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Es: Roman Taschenbuch – 8. Februar 2011

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem »Edgar Allan Poe Award« den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag, zuletzt der Spiegel-Bestseller Mind Control.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Erstes Kapitel

Nach der Überschwemmung (1957)

1

Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte - wenn er überhaupt je ein Ende nahm -, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb.

Das Boot schwankte, hatte Schlagseite und richtete sich wieder auf, brachte heldenhaft manch bedrohlichen Strudel hinter sich und schwamm immer weiter die Witcham Street hinab, auf die vom Wind gerüttelte Verkehrsampel an der Kreuzung Witcham und Jackson Street zu. Die drei vertikalen Linsen an allen Seiten der Ampel waren an diesem Nachmittag im Herbst des Jahres 1957 dunkel, und die Häuser waren ebenfalls dunkel. Es regnete nun seit zwei Wochen ohne Unterlaß, und vor zwei Tagen war auch noch Wind aufgekommen. In den meisten Teilen von Derry war der Strom ausgefallen und noch nicht wieder eingeschaltet worden.

Ein kleiner Junge in gelbem Regenmantel und roten Überschuhen rannte fröhlich neben dem Papierboot her. Der Regen hatte noch nicht aufgehört, ließ aber nach. Er trommelte auf die gelbe Kapuze - ein angenehmes Geräusch. Der Junge im gelben Regenmantel hieß George Denbrough und war sechs Jahre alt. Sein Bruder William, der in der ganzen Nachbarschaft und in der Grundschule von Derry allgemein nur unter dem Namen Stotter-Bill bekannt war (sogar bei den Lehrern, die ihn natürlich nie so anredeten), war zu Hause und erholte sich gerade von einer schweren Grippe. In jenem Herbst 1957 - acht Monate bevor der wahre Schrecken begann und achtundzwanzig Jahre vor der letzten Konfrontation - war Stotter-Bill zehn Jahre alt.

Bill hatte das Boot gemacht, neben dem George jetzt lief. Er hatte es im Bett gemacht, den Rücken an einen Stapel Kissen gelehnt, während ihre Mutter auf dem Klavier im Salon Für Elise gespielt hatte und Regen unablässig gegen das Schlafzimmerfenster prasselte.

Etwa drei Viertel des Weges den Block entlang Richtung der Kreuzung und der ausgefallenen Ampel war die Witcham Street mit Warnlichtern und orangefarbenen Sägeböcken für den Verkehr gesperrt. Auf jedem Sägebock stand die Aufschrift DERRY DEPT. OF PUBLIC WORKS. Dahinter war der Regen aus Gullys gequollen, die mit Ästen und Zweigen und großen, feuchten Klumpen Herbstlaub verstopft waren. Das Wasser hatte zuerst Griffmulden in den Asphalt gebohrt und dann gierig ganze Händevoll weggerissen - das alles am dritten Tag des Regens. Am Nachmittag des vierten Tages trieben große Bruchstücke der Straße wie Schiffe über die Kreuzung Witcham und Jackson - wie Miniaturflöße. Zu dem Zeitpunkt machten schon viele Leute in Derry nervöse Witze über Archen. Es war dem Public Works Department gelungen, die Jackson Street offenzuhalten, aber Witcham war von den Sägeböcken bis in die Innenstadt unpassierbar.

Aber nun war nach allgemeiner Meinung das Schlimmste überstanden. Der Pegel des Kenduskeag River war knapp unterhalb der Höhe der natürlichen Ufer in den Barrens und der betonierten Kanalmauern in der Innenstadt stehengeblieben, und im Augenblick war eine Gruppe von Männern - darunter auch Zack Denbrough, Georges und Stotter-Bills Vater - damit beschäftigt, die Sandsäcke wegzuräumen, die sie am Vortag angsterfüllt entlang des Flusses aufgestapelt hatten, als es so aussah, als würde er unweigerlich über die Ufer treten und die Stadt überfluten. Das war schon öfter vorgekommen, und es gab noch genügend Menschen, die sich an die Überschwemmung von 1931 erinnern konnten und die übrigen Bewohner von Derry mit ihren Erzählungen in Angst und Schrecken versetzten. Damals waren bei der Hochwasserkatastrophe über zwanzig Menschen ums Leben gekommen. Einer davon war später 25 Meilen stromabwärts in Bucksport aufgefunden worden. Die Fische hatten diesem Ärmsten die Augen, drei Finger, den Penis und den größten Teil des linken Fußes abgefressen. Seine Hände - oder was davon noch übrig gewesen war - hatten das Lenkrad eines Fords umklammert.

Aber jetzt ging der Fluß zurück, und wenn weiter oben der neue Damm von Bangor Hydro fertig war, würde der Fluß keine Bedrohung mehr sein. Sagte jedenfalls Zack Denbrough, der für Bangor Hydroelectric arbeitete. Was die anderen betraf - nun, zukünftige Sturmfluten konnten sich um sich selbst kümmern. Das Entscheidende war, diese hier zu überstehen, den Strom wieder einzuschalten und sie zu vergessen. In Derry war das Vergessen solcher Katastrophen und Tragödien beinahe eine Kunstform, wie Bill Denbrough im Verlauf der Ereignisse noch herausfinden sollte.

George blieb hinter den Sägeböcken am Rande eines tiefen Risses stehen, der sich diagonal durch den Teer der Witcham Street zog, und er lachte laut auf - der Klang der kindlichen ausgelassenen Fröhlichkeit erhellte einen Augenblick lang diesen grauen Nachmittag -, als das Wasser sein Papierboot nach rechts in die Miniatur-Stromschnellen der schmalen Vertiefung riß. Es trieb so schnell auf die andere Seite der Witcham Street zu, daß George rennen mußte, um auf gleicher Höhe zu bleiben. Unter seinen Überschuhen spritzte Wasser hervor, und ihre Schnallen klapperten fröhlich, während George Denbrough in seinen merkwürdigen Tod rannte. Er war in diesem Moment ganz erfüllt von Liebe zu seinem Bruder Bill... von Liebe und leichtem Bedauern, daß Bill nicht bei ihm war und dies hier nicht sehen konnte. Natürlich konnte er ihm alles erzählen, wenn er nach Hause kam, aber er konnte es ihm nicht bildhaft vor Augen führen, so wie Bill das fertigbringen würde, wenn er an seiner Stelle wäre. Bill konnte so etwas ganz fantastisch - deshalb bekam er in seinen Zeugnissen im Lesen und Schreiben auch immer die besten Noten, deshalb waren die Lehrer so begeistert von seinen Aufsätzen. Aber das Erzählen war nicht alles. Bill konnte sehen.

Das Boot schnellte durch die Vertiefung, und obwohl es in Wirklichkeit nur aus der Anzeigenseite der >Derry Daily News< bestand, stellte George sich vor, es wäre ein Torpedoboot wie die in den Kriegsfilmen, die er manchmal in Samstagsmatineen mit Bill sah. Ein Kriegsfilm mit John Wayne, der gegen die japse kämpfte. Schmutziges Wasser schäumte um den Bug, während das Boot durch den Riß im Teer trieb, und dann erreichte es den Rinnstein auf der anderen Straßenseite. Einen Augenblick sah es so aus, als ob die neue starke Strömung, die gegen seine rechte Seite prallte, es zum Kentern bringen würde, aber es richtete sich wieder auf und drehte nach links - und erneut rannte George lachend nebenher, während unter seinen Überschuhen hervor das Wasser hochspritzte und der heftige Oktoberwind an den fast kahlen Bäumen rüttelte, die durch den furchtbaren Sturm der Vortage ihr buntes Blätterkleid verloren hatten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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