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Himmelstänzerin: Roman Taschenbuch – 1. März 2008

2.0 von 5 Sternen 3 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Shan Sa, geboren 1972 in Peking, veröffentlichte mit acht Jahren ihren ersten Gedichtband  und wurde zum »Aufsteigenden Stern Pekings« gekürt. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 emigrierte sie nach Paris, wo sie Philosophie studierte und sich mit der Tochter des Malers Balthus anfreundete, in dessen Haus sie auch kalligraphierte. Mit ihren beiden Welterfolgen »Die Go-Spielerin«, wofür sie den Prix Goncourt des Lycéens erhielt, und »Kaiserin« demonstrierte sie eindrucksvoll ihre erzählerische Reife. Zuletzt erschien von ihr auf deutsch »Himmelstänzerin«, ihr literarisches Debüt in französischer Sprache, für das sie den »Prix Goncourt du premier roman« erhielt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Kapitel I
Peking, Mitternacht, klarer Himmel und Mondsichel.
Die Armee hatte in der Aufstellung, die den Platz des Himmlischen Friedens umschloß, eine Bresche geöffnet. Tausende Studenten strömten, von Soldaten eskortiert, langsam auf die Straße des Ewigen Friedens.
Sie stützten sich gegenseitig; ihr Seufzen und Stöhnen erhob sich und erstarb sofort wieder im Schweigen. Dennoch war die Nacht voller Unruhe. Man hörte das Rollen der Panzer, vereinzelte Schüsse, die rauhen Stimmen der Soldaten, die Befehle weitergaben. Eine junge Studentin, die gesenkten Blickes ganz alleine lief, wurde allmählich langsamer. Sie blieb stehen und warf einen besorgten Blick auf die Menge, die weiter voranschritt.
Jemand, der sie bemerkt hatte, blieb ebenfalls stehen. Er bahnte sich einen Weg zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Ayamei, worauf wartest du noch, bevor du fliehst?«
Ayamei drehte sich brüsk um. Es war ein fremder Student, bleich, bärtig, mit hervorspringenden Wangenknochen und wild zerzaustem Haar.
»Bleib nicht bei uns«, fuhr er fort. »Die Armee wird uns gleich kontrollieren, und dann wirst du verhaftet. Geh weg von hier, beeil dich!«
»Warum?«
»Oh, Ayamei... Komm mit.«
Er nahm sie am Handgelenk, wartete ab, bis die Soldaten nicht mehr in ihrer Nähe waren, verließ die Menge der Studenten und stürzte in eine Seitenstraße. Er zog Ayamei gewaltsam mit sich und wurde erst langsamer, als der Platz des Himmlischen Friedens weit hinter ihnen lag, sie sich im Zentrum von Peking verloren hatten, inmitten des Gewirrs von verschlungenen, schlecht beleuchteten Gassen.
Der Student begann zu husten und brach erschöpft auf dem Gehsteig zusammen. Eine Laterne, die am Vordach eines Hauses hing, warf ein schmutziges Licht auf seine Stirn, die von einer Narbe überzogen war.
»Xiao!« In einem Aufschrei nannte Ayamei ihn bei seinem Namen.
Sie erkannte den einstigen Schulkameraden wieder, der Peking drei Jahre zuvor verlassen hatte, um an einer Universität in der Provinz zu studieren. Lachend nahm sie ihn bei den Händen und musterte ihn von Kopf bis Fuß.
»Wie du dich verändert hast! Was macht dein Studium? Seit wann bist du wieder in Peking? Du hast also am Hungerstreik teilgenommen? Erinnerst du dich an unsere Badmintonspiele nach dem Unterricht, bei denen uns keiner besiegen konnte? Warst du einmal wieder an der Schule? Sie haben Bäume gefällt und ein häßliches Sportgebäude hochgezogen.«
Xiao erschauerte. Seit ein paar Tagen hatte er Fieber. Nun ließen ihn Ayameis Begeisterung und ihr unschuldiges Geplapper seine Schmerzen beinahe vergessen. Ein paar Augenblicke lächelte er, in die Erinnerungen versunken. Gedämpfte Schüsse und entfernte Schreie vom Platz des Himmlischen Friedens riefen ihn zurück in die Wirklichkeit. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Die beiden Studenten verharrten reglos, erstarrt vor Grauen und Hilflosigkeit. Endlich brach Xiao das Schweigen: »Meinst du, das Blutbad kommt heute nacht?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Ayamei. »Du mußt ins Krankenhaus und dich behandeln lassen. Ich gehe zurück auf den Platz.«
»Nein!« rief Xiao. »Wir haben es gerade herausgeschafft. Du mußt dich verstecken. Ich bin sicher, daß die Regierung deinen Kopf will.«
»Xiao, ich gehöre zu den Organisatoren dieser Bewegung. Der Tod der Studenten wird mein Gewissen quälen. Ich mache mir Sorgen, schreckliche Sorgen.«
Sie sah ungeduldig in die Richtung des Platzes. Der Lärm schwoll an, und das Weinen und die Schreie, die sie jetzt hörte, ließen Ayamei erschauern.
Nach einem Monat der Schlaflosigkeit, des Hungers, der extremen Nervenanspannung ging es dem jungen Mädchen wie einem Marathonläufer, der sich im Moment der äußersten Erschöpfung in einem reinen Willensakt von mächtiger Energie durchflossen fühlt; sie zitterte und wollte umkehren.
Xiao hielt sie an der Hand zurück.
»Willst du sterben? Willst du den Rest deiner Tage im Gefängnis verbringen?«
»Wenn die anderen Studenten sterben und ihr Blut vergießen, warum sollte ich dann leben? Da ich es doch war, die sie mit Reden und Aufmunterungen auf die Bewegung eingeschworen und sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammelt hat; ich, die ich die Idee des Hungerstreiks aufgebracht habe, ich muß als erste sterben! Und was tue ich statt dessen? Ich fliehe! Ich überlasse sie dem Feuer und den Panzern!«
Xiao lachte bitter auf und blickte sie spöttisch an.
»Ayamei«, sagte er, »du hältst dich für die neue Heldin des modernen Chinas. Meinst du, das Martyrium zu erleiden, würde den Lauf unserer Geschichte ändern? Wie naiv! Wie anmaßend! Bleib hier, dein Leben ist wertvoller als dein Untergang...«
»Du hast mich nicht verstanden«, unterbrach ihn Ayamei. »Es liegt mir nicht daran, eine Heldin zu sein, so wie es mir anmaßend scheint zu sagen, daß ich »die Studenten eingeschworen und versammelt« habe. Die Bewegung ist spontan entstanden, und ich war nichts als ein Katalysator. Doch diese Rolle und diese Verantwortung muß ich bis zum Schluß auf mich nehmen.«
»Laß den Blödsinn.« Xiao winkte nervös ab. »Die Menschen lieben die Zerstörung und wollen den Untergang. In deinem kleinen Kopf voller Poesie verherrlichst du jetzt gewagte Aktionen, weil du im Grunde seit langem deine eigene Zerstörung ersehnst!«
Ayamei erzitterte bei Xiaos letztem Satz. Sie warf ihm einen eigenartigen Blick zu, und plötzlich riß sie sich gewaltsam aus seiner Umarmung. In wilder Entschlossenheit, sie zurückzuhalten, stürzte Xiao sich auf ihre Beine und umklammerte sie.
»Laß mich los!« schrie Ayamei verzweifelt. »Ich bitte dich, du wirst mich nicht aufhalten. Es ist meine Pflicht.«
»Ich werde dich nicht loslassen, Dummkopf«, schrie nun auch Xiao, »denn meine Pflicht ist es, dich vor deinem Wahnsinn zu schützen...«
Plötzlich fielen Schüsse in einer Straße in nächster Nähe, und ein Dutzend Zivilisten rannten auf Ayamei und Xiao zu. Sie liefen an den Mauern entlang und rempelten sie an. Mit ungeahnten Kräften zog Ayamei Xiao hoch. Sie stützte ihn, und in aller Eile folgten sie den Zivilisten auf ihrer Flucht. Das Pfeifen der Kugeln kam näher. Plötzlich schwankte Xiao und brach mit seinem ganzen Gewicht über Ayamei zusammen. Sie lag am Boden, im warmen Blut, und meinte, verrückt zu werden. Um sie herum rannten die Menschen weiter, und unter ihren Schritten bebte die Erde. Dann waren die Soldaten da.
Sie hatte gerade noch Zeit, sich hinter einem Baum zu verstecken. Schießend zogen die Soldaten vorbei. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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am 18. September 2013
Format: Taschenbuch
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am 28. Dezember 2006
Format: Taschenbuch
11 Kommentar| 8 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 9. Dezember 2007
Format: Taschenbuch
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
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