Es scheint das Schicksal jeder neuen Staffel von Fargo zu sein, dass recht viele Zuschauer sich in ihren Erwartungen enttäuscht sehen und das jeweils neueste Ergebnis zur schlechtesten Staffel erklären.
Das halte ich mit Blick auf die vierte Staffel für nicht gerechtfertigt.
Wenn Fargo, die Serie(n), etwas auszeichnet, dann ist es, die jeweils gewählte Epoche und Lebenswelt so zu zeichnen, dass sie von surrealen Figuren und Zufällen stets in völlig unberechenbarer Weise bedroht ist. Ordnungshüter, eigentlich ein Versprechen an bürgerlicher Sicherheit, sind oft Karikaturen (vor allem die männliche Sorte; die weibliche, so vorhanden, wird zu Helden), Missverständnisse von Shakespeare'scher Größe werden profanisiert zu Wendungen einer mehr oder minder komplexen Krimi-/Thriller-Geschichte, äußerste, oft absurde Gewalt dringt in die geordnete Welt ein und verwirrt jene, die an ein bisschen Heil glauben, es oft aber dennoch verteidigen.
Mit Versatzstücken des Genre-Kinos bzw. der Genre-Literatur wird dabei stets bis an die Grenze der Karikatur gearbeitet, nicht selten darüber hinaus, es fehlt sogar die Scheu davor, das Übernatürliche in die Welt eintreten zu lassen (Staffel 1: der wölfische Teufel, Staffel 2: göttlich an- und abwesende Ufos, Staffel 3: ein Engel, Staffel 4: Ariel, der Luftgeist).
In Staffel 4 wird alles, was man am Coen-Kosmos zu schätzen gelernt hat, zum Einsatz gebracht, vor allem, wenn man diesen Kosmos nicht auf die Erwartung reduziert, mit Elementen der vorangegangenen Staffeln bedient zu werden. So hat Staffel 4 beispielweise einiges von den Merkmalen von "Miller's Crossing" (und ich würde ihr sofort den Vorzug vor diesem Film geben, ähnlich wie im Vergleich von Staffel 1 und dem Spielfilm "Fargo").
Ich meine, dass ich mein gutes, sehr gutes Urteil über diese Staffel damit zumindest in groben Zügen begründen konnte. Kann das auch, wer sich nur über ein fehlendes "Gefühl" oder "Feeling" beklagt?
Aber ich will das gern ein bisschen versöhnlich beenden, denn es gibt auch einige Coen-Filme bzw. Coen-and-friends-Filme, bei denen auch mir dieses "Feeling" fehlt. Hingegen gibt es einige Filme und Bücher, die es haben, ohne dass die Brüder oder Frances McDormand (Joel Coens Gattin) beim Drehbuch oder auf dem Regiestuhl mit im Spiel waren (soweit mir bekannt).
Ich habe mir zum Beispiel bei "Once Upon a Time in Hollywood" von Quentin Tarantino vorgestellt, es handle sich um einen Coen-Film (neben "Jackie Brown" wurde er damit für mich einer der zwei überhaupt guten Tarantino-Filme). Und in meinem Regal habe ich neben Ethan Coens Buch "Falltür ins Paradies" und einer Auswahl von DVD-Boxen ("O Brother ...", "Hail Caesar", "No Country", "Fargo 1-3", aber auch "True Detective" und "Show me a heroe") die deutsche, noch wachsende Gesamtausgabe von Ross Thomas' Thrillern stehen. Bücher wie "Gottes vergessene Stadt" schreien regelrecht danach, in der Coen-Schule verfilmt zu werden, einstweilen müssen sie damit leben, von mir nur in meinem Oberstübchen so ausgeleuchtet zu werden.
Ich muss gestehen, dieses in manchen Kritiken vorab gelesene "Fargo 4 fällt ab", hat mich etwas zögern lassen, mir die Staffel anzuschauen (und dass sie zwischenzeitlich auf 'noch einem' Streamingkanal versteckt war).
Wer sich beim Zuschauen aber ein bisschen bewusst davon leiten lässt, was er eigentlich an den guten Coen-Geschichten mag, sollte nicht davor zurückschrecken, auch "Fargo 4" zu genießen.