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Erich. Oder: Der Tag, den Angela M. nie vergessen wird: Roman Taschenbuch – 30. Januar 2017

3.8 von 5 Sternen 3 Kundenrezensionen

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Karsten Flohr arbeitete zehn Jahre lang als Tageszeitungsredakteur beim Hamburger Abendblatt, bevor er für verschiedene Zeitschriften tätig wurde. 2012 erschien sein erster Roman „Zeiten der Hoffnung“ über den Zerfall des deutschen Großbürgertums im Ersten Weltkrieg und 2014 der Auswanderer-Roman „Die letzte Fahrt des legendären Schiffsfrisörs Sigismund Skrik“, der besonders in England erfolgreich ist. In den USA erschien der Roman außerdem als Hörbuch. Ein Jahr später wurde im acabus Verlag „Leah“, die Geschichte einer jüdisch-arischen Liebe während der Nazi-Zeit, veröffentlicht. 2016 folgte der Roman "Villa Ludmilla". Karsten Flohr lebt und arbeitet in Hamburg.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

5. Kapitel
„Hast du Angst vor gelben Punkten?“

Der Mann lässt enttäuscht die Arme sinken, als er dem Taxi hinterher sieht. Er weiß aus Erfahrung, dass hier nur alle halbe Stunde eines vorbeikommt, bestenfalls! Und er hat es eilig. Wenn er zu spät kommt, verpasst er die Chance seines Lebens! Und da sieht er den Türken auf dem Fahrrad angerast kommen. Ist es ein Türke? Vielleicht auch ein Armenier. Oder ein Syrer. Egal: Der Mann heizt dicht an ihm vorbei, ein paar Meter weiter springt er vom fahrenden Rad, landet auf dem Bauch, rappelt sich auf und rennt davon. Und da kommen zwei weitere Türken – sind es Türken? – um die Ecke gelaufen. Sie bleiben kurz stehen, als sie das Fahrrad auf dem Boden liegen sehen, dann entdecken sie den fliehenden Mann und nehmen die Verfolgung wieder auf. Ob er gut damit beraten ist, sich in einen Supermarkt zu flüchten – wer weiß? Auf jeden Fall liegt das Fahrrad vor dem Mann, der es eilig hat, und das Vorderrad dreht sich noch. Jetzt hab ich doch noch eine Chance, denkt er, und hebt das Fahrrad auf.
Der Vorderreifen hat eine leichte Acht, aber das Fahrrad fährt. Er ist lange nicht mehr Rad gefahren, es fühlt sich ganz gut an, zumindest zu Beginn. Dann wird es anstrengend, weil die Schaltung hakt und nur im siebenten Gang fährt. Er muss heftig in die Pedale treten. Das macht er, denn an der übernächsten Ecke wird er an seiner Stammkneipe vorbeikommen, wo jetzt vermutlich die ersten Kumpel auf den Stühlen an der Hauswand sitzen und dem Straßenverkehr zusehen, und da will er natürlich einen guten Eindruck machen. Mit wehendem Haar saust er auf die Kreuzung zu, und tatsächlich, da sitzen schon drei, die Bierflaschen in der Hand. Ungläubig sehen sie ihn auf sich zukommen.
„Rudi, was machst du? Was soll der Quatsch?“, ruft einer. Da ist Rudi schon vorbei, hat nur kurz die Hand zum Gruß gehoben. Aber er hätte sowieso nicht halten können bei dem Tempo, da die Handbremse nicht funktioniert.
Dann hört er erstmal auf zu strampeln und lässt das Fahrrad ausrollen. Sein Herz klopft heftig, es rast geradezu. Als er das merkt, bricht ihm der kalte Schweiß aus, die Cardio-Phobie meldet sich. Er hatte sie schon länger nicht mehr, aber nun ist sie wieder da: die Angst, das Herz könnte aufhören zu schlagen. Er hält an und steigt ganz schnell ab.
Rudi wischt mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Mist, denkt er, so ein Mist! Wie soll ich es denn jetzt noch rechtzeitig schaffen? Aber erstmal muss er sein rasendes Herz beruhigen. Er hält sich am Laternenpfahl fest und atmet lang und tief, so wie sein Therapeut es ihm beigebracht hat. Das ist schwerer als man denkt, wenn das Herz rast. Aber soll es ruhig rasen, denkt er, besser als wenn es stehen bleibt.
Dr. Breihold hat Rudi viele gute Verhaltensregeln beigebracht für den Fall, dass eine seiner Phobien ihn quält. Rudis Lieblingsregel: Denken Sie, Sie sind jemand anders, jemand, der über den Dingen steht, den nichts aus der Fassung bringen kann.
Jemand anders sein – das gefällt Rudi! Er hat schon als Junge keine Mühe gehabt, sich mit den Helden seiner Comics zu identifizieren. Schwieriger war es da, wieder herauszufinden aus der Rolle, sodass ihm schon während der letzten Schuljahre klar war, dass es nur einen sinnvollen Beruf für ihn geben kann: Schauspieler. Das wäre die ideale Möglichkeit, das aufregende Leben eines berühmten Stars zu führen und sich gleichzeitig möglichst weit von sich selbst zu entfernen.
Deshalb ist auch der heutige Casting-Termin wichtig: RTL sucht für eine TV-Produktion Komparsen. Ein Film über Wilhelm Bartelmann, ein Lübecker Korbflechter, der Ende des 19. Jahrhunderts den Strandkorb erfand und damit das deutsche Badewesen revolutionierte. Für die Strandszenen werden Komparsen in großer Zahl gesucht. Die Dreharbeiten sollen drei Wochen dauern, pro Tag gibt’s 50 Euro. Außerdem stellt die Produktionsgesellschaft die zeitgemäße Badebekleidung, die man hinterher behalten darf. Da Rudi bereits in mehreren Filmen Komparsen-Rollen vorzuweisen hat, wurde er zum Casting eingeladen.
Mit seinen vierzig Jahren fühlt er sich einerseits jung, andererseits aber auch erfahren genug, um nun den Durchbruch zu schaffen: Vom Komparsen zum Nebendarsteller und dann zum Hauptdarsteller. Bei seiner Körpergröße und seinen markanten Gesichtszügen sowie dem vollen Haar sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn nicht bald ein Regisseur auf ihn aufmerksam würde.
Allmählich beruhigt sich der Puls. Die Atemtechnik ist wirklich ein Segen, und auch vieles andere, was der Therapeut ihm beigebracht hat. Rudis Phobien seien schon etwas Besonderes, sagt Dr. Breihold. Zum ersten Mal hatte Rudi ihn zusammen mit seiner Mutter besucht, nach dem desaströsen Zirkusbesuch, den er zu seinem vierten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Zuerst fand er alles toll, die Artisten, die Tiere, die Musikkapelle, vor allem den Sägemehlgeruch. Doch dann kamen sie in die Manege, grölend, schwankend, auf Tröten lärmend: die Clowns. Rudi war von einer Sekunde auf die andere wie versteinert. Die Mutter bemerkte seine Veränderung erst nach einigen Minuten, als seine Atmung in ein raues Röcheln überging und sich sein kleiner Körper versteifte. Coulro-Phobie, hatte Dr. Breihold sehr schnell diagnostiziert – die panische Angst vor Clowns. Das sei viel verbreiteter als man gemeinhin vermutet, erklärte er, seines Erachtens sollte man Clowns verbieten. Als er das sagte, schloss Rudi ihn in sein Herz.
Wie kann er es nun rechtzeitig zum Casting schaffen? Das Fahrrad zieht er nicht mehr in Betracht, als er sich mit immer noch zitternden Beinen vom Laternenpfahl löst und sein Blick auf einen Tabakwarenladen fällt, in dessen Schaufenster Rudi sich selbst erblickt. Er lächelt – diese Phobie hat er relativ schnell besiegt! Er war noch im Kindergartenalter, als er erstmals mit Bewusstsein den Ankleidespiegel seiner Mutter wahrnahm, in der aber nicht sie zu sehen war, sondern er – Rudi – selbst. Er stand davor und schrie. Catoptro-Phobie hatte Dr. Breihold gesagt, nicht ungewöhnlich bei Kindern in diesem Alter. Er empfahl, alle Spiegel aus der Wohnung zu entfernen und eine Maltherapie zu beginnen: Rudi sollte sich selbst malen, wieder und immer wieder. Es wirkte.
Rudis Blick fällt auf die Zeitungen, die im Schaufenster aufgereiht sind. Auf allen ist der Hund zu sehen. Lächerlich, denkt Rudi und schüttelt den Kopf, eine Million Euro – so viel hat die doch gar nicht! Und selbst wenn: Ist das ein Hund wert? Andererseits: Es geht vermutlich nicht um den tatsächlichen Wert des Tieres, es geht ums Symbolische. Lässt die Kanzlerin ihn kaltblütig von seinen Entführern ermorden, oder setzt sie ein Zeichen der Menschlichkeit und nimmt einen Kredit auf?


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