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Kundenrezensionen

4,2 von 5 Sternen
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4,2 von 5 Sternen


am 19. Februar 2013
Das Leben findet sich nach Adorno nur noch in entstellten Formen. Diesen Entstellungen möchte er,
aus einer Haltung heraus, die sich auf Mitmenschen und Gesellschaft offen, kritisch - distanziert, jedoch wohlwollend einlässt und sich betroffen machen läßt, nachspüren. Er möchte keine geschlossene Lehre präsentieren sondern analysiert einfach in aufrichtiger Weise, was ihm begegnet.

Geschult am dialektischen Denken Hegels, hat er nicht den Anspruch, das Richtige" zu verkünden,
sondern will vielmehr dem Leser dazu verhelfen, dass dieser aus eigener Erkenntnis seiner Verfangenheit in die Unwahrheit, den bürgerlichen Verblendungszusammenhang" gewahr wird. Der Entwurf umfassender philosophischer Systeme entspringt immer schon einer verkehrten Haltung, nämlich dem Versuch zu beherrschen. Sie tun der Realität Gewalt an, indem sie verkennen, dass diese zu komplex und vielschichtig ist, um in einem System, so dialektisch es auch sei, erfasst zu werden, so wie auch Begriffe immer hinter der Realität des durch sie bezeichneten Gegenstandes zurückbleiben. Dies ist der Grund, warum sich beispielsweise in den Kinderbüchern Alice im Wunderland" und Struwwelpeter" geschichtsphilosophische Einsichten finden, die den stark an Hegel orientierten Geschichtsdramen Hebbels abgehen. Es kommt darauf an, dialektisch und undialektisch zugleich zu denken.

Wer eine Sache recht erfassen möchte, muss in einer reflektierten, natürlichen Beziehung zu ihr stehen. Er muss ganz in der Fühlung mit den Gegenständen" seines Nachdenkens sein. Wer meint, er versteht, indem er sich über sie stellt und sie ohne persönlichen Bezug zum Objekt seiner wissenschaftlichen Betrachtungen" macht, sie an Hand ihrer messbaren Qualitäten und Quantitäten
definieren möchte, irrt gerade, weil er das Wesentliche so nicht erfassen kann und sein Blick zudem unreflektiert interessengeleitet und somit verzerrt ist. Insofern ist der sog. Subjektivismus sehr viel objektiver als der sog. Objektivismus. Die Vertreter neopositivistischer Positionen irren, wenn sie meinen, sie könnten die in den Naturwissenschaften sinnvolle Methode experimenteller Beweis- und Gegenbeweisführung auf die Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen.

Mit unbestechlichem Blick beleuchtet Adorno so die verschiedensten Bereiche des Zwischenmenschlichen und der Gesellschaft (gesellschaftliches Miteinander, Solidarität, Geschlechterverhältnis und Gleichberechtigung, die Ehe, Arbeit und Freizeit, Arbeiterbewegung u.v.a.m.). Sein Verhältnis zur Theologie, das sicherlich ein gebrochenes war, schimmert dabei durch, wenn er sagt, man müsse die Welt vom Standpunkt der Erlösung aus betrachten". Hier findet er den Maßstab für eine angemessene Bewertung dessen, was er sieht.

Adorno ist der Ansicht, dass das Innere des Menschen im letzten ein Produkt der von außen auf ihn
einwirkenden Kräfte ist. Der marxistische Satz vom das Bewusstsein bestimmenden gesellschaftlichen Sein scheint für ihn unangefochtene Gültigkeit zu besitzen und schimmert durch viele seiner Ausführungen hindurch. So verstanden deformiert nicht die Sozietät den Menschen, da sein Inneres nicht etwas wesentlich Seiendes, sondern immer schon Reflexion und Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Die Gesellschaft ist deformiert; und der Weg über die Veränderung der Menschen führt immer über die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht umgekehrt. Dies bedeutet nicht, dass er als kritischer Anhänger der Psychoanalyse nicht auch um die Triebbestimmtheit des Menschen, die sublimen Formen der menschliches Denken, Fühlen und Handeln beeinflussenden bzw. bestimmenden Triebkonflikte, das angefochtene Selbststeuerungspotential des Ichs wüsste. Anders als Freud nimmt er aber die gegenwärtigen bürgerlich-kapitalistischen, herrschaftsförmigen Strukturen nicht als gegeben hin sondern entlarvt vielmehr das krankmachende Potential, welches diesen zu eigen ist. Für Adorno ist der Mensch untrennbarer Teil der Gesellschaft. Deshalb gibt es für ihn auch keine seelische Gesundheit in einer kranken Gesellschaft und eben auch kein richtiges Leben im falschen". Dem Menschen der Gegenwart gesteht er nur noch einen kleinen Bewusstseinsbereich zu, der sich gegen die letzte Vereinnahmung durch die Macht der Produktionsgesetze wehrt, und aus dem heraus sich noch eine Änderung hin zu einer menschenwürdigeren Gesellschaftsordnung vollziehen könnte.

Hellsichtig macht Adorno die psychische Zeitkrankheit im Ich-Verlust aus, der eine echte Ausformung von neurotischen Triebkonflikten nach klassisch psychoanalytischem Verständnis gar nicht mehr möglich werden läßt. Das Ich, nach FreudŽschem Modell dafür zuständig, zwischen den Forderungen der Gewissensinstanz des Über-Ich und der Triebwelt des Es zu vermitteln, ist in seiner Instabilität nach innen so konfliktunfähig wie nach außen. Der gesellschaftliche Anspruch an den Einzelnen, immer zu funktionieren, fröhlich, umgänglich und natürlich psychisch gesund zu erscheinen, führt zu wachsender Selbstentfremdung und Unfähigkeit zu echten emotionalen Bindungen. Eltern geben dies an ihre Kinder weiter. Schon dem Kleinkind gegenüber sind sie unfähig, die Bezugsperson zu sein, welche dieses für eine gesunde Ich-Entwicklung bräuchte. Sichtbar wird all dies an lauter scheinbar frohen, freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, sozusagen erst auf den zweiten Blick, in Konformismus und Farblosigkeit, in fehlender Individualität, Betroffenheit, Emotionalität, im Hang zu Gleichgültigkeit und Ignoranz der Mitglieder der Gesellschaft. Persönlichkeiten werden rar. Das Denken verliert an Kraft. In ihrer Zuspitzung, so der Autor, könne die beschriebene Dynamik in die Schizophrenie münden.

Interessantes sagt Adorno auch zu den Themen Angst, Glück und Verzweiflung. Er betrachtet das Phänomen, dass Angst sehr oft das Befürchtete geradezu heraufzubeschwören scheint. Den Hauptgrund dafür erkennt er im latenten Sadismus der Mitmenschen, die sich durch die intuitiv erspürte Schwachstelle des anderen unwiderstehlich herausgefordert fühlen, daran ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Geliebt werde man deshalb nur dort, wo man sich auch mit seinen Schwächen aufgehoben weiß. Aber auch weil die jedem Einzelnen unterschwellig eigene Angst vor dem Untergang nach Kollektivierung schreit, versäumt man nicht die Gelegenheit, durch Beihilfe zum partiellen Scheitern des Nächsten, das Begründetsein dieser Angst für jedermann ins Licht zu stellen. Angst und Glück gleichen sich insofern, dass beide durch grenzenlose Offenheit für Erfahrung gekennzeichnet sind. Glück ist weder machbar, noch reflektiert der Glückliche über das Glück. Er ist vom Glück gleichsam eingehüllt, wie das Kind in der Geborgenheit des Mutterleibes. Erst im Rückblick wird es dankbar erkannt.

Das Charakteristische an der Verzweiflung ist nicht etwa, dass es keine Aussicht auf Besserung gäbe. Vielmehr wird der Blick in die Vergangenheit von der Verzweiflung vereinnahmt. Deshalb hat wer verzweifelt stirbt, so heißt es im Buch, umsonst gelebt. In Anbetracht der Nivellierung des gesamten Lebens verliert für die Menschen selbst der Tod an Bedeutung. In ironischer Andeutung auf Heidegger verweist Adorno auf das Nichtig-Werden des nichtenden Nichts". Da der Wert jedes Einzelnen fast nur noch in seiner Funktionalität besteht, ist auch jeder ersetzbar.

Vor diesem Hintergrund wurde auch das Geschehen in der Zeit des Faschismus, das unvorstellbare
Grauen des Massenmords möglich. Adorno nimmt immer wieder darauf Bezug. Rückblickend versucht er aufzuhellen, wie sich die Entwicklung dorthin schon früh andeutete, etwa im verrohten schulischen Miteinander, dass er in seiner eigenen, von daher schwierigen, Kindheit erlebte oder beispielsweise auch in der in den 20er Jahren aufgekommenen Redeweise Das kommt mir nicht in Frage!". Wenn sich Menschen absolut setzen und nicht mehr hinterfragen lassen, ist bereits ein kleines Stück totalitärer Wahnsinn gegenwärtig.

Bereits in der weitverbreiteten unnatürlichen Euphorie der ersten Zeit nach dem nationalsozialistischen Herrschaftsantritt 1933 macht Adorno das Moment tödlicher Traurigkeit, des halbwissend dem Unheilvollen sich Anvertrauens" aus. Vielleicht hätte es zu dieser Zeit noch ein Zurück gegeben, wenn man hätte sehen wollen, was man sah. Adorno ist überzeugt, dass die Zeit extremster Barbarei und Unmenschlichkeit im faschistischen Deutschland tiefste Spuren hinterlassen muss. Es ist ein Irrtum zu glauben, nach all dem Gewesenen mehr oder weniger einfach zur Tagesordnung übergehen zu können.

Für die Entwicklung zum Totalitarismus sei auch das Ende des Expressionismus ein Indiz gewesen. Eine Kunst, deren zentrales Anliegen es war, den individuell empfundenen emotionalen Gehalt einer Situation plastisch darzustellen, fand in der Gesellschaft immer weniger Anklang. Zwar sieht Adorno eine der wichtigsten Funktionen der Kunst gerade in der Provokation und Irritation; diese muss jedoch letztlich in der jeweiligen Ausdrucksform von der Gesellschaft angenommen werden. Der Künstler erspürt was möglich ist und was nicht. Kunst - psychoanalytisch betrachtet - hat weder etwas mit neurotischer Symptomatik, noch mit Triebsublimierung im FreudŽschen Sinne zu tun. Nicht die Verdrängung von Triebkonflikten steht im Hintergrund. Vielmehr werden innere Konflikte sehenden Auges geradewegs künstlerisch verarbeitet ausgedrückt. Gesellschaftlich angepasste und im landläufigen Sinne sozial geachtete Leistungen zu erbringen, ist dabei das letzte, was ein wirklicher Künstler intendiert. Der Kunst ist vielmehr etwas Ungezähmtes, Rauschhaftes zu eigen.

Den Begriff der Aufklärung benutzt Adorno nicht, wie allgemein üblich, zur Bezeichnung einer geschichtlichen Epoche. Er versteht darunter vielmehr einen fortlaufenden, die Menschheitsgeschichte begleitenden Prozess, bei dem die menschliche Vernunft versucht, sich die Realität verstehbar aber eben auch immer beherrschbarer zu machen. Jedoch dadurch, dass sie einseitig Autonomie von der Umwelt sucht, indem sie sich diese dienstbar unterwerfen möchte, bleibt sie gerade unfrei. Der radikale Bildersturm gegen die Mythen der Vergangenheit, beschwört neue Mythen herauf, wenn wertvolle Wirklichkeitsdeutungen, die altertümlich erscheinen, eliminiert statt übersetzt werden, da der Mensch sich damit den Zugang zu wichtigen Daseinsbereichen versperrt. Dadurch, dass Vernunft versucht, die Realität in ein zweckmäßiges System zu zwängen, beschränkt sie gerade eine wirkliche Realitätserfassung. Gerade der Versuch, die Natur total zu beherrschen, bewirkt, dass der Mensch in diesem Prozess zum Sklaven der damit verbundenen ökonomischen Zwänge wird. Das, so der Autor, ist die fatale Dialektik der Aufklärung.

Dies alles besagt nicht, dass die Absicht, die Realität vernunftmäßig zu durchdringen an sich nicht etwas Positives wäre und dass es keinen Ausweg aus der geschilderten Dynamik geben könnte. Alternativ repräsentiert sich der Bereich der Kunst. Wie das Ästhetische im Allgemeinen, dass sich immer in der Form des Besonderen vermittelt und die blinde somatischen Lust, die keine Intention hat und die letzte stillt" symbolisiert sie den rettenden Gegensatz zum Zweckrationalen. Kunst - von Menschen gemacht - erinnert diese sozusagen daran, dass sie auch anders können. Aufklärung und Kunst sind dabei keineswegs sich behindernde Gegensätzlichkeiten.

Vernunft hat die Kunst erst von ihrem magischen Charakter befreit, was das - wie Kant es ausdrückte - interesselose Wohlgefallen" an ihr, erst ermöglicht. Die Kunst - in ihrer Schönheit, Ohnmacht und Zweckfreiheit - ist beständiger Hinweis auf die Möglichkeit einer anderen, besseren Gesellschaft. Sie deutet hin auf eine andere Weise der Daseinsgestaltung und somit des Vernunftgebrauchs.

So gibt es in einer Welt voller Schrecklichkeit doch auch für Adorno so etwas wie Hoffnung. Ihm ist
bewusst, dass der Mensch ohne Hoffnung, und sei sie noch so zaghaft, nicht überleben kann. ...es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält." Wie aber wird sie aussehen, die bessere Welt von morgen? Adorno gibt sich keinen weiterreichenden Spekulationen hin. Doch hält er es für denkbar, dass die Menschheit gleichermaßen zu sich selbst findet. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen."
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am 1. Mai 2014
Adorno setzt mit Minima Morala viele Grundlagen der modernen Kulturkritik, an der am Konsum- bzw. Kapital orientieren Unterhaltungsindustrie, die er zu analysieren und kritisieren nicht müde wird. Mag seine Aphorismenedition auch vor 70 Jahren geschrieben worden sein, in den Grundzügen hat sie Maßstäbe gesetzt und ist für viele Kultursoziologen und -philosphen eine Referenzgröße.
Seinen ästhetischen Urteilen muss man freilich nicht zustimmen. Adorno hat zum Beispiel nie (sofern es seine Schriften hergeben) den Jazz verstanden, vielleicht ihn nie verstehen wollen - zu sehr hatte er sich dem verschrieben, was man allgemein als »Klassik« bezeichnen kann. Ästhetisch wie politisch erschreckte ihn das Törichte, Aktionistische und Laute der Beat-Generation zuletzt. Er lieferte den 68er viele Motive - ihr Verbündeter im Sinne politischer Ziele und neuer kultureller Vorlieben in Musik und Literatur ist er nicht gewesen und er verbat sich auch deren Vereinnahmung - sofern er sie jedenfalls bis 1969 noch registrieren konnte.
Der konservativen Kritik, Adorno hätte dem Land, dass ihn als Emigranten aufnahm, den Vereinigten Staaten, statt mit Kritik mit mehr Achtung (also »Zustimmung«) begegnen sollen ist eine Absage zu erteilen. Adorno wendet sich gegen die konsumistische Industrie der Kultur des »Marktes«, die selbstverständlich in den USA seit den 1930er Jahren vom »Fließband« anlief. Ob der Kapitalismus moderner Prägung nun unbedingt "amerikanisch" sein muss? »Kapitalismus« oder meinetwegen »Marktwirtschaft« kennt letztlich keine Nation, kein Geschlecht, keine Rasse, keine Religion - sie kennt nur »Konsumierende« und bügelt die kulturellen Eigenarten und Unterschiede einfach platt. Dagegen wandte er sich. Adorno damit gleich antiamerikanische Polemik zu unterstellen ist falsch. Undankbarkeit gegenüber Amerika erst recht.
Selbstverständlich sind viele Aspekte in Minima Moralia der Zeit geschuldet. Das muss auch so sein - wie sollte es auch anders gehen? Immer wieder kombiniert er z.B. Kulturkritik und Emigrantenerfahrung. Dazu folgendes Beispiel: »Drastisch wird die Beobachtung an Intellektuellen, deren materielle Lage sich geändert hat: sobald sie sich nur einigermaßen einreden können, daß sie mit Schreiben und nichts anderem Geld verdienen müßten, lassen sie bis auf die Nuancen genau den gleichen Schund in die Welt gehen, den sie als Wohlbestallte einmal aufs heftigste verfemten. Ganz wie die Emigranten, die einmal recih waren, in der Fremde oft nach Herzenslust so geizig sind, wie sie es zu Hause schon immer gerne gewesen wären [...]« (Zitat nach der gebundenen Suhrkamp-SV-Ausgabe, S. 27).
Wer einen guten ersten Eindruck von Adornos Werk haben möchte, sollte dieses Buch durchaus kaufen - Spaß an feinster Textkomposition gibt es ebenso, wie heute immer noch knallige Aphorismen, einschließlich des berühmten: »Es gib kein richtiges Leben im falschen.«
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am 22. Mai 2010
Adorno, Adorno, Adorno.

Vielleicht hätte ich nicht mit diesem Buch in sein Universum einsteigen sollen, aber Verriss und Lob liegen für mich gefühlt ganz nah beieinander, wenn ich die beschädigten Reflexionen lese. Einerseits Bewunderung für die sprachliche, inhaltliche Tiefe, die zu spürende Verzweiflung und Kraft, die klappernde, aber würdevolle Philosophie und andererseits Verärgerung über den Intellektuellendiskurs, die Abschirmung und Isolation durch die Sprache, welche hier nicht minder taktisch eingesetzt wird als anderswo und nur ein auserwähltes Volk zum Dialog zuzulassen scheint. Wer sich also mit soviel sprachlicher und philosophischer Waffentechnik an das Publikum heranwagt und ihm selbst ein totalitär wirkendes Bedrohungsszenario vorspricht, ist nicht besser als andere Ideologen, scheint es mir, auch wenn ich dazu tendiere das Buch aus meiner Zeit zu verstehen und meine Lebenslage lieber über die des Autors stelle, auch und gerade trotzig gegenüber allen geschichtlichen Imperativen, die er mir schon allein durch den Entstehungskontext entgegenwirft.
Trotz der offensichtlichen Einzigartigkeit dieses Werks missfällt mir doch die Überschärfe, welche immer mal in absolute Idiotie umzuschlagen scheint, die keinen Freiraum mehr zulässt und sich wie überschlagender Nihilismus aufführt: (Totalität und Homosexualität gehören zusammen? soll nur die plakative und sicherlich schon viel diskutierte Formel sein, die ich kritisiere und die mir sofort auffiel, auch wenn der dahinterstehende Gedanke korrekt und nachvollziehbar ist). Trotzdem, hört man das, brennt sofort das Buch und man wird aufmerksam gegenüber der Verwendung des Wortes "Mensch" in diesem scheinbar endlos Gedanken fabrizierendem Werk. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht gut sein kann, wenn einer glaubt für alle anderen denken zu müssen und niemand, nicht mal der pragmatischste Adorno-Leser, kann mir vorgaukeln, dass er sich durch den Jargon nicht ein wenig entmündigt fühlt. Vielleicht fehlen auch einfach die gedanklichen Leerstellen, welche Adorno so oft einklagt und die sich in seinem Diktum: "Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." metaphorisch, nach meiner Interpretation, angekündigt haben.

Die von mir empfundene Befremdlichkeit ist der für mich großartige Gewinn. Ein Buch von solch' ambivalenter Eleganz hat Gewicht. Man will es zerschmeißen, wohlwissend, dass man den durchaus brutalen Akt des Denkens nicht zerstören kann, der sich in ihm manifestiert. Damit muss man sich abfinden, dass es ein solches Buch gibt, welches vergräbt und freischaufelt zugleich. Komisch aber wahr, man muss mit diesem Werk gegen dieses Werk kämpfen, anstatt es verstehen zu wollen, denn Versöhnung kann es mit solchen Schriften nicht geben.
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am 8. Februar 2015
Gerade in turbulenten Zeiten, in denen Menschen beginnen sich vermehrt von niederen Instinkten leiten zu lassen bietet dieser Evergreen der einen gut verdaulichen Denkanstoß.
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am 2. September 2006
Mit "leichter" und vernichtend präziser Hand geschriebene kurze Reflexionen, die man sich gut einteilen sollte, über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des täglichen Lebens, das Adornos Meinung nach in jedem kleinen Winkel durchtränkt ist von latenter Gewalt, Herrschaft und Absolutismus. Der vergesellschaftete Mensch kann diesem negativen Leben nicht entfliehen aber er kann es erkennen und vermöge der Erkenntniss wiederum Kraft beziehen um die Aufgabe Leben zu meistern. Mehr als nur empfehlenswert.
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am 23. April 2014
Auch als Einzelband, zum Kennenlernen, sehr gut!
Für alle 20 Bände fehlt uns leider die Zeit! Danke für die schnelle Zusendung!
Das Buch geht weiter zum Enkel in INdien!!
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am 9. Juni 2014
Ein Buch, welches nicht so einfach zu Lesen ist.
Ein Buch über dass man nachdenken und sein
eigenes Handeln überdenken sollte.
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am 21. Januar 2005
Es sind zwei Fundamentalwerke, um die man nicht umhin kommt, wenn man sich sowohl literarisch als auch theoretisch auf den Weg machen möchte - eine lange Reise, die viel Geduld erfordert -, herauszufinden, was das denn ist, die Kritische Theorie: Diese beiden Werke sind die "Dialektik der Aufklärung" und die "Minima Moralia" Adornos. Sie ergeben die Achse, an der die Theorie sich wendet, das Frankfurter Schiff eine andere Richtung einschlägt - nämlich die des ungewissen Ausgangs, wo dem Theoretiker und seinem System nur noch übrig bleibt, "das Schlimmste zu verhindern" (Horkheimer) und dazu beizutragen, "dass Auschwitz nicht noch einmal sei" (Adorno). Eine Richtung also, die nicht mehr sich durch die Kritik des Bestehenden ermächtigt fühlt, auch eine Alternative, was das bessere Leben sei, an dessen Stelle zu setzen, sondern in die Einsicht einkehrt, dass einzig Kritik als unendlicher Prozess und unermüdliche Aufgabe sich am wenigsten der Verlogenheit "des Ganzen" unterwerfe.
Diese "Achse" in der Geschichte der Kritischen Theorie hatte zugleich ein Schisma zur Folge, demnach Theoretiker wie Marcuse oder Fromm nicht mehr im selben Wasser wie Adorno und Horkheimer fuhren. Nach der "Dialektik der Aufklärung" ist auch zugleich eine Spannung zwischen Adorno und Horkheimer zu spüren. Die "Dialektik der Aufklärung" öffnet - und das macht sie so schwierig zugänglich, insbesondere was den Versuch einer hemdärmelig soziologisierten Rezeption angeht - Kritische Theorie zur Geschichtsphilosophie hin, skizziert den anthropologischen Gang der Vernunft gegenüber dem Mythos, der Herrschaft über die Natur gegenüber dem menschlichen Bedürfnis, sich an diese anzuschmiegen von den griechischen Mythen bis zur Gegenwart der Kulturindustrie und des Faschismus.
Adornos "Minima Moralia" setzen in dieser Gegenwart ein: Die aphoristische Gegenwartsdiagnose geht beschreibend an die kleinsten Alltagsdetails, die gewöhnlichsten Unauffälligkeiten des verstädterten Zusammenlebens heran, wendet den Blick so häufig und aufwendig wie nötig, bis das Prinzip der Verdinglichung, der Unterwerfung des Besonderen unter die Sachzwänge des Allgemeinen, der zivilisatorische Prozesses der "Auslöschung des Inkommensurablen" herausgearbeitet ist.
An diesem Buch wird klar, was Alexander Kluge meinte, als er das Werk Adornos mit den Worten charaktisierte: "Es ist ein Insistieren auf dem Brutalen." Es wird hier mit einer geradezu schmerzhaften Präzision und Unermüdlichkeit geleistet, was bis dahin noch nicht geleistet worden ist: Die moderne, bürgerliche und hochtechnologisierte Gesellschaft - eine Form der Organisation des geballten Zusammenlebens, die noch jung, aber zur Bedingung der Möglichkeit des menschlichen Überlebens geworden ist, aber bereits in ihrem frischen Alter die Menschen zwingt, ihre Vorstellungskraft der menschlichen und zivilen Katastrophen, die ja von ihnen selbst hervorgebracht werden, radikal zu erweitern - kennt das Individuum nur noch als Zweck, das Subjekt als entkernte technoökonomische Größe; die Menschen in ihr sind sich selbst und den anderen gegenüber fremd, erscheinen sich nur noch anonym, nehmen sich als Objekte wahr. Und: Sie sind sich selbst so fremd, dass sie das noch nicht einmal mehr erfahren können, was die Möglichkeit, kritisch Position dazu zu beziehen, ihnen verwehrt, sie "unmündig" im besten Kantischen Sinne macht!
Adorno legt mit den "Minima Moralia" in Wahrheit und entgegen dem, was der Titel sagt, einen Koloss vor, der die Lupe auf das Detail, das Systemelement des Alltags richtet, um vorzuführen, was er mit seinem Diktum meint, dass "die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Form" eine "Zusammenrottung von Erkalteten" sei, die "ihre eigene Kälte nicht ertragen, aber auch nicht sie ändern können." Jeder Mensch heute, fährt er am selben Ort in "Erziehung nach Auschwitz" fort, könne "zu wenig lieben, weil er sich selbst zu wenig geliebt" fühle. Dies - also diese Unfähigkeit zur Identifikation - sei eines der wesentlichen Momente gewesen, was es ermöglicht hatte, dass so etwas wie Auschwitz "sich inmitten einigermaßen zivilisierter Bürger" habe abspielen können.
Adorno macht es einem nicht leicht und wollte das auch nie. Die "Minima Moralia" sind sicherlich das herausragende Beispiel hierfür. Es wäre illusorisch anzunehmen, dass man sich das Buch, wie man es seinerzeit auch mit Foucaults "Ordnung der Dinge" getan hatte, mit an den Strand nimmt, es liest und einen Begriff von Kritischer Theorie gewinnt. Aber frei nach Adorno sind die Dinge derart verstellt und für den Menschen undurchdringlich, dass es des größten denkerischen Kraftaufwandes bedarf, um kurz sich dies nichtidentische Moment zu erhaschen, das in jenem Augenblick seiner Erkenntnis eine unreglementierte Erfahrung ist - frei von seiner Unterwerfung unter die Herrschaft des Zwecks und von Autorität in dieser Sekunde unangetastet. Dann trifft auch zu, was in einer anderen Rezension hier belächelt worden ist: "Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht kennen."
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am 6. Januar 2008
Sprache und Inhalt sind nur aus der Zeit heraus verständlich! Unter dem Eindruck der NS-Zeit muss man wahrscheinlich so schreiben. Sonst bringt das Buch wirklich nur für Adorno-Exegeten was, die ihren Meister vergöttlichen. Man beginnt zu ahnen, warum Habermas (als erklärter Feind der Adornoadepten) die Deutungshoheit errungen hatte: Er jammerte weniger und bot - wie immer man seine Theorie einschätzt - den Linken eine Methode an die Hand, konkret zu werden in der Gesellschaft und nicht im Kellerloch sitzen zu bleiben wie Adorno.
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