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Die Papiertiger von Paris Gebundene Ausgabe – 18. September 2003

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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Olivier Rolin wurde 1947 geboren. Er ist Autor mehrerer Romane wie "L'Invention du monde" (1993) oder "Port-Soudan", für den er 1994 den Prix Fémina erhielt, schrieb Reiseberichte wie "En russie" (1987) oder Reportagen für "Libération" und den "Nouvel Observateur". Er lebt gegenwärtig in Paris und arbeitet im Verlagshaus Éditions du Seuil.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Smaragdgrün auf nachtblau Périphérique Intérieur Fluide Périphérique Extérieur Fluide. Smaragd, émeraude, du liebst dieses Wort, wer weiß, warum. Wegen Esmeralda, des ersten Mädchens, das dich mit dem Gesicht oder besser den Kurven von Gina Lollobrigida zum Träumen brachte? Oder weil du als Kind deine Ferien an der Côte d'Émeraude verbrachtest? Keine Segelboote, keine Außenborder noch sonst etwas auf dem Wasser, damals war das Meer leer, wie man es von Gemälden kennt. Man musste sich vor angeschwemmten Minen hüten, die Flut gab immer noch welche frei, geduldige, rostige große Kugeln des Todes, die auf ihre Stunde warteten. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Du bist genau in der Mitte der Zeitspanne zwischen der Mutter aller Niederlagen und Diên Biên Phu geboren, das muss man erst mal schaffen. Die historische Melancholie hast du mit der Milch deiner Mutter in dich eingesogen. Sie nahm deinen Bruder und dich zu einer Felsspitze in der Nähe eures Hauses mit, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Ihr habt auf einer Bank gewartet. Nicht die Sonne gehe unter, erklärte sie euch, sondern die Erde drehe sich, kippe, versinke in der Nacht. Auf der anderen Seite der Welt, in Asien, in Indochina, wie man damals sagte, werde es hell. Das war schwer zu glauben. Ihr hofftet, den Grünen Strahl zu sehen, doch ihr habt ihn nie gesehen. Schweigend gingt ihr zurück, ratlos und enttäuscht. Du magst das Wort Nacht, ebenso navire, night, noche triste, notta continua. Glänzende Fahrbahn, schwarz-goldbraun Bobigny Lille Bruxelles Porte de Bagnolet schwarze Türme, deren Spitzen sich im Nebel verlieren Porte de Montreuil Hypermarché Auchan grün rot Novotel blau 550 M N302 Campanile grün Saint-Maclou Peugeot Paris-Nord. Die ersten Tage des 21. Jahrhunderts. Da rechts hast du mal gewohnt, in der schwarzen Nacht, oben an der Straße... welche Straße war das noch? Und vor wie vielen Jahren? In grauer Vorzeit... Mit Judith. Wohnen ist ein großes Wort. Ihr schlieft dort. Vor wie vielen Jahren? Also... vor etwa dreißig. Ist das die Möglichkeit? Es gab noch kein Internet, nicht einmal Computer. Weder die Périphériques noch den TGV noch Laptops noch Kabelfernsehen noch Walkman, nicht einmal den Anrufbeantworter, ist dir das klar? Die Pavillons Baltard öffneten ihre Schirme über dem Bauch von Paris, das Fernsehen war schwarz-weiß, es gab nur einen Sender, oder vielleicht zwei, du erinnerst dich nicht mehr, das ist so lange her, so tief versunken in den Abgründen der Zeit... Supermärkte waren etwas völlig Neues, die sozialistische Partei, die PS, eine Splittergruppe, die kommunistische, die PC, man sagte »die Partei«, kam auf 20% der Stimmen... Und Judith, hatte sie damals noch die langen Haare, die du so mochtest? Geschmeidiges Fell, das sie auf eine Seite ihres schmalen Halses, auf welche?, gedreht hatte und ihr vorn über die Brüste fiel. Wie ein kleines seidiges Tier, das auf ihrer Schulter hockte. Ein fröhliches, seidiges kleines Tier. Zog sie ab und zu eine Strähne heraus, um sie in den Mund zu stecken? Heute kurze Haare, so eine Art Igelfrisur. Ihr wohntet bei einem anämischen Blonden, vielmehr bei seiner Mutter, sie war Kurzwarenhändlerin, ein ausgestorbener Beruf. Der Blonde wohnte bei seiner Mutter und ihr bei ihnen, sie waren Freunde von La Cause, sie kochte für euch, danach spültest du oder Judith, immerhin das, nicht immer, aber oft, dann wurde eure Liege im living-room, wie man damals sagte, aufgeschlagen. Dort muss es auch eine Anrichte mit dem Geschirr gegeben haben, einen Fernseher auf einem einbeinigen Tischchen, Präsident Pompe im Fernsehen, geteilte Vorhänge aus granatrotem Samt, Teppiche mit Rankenmuster, ein Spitzendeckchen auf dem Tisch, so etwa in der Art, das war vor Habitat-Ikea. Was müsst ihr sie genervt haben... Freund von La Cause zu sein, war kein geruhsames Pöstchen. Zur Cause dazuzugehören, bedeutete alles andere als Ruhe, das muss man sehen. Es gab einen kanalisierten Wasserlauf, der durch den Keller verlief: sicher dieser Bach von Méntilmontant, der in jenem Abflussrohr endet, durch das Jean Valjean flüchtete. Heute verkauft Judith Wohnungen. Sie träumte davon, Rosa Luxemburg zu sein oder Tamara Bunke, genannt Tania, diese junge Frau, die in Bolivien an der Seite Ches getötet wurde, oder auch Tina Modotti, Fotografin, Geheimagentin, verliebt, eine Schönheit, die ein Taxi tot durch die mexikanische Nacht fährt. Sie träumte also von einem Leben voller Abenteuer. La Grande Porte rot Carrefour blau 700 M N34 Porte de Vincennes Porte Dorée décathlon blau Étap'Hotel grün 245 Francs die Nacht Hotel F1 700 M Station-Service Scheiße! Ein Lastwagen, der abrupt ohne Ankündigung ausschert, lässt dir das Herz bis zum Hals schlagen, das Auto schleudert nach links, zum Glück blockieren die Bremsen nicht, nur etwas stark gerutscht. Mörder! Treizes Tochter hat keinen Laut von sich gegeben, sie bewahrt kühlen Kopf. Das hat sie von ihrem Vater. Und du hast immer noch gute Reflexe. Sie stammen aus der Zeit, als du auf vereisten Straßen einen gestohlenen Mercedes fuhrst, mit einem kleinen, aus dem Blech ausgeschnittenen Rechteck hinter der Armlehne, damit ihr euch mit eurem Gefangenen im Kofferraum verständigen konntet, einem Abgeordneten, der zur Vichy-Miliz gehört hatte, wie hieß er noch, dieses Schwein? Dir scheint, er hatte einen Kardinalsnamen. Ihr hattet die Wagen am Bahnhof von Vesoul geklaut, das war das einzige Mal, dass du in Vesoul warst, außer im Chanson. Das Wasser in den Rinnsteinen von Vesoul war gefroren. Ihr fuhrt über die Schlitterbahnen des Départements, um euren Coup vorzubereiten, die Wagen untereinander durch Funkgeräte verbunden. Ihr trugt Westen und unbezahlbar teure Filzhüte, um wie Notare oder Landärzte auszusehen, zumindest stelltet ihr euch das so vor. Zwanzigjährige Notare! Heute könntest du vielleicht deine Umwelt täuschen, nur ist dir die Lust dazu vergangen. »Heute«, heißt das: graues Haar, bürgerliches Aussehen und vergangene Lust? Rundherum waren verschneite, vom Wind zerzauste Flächen, hin und wieder dunkle Wälder, mit Bussarden, die auf den Randpfeilern saßen und sich schwer in die Lüfte erhoben, wenn ihr vorbeifuhrt. Die vor Kälte erstarrten Kühe sahen so aus, als hielten sie euch wirklich für Notare, sie betrachteten euch ohne jede Gefühlsregung. Kühe von früher, Kühe von vor dreißig Jahren, sagst du zu Treizes Tochter. Die sind schon lange gegessen. Die kannten kein BSE. Heute interessieren sich die Leute nur noch dafür: Hast du es bemerkt? Lebensmittelsicherheit. Vorsichtsmaßnahmen. Der Tod lauert am Tellerrand. Idioten! Du glaubst, das ist die Gegenwart: die Angst, vom Essen zu sterben? Diese Gegend der Haute-Patate, wie die Einberufenen die Haute-Saône nannten, erinnerte dich an die Landschaft in einem merkwürdigen Western, Leichen pflastern seinen Weg: Trintignant, der Gute, der Verfechter der Gerechtigkeit, stumm, da ihm in der Kindheit von den Bösen die Kehle aufgeschlitzt worden war, wird am Ende niedergemäht, im Schnee. So ähnlich wie Marlon Brando am Ende von Viva Zapata heimtückisch ermordet wird. Die Revolution wird immer ermordet. Rosa Luxemburg im Schnee erschlagen, am Ufer eines Kanals, in den man ihre Leiche wirft. Che in der Schule von Vallegrande exekutiert, nackt ausgestreckt, mit wirrem Haar, mit glasigen Augen, wie vorbereitet für das Sezieren, mit abgeschlagenen Händen, die Totenmaske reißt ihm die Haut vom Gesicht. Tamara-Tania, von Kugeln durchsiebt an der Furt des Vado del Yeso, ihre Leiche in der Drift flussabwärts im Wasser des Rio Grande. Euer Kopf war voll mit diesen tragischen Ikonen. Revolution zu machen bedeutete nicht so sehr die Machtübernahme vorzubereiten, als vielmehr sterben zu lernen. Das scheint von Nutzen, wenn man sehr jung ist. Ihr gingt nicht mehr ins Kino damals, die Revolution hatte keine Zeit für diese Farcen und Attrappen, aber ihr lebtet wie in einem Film, einem Low-budget-Krimi. Du hättest dir sehr gut vorstellen können, dass Jean-Louis Trintignant deine Rolle spielt. Letztendlich...


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am 10. März 2005
Format: Gebundene Ausgabe
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