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Kundenrezensionen

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am 30. April 2009
Als Historiker kann ich festhalten, dass Blom eine originelle Darstellung der Zeit zwischen 1900 - 1914 gelungen ist. Zu Recht verweist der Autor darauf, dass die Moderne, ja die Ereignisse des 20. Jahrhundert insgesamt, in diesen wenigen Jahren vorweggenommen wurden. Blom weist im Vorwort darauf hin, dass die Jahre bis 1914 von der Forschung bisher lediglich hinsichtlich der militärischen Entwicklungen analysiert wurden, wodurch andere Forschungsfragen vernachlässigt blieben. Daher konzentriert sich der Autor auf die Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen vor 1914; was durch zahlreiche Quellen, die Blom akribisch zusammengetragen hat, veranschaulicht wird.
Bloms Stil ist nicht unwissenschaftlich, sondern im Kontext der anglosächsichen Erzähltradition zu sehen - dort sind die Historiker im wahrsten Sinne des Wortes noch der Hi-"Story" verpflichtet. Das Buch ist daher leicht leserlich und spannend formuliert, ohne aber an wissenschaftlicher Seriösität einzubüßen.
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am 3. Januar 2011
Ich bin, um es vorauszuschicken, Interesseleser. Zwar wissenschaftlich gebildet (Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler), allerdings kein Historiker.
Dieser Disclaimer ist mir wichtig: ich kann und werde mich daher nicht mit der Frage aufhalten, ob der Autor hier ein wissenschaftlich-methodisch korrektes Werk bietet oder nicht.

Vielmehr ist mein Zugang interessengeleitet. Und: diese werden voll befriedigt:
* unglaublich spannend wird hier Zeitgeschichte dargeboten. Weitgehend unbekannte, wie ich zugestehen muss: jeder wird zwar das Attentat von Sarajevo kennen, welches als letzter und eigentlicher Anlass für den 1. WK anzusehen sein wird; kaum einer sich jedoch mit den seinerzeitigen gesellschaftlichen Strömungen, die derartige Entwicklungen erst ermöglicht hatten, auseinander gesetzt haben.
* Gerade dieses Buch schafft hier Abhilfe: gerade eine entscheidende Weltepoche, unserer so viel näher als man dächte, wird hier minutiös aufbereitet.
* Der Autor erliegt jedoch, welch ein Glück, nicht der Versuchung, chronologisch (oder lieblos?) bloß Fakten aufzuzählen, nein: festgemacht zwar an Jahren, konkret allerdings erläutert anhand wesentlicher Fragestellungen (Attentate, Völkermorde udgl.) werden zeitliche Zusammenhänge verständlich dargestellt - und insbesondere auch aufgezeigt, wie uns diese noch Jahrzehnte später unerwartet disponieren.
* So wird der Leser gleichsam spielend mit Fakten vertraut, die dem zentraleuropäischen Gedächtnis fremd erscheinen: Völkermord im Kongo durch belgische Invasionstruppen; die "Inanspruchnahme der Nerven" als durchgängig "modernes" Krankheitsbild (das seine aktuelle Entsprechung im "Burn-Out Syndrom" findet); einseitige, teilweise wahnhafte (und ungeheuer verbreitete!) Ideen der "Eugenik" und Rassenlehre (nur "weiße" Mitteleuropäer sollten sich fortpflanzen, der Bezug zu Sarrazin liegt auf der Hand), und und und.
* Auffällig die Parallelen zur Jetztzeit. Auch hier jedoch kann getrost gesagt werden: der Autor stellt Zusammenhänge her, die Wertung obliegt dem Leser.
* Insgesamt wird das Bild eines Zeitalters geboten, das von Geschwindigkeit, Konsum und "Globalisierung" (sic!) bestimmt war. Aktueller demnach, als man denkt...
* Und, wesentlicher Trumpf: keine ex-post-Betrachtung finaler Natur, im Zuge derer die seinerzeitigen Geschehnisse aus dem Blickwinkel der nachfolgenden Verheerungen (nämlich unter dem der Weltkriege - alles hätte geradezu zwangsläufig in diese münden müssen) zu betrachten und qualifizieren sein würden. Der Autor zeigt vielmehr auf, dass zwar von Waffen starrende, militarisierte Gesellschaften ein Ventil suchen mussten (und wohl jedenfalls gefunden hätten), das Leben an sich jedoch nicht auf Krieg ausgerichtet war.

Daher: spannende Lektüre für Geschichtsinteressierte. Nicht sentimental-verklärt wie im Meiserwerk "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig, sondern mit einigem (zeitlichem und persönlichen) Abstand, enormer Sachkenntnis und dennoch leichtfüßig verfasst.

Ein Toptitel, klare Empfehlung!
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am 9. August 2010
Eine überaus gelungene und facettenreiche Darstellung europäischer Geschichte.
Blom betrachtet den Zeitraum zwischen Jahrhundertwende und 1. Weltkrieg nicht als End- und Höhepunkt des "langen 19. Jahrhunderts". Er wählt die Perspektive der zurückversetzten Vorausschau auf das 20. Jahrhundert. Der Autor beschreibt Zukunftsängste und Visionen, gesellschaftspolitische und kulturelle Tendenzen, die uns im weiteren Verlauf des Jahrhunderts erneut oder verstärkt begegnen. Und in dieser Hinsicht gab es viel mehr als militärische Säbelrasseln und den Kurs auf die Katastrophe des 1. Weltkriegs.
Bloms Abhandlungen gehen über den strengen Zeitrahmen 1900-1914 hinaus. Die chrologischen Jahreszahlen der einzelnen Kapitel dienen als "Aufhänger" für die jeweiligen Themen (z.B. aristokratische Machterhaltung, Frauenrechtsbewegung, antroposophische Weltanschauung), die meist - aber in unterschiedlicher Tiefe - bezogen auf die fünf europäischen Großmächte der damaligen Zeit beleuchtet werden. Dies alles ist mit vielen Quellzitaten illustriert und wirkt dadurch sehr lebendig.
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am 31. Januar 2012
Zunächst einmal: Das Buch von Philipp Blom ist gut erzählt, liest sich insgesamt flüssig und bietet ein anregendes Panorama der Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Es ist durchaus empfehlenswert für Leserinnen und Leser, die sich nicht so sehr für politische Geschichte, sondern für Kulturgeschichte, Mentalitäten und das Lebensgefühl der Menschen vergangener Epochen interessieren. Als solches könnte das Buch ein echtes Fünf-Sterne-Buch sein, aber da muß ich doch noch einige Einschränkungen machen.

Die ersten beiden sind inhaltlicher Natur:
Am Beginn des Buches lädt der Autor seine Leser ein, sich ganz in die Zeit hineinzuversetzen und weitgehend auszublenden, was nach 1914 geschah. Er möchte seine Geschichte nicht als die Vorgeschichte eines großen Krieges und weiterer Tragödien des 20. Jahrhunderts erzählen, sondern den Blick ganz auf die Zeit und ihre Bedingungen selbst richten. Allerdings unterläuft der Autor dann selbst diese Erzählperspektive, indem er immer wieder vorgreift und selbst als Erzähler spätere Entwicklungen in den Blick nimmt. Seltsam.

Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf die Ordnung des Stoffs. Das Buch gliedert sich in 14 Kapitel, die chronologisch den Jahren von 1900 bis 1914 folgen. Zugleich versucht der Autor aber, in jedem der Kapitel ein Thema zu behandeln (etwa die Entwicklung des Films). Aufgehängt wird das Thema dann an einem Schlüsselereignis im jeweils behandelten Jahr. Diese Vermischung von thematischem und chronologischem Zugriff empfand ich als Leser verwirrend, sie war in meinen Augen ein Zuviel an Ordnungswillen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Der Autor hätte m. E. besser daran getan, sich für eines der Ordnungsprinzipien zu entscheiden.

Diese beiden Punkte wiegen in meinen Augen jedoch nicht sehr schwer. Ein echtes Ärgernis hingegen war der Stil des Buches. Ich war davon ausgegangen, dass es sich um die Originalfassung des Buches handelte, als ich es kaufte. Nach wenigen Seiten aber war ich verwirrt, denn der Stil des Buches erschien mir holprig und wenig elegant. Es las sich wie eine Übersetzung aus dem Englischen, und leider keine besonders gute. Der Blick ins Impressum bestätigte dies: Philipp Blom hat das Buch zunächst auf Englisch verfasst und später selbst ins Deutsche übertragen. Leider spürt man dem Text die Rückübersetzung auf jeder Seite an. Satzbau und Formulierungen sind direkt aus dem Englischen übernommen, was nicht selten zu regelrechten Stilblüten führt. So wird häufiger davon erzählt, daß Kritiker nach einer Theater- oder Musikaufführung 'voller Entsetzen waren' - sagt man im Deutschen nicht besser, die Kritiker 'waren entsetzt'? Beispiele dieser Art ließen sich endlos anfügen. Der Text hätte m. E. in dieser halb-rohen Übersetzung nicht veröffentlicht werden sollen. Das ist ein echtes Manko eines ansonsten sehr anregenden und lesenswerten Buches.
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am 28. Juni 2009
"Und nun fällt eine schwarze Wolke über Europa; und wenn sie sich wieder teilt, wird der Mensch der Neuzeit dahin gegangen sein: weggeweht in die Nacht des Gewesenen, in die Tiefe der Ewigkeit; eine dunkle Sage, ein dumpfes Gerücht, eine bleiche Erinnerung. Eine der zahllosen Spielarten des menschlichen Geschlechts hat ihr Ziel erreicht und ist unsterblich; zum Bilde geworden."

Mit diesen Worten schließt die großartige Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell (1878-1938), einzig gefolgt noch von einem Epilog, in welchem die kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Strömungen vor der Jahrhundertwende bis ca. 1920 aus damals zeitgenössischer Sicht dargelegt werden. Im Buch von Philipp Blom "Der taumelnde Kontinent, Europa 1900 bis 1914" wird gerade diese Zeit eingehend beleuchtet und zwar unter Abstraktion der darauf folgenden Ereignisse von 1914 bis heute. Wir haben nun das seltene Vergenügen, bei Blom eine Fortsetzung Friedells als eine in Art, Charakter, Umfang und Kongenialität einzigartige historische Beschreibung jener Ereignisse aus unserer heutigen Perspektive, also von diesseits der "dunklen Wolke" sehen zu dürfen. Die Ereignisse nach 1914 sind uns aus vielen anderen Quellen bekannt, so unter anderem auch aus authentischen Erzählungen der letzten zwei oder drei Generationen vor uns. Ich selber überblicke, da mein Grossvater 1874 und mein Vater 1910 geboren ist und beide in einem der Epizentren der Ereignisse, nämlich in Wien, gelebt haben, unbewusst und bewusst als oral history gerade diesen historischen Zeitumfang und ich kann ihn an Kind und Enkel weitergeben. Einzigartig, wie Blom auch die heute aktuellen Ereignisse mittels ihrer Wurzeln in der Frühmoderne mitschwingen lässt. Ich empfehle zur Lektüre dieses Buchs hinzu, unbedingt die beiden Schlusskapitel bei Egon Friedell parallel zu lesen. Philipp Blom zitiert jenen Autor zwar weder im Text noch in der Bibliographie. Ich habe aber doch den grossen Verdacht, dass er ihm nicht unbekannt ist und dass er sich auch wacker seiner bedient hat, was nach Friedells eigenen Worten aber nicht schimpflich ist, sondern ein Kompliment darstellt. Als speziellen Pluspunkt führt Blom ein umfangreiches Literaturverzeichnis an, von wo sich weiter in die Tiefe zoomen lässt.
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TOP 500 REZENSENTam 10. Dezember 2016
...zeigt auch Philipp Blom auf. Europa war 1900 auf dem Höhepunkt seiner Macht und die Kaiser und Könige dachten, dass ihnen nichts passieren könnte. Die Wirtschaft boomte, die Ausbeutung der Kolonien brachte Rohstoffe sonder Zahl in die Mutterländer. Die 5 europäischen Großmächte suchten nach immer mehr Macht, rivalisierten miteinander und dachten, dass militärische Auseinandersetzungen wie die Kabinettskriege des 18. u 19. Jhdts verlaufen würde. Keiner wollte einen globalen Krieg, keiner ahnte, wie umfassend die kommenden Materialschlachten sein würden. Frankreich wollte Rache für 1871, England fürchtete die (ungleich kleinere) deutsche Flotte, Russland wollte die Meerengen und Österreich annektierte Bosnien. Alle wollten die Aufteilung des Osmanischen Reiches.
Aus dieser Gemengelage unbedachter politischer Interessen entstand die Katastrophe des 20. Jhdts.
Rüdiger Opelt, Autor von "Die Macht der schwarzen Magier"
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am 13. Oktober 2014
Aus aktuellem Anlass hatte ich vorher schon diverse Werke zum 1. Weltkrieg gelesen (Clark „Schlafwandler“; Leonhard „Pandora“; Friedrich „14/18“, Münkler „Der Grosse Krieg“) gelesen, bzw. verschlungen. Jedes der zitierten Werke hat mir sehr gut gefallen und ich fand darin jeweils sehr viele Aspekte beschrieben, die ich bis heute noch nicht kannte.

Nun habe ich sozusagen als „Vorspeise“ mich an das an das oben zitierte, ausgezeichnete und sehr empfehlenswerte und flüssig geschriebene Werk von Philipp Blome gemacht und habe mich an seinen Vorschlag zur Lektüre gehalten: „Stellen Sie sich vor“, schreibt er „Sie würden die Lebensgeschichten, Gedanken und Taten der Menschen, die vor 1914 lebten, nicht durch das Prisma eines Jahrhunderts voller monströser Verbrechen betrachten, sondern könnten diese historiographische Brille abnehmen.“

So weit, so gut: das habe ich getan und ich war erstaunt darüber welch rasante Veränderungen das frühe 20. Jahrhundert in Kultur, Kunst ,Politik und im Alltag gebracht hat und wie erstaunlich ähnlich diese Epoche unserer Gegenwart ist. Es ist ein höchst interessantes Werk, das mir sehr geholfen hat, einen detaillierten Einblick in die zweite Hälfte der Belle Epoque zu gewinnen.

Yves Sohrmann, CH 4322 Mumpf
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am 11. November 2014
zu den politischen und/oder militärhistorischen Werken, die im Jubiläumsmarathon 2013 ff. erschienen sind, und sicher noch erscheinen werden. Als Verehrer von Clarkes "Schlafwandler-These" fehlte mir bisher etwas der Einblick in die Mentalitäten der Gesellschaften, die in den 1. WK geschlafwandelt sind. Fleissiges Quellenstudium aller diplomatischen und sonstigen politischen Korrespondenzen, Denkschriften etc., die vor allen Dingen von den (selten nicht-deutschen) begeisterten Verteidigern der Theorie der deutschen Alleinschuld am 1. WK betrieben wurden und werden, in allen Ehren - aber nichts davon erklärt die fast manische Begeisterung, mit der weite Teile der europäischen Bevölkerungen in diesen Krieg hineingerannt sind wie in ein heilsbringendes Ereignis. Irgendetwas hat die Menschen an der Idee angezogen, sich gegenseitig zu zerfleischen, denn eigentlich sprach nichts für diesen Krieg: Ökonomisch, politisch, kulturell, und militärisch: Gar nichts, logisch und rational betrachtet. Sogar der Schliefenplan war zum Teil ein Ausdruck der Panik vor dem, was dem Militär da abverlangt werden sollte: Wie kann ich den Westen so schnell niederwerfen, dass mir der 2-Fronten-Krieg im Osten erspart bleibt? Spätestens hier fangen die Thesen vom machtverliebten Deutschland als alleinigem Kriegstreiber an zu wackeln. Sie wackeln noch mehr, wenn einem klar wird, dass es ein definiertes politisches deutsches Kriegsziel, wie es Bismarck immer schon VOR dem Krieg hatte, im 1. WK nicht gab. Der Sieg schien Selbstzweck. Was danach an politischer Welt für die Besiegten kommen sollte, dazu gab es nie ein abgesegnetes Konzept. Überlegungen, ja, von allen Seiten, teilweise hahnebüchen, geradezu abstrus. Aber eine Überlegung wie 1866 (Niederwerfen Dänemarks = Norddeutscher Bund unter Führung Preussens) oder gar 1870/71 (die Franzosen müssen per Emser Depesche JETZT zum Krieg getrieben werden, damit mein Kalkül aufgeht) - das sucht man für den 1. WK vergebens.

Den 1 WK scheinen viele nur geführt zu haben, weil ihnen danach war.

Warum war ihnen danach?

Also, wenn es kein Kalkül á la Bismarck war; wenn Teile der britischen Elite den Krieg lange scheuten, wenn die Umgebung des russischen Zaren eigentlich wusste, dass Russland diesen Krieg nicht führen konnte - woher die ans Hysterische grenzende Begeisterung in 1914? Und nicht nur in Deutschland?

Da musste etwas Emotionales, etwas Irrationales im Spiel sein, jenseits der offiziellen Depeschen. Der Taumelnde Kontinent nun hat mir dieses Etwas näher gebracht, und für mich war es das erste Buch, das dies getan hat.

Ja, möchte man da dem einen oder anderen Rezensenten entgegehalten, es ist keine Auflistung der Korrespondenz von Bethmann-Hollweg. Der Kaiser kommt nur kurz vor, und eher exemplarisch, jedenfalls deutlich kürzer als die Dreyfuss-Affäre. Ja, die Darstellung ist (angelsächsisch) auf's breite Publikum gerichtet (das war der 1. WK schließlich auch, man sehe die Opfer in der Zivilbevölkerung, aus der ja ursprünglich auch die Soldaten kamen, nicht wahr) und der Stil ist anekdotenhaft. Was man hier hat ist keine wissenschaftliche Studie, es geht mehr ins Essayistische. Und, ich weiß, ich weiß, das ist in Deutschland nicht des Landes Brauch, wenn's um Historie geht.

Aber was ich, nach all den allen wissenschaftlichen Ansprüchen gar so sehr genügenden Büchern, hier erstmals gefunden habe, ist ein Verstehen dessen, was die Leute damals fühlten. Das Fiebrige, das Übersteigerte, Exaltierte, das was man (ich bin Jahrgang 1966) nicht versteht, oder mit Rückschau dessen, was Goebbels draus gemacht hat, nicht mehr ertragen kann: Hier ist es. Nicht gestreamt, nicht gestylt, nicht von 1000 Belegen tot geschlagen: Nein, erzählt. So gut erzählt, trotz zugegebener sprachlicher Schnitzer, dass man es nachfühlen kann.

Für mich, jenseits allen historischen Interesses, auch eine hervorragende Schule, vor welchen sprachlichen und propagandistischen Exzessen man sich heute hüten sollte (Medien/Politik/etc.), wenn man keine Lust auf den 3. WK hat.
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am 18. August 2014
Von der Wissenschaft über die Kunst zur Politik führt Blom den Leser durch eine spannende Zeit. Dabei hat er stets ein Auge für die Geschichte in der Geschichte und kann diese auch gut erzählen. Man erfährt eine Menge und vor allem hat man Lust, in der ein oder anderen Richtung noch etwas weiter zu recherchieren. So ist es z. B. genauso amüsant wie beunruhigend, dass Burnout, Kapitalismuskritik und Technikangst vor hundert Jahren genauso aktuell waren wie heute. Ein wirklich tolles Buch.
Einen Stern Abzug gibt es trotzdem. Denn am Ende scheint der Autor irgendwie den Faden zu verlieren. Er wiederholt sich zunehmend und sein Hang die Geschichte aus seiner Sicht heraus zu deuten und zu erklären nimmt überhand. Und so werden seine über weite Strecken pointierten und griffigen Kommentare irgendwann ziemlich anstrengend und auch ein bisschen nervtötend.
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am 28. Juni 2015
Philipp Blom, der Wiener Kulturhistoriker, hat mit diesem Buch ein farbiges, unorthodoxes Panorama der Geschichte zwischen 1900 und 1914, die, gerade im Zusammenhang mit der neu aufgeflammten Debatte um die Ursachen und die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, v.a. aus der Rückschau als bloße "Ruhe vor dem Sturm" des Ersten Weltkrieges betrachtet wird, vorgelegt. Blom zeigt die Eigenbedeutung dieser faszinierenden Zeit zwischen 1900 und 1914, in der sich bahnbrechende Entwicklungen in einer enormen Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit abspielten und die damalige Welt und ihre Menschen, vor allem deren Wahrnehmungen, immens veränderten. Dabei ist es eine zentrale These Bloms, dass diese Zeit nicht die "gute alte Zeit" repräsentiert habe, die mit dem Ersten Weltkrieg erst durch die "moderne Welt" abgelöst worden sei. Vielmehr sieht er im Weltkrieg lediglich einen "Katalysator" für die weitere Entwicklung von modernen Tendenzen, die sich in der Zeit seit 1900 bereits herausgebildet hätten (S. 13 f.).

Er geht sogar noch weiter und schreibt, dass "alles, was im 20. Jahrhundert wichtig werden sollte - von der Quantenphysik bis zur Frauenrechtsbewegung von abstrakter Kunst bis zur Genetik, von Kommunismus und Faschismus bis zur Komsumgesellschaft, vom industrialisierten Mord bis zur Macht der Medien - zwischen 1900 und 1914 erstmals seine Massenwirkung entfaltete oder sogar erfunden wurde. In all diesen Bereichen wurde Neuland betreten und der Rest des Jahrhunderts war wenig mehr als eine Abwicklung und Auslotung dieser Möglichkeiten..."(S. 14) Er schreibt weiter, dass "die wichtigsten geistigen, wissenschaftlichen und emotionalen Veränderungen", die die Zeit Ende des 18. Jahrhunderts und die Zeit nach 1945 voneinander trennten, zwischen 1900 und 1914 stattgefunden hätten (S. 460). Auf diese Weise werden diese Jahre zu den entscheidenden Entwicklungsjahren der modernen Welt erklärt. Natürlich sind diese Urteile über die ereignisreiche Epoche zwischen 1900 und Ersten Weltkrieg etwas überzogen: V.a. der Faschismus und der Kommunismus sind nicht denkbar ohne die Wirkungen und Nachwirkungen des Weltkrieges. Erst recht überzogen ist der abstruse Eindruck Bloms, in den industrialisierten Schlachthäusern Chicagos bereits den späteren industrialisierten Völkermord (!) angelegt zu sehen. Abgesehen davon sind seine grundlegenden Annahmen jedoch durchaus überzeugend.

Um diesen also so wichtigen Jahren und ihren vielfältigen und zahlreichen Entwicklungen in großem Umfang gerecht zu werden, wählt Blom eine ungewöhnliche, geschichtswissenschaftlich unorthodoxe Vorgehensweise und lädt seine Leser zu einem "Gedankenexperiment" ein: Man solle sich doch vorstellen, alle unsere heutigen Informationen über die Zeit zwischen dem Attentat von Sarajewo und "9/11" seien verloren gegangen. Auf diese Weise würde es möglich, die Geschichte der Jahre von 1900 bis 1914 für sich selber zu erfassen, sie nicht mit dem Wissen, was nach ihnen gekommen sei, zu deuten. Auf der Grundlage dieser eingenommenen Perspektive betrachtet Blom nun die Jahre 1900 bis 1914 Jahr für Jahr, und für jdes Jahr wählt er sich sodann ein bestimmtes, in irgendeiner Weise wichtiges Ereignis, von dem ausgehend er dann ganz bestimmte wichtige Phänomene dieser turbulenten Zeit seit der Jahrhundertwende beschreibt. Auf diese Weise erzählt Blom eine Geschichte dieser Zeit farbiger und facettenreicher, als man sie sich als Nachgeborener vorstellen kann: Er berichtete von der Pariser Weltausstellung, der Dreyfus-Affäre, Sigmund Freuds Vorstellungen und Umfeld, den Curies, Albert Einstein und den wissenschaftlichen Entwicklungen, den Kolonialverbrechen der Europäer, der russischen Revolution von 1905 und ihren Auswirkungen, dem im Zeichen von Militarismus und Männlichkeitskult stattfindenden Wettrüsten, pazifistischen und sozialexperimentellen Visionen, dem Kult um Beschleunigung, Mechanisierung, neuen Technologien und Kunstrichtungen, dem Kampf der Frauen um mehr Rechte, der sich entwickelnden Konsumkultur, den eugenischen und rassistischen Debatten und Tendenzen usw. usf.

Man erfährt, dass Geschwindigkeit, technischer Fortschritt, die Entwicklung von Ansätzen gesellschaftlicher, lebensweltlicher und kultureller Modernisierung, aber auch damit verbundene Verunsicherungen und Ängste diese Dekade prägten. Die Wissenschaft stellte bisherige Weltbilder ebenso infrage wie die Frauenbewegung. Massenkonsum, Kinos, Autos, Telefone, Leuchtreklamen, große Warenhäuser und das Fließband setzten sich durch, ebenso wie das elektrische Licht die Straßen erhellte und sich die Fotographie der breiten Masse öffnete. Doch zugleich schufen diese sich in einer enormen Geschwindigkeit durchsetzenden Phänomene auch Unsicherheiten und reizbare Nervosität war ein zentrales Kennzeichen der neuen Zeit (s. dazu auch S. 305 ff.). Doch nicht nur Nervenkrankheiten, sondern auch eine verstärkte Zurschaustellung vermeintlicher männlicher Überlegenheit in Form von militärischen Muskelspielen waren Reaktionen auf die neue Zeit, während sich außerdem Phänomene zu entwickeln begannen, welche später (aber das wusste man damals ja noch nicht....) verhängnisvoll wirken sollten: Die Eugenik, der Sozialdarwinismus und der Rassismus waren Ausdruck der Wahrnehmung einer im Niedergang befindlichen Welt, gaben sich zugleich dezidiert wissenschaftlich. Insgesamt war die Wahrnehmung der Menschen in dieser Zeit der grundstürzenden Veränderungen v.a. von Fortschrittsgläubigkeit einerseits, Zukunftsangst bzw. Angst vor Niedergang und "Degeneration" anderseits geprägt.

Der Autor schildert diese Entwicklungen nun aber nicht einfach für sich, sondern ist besonders dann ein Meister, wenn es um die Kontextualisierung geht: So werden Schlaglichter auf die Situation in Österreich-Ungarn, dem wilhelminischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Russland usw. geworfen. Auch hat diese Praxis, eben Schlaglichter auf wichtige Phänomene der Zeit nach der Jahrhundertwende zu werfen, den Vorteil, dass man ihnen unglaublich nahe kommt. Ein Beispiel sei genannt: Das Kapitel zum Jahre 1904 widmet Blom den belgischen Kolonialverbrechen in Kongo, die seiner Meinung nach "die vielleicht unmenschlichsten Greueltaten, die die Welt je gesehen hatte" (S. 120) dargestellt hätten. Anhand dieses Beispiels thematisiert er die Phänomene von Kolonialismus und Kolonialverbrechen im imperialistischen Zeitalter schlechthin. Durch die gewahrte darstellerische Nähe zum schrecklichen Ausgangsbeispiel werden diese allgemeinen Informationen besonders eindrücklich.

Blom hat also einen überzeugenden Ansatz gewählt, um seiner Leserschaft die wesentlichen Aspekte der so atemberaubenden ersten 14 Jahre des 20. Jahrhunderts anschaulich darzustellen. Mitunter schweift der von seiner eigenen Erzählung offensichtlich selbst (verständlicherweise) hingerissene Blom jedoch etwas ab und aus, besonders was die Entwicklungen in Kunst, Literatur und Musik angeht: so kann er sich seitenlang über Phänomene wie die Münchener Boheme, die Künstler der Avantgarde usw. ergehen - was in diesen Bereichen wenig bewanderte Leser vielleicht nicht so sehr interessieren mag. Natürlich gehören diese Entwicklungen jedoch ebenfalls zu einer solchen Darstellung, die aber deutlich durch ein dezidiert kulturgeschichtliches Narrativ geprägt ist. Kulturelle Entwicklungen sind dem Autor wesentlich wichtiger als politische. Wer nach detaillierten Informationen zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges suchen will, sieht sich hier enttäuscht - doch eine solche "Vorgeschichte" sollte Bloms gewählter Ansatz ja auch nicht mit sich bringen. Dies ist auch ein Grund, weshalb man dieses Buch nicht mit einer Überblicksdarstellung über die europäische Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts verwechseln sollte. Wer jedoch nach einer unorthodoxen, unterhaltsamen und gleichwohl informativen Alternative zu solchen herkömmlichen Überblicksdarstellungen sucht, wird hier fündig.

Blom hat seinen Ansatz und seine Geschichte im Nachfolgewerk "Die zerrissenen Jahre 1918-1939", in welches er auch die USA einbezieht, fortgesetzt.
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