Lade die kostenlose Kindle-App herunter und lese deine Kindle-Bücher sofort auf deinem Smartphone, Tablet oder Computer – kein Kindle-Gerät erforderlich.
Mit Kindle für Web kannst du sofort in deinem Browser lesen.
Scanne den folgenden Code mit deiner Mobiltelefonkamera und lade die Kindle-App herunter.
Bild nicht verfügbar
Farbe:
-
-
-
- Herunterladen, um dieses Videos wiederzugeben Flash Player
Israel schafft sich ab Gebundene Ausgabe – 16. August 2012
Gespalten zwischen seinen demokratischen Idealen und religiösem Fanatismus. Zwischen der Illusion eines freien Staates und der Realität einer repressiven Besatzungsmacht. Und der Riss, der durch den Staat geht, wird immer größer.
Der renommierte Historiker Gershom Gorenberg zeigt, vor welchen Herausforderungen Israel heute steht. Die drängende Frage lautet: Wie kann Israel verhindern, dass es sich selbst zerstört?
"Eine scharfsinnige, unverzichtbare Analyse, ebenso besorgniserregend wie hoffnungsvoll." New York Times
- Seitenzahl der Print-Ausgabe316 Seiten
- SpracheDeutsch
- HerausgeberCampus Verlag
- Erscheinungstermin16. August 2012
- Abmessungen14.7 x 3.2 x 22.3 cm
- ISBN-109783593397245
- ISBN-13978-3593397245
Verwandte Produkte zu diesem Artikel
Produktbeschreibungen
Pressestimmen
Werbetext
Über den Autor und weitere Mitwirkende
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Straße nach Elisha
Die Lehranstalt von Elisha in der Westbank sieht nicht aus wie die Verkörperung dreier gesellschaftlicher Revolutionen. Die Mensa mit Blick auf den Hof ist ein Plattenbau, die Verwaltung ist in einem Bürocontainer untergebracht. Nur der steinverkleidete Studiensaal mit angeschlossener Synagoge ist ein festes Gebäude. Auch die Unterkünfte, die mehrere Dutzend Studenten beherbergen, bestehen aus verwitterten, in zwei konzentrischen Halbkreisen an den Hang gesetzten Mobilheimen. Am Eingang des Geländes hockt ein gelangweilter Unteroffizier der israelischen Streitkräfte in seinem Wachhäuschen. Er mustert mich durch das geöffnete Autofenster, sieht, dass ich Israeli bin, hört mit einem Ohr, dass ich eine Verabredung mit dem Vorsteher habe, und winkt mich durch.
Keine Säulengänge und Heldenstatuen zieren den Hof. Nichts hier wirkt monumental. Die Umbrüche in der israelischen Gesellschaft, für die Elisha steht, gleichen eher Verwerfungen im Untergrund: nur halb sichtbar, mächtig und fortlaufend in Bewegung. Sie treiben Risse in die Grundfesten des Staates. Aber sie sind die Folge menschlicher Entscheidungen, nicht das Werk von Naturgewalten.
Ich bin nach Elisha gekommen, weil mich die Sorge umtreibt, dass sich der Staat Israel in einer fortdauernden Zersetzung befindet, was sich an Elisha gleich in mehrfacher Hinsicht ablesen lässt.
Zunächst einmal ist dieser Ort ein illegaler Außenposten, eine von etwa 100 kleinen Siedlungen, die im ganzen Westjordanland errichtet wurden, seit das Oslo-Abkommen von 1993 Israel zu einem Verhandlungsfrieden mit den Palästinensern verpflichtete. Seit diesem Abkommen hat die israelische Regierung keine neuen Siedlungen in der Westbank mehr genehmigt. Angeblich haben sich die Siedlungsaktivisten auf dem israelisch besetzten Territorium seither also über staatliche Weisungen und geltende Gesetze hinweggesetzt. Doch in Wirklichkeit haben ihnen viele staatliche Stellen dabei unter die Arme gegriffen, während die gewählten Amtsträger ihre Aktivitäten entweder ignorierten oder sogar noch unterstützten. Das israelische Wohnungsbauministerium hat allein für Elisha über 300.000 Dollar für Infrastruktur und Gebäude aufgewendet. Die Armee stellt Soldaten, um den Ort zu schützen. Der Zweck solcher Außenposten besteht darin, die Lücken zwischen den größeren bereits bestehenden Siedlungen zu schließen, die jüdische Kontrolle über das Westjordanland auszudehnen und das Territorium, das den Palästinensern geblieben ist, zu zerstückeln. Tatsächlich handelt es sich um ein gewaltiges, jeder Rechtsstaatlichkeit spottendes Schurkenstück.
Gleichzeitig ist Elisha eine Institution strenggläubiger jüdischer Gelehrsamkeit. Die Studenten sind junge Männer unter 20. Der Vorsteher ist ein charismatischer Rabbiner mit einer ruhigen, warmen Stimme, der zufällig 1967 geboren wurde, im Jahr des israelischen Sieges im Sechstagekrieg. Aufgrund dieses als Wunder empfundenen Erfolges fegte eine neue Theologie durch das israelische Judentum. Sie deutete den Triumph auf dem Schlachtfeld als Teil von Gottes Plan, die Welt zu erlösen und die Menschheit ins vollendete Zeitalter des Messias zu führen. Diese Theologie sprach den Staat Israel und sein Militär heilig. Sie machte die Ansiedlung von Juden in den frisch eroberten Gebieten zu einem göttlichen Gebot, "so wichtig wie alle anderen zusammengenommen". Die neue Doktrin verkürzte den universellen Gehalt der jüdischen Moral und machte den militanten Nationalismus zu einem Pfeiler des Glaubens. Als der Vorsteher mir in seinem Büro seine erzieherische Botschaft erklärt, fallen die Schlüsselwörter dieser Theologie: Seine Studenten "müssen verstehen", sinniert er, dass sie ein "Teil der Erlösung Israels" seien. Wenn er eine Idee erläutert, weiten sich seine Augen und ein katzenhafter Schauder der Wohligkeit zuckt ihm über den Rücken. Zweifellos nimmt er an, dass ihm der orthodoxe Gesprächspartner, der ihm da mit seiner Kippa auf dem Haupt gegenübersitzt, in allem beipflichtet. Schließlich ist er in einer Gemeinschaft aufgewachsen, wo seine Ansichten, vermittelt in zahllosen staatlichen Schulen, allgemein geteilt werden.
Elisha ist jedoch eine ganz besondere Art von Schule: Sie ist eine vormilitärische Lehranstalt. Prinzipiell gilt in Israel ab 18 eine allgemeine Wehrpflicht. Allerdings gewährt die Armee Oberschulabsolventen einen Aufschub von einem und mehr Jahren für den Besuch solch vorbereitender Einrichtungen, die Körperertüchtigung mit Studien verbinden und in ihren Zöglingen den Wunsch bestärken, zur Armee zu gehen und sich in ihr hochzudienen. Eines der Ziele orthodoxer Lehranstalten ist es, den Glauben der Studenten zu festigen, damit sie dem Druck widerstehen, seine Ausübung während der Dienstzeit ruhen zu lassen. Ein weiteres Ziel besteht in der Schaffung eines Kaders ideologisch eingeschworener strenggläubiger Offiziere. Obwohl es sich um einen illegalen Außenposten handelt, wird Elisha auf der Website des israelischen Verteidigungsministeriums in der Liste vormilitärischer Lehranstalten aufgeführt. Das Erziehungsministerium stellt ein Drittel und mehr ihres Budgets bereit.
In den zwei Jahrzehnten seit der Einrichtung solcher Lehranstalten spielen religiöse Männer in den Kampfeinheiten der israelischen Armee und ihrem Offizierskorps eine immer größere Rolle. Doch der neue Rekrutensegen wirft eine beunruhigende Frage auf: Wie viel Einfluss hat ein politisierter Klerus im Militär? Der Antwort auf diese Frage könnte ein enormes Gewicht zufallen, falls Israel beschließen sollte, sich aus dem Westjordanland, das in der israelischen Amtssprache und in weiten Teilen des öffentlichen Diskurses mit seinen biblischen Namen Judäa und Samaria genannt wird, zurückzuziehen. Im Hof von Elisha will ich von einem jungen Mann mit einem dunklen Schatten von einem Bart wissen, was er denn tun würde, falls er den Befehl zur Räumung einer Siedlung erhielte. "Ich werde nicht das religiöse Gesetz brechen, wenn all die Rabbiner sagen, dass ich es nicht tun soll", erwidert er.
Auf der Straße nach Elisha markiert kein Schild die Grenze zwischen Israel und dem besetzten Gebiet. Ich hatte auch keines erwartet. Seit 1967 ist der Staat bestrebt, diese Linie auszuradieren - auf den Karten und in der Landschaft. Die Straße führte ostwärts in die Berge der Westbank an dem palästinensischen Dorf Deir Nidham und den Vorstadthäusern der israelischen Siedlung Neveh Tzuf vorbei, bis ich schließlich vor das Maschendrahttor der Lehranstalt gelangte. Für die meisten Israelis, die sich nur selten über die Ränder des besetzten Territoriums hinauswagen, ist Elisha unsichtbar.
Doch Elisha stellt eine Wegscheide dar - nicht auf der Landkarte, sondern in der israelischen Geschichte. Die fortdauernde Besatzung, die Förderung des religiösen Extremismus, die Untergrabung von Recht und Gesetz durch die Regierung selbst, all das bedroht die Zukunft Israels. Insbesondere gerät dadurch sein demokratischer Anspruch in große Gefahr. Als Israeli bin ich überzeugt, dass mein Land die Richtung ändern muss. Meine Fragen - die Fragen, die ich in diesem Buch zu beantworten versuche - lauten: Wie konnte es mit Israel so weit kommen? Und welchen Weg muss das Land einschlagen, um zu gesunden und sich neu aufzubauen?
Es gibt zwei verbreitete Darstellungen von Israel. Die erste legt die Betonung auf seine Erfolge. Es hat Juden eine Zuflucht und Souveränität in ihrem eigenen Land verschafft. Sechs Jahrzehnte nach seiner Gründung ist Israel eine Rarität unter den Ländern, die ihre Unabhängigkeit in der Ära der Entkolonialisierung erlangt haben. Es ist eine parlamentarische Demokratie. Wirtschaftlich hat sich Israel von einem Drittweltland in die Erste Welt aufgeschwungen, von einem Obstausfuhrland zu einem Software-Exporteur.
Das zweite Porträt zeichnet ein Land im Konflikt, geprägt von Terroranschlägen gegen Israelis, aber auch von...
Produktinformation
- ASIN : 3593397242
- Herausgeber : Campus Verlag; 1. Edition (16. August 2012)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 316 Seiten
- ISBN-10 : 9783593397245
- ISBN-13 : 978-3593397245
- Originaltitel : The Unmaking of Israel.
- Abmessungen : 14.7 x 3.2 x 22.3 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 790,727 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
- Nr. 321 in Nahostkonflikt (Bücher)
- Nr. 514 in Israelische Politik (Bücher)
- Nr. 717 in Politik Maghrebs & der Arabischen Staaten (Bücher)
- Kundenrezensionen:
Verwandte Produkte zu diesem Artikel
Kundenrezensionen
Kundenbewertungen, einschließlich Produkt-Sternebewertungen, helfen Kunden, mehr über das Produkt zu erfahren und zu entscheiden, ob es das richtige Produkt für sie ist.
Um die Gesamtbewertung der Sterne und die prozentuale Aufschlüsselung nach Sternen zu berechnen, verwenden wir keinen einfachen Durchschnitt. Stattdessen berücksichtigt unser System beispielsweise, wie aktuell eine Bewertung ist und ob der Prüfer den Artikel bei Amazon gekauft hat. Es wurden auch Bewertungen analysiert, um die Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen.
Erfahren Sie mehr darüber, wie Kundenbewertungen bei Amazon funktionieren.-
Spitzenrezensionen
Spitzenbewertungen aus Deutschland
Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuche es später erneut.
Da scheint es verständlich, dass sich ein Staat schützt und gegen seine Feinde wappnet. Doch die Politik des Staates Israel unter den unterschiedlichsten Regierungen gegenüber den palästinensischen Bewohnern des Landes und gegenüber den immer zahlreicher und mächtiger werdenden Orthodoxen und der mit ihnen verbandelten radikalen Siedlerbewegung haben das Land, das nach wie die einzige Demokratie in Nahen Osten ist, in eine tiefe Krise gestürzt. Israel und seine Besatzungspolitik spielt eine zentrale und immer problematischer werdende Rolle in einem Konflikt, der das Potential hat, die halbe Welt in Brand zu setzen
Über kaum einen Konflikt wird so viel und so kontrovers diskutiert wie über den Nahost-Konflikt - gerade in Deutschland mit seiner historischen Verantwortung für den Staat Israel. Aber wie immer sind es die Menschen, Israelis und Palästinenser, die einen hohen Preis für diesen Konflikt bezahlen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse: Israelis und Palästinenser sind längst Opfer eines Konflikts, der sie zu seinen Gefangenen gemacht hat und sie einschließt in die ungleichen Positionen und Rollen, die die gegebenen Machtverhältnisse ihnen zuweisen.
Seit einiger Zeit macht in Israel und durch eine Ausstellung auch in Europa eine Organisation mit dem Namen "Das Schweigen brechen" (Breaking the Silence), getragen von Reservistinnen und Reservisten der Israelischen Verteidigungsarmee, die alltägliche Praxis der Besatzung und deren Folgen öffentlich. Keiner von ihnen zweifelt das Recht Israels auf einen eigenen Staat an. Doch die Praxis der Unterdrückung in den besetzten Gebieten droht genau diesen Staat, der doch Schutz bieten sollte für alle Juden der Welt, zu zerstören. Die systematische Missachtung der Menschenrechte höhlt schon seit langem die Demokratie Israels aus. Avo Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, schreibt: Es geht „um nichts Geringeres als um die Menschenrechte und damit um das Überleben ihres Staates Israels. Denn dies sind für ‚Breaking the silence’ zwei Seiten einer Medaille.“ Und er versichert: "Diese jungen Frauen und Männer wollen niemanden verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte. Sie erzählen nur das, was sie selbst gesehen haben oder sogar: was sie selbst getan haben." (Vgl. Breaking the silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten, Econ 2012).
Nun ist etwa zeitgleich mit diesem Buch ein Buch des orthodoxen Juden Gershom Gorenberg erschienen, einem der renommiertesten Experten für den Nahostkonflikt und die Geschichte Israels. Eines Israel, aus dem er „mit gespaltener Seele“ schreibt. Denn so wie er selbst ist auch sein geliebtes Land „gespalten zwischen seinen religiösen Idealen und religiösem Fanatismus.“ Und es geht ein Riss durch die ganze Gesellschaft – hier die Illusion eines freien Staates, der durch die äußere Bedrohung über Jahrzehnte eben nicht frei ist, und dort die zum Teil brutale Besatzungspolitik, über deren zum Teil traumatischen Folgen für die Soldaten das oben erwähnte Buch berichtet. Sie ist, so wird immer wieder in den letzten Jahren von vielen Intellektuellen in Israel hingewiesen, der Grund für den drohenden Tod der Demokratie in Israel und somit auch das Ende des einst als Hort für alle bedrohten Juden in der Welt gegründeten säkularen Staates. Eines einst säkularen Staates, in dem die religiösen Parteien ihren Einfluss und ihre Macht stetig weiter ausbauen konnten.
Wie nun, so lautet die Frage, der Gershom Gorenberg in diesem lesenswerten Buch nachgeht, wie kann die israelische Gesellschaft verhindern, dass sie sich und ihren Staat selbst zerstört?
Nach einer scharfsinnigen Analyse kommt er zu folgenden Schlüssen: Die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden sollte bei der Einwanderung keine Rolle mehr spielen. In einer Zweistaatenlösung können die „Juden ihre Selbstbestimmung in einem jüdischen Staat verwirklichen und das Recht auf Einwanderung in diesen besitzen; gleichermaßen müssen ethnische Palästinenser das Recht auf Einwanderung in einen neuen palästinensischen Staat bekommen – nicht nach Israel.“
An die jüdische Diaspora besonders die in den USA richtet er einen dringenden Appell: „Statt so zu tun, als sei Israel das Land, das sie sich wünschen, oder es aufzugeben, weil es diesem Wunsch nicht entspricht“ sollen „sie helfen, es dazu werden zu lassen“.
Doch die größte Verantwortung, so Gorenberg, haben die Israelis selbst. Die Entscheidungen, die es heute trifft, „werden bestimmen, ob seine Anfänge als Geburt eines gescheiterten Staates oder einer erfolgreichen Demokratie in Erinnerung behalten werden.“ Als dringend nötige Entscheidungen nennt er:
• die Beendigung der Besatzung
• die Garantie voller Gleichheit
• die Trennung von Staat und Synagoge
Sie seien nicht nur möglich, sondern für die Zukunft Israels entscheidend. „Wir können Israel erlauben mit seiner Selbstdemontage fortzufahren, oder wir können uns dafür entscheiden, es neu zu gründen.“
Dieser an eine israelische Leserschaft gerichtete Appell könnte aber auch entscheidende Hinweise geben darauf, wie ein deutsche und europäische Israel- und Nahostpolitik aussehen könnte, die nicht philosemitisch ist oder einer irgendwann einmal erklärten Staatsraison folgt, sondern die wirklich solidarisch ist, mit allen Bewohnern des Landes.
Es bewegt sich etwas in der israelischen Bevölkerung. Leider sind diese Kräfte immer noch so schwach, dass sie wahrscheinlich auch nach der nächsten für den Januar 2013 angesetzten Neuwahl des israelischen Parlaments keine wesentliche Rolle spielen werden. Doch die Zahl derer, die in Israel für den Erhalt ihrer demokratischen Gesellschaft kämpfen wollen, wächst. Mögen sie die von Gorenberg angedeuteten dringenden Unterstützungen erfahren.
Gorenberg glaubte, dass "es eine Aussicht auf die Verwirklichung eines liberalen Zionismus gab: auf die Schaffung einer Gesellschaft, in der Juden in der Mehrheit sind, ..., ... aber auch einer Gesellschaft mit vollen Rechten für Nichtjuden, einer Demokratie im vollsten Wortsinn."
Nun sieht er als israelischer Bürger diese Vision, die durch die israelische Verfassung gedeckt scheint, in Gefahr. Das versteht der Autor unter der Abschaffung Israels. Sein Buch, das für den deutschen Leser ohne Vorkenntnisse nicht immer einfach zu lesen ist, sieht er als "selektive und persönliche Reise durch Israels Vergangenheit und Gegenwart", um seine These zu untermauern. Israel müsse sich wieder auf sich selbst besinnen und sich in diesem Sinne neu gründen. Wie Gorenberg das meint, verdeutlicht er im letzten Kapitel dieses Buches.
Wenn man ausblendet, dass Israel von feindlichen Staaten umgeben ist, die offen oder verdeckt seine Vernichtung anstreben, ergeben Gorenbergs Thesen tatsächlich einen Sinn. Doch der Kriegszustand, in dem sich das Land mehr oder weniger ständig befindet, und die unversöhnlichen Ansprüche von extremen ideologischen oder religiösen Positionen haben ganz offensichtlich zu einer Wirklichkeit geführt, die mit den idealen Vorstellungen bei der Gründung Israels nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.
Israel, so klagt der Autor, halte sich weder an seine eigenen Gesetze, noch an Verträge, die es unterschrieben habe. Vielmehr führe seine Siedlungspolitik und die direkte oder verschleierte Ungleichbehandlung der arabischen Bevölkerung des Landes zu einem anderen Staatswesen als das Verfassungsmodell es gebietet.
Insbesondere der zunehmende Machteinfluss orthodoxer jüdischer Kreise sei in diesem Zusammenhang eine treibende Kraft. Inzwischen bestimmen die aggressiven Siedler, die ihre Landnahme als Forstsetzung einer zionistischen Tradition sehen und als religiöses Recht betrachten, und die ultraorthodoxe Bewegung der Talmud-Schüler bereits zu großen Teilen die israelische Politik. Wenn man dies besser verstehen möchte, ist das Buch eine sehr gute Quelle.
Gorenberg schreibt eher episodenhaft, aber doch systematisch, und er schildert diesen Einfluss plastisch und exemplarisch. Die Talmud-Schüler weiten sich immer mehr zu einem sozialen Problem in Israel aus. Sie besitzen separate Schulen, die jedoch jede weltliche Ausbildung ausschließen. Der israelische Staat finanziert also ein für die Gesamtgesellschaft völlig nutzloses Bildungssystem dieser Bevölkerungsgruppe und muss sich obendrein um die Versorgung von Leuten kümmern, die eine hohe Reproduktionsrate aufweisen, aber zu keiner nützlichen Arbeit fähig sind, weil sie dazu keine Ausbildung besitzen.
Die Siedler wiederum verhindern die angestrebte Zwei-Staaten-Lösung, die endlich Frieden in die Region bringen soll. Sie stellen jedoch auch wesentliche Teile des Führungspersonals der israelischen Armee. Das führte bereits zu ernsthaften Problemen. So kam es beispielsweise bei der Räumung des Gaza-Streifens zu Befehlsverweigerungen aus politischen Gründen, denn dort mussten Siedler in Uniform andere Siedler zur Aufgabe zwingen.
Das Buch ist in erster Linie für den israelischen Markt geschrieben, und es ist selbstverständlich ein politisches Buch und keine systematische wissenschaftliche Abhandlung von einem neutralen Standpunkt aus. Das macht die Lektüre nicht immer einfach, weil der deutsche Leser die israelische Geschichte und ihre verschiedenen Strömungen nicht so kennt wie ein Israeli. Andererseits bietet dieser Text aber auch Einblicke, die sehr lehrreich sein und zu einer anderen Betrachtungsweise der israelisch-palästinensischen Beziehungen führen können.
Der Autor orientiert sich bei seinen Darlegungen an gewissen intellektuellen Idealvorstellungen, die überall in der Welt gerne formuliert werden, doch an die sich kaum eine Regierung oder ein Staat hält. Natürlich kann man das beklagen, insbesondere wenn dies so offensichtlich ist wie in Israel. Doch der Glaube, dass ein Israel im demokratischen Idealzustand und eine Zwei-Staaten-Lösung dazu führen würde, dass sich auch alle Nachbarstaaten zu einer Form der westlichen Demokratie aufraffen würden, und dann die Existenz des jüdischen Staates anerkennen und begrüßen würden, erscheint dann doch etwas naiv.
Wenn man etwas aus diesem Buch lernen kann, dann ist es ein besseres Verständnis der innenpolitischen Situation Israels und der sich daraus ergebenden außenpolitischen Konsequenzen. Ganz nebenbei wird dem Leser auch klar, wie außerordentlich verfahren die Lage in dieser Region wirklich ist.