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  • Ehre
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Kundenrezensionen

4,5 von 5 Sternen
51
4,5 von 5 Sternen
Ehre
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
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am 30. März 2014
Diese türkische Schriftstellerin gilt es zu entdecken. Mit dem Roman „Ehre“ legt sie dem Leser einen prachtvollen, nachdenklich stimmenden und eindrücklichen Roman über eine Familie vor. Eine Geschichte über Zwillingsschwestern und ihren Lebensläufen. Pembe und Jamila trennt das Leben. Die eine bleibt in ihrem kleinen Dorf, irgendwo am Euphrat und wird Hebamme und die andere geht nach London .
In ein London Mitte der 70er Jahre. Der Punk entsteht und auch in der Familie gibt es Brüche. Brüche, die eigentlich nicht so gravierend erscheinen, aber in archaisch geprägten Familien wohl unweigerlich zur Katastrophe führen müssen. Alles bricht auseinander, nichts bleibt mehr so wie es war.
Einen wuchtigen Roman hat da Elif Shafak dem Leser vorgelegt. Sprachgewaltig und, so kam er mir vor, enorm spannend, fesselnd. Nicht im Sinne eines Krimis, eines Thrillers, nein sondern in seiner Thematik. Der Leser geht mit den Figuren und Charakteren. Viele Fäden verbinden sich und der Leser gewinnt Einblicke in die Strukturen der alte Traditionen in kurdischen Familien. Und so gestaltet sich das Lesen dieses Buches quasi wie im Flug. Alle Charaktere, mit ihren Stärken und Schwächen, konnten sich entwickeln, die Autorin gibt ihnen den Raum und die Zeit im Roman. Dadurch schafft sie es allen gerecht zu werden. Auch die eigentlich negativ besetzten haben ihren Stellenwert. Ihre Motiv werden dargestellt, ob man ihnen folgen will, steht dann auf einem anderen Blatt.
Und der Roman zeigt auch die die Ursachen der Katastrophe. Wenn vieles in einem Leben zusammenbricht, so wird auch der ein oder andere Mensch empfänglich für Einflüsterungen von der falschen Seite und verändert sich. Dieses stellt Elif Shafak in der Person von Iskender, dem Sohn, und seinem Schicksal dar. Seine monströse Tat führt, so habe ich es empfunden, aber nicht dazu, diesen jungen Mann, der für seine Tat büßt, völlig zu verurteilen. Nein, seine Entwicklung ist durch äußere Einflüsse massiv bestimmt. Ob er das alles so gewollt hat, es steht in Frage. Seine Verantwortung kann er nicht wegdiskutieren. Sein Schicksal ist gegeben, er muss damit leben.
Am Ende dieses Romans verbinden sich viele Fäden. Geschickt von Elif Shafak verknüpft. Es endet eine spannende, aufwühlende Reise durch viele Jahre und Schicksale. Überzeugend erzählt!
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TOP 500 REZENSENTam 28. April 2014
Als ich vor 3 Wochen das Kaufleuten in Zürich besuchte, ist die Lesung mit der Autorin ausverkauft. Ca. 300 Leute passen in jenen Lesesaal, die Leserschaft: Überwiegend Frauen, vielleicht 90%, viele davon türkisch sprechend. Selten habe ich so eine beeindruckende Lesung erlebt, wie diese. Schon beim Nachhausegehen dachte ich, also wenn die so schreibt, wie sie spricht, muss das Buch eine Wucht sein. Wer die Gelegenheit hat, Elif Shafak persönlich zu erleben, dem sei wärmstens eine Lesung empfohlen. (Englisch mit Übersetzung) Das vorliegende Buch ist bereits ihr 6. Buch ( in deutscher Übersetzung / von insgesamt 12), die Autorin gehört zu den meistgelesenen Autoren der Türkei, Elif Shafak schreibt sowohl in türkisch und englisch und lebt heute mit ihrer Familie in London. Ihr vorliegender Roman wird quasi mit einem Paukenschlag angekündigt und erzählt die Geschichte, der Zwillingsschwestern Pembe und Jamila, die in der Türkei aufwachsen. Schon recht früh gibt die Autorin den Mord bekannt, um den es hier gehen wird - die Geschichte wird von hinten nach vorne erzählt, eine sehr eigenwillige aber gelungene Plotausrichtung. Ein Roman der etwas von der türkischen / kurdischen Lebens- Denkweise erzählt und gleichzeitig davon erzählen will, wenn ein Familie den Schritt in die westliche Welt machen will, wie hier nach London, was das eigentlich für so eine Familie bedeutet. Zwei verschiedene Kulturen sind es, die hier aufeinander treffen und von den Schwierigkeiten erzählt, sich dort einzuleben, trotz der eigenen Prägung.

Elif Shafak erzählt hier eine gewaltige und aufrüttelnde Familiengeschichte, die einen packt, aufwühlt und nicht mehr so schnell loslässt. Die Autorin erzeugt darin eine unglaubliche Spannung, die fast schon an einen Thriller denken lässt. Eine reiche und pralle Story, die sich in viele Abzweigungen verliert und doch immer wieder zusammenläuft, das ist schon hohe Kunst was uns diese Autorin hier vorführt. Shafak hat einen Schreibstil der unter die Haut geht, sie versteht es uns darin eine fremde Kultur zu vermitteln und beherrscht ihr Handwerk. Perspektivenwechsel, Zeitsprünge vor und zurück, jeder Erzählstrang wird ganz sicher irgendwann komplettiert oder findet seine Weiterführung im nächsten. Ein Buch das betroffen macht, ja einen nicht in Ruhe lässt, dieses Buch müsste eigentlich mit einem Preis versehen werden, mein Gott was für eine Ausdruckskraft, denn dieses Buch schafft es Leser auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu erreichen und dies mit einer unheimlichen eindringlichen, überzeugenden und aufrüttelnden Art, nicht zuletzt deswegen weil man spürt, hier schreibt jemand vom Leben, wie es sich wirklich zuträgt. Somit kommt dieses Buch extrem authentisch rüber, schon jetzt meine wärmste Empfehlung, für mich klar das Lesehighlight in diesem Frühjahr, dieses Buch schlägt ein wie eine Bombe...und ich gebe es gerne zu: Ich bin begeistert!

Die Geschichte geht über gut 50 Jahre, nämlich beginnend in der 40er Jahren bis zu den 90er Jahren, des letzten Jahrhunderts. Jamila wird als Hebamme im kurdischen Euphrat bleiben und hier ihr Leben bewältigen, während ihre Zwillingsschwester Pembe mit ihrem Mann Adem nach London geht, mit dem sie 3 Kinder haben wird. Diese sind Iskender, Esma und Yunus. Shafak porträtiert jede dieser Personen, alle vorne weg: Iskender der im Gefängnis sitzt und eine langjährige Haftstrafe absitzt und wie im Tagebuchstil von seiner Gefängniserfahrung und seiner inneren Verarbeitung zu seiner Tat erzählt. So bekommen wir von jeder Person einen Einblick in das Familienleben, dieser Familie. Leider lebt sich das Paar auseinander, Adem verliebt sich in eine Tänzerin in einem Nachtlokal und zieht aus, lässt seine Familie alleine. An allen Ecken beginnt diese Familie auseinander zu brechen. Als Pembe den Koch Elias kennenlernt, ein Mann mit Einfühlungsvermögen und Wertschätzung der Frau gegenüber, entwickelt sich eine zarte Liebe, angesichts einer bröckelnden Familie. Die Kinder sind noch zwischen 7 und 16 Jahren. Ständig schwebend hängt hier ein Damoklesschwert über dem Roman, denn wir Leser wissen, hier ist etwas Schlimmes passiert und es geht um einen Mord...Doch bis wir soweit sind, lesen wir erst einmal gute 400 Seiten, soviel braucht nämlich die Autorin, um die ganze Geschichte, des Verfalls, der Entwicklung, der Veränderung, die ganze Dramatik, die kulturelle Anpassung mit allen Schwierigkeiten, ja die ganze Romankonstellation zu erzählen, nebst dem Leben in der Türkei, vor allem eben der Zwillingsschwester Jamila, die alleine bleibt und sich dortigen Herausforderungen und Gefahren des Lebens konfrontiert sieht.

Wir erleben hier förmlich mit, was diese Menschen erleiden und durchleben, ihr Scheitern, ihr Verzweifeln, ihr Ringen um Glück und Zufriedenheit und doch immer wieder daneben das Scheitern, sowie die eigene Prägung die das Leben in einem für sie fremden Land auch nicht einfacher macht. Wir erfahren etwas darüber, was es bedeutet, wenn eine Frau "Schande" über ihre Familie bringt, und wie ein sogenannter "Ehrenmord" zustande kommt, und was seine Hintergründe und Rechtfertigungen sind, auch wenn für uns Westler, das alles andere als verständlich ist. Zumindest bekommen wir einen Einblick in die Mentalität, dieser Kultur. Während Adem kläglich in Leben scheitert, Pembe nur zaghaft die Liebe in ihr Leben lässt und die Gefahr ahnt, durchläuft Iskender im Gefängnis eine ganz eigene innerliche Läuterung, in Bezug auf seine Tat. Als die Schwester Jamila nach London geht um ihre Schwester zu unterstützen, kommt es zur Katastrophe, die alle ahnen und auch voraus wissen...Shafak schafft es gegen Ende den Leser nochmal völlig neu zu überraschen und ungeahnte Verläufe zu schildern, auf die zumindest ich nicht gekommen wäre. Ein heftiger Roman, der grausam und liebevoll, einfühlsam und brutal geschildert ist, und vom Aufeinandertreffen zweier Kulturen erzählen will, in dessen Mittelpunkt die Tragik eines Frauenlebens steht, die Pech hatte, das nicht zuletzt mit der Mentalität der dortigen Türkei zu tun hat, und das Thema "Ehrenmord" auf eine Art und Weise thematisiert, das man förmlich unter Spannung liest und fiebriert und mitleidet, und irgendwann zutiefst realisiert, was für eine unglaubliche Autorin Elif Shafak ist. Ihr Roman ist fantastisch geschrieben, obwohl bedrückend beim Lesen, ist es eben doch eine grossartige Erzählung von Etwas, das wir uns hier im Westen gar nicht vorstellen können. Nämlich wie sehr ungeschriebene aber gedachte "Gesetze" Menschen bestimmen und zu Taten bringen können, selbst wenn sie als irrational empfunden werden, bekommen wir Zugang in ein Utopisches Denken, das im Grunde über Menschenleben hinweggeht. Elif Shafak hat hier wirklich ein literarisches Meisterstück abgeliefert, das seinesgleichen sucht und schwierig sein dürfte, das Ganze noch toppen zu können. Meine zutiefst gehende Wertschätzung dieser wunderbaren Autorin gegenüber!

Zitat:

"Als ich sieben Jahre alt war, wohnten wir in einem grünen Haus. Ein Nachbar von uns, ein tüchtiger Schneider, schlug oft seine Frau. Abend für Abend hörten wir das Geschrei, das Schluchzen, die Flüche. Am nächsten Morgen machten wir weiter im alten Trott. Alle Nachbarn taten, als hätten sie nichts gehört und nichts gesehen. (..) Dieser Roman ist denen gewidmet, die hören und sehen."

Empfehlung. Definitiv.
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am 27. Februar 2017
Die Autorin Elif Shafak ist lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.
Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.
Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteilgten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden`?
Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt "Sohn" ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.
In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? "Sie wollte später einmal heiraten - ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. [...] Sie wollte Kinder."
Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.
Elif Shalfak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen - eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.
Iskender, der Erstgeborene ist Mutters "Löwe", der "kleine Sultan", die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist "kein englisches Mädchen" - sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste "Problemkind", wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.
Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?
Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen - und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend - für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.
Und ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.
Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt - obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.
Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End - obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.
Vergleich: Beim Lesen musste ich mehrmals an "das Verborgene Wort" von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.
Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu "Makaronissi" von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von "Ehre". Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelenen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin 'von außen', Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem 'Inneren ihrer Figuren' heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.
Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.
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am 2. Mai 2017
Der Roman hat ein wichtiges Anliegen: zu zeigen, wie ein archaischer, männlicher Ehrbegriff Familien und familiäre Bindungen zerstören kann. Es ist die in London lebende Kurdin Pembe, die von ihrem Sohn Iskender dafür erstochen wird, dass sie für sich das gleiche Recht in Anspruch nahm wie ihr Mann, nämlich außerhalb der Ehe glücklich zu werden. Die Handlung zeichnet nach, wie die Familie zerfällt bzw. in den Rückblenden zerfallen ist, wie die archaische Welt der kurdischen Berge sie auch nach Jahren im westlichen Ausland einholt und wie die Beteiligten nach dem „Ehrenmord“ mit der Tat umgehen.

Elif Shafak geht bei ihrer Erzählung zahlreiche Umwege, die man nicht immer gerne mitgeht. Zeitweilig erscheint der Aufbau der Handlung zu breit angelegt und fesselt erst wieder, wenn die sich von der großzügigen Basis zuspitzt. Immer wieder aber entschädigen schöne sprachliche Wendungen oder sensible Einblicke in ein Gefühlsleben für die Abzweigungen. Am Ende legt man das Buch nachdenklich beiseite, weil es bewegt und anregt. Ich empfehle, dann das Buch noch einmal zur Hand zu nehmen und den ersten Satz erneut zu lesen.
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am 10. Juli 2017
Gutes Buch mit interessanten Einblicken in eine andere Kultur. Es gibt Einblick in die Denkweise von Menschen, die durch ihre sich von unserer westlichen Lebensweise stark unterscheidenden Religion, Kultur, Familie und vermeintliche Freunde geprägt werden.
Allerdings hätte ich mir etwas "tiefere" Einblicke gewünscht, für mich fühhlt es sich an, als wurde nur an der Oberfläche gekratzt. Zudem spielt es hauptsächlich Ende der 70er Jahre, dies wird im Klappentext nicht deutlich. Ich hätte mir eher gewünscht, zu verstehen, wie solche Ehrenmorde auch in unserer heutigen Zeit zu Stande kommen. Sicherlich sind die Ursachen ähnlich, doch gewisse Einflüsse waren doch zeitbezogen.
Daher mit Einschränkungen lesenswert.
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TOP 1000 REZENSENTam 7. Juni 2014
Elif Shafak ist eine renommierte Autorin in der Türkei. Sie lebt u.a. in London und lässt auch die Handlung ihres Buches teilweise dort spielen.

Pembe und Jamila sind Zwillingsschwestern. Die beiden sind Kurdinnen und sind sich sehr nahe.

Erwünscht waren die Mädchen von ihrer Mutter Naze nicht. Diese wollte Söhne. Die Mutter hadert mit ihrem Schicksal. Warum straft Allah sie mit 2 weiteren Mädchen? Sie hat doch schon 6.
Sie wollte die Mädchen Bext und Bese nennen, was kurdisch ist und Schicksal und Genug heisst, auf Türkisch Kader und Yeter.

Ihr Mann Berzo aber wollte Allah nicht weiter erzürnen und verkündete die Namen seiner Töchter: Pembe und Jamila, was Rosarot und Schön bedeutet.

All dies spielte sich 1945 in einem kleinen kurdischen Dorf ab. In einer Gegend, die noch nicht einmal etwas vom 2.Weltkrieg gehört hatte.

Pembe bekommt 17-jährig einen Sohn, einen Jungen, der ihrer Mutter stets verwehrt blieb.
Der Sohn wird nach Alexander dem Großen auf Kurdisch Askander, auf Türkisch Iskender genannt.

Pembe und ihr Mann Adem gehen nach London, Jamila bleibt zurück und arbeitet als Hebamme.

Pembe hat 3 Kinder und wird nie glücklich in ihrer Ehe. Adem liebte ja auch Jamila und tröstete sich mit deren Schwester Pembe in dem Irrglauben, dass Zwillingsschwestern genau gleich sind.

Im Laufe der Zeit lernt Pembe dann in London Elias kennen. Elias ist Koch und ein sehr einfühlsamer Mann. Natürlich passt das Verhältnis der Beiden nicht in die Pembes Welt.
Es kommt wie es kommen muss, ein Ehrenmord passiert.

Die Autorin schildert sehr behutsam und mit grossem Einfühlungsvermögen die Geschichte der ganzen Familie. Sie beschreibt die Personen von den Großeltern bis hin zu den Enkelkindern und deren Schicksal so exakt, dass man glaubt die Personen zu kennen.

Da sie ja selber den Weg von der Türkei nach London ging, kann sie aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen.

Mein Fazit: ein eindrucksvolles und fesselndes Buch, in dem die Geschichte einer kurdischen Familie über 3 Generationen erzählt wird.
Eine Geschichte mit allen Höhen und Tiefen, mit kulturellen und religiösen Zwängen und mit 2 Zwillingsschwestern, die durch ihre unterschiedlichen Lebenswege getrennt werden.

Einfach mitreissend ist das Buch.
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am 21. März 2014
Die türkisch-kurdischen Zwillingsschwestern Pembe und Jamila wachsen in einer Großfamilie auf, bei denen die EHRE über allem steht. Ihre Mutter hatte vor ihnen bereits sechs Mädchen geboren und weil sie findet, es seien nun genug Mädchen, wollte sie die Kinder kurz nach der Geburt eigentlich Bext und Bese heißen, was auf kurdisch Kader und Yeter, also Schicksal und Genug bedeutet. Doch der Vater verhindert dies und nennt die beiden schließlich Pembe und Jamila, was Rosarot und Schön bedeutet. Bereits hier wird sichtbar, was EHRE bedeutet und welchen Stellenwert ein Mann in einer türkisch-kurdischen Familie besitzt. Doch die Namen der Mutter waren unauslöschlich mit den beiden Mädchen verbunden und so waren es nun, Pembe Kader und Jamila Yeter. Diese Namen sind bezeichnend und richtig, dies wird im Verlauf der Geschichte deutlich sichtbar.

Als Jahre später Pembe, die Adem geheiratet und einen Sohn geboren hat, mit ihrer eigenen kleinen Familie nach London zieht, bleibt ihre Schwester Jamila allein zurück. Sie arbeitet in dem kleinen kurdischen Dorf als Hebamme. Beide bleiben dennoch ihr ganzes Leben eng miteinander verbunden.

Während Jamila durch ihr Leben und ihren Beruf, die Werte und Traditionen ihres Landes immer wieder miterlebt, ist ihre Schwester Pembe anders, sie erhofft sich in der Ferne eine bessere Zukunft für sich und ihre Familie, was jedoch nicht wirklich eintrifft. Stattdessen droht ihre Familie zu zerbrechen. Als Pembe schließlich den verständnisvollen Elias kennen lernt und sich ihn verliebt, ahnt ihre Schwester, dass das nichts Gutes bedeuten kann und entschließt sich nach London zu reisen.

Elif Shafak hat mir ihrem bewegenden Familienepos einer türkisch-kurdischen Familie einen Roman geschaffen, der bewegt und schockiert. Über allem steht die EHRE, das steht für diese Familie als festgeschriebenes Gesetz. Es ist der Anker ihrer kulturellen Werte, nichts und niemand darf und sollte diese Ehre beschmutzen, tut er es doch, ist ihm nicht mehr zu helfen.

Das Buch beginnt mit dem eigentlichen Ende der Geschichte, welches einen EHREnmord zum Inhalt hat, was einen sofort neugierig macht und man möchte wissen, wie es zur der Tat kam und was die Schwester des Täters so zwiegespalten zurücklässt:

„Ich habe oft daran gedacht, ihn zu töten. Ich habe ausgeklügelte Pläne geschmiedet, in denen Pistolen, Gift oder, am allerbesten, ein Schnappmesser vorkamen – eine symbolische Gerechtigkeit gewissermaßen. Ich habe auch daran gedacht, ihm aus ganzem Herzen zu verzeihen. Letztlich habe ich beides nicht geschafft.“
(Buchauszug, Seite 11)

Auch hier war mir bereits klar, dass die EHRE eine Rolle spielen muss. Diese Erkenntnisse tauchen dem Leser während des Lesens dieses Buches immer wieder auf und man merkt, wie tief verankert dieser Glaube an EHRE in den östlichen Kulturen wohl verbreitet sein muss.
Das Leben von Pembe, aber auch von ihrer Schwester sind von Beginn an, mit diesem einen Wort verbunden. Was ist EHRE wert, wenn die den einzelnen Menschen nicht sieht und ihm das Recht auf Liebe, Freiheit und Eigenständigkeit verwert. In diesem Buch erfährt der Leser es.

Der Schreibstil der Autorin ist bildhaft, eindringlich und anziehend. Dem Leser gelingt es nur schwerlich das Buch wieder aus der Hand zu legen und ins eigene Hier und Jetzt zurückzukehren, so bewegend ist das Schicksal dieser Familie. Offen und ehrlich beschreibt Elif Shafak die Umstände, das Leben und Traditionen einer für uns fremden Welt. Zeitweise fühlte ich mich in Mittelalter zurückversetzt in der ein Mann das Sagen hatte und die Frau gehorchen musste. Doch dann kommt auch wieder zum Vorschein, dass nicht alle aus dieser mir sehr befremdlichen Kultur so denken und für viele auch ganz andere Werte zählen.

Die Protagonisten dieses Buches als auch die Nebenfiguren sind klar und deutlich beschrieben und dennoch bleiben sie vielschichtig und interessant. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so kommt neben Jamila vor allem auch Pembes Sohn Iskender zur Wort, der eine tragende Rolle in dem Buch spielt. Welche, will ich aber hier noch nicht verraten.

Auch die zeitliche Reihenfolge der Geschehnisse ist nicht geordnet, die Autorin springt zwischen den Jahrzehnten hin und her, was aber durch die Kapitelzweitüberschriften bzw. den Angaben von Ort und Tag für den Leser einfach zu ersehen ist. Dies stört auch beim Lesen nicht, da die Autorin es meisterlich versteht, die einzelnen Geschehnisse und unterschiedlichen Zeiten in die Geschichte so einzufügen, dass daraus ein großes Ganzes entsteht, welche dem Leser das Gefühl gibt, die Geschichte selbst mitzuerleben. Man kann somit der Geschichte sehr gut folgen.

Man bekommt tiefe Einblicke in eine Kultur, die für europäische Verhältnisse sehr befremdlich erscheint. Denn EHREnmord ist ein Thema, was in der westlichen Welt nicht vorkommt, zumindest nicht, wenn man westlich erzogen wurde. Dies ist auch der Grund, was es für viele Menschen so unverständlich macht. Wie kann man sein eigen Fleisch und Blut, seine Verwandte im Namen der EHRE töten?
In diesem Buch bekommt man einen sehr guten Einblick und auch eine Erklärung, was letztendlich zu so einer Tat führen kann. Verstehen kann man es aber dadurch als Europäer aber trotzdem nicht wirklich. Doch zumindest erkennt man die Beweggründe, auch wenn sie für uns noch so abwegig scheinen.

Ein bewegender, tiefgreifender und nachdenklich machender Roman, der keinen Leser unbewegt zurücklässt.
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am 10. September 2017
Das Cover hat mich total angesprochen und ich habe das Buch gleich mitgenommen. Zuerst war ich etwas verunsichert, wie ich mit dem Thema umgehen kann. Ich bin aber sehr angetan von dem Buch. Im Mittelpunkt steht eigentlich das Thema Ehrenmord, aber es gibt viele Handlungsstränge, die das Leben der Protagonisten aus vielen Perspektiven beleuchten.
Jeder Chrakter wird gleichsam einfühlsam und sensibel dargestellt und vorurteilsfrei beschrieben. Das Innenleben und Wertegefühl wird aufgegriffen und gut beschrieben. Auch an einigen Punkten die Anderartigkeit wird aufgegriffen.

Ich konnte das Buch gut in einem Zug lesen, da es sehr flüssig und kurzweilig geschrieben ist. Es hat aber dennoch einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und ich habe viel darüber nachgedacht. Auch bietet es nochmal eine neue Perspektive zum Hauptthema an und welche Auswirkungen sich auf alle Beteiligten ergeben. Ganz eindeutig eine Empfehlung. Ich glaube, ich werde nochmal ein Buch von der Autorin lesen.
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am 27. Mai 2014
Eye-Candy:
Das Cover ist sehr schlicht gehalten. Als Farbe domminiert das Türkis, wodurch die goldene Schrift noch deutlicher ins Auge fällt. Für dieses Thema ist das Cover sehr gut gewählt.
Die englische Version finde ich auch sehr schön. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass das Gesicht der jungen Dame halbiert ist. Da es hier um zwei Schwestern geht und jede an sich auch sich "halbiert" oder "zerissen" fühlt, finde ich das Motiv sehr passend ausgewählt. Zudem gefällt mir der Kontrast zwischen verblichenen und kräftigen Farben.
Das türkische Cover ist zwar nicht so schön wie die deutsche und englische Versionen, jedoch ist es sehr interessant. Auf dem Cover sieht man einen jungen Mann. Dieser junge Mann, ist die Autorin, die sich als Mann verkleidet hat... Was es damit auf sich hat, erfährt man, wenn man das Buch gelesen hat. Schade finde ich nur, dass man das Buch "Iskender" nennt in der Türkei, da der Charakter Iskender nicht die Hauptperson im Buch ist.

Inhalt:
Es geht primär um die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila, die in einem kleinen kurdischen Dorf in der Türkei auf die Welt kommen.
Die Familie hat bereits sechs Töchter und die Mutter ist schon älter. Alles was sie sich wünscht, ist ihrem Mann einen Sohn zu schenken. Als dieser Wunsch ihr nicht gewährt wird, ist sie sauer. So sauer, dass sie für die Verhältnisse in der Türkei, schon fast an Gotteslästerung grenzt, als sie ihre beiden Töchter Schicksal und Genug nennt (auf kurdisch Bext und Bese, auf türkisch Kader und Yeter). Um nicht den Zorn Gottes auf sich zu ziehen, nennt der Vater die beiden Mädchen Pembe und Jamila - Rosarot und Schönheit. Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit werden leider kein so tolles Leben haben, wie ihre Namen annehmen lassen...
Da der Inhalt des Buches sehr ineinander verstrickt ist und wirklich jede Handlung eine Reaktion mit sich zieht, werde ich an dieser Stelle nicht mehr verraten.

Vorneweg:
Eine sehr ausführliche Rezension, zu einem sehr brisannten Thema. Wenn ihr nicht so viel lesen wollt, könnt ihr gerne zur Kurzmeinung und Bewertung springen.

Meine Meinung:
Es gibt Bücher, die muss man langsam lesen und sie Satz für Satz genießen. So wird man sich der Botschaft hinter dem Buch klar und genau so ist es mit diesem Buch.
Das Buch ist spannend, versteht mich nicht falsch. Es hatte mich in seinem Bann ab der Seite, aber ich wusste, dass ich es langsam angehen lassen muss... Jedenfalls langsam für meine Verhältnisse, schließlich hat das Buch über 500 Seiten und die Schrift ist winzig klein. Ich habe c.a. vier Tage dafür gebraucht und musstw mich zwingen nicht schneller zu lesen.
Es hat sich gelohnt, kann ich nur sagen.

Von Elif Shafak habe ich "Den Bastard von Istanbul" noch gelesen, welches zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört. Ich wusste, dass auch dieses Buch mich genau so verstören würde (auf eine gute Art und Weise), was es dann auch hat.

Wenn man selber gerne schreibt und einige Schreibratgeber gelesen hat, wird man sich denken "Moment! Die Autorin hält sich an keine der altbewährten Regeln!" Stimmt, das tut sie nicht. Sie wechselt die Perspektive mehrmals innerhalb eines Kapitels, sie schreibt oft und gerne indirekt und passiv. Sie verwendet eine Menge an Ellipsen und Dialekten und Fremdwörtern (kurdisch, türkisch, englisch). All das macht sie und noch viel mehr.
Dennoch ist man als Leser kein einziges Mal verwirrt. Kein einziges Mal!
Das ist eine Kunst, die nicht viele Autoren beherrschen und sollte viel mehr anerkannt werden.
Da das Setting oft wechselt, haben die Kapitelanfänge immer eine Ortsbeschreibung. ZB: "Eine Hütte am Euphrat", dadurch weiß man bei welchem Charakter man ist.

Elif Shafaks Charaktere sind lebendig. Sie wirken nicht nur so, sie atmen und haben ihre eigenen Wünsche, ihre eigenen menschlichen Schwächen und sind einfach so viel mehr, als bloße Figuren auf Papier.
Es gibt eine Menge an Charakteren, die ich in diesem Buch nicht leiden kann. Den Ehemann von Pembe, nur um einen zu nennen. Er ist spielsüchtig, charakterschwach, schlägt seine Frau und Kinder und ist einfach ein Mensch, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Aber dennoch lebt er. Man kann nachvollziehen, warum er so geworden ist. Natürlich muss man das nicht gutheißen, aber man versteht es. (Dennoch ist eine verkorkste Kindheit keine Entschuldigung!)
Alle, die das Buch gelesen haben, hassen wahrscheinlich Iskender. Er ist der Sohn von Pembe und Adem, der im Gefängnis sitzt, da er etwas schreckliches getan hat. Wie es dazu kam und wie dieser Charakter sich danach weiterentwickelt hat, dieser Prozess, ist unglaublich glaubwürdig dagestellt. Obwohl er mich anekelt und kein gesunder Mensch ihn leiden wird, fand ich seine Kapitelabschnitte interessant. Die Wut und Reue, die ihn ihm toben, sind so faszinierend. Aber wie gesagt, ich heiße keine seiner Handlungen gut.

Am liebsten wäre mir, wenn das Buch noch weitere 300 Seiten hätte. Ich wollte gerne lesen, was mit der Familie in Zukunft passiert. All die Charaktere, die man ins Herz schließt, wie den kleinen Yunus, der so eine liebe Seele ist...

Eine weitere Stärke des Buches ist die Zusammenführung all der Handlungsstränge, die dann zu einem großen Ganzen verschmelzen. Dadurch werden die zentralen Fragen beantwortet und alles ergibt einen Sinn. Dieser Aha-Effekt ist unglaublich.

Ein winziges Manko gibt es dennoch, es ist das Ende vom Ende. Es kommt zu schnell und wirkt zu hingeklatscht. Nach 500 Seiten voller Andeutungen und Hinweisen, erwarte ich da mehr Fleisch auf den Knochen, wenn ihr versteht. Die Mystik, die angedeutet wurde, war enttäuschend... vielleicht waren meine Erwartungen auch zu hoch. Denn das Ende bei "Der Bastard von Istanbul" ist pure Gänsehaut. Ein besseres Ende, mit mehr Gänsehaut-Feeling habe ich bisher noch nie erlebt und ich habe gehofft, dass "Ehre" da mithalten könnte.

In der Kürze liegt die Würze:
Ein Familienepos, in dem jeder Satz zählt und zur Lösung der zentralen Problematik führt. Das Buch hat einen hohen moralischen Stellenwert. Bitte beachten, dass es nicht "nur" um die Idee der Ehre geht, es geht an erster Stelle um die Liebe. Die Liebe zur Familie und die romantische Liebe und was die Liebe mit uns anstellen kann, im Guten, wie im Schlechten.
Es heißt nicht umsonst, dass wir am meisten die verletzten, die wir am meisten lieben... In diesem Fall ist es ein sehr krasses Beispiel und nichts für Leute, die nicht bereit sind ihre Denkmuster zurückzustellen. Die Charaktere und ihre Handlungsweisen sollten nicht mit Vorurteilen betrachtet werden (erneut: Ich heiße sie nicht gut), damit man mehr von diesem Buch mitnehmen kann und eine Art Verständniss für den Prozess von Gewalt entwickeln kann (Gewallt kann viele Formen haben und muss nicht immer "nur" physisch sein).

Bewertung:
Das Buch wird mich sicher noch lange beschäftigen. Ich habe mir einige Interviews mit der Autorin angesehen, in denen sie über dieses Buch spricht. Falls ihr nach dem Lesen weitere Fragen haben solltet, sind die Interviews sehr empfehlenswert.

Da das Ende eine Spur zu schnell und hingeklatscht war, gebe ich dem Buch 4,5 Herzchen ♥ ♥ ♥ ♥ ♡
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am 17. Juni 2014
Ich habe das Buch eher zufällig auf meine Kindle geladen, weil ich mit dem Ding noch nicht umgehen kann (wollte eigentlich nur einen Blick ins Buch werfen), Hab es aber nicht bereut: ein sehr berührendes Buch, ohne dabei aber rührselig zu sein. Eine einfühlsame und unpretentiöse Schilderung des Schicksals eine kurdisch-türkischen Familie, die bis an ihre Wurzeln am Euphrat zurückgeht und im englischen Exil mündet. Die Katastrophe ist von Anfang an bekannt, trotzdem ist das Buch durchwegs spannend und man erfährt sehr viel über das Leben und die Wertesysteme dieser Familie und wie und warum diese Werte das Leben selbst noch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und im englischen Exil bestimmen. So erhält man/frau tiefe Einblicke in das Leben und Fühlen von Menschen in einer Kultur, die man heutzutage vor allem aufgrund aktueller Medienberichte vor allem mit religiösem Fanatismus, Extremismus und Terroranschlägen in Verbindung bringt. Das Buch legt Hintergründe offen und macht verständlicher, welche tiefere Problematik diesem oberflächlichen Eindruck zugrunde liegt. Ein sehr empfehlenswertes Buch.
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