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Jenseits von Natur und Kultur
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
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am 7. August 2013
Dies ist eines von den Büchern, die wirklich den Horizont erweitern. Es zeigt, dass unsere Art, die Welt zu ordnen, nur eine von mehreren ist, die tatsächlich heute noch existieren. Die uns vertraute Einteilung der Welt in natürliche und kulturelle Phänomene ist nicht so universell, wie wir glauben und bei einigen Völkern völlig unbekannt. Ebenso die uns geläufige Gegenüberstellung von Menschen und Nichtmenschen, also Tieren und Objekten. Descola entwickelt sein System eher aus der Dichotomie von Interiorität und Exteriorität, innerem Wesen und äußerer Erscheinung, die weit eher als Universalie gelten kann. Darüber hinaus unterscheidet er vier grundlegende Weisen, die Welt zu erfassen: den Naturalismus (entspricht unserer westlichen Sichtweise), Animismus, Totemismus und Analogismus. Descola geizt nicht mit spektakulären Beispielen aus der ethnologischen Feldforschung: einige Völker Amazoniens etwa sehen auch in Tieren und Gegenständen menschliche Personen, die sich lediglich verkleidet haben, und mit denen wir in Beziehung auf Augenhöhe treten können. Die Jagd eines Wildes etwa wird als Liebes- und Zeugungsakt gesehen. Der Jaguar, der seine Beute erlegt, bringt sie heim zu seiner Frau, die sie am Herd zubereitet (so empfindet er es). Alles ist beseelt, alles ist innerlich menschlich, nur äußerlich verschieden - das ist Animismus. In unserem naturalistischen Weltbild ist es eher umgekehrt: innerlich unterscheiden wir uns nicht nur untereinander und besonders natürlich von Tieren und Gegenständen, äußerlich, d.h. physikalisch besteht aber alles aus der gleichen Materie. Beim Analogismus gibt es weder innere noch äußere Gemeinsamkeiten von Menschen, Tieren und Objekten - um so wichtiger ist es, eine kosmische Ordnung zu erfinden, um dem totalen Chaos zu entgehen, mit strengen Hierarchien, Pflichten und Abhängigkeiten - solche Systeme haben sich bevorzugt im asiatischen Raum entwickelt. Beim Totemismus ist es wiederum umgekehrt: hier besteht eine äußere und innere Identität aller Wesen innerhalb eines Kollektivs: bei den Aborigines etwa sind die Wesen der Traumzeit keine entfernten Ahnen, sondern aktualisieren sich in mir, in diesem Baum, diesem Stein, diesem Tier, das menschlich-nichtmenschliche Kollektiv eines Clans verschmilzt sozusagen in einer "unio mystica". Diesen vier "Identifikationsmodi" (Animismus, Naturalismus, Totemismus, Analogismus) stellt Descola sechs "Beziehungsmodi" zu Seite: die Gabe, den Raub, den Tausch, sowie Produktion, Schutz und Übermittlung, welche nun innerhalb der vier Identifikationsmodi vielfältige Strukturen erstehen lassen, komplexer jedenfalls und umfassender, als es die Dichotomie Natur vs. Kultur vermag. Descola möchte nun nicht etwa anderen Weltsichten größere Berechtigung gegenüber unserem "lahmenden Naturalismus" der Spätmoderne einräumen, sein Buch relativiert jedoch vieles, was uns selbstverständlich erscheint und eröffnet zumindest eine Ahnung jener uns vollständig fremden Weisen, die Welt zu erfassen und Erfahrungen zu ordnen - und das ist wirklich faszinierend.
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