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Im Kielwasser: Roman Gebundene Ausgabe – 29. Januar 2007

4.3 von 5 Sternen 11 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Per Petterson, 1952 in Oslo geboren, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Norwegens. Seine Bücher erscheinen in zahlreichen Sprachen, für seinen Roman Pferde stehlen (2006) wurde er mit dem Independent Foreign Fiction Prize ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen außerdem die Romane Sehnsucht nach Sibirien (1999), Im Kielwasser (2007), Ich verfluche den Fluss der Zeit (2009), für das Petterson den bedeutendsten norwegischen Literaturpreis, den Brage-Preis, den Norwegischen Kritikerpreis und den Preis des Nordischen Rats erhielt, sowie Ist schon in Ordnung (2011). Für seinen jüngsten Roman Nicht mit mir, der im Herbst dieses Jahres bei Hanser erscheint, erhielt er 2012 den Norwegischen Buchhändlerpreis.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Auf dem Heimweg mache ich einen Abstecher in den Konsum und kaufe die Sachen, die ich gestern nicht gekauft habe. Ich komme gerade noch rechtzeitig, bevor er schließt, und ich kaufe etwas mehr, als ich strenggenommen brauche, und dann gehe ich den Fußweg hinauf mit der Tüte in der Hand. Es ist jetzt bewölkt und wieder kälter, aber nicht so kalt. Vor dem Block ist es menschenleer. Drinnen hole ich die Post aus dem Briefkasten hinter der Treppe, und als ich zu meiner Wohnung komme, steht Naim Hajo, der Kurde aus dem zweiten Stock, vor meiner Tür und klingelt. Unter dem Arm hat er ein Buch. »Hei«, sage ich, und er sagt: »Hei«, und lächelt, und ich schließe auf, drücke die Tür auf und verbeuge mich leicht mit einer einladenden Handbewegung. Mein Arm zittert, und ich weiß nicht, warum. Wohl weil ich wieder vergessen habe zu essen. Es entgeht ihm nicht. »Herein«, sage ich. Er tritt tatsächlich über die Schwelle, doch dann bleibt er stehen und betrachtet all die kleinen Glassplitter, ein glänzender Teppich, bis zur Wohnzimmertür, und er sieht mich an und macht ein ernstes Gesicht. Er zeigt mit fragendem Gesichtsausdruck auf den Boden. »That's nothing«, sage ich. Er sieht aus, als verstünde er, was ich sage, und er sieht aus, als stimmte er mir nicht zu. Vielleicht hat er Basho gelesen. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Problem.« Einfach so. Und dann zeigt er auf mich und nicht auf mein Gesicht, sondern mehr dorthin, wo mein Herz sitzt. Ich überlege, ob ich ein Problem in der Gegend habe, aber ich habe keine Probleme, die ich ihm erklären könnte, nicht in der Sprache, die wir gemeinsam haben. Was ich habe, ist ein kaputter Spiegel. Aber ich merke, wie ich mich darüber freue, daß er Anteil nimmt. Außerdem ist er jetzt bei drei Wörtern angelangt. Das stimmt mich beinahe heiter. »One moment«, sage ich und halte ihn mit den Händen zurück. Ich hole einen Besen und eine Schaufel und fege uns einen Weg durch die Glasscherben von der Wohnungstür zum Wohnzimmer, und ich winke ihn herein. »Come on«, sage ich. »Kaffee«, frage ich, und er lächelt, versteht das Wort problemlos und folgt mir in die Küche. Ich zeige mit der Hand auf einen der Stühle, und er setzt sich und holt das Buch unter dem Arm hervor und legt es auf den Tisch direkt vor die Messingschale. Die Schale glänzt frisch geputzt im Licht des Fensters. Ich kann sehen, daß es ihn freut. Ich hole die Waren aus der Einkaufstüte, verteile sie auf der Arbeitsplatte und mache einen extrastarken Kaffee von Co-ops Grünem aus Mangel an etwas Orientalischerem, so, wie ich glaube, daß er ihn gerne trinkt. Zum Glück liegt eine frische Decke auf dem Tisch, und ich verteile Tassen und Untertassen und Kuchenteller darauf, vom gleichen Service, dem schönsten, das ich habe, ich habe es von meiner Mutter geerbt, die es aus Dänemark mitgebracht hat, irgendwann um neunzehnhundertfünfzig. Plötzlich ist es wichtig, wie alles aussieht, daß alles ordentlich ist und daß er das versteht, denn in seinem Teil der Welt ist das Kaffeetrinken mehr als eine halbvolle Kanne, die man mit auf den Balkon nimmt. Ich bin schließlich nicht ganz ungebildet. Ich gieße Milch in ein kleines Kännchen, gebe Zucker in ein passendes Döschen und finde zwei Kaffeelöffel, die tatsächlich aus Silber sind. Ich hole Haferkekse aus der Einkaufstüte, öffne die Packung, nehme eine passende Menge heraus, bestreiche sie mit Butter und lege sie in einen kleinen Korb, den eine zurückgelassen hat, die früher hier gewohnt hat, und einen Augenblick lang überlege ich, ob ich ein paar Kerzen anzünden soll. Aber ich habe keine Kerzen, und außerdem ist es mitten am Tag, und mit Kerzen sähe es vielleicht aus wie ein Rendezvous. Als alles fertig ist, setze ich mich hin und gieße Kaffee in seine Tasse und warte, bis er Zucker genommen, ihn mit dem Löffel umgerührt hat und den ersten Schluck trinkt. Er nickt und lächelt. Es ist richtig guter Kaffee, will er damit sagen, und ich fülle meine eigene Tasse und probiere ihn vorsichtig. »Ein bißchen zu stark für meinen Geschmack«, sage ich, »aber ich bin Norweger, nicht wahr«, und er hört aufmerksam hin, ob er versteht, was ich sage, oder nicht, und ich nehme einen Keks, und er nimmt einen Keks, und wir kauen und trinken Kaffee und sagen eine Weile nichts, und dann erinnere ich mich an den Traum mit dem Haus, in dem ich mit meinem Vater war, daß sie hinter mir her waren und daß er mir herausgeholfen hat, bevor es zu spät war. Ich frage: »Lebt Ihr Vater noch?« und dann warte ich ein wenig und sage: »Mein Vater ist tot.« Was auch nicht weiter merkwürdig ist, er wäre jetzt über achtzig und vielleicht ohnehin nicht mehr am Leben, unabhängig von dem, was geschehen ist. Es ist ja eigentlich viel schlimmer für die anderen. Aber das Merkwürdige ist, daß ich sechs Jahre gebraucht habe, um zu begreifen, daß es unerträglich ist. »Können Sie das begreifen?« frage ich und schüttele den Kopf, und er zeigt auf mich und sagt: »Problem«, und dieses Mal leugne ich es nicht. Wenn du nachts nackt durch die Diele läufst und einen Spiegel zu Pulver zermalmst, einfach so, dann hast du ein kleines Problem, das versteht sich von selbst. Ich nicke und gestehe es offen ein, und er zeigt auf sein eigenes Herz. »Problem«, sagt er erneut. Und das kann ich verstehen. Er befindet sich mehrere tausend Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, und vielleicht hat er einen Vater in einem Dorf im Norden Iraks, den er nie wiedersehen wird, oder der Vater ist tot, und irgend jemand hat ihn umgebracht, und dann kommt er hierher, und das erste Wort, das er lernt, ist danke und das dritte ist Problem. Da hilft ihm das hei in der Mitte nicht viel. Ich nicke erneut. »Ich habe Sie in der Nacht gesehen«, sage ich. Er legt den Kopf schief und sieht mich fragend an, und da lege ich das Gesicht in die Hände und wiege den Körper vor und zurück, und während ich das tue, merke ich, daß dies vielleicht zu weit geht. Ich sehe vorsichtig auf. Seine Augen glänzen, und er streicht mit den Fingern über den Schnurrbart, immer wieder, aber er nickt. Ganz schwach. Ich beeile mich, ihm nachzuschenken, und halte ihm den Korb mit den Keksen hin. Er ist höflich und bedient sich und nimmt einen Schluck Kaffee, und dann legt er die Hand auf das Buch und schiebt es zu mir herüber und öffnet die Hand. Ich soll noch ein Geschenk erhalten. Das ist fast zuviel. Ich drehe es um und sehe, daß es Memed, mein Falke von Ya¸sar Kemal ist. In englischer Ausgabe: Memed, my hawk. Ich erinnere mich gut daran, daß ich es vor fünfzehn Jahren gelesen habe. Erinnere mich an den Stuhl, auf dem ich gesessen habe, und die Farbe der Gardinen und die Farbe der Wände in der Wohnung in Bjølsen, wo ich damals gewohnt habe, und das Brummen des Busses auf dem Weg in den Kreisverkehr direkt vor dem Fenster und die Bremsen an der Haltestelle und die Türen, wenn sie aufgingen. Erinnere mich an die irische Musik, die ich jeden Tag hörte, die sich für immer mit den brennenden Disteln der Chukorova-Ebene vermischte, und an Memeds Strümpfe, die seine Freundin in einem ganz bestimmten Muster strickte, das nur für ihn gedacht war. Und ich erinnere mich, von wem ich das Buch bekam, und daß ich fragte, ob sie mir ein solches Paar Strümpfe stricken könnte. Und sie tat es, so gut sie konnte, nach der Beschreibung, die Kemal gegeben hat. Und plötzlich ist ihr Gesicht wieder da und all die Jahre, die ich dieses Gesicht gesehen habe, und ihr Geruch und die Art, wie sie ging, und die Art, wie sie sich durch die Haare fuhr, um sie aus den Augen zu entfernen, und dann wieder das Gesicht, wie es auf der Entbindungsstation aussah, die zwei Male, die ich vor dem Bett kniete, und noch einmal wie es am Ende war, verzerrt und wütend, und es beginnt mit einem Mal im Hals zu brennen. Ich räuspere mich mit aller Kraft, stehe auf, ergreife seine Hand und sage: »Danke« und räuspere mich noch einmal. »Einen Augenblick«, sage ich und lege das Buch weg, stehe vom Tisch auf und gehe durch das Wohnzimmer zum...


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Kundenrezensionen

Top-Kundenrezensionen

Format: Gebundene Ausgabe
Mit seinem wunderbaren Roman Pferde stehlen" wurde Per Petterson 2006, besonders nach der Empfehlung Elke Heidenreichs im ZDF, auf einen Schlag in Deutschland bekannt.

Sein schon 1999 bei Hanser erschienenes Debüt Sehnsucht nach Sibirien" hätte dazu mindestens genauso viel Anlass gegeben, doch es blieb leider bisher fast unbekannt.

Im Sog des Erfolgstitels des letzten Jahres legt man nun bei Hanser Pettersons zweiten Roman aus dem Jahre 2000 vor. In Im Kielwasser" beschreibt er, stark autobiographisch geprägt, die Geschichte des 43-jährigen Schriftstellers Arvid, der schreibend seinem Leben nachdenkt und es so - wie sollte es auch anders gehen ? - aus einer lang schon andauernden Krise herausführt.

Sechs Jahre ist es schon her, dass Arvids Vater zusammen mit seiner Frau und Arvids beiden kleinen Brüdern bei einem Schiffsbrand ums Leben kam. Dass der Vater, 78 - jährig, zu diesem Zeitpunkt schon schwer an Krebs erkrankt war, mildert den Schmerz und den Schock kein bisschen.

Arvids älterer Bruder ist der einzige, der ihm von der Familie geblieben ist, doch Arvids Trauer verbaut ihm lange den Weg, um zu seinem Bruder eine Beziehung aufzubauen. Indem er Stück für Stück sich in die Geschichte seiner Familie vortastet, indem er schreibend, um sein Leben schreibend, Schicht um Schicht dieser Geschichte und der mit ihr verbundenen Personen freilegt, kommt er zu erstaunlichen, ihn befreienden und seine Trauer auflösenden Erkenntnissen über seinen Vater.

Ein außergewöhnliches, persönliches Buch eines außergewöhnlichen und begnadeten Erzählers mit einer wunderbaren und poetischen Sprachmacht.

Ich kann es nur empfehlen. Und: wer Sehnsucht nach Sibirien" noch nicht gelesen hat, sollte es schnellstens nachholen. Es lohnt sich.
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Format: Gebundene Ausgabe
Per Petterson, 1952 in Oslo geboren, hat sich mit "Pferde stehlen" in die Weltelite vorgeschrieben. Verlage nutzen den Sog der Bekanntheit, um ältere Werke auf den Mark zu bringen. "Im Kielwasser" entstand schon 2000, wurde ins Deutsche übertragen und nun in diesem Jahr veröffentlicht. Es geht um einen mässig erfolgreichen Schriftsteller, dem das Schiff (des Lebens) davonschwimmt. Er droht im Kielwasser zu ertrinken. Petterson präsentiert die Handlungsebene im Präsens, was unzweifelhaft Spannung auslöst. Das ist nötig, denn viel passiert nicht. Der geschiedene, 43 Jahre alte Arvid wacht aus einem Suff auf, kehrt in seine deprimierende Wohnung zurück, fängt eine Beziehung mit einer alleinerziehenden Nachbarin an, fährt mit dem Auto zum Einkaufen, besucht seinen Bruder nach dessen Suizidversuch im Spital, isst mit seiner Teenagertochter (die bei der Mutter lebt) Waffeln und offeriert einem anderen Nachbarn, ein Kurde, Kaffee und Kekse. Dies ist alles sehr leichtfüssig geschrieben, hin und wieder durchsetzt mit der den Norwegern (und anderen Skandinaviern) eigenen Halsstarrigkeit. Was das Buch nun aber tiefgründig und wertvoll werden lässt, sind die Rückblenden. Diese sind so geschickt eingefädelt, dass man die Übergänge oft gar nicht mitbekommt. Inhaltlich geht es in diesen Passagen immer wieder um die übergrosse Gestalt des Vaters, der Schuhmacher, der Freizeitathlet, der Gläubige, der mässige Trinker, der nie zu den Besten gehört hat, den nie etwas aus der Bahn geworfen hat, mit einer Ausnahme - seine erste Liebe. Eine Dänin, Tochter eines Abteilungsleiters in einer Schuhfabrik.Lesen Sie weiter... ›
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Format: Taschenbuch Verifizierter Kauf
Nachdem ich "Pferde stehlen" mit Begeisterung gelesen habe, bin ich von "Im Kielwasser" mehr als enttäuscht. Der Protagonist hatte einen scheinbar schwierigen Vater. So verstand ich die Kurzbeschreibung. Meiner Meinung nach war Arvids Vater ein ganz normaler Mensch.
Ich habe mich durch das Buch gequält und das bis zum Schluss, wo er sich mit seinem Bruder prügelt. Ich habe den Eindruck, Arvid hatte mehr Probleme mit seinem Bruder als mit seinem Vater. Woher diese Probleme allerdings rühren, hat sich mir nicht erschlossen.

Petterson hat eine wunderbare Sprache, aber die Handlung dieses Buches und der permanente Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit macht die Lektüre wirklich anstrengend. Ich will mich beim Lesen eines Romans aber nicht anstrengen, sondern einfach nur mit Freude lesen. Dieses Buch hat mir definitiv keine Freude bereitet. Schade, das Thema an sich – Vater-Sohn-Konflikt – hätte viel hergegeben!
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Format: Gebundene Ausgabe Verifizierter Kauf
Kindheitserinnerungen, später das Loslösen des Protagonisten Arvid aus der -von ihm als spiessig, reaktionär und konterrevolutionär empfunden,
familliären Enge; fort von der Mutter und einem Vater, der für Tradition, Härte und Disziplin steht.
Jahre nach dem die Eltern (und zwei jüngere Brüder) bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommensind, beginnt Arvid eine behutsame und -über weite Strecken- schmerzliche Annäherung an die Geschichte seiner Familie. Auch sein älterer Bruder ist ihm dabei zunächst keine Hilfe. Zu sehr gefangen sind beide in ihrer eigenen Trauer und Einsamkeit.
Erst spät gelingt es Arvid mit seinen zwiespältigen Gefühlen zu seinen Vater (der ja in allen Belangen ein Gegenstück zu seinem Sohn war) umzugehen. Arvid erkennt, dass auch sein Vater ein Mensch war, der leidenschaftlich lieben konnte und Verzweiflung kannte.
Eine späte Annäherung und Versöhnung gelingt.
Auch bei diesem Buch gilt es, die vortreffliche Übersetzung von I. Kronenberg hervorzuheben !
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