„Die älteste und stärkste Empfindung der Menschheit ist die Angst, und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten“
Der Franzose Vindsval ist ein umtriebiger und produktiver Kerl, der recht offensichtlich den Pakt mit dem Abgrund und dem Entgleienden auch auf dem 14. Album seines Projekts ‚Blut Aus Nord’ nicht aufzukündigen gedenkt. Einem allumfassend beschreibenden Genre lässt sich seine teils brachiale Werkschau nicht zuordnen, auch wenn ‚Blut Aus Nord‘ meist weiterhin dem Black Metal zugerechnet wird. Es ist aber weit mehr als die Zuschreibung. Denn nach ‚Ultima Thulée‘ und ‚Memoria Vetusta I – Fathers Of The Icy Age‘ Mitte der 1990er Jahre lässt sich Vindsval meiner Meinung nach nicht mehr wirklich in dieser Schublade einordnen, ‚Post‘ hin- oder her. Obwohl kaum eines der ‚Blut Aus Nord‘ Alben dem anderen gleicht, versteht er es in der Regel wie kaum jemand anderes, beim Hören ein von Neugier begleitetes Unwohlsein zu erzeugen. Egal wie man das nun nennt. Daran ändern auch schon manchmal harmonische, gar beruhigende oder melodiöse Release wie die ‚777‘ Trilogie oder Klargesang wenig. Einfach waren ‚Blut Aus Nord‘ nie, nix für mal kurz nebenbei oder das gemütliche Katerfrühstück am Sonntagmorgen. Egal, ob man sich in der psychedelisch-ekstatischen Gitarrenwelt verschlungen sah oder in den elektronisch-avantgardistischen Industrial und Ambienten Gruften zerbarst. ‚Blut Aus Nord‘ Release sind Brocken, atmosphärische Walzen, Alpträume und furiose Andersartigkeiten. Zumindest die Platten, die ich liebe.
‚Hallucinogen‘ von 2019 war eine ziemliche Überraschung für mich, wirkte es in Bezug auf die Discography zugänglich und gutbürgerlich-rückständig, was nicht als negative Beschreibung gelten soll, sondern lediglich den unvorhergesehenen Charakter umreisst. Auch wenn die Disharmonie hier Tür und Tor öffnete, hatte es etwas einladendes. Zumindest nichts vor den Kopf stossendes. Und auch wenn ‚Disharmonium - Undreamable Abyssess‘ diesen Weg nicht fortschreitet, lässt es sich als logische Weiterentwicklung zu ‚Hallucinogen‘ verstehen. Zumindest am Rande. Die Soundwände werde ähnlich zusammengeschweisst, wenn jetzt aber sehr viel düsterer und apokalyptischer. Wie sollte es auch anders sein, wendet man sich dem Lovecraft-Abgrund zu. Jetzt mal kurz unabhängig davon, dass HP Lovecraft ein schlimmer Antisemit und Rassist war, wie sollte man bei seinem hervorragenden schriftstellerischen Talent äusserst schaurige Horrorgeschichten und schwarze Romantik erzählen zu können, erwarten, dass auf der musikalischen Adaptionsseite dabei etwas lebensbejahendes und posites entstehen könnte? So rein konventionell betrachtet? Sulphur Aeon, The Great Old Ones, Nile oder Portal klangen ja nun auch nicht wirklich nach Ringelpiez mit Anfassen, wenn sie ‚The Alchemist‘ oder den Cthulu-Mythos vertonten. Wie auch? Also, ‚Disharmonium - Undreamable Abyssess‘ ist schaurig, voller Abgründe, psychedelisch-paranoider Soundstrukturen, ein zu Musik gewandeltes, beklemmendes Gefühl, ein Fiebertraum und eine bedrohlich wirkende Kollage, voller (un)lustbetonender Erregung. Die erzeugte Atmosphäre, die sich auf der gesamten Albumlänge hypnotisch und beinah einlullend ausbreitet, ist einzigartig morbide, für Schräge schräg-erfreulich und mit Kopfhörern laut am besten zu geniessen. Erst dann werden die Gitarrenwände, elektronischen Eskapaden, mehrstimmigen Growls, Schreie und Engelshymnen und Dissonanzen zur fleischwerdenden Manifestation und zum Überzeugungstäter. Dann. Stellt sich das Verhängnis in Gestalt des Dryaden dar, die bizarre Welt eines HP Lovecraft öffnet sich.
Wenn einige Magazine und Rezensenten
‚Disharmonium - Undreamable Abyssess‘ attestierten, zu den schlechteren Platten des Franzosen, oder gar zum Schaffens-Flop zu gehören, frage ich mich, was die denn alle erwarteten? Und warum sie, betrachtet man die zu Grunde liegenden Ausführungen und Analysen genauer, überhaupt Erwartungen mitbrachten? Freute man sich klammheimlich auf ein ‚konservatives‘, zweites ‚Hallucinogen‘? Oder eher so weiter wie auf ‚Memoria Vetusta III: Saturnian Poetry‘? Und das, obwohl man weiss, dass Vindsval zutiefst unberechenbar ist, in dem was er da tut? Beschäftigt man sich näher mit ‚Blut Aus Nord‘, dann entsteht die Qualität in der Überraschung und dem grundlegenden Interesse sich erstens damit auseinanderzusetzen, weil man dieser eigensinnigen Denkstruktur erlegen ist und zweitens, dass man ohne eine bestimmte Erwartung an einen neuen Release herangeht. So sehe ich das. Dann kann es nur werden. Nämlich zumindest kurzweilig und ex abrupto. Im dann positiven Sinne.
Musikalische Referenzen sind auch diesmal schwierig und kaum oder wenig zutreffend. Wer mit der Soundästethik der genannten Hartwurst-Lovecraft-Jünger im Coolen ist, mit (mal wieder) ‚Deathspell Omega‘ genauso gut klarkommt wie mit ‚The Ruins Of Beverast‘ oder der letzten ‚Inferno‘, der wird vermutlich auch so einiges mit ‚Disharmonium - Undreamable Abyssess‘ anfangen können. Und wem das alles zu gediegen neben der Spur und zu unkonventionell sein sollte, kann sich an Vindsvals anderen Projekten wie dem hervorragend schwarzmetallischen ‚Forhist‘ oder der elektronisch Einlassung ‚Yerûšelem‘ erfreuen. Der Typ ist einfach ein ziemlich abgefahrener Dude. Is einfach so.
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