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Herkunft und Geschichte des Menschen Taschenbuch – 1. August 2004

4.2 von 5 Sternen 12 Kundenrezensionen

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Das ist schon ein umwerfender Thriller: Erst komplizierteste Mikroskope setzen das kleine Wunder ins Bild und dieses Bild soll auch noch Informationen über die gesamte Menschheitsgeschichte präsentieren: Immerhin läppische 150.000 Jahre oder 7.500 Generationen. All das auf unseren Erbanlagen in kleinster Zelle?

Dieses 420-seitige Buch gehört in die Rubrik Sachbücher, liest sich jedoch wie ein Bestseller-Krimi, es geht um höchst komplexe Sachverhalte und doch versteht man sie. Ein Buch, in das man sich nach wenigen Seiten ohne Scheu vor hoher Materie hineinbegibt, ein Buch bei dem man aus dem Staunen allerdings nicht so schnell herauskommt. Wie war das, wir stammen doch nicht vom Neandertaler ab?

"Die sechs Milliarden Menschen, die heute auf der Erde leben, stammen ausnahmslos von der kleinen Gruppe anatomisch moderner Menschen ab, die einst in Ostafrika lebten." Revolutionäre Erkenntnisse, die aus dem wissenschaftlichen Zusammenspiel mehrerer Disziplinen entstanden, allen voran der Gentechnik. Forschungsgegenstände, sie werden immer kleiner und winziger, Forschungsergebnisse immer weit reichender und weltumfassender. "Diese Daten bergen das Potential, Rassismus abzuschaffen. Rasse ist ausschließlich durch die Umstände bestimmt, hat keine biologische Grundlage." Eine klare Aufforderung zum Umdenken. Das liest sich sehr gut.

Das auch ganz sicher deshalb, weil da ein Autor mit fundierten Kenntnissen schreibt, der zu den renommiertesten Wissenschaftsautoren der USA zählt, der Fremdwörter ausgesprochen behutsam und nachvollziehbar erklären, Zusammenhänge sehr plastisch und geduldig erläutern kann. Den so aufbereiteten und immer wieder in Bilder verwandelten Stoff kann man bestens verdauen und erfassen. Den Leser erwarten also Überraschungen aus der eigenen Evolutionsgeschichte, die einem Fantasy-Thriller in nichts nachstehen. --Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Rezension

Der Werbetext auf dem Umschlag stimmt euphorisch: "Steve Olson erzählt die letzten 150000 Jahre Menschheitsgeschichte anhand der Informationen, die sich aus unserer DNA ergeben. Seine leicht zu lesende, packende Schilderung räumt mit jedem Rassismus auf. Die Gene aller Menschen gehen auf eine Urmutter zurück." Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steve Olson gliedert seine Geschichte entlang der geografischen Herkunft der Menschen. Dabei bedient er sich vieler populärer Schlagwörter, die in einem Sachbuch zu dem ohnehin spannenden Thema entbehrlich wären. Bereits in der Einleitung stehen pastorale Verkündigungen wie "Die Genforschung bietet uns eine Chance, die Welt von großem Leid zu befreien" neben voyeuristischen Verheißungen: "Es ist eine der besten Geschichten, die Sie je hören werden. Sie ist abenteuerlich, voller Konflikte, Triumphe und Sex – jede Menge Sex."
Einzelne Kapitel sind wirklich interessant und spannend, so etwa das über die genetische Geschichte der Juden. In deren Glaubensgemeinschaft spielt die Abstammung eine wichtige Rolle. Im Buch Exodus bestimmt Gott Moses’ Bruder Aaron und seine männlichen Nachkommen zu Hohepriestern. Noch heute haben Männer, die sich zu den direkten männlichen Nachfahren Aarons zählen, einen besonderen Status; man bezeichnet sie mit dem hebräischen Wort für Priester als "Kohanim". Viele tragen Nachnamen wie Cohen, Cohn, Kahn. Da Männer jeweils ihr Y-Chromosom an ihre Söhne weitergeben, müssten – wenn die Geschichte stimmt – alle Nachfahren Aarons in männlicher Linie dessen Y-Chromosom tragen; allenfalls wären leichte Abwandlungen auf Grund von Mutationen zu erwarten. Untersuchungen an 200 männlichen Juden aus Israel, Nordamerika und England ergaben: Bei denjenigen, die sich nicht als Kohanim einstufen, gibt es eine große Vielfalt von Y-Chromosomen. Hingegen hat etwa die Hälfte der Kohanim das gleiche Y-Chromosom. Dem Mutationsmuster zufolge müsste deren letzter gemeinsamer Vorfahre vor etwa 100 Generationen gelebt haben, könnte also von einem alttestamentarischen Ahnen abstammen.
Insgesamt macht das Buch jedoch an vielen Stellen einen unaufrichtigen Eindruck – als hätte Olson sich zu seiner Predigt die passenden Fakten zusammengesucht. Geradezu stereotyp trägt er sein Credo der politischen Korrektheit vor: Es gibt keine Rassen, und Unterschiede zwischen Menschengruppen sind allenfalls oberflächlicher Natur. Zu allen Zeiten gab es Genfluss (Sex) zwischen Populationen und Volksgruppen, und daher ist der Begriff der "Rasse" ein rein kulturelles Produkt. Genetische Unterschiede sind zu vernachlässigen.
Aber so trivial ist die Geschichte der Menschen nicht. Mit Ausnahme einiger Anthropologen kann fast jeder mit großer Treffsicherheit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt unterscheiden. Es wird sich dabei kaum um pure Einbildung oder gar rassistische Hirngespinste handeln. Der biologische Hintergrund ist, dass sich zwischen zwei Populationen bereits nach wenigen Generationen unterschiedliche Merkmale herausbilden können, auch wenn es einen gewissen Grad an Durchmischung gibt. Handelt es sich um Buntbarsche aus dem Viktoriasee, dann hat niemand ein Problem mit der Unterteilung in Subspezies oder "Rassen". Und bei Homo sapiens sollte das nicht anders sein. Hier wie dort gilt übrigens auch, dass bereits geringfügige genetische Unterschiede (im Extremfall einzelne Punktmutationen!) zu entscheidenden Unterschieden in der Biologie der betroffenen Organismen führen können. Nahe genetische Verwandtschaft bedeutet deshalb noch lange nicht, dass Unterschiede unerheblich wären.
Leider baut Olson seine Argumentationskette so zusammen, wie es ihm gerade passt. Die Hautfarbe strapaziert er dabei besonders: Einerseits gilt sie ihm als "diagnostisches Merkmal" und damit als wertneutral, andererseits tut er statistische Zusammenhänge zwischen Hautfarbe und geografischer Herkunft als belanglos und deren Betonung als nicht seriös und willkürlich ab. Aber bereits Darwin kam zu dem Schluss, dass neben der natürlichen Selektion (Anpassung an Sonneneinstrahlung, Vitamin-D-Produktion) besonders die sexuelle Selektion eine große Rolle bei der Fixierung von äußerlichen, populationsspezifischen Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe oder Körperbau spielt.
Eine sehr sachbezogene Abhandlung über "Patriotismus, Nationalismus und Rassismus" liefern Jan Klein und Naoyuki Takahata in ihrem Buch "Where do we come from" (besprochen in Spektrum der Wissenschaft 6/2003, S. 97). Hier werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschengruppen wesentlich rationaler erklärt. Unterschiede zu akzeptieren heißt nicht, dass eine Gruppe von Menschen besser oder intelligenter oder schöner ist. Die Ideologie des Rassismus wird mit einem "Gleichmacher-Buch" wie dem von Olson nicht aus der Welt geräumt. Nur wenn wir die Unterschiede erkennen, akzeptieren und tolerieren, wird es eine Verständigung zwischen den Kulturen geben.
Außerdem merkt man dem Buch an, dass Olson nicht aus seinem eigenen Forscherleben berichtet, sondern über die wissenschaftlichen Erkenntnisse anderer schreibt. Darin unterscheidet er sich zum Beispiel von Bryan Sykes, der in seinem Buch "Die sieben Töchter Evas" sehr anschaulich seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in eine spannende Story verwebt (Spektrum der Wissenschaft 6/2002, S. 110). Der narrative, weniger lebendige Ton Olsons wirkt streckenweise etwas ermüdend. Außerdem würde man gerne mehr Zusammenhänge verstehen, statt immer nur mit dem Spruch "die genetische Analyse hat gezeigt …" abgespeist zu werden. Die grundlegenden Mechanismen, die für die Muster genetischer Variation verantwortlich sind, nämlich Mutationen, Selektion und insbesondere ein Zufallsprozess namens genetische Drift, werden nur oberflächlich erklärt. Letzterer wird bestenfalls als "genetischer Zufall" bezeichnet, worunter sich der Nichtspezialist (an den sich das Buch wendet) nichts vorstellen kann. So muss sich der Leser mit Olsons Interpretation der Fakten zufrieden geben.
Dass sich der Autor mit der Primärliteratur auseinander gesetzt hat, beweist die umfassende Literatursammlung am Schluss. In den 43 Seiten Anmerkungen zitiert und kommentiert Olson eine beeindruckende Anzahl von Fachartikeln, die er mit viel Umsicht zusammengesucht hat. Obwohl viele dieser Arbeiten für Laien zu speziell und zu theoretisch sind, liefern diese Zusatzinformationen einen guten Überblick über das gesamte Forschungsfeld der Menschwerdung.
-- Ellen Baake und Dorit Liebers -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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Format: Gebundene Ausgabe
Die DNA unserer Mitochondrien stammt von den Mitochondrien einer einzigen Frau, die vor etwa 150.000 Jahren in Afrika lebte. Ergo, alle Menschen sind Brüder? Bedeutet dieses Buch das Ende allen Rassismus, wie der Klappentext behauptet?

*Erst auseinander, dann wieder zusammen*
Wenn man DNA Sequenzen verschiedener Menschen miteinander vergleicht, kann man den Verwandtschaftsgrad feststellen und abschätzen, vor wie vielen Generationen zwei Menschen die gleichen Eltern gehabt haben müssen. Auf den ersten Blick scheint die "Mitochondrien-Eva" (von der die Mitochondrien-DNA aller Menschen abstammt) die Bibel zu bestätigen, welche alle Menschen auf Adam und Eva zurückführt. Aber unsere Mitochondrien-Eva war vor 150.000 Jahren nicht allein. Es lebten damals bereits viele Menschen; diese hatten ihre Mitochondrien-DNA jedoch von anderen Müttern. Nur die DNA unserer Mitochondrien-Eva hat bis heute überlebt.

Der Wissenschaftsautor Steve Olson zeigt die zum Teil aus den DNA-Analysen abgeleiteten Reiserouten, auf denen unsere Vorfahren alle Kontinente der Welt erkundet haben. Wandernde Gruppen kamen immer wieder miteinander in Kontakt und es gab immer wieder Romeos und Julias die dafür sorgten, dass die Genpools der Gruppen durchmischt wurden. Trotz sichtbarer Verschiedenheit im Aussehen sind alle Menschen genetisch so eng verwandt, dass man sie nicht in Subspezies oder Rassen untergliedern kann.

Neben wissenschaftlichen Problemen gibt es noch andere Schwierigkeiten, welche die DNA-Analysen bei Menschen komplizieren. Genetische Studien treffen nicht selten auf großen Widerstand in Bevölkerungsgruppen.
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Format: Gebundene Ausgabe
Das war das faszinierendste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Olson versteht es, komplizierte technische Sachverhalte verständlich darzustellen und ein atemberaubendes Bid der Entwicklung des Menschen und der Besiedlung unserer Welt zu zeichnen. Er räumt mit Vorurteilen betrefffend die Überlegenheit bestimmter "Rassen" und mit Ureinwohner-Mythen auf und stellt ausgewogen verschiedene Theorien vor, nicht ohne den Leser den gangbarsten Weg zu weisen. Er verhehlt auch nicht, das manche Geheimnisse noch gelüftet werden müssen. Olson ist nicht nur ein großartiger Wissenschafts-Schriftsteller, sonder auch ein bedeutender Humanist.
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Format: Taschenbuch Verifizierter Kauf
In Deutschland sind Fragen nach Herkunft und rassischen Unterschieden von Menschen lange Zeit kaum Thema gewesen. Zu Recht, haben doch angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts zu den barbarischen Verbrechen des 20 Jahrhunderts im Namen des Rassismus geführt.
OLSON aber legt offen, dass eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Ursprung der Menschen gerade gute Munition gegen den Rassismus liefert. Stellt die Genetik doch klar, dass es keine "Menschenrassen" gibt, weil die genetische Variabilität des Menschen nur sehr gering ist. Jeder Mensch gleicht genetisch dem anderen mehr wie zwei Schimpansen an unterschiedlichen Stellen des gleichen Berges. Überhaupt wird der starke Einfluss von angeblich unveränderbaren vererbten Faktoren meist in Zeitungen übertrieben, Genetiker sehen die Verknüpfung von Erfahrungen und Genen viel komplizierter. Der Ursprung des Menschen liegt in Afrika. Sehr schnell verbreiteter er sich über die Erde, genagte sehr schnell nach Australien. Im Nahen Osten gab es wohl Begegnungen mit Neandertalern. Es gibt keine Hinweise auf eine Vermischung, eher ließ der Selektionsdruck die Neandertaler verschwinden. Die moderne Genetik hat gerade in den letzten Jahren viel über die genetische Herkunft des Menschen erfahren. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass wie alle enger verwandt sind als angenommen - alle Menschen stammen von einer Frau ab, die vor 186000 Jahren lebte. Das im übertragenen Sinne alle Menschen Schwester und Brüder sind, ist also kein frommer Wunsch, sondern ist naturwissenschaftlich gut belegt.
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Format: Gebundene Ausgabe
Steve Olsen mag ein bedeutender Humanist sein - wissenschaftlich ist sein Buch heute leider ohne Substanz.

Die Genetik hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sich auch noch in den letzten 10.000 Jahren viele Mutationen im menschlichen Genom ereignet haben - scheinbar sogar in höherer Rate als in den 50.000 Jahren davor. Es kann allerdings auch sein, dass es keine größere Mutationshäufigkeit war, sondern dass in einer sich sich differenzierenden nacheiszeitlichen Umwelt einfach mehr Mutationen ihre "Nische" gefunden haben und überleben konnten.

Das besondere nun war aber, dass sich bei der seit 10.000 Jahren weiten geographischen Verbreitung der Menschen kaum eine dieser Mutationen noch über alle Menschengruppen ausgedehnt hat, sondern dass die weitaus meisten dieser neuen Gentypen regional geblieben sind. Wobei "regional" natürlich schon auch ganz Ostasien oder das ganze westliche Eurasien oder das subsaharanische Afrika meinen kann.

Zusätzlich haben sich die verschiedenen Gruppen des Homo sapiens noch mit regional verschiedenen archaischen Sapiens-Formen gemischt. Europäer und Ostasiaten z.B. tragen einen kleinen Genanteil des Neanderthalers in sich. Die Menschen des melanesischen Raumes haben zusätzlich zu den Neanderthal-Genen noch solche des archaischen Denisowa-Menschen in sich. Wie allerjüngste Ergebnisse zeigen, haben ganz offensichtlich auch schwarzafikanische Menschen Genomanteile von wieder anderen archaischen Sapiens-Formen beigemischt.

Es existiert also durchaus eine biologische Verschiedeneheit zwischen Menschengruppen. Ob man diese nun als Rassen bezeichnen möchte oder dieses zugegebenermaßen unklare Wort lieber vermeidet, ist zweitrangig.
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