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Die deutsch-jüdische Erfahrung: Beiträge zum kulturellen Dialog (Aufbau-Sachbuch) Taschenbuch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe334 Seiten
- SpracheDeutsch
- HerausgeberAufbau
- ISBN-103351025475
- ISBN-13978-3351025472
Produktbeschreibungen
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Frank Stern
Der deutsch-jüdische Kontext: Eine interdisziplinäre Perspektive
Der deutsch-jüdische Historiker Heinrich Graetz sah gegen Ende des 19. Jahrhunderts
rückblickend in der auf Aufklärung und allgemeinen Fortschritt aufbauenden Emanzipation
der Juden durch die politischen, publizistischen und religiösen Auseinandersetzungen einen
wichtigen Schritt in der Loslösung von der »Erstarrung und Verwilderung des Judentums«.
Die Gründung des Vereins für Kultur und Wissenschaft des Judentums war, wie die
literarische und publizistische Wirkung von Ludwig Börne und Heinrich Heine, ein Schritt,
der in eine breite wissenschaftliche Beschäftigung mit jüdischer Kultur und Geschichte
mündete, doch nicht in deren Integration in die Universitäten. Die deutschen Universitäten
hatten sich noch nicht emanzipiert, Humanismus mußte noch nicht Demokratie bedeuten.
Zwar wurden die mannigfaltigen Übergänge der deutschen Juden und des Judentums in
Deutschland im großen Rahmen der sich entwickelnden Nationalkultur und schließlich eines
deutschen Nationalstaates durch die Halbheiten der Emanzipation und gesellschaftliche
Rückschritte behindert, aber nicht aufgehalten. Der Antisemitismus blockierte, wurde zum
immens störenden Ärgernis, doch er verhinderte nicht die Erfolgsgeschichte der deutsch-
jüdischen bürgerlichen Schichten im 19. Jahrhundert. Die Wissenschaft des Judentums des
frühen 19. Jahrhunderts als Teil eines politischen Emanzipationswillens setzte zunächst
Maßstäbe für die wissenschaftliche und nicht-religiöse Beschäftigung mit jüdischer
Geschichte und Kultur, doch eben noch außerhalb des staatlichen Wissenschaftsbetriebes. Die
sich langsam, wenn auch nicht vollständig, vollziehende Integration deutscher Juden in die
politische und akademische Kultur des Kaiserreichs bezog sich weniger auf eine separate
jüdische Geschichte und Kultur als auf die bürgerliche Identität in der Mitte der deutschen
Gesellschaft. Maler, Schriftsteller, Theaterautoren, Publizisten, Wissenschaftler, Regisseure,
Schauspielerinnen und Schauspieler, Kaufleute und Pädagogen jüdischer Herkunft wurden zu
Protagonisten der deutschen Kultur in Berlin, Wien und andernorts. Die kulturellen und
gesellschaftlichen Rückbesinnungen, die das deutsche Nationalbewußtsein und seine
bürgerlichen Ausprägungen bestimmten, wurden von deutschen Juden und Nichtjuden
gleichermaßen geteilt. Die Antike und ihre Reflexionen in der Klassik, das Mittelalter und
dessen romantische Renaissancen, der jüdisch-christliche Zusammenhang in Gesellschaft,
Kultur und Kunst gehörten zu den geistigen und bildungsmäßigen Bindegliedern der Moderne
genauso wie die technischen Neuerungen und die Herausbildung einer bürgerlichen Moral in
den privaten und öffentlichen Räumen des urbanen Lebens. Der jahrhundertelange soziale,
kulturelle und sprachliche Übergang in die deutsche Kultur war ein Element des
gemeinsamen nichtjüdisch-jüdischen Übergangs in die moderne bürgerliche Gesellschaft,
dem sich auch das jüdische Verständnis von Religion, Reform und Säkularisierung anpaßte.
Die jüdische Religion säkularisierte sich, konnte Teil der Moderne werden, Erstarrungen
überwinden, den Ritus verändern, und bewies damit einmal mehr ihre immense innere Kraft
und Kreativität. Die mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsetzende
nationaljüdische und zionistische Geschichtsschreibung hatte eine auf Osteuropa und den
nationalen Gedanken bezogene Tendenz, die bald durch umfassende publizistische und
wissenschaftliche Versuche ergänzt wurde, den Angriff des politischen Antisemitismus
abzuwehren. Autoren wie Gershom Scholem und andere wurden nicht müde zu betonen, daß
der Antisemitismus auf das Ende des deutsch-jüdischen Weges hindeute, eine
Geschichtskonzeption, die nach 1945 bestimmend wurde. Geschichtswissenschaft und andere
Disziplinen befaßten sich mit dem Untergang, den historisch weit zurückreichenden Gründen
für die antisemitische Vernichtungspolitik, jüdische Geschichte schien mit
Antisemitismusforschung zu verschmelzen. Die deutsch-jüdische Geschichte und Kultur
wurde zu einer Leidensgeschichte, die vornehmlich unter dem Aspekt der Kontinuitäten oder
Diskontinuitäten der Judenfeindschaft, der Pogrome und des Antisemitismus und der Gründe
für die Vernichtungspolitik verhandelt wurde. Die Beschäftigung mit dem deutschen
Judentum und der deutsch-jüdischen Geschichte stand seit den fünfziger Jahren, wenn sie im
akademischen Bereich überhaupt erfolgte, im Zeichen der Vorgeschichte und der Folgen der
deutschen Vernichtungspolitik. Der deutsch-jüdische Weg schien ein Weg zu sein, der
vermeintlich unausweichbar nach Auschwitz führte. Selbstverständlich kommt der
Erforschung des Nationalsozialismus und der Vernichtungspolitik auch weiterhin eine
wichtige Aufgabe zu. Im Hinblick auf die kommenden Generationen, auf Erziehung und
Bildung, ist es allerdings nicht weniger wichtig, Politikgeschichte mit der Sozial-, Alltags-,
Mentalitäts-, Kunst- und Kulturgeschichte zu verbinden. Dem NS-Regime ging es um
europäische Kulturvernichtung und nicht allein um Kriegsziele oder Ideologien. Zweifellos
muß die Erinnerung an Auschwitz als Teil der historischen Identität im Bewußtsein künftiger
Generationen auch deshalb verankert werden, weil eines Tages weder Überlebende noch
Mitwirkende dieses Jahrhundertverbrechens am Leben sein werden. Das Archiv der
kollektiven Erinnerung wird nicht von den Zeitzeugen leben, sondern von den Zeitzeugen der
Zeitzeugen. Im Hinblick auf die einstige und künftige deutsch-jüdische Welt bedeutet dies,
daß das kulturelle Gewicht der deutsch-jüdischen Erfahrung ins heutige akademische und
kulturelle Leben sinnvoll integriert werden sollte. Deutsch-jüdische Kultur und Geschichte
sind nicht auf nostalgische, mit Klezmer-Musik unterlegte Romantisierungen zu reduzieren
oder auf die Weiterführung jener pathetischen Hymnen über den großen Beitrag der Juden zu
deutscher Kultur. Sprachliche und soziale Akkulturation, Wechselwirkung, Integration und
Emanzipation sind angemessenere Begriffe für zukunftsorientierte Jüdische Studien als
Biologismen wie Symbiose oder Assimilation, die in der Naturwissenschaft vielleicht
manches, doch in der Kulturwissenschaft nur wenig erklären helfen. Ein halbes Jahrhundert
nach der Befreiung der Vernichtungs- und Konzentrationslager und nach dem Ende des
Zweiten Weltkrieges können neue Fragen gestellt werden, die sich dem begründeten
wissenschaftlichen Kleinmut der fünfziger Jahre versagen und auf ein Jahrtausend jüdisch-
deutscher Kultur und Geschichte zurückblicken.
Produktinformation
- Herausgeber : Aufbau
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 334 Seiten
- ISBN-10 : 3351025475
- ISBN-13 : 978-3351025472
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 5.447.072 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
- Nr. 22.686 in Judentum (Bücher)
- Nr. 78.787 in Deutsche Geschichte (Bücher)
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