekte, die Benjamin antreiben und die als Chock der Erkenntnis zugleich heilsam sein sollen. "Kapitalismus als Religion" zu begreifen heißt nicht mehr, als diesen auch im Dienst der Befriedigung derselben Sorgen mit anderen Mittel zu sehen, als "Religion aus bloßem Kult, ohne Dogma".

"Der Kairos [...] ist ein Geschenk, dessen wir uns nur dann würdig erweisen, wenn wir der Grenzen dieser Welt eingedenk bleiben. [...] Als Klammer zwischen dem Kairos, [...], und dem Maß" steht die Gemeinschaft derer, die sagen: "Gastfreund bin ich" (Pindar) und "die vor Maßlosigkeit gefeit sind, weil ihnen mit dem Glanz auch das Elend des Menschseins gegenwärtig ist". (Theunissen, 2000 in der Pindar-Studie, die auch eine Kairos-Studie ist)

Benjamins Ausführungen sind gewissermaßen umgesetztes Kairos, einmalig und immer wieder an den Augenblick, an das Jetzt gewoben. Frei von Interpretation und doch bestimmend zur Neuinterpretation des Lesers Leben, indem dieser die Gedanken fortentwickelt und mit Benjamin lernt in Konstellationen und Zusammenhängen zu denken.
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