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Die Schachspielerin Taschenbuch – 13. Februar 2006

4,4 von 5 Sternen 87 Sternebewertungen

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Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Bertina Henrichs wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Literatur- und Filmwissenschaft und lebt seit langem in Paris, wo sie als Schriftstellerin und Filmemacherin arbeitet. Ihr Debüt Die Schachspielerin (2006) wurde mit dem Corine-Buchpreis ausgezeichnet und fürs Kino verfilmt. Bei Hoffmann und Campe erschienen außerdem That’s all right, Mama (2009) und Ein Garten am Meer (2011).

Claudia Steinitz übersetzt seit mehr als zwanzig Jahren Literatur aus Frankreich und der Schweiz, u. a. Véronique Olmi, Claude Lanzmann und Albertine Sarrazin.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Es wurde wieder Sommer. Wie jeden Morgen stieg Eleni den Hügel vom Stadtzentrum zum Hotel Dionysos hinauf, während die Sonne gerade am Horizont auftauchte.
Von diesem sandigen, zerfurchten Hügel bot sich ein atemberaubender Blick auf das Mittelmeer und das Naxos-Tor des Apollontempels. Das antike, womöglich allzu grandios geplante Bauwerk war unvollendet geblieben. Und so gewährte das riesige Tor auf dem Gipfel der winzigen, zu Naxos
gehörenden Halbinsel nur den Zugang zu Himmel und Meer.
Da es Apollon am Abend keine Ruhestätte bieten konnte, empfing es – einen Gott für den anderen – die untergehende Sonne, die von den staunenden Touristen angebetet wurde. Apollon, diskreter in seinen irdischen Manifestationen, hätte sicher nur wenige Eingeweihte angelockt. Die
Nichtvollendung des Tempels war also nicht zu bedauern, sondern verlieh dem strengen Eiland in der Ägäis ein seltsames Geheimnis.
Eleni hatte keinen Blick für das Schauspiel hinter ihrem Rücken. Sie kannte es allzu gut. Ihr ganzes Leben verlief im Rhythmus dieser Gratisvorstellungen, nur die Zuschauer wechselten, ein unaufhörlicher Strom von Nomaden, die aus der Ferne kamen und in die Ferne zurückkehrten.
An diesem Morgen blies der Wind, der in der Nacht aufgefrischt war, so stark, dass er die üblichen Morgengeräusche der Stadt übertönte. Eleni hörte nur das Knirschen der Steine unter ihren Füßen und das Hecheln eines streunenden Hundes,
der schnüffelnd nach einem Frühstück suchte. Die Beute war mager, und er verzog schmollend das Gesicht. Eleni lächelte und nahm sich vor, ihm aus den Resten des Hotels ein Stück Brot mitzubringen.
Um zehn nach sechs betrat Eleni das Foyer des Dionysos und wurde von einem fröhlichen »Kalimera, Eleni! Ti kanis?«
empfangen. Die Begrüßung wurde mit so viel Inbrunst geschmettert, dass ein ahnungsloser Zuschauer hätte glauben können, einem Wiedersehen nach langer Trennung beizuwohnen.
Aber die Hotelbesitzerin Maria, eine etwa sechzigjährige lebhafte Frau, empfing alle Bekannten auf diese etwas übertrieben muntere Art. Damit wehrte sie von vornherein jeden Anflug von Verdruss ab, den sie höchstens bei ihren Gästen duldete. Aber auch bei denen tat sie so, als bemerkte sie nichts, nur verstand sie plötzlich viel weniger Englisch als sonst. Missgelaunt unter der brennenden Sonne zu arbeiten war ein Laster, für das sie sich zu alt fühlte. Wie üblich reichte sie Eleni einen Kaffee, ehe sich diese in ihrem
pistaziengrünen Kittel an die Arbeit machte.
Eleni kannte jede Bewegung auswendig und führte mechanisch, in unveränderlicher Reihenfolge eine nach der anderen aus. Zwanzig Zimmer, vierzig Betten, achtzig weiße Handtücher; eine wechselnde Zahl zu leerender Aschenbecher.
Sie war Zimmermädchen geworden, wie andere Serviererin oder Verkäuferin. Tochter armer Bauern aus dem Bergdorf Halki, hatte sie die Schule mit fünfzehn verlassen und die erstbeste Stelle in der Stadt angenommen. Zufällig war
es die eines Zimmermädchens. Drei Jahre später hatte sie den fünf Jahre älteren Panos geheiratet, der am Stadtrand in der Autowerkstatt seines Vaters arbeitete. Die Hochzeit war ihre Sternstunde gewesen. Alle Mädchen von Naxos
beneideten sie um den jungen Mann mit dichtem Haar und dunklem Blick. Sie hatten zwei Kinder, Dimitra und Yannis. Auch nach deren Geburt hatte Eleni weitergearbeitet, denn sie mochte diese Tätigkeit, bei der sie vor sich hin träumen
und eine Welt berühren konnte, die fernab pulsierte.
Im Laufe der Jahre hatte sie einen guten Blick für die Gäste entwickelt. An ihrer Kleidung erriet sie mühelos die Nationalität. Sie machte sich einen Spaß daraus, die Zimmer, die sie sauber machte, den im Speisesaal frühstückenden
Urlaubern zuzuordnen. Manchmal wettete sie um ein
Glas Ouzo oder Weißwein. Sie irrte sich selten.
Als sie mit der 19 fertig war, ging sie zur 17. Die Zimmer mussten im Rhythmus des morgendlichen Aufbruchs aufgeräumt werden. Sie lauerte also darauf, dass sich die Türen öffneten, ohne den Eindruck zu wecken, sie interessiere sich
für das Kommen und Gehen der Gäste, Könige für einen Tag oder eine Woche. Eleni verstand es, in den Fluren aufzutauchen wie ein luftiger Geist, dessen Existenz man vergisst, sobald er verschwunden ist. Sie schien zu einer Balletttruppe in bonbonfarbenen Kostümen zu gehören und bewegte ihre sperrigen Gerätschaften voller Anmut.

Inselliebe und Meer
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Produktinformation

  • Herausgeber ‏ : ‎ HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH; 1. Aufl. Edition (13. Februar 2006)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 144 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 345503165X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3455300918
  • Kundenrezensionen:
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