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TOP 500 REZENSENTam 19. Februar 2011
Mit 428 Seiten wird wahrlich so umfangreich wie noch nie zuvor die Geschichte der NDW beschrieben. Mit dem Begriff "NDW" (Neue Deutsche Welle) fängt meistens die Verwirrung schon an. Denkt der zeitgenössische Insider damit an die Entwicklung einer deutschsprachigen Musik mit eigener Identität hervorgegangen aus dem Punk und New Wave Ende der 70er Jahre mit einem abrupten Ende spätestens in der zweiten Hälfte 1982, so ist im Populärmusik-Overground eher die in der Spätphase der vorgenannten Bewegung einsetzende breite Vermarktung der Musikindustrie im Kontext der Blödelbarden wie Hubert Kah, UKW, Frl. Menke u.v.m. gemeint. Dies sind Fakten, auch wenn die Übergänge natürlich an einigen Stellen fliessend waren.

Zusammenfassend sei vorab gesagt, dass das Werk in jeder Hinsicht empfehlenswert ist für jeden, der sich für die Historie, Zusammenhänge sowie die ausführliche kultur- und sozialwissenschaftliche, populärkulturelle und sogar teils musikwissenschaftliche Untersuchung der BEIDEN o.g. Bewegungen interessiert. In noch nicht dagewesener tiefgehender Darstellung werden diverse Haupt- und Seitenarme über die Jahre ca. 1978 bis Mitte der 80er analysiert. So versteht die Autorin es sehr gut einzelne Randphänomene der musikalischen Darbietungen so weit wie es eben geht zu trennen und im musikhistorischen Gesamtkontext der NDW bzw. der populären Musik überhaupt zu beschreiben.

Auf einer Skala bis 10 würde ich dem Buch eine 9 geben, da es aus den oben und unten genannten Gründen sehr gelungen ist. Auf einer Skala bis 5 musste ich hier zur 4 (4,5) greifen, da es zumindest aus meiner Sicht nicht perfekt ist bzw. vielleicht auch nicht sein kann. So gelingt es ihr z.B. im ersten Teil des Buches diverse Szeneerscheinungen nicht ausreichend zu trennen und so werden oft Künstler wie "Foyer des Art" und "Frl. Menke" zum einen oder auch "Andreas Dorau" und "Hubert Kah" zum anderen etwas zu unreflektiert nebeneinander gestellt. Sicherlich gibt es hier unabhängig von Szenen überschneidende Merkmale, aber hier wird der zwangsweise sekundärquellengeprägte Rückblick der Autorin etwas verschwommen. Im hinteren Teil des Buches wird die Polarisierung der Stilrichtungen wieder sehr gut auseinandergehalten. Das Buch sollte jeder gelesen haben, ob er nun Zeitzeuge war oder nicht. Es ist das WISSENSCHAFTLICH GEPRÄGTE Standardwerk über die Ereignisse wie es kaum wiederholt werden kann.

Barbara Hornberger ist Jahrgang 1970 und so hatte sie natürlich keine Chance die eine wie die andere oben genannte Bewegung Ende der 70er und Anfang der 80er bewusst zu erleben. Laut eigener Erzählung hat sie die erste nachdrückliche und bewusste Erfahrung durch eine NDW Kassette mit Nena, Ideal, Extrabreit usw. im September 1982 während eines Krankenhausaufenthaltes gemacht. Da war der Untergang jeglicher NDW schon in vollem Gange. Qualifiziert sie dies für eine Arbeit über diese Zeit ? Aus theoretischer und der Sicht eines aktiven Zeitgenossens der (Underground-) NDW eigentlich nicht. Dies macht sie jedoch durch eine unglaublich einfühlsame und detailreiche Aufarbeitung der Geschehnisse sowie dem zitieren der signifikanten Primärquellen und massgeblichen Protagonisten mehr als wett.

Die Autorin ist also auf Sekundärquellen angewiesen, die sie ausführlich und treffsicher nutzt. Sie greift dabei häufig auf Teipels kleine Szenebibel "Verschwende Deine Jugend" zur Einstreuung von Authentizität zurück. Daraus ergibt sich, dass wer Szenetratsch und authentisches Underground- und Insiderwissen erwartet wie es Teipel und der geniale Frank Apunkt Schneider ("Als die Welt noch unterging.." - absolut zu empfehlen !) in Ihren Werken dokumentiert haben, hier nicht fündig wird. Das ist aber auch nicht die Absicht der Autorin, die sich erfolgreich mit entsprechendem Mehrwert in Ihrer Darstellung der Geschichte und Entwicklungen der NDW positioniert.

Gut weiss sie die diversen Überschneidungen von NDW Under- und Overground (eine bessere Kurzform der Unterscheidung der Bewegungen fällt mir hier wiederholt nicht ein) zu beschreiben und sogar die Grauzone der Akzeptanz einer Szenezugehörigkeit von Gruppen wie Trio, Ideal usw. darzustellen. Es gelingt ihr trefflich die eine oder andere Erscheinung von Altrockern und Rock'n Rollern, die erfolgreich auf den NDW Overground Zug aufspringen, wie "Extrabreit", "Spliff" oder "Spider Murphy Gang" usw. zu entlarven. Generell verweisst Barbara Hornberger zu Recht in deutlicher Weise auf die umfassende Emanzipation von anglosächsichen Vorgaben in Text und Musik aller deutschsprachiger Künstler dieser Epoche.

Unerwartet positiv und tiefgehend ist die musikalische Analyse einzelner Stücke wie "Herrenreiter" (Mittagspause), "Maschinenland" (Abwärts) und "Kebabträume" (DAF) über mehrere Buchseiten, nicht nur der Texte, sondern auch bis hin zur Analyse der Melodien, Taktfrequenzen, Tonlagen und präzisem Einsatz von Basssequenzen oder sogar Schlagzeugvarianten. Wo gab es das bislang ? Hier ist der Autorin hoher Respekt zu zollen, da es nicht viele Vorlagen gibt.

Sie vergisst auch nicht die sogenannten "Genialen Dilletanten" (Falschschreibung programatisch) im Umfeld der "Einstürzenden Neubauten", "Die tödliche Doris", "Malaria" und anderen zu erwähnen. Grundsätzlich bleibt sie aber in ihren Darstellungen leider weit hinter der Tiefe und Breite der sehr radikalen Szene der aus dem Punk- oder Industrialumfeld kommenden Akteure zurück. Auch der Punkbewegung an sich und ihrer kontextbezogenen Ausläufer widmet sie sich nicht ausführlicher. Sie bewegt sich leider inhaltlich mehr im Umfeld der in jeder Hinsicht leichter zugänglichen Künstler wie "Andreas Dorau", "Der Plan", "Fehlfarben", "Mittagspause" und "DAF" zum einen und natürlich der Overground NDW a la "Markus", "Frl. Menke", "Hubert Kah" usw. in allen Facetten zum anderen. Letztgenanntem Phänomen wird eine meines Erachtens zu starke Bedeutung gewidmet, war doch hier oft überwiegend der schiere Kommerz stilbildend für die entsprechend oberflächlichen Plagiate des Undergrounds. So bleibt bei allem Umfang des Werkes nicht viel Platz für eine umfassendere historische Werkschau diverser Strömungen, die teilweise bis heute nachhaltig aktiv sind. Hier seien z.B. auch nochmal die "Neubauten" genannt.

Gut gelingt Barbara Hornberger jedoch die Abgrenzung zu vermeintlichen NDW Overground Stars wie z.B. Nena die durch gut gemachten Poprock eigentlich nur zufällig in der gleichen Zeit erfolgreich wird. Nena stellt nach ihrer korrekten Auffassung inhaltlich und vom Stil weitestgehend den Anschluss an die normale Rock- und Popindustrie her. Die Autorin achtet hier sehr auf charmante Details, wie z.B. das Rolling Stones T-Shirt welches Nena oft trug. Die Karriere von Nena hätte eben auch einige Jahre vorher oder nachher gelingen können und ist somit kein genuines Phänomen der NDW welcher Gattung auch immer.

Die Autorin ist bemüht alle diversen Phänomene der damaligen Zeit auseinanderzuhalten, was ihr im hinteren Teil des Buches durch eine sehr detaillierte Analyse der Entwicklung des Ausverkaufs der gesamten NDW ähnlichen Musik, Under- wie Overground, gelingt. Wie schon gesagt, wird hier stets ihr zwangsweise sekundär-retrospektiver Blick auf die Ereignisse deutlich. Scherzhaft gesagt haben wir es hier mit einer sehr guten Melange aus szenekundigen Werken bzw. Individuen wie "Teipel", "Hilsberg", "Döpfner", "Hollow Skai" oder eben "Frank Apunkt Schneider" PLUS populärmusik- und kulturwissenschaftlichen Kontexts zu tun. Das umfangreiche Literaturverzeichnis ist eine profunde Quelle weiterführender Literatur für den Leser dieses in jeder Hinsicht zu empfehlenden Werkes.
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